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Nr. 68 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberheffen)

Montag, 22. März 1926

Französische Profite.

Nach den Erinnerungen C a st e I ( a n c s.

Zwanzig Jahre und darüber beschäftigte Boni Vicomte E a st e t I a n e die Gesellschaft der Alten und der Neuen Welt. Seine Verschwendungssucht nach seiner Vermählung mit einer der reichsten Dollarerbinnen, sein unstillbarer Schönheitsdurst, seine Beziehungen zur Welt, in der man sich nicht langweilt, aber auch seine besondere politische Note haben seiner Heimat, Frankreich, und dem Auslande ebensolange Stofs zu unzähligen lustigen Anekdoten und pikanten Histörchen von größerer oder geringerer Verbürgtheit geliefert. War er Petronius, Brumme! oder einKönig der Hallen"?

Ich zähle schreibt der Vicomte, der seit Jah­ren ein stiller Mann ist Kreuzfahrer, Trouba­dours und Diplomaten, einen Marschall Frank­reichs und andere treue Diener eines untergegan­genen Königreichs zu meinen Vorfahren und er­warte für die Zukunft von keinem Menschen irgend etwas. Ich habe mich damit zufrieden ge­geben, ,J ch selbst' zu sein."

Ein stolzes' Wort. Und auch ein wahres Wort? Man könnte die Frage bejahen und die Bejahung zufriedenstellend finden, wenn dasJch-selbst-Sein" nicht nur die schrankenlose Betonung des eigenen Ich Und die unversehrte Bewahrung der eigenen Persönlichkeit bedeutete: einen Mangel und einen Vorzug also! So unkompliziert ist aber der Vicomte de Castellane nicht. Er ist im Gegenteil ein sehr widerspruchsvoller Charakter und ein sehr labiles Temperament ein Typ seiner Zeit und seines Landes.

Seine Erinnerungen, die unter dem TitelW i e i ch A m e rika entdeckte" im Verlage für Kulturpolitik, Berlin, erschienen sind, enthüllen den wahren Boni de Castellane. Darüber hinaus bieten sie aber auch einen wertvollen Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte des 20. Jahrhunderts und glänzende und humorvolle Charakteristiken der Staatsmänner, die auf der Bühne der Dritten Republik erschienen sind oder dort noch stehen.

Die physische Häßlichkeit der Regierenden, sagt Castellane, war die Fräße des Teufels, der in ihnen steckte. Auch der Mißklang ihrör Namen halte etwas Dämonisches. (Ein Beispiel: der Gesetzentwurf Wal- deck-Cocula-Trouillot. Pelletan, Combes und der arme Andre machten den Eindruck von Wasser­speiern, die Gift verspritzten. Wenn man an Lud­wig XIV. denkt, kommt einem die Bezeichnung groß" von selbst in den Sinn. Für diese Minister der Dritten Republik fällt einem nur das Beiwort klein" ein. Man konnte so unansehnliche Men­schen unmöglich ernst nehmen.

Derkleine" D e l c a s s ä erschien sitzend größer als stehend. Minister Combes präsentierte sich wie ein alter Pfaffe, der in den Klauen Luzifers steckt und an seiner eigenen Infamie leidet. Pelle- tan hatte mehr Menschliches an sich. Doch sein Fanatismus und seine unglaubliche und zu sichtbare Unordnung machten ihn doch einem Orang-Utang ähnlich. Gewandter und weniger kompromittiert als die anderen, doch voller Utopien war L6on B o u r - gso i s. Er glaubte an die Möglichkeit eines ewigen Friedens, doch fehlte es ihm sonst nicht an. Be­gabung. Waldeck-Rousseau, ein Mann, der Klugheit und Sanftmut vortäuschte, hatte Augen ivie ein gekochter Fisch, hielt ständig einen Zigarren­stummel im Mundwinkel und lächelte unablässig beim Sprechen. Er wurde dazu ausersehen, die Rehabilitierung Dreyfus' vorzubereiten. Vom bösen Geiste geblendet, lebten diese Auguren in einer durch Angeberei verpesteten Atmosphäre. Von den Persönlichkeiten" der letzten Jahre war keine eine Persönlichkeit".

