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Nr. U8 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Samstag, 22. Mai 1926

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Pfingsten.

Don Seh. Regierungsrat Dr. R u n k e l, Oberschulrat in Schleswig, M. d. R.

Ein strahlender Pfingstmorgen liegt übe.r Ieru- salem. 9n Hellen Scharen ziehen die frommen Beter die maiengeschmückten Gassen hinauf zum heiligen Tempel. In frohem Wechselgesang erklingen ihre frommen Iubellieder. Es ist heute das frohe Fest der Freude. Doch müde, verschüchtert, noch innerlich zerrissen, mischen sich die Jünger Jesu einzeln und paarweise unter die frohen Festgäste, ängstlich be­müht, unerkannt zu bleiben. Und doch voll innerer Erwartung. Heute soll Wunderbares an ihnen ge­schehen. Angetan sollen sie werden mit Kraft aus der Höhe. Das war die letzte Botschaft ihres Meisters.

Ihres Meisters? War er es noch? War nicht mit seinem schmachvollen Tod das letzte Band dahin? Tot all ihr Wünschen und Hoffen? Vernichtet jegliche Aussicht auf Ansehen, Einfluß und Wohlleben im neuen Messiasreiche? Sicherlich! Erfüller- und Be­freier-Messias in jüdischem Sinne, in dem sie bis dahin standen, war Jesus nicht, konnte es auch nicht mehr sein. Diesen Glauben hatten sie nicht mehr. Und doch war er besser als alle die anderen, die ihn zu Tode gehetzt, war mehr als alle, die sie kannten: mußte mehr sein. Sein ganzes Leben und Wirken legte lebendiges Zeuynis dafür ab.

Und in diesem Widerstreit der Gedanken und Ge­fühle lebt in ihrem Unterbewußtsein die Ahnung auf: trotz all ihrem Erleben in den letzten Wochen, mehr noch, gerade wegen dieses Erlebens ist er doch der Messias. Jedoch anders, als sie es sich ge­dacht. Anders, als die Tradition ihn erhoffte. Und dies Gefühl läßt sie an seine Worte glauben, treibt sie nach Jerusalem, führt sie in den Tempel und macht sie innerlich reif zum Pfingsterleben. Und dann kam dieses, ihnen selbst und anderen unbegreiflich und wunderbar. Es macht sie zu T a 1 - u n d W i l - lensmenschen. Vorbei ist alle Angst und alle Zagheit.

Und sie erleben die Erkenntnis: Sein Reich ist nicht von dieser Welt! Geisfig ist sein Messiastum, geistig ist es auch immer gewesen. Rur sie haben es bis dahm nicht erkannt. Erhellt ist nun in diesem Erleben mit einemmal die Vergangenheit und klar ihres Meisters Leben und Wesen. Sieghaft ergreift sie der neue Glaube, und berufen fühlen sie sich als Träger des neuen Gottesreiches, als Künder der neuen Welt, in der sie nunmehr leben wollen.

Und nun erkennen sie auch die ihnen von ihrem Meister gestellte Aufgabe : Keinerlei Kompromisse mit ihren seitherigen Anschauungen, kein Dies und Dos, sondern ein Entweder ober. Also Kampf gegen die alte Welt. Kampf gegen diese Welt des Hochmuts und der Selbstgerechtigkeit, gegen die Welt der Heuchelei und der Selbstsucht, gegen die Welt des Egoismus. Aber Werben und Wirken für diese ihre neue Welt, der Welt des Geistes und der Kraft. Das erfüllt sie mit dem alles überwindenden Glau­ben an den endgültigen Sieg. Und das ist das Wesenhafte der neuen Gemeinschaft: Ihr Leben ent­spricht dem neuen Geiste. Es regelt ihren Verkehr untereinander mit den Mitmenschen, regelt ihr Ver­hältnis zu Staat und Obrigkeit. In allem wollen sie treu erfunden werden. So haben sie es bei ihrem Meister gesehen und tagtäglich erlebt. Ihr prak­tisches Christentum ist ihnen göttliches Leben schlecht­hin. Und seine Frucht ist eine alles duldende, tra­gende und überwindende Liebe. In ihr ist ihnen alles gemein: Reiche und Arme, Hab und Gut.

Gewiß, es bedeutet eine Umwertung aller seit­herigen Werte. Aber nur auf sittlich-religiösem Gebiete. Ihre Gemeinschaft ist eine sittliche Ge­meinschaft. Es ist nicht eine wirtschaftlich neue Theorie, ein Muß, sondern eine Auswirkung. Das hat nichts mit einer kommunistischen Verteilung der Lebensgüter zu tun, ist kein Beweis für die Richtigkeit der Forderung einer Sozialisierung der Produktionsgüter und Produktionsmittel. Sie entspringt ihrer neuen religiösen Einstellung und Ist eine soziale sittliche Gemeinschaft. Jenes führt alles nur zur Vergewaltigung und Entrechtung, führt zu Kampf und Vernichtung. Eigennutz ist der Beweggrund, und Haß und Neid sind die Triebkräfte. Es fehlt der für die erste christ­liche Gemeinde zureichende Grund: die Liebe. Sie war die Seele der ersten Gemeinschaft der Gläu­bigen, führte zum Dienst am Nächsten als innere sittliche Verpflichtung.

So ist der Kampf der beiden Welten geblieben. Und Pfingsten fordert zu diesem Kampfe auf. Ein­dringlicher als jedes andere Fest. Es ist kein Kampf mit Waffen. Es ist ein geistiges Ringen. Heute ist dieser Kampf notwendiger denn je. Der Materialismus hat unser Volk ergriffen, hat die Massen erobert. Der vom Nützlichkeitsprinzip ge­tragene Klassen- und Wirtschaftskampf läßt sich bei dem materialistischen Egoismus leichter führen und begründen. Losgelöst von dem Geistigen und Ewi­gen, wird die Masse seelenlos und frei von jeder Verantwortung und Bindung der Gottheit gegen­über. Der seelenlose Massenmensch in allen Stän­den wird leichter zum Werkzeug in der Hand des zielbewußten Führeres, ist geneigt, im Kampf die wirtschaftlichen Gegensätze zum Austrag zu bringen. Wohl kann eine Arbeitsgemeinschaft die Gegensätze zurückstellen, sie vielleicht auch für Zeit Überbrüden; ausgleichen jedoch kann sie nur eine neue L e - d e n s g e m e i n s ch a f t, die getragen ist von jener Nächstenliebe, die nicht fragt wer ist mein Nächster, ionbern fragt, mein kann ich der Nächste sein, von der Nächstenliebe, die den Egoismus und damit den üch-Menschen der materialistischen Welt überwindet and umwandelt in den Du-Menschen, der aus dem Seift Jesu geboren ist, der der religiös-geistigen Seit angehört, in der die erste Christengemeinde lebte. Glaube und Liebe sind Voraussetzung und Folge in dieser Gemeinschaft. Damals und heute.

Daß unserem Volke bald ein solches Pfingst- ertebnis beschert sein möge.

Für Grenz- und Auslandsdeutfchtum!

Vie Tagung des deutschen Schutzbundes in Glatz.

D l a tz, 21. Mai. ($ü.) Die Teilnehmer an der Tagung des deutschen Schutzbundes wurden bei ihrer Ankunft in Glatz mit großer Freude begrüßt. Die Stadt hatte reich geflaggt. Don Haus zu Haus zogen sich Oirlaiüxn und Fahnen- bänder. Die Presse der Grafschaft hatte die Be­deutung der Tagung in eingehenden Artikeln ge­würdigt. Im Anschluß an die gestrige Voll­sitzung, über die schon berichtet wurde, fand eine Tagung des Frauenausschusses statt. Die Zusammenkunft trug den Charakter eines Aus­tausches von Erfahrungen der im Grenzkampf stehenden Frauen.

Im Volkspolitischen Ausschuß, der heute morgen tagte, sprach der Führer der Deutschen jenseits der dänischen Grenze. Schmidt-Wodder, über den gesamtdeutschen Gedanken in seiner Auswirkung auf die Deut­schen des geschlossenen Gebietes und die Deut­schen der Siedlungsinsel. Der gesamtdeutsche Ge­danke sei eine Frage der deutschen Selbstbe­sinnung und des deutschen Selbstbewußtseins. Wir müßten begreifen, daß die Grundlage der Macht nicht in den Mitteln, sondern in den Vor- au6fehunqcn liege. Selbst, wenn wir jetzt keine Macht h iiten, formten wir eine Macht sein, wenn ein Wille, ein Selbstbewußtsein uns alle beseele. Das deutsche Volk müsse den deutschen Staat wollen und er werde anders und größer gestaltet sein als bisher. Im An schluß daran entwickelte Dp. Max Hildebert Boehm, der Leiter des Spandwuer Instttutes für Grenz- und Auslandsstudien

die Gedankenwelt der vereinigten Staaten von Europa in ihrem Verhältnis zum grohdeutfchen Gedanken.

Mit den billigen zentralisttschen Formeln von Pan-Europa sei das Problem nicht zu lösen. Das praktische Ergebnis wäre die französische Hegemonie, die Auslieferung des Staates an die Wirtschaft und eine neutralistische Versump­fung der Völker. Dicht das Abendland, sondemr Mitteleuropa sei der Raum, der von un­terem Volkstum durchwirkt und zusammengehalten wird. Richt die Vereinigten Staaten von Europa, sondern die verbundenen Völker und Staaten,kon Mitteleuropa seien das Organisationsproblem.

Der bevölkerungspolitische Aus- schuß untersuchte die Gründe der immer mehr zutage tretenden Verminderung unseres Dolkskörpers.

Professor G r o t j a h n konnte feftftetfen. daß das deutsche Volk, das sich im neunzehnten Jahr­hundert noch um das Dreifache vermehrte, immer mehr und mehr stagniere und sich sogar der Bevölkerungsabnahme nähere. Es gibt/zu denken, daß im Iahre 1875 noch 40,6 Geburten auf 1000 Einwohner kamen und heute nur noch 21,2, in Großstädten trotz höherer Eheziffern nur 14,2, in Berlin gar nur 9,2 auf 1000. Wir brauchen aber lediglich zur Erhaltung unseres Dolks- bestandes schon 20 Geburten auf 1000. Bei Durchführung des Zweikindershstems würde sich unser Volk in fünfzig Jahren um die Hälfte vermindern. Der frühere Direk­tor des statistischen Amtes in Elberfeld, Dr. Maaß, sprach über den Anteil der Ostdeut­schen im 'Bevölkerungszuwachs in Mittel- und Ostdeutschland. Es ist bewiesen, daß Ostdeutsch­land in letzter Zeit stets das Bevölkerungs­reservoir Westdeutschlands und besonders auch der größten Städte gewesen ist. Aber diese Abwanderung bedingt schließlich den Unter­gang des deutschen Schuhwalles im Osten. Die Leiterin des Ausschusses, Frau S ch e f f e n, sprach über

die Stellung der Frau zur bevölkerungspolitt- schen Frage und zum Siedlungsproblem.

In diese Frage hinein reiche das Problem des Frauenberufes. Fabrikarbett und Schwangerschaft sind unversöhnliche Gegner: das beweisen erschreckende Zahlen. -Die Ehe der akademisch gebildeten und berufstätigen Frau hat sich nach den letzten bevölkerungspolitischen Unter- suchungen als recht günstig herausgestellt. Hier kann Berufsverhinderung der Frau auch Rach­wuchsverhinderung darstellen. Die Kinder­arbeit auf dem Land muß unter Wah­rung der ländlichen Interessen so eingerichtet werden, daß die Gesundheit nicht gefährdet wird. Die geiftige Seite des Problems der Bevölte- rungsabnahme ist und bleibt Aufgabe der Frau, die Heimkultur schaffen und erhalten muß. Die Ethik, die von den oberen Schichten her ge­rettet worden ist, muß von diesen aus wieder im Volke hergestellt werden.

Die heutige Tagung wurde abgeschlossen durch ein Referat von Dr. Hans H a r m f e n

überKritik der französischen und deutschen bo» völkerungspolitischen Gesehesmaßnahmen". Der Vortragende wies darauf hin, daß man die Grunde des französischen Geburtenrückganges wohl in dem BegriffR e n 1 n e r i d e a l" zu» fammenfaffen könne. Die soziale Gesetzgebung habe daher mit einer ganzen Reihe to i r t -t schaftli ch e r Begünstigungen der kinderreichen Familien eingesetzt. Ty­pisch für das französische Begünstigungssystem fei Bie Anknüpfung an die Wohlfahrtspflege. Außer­dem sei der leitende Gesichtspunkt ein rein quan­titativer. ohne Rücksicht auf die Verschieden- Wertigkeit der einzelnen Volksschichten. Die Lei­stungen Deutschlands zur Sicherung und Erhaltung der Familie in 6er sozialen Gesetz­gebung seien praktisch noch gleich null.

Der Gedanke der wirtschaftlichen prioUcgterung der Elternschaft

sehr sich jedoch mehr und mehr durch. Am en>> fachsten erscheine eine Berücksichtigung des Hr- milienstandes bei Fe st besoldeten möglich. Für die übrigen, in der freien Berufs^- arbeit Stehenden dürfte wohl eine Anknüpfung an das in Deutschland weit ausgebaute System der sozialen Versicherung der gangbarere Weg sein. Die Forderung nach einer richtigen S teuerpolitik müsse auch aus bevölkerungs­politischen Gründen immer wieder mit allexn Rachdruck erhoben Werder,, als der einzige Wqg, die Gesamtheit des Volkes gleichmäßig zu be­rücksichtigen, nicht nur die unteren Schichten. Dtzr Deutsche Schutzbund habe erkannt, daß die Selbst­behauptung der Deutschen, sowohl im Reich als auch in den einzelnen Gebieten des Grenz- und Auslanddeutschtums neben anderem vornehmlich von der Geburtenkraft der Ratton aib- bänge. Dor allem wird es die Aufgabe Der Schuhbundarbeit sein, im Kreise der auf dem Geb-et der Vottstumsvflege arbeitenden Verbände auf das unserem Volkskörper unmittelbar droheftde Verhängnis hinzuweisen und zielbewußt die ge­eigneten Maßnahmen zu seiner Bekämpfung. zu ergreifen, unter denen den siedlungs- und toirt- schastspolittschen eine besondere Bedeutung zu- komme.

Um Deutschlands Zukunft.

Ein Aufruf des Vereins für das Deutschtum im Ausland.

Berlin, 21. Mai. (TU.) Der Verein für das Deutschtum im Ausland wendet sich anläßlich seiner Tagung in Hirschberg mit folgendem Aufruf an die Oeffentlichkeit:

Die vergangenen Iahe haben einen v e r st ä r/k- ten 21 n ft u r m aller Feinde unseres Volkstums auf sämtlichen Fronten ge- bracht. So schmerzlich es ist, mir müssen es uns eingestehen, daß unsere Brüder draußen Schritt um Schritt zurückgedrängt werden. (Sie gehören einem Volke an, das von denSiegeln" zum Tode verurteilt ist, einem Volke, für das es kein Reckt gibt. Wenigstens Gleichberechtigung mit den Farbigen in Afrika mußten unsere Brüder in Südtirol fordern, um ein besonders kennzeich­nendes Beispiel zu nennen. Die Antwort war ver­stärkte Mißhandlung, gesteigerter Druck. In der Tschechoslowakei wird ein System grausam berechneter Abwürgung unseres Volkstums mit allen Machtmitteln des Staates durchgeführt. Den Ab­trünnigen werden Vorteile geboten, und es läßt sich nicht leugnen, daß diese Kampfesart Erfolg hat. In Polen müssen viele Tausende deutscher Kinder in polnische Schulen gehen, in Pommerellen 48, drei Prozent der Gesamtzahl. Und das alles, trotzdem dieser Staat die Verträge zur Wahrung der Min­derheitenrechte unterzeichnet hat. In Südsla - w i e n herrscht blutiger Terror. Wer sich in führen­der Stellung zu feinem Volke bekennt, wird nieder­geschlagen, ohne daß den Attentäter eine Strafe trifft. In Rumänien hat man, nachdem Kirche und Schule unserer Genossen ihrer materiellen Grundlagen beraubt sind und nachdem das Schul­wesen weitgehend romanifiert worden ist, eine Baccalaureatsprüfung eingeführt, die praktisch die Bedeutung eines nationalen numerus clausus hat.

Gs sind nur wenige Beispiele. Ein Lichtblick ist lediglich die Gewährung der kulturellen Selbstver­waltung an unsere Volksgenossen in Est 1 and. Mer auch dort, wie in Lettland, hat man die Deutschen ja ihres Besitzes beraubt und sucht sie auf jede nur mögliche Art und Weise niederzuhalten. Kann es Deutsche im Reich geben, die diese Tatsachen hören und nicht das kleine Opfer bringen, unserem Verein, unserer Sache einen bescheidenen Beitrag zu zahlen? Es ist eines jeden Gewissenspflicht, dem Vorbringen der Gegner an allen Fronten einen unerschütterlichen Wall entgegenzusetzen. Es geht nicht um Sondervorteile und Parteienstreit: es geht um die Zukunft unseres gesamten großen Volkes!"

Die britische fiohienkrifir.

London, 21. Mai. (WTB.) Die Vorschläge Baldwms zur 'Beilegung des Dergbaukonsliktes fuiD nun auch von Den Berg Werks besit- 9crn abgelehnt worden. In der der Re­gierung übermittelten Erklärung wird die Rotwendigkeit betont, den 8-Stundentag wieder herzu stell en, damit die Gestehungskosten sich verringern. Bei Wiedereinführung des Acht- Stundentages brauchte die Lvhnherabset- z u n g etwa 10 Prozent nicht zu übersteigen. Dir Dergwerksbesitzer ertlären, daß durch die Vor­schläge der Regierung die Freiheit der Geschäfts­führung eingeschränkt und die Leistungsfähigkeit

des Bergbaues nicht erhöht toürbe. Rach ihrer Auffassung würde das Aufhören der Agi­tation tn den Betrieben und die Aus­schaltung politischer Einflüsse dazu beitragen, daß wieder ein gegenseitiges Vertrauen entsteht und ein unbehinderter Fortschritt möglich wird. Wie verlautet, ist zur Zeit fein weit eres Eingreifen der Regierung geplant. Wie dieEvening Standard" berichtet, ist die Lage unter den Bergarbeitern sehr prekär. In ver­schiedenen Städten sind öffentliche Rot­küchen errichtet worden. In einigen Bezirken reichen die Streikgelder nur noch wenige Tage aus. In London selbst macht sich die Kohlen- knapphert bereits sehr störend bemerkbar.

Deutsche Pfingsten.

Don Dr. Gustav Stresemann, (1 Reichsminister des Auswärtigen.

In unserer tiefbewegten Zeit klingt die schlichte Pftngstcrzählung der Apostelgeschichte als ebenso zeitgemäße wie eindringliche Mahnung: Aus der Kraft des Gei st es schöpfen die Männer von Galiläa die Wundergabe, inmitten eines vielsprachigen Völkeraemischs für jeden ver­ständlich tzu reden. Die Einmütigkeit im Geiste überwindet völkertrennende Schranken,

Auch durch unsere Zeit g^ht ein starkes Ver­langen nach einem neuen ®elfte, dessen Sprache allen Völkern vertraut klingt. Rur daß uns kein Wunder solche Sprache blitzartig ein­gibt, sondern wir sie in zäher Arbeit selbst schaffen müssen. Das deutsche Volk, das darf ohne nationale Voreingenommenheit behauptet werden, bringt für diese Arbeit so viel Der-« ständnis und ernsten Willen mit, wie irgend ein anderes. Erfreulicherweise bricht sich auch in immer weiteren Schichten unseres Volkes die Ein­sicht Dahn, daß diese Arbeit im eigenen Hause zu beginnen hat, daß die Einmütigkeit über die großen Grundlinien zwischenstaatlichen Zusammenlebens nur für ein Dolk furchtbar werden kann, dessen Glieder zunächst einmal in den eigenen Lebensfragen eine gemein­same Sprache reden.

Gewiß ist das deutsche Dolk diesem Ziel in den letzten (Zähren um ein gutes Stück näher gekommen. Dor allem insofern, als die Gefolg­schaft derer, die ihr Evangelium nur in der Sprache der Handgranaten und Maschinenpistolen zu künden wissen, unaufhaltsam dahinschmilzt. Wachsamkeit mag immer noch geboten sein, aber der Bestand des neuen deutschen Staatswesens darf doch als nicht nur in den Tatsachen, sondern auch in den Gemütern der großen Dolksmehrheit gesichert gelten. Gleichwohl sind wir im Gegensatz zu vielen anderen Ratio­nen auch heute noch weit entfernt von benti Ziel, für die Bekundung des nationalen Lebens­willens gemeinsame Ausdrucksformen, einheitliche Symbole zu besitzen. Don der Be­deutung dieses Besitzes für die Behauptung der deutschen Stellung in der Welt gibt man sich leider in der Heimat nicht Immer hinreichend Rechnung. Täte man es, so hfitte beispiels­weise der Flaggenstreit nicht die leidenschaft­lichen Erörterungen auslösen können, die wir eben erlebt haben. Es hieße an der toelt-t politischen Befähigung der Ratton verzweifeln, wollte man die Hoffnung auf eine Lösung dieser Shmbolftage aufgeben, eine Lösung im Geiste der Verständigung unh auf dem Boden der Verfassung, tote sie der Reichspräsident in seiner Botschaft in so klaren Worten als Ziel vorgezeichnet hat. Der Widerhall, den diese Kundgebung bei der großen Mehrheit der Volks­vertretung und weit darüber hinaus im In- und Auslanddeutschtum gefunden hat, gibt den hoff­nungsreichen Beweis, daß Hindenburg auch hier, wie sonst eine Sprache zu führen wußte, die jeder Deutsche ohne Unterschied der Partei als die seine empfinden muß. Ieder Fortschritt in der Richtung einer einheitlichen Einstellung der _ Ration zu großen Fragen bedeutet eine Stärkung der Außenpolitik, die der Fernstehende vielleicht nicht immer bemerkt, die verantwortlichen Leiter aber wie in seismogra- phischer Kurve abzulesen vermögen.

Das gilt natürlich in noch erhöhtem Maße von der Einstellung unseres Volkes zu den Hauptlinien der Außenpolitik selbst. In dieser Hinsicht ist es er- fteulich festzustellen, wie sehr sich in den letzten Jahren im deutschen Volke die fundamentale Er­kenntnis durchgesetzt hat, daß Deutschlands geschicht- liche Mission nur In positiver Mitarbeit am Ausbau neuer Organisationsformen des zwischen­staatlichen Lebens erfüllt werden kann. Manchem mag dieser Ausbau zu langsam vor sich gehen. Ver­gegenwärtigt man sich aber all die Schwierigkeiten, die jede Nation zu überwinden hat, um nach der babylonischen Sprachenverwirrung des Weltkrieges zu neuen Ausdrucksformen der Völkergemeinschaft zu gelangen, so kann uns die Entwickekuna der letz­ten Jahre nur zur entschlossener Weiter­arbeit anspornen. Sind doch noch nicht zwei Jahre vergangen, seit man in London auf dem be­grenzten Gebiet der Reparationen so zu sagen mit dem ABC einer europäischen Sprache begonnen hat. Locarno bedeutete dann den Versuch, diese Sprache in der Gesamtpolitik Europas einzubürgern, sie ge­wissermaßen zum Medium der Verständigung für alle politischen Fragen zu machen. Dabei waren sich die dort versammelten Staatsmänner durchaus klar, daß dies, wie besonders Sir Austen Cham­berlain so oft hervorhob, ein Anfang, ein erster Schritt nur war und es unausgesetzten guten Willens bedarf, um ohne Stillstand vorwärts zu kommen. Ein solcher Stillstand war scheinbar auf der Genfer Märztagung eingetreten. Aber inzwischen hat sich auch hier wieder die Wahrheit jener Grillparzer- schen Beobachtung aus dem vormärzlichen Wien bestätigt, daß auch der hartnäckigste Stillstand nur ein unmerklicher Fortschritt ist. Der unharmo- nische Lärm nationaler Egoismen, der im März die Rousieau-Stadt erfüllte, hat weit über Europa hin­aus bas Bewußtsein wachgerüttelt, daß bet der Ar­beit um die Gewinnung neuer Gemeinschaftsformen keine Nation sich ohne eigenen Schaden absondern kann. So ist man an der gleichen Stelle schon im Mai zu einer Uebereinftimmung der Gedanken ge- kommen, die hoffen läßt, daß auch die letzten Hem­mungen binnen kurzem überwunden fein werden. Insbesonder hat die klare und aufrichtige Haltung der deutschen Regierung, die in diesem Punkt von seltener Einmütigkeit in Parlament und Oeffentlich- feit gestützt war, gerade diejenigen Mächte, die in der Ralsftgge ursprünglich in einem Interesten-