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Ur. 95 Ztv'ites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 22. April 1926

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Wer siegt in Sachsen?

Don R. S ch e l d.

D r e s d e n , 21. April 1926.

Das Parlament als solches schweigt. Im Dresdc ner Landtagsgebäude aber fitzt unruhige Ungeroifo heit in jeder Ecke. Es sind die altbekannten Gesichter, denen man begegnet: noch nie aber hat man aus den Mienen oder aus einem kurzen Gespräch so absolut gor nichts herauslcsen oder hören können, wie in diesen Tagen, im besonderen seit dem Tage des auch äußerlich vollzogenen Bruches zwischen den 23 und den Radikalen. Die Aeußcrungen der Reichs prefie treffen nicht das Richtige, wenn sie dem gegenwärtigen hiesigen Geschehen unter dem Ge sichtspunile eines Richlungssieges beikommen wol­len. fncr an der Quelle weiß niemand, wer Sieger jein soll. Mag die radikale sächsische Presse a> überlaufen von schmatzender Genugtuung: Den Ra­dikalen im Landtag ist nicht wohl bei der Frage deswas nun?". Denn das eben scheint der Grund für das Fehlen jeder Erfolgsfreude in den Gängen des Parlamentes, daß es für die Radikalen eine solche Frage nicht mehr gibt. Rur der Pakt mit den Kommunisten ist unter den gegenwärtigen Stimm Verhältnissen für sie möglich, und zwar so t.usschliehlich möglich, daß der Sieg über tye 23. selbst wenn es einer wäre, nur die Vorstufe zur Machtstellung der KPD. darstellen kann. Das alte Bild von den zwei Stühlen, zwischen die man sich letzt, mit dem man bisher fast in jedem Artikel und j.'der Perjammlung gegen die 23 operiert hatte, b.ngt plötzlich im eigenen Fraktionszimmer, das man soeben erst neu bezog. Ein Trost bleibt vor­läufig den Radikalen: Daß die von ihnen fo laut ver­langte alsbaldige Landtagsauflösung tatsächlich vor­läufig nicht in Aussicht steht. Sonst müßten sie, da sie natürlich an die Erreichung einer radikalen Mehrheit glauben, sich mit dem Gedanken eines Re- gierungsbüiidnlsses mit der KPD. vertraut machen, ein unheimlicher Gedanke trotz alles gemeinsamen Schreiens angesichts der merklichen Verstimmung der Kommunisten über das Verhalten Fleißners, einer der prominentesten Führer der Radikalen, in 'aner Eigenschaft als Polizeipräsident von Leipzig beim Empfange Hindenburgs: dabei hat Fleißner nur seine notwendige Pflicht getan. Auch die Reichs- . -cfutioe von 1923 ist noch nicht vergessen, und wie vieles andere ist auch das eine mahnende Gehässig­keit des Schicksals, daß vom Parlamentsgebäude, in dem man soeben recht geräuschvoll umgezogen ist, der Blick des Ablenkung suchenden Parlamentariers ungehindert und notwendig auf die Augustusbrücke, und zwar auch auf die Stelle fällt, iuo bald nach her Revolution der damalige Kriegsminister, früher .-iner der Lautesten und Radikalsten, durch sein neues Amt aber zu einer allen früheren Reden widerspre- henben Tätigkeit gezwungen, "vn den enttäuschten «genossen hin geschleift, über das Geländer in die Fluten geworfen und, als er sich schwimmend retten wollte, durch Schüsse getötet wurde. In der Presse liest man nichts, aber im Gebäude weiß man, wie schwer Ge­dankengänge dieser Art die Radikalen bedrücken.