Casimir Psrie r, ein nervöser, anständiger Mensch, war im Elysäe, wo er übrigens nur eine kurze Zeit weilte, eine farblose Erscheinung. Er repräsentierte ein überlebtes Bürgertum. Felix Faure, der wie ein Viehhändler aus der Provinz aussah, hatte keinen Geschmack: doch er war einneh­mend und nationalistischer, als für ihn gut war. Er opferte seine Zeit dem Versuche, das Land aus dem Sumpfe zu ziehen, in den es feine Minister geführt hatten. Emile Loubet, diese gedörrte Pflaume wie sollte der etwas von Kunst und Schönheit verstehen! Er verkörperte die Schwäche, lieber 5 a Hier cs und die anderen will ich fein Wort verlieren."

(Elemente au kannte ganz gut das Altertum und die Geschichte seit der Juli-Revolution, doch übersah er gerne, was sich zwischen dem Jahr 1 unserer Zeitrechnung unb_1830 zugetragen hatte, was vom französischen Standpunkt ziemlich be­denklich ist. Er spielte eine zersetzende Rolle in religiösen Fragen, in der Dreyfus-Äffäre und beim Waffenstillstände. Er hat jedoch oft den richtigen Instinkt. Seine Politik ist von zwei gesunden Ideen beherrscht. Die erste: eine Verständigung zwischen England und Frankreich ist notwendig;

Oberhesfischer Kunstverein.

Beim Oberhessischen Kunstverein am Brand- plah ist derFeldgraue Künstlerbund München mit einer Ausstellung von Malereien zu Gast, die nur durch einige einheimische, von der letzten Ausstellung her wohlbelannte Plastiken, sowie durch Proben aus der graphischen Arbeit der Berliner Künstlerin Marie Agnes Walter- Lichterfelde unterbrochen wird. Die Gesamthal- tung der Münchener ist durchaus gemäßigt, offen­bar noch auf dem Impressionismus basiert, von Extremen, Experimenten und Konstruktionen gleichermaßen fern, und läßt nur hier und da leichte Einschläge modernerer Malweise erkennen, wie beispielsweise gleich am Eingang der aus Jugend" bekannte O. W. Scharrer, mit einem kleinen StückBegegnung". Romantisches Motiv im mondbeleuchteten , nächtlichen Walde, indi­viduell im Strich, die merkwürdige Stimmung malerisch gewählt und diffizil in changierende, stumpfblaue und gedeckte grüne Töne aufgelöst. Ein großes Figurenstück, in einigen Linien an Ludwig v. Hofmann erinnernd, bringt Willibald Besta; auf ähnlicher Linie stehen die füglich benachbart gehängten Kreuzer mit einer mythologischen Landschaftskomposition /Flora") und Klings Hirn mit einer nach Format und Figuren grohangelegtenBegegnung" (imWalde) und drei weiblichen Akten, die ein kleineres Stuck zusarnmenfaßt. Dreiher Akt in Land­schaft fällt ins Auge durch die farbige Kon° trastierung tat schmalen Bild, das schräglinks in die Tiefe verläuft; im Gegensatz der milchig ver­waschenen Tongebung in der liegenden Figur vorne und dem hart und schroff ungefaßten Kolorit des Hintergrundes. Arbahn gibt eine Interieurminiatur nach Altniederländer Art; KochsWintertag" ist kompositionell zu beachten,

die zweite: ein Land, das zu wenig Menschen her- oorbringt und keine Flotte hat, darf seine Kräfte nicht verzetteln und in der Ferne nicht kolonisieren wollen, wenn der Feind vor der Tür steht.

Caillaux, desscu kahler Schädel sich leicht vor Zorn rot gefärbt, ist bestimmter und intelligenter als viele andere. Da ist auch der feine, gelehrte und höfliche B a r t h o u , der geschmeidig wie ein Handschuh ist. Doch fragt man sich immer, wie man sich mit ihm stellen solle. Seine Gattin ist ihm eine große Stütze. Sie ist die Seele seines Hauses. Ari­stide B r i a n d besitzt eine große Anpassungsfähig­keit. Ihn mit Poincarä vergleichend, soll Clc- menceau von ihm gesagt haben:Er weiß nichts und versteht alles, während der andere alles weiß und nichts versteht."

