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neuer Basalt st einbruch in Betrieb genommen, so do» jetzt nicht weniger als sieben Steinbrüche vorhanden sind, die gor manchem Arbeiter lohnende Beschäftigung gewähren. — Wie überaus segensreich sich unsere Gemein deschwc st er im abgelaufenen Jahre betätigt hat, ist aus folgendem ersichtlich: Es wurden 4174 Krankenbesuche gemacht, 4 Tagpflegen und 12 Nachtwachen gehalten. Sieben Kinder erhielten Solbäder. Zahlreiche Familien durften außerdem durch, die Gemeindeschwester in .Krankheit und Not unentgeltliche Hilfe erfahren.
„r Sichelsdorf, 21. Jan. In diesen Tagen konnte man in unserem verschneitenWiesen- tale einen in dieser Jahreszeit seltenen Gast beobachten, einen Fischreiher. Er schritt langsam die flachen Alfer der Nidda ab, blieb manchmal einige Minuten unbeweglich stehen, um dann feinen Gang wieder fortzusetzen. Bei dem geringsten verdächtigen Geräusch erhob er sich mit angezogenem Hals in die Luft, um sich dem Walde zuzuwenden. Was den Außenseiter bewogen. zu einer Zeit, wo seine Kameraden in dem wirtbaren Süden weilen, sich in unserer Gegend aufzuhalten, ist schwer zu sagen. — 3n dem Konkursverfahren gegen die sog. Junkers mühle macht sich seitens der Schuldner das Bestreben bemerkbar, auf dem Wege eines gütlichen Vergleichs das Verfahren zu beendigen. 3m Hinblick auf die grobe wirtschaftliche Notlage könnte eine Versteigerung des Objekts kaum" die Summe abwerfen, die zur Tilgung der bevorrechtigten Forderungen nötig wäre. Auf Aecker und Wiesen erfolgt heute kaum ein Angebot, und zahlungsfähige Käufer, die einen angemessenen Preis für die Mühle in die Wagschale werfen, sind kaum zu erwarten. Unter diesen Almständen wäre ein magerer Vergleich immer noch die glücklichste Lösung.
-s- Burkhards 21. 3an. Der Eintritt des Winters hat die hiesige Volksschul- kla s se in ihrem Werkunterricht Futter- kästen für die Vögel angefertigt. Als es Schnee gab. wurden sie auf niedrigen Bäumen unter den üblichen Schutzmaßnahmen gegen die Katzen usw. angebracht. Für Futter, den verschiedenen Vogelarten Nechnung tragend, wird von den Kindern reichlich gesorgt. Anfänglich waren es nur wenige Vögel, die an den reichbesetzten Tisch kamen. Lind heute — ganze Scharen, Hunderte unserer gefiederten Sänger, auch Waldvögel, besuchen die Futterplähe oder sitzen in ihrer Nähe. Man sieht die verschiedenen Finkenarten, auch die Tannenfinken, dann Goldammern, das Heer der Meisen und viele andere. Die Kinder können die Vögel von den Fenstern aus gut beobachten und sie kennen lernen. Arbeitsschulunterricht in Naturgeschichte, Zur Nachahmung empfohlen!
--8- Hartmannshain, 21. 3an. 3m hiesigen Steinbruch, der von einer Gießenev Gesellschaft gepachtet ist, ruht die Arbeit schon seit Eintritt des Winters vollständig. Da es sich um einen größeren Steinbruch handelt, ist eine Anzahl von Arbeitern arbeitslos geworden.
XiX Feldkrücken, 21. 3an. Am Sonntag fand hier die 3. Bürgermeisterstichwahl statt. Louis Kaiser, Gast- und Landwirt, erhielt 21 Stimmen mehr als sein Gegner Nühl. Damit dürfte endlich das Kapitel Bürgermeisterwahl geschlossen fein.
Kreis Alsfeld.