Dazu kommt, daß offenbar die Reichsparteilei­tung, bereit ewiges Schwanken sich in letzter Zeit nach links hin festgelegt hatte, nunmehr ihrerseits roieber in den internen Verhandlungen zur Vorsicht mahnt und auch nicht weiß, was sie mit der gegen­wärtigen Lage anfangen soll. Es scheint, als habe man dort tatsächlich an ein Nachgeben der 23 ge­glaubt: jetzt bekommt man Angst vor der eigenen Courage, mit der man ihnen zuletzt verschiedentlich gedroht hatte. Der Richtung der in Sachsen anschei­nend nicht auszurottenden alten USP. glaubte man nachgeben zu sollen. Man paktierte mit ihr, die ihrer­seits mit der KPD. gemeinsame Sache machte, und io ist auf diesem Wege eine Art gemeinsame Taktik von Reichsleitung der DSPD. und sächsischer KPD. zustande gekommen, der beide Teile recht verdutzt gegenüberstehen. Auf die weitreichenden Folgen, die diese Lagerung, falls sie nach einer Landtagsneuwahl praktisch wird, in Reich und Ländern, im beson­deren in Preußen haben muß, sei hier nur erinnert.

Witt man daher den Dingen in Sachsen irgend­eine Dcutungn geben, so soll man nicht nach Sie­gern und Besiegten noch nach sonst einer parteitak­tischen Bezeichnung suchen. Das, was wir hier vor uns sehen, ist, nüchtern aufgefaßt, nichts weiter als die Folge einer durch die Entwicklung feit Ende 1923 sich steigernden Nervosität, die hier einmal bei allen Beteiligten zu einer allerdings sehr bezeichneten

Gesundheitspflege bet den alten Deutschen.

Die Reichsgesundheits-Woche stellt die Fragen der Körperpflege und der Ertüchtigung in den Mit­telpunkt des ganzen Volkslebens, und die hygienische Aufklärung wird dadurch in weite Kreise getragen. Gewiß kümmern wir uns heute um diese wichtigen Dinge mehr als vergangene Geschlechter, aber die Gesundheit ist ja stets das wichtigste Gut gewesen, und deshalb hat man ihm auch in der Vergangen­heit große Aufmerksamkeit zugewendet. Die Hygiene ist keine so neue Wissenschaft, wie viele glauben; sie lebt bereits in den religiösen Vorschriften uralter Religionen und kam in umfassenden Einrichtungen zur Geltung. Lesonders falsch ist es aber, wenn man sich noch die alten Germanen so vorstellt wie früher: Sie lagen auf Bärenhäuten und tranken immer noch eins." Die alten Deutschen hatten schon zu Tacitus' Zeiten, da sie in die Geschichte eintraten, eine hohe Stufe der Körperpflege erreicht, und diese altgermanische Ueberlieferung hat sich durch das ganze Mittelalter wach erhalten. Erst bann be­gannen diebadescheuen" Jahrhunderte, in denen mit dem Anwachsen von Schmutz und Unrat auch die Krankheiten erschreckend zunahmen. Die altger­manische Vorliebe für Waschen und Baden wird von allen römischen Schriftstellern hervorgehoben, die sie kennen lernten. Man badete viel in fließenden Ge­wässern, hatte aber auch im eigenen Heim seine Badeeinrichtung, und zwar wurden die Hausbäder in gewärmtem Wasser genommen, dem zur besseren Reinigung des Körpers Lauge zugesetzt war. Die Seife wird auch schon früh erwähnt, war aber nicht ja verbreitet. Neben den kalten Schwimmbädern und den lauen Hausbädern gab es auch noch besondere Dampf, und Schwitzbäder, die im späteren Mittel­alter nicht nur in den Städten, sondern auch in den Dörfern ganz allgemein waren. Das Baden gehörte zu den größten Freuden des altgermanischen Men­schen und des Menschen des Mittelalters; eine un­endliche Wasserlust durchströmt diese so oft als un­reinlich verschrienen Jahrhunderte und zeigt bas Reinlichkeitsbedürfnis auf einer Höhe, bie wir heute erst roieber erringen müssen. Auch sonst pflegten die allen Deutschen bereits sehr sorgfältig ihren Körper. Mit dem Bade war die Sorge für Haupthaar und

Kopflosigkeit geführt hat. Klar war die Stellung des Parteivorstandes, als er um die Wende 1923 24 die Koalitwnspolilik der sächsischen VSPD. mit der D. Vp. billigte, und ebenso eindeutig bekannte sich die Mehrheit der VSPD. auf der Heidelberger Ta­gung zu dieser Taktik. Ader es rumorte im Inneren der sächsischen Sozialdemokratie, und auch der Eini- gungsparteitag von Nürnberg, über den damals die sozialistische Presse des Lobes voll war, war doch nur eine äußere Hülle des inneren Ringens zwi schen der Richtung der alten USPD., die auf die Durchschlagskraft der radikaleren Gesinnung, und der der gemäßigte', Sozialdemokratie, die auf die zu­nehmende Einstellung als einer mitftaatsgcftalteten Partei hoffte. Die 'Richtung der Unabhängigen, ganz im Fahrwasser der skrupellosen Vorkriegstattik und auch in Furcht vor dem sich wieder erholenden kom- munististt'en Nachbar, verzichtete nicht auf ihre alten demagogischen Methoden, während die gemäßigte Sozialdemokratie, deren bedeutendste^ Vertreter un­terdessen allenthalben recht gut im Staate unterge­kommen waren, bemgegenüber offen ihren staatsbe- iahenden Eharakter betonte. Die Reibereien wurden stärker und bei der Reichsparteileitung bildete man die sog. Sachsenkommission, die eine Art Ausgleichs­stelle zwilchen Radikalismus und gemäßigter Rich­tung darstellen sollte. Auf dem Reichsparteitag zu Berl'm im Sommer 1924, besten Degrüßungsan- ivrache Crispien hielt, einigte man sich noch auf Grund gewundener Programme, und es gab sogar eine stolze Zeit, in der man betonte, daß es^keine Vereinigte SPD., sondern nur noch eine SPD. schlechthin gäbe. Nichts als ein Nichtssehenwollen! Im Herbst 1924 erschien bie Rechtfertigungsbroschüre der gemäßigten sächsischen Sozialdemokraten, in denen nicht nur die politischen, sondern auch die moralischen Sünden der Vertreter der Radikalen in geradezu grauenerregender Weise gegeißelt wur­den. Der Leipziger Landesparteitag im Oktober 1924 beschloß, die Landtagsauflösung zu betreiben, und als es soweit kam, lagen seitens der sächsischen Sozialdemokratie nicht weniger als drei sich wider­sprechende Anträge zu dieser Frage vor. Im De­zember 1924 gingen schließlich folgende sächsische Gruppen der gesamten Linken in den Reichstags­wahlkampf: 1. die gemäßigte Mehrheit, 2. die radi­kale Minderheit, 3. mit neuen eigenen Liften bie Un­abhängigen, 4. derSozicttiliische B'md" Ledebours, 5. bie KPD., 6. bie Syndikalisten. Ein wirres Bild im Verlause eines Jahres 1924! Es braucht nicht a'iseinandergefetzt zu werben, wie wenig es sich 1925 entwirrte, wie vielmehr immer kläglichere Formen biefe Auseinandersetzungen einnahmen: blickt man heute zurück, bann sticht als besonderes Merkmal allerdings eine geradezu jammervolle Un­fähigkeit der Berliner Leitung hervor. Ihre freudige Bejahung der Koalition Ende 1923, als der Kommu­nismus nichts mehr galt, und ihr jetziges Umfallen, wo sie angesichts der schlechten Arbeitslage wieder ernster mit ihm rechnen zu sollen glaubt, passen so schlecht zusammen, daß man trotz aller schönen Worte an die reine Unbekümmertheit der sozialistischen Oppositton der Vorkriegszeit erinnert wird. Das, was wir Kopflosigkeit nannten, können wir unter diesem Gesichtspunkt allerdings auch einen Mangel an Gewissenhaftigkeit bei der Reichsparteileitnng nennen: denn sie hat den Radikalen letztlich den Rücken gedeckt, und ohne ihr Verhalten hätten die Dinge dixse Entwicklung, die praktisch, falls nicht ein neuer Umfall erfolgt, ein Eingehen auf kommuni­stische Taktik bedeutet, nie nehmen können.

Damit aber beantwortet sich die anfangs ge­stellte Frage: In Wahrheit gesiegt hat hier nicht diese ober jene Gruppierung. Einen Triumph hat hier lediglich eine Geistesverfassung davange- tragen, nämlich jene reine, nur an sich denkende Oppositionsfreudigkeit, die die Sozial­demokratie, seitdem sie selber Regierungspartei ge­worden ist, ihren Worten nach weit von sich weist und gern rechtsgerichteten Parteien zum Vorwurf macht. Wie man nun auch diese Dinge zählen mag, ob als vorübergehende Kopflosigkeit oder ob im besprochenen Sinne als Symptom, auf jeden Fall werden die bürgerlichen Parteien die Augen aufzu­halten haben und darf darüber der Sozialdemokra­tie kein Zweifel gelassen werden: Der in Sachsen eingeschlagene Kurs muß von den bürgerlichen Par­teien im Reich und in den Ländern in schärfster Form als unerträglich seitens einer halb und halb mitregierenben Partei bekämpft werden.

Bart verbunden. Der Germane legte großen Wert auf schön geschnittenes, reich gelocktes, fein gekämm­tes Haar und ebenso auf einen gut gehaltenen Bart. Das Waschen der Kopfhaut wurde von Männern und Frauen fleißig geübt. Für bie eingehende Reini­gung der Fingernägel sind Geräte bereits aus der Bronzezeit gefunden worden; das Beschneiden der Nägel galt als wichtiges Gebot.

Die mittelalterlichen Gesundheitsregeln, die sich früh herausbildeten und bereits unter den alten Germanen üblich waren, werden auch später unter dem ganzen Volk verbreitet. Die Vorschriften sind uns in volkstümlichen Dichtungen erhalten, wie in Priameln und Kalenderregeln, und die Kinder mußten sie in der Schule auswendig lernen. Alle Verhaltungsmaßregeln für Gesundheit und Körper­pflege, die gegen Ende des 14. Jahrhunderts ver­breitet waren, find zusammengefaßt in den Vor­schriften eines jungen Dorfarztes, die Heinrich von Wittenweiler in seinem EposDer Ring" roiebergibt. Danach werden Mäßigkeit und Enthaltsamkeit in allen Dingen vorangestellt: Einatmen guter Lust, auch Schlafen in gut gelüfteten, mäßig gewärmten, mit wohlriechenden Kräutern bestreuten Zimmern werden empfohlen, ebenso Bewegung vor, Ruhe nach dem Essen, Reinlichkeit durch Waschen und Laden, letzteres sowohl im Schweiß- als im Kräuterbad, auch durch Kopfwäsche, bie einmal in ber Woche ge­schehen soll: besonders wird Reinhaltung der Füße betont. Essen soll man nur, wenn man Hunger hat, und auch dann mäßig: gutes Durchkauen der Spei­sen trägt zur gesunden Verdauung bei. Das Trinken soll in mäßigen Grenzen bleiben; man soll nach und nicht vor dem Essen trinken, im Sommer leichten Weißwein, im Winter Rotwein. Besonders eingehend wird die- Art des Schlafens erörtert. Man darf sich nicht sofort nach dem Essen hinlegen wie das Vieh, sondern soll danach noch mindestens eine Stunde auf« bleiben; wenn man schläfrig ist, soll man so lange schlafen, als man Schlaf in den Augen empfindet; alsdann hat am Morgen Leibesleerung zu erfolgen, energische Beseitigung des Auswurfs aus Mund und Kehle, Waschen und Kämmen, Reinigen ber Finger und Ohren. Man soll beim Schlafen sich zunächst auf die rechte Seite legen; das Schlafen auf dem Rücken mit niederhängendem Haupt ist nicht gut; auf dem Bauch mag man liegen, wenn der Magen erkältet ist. Wärme ist gut, sie schafft Fröhlichkeit und hebt die Lebenskraft; nur meide man Hitz« am offenen

LäumigeZahier beim Völkerbund

3m englischen Tlnterhaus kam kürzlich das Budget bvj Völkerbundes zur Sprache Aus einige recht zynisch gestellte Fragen betreffend längst rückständige Beiträge von Mitgliedern des Bundes gab Herr Ehamoerlain A is'unft. Dre rückständigen Beiträge verteilen sich rote folgt:

Gold-Franken

1920 29 947.47

1921 425 351.93

1922 405 746,00

Berichtigte Buchungen 287 598.33

1923 2 553 363,29

1924 2 069 089,89

Zusammen 5 771 096,91

Säumige Zahler sind: Bolivien. Rumänien, Guatemala. Honduras. Nicaragua, Liberia, Para­guay. Peru. China und Salvador.

Unter dem Gelächter des Hauses fügte Cham­berlain. England sei natürlich nicht der (Sin- kassierer des Völkerbundes, dessen Sekretariat allerdings von Zeit zu Zeit kleine Mahnungen an die Schuldner lende. Die rückständigen Beträge .für das Jahr 1925 feien in der Aufstellung nicht mit eingeschlossen. Im Jahre 1926 trage Groß­britannien 11.2 Proz. des Völkerbund-Budgets. Das Budget des Bundes schließe die Kosten für das Internationale Arbeitsamt mit ein.

Mit Recht fragen englische Blätter, wer denn bei Aichteinlausen oder verspätetem Cintresfen der Beiträge für die verschiedenen Kosten, so u. a. für den Bau des neuen Völkerbundpalastes in Genf aufkommt.

Herr Chamberlain roies daraufhin, daß die Satzungen des Völkerbundes bislang leine Be­stimmung enthielten, wodurch man bei Nichtzah­lung von Beitragen den betreffenden Mitgliedern ihren Sih entziehen fömrtc.

Cs mutet recht eigentümlich an, daß eine solche große Reihe von Staaten die Zahlung ihrer OTiitgliebbciträge für den Völkerbund ver­gißt oder hinausschiebt. Abgesehen von einigen dieser Länder sind doch die meisten finanziell Lganz gut gestellt. Ist denn das Interesse am Völkerbund so schwach? Vöahrscheinlich wird sich der Bund bei seiner nächsten Sitzung auch mit dieser heiklen Frage zu beschäftigen staben.

__' P. F.

Oderhessen.

ck. Heuchelheim, 21. April. Hier sind in diesem Zähre 60 ABC -Schützen, und zwar 36 Mädchen und 34 Knaben, in die Schule ausgenommen worden. Für die durch den Abbau ausgeschiedenen Schulverwalier Volk und Fräu­lein Hotz sind Frl. Rainer und Schulverwal- ter Männchen nach hier verseht worden.

X Klein-Linden, 20. April. Während des Krieges hatte auch hier die K l e i n ti erzucht in allen Kreisen der Bevölkerung eine große Ausdeh­nung angenommen. Diese Selbsthilfe bei den großen Ernährungsschwierigkeiten während der Hunger­jahre ist nun fast ganz in Wegfall gekommen. Jetzt befassen sich nur noch solche Leute damit, welche die Kleintierzucht als Liebhaberei betreiben. Die sog. Pfing st weiden-Allee ist nunmehr durch Be­seitigung eines Teiles des seither beengenden Haus- gartens, an der Abzweigung von der Wetzlarer Straße, In ihrer vollen Breite hergestellt. Hoffent­lich läßt die Befestigung des Weges mit dauerhaften Material nicht mehr lange auf sich warten. Dann wird unser Ort um eine schone gerade Straße reicher sein.

£ Wieseck, 21. April. 3n feiner jüngsten öffentlichen Sitzung beschloß der Gemeinde- r a t den Beitritt zum Kreis-Obst- und Garten­bauverein. Die Gebühren der Feldgelchwo- renen wurden wie folgt festgesetzt: lieber sechs Stunden 5 Mk., zwei bis vier Stunden 2,50 Mk., bis zwei Stunden 1,25 Mk. Infolge der seiner­zeit hier sehr stark aufgetretenen Leberegelkrank­heit ist die Schafherde in ihrem Bestände stark vermindert worden, älm diesen Gemeinde» betrieb ausrechterstalten zu können, mußten schon im Vorjahre auswärtige Schafe b e i ge­trieben werden; dies soll auch in diesem Jahre geschehen. Die hierfür zu erhebende Ge­bühr ro rbe, wie im Vorjahre, auf 1,50 Mk. pro Schaf festgesetzt. Der Anregung, die merkwürdiger«

Feuer. Man folge seiner Natur und dem, was sie an Speise und Trank erheischt, aber nicht der Wollust und der schlechten Gewohnheit, die den Menschen nur herunterbringen. Wichtige hygienische Mittel, die im Mittelalter im ganzen Volke verbreitet waren, waren die regelmäßige Blutentziehung durch Ader­laß und Schröpfen, worüber genaue Vorschriften auswendig gelernt wurden, dann regelmäßiges Ein- nchmen von Abführmitteln, die im Mittelhochdeut­schen schlechthinTrank" heißen, und blutreinigenbcn Tees, deren Gebrauch wohl noch viel älter war als der der Abführmittel.

Der Trip.

In Flandern, April 1926.

Deshalb ist der Weltkrieg gewesen!

Erschüttert steht man in seinem früheren Gefechts- abschnitt, sucht vergeblich nach den alten Gräben, die sich nun schon das vierte Jahr in tadellos ge­pflegte Felder umgeroanbclt haben und in der Fruchtbarkeit dieses frühlinggesegneten Landes prun­ken. Diese neuen Häuserreihen, dieser Weg, den man ganz richtig auf den drüben eingegrabenen Feind zugehen kann auf Ppern zu tein Schrapnell- roölL<en äfft mehr den strahlend blauen Himmel; eine Lerche ist es, die triumphierend dem leichten Zirrusgeball entgegenschmettert. Dieser Steinhaufen da freilich, jenes verrostete Bündel Stacheldraht hier, der zu Tode verwundete Baumstumpf, der dennoch immer wieder ein paar spärliche Zweige treiben muß, der gesprengte Betonklotz da mitten im jungen Grün das ist noch der letzte Rest von Kamerad­schaft, die uns in Liebe diesem Lande verband. Doch da da schnauft es schon wieder auf der Landstraße feindlich heran, ist ein Surren und Saufen, näher und näher: der Trip, die Autoschlachtfelderfahrt der Engländer von Ostende her. Deshalb also ist der Weltkrieg gewesen! Dieser sozusagen gesellschaftlichen Pflicht wegen!

Von 9 Uhr morgens bis abends um 6 Uhr muß das erledigt werden. Ostende Dünkirchen Dir- muiben Houthulster Wold Poelcapelle St. Julien Ppem eine Stunbe Mittagspause, ben Lunch einzunehmen bie paar Minuten, bie Tuch- Halle zu photographieren, lasten sich bei guten Din­gen auch noch erübrigen BoesingheSteens* ftraete Perouse Ramscapelle Nieuport Westende Ostende. Ober, noch gehetzter, mit 60

weise von Landwirts'euc kam, den Schafherden- betrieb gan< auizuhebei. schloß sich die Mehr­heit des Gcw.eindcrats nich: an. Wenn auch die Aotwendigkeit zum Sparen anerkannt werde, fo dürfe dies dock nicht vlanloS geschehen. Die För­derung der Schafzucht sei ein? unbedingte volks­wirtschaftliche Aotwendigkeit. schon bis zum Herbst werde sich die Herde durch Aachzucht we'entlich vermehrt haben. Die sehr lang'am und spär­lich eingehenden Gemeindesteuern usw. machen die Aufnahme eines Betriebslredits tn Höhe von 20 000 Mk. notwendig. Die erforder­lichen Ocnebmigung wurde erteilt. Der Kredit ist kurzfristig und muß bis zum Herbst zurückdezahlt werden. Gleichzeitig gab der Gemeinderat ferne Zustimmung dazu, daß ein bei der Kommu­nalen Landesbank in Darmstadt aufgenom­menes größeres kurzfristiges Darlehen nach den Plänen der Bank in ein langfristiges umgewandelt wird. Unter dem Druck der da­maligen Aot wurden bei einer Versteigerung von Schuläckern Gebote erreicht, die mit den heu­tigen Verhältnissen nicht in Einklang zu bringen sind. Sie Pachtpreise wurden für etwa 500 Ge» vierlmeter große Stücke auf 42 bis 43 Mk. ge­trieben. Da diese Pacht in den meisten Fällen den Ertrag übersteigt, wurden die vorliegenden Gesuche dahingehend erledigt, daß die Pacht­preise um 50 Proz. herabgesetzt wur­den. In einigen anderen Fällen sollten die be­treffenden Pachlstücke 1 » Morgen groß sein, in Wirtlichkeit waren as über nur Viertelmvrgen. Auch hier soll der entsprech mde Pachtnachlah ge­währt werden. Gegenwärtig wird der Lich­tenauer Weg ausgebaut. Die dort .befind­liche starke Steigung wird durch Auffüllen ge­mildert. Hierdurch ist für einen Anlieger die Aotwendigkeit entstanden, längs feines Gartens eine Mauer von etwa 25 Meter Länge, 1.80 Meter Höhe und entsprechender Stärke zu er­richten. Inwieweit sich die Gemeinde an den hierdurch erwachsenen Baukosten beteiligt, soll zunächst die Daukommission untersuchen, dabei soll auch geprüft werden, ob dieser Fall Ver­anlassung gibt, die Bauordnung in diesem Punkte abzuändern. Das Gemeinderatsmitgllvd Gang beantragte, das dem hiesigenArbeiter-Turn- und Sportverein" vor einigen Zahnen einge­räumte Dorzugsbenuhungsrecht des Sport­platzes aufzuheben. Vieles Vorzugsrecht wurde dem Verein als Anerkennung dafür gewährt, daß er die hohen Kosten für Erbauung des Platzes aus eigenen Mitteln aufbrachte, da der zweite hiesige Sportverein, der dem Lahn-Dünsberg- Dund angehörendeTurnverein ODiefed", wie der Bürgermeister damals mitt eilte, fein 3ntcrcffe an der Errichtung eines Sportplatzes Babe. Aach einer längeren Aussprache wurde der Bürger­meister beauftragt, Vertreter beiderQJcrrine zu einer Aussprache zu laden. 3n einem- Schreiben hatte derTurn- und Sportverein" schon vor einiger Zeit mitgeteilt, daß er bereit fei, von seinem Vorzugsrecht zurückzutreten, falls ihm der Turnverein" die Hälfte der Kosten zurückver­gütet. Die Entwäss erung zweier im Roh­bau fertiger Aeubauten ist dringend not­wendig, die Baukommission soll der nächsten Sitzung dementsprechende Vorschlägv machen. In einer anschließenden ausgedehnten nichtöffent­lichen Sitzung wurden die Richtlinien festgelegt, nach welchen die unter Beihilfe der Gemeinde erstellten Privathäuser bezrzgen werden sotten.

h. Leihgestern, 20. April. 8 3 Abc- schühen wurden gestern der Schule zugeführt, und mit der üblichen Brezel im Arm kehrten sie nach den nötigen Formalitäten freudestrah­lend ins Elternhaus zurück. 3m nächsten Jahre werden es über 50 Kinder fein. Die Zahl der diesjährigen Konfirmanden betrug 31. 6 Kinder dieses Jahrganges starken teils vor, teils während der Schulzeit. Durchschnittlich werden die hiesigen 5 Schulklassen von je 50 60 Schülern besucht. Bald wird man die 1924 eingegangene 6. Klasse wieder er­richten müssen.

a. Aus dem Busecker Tal, 21. April. Die Sommerfahrpläne der Eisen­bahn liegen nun auf den Stationen vor. Leider haben die vielfach vorgebrachten Wünsche der Einwohnerschaft zwischen ©rünberg und Gießen keinerlei De r ü-ck sicht ig ung ge-

Kilometer die Stunde: Ostende Dixmuiden Ppern Armentiöres La Bassee Lens Vimy Ridge Arras eijne halbe Stunde, den Lunch einzunehmen Böthrme Estraires 'Bail- leul Dickebusch Ppern Ostende. Das ist der Trip, der englische Trip mit Zwölf Personen im Auto ohne Aufenthalt, ohne jede Erklärung des Chauf­feurs, durch welchen legendärem, jetzt fein sauber wie aus der Spielzeugschachtel aufgebauten Ort soeben die Fahrt geht. Zehn Sekunden das ist der Hout- hulster Wald, diese elend zerschmetterten Baum­stümpfe, von der Moocpottzia der Natur mitleidig die tiefen Wunden wenigsten» «etwas überzogen. Und waren das doch hier einmal keine Sekunden, son­dern Wochen, Monate, Johre, da die Vernichtung immer wieder den furchtbar eisernen Regen auf Mensch und Mensch ans deinen Bruder, du Ge­schöpf im Auto!, auf meinen Freund prasseln ließ! Dulden, Leiden, Reue und Treue, Feindschaft gegen Feindschaft, fließendes Blut, Hinsterben und Tod . . . Ein furchtbarer Film, wie unter der quä­lend langsamen Zeitlupe eines Teufels aufgenom­men, heute ein fröhlicher Trip durch den Frühling, angenehm, kurz zeitaerafft ,nur ganz wenige Se- künden. Damit man ja nur «inigerinaßen pünktlich zum Lunch in Bpern ober in Arras ist, den Eltern eine Ansichtspostkarte schreiben kann, die Gatten vor einem zusammengeschossenLN Haus dieses ,.holy ground photographiert. Mnn hat sich als Mitglied und Subskribent inThe Ypres League" einge­schrieben man hat feiner vaterländischen Pflicht genügt, man wird zu £)aufe dementsprechend aus­führlich an der Hand des Prospektes zu erzählen wissen und mindestens auch mit einer kleinen Hel­dengloriole umgeben sein. Denn wie leicht hätte solch einem Trip-Auto unterwegs etwas passieren können. Diese junaen helftti-^n Chauffeure, die noch nicht einmal englisch sprechen können . . .

Deshalb ist also der Weltkrieg gewesen? Ein Auto verschwindet, ein anderes keucht schon wieder aus dem Tal von Ppern herauf Trip auf Trip heißt ein Geldoerdienen l

Langsam schreite ich mdnen Weg gen Golgatha weiter und weiß es nicht zu fassen, daß hier über­haupt ein Weg sein kann. Hart klopft mein Herz, beängstigend automatisch schnell wie ein Maschinen­gewehr dem nächsten Trip entgegen.

Alfred Richard Meyer.