Der reiche, gefällige und arbeitsame George L e y g u e s macht den Eindruck der Aufrichtigkeit. Infolge seiner Empfindlichkeit und seiner Loyalität ist er etwas zu naiv für die äußere Politik. Deshalb war er nur selten und auf begrenzte Zeit am Ruder. F r e y c i n e t, die alte, weiße Maus, kann man wegen feiner Klugheit nicht genug rühmen. (Et' ist einer von denen, die Frankreich die größten Dienste geleistet haben.

In der Kammer besaß einer eine bemerkens­werte Intelligenz. Sein Aeußeres war allerdings alles eher als anziehend. Das war Francis de Pressenss. Sein Auftreten auf der Tribüne war immer interessant und der Aufmerksamkeit wert, selbst wenn man nicht mit seinen Ansichten über­einstimmte. Sonst verstanden nur wenige etwas von den auswärtigen Angelegenheiten. Die Mehr­zahl der andern war in den Irrtümern der Kirchen­politik befangen. Ihr Gesichtskreis weitete sich nie­mals durch die Erfahrung. Der sehr geistreiche Saures stellte es mehr als einmal fest. Er sagte eines Tages dem alten langhaarigen Redner der Liberalen, M. Ri bot. folgendes:Man kann von Ihnen sagen, was Photion über die Zypresse sagte: Sie ist hoch, traurig und trägt keine Früchte."

Alles in allem. eine Galerie von Männer- köpfen, die einen witzigen, boshaften Zeichner ge­funden haben. K. Fhr. v W.

DerRegieMgsweiWmMMN

Von unserem A.-Korrespondenten.

Prag, 20. März.

Die Kabinettskrise in der Tschechoslowakei ist überraschend schnell eingetreten und ebenso schnell durch die Neubildung eines Kabinetts gelöst worden, an dessen Spitze Johann Czerny steht, der bis­herige Ches der Landesverwaltung Mährens und schon einmal im September 1920 Leiter eines Be- amtenminifteriums. Das Portefeuille des Auswär­tigen behält, wie nicht anders anzuiiehmen, B c - n efch, dasjenige der Finanzen Professor Eng­lisch, so daß in markanten Zügen eine erhebliche Aenderung nicht zu bemerken ist. Die Schwierig­keiten, die von der tschechischen Sozialdemo­kratie ausgingen, und sich gegen die Deckung der Beamtengehälter durch eine neue Zuckersteuer, fer­ner gegen die Gehälter der Geistlichen usw. wandten, werden also fortbestehen bleiben. Weder in der tschechischen noch in der deutschen Presse findet das .Kabinett, das im übrigen den Charakter eines Bs- amtenkabinetts trägt, Sympathien; die Frage eines Ucbtrgangs aus diesem Regime in ein neues parlamentarisches Kabinett unter deutscher Mitwirkung wird deshalb viel erörtert. Außerdem soll der bisherige Ministerpräsi­dent S v e h l a Vereinbarungen mit den slowaki­schen Klerikalen für diesen Fall in der Tasche haben.

Der von den Deutschen, Ungarn und Kommu­nisten wegen der Erlassung der Sprachenoer­ordnungen gegen die Regierung eingebrachte Mißtrauensantrag ist, wie nicht anders zu erwarten war, von der tschechischen Mehrheit a b - gelehnt worden. Gelegentlich der Debatte wurde seitens der Vertreter der deutschen Parteien ein umfassender Ueberblick über das Unrecht gegeben, welches der deutschen Sprache durch die Sprachen­verordnungen der Regierung zugefügt worden ist. Obgleich die Slowaken durch die Sprachenverord- nungen in ihren Interessen nicht unmittelbar be­rührt werden, konstatierte sogar einer der Führer der slowakischen Volkspartei, Abgeordneter Juriga, den bösen Geist, der sich in der Auffassung äußert, daß bloß ein einziges Volk den tschechoslowaki­schen Staat bilde. Es offenbare sich die Tendenz, nur dieses eine tschechische Volk gelten 'zu lassen, während die Tschechoslowakei sich als Nationali- t ä t e n st a a t nach dem Willen der einzelnen Völker auf föderalistischer Grundlage entwickeln sollte. Auf tschechischer Seite hat der bekannte Pazifist, Unioer- sitätsprosessor Radl, im sozialdemokratischenPravo lidu" offen ausgesprochen, daß die Deutschen und Ungarn vor der Erlassung der Sprachenverord­nungen hätten gehört werden müssen. Die un- demokratische Form, in welcher diese Verordnungen

G r i e h 1 zeigt eine tonal und räumlich gut ge­staffelte Gebirgslandschaft, die sich auf pastös ge­maltem Vordergrund entwickelt. (In der ganzen Art läßt manches an Bilder von Otto Bauriedl denken.) Keßler bringt eine weiträumige, Har» linige, besonders in Mittelgrund und oberer Bildfläche reflektierend belichtete und aufgehellte Winterlandschaft aus den Bergen (bei übrigens erstaunlich großzügiger Wirkung im Aquarell). Gibon seht einen weiblichen Akt vor farbig aufgeteilte Interieurs. Ein sehr schönes, reifes und ruhiges Bild ist die Landschaft von Wer- f i g. Minutiös, spitz und ganz trocken gemalt, licht und vornehm im Ton, geschlossen und inner­lich ausgewogen im Stimmungsgehalt. Besonders das zarte Pastell der Luftbehandlung sei unter­strichen. Gut ist auch der Sommerabend von Riedl; malerisch interessant, wie der gedeckte, verhaltene Gesamtton durch ein paar prägnant ins Bild gesetzte, leuchtende Farbflocken (Staffage links) belebt, und akzentuiert wird. Auch die Raumaufteilung ist glücklich gelöst. Ein feines Stück (baS etwas unvorteilhaft hängt) ist die leidenschaftlich gemalte, technisch sehr sichere Heilige Familie von H u f e r. Wir möchten das Bild, das fast modern anmutet, über den benach­bartenKlausner" stellen. GuillerysVor­frühling", im Aufttage stellenweise ziemlich breit und fett, konzentriert den Blick sehr glücklich auf den Mittelgrund und die durch Licht und Farbe betonte und erhöhte abschließende Bildkulisse. Starkfarbige, schwerflüssige, massive Malerei zeigt Mein dl. Thomas'Chiemsee" ist ein kolo­ristisch und räumlich gut gebautes Bild. Schar­rersFrühstück im Walde" präsentiert sich in der Bildwirkung noch geschlossener und seiner, als die oben erwähnte Begegnung. Kreutzer wirkt sympathisch altertümelnd in feinem Land­schaftsbild, das Biedenneierreminiszenzen wach-

berausgegeben worden seien, bedrohe für die Zu­kunft die demokratischen Interessen überhaupt. Der tschechische Innenminister Nosek bestritt offiziell, daß MiiiiUerpräsident Svehla verpflichtet gewesen wäre, das semerzeil von ihm (als Innenminister des Ka­binetts Tusar) den Deutschen gegebene Versprechen einzuhalten, die Sprachenverordnungen vor ihrer Erlassung zum Diskussionsgegenstand des Lerfas- fungsausschusses zu machen, in welchem auch die Deutschen vertreten find. Demgegenüber erklärt sogar das LegionärorganNarodni osvobozeni" ein derartiges Versprechen für eine moralische Verpflich­tung, die ohne Erschütterung des letzten Nestes an Vertrauen nicht unbeachtet bleiben dürfe.

Der Parteitag der Deutschdemokra­tischen F r e i h e i t s p a r t e i in Reichenberg hat ein Programm der nationalen Selbstverwaltung an­genommen, welches u. a. Schulautonomie, Freiheit und Gleichberechtigung der deutschen Sprache, Län- deravtonomie unter Berücksichtigung der nationalen Selbstverwaltung, Einführung nationaler Kurien und nationaler Kataster zur Erfassung der Ange­hörigen der Nationalitäten, Sicherung des deutschen Arbeitsplatzes, Neutralisierung des Staates, Abbau der Militärlasten und Wiedergutmachung der dem deutschen Volke seit Staatsgründung durch Verletzung seiner nationalen Interessen erwachsenen Schäden fordert. Dem Führer der Partei, Professor Kafka, erscheint der Gedanke einer Teilnahme der Deut­schen an der Regierung noch nicht aktuell.

2er_ bisherige Minister für nationale Verteidi­gung Stribrny hat sich in einer Erklärung an Pressevertreter gegen eine vorzeitige Ab - r ü ft u n g der Tschechoslowakei ausgespro­chen. Er erklärte sich für die Beibehaltung der acht­zehnmonatigen Präsenzdienstzeit mit Rücksicht auf die Sicherheit der Grenzen, und gegen das Wahl­recht der Soldaten. Die Militärverwaltung wird einen für Armeeausrüstung bestimmen, im vor­hinein für die Dauer von elf Jahren zu bewilligen­den Jnvestitutionsaufwand einbringen und bereitet mich einen Gesetzentwurf über die Militärische Erziehung der Jugend vor. Wie verlautet, hängt die Aktion gegen das Soldatenwahlrecht da­mit zusammen, daß die Armee der Mehrheil nach oppositionell gewählt habe, lind daß durch Auf­hebung des Soldatenwahlrechts die Zahl der oppo- sitionelleil^ Mandate vermindert werden konnte.

Das «chestern der Genfer Verhandlun­gen hat in Prag mehrfache antideutsche Presse- ftimmen hervorgerusen. Das Blatt des Ministerprä­sidenten,Venkow", erklärt, die Verschiebung der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und be­sonders in den Völkerbundsrat bilde für Polen einen Vorteil, da der alte französisch-polnische Vertrag, der eine bessere Garantie für Polen dar­stelle als Locarno, einstweilen noch in Geltung bleibe. Unter diesem Gesichtspunkt könne auch die Tsck)echoslowakei die Ereignisse in Genf in Ruhe be­trachten, obgleich die plötzliche Wendung zum Mißerfolg bedauerlich sei. Gemäßigter in den An­sichten ist diesmal das deutschgeschriebene Regie­rungsblattPrager Presse", das auf Grund von In­formationen des tschechischen Außenministers schreibt: Je mehr die Ueberzeugung um sich greift, daß es sich nicht um einen Konflikt Deutschlands mit den übrigen Mächten handelt, sondern um eine, man könnte sagen innere Krise der Verfassung des Völkerbundes, um jo rascher werden sich die heute scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeiten besei­tigen lassen."

Holland.

Von unserem n-Korrefpondenten. Amsterdam. 20. März 1926.

Das Interesse der holländischen öffentlichen Meinung wurde in der vergangenen Woche na­turgemäß hauptsächlich von dem Verlauf der Völkerbundstagung in Genf in Anspruch genommen. Allgemein bezeichnet man den Aus­gang der Tagung als ein Fiasko, teilweise logar schärfer. als einen Skandal, der dem Ansehen des Völkerbundes schweren Schaden zu- gefügt habe. Die Schärfe der auch gegen die In­stitution des Völkerbundes gerichteten Kritik ist um so bemerkenswerter, als die Riederlande wegen der Eigenart ihrer politischen und geo­graphischen Lage in Europa an dem Bestand und dem erfolgreichen Wirken des Völkerbundes ein hervorragendes Interesse haben. Wurde dieser Tage doch öffentlich ausgesprochen, daß die Auf­rechterhaltung des Riederländiichen Staates durch den Völkerbund besser gewährleistet werde, als selbst durch ein Heer von einer Million Soldaten.

Die Haltung der deutschen Delega­tion in Genf wird hier als vollkommen korrekt anerkannt. Zugleich wendet man sich jedoch da­gegen. daß Brasilien die alleinige Schuld an dem vcheitern der Verhandlungen m die Schuhe geschoben werde. Als die Haupt-

ruft Von Tillmetz sei der Bergwald" no­tiert. in kräftigem, von einfallendem Licht durch­schossenen Farbton. RöthsSpätsommer", fort­schrittlich uird persönlich vorgetragen, zeichnet sich durch warmen, vielfach gebrochenen Timbre aus. Von Guillerh sieht man weiterhin ein gutes Städtebild. Von Merker eine große Kompo­sition in Kallmorgens Manier (der den jungen stuck, ing. auf die Malerei hinwies), aber von gutem, selbständigen Können, das den Stoff impo­nierend beherrscht. Von Thomas sei iwch eine gesunde, tüchtige Freilichtmalerei (Spätsommer") nachgetragen. Ein vortreffliches, kraftvoll und höchst lebendig einpfundenes Mädchenbildnis zeigt Schrandolph (der Den Leibl Herkommen könnte); der Kopf wirkt unmittelbarer, als die be­nachbarte Karwendellandschaft. Petersen sei mit einem stillen, somnrerlichen Parkbilde genannt, Burger mit einer originellen Stillebengruppe von intimen, malerischen Valeurs. Saubere Technik bei kräftiger, sympathischer Linearität zei­gen die Schwarz-Weih-Blätter von Marie Agnes Walter (Lichterfelde), die sich mit Landschafts­motiven beschäftigen. Ein Farbenholzschnitt fei be­sonders angemerft. Die Ausstellung, geöffnet, wie üblich, Sonntag, Montag, Mittwoch, Freitag von 11 bis 1, Mittwoch auch von 3 bis 5 Ahr, sei regem Besuch empfohlen. y

Schlaflosigkeit und Geistersehen.

Die Forschungen über die Wirkungen der Schlaflosigkeit, die die Professoren der amerikani­schen George - Washington - Hniberfität an acht Studenten vornahmen, haben zu Überraschenden Ergebnissen geführt. Rachdem die Studenten 60 Stunden lang ohne jeglichen Schlaf geblieben waren, wurden mit ihnen allerlei Prüfungen vorgenommen. Die Sinne, besonders Gesicht und

schuldigen werden vielmehr Eham der la in und Briand bezeichnet. Diese hätten es in der Hand gehabt, dem Verlause der Genfer Ta­gung eine völlig andere Richtung zu geben. Hier herrscht sehr stark der Eindruck, daß die Ein­berufung der Völkerbundsversammlung sich als völlig nutzlos herausgestellt habe, und daß mit ihr namentlich die kleinen Staaten von dem Völkerbundsrate an der Ra e herumgeführt wor­den seien.

Die Rede, die der holländische Gesandte in Paris und erste Delegierte Hollands in Genf, Loudon, bei der Schlußsitzung der Völler- bundsversammlung gehalten ya.e, wird in dieser Beziehung als deutliche Sprache Hollands und als eine zwar scharfe, aber gerechtfertigte Kritik an der in Genf befolgten Taktik geiennzeichnet. Man weist auch auf bi? Aufrechterhaltung der seinerzeit von der Rioderländischen Regierung gegen die gleichzeitige Einberufung von Dölkerbuudsrat und Völlcrbundsversamm- lung geäußerten Bedenken hin. Die Aussicht Hollands, an Stelle Schwedens einen nichtständigen Sih im Völkerbundsrate zu erhalten, wird hier zwar mit Zustimmung be­grüßt, aber gleichzeitig sieht man doch Schweden, und namentlich seinen bisherigen Vertreter, ilnöcn, nur ungern aus dem Rate ausscheiden, hinter religiösen Fragen zurück, was bei

Die innere Politik trat in letzter Zeit ganz hinter religiösen Fragen zurück, was bei der religiösen Einstellung der Holländer und bei dem großen Einfluß, den die Religion, die an der Wiege des Riederländischen Staates ge- wlfsennaßen Pate gestanden hat, auf alle Ge­biete de^ öffentlichen Lebens und damit auch auf die Politik ausübt. nicht weiter überraschen kann. Cs handelt sich dabei um den sogenannten FallGeelkerke n". Dr. ® ec (fetten ist ein be­kannter und sehr beliebter Prediger der Gemeinde Amsterdam-Süd, der am Mittwoch dieser Woche vor der in Assen bereits seit längerer Zeit in dieser Angelegenheit tagenden Synode des Ver­bandes der reformierten Kirche ans dem Kirchenverb an deausgeschlossen wur­de. weil er nach der Anschauung des größten Teils dieser Calvinistischeii Synode bei der Aus­legung verschiedener Bibelstellen der Genesis 2 und 3 einen zu freiheitlichen Geist gezeigt hat. Di? Folgen dieses großen Kirchenkonfliktes. der in seiner ganzen Art sehr an den früheren Kon­flikt innerhalb der protestantischen holländischen Staatsiirche und den im Iahre 1876 ans ihr erfolgten Austritt der reformierten Kirchenge­meinden erinnert, find nicht nur für das religiöse, sondern auch für das gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben der Riederlande in ihrem ganzen Ausmaße unabsehbar. Voraussichtlich werden vorläufig verschiedene andere Kirchen­gemeinden sich der ausgeschlossenen Gemeinde Amsterdam-Süd anschließen.

Rußland und die Vestmächte.

(Von unserem r.-Korrefpondenten.)

Moskau, 19. März.

Es ist hier sehr übel vermerkt worden, daß gerade jetzt, wo die auf die Erneuerung freund­schaftlicher Beziehungen mit Frankreich zie­lenden Verhandlungen geführt werden, seitens der russischen Emigranten in Paris heftige An­griffe gegen die Sowjetunion geführt werden. Den Anstoß zu diesen Angriffen gab der Ab­schluß, der zwischen der französischen Regierung und dem russischen Raphthasyndikat zu­stande kam. Cs handelt sich um die Versorgung der französischen Kriegsflotte. Die früheren Ei­gentümer von Raphthaterrains in Baku und Grosny hatten nämlich gegen diesen Abschluß Protestiert und erklärt, es sei nicht an­gängig, daß die französische Regierung Raphtha aus Ländereien erwerbe, die sich die Sowjet­union widerrechtlich angeeignet habe. Auch sonst erfahren, wie berlautet, die Verhand­lungen Erschwerungen, die ihre CÖeranlaffung in der Opposition derLiga zum Schutz der französischen Gläubiger" haben. In diesen Kreisen will man darauf bestehen, daß Rußland die Vorkriegsschulden grundsätzlich anerkenne und dann erst über die Art, wie diese Schulden zu tilgen seien, verhandeln. Es läßt sich nicht übersehen, inwieweit diese Einsprüche bei der französischen Regierung Beachtung finden werden. Ein wichtiges Wort hat jedenfalls das Syndicat des forges" zu sprechen und es gibt hier nicht wenige, die der Ansicht sind, daß es falsch war, die Verhandlungen von Regierung zu Regierung zu führen, bevor man mit dem Syndikat nicht einig geworden war.

Vor einigen Tagen ist Tomski, einer der maßgebendsten Parteimänner, nach Paris gefah-

Gehör, zeigten dabei starke Ermüdung; auch die Zusammensetzung des Blutes war durch das lange Wachen verändert, der Hämoglobingehalt und die Zähl der roten Blutkörperchen war ge­sunken, die Zahl der weißen gestiegen. Der Blutdruck hatte abgenommen. Rach einem Schlaf von acht Stmrden waren aber diese Blutver- änberungen wieder beseitigt. Die Wirkung der Ermüdung ließ sich erkennen, wenn man die Ver­suchspersonen ein Auto steuern ließ. Sie konnten zwar den Wagen auf einem engen Raum ge­wandt lenken, aber bei dem Geradeausfahren auf einer größeren Strecke war die Aufmerk­samkeit außerordentlich herabgesetzt. Trotz des festen Willens, wach zu bleiben, wirkte die Ein­förmigkeit der Tätigkeit und der Rhythmus des Motors einschläfernd. Danach erscheint die Han- lungsfähigkeit durch eine längere Wachperiode bei kurzen, rasch auszuführenden Handlungen: nicht herabgesetzt; bei einer längeren Tätigkeit machte die Ermüdung sich aber sehr deutlich be­merkbar. Die lange Schlaflosigkeit führte auch, wie einem Bericht derLlmschau" zu entnehmen ist. zu merkwürdigen Halluzinationen. Ein Stu- dent, der nach 40stündigem 'Dachen nachts zu­fällig über die Straße ging, sah dabei ganz deutlich einen Mann stehen, der Blumen be­goß. Obgleich er sich selbst die ^Inmöglichkeit dieses Vorganges klar machte, erschienen ihm immer wieder ähnliche Phantome, auch bei hellem Tageslicht. Andere Studenten berichten über ähnliche Gesichte. Das Geistersehen scheint also durch Schlaflosigkeit hervorgerufen au werden, und man dentt dabei an die Pifionen von Büßern und Asketen, die sich bei ihren frommen Hebungen lange wach erhalten und dadurch Geistererscheinungen erzeugen.