H- Alsfeld, 20.3an. Heute fand in Form einer einfachen, schlichten Feier die Einwei
hung der neuen Näume der hiesigen 1 Gewerbeschule statt, nachdem der Um- und I Erweiterungsbau nunmehr vollendet ist. Zu der | Feier, zu welcher der Ortsgewerbeverein und die Gewerbeschule einaeladen hatten, waren der Vorstand des Gewerbevereins. der Aufsichtsrat der Gewerbeschule und Vertreter der Handwerks- kammer Darmstadt erschienen. Die Eröffnunas. ansprache hielt der Vorsitzende des Ortsgeweroe- vereins Stadtverordneten und Glasermeister Emst Lenth, alsdann sprach für den Aussichtsrat der Gewcrbeschute Bürgermeister Dr. D ö l s i n g, für die Handwerkskammer Direktor Schüttler, welcher die Grüße und Glückwünsche der Kammer überbrachte. Rektor Schindel, der Leiter^ der Schule, gab in seiner Rede einen Aleberblick über die Entwickelung der Gewerbeschule seit ihrem Bestehen bis zur 3etztzeit und dankte besonders dem Gewerbeverein, der Stadt Alsfeld und dem Kreis Alsfeld für die Unterjlüljung der Schule, welche diese zu jeder Zeit erhalten hätte. Architekt Rohrbach als Lehrer der Gewerbeschule und Bauleiter dankte allen denjenigen, die bei dem Zustandekommen des Erweiterungsbaues mitge- wirkt haben. An die Feier schloß sich eine Besichtigung der Räume unter Führung von Herrn Rohrbach. Die Gewerbeschule verfügt nun- mehr über sehr schone und ausreichende Räume. Durch den Erweiterungsbau sind 3 neue Lehrsäle, 2 geräumige Werkstätten und ein hübsch ausgestattetes großes Versammlungszimmer geschaffen worden. Am Nachmittag fand im kleinen Saale des „Deutschen Hauses" eine stark besuchte Handwerkerversammlung statt, bet der etwa 250 Personen anwesend waren, wobei die Herrn Nohl und Schüttler von der Handwerkskammer Vorträge hielten.
Starkenburg.
WSN. Darmstadt, 21. 3an. Von unterrichteter Seite wird mitgeteilt, daß die gestrige Nachricht einer Darmstädter Zeitung über die Aufteilung des Kreises Dieburg unrichtig ist.
WSN. Bensheim, 21. 3an. Nach einer Veröffentlichung des Arbeitsamtes sind im Kreis Bensheim zur Zeit etwa 3 000 Ar bei t s- lose mit 3850 Familienangehörigen vorhanden (Vorwoche 2476 bzw. 3095). 3n fast allen Berufen ist ein weiterer Zugang an Erwerbslosen zu verzeichnen.
Rheinhessen.
WSN. Mainz, 21. 3an. 3m Regieruiigs- gebärcde fand heute eine Besprechung der Vertreter der Kreise und der größeren Städte der Provinz Rheinhessen statt, in der man zur einmütigen Ansicht kam, daß die Versorgung der Provinz Rhein Hessen mit Gas nur auf rein tom m u naler Grundlage (hessische Gemeinden, Gemeindeverbände) erfolgen solle. Weiter wurde beschlossen, mit dem kürzlich geschaffenen F e r n g a s w e r k für die Provinz Starkenburg in Verbindung zu bleiben, mit dessen Vertretern in der heutigen Besprechung die hierfür erforderliche Fühlung aufgenommen worden ist.
WSN. Offenbach, 21. 3an. Am 15. 3an. waren im Bereich des Arbeitsnachweises Offenbach (Stadt und Land) 14196 Arbeitslose (Vorwoche 13 724) vorhanden. Die Zahl der Crwerbslosenunterstühungsempfänger bezifferte sich auf 9064.
Preußen.
Maingau.
WSN. Frankfurt a. M., 21. 3an. Die Stellenlos igkeit hat in der abgelaufenen Woche noch weiter zugenommen. Zu Beginn der Woche standen 19 281 Arbeitsuchende zur Verfügung : im Laufe der Woche haben sich 3034 Mann neu arbeitslos gemeldet, so daß die Ge- sanrtzahl der beim Arbeitsamt vorgemerkten Arbeitslosen 22 315 betrug. Nach Abzug aller in Arbeit vermittelten Personen verblieben am Ende der DerichtswochS noch 20 530. — Die Kriminalpolizei hat dieser Tage einen 24iährigen Kaufmann f e st genommen, der sich auf ärztliche Rezepte Kokain verschafft hatte und dieses mit ungeheurem Aufschlag in den bekannten Kokainlokalen verkauft hatte. — Der vor 2 3ahren zu drei 3ahren Zuchthaus verurteilte ehemalige Kriminalbeamte Friedrich Schulze, der sich demnächst wegen Landesverrats verantworten sollte, hat sich erhängt.
Kreis Fulda.
WSN. Fulda, 21. 3an. Bei einer bietet Tage vorgenommenen schulärztlichen ülntersuchung von 1182 Knaben wurden 708 mit mehr oder weniger starker Schilddrüsenvergrößerung festgestellt. Bei 126 Kindern war bereits ft ar - f e r Kropf vorhanden. Für 697 Knaben wurde eine sogenannte 3obtur angeordnet, die bis Ostern dauern soll. Die Eltern von elf Knaben lehnten unbegreiflicherweise die Teilnahme ihrer Kinder an den Verhütungsmaßnahmen ab.
WSN. Bad-Salzschlirf, 21. 3an. Das neue, nach dem S e l b st a n s ch l u ß s y st e m gebaute Fernsp r echamt in Bad-Salzschlirf ist jetzt fertiggestellt und wird am 27. 3anuar dem Betrie b übergeben.
Dillkreis.
bl. Schönbach 21. 3an. Die Schön- bach-Rother Basaltwerke wurden aus Zweckmäßigkeitsgründen zu einem Betrieb bereinigt.
bl. D o n s b a ch, 21. 3an. Die Gemeinde beabsichtigt, im Laufe des 3ahres ebenfalls mit dem Bau eines neuen Schulgebäudes zu beginnen. Das neue Haus soll fünf Klassen enthalten.
bl. Niederscheld 21. 3an. Einbrecher besuchten in der Nacht auf Montag unseren Ort. 3n verschiedenen Häusern wurde eingebrochen und eine Anzahl Gegenstände aller Art mitgenommen. Von zwei Einwohnern wurde die Verfolgung der Diebe ausgenommen, die unterwegs einen Schuh abgaben, der einen Verfolger am Ohr verletzte. Dis jetzt gelang es noch nicht, die Danditen festzunehmen.
Rundfunk-Programm
des frankfurter -Tenders.
(Aus der „Radio-Umschau".)
Samstag, 23. Januar.
3.30 bis 4 Al&r: Die Stunde der 3ngenb. 4.30 bis 6 Alhr: Nachmittagskonzert des Haus- vrchesters: Wunschnachmittag für unsere neuen Rundfunkhörer. 6 bis 6.30 Ähr: Die Lesestunde (für die reifere 3ugend): „Meister Reinecke" von Carl Ewald. 6.30 bis 6.50 Alhr: Zwanzig Minuten Almschcm über die Fortschritte in Wissenschaft und Technik. 6.50 bis 7 Alhr: Briefkasten. 7 Alhr:
llebcrtragung aus dem Frankfurter Opernhaus: „Martha oder der Markt zu Richmond". Romantisch-komische Oper in 4 Akten von Fr. v. Flotow. Anschließend bis 12 Alhr ^Übertragung aus Berlin: Tanzmusik der Berliner Funkkapelle.
Wirtschaft.
Verlegung des Montag- Viehmarkles in Frankfurt?
WSN. 3m Hessischen Landtag brachte der deutschnationate Landtagsabgeordnete Dr. Werner einen Antrag ein, daß sich die Regierung mit den maßgebenden Stellen in Frankfurt in Verbindung setzen solle, damit der Frankfurter Montags markt verletzt werde. Der Frankfurter Viehmarkt trage die Schuld daran, daß in Hessen der Sonntag entheiligt werde, da wegen des Frankfurter Montagmarltes das Vieh am Sonntag getrieben werden mühte. Der Antrag wurde angenommen.
An die Frankfurter Fleischer-3nnung ist eine Mitteilung bezüglich einer Verlegung des Frankfurter Montagsmarktes noch nicht gelangt: sie konnte deshalb auch noch keine Stellung dazu nehmen. Der jetzige Termin steht nunmehr seit halb fünf Jahrzehnten fest. Eine Aenderung deS Hauptmarkttages würde eine vollständige Alm- stellung des Wochenarbeitsplanes im Fleischer- gewerbe bedeuten Der Schlacht- und Viehhof- Verwaltung ist es gleichgültig, welcher Tag der Woche als Hauptmarkttag bestimmt wird. Sie würde sich ganz nach den Wünschen der in Frage kommenden Gewerbekreise richten. 3m 3ntereffc einer stärkeren Frequenz bzw. Beschickung des hiesigen Marktes läge allerdings ein Groh- markttag in der Mitte der Woche.
* D i e amtliche Grohhandelsindex- Ziffer v o m 2 0. 3 a n u a r. Die auf den Stichtag des 20. Januar berechnete Großhandelsindexziffer des Statistischen Reichsamtes ist gegenüber dem Stande vom 13. 3anuar (120,6) um 0,4 Proz. auf 120,1 zurückgegangen.
* D i e Dollaran leihe badischer Städte. An der von gestern an in Reuyork aufliegenden Amerikäanleihe von 4l/2 Millionen Dollar sind 14 badische Städte beteiligt, darunter Maimheim (mit einem Betrage von 2'/* Millionen Dollar), Pforzheim, Freiburg, Konstanz, Dur- lach, Rastatt, Gaggenau, Altlußheim, Rohrbach, Gengenbach, Elzach, Meersburg und Lörrach.
* Rheinische Stahlwerke A.-G., D u i s- l> n r g - M e i d e r i ch. Die Hauptversammlung ge= nchmigte den bekannten, einen Gewinnvortrag von 350 776 Reichsmark ergebenden Abschluß. Generaldirektor Dr. Haßlacher ging in längeren Ausführungen auf den Verlaus des letzten Geschäftsjahres und die Vorgänge ein, die zur Bildung der Vereinigten Stahlwerke A.-G. geführt haben. Er mad)te nähere Angaben über die von den einzelnen Gesellschaften in den Montantrust einzubringenden Werke und erklärte anschließnd daran, daß es bei der derzeitigen Notlage der Wirtschaft undenkbar sei, die bisherigen Steuerlasten weiter zu tragen. Die augenblickliche Steuerbelastung bei Rheinstahl mache z. B. 7 Proz. des Umsatzes aus. Der Redner begrüßte die Kreditaktion für die Landwirtschaft, die der beste direkte und indirekte Stunbe der Industrie sei. Don den 93er-
I einigten Stahlwerken A.-G. seien noch die Fragen der Stellung der Rhein-Elbe-Union zum Siemens- konzern, die Hanbelssragen der einzelnen Gesellschaften, die Nheinflotten- und 23erfrad)tungsfragen
Sein oder Nichtsein.
Ein Kriminalroman von der Wasserkante.
Von Moritz Schäfer.
1. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Er mußte begriffen werden. Onkel Otto mußte Rat schaffen. Aber der olle Kapitän kratzte sich hinter den Ohren und lehnte jede Einmischung ab. „Kind," sagte er und paffte die Stube voll Pfeifenrauch, „das ist ja eine ganz verflixte Ueberraschung! Er vierzig — Du zweiundzwanzig, an der Rechnung stimmt etwas nicht! Freilich, der Lorenzen ist ein gemachter Mann und hat sich den Wind um die Nase wehen lassen — wenn so einer auf die Freite geht, weiß er, was er will. Und hält fest an dem, was er sich erwirbt. Na ja, das gleicht manches wieder aus! Potz Wetter und Sturm, ist das ein Strudel! Da mußt du dein eigener Lotse sein, Mädel — in diesem Gewässer habe ich noch nicht gelotet!"
„So lote einmal, Onkel!"
„I der Tausend, das ist ein Gedanke! Na ja, Mädel, ich will mir deinen Herrn Freier mal vor- tnöpfen. Wenn ich ihn auf Herz und Nieren geprüft habe, fann_ ich dir vielleicht eher einen Rat geben. Auf der Stelle fahre ich raus zu ihm!"
Also geschah es. Onkel Hinriks fuhr nach Rostock und ließ sich in der Graf-Schack-Straße melden. Herr Lorenzen empfing ihn mit ausgesuchter Freundlichkeit. Der alte Seemann steuerte direkt auf fein Ziel los. „Ich habe nid) viel Zeit, mein lieber Herr Lorenzen, um sechs Uyr muß ich wieder los» gondeln. Wie das Wetter ist, weiß ich, und daß der Dollar wieder einen mächtigen Hopser nach oben getan, steht in der Zeitung. Also ersparen wir uns die Umwege, Verehrtester. Sie wollen Andrea Nordmann heiraten, und darüber möchte ich mit ihnen reden."
»Ich gestehe Ihnen ohne weiteres die Berechtigung zu dieser Forderung zu", erwiderte Herr Lorenzen artig. „Obgleich Ihr Mündel ja volljährig ist, wird sie auf Ihren väterlichen Rat gern hören. Meine Verhältnisse sind Ihnen bekannt) Sie wissen, daß ich meiner Frau eine gesicherte, sorgenfreie Zukunft zu bieten habe. Auch meine persönliche Integrität dürfte über jeden Zweifel erhaben sein. Bitte sagen Sie, was Sie etwa noch zu wissen wünschen: in) werde Ihnen rückhaltslos die reine Wahrheit sagen."
„Hm," machte Hinriks und strich fick) bedächtig über den altmodischen Schifferbart, „wenn man oberflächlich hinschaut, möchte man glauben, daß Sie das große Los zu vergeben haben, mein lieber Herr Lorenzen. An Selbstbewußtsein fehlt es Ihnen nicht, und das soll ja wohl so sein bei einem Manne, der es zu etwas gebracht hat im Leben. Aber sehen Sie mal in den Spiegel: gewiß, da guckt Ihnen ein strammer Kerl entgegen, aber der Mann ist immerhin schon im Schwabenalter, Verehrtester! Und wenn Sie nach zehn Jährchen wieder mal hineinschauen, dann finden Sie das Konterfei eines Fünfzigers. Daran ist nun mal nicht zu rütteln und zu beuteln, ebensowenig an der Tatsache, daß Ihre Frau das ganze Leben hindurck) achtzehn Jahre jünger bleibt als Sie. Sehen Sie, mein Lieber, das ist eine Klippe, die wir nicht leichtsinnig umsegeln dürfen."
„Zugegeben!" erwiderte Lorenzen ruhig und freundlich wie bisher. „Ich weiß, daß ich kein Jüngling mehr bin und verlange von meiner Frau keine leioenschaftlichen Gefühle. Im übrigen fehlt ja der heutigen Generation für die Romantik das Organ, und so hoffe ich, wird auch meine Frau in einer auf seelischer Harmonie beruhenden, sozial und ethisch gefestigten Ehe ihr Genüge finden. Meine Frau wird völlige Freiheit haben, sich ihr Leben nach eigenem Geschmack auszugestalten. Wahrheit und Vertrauen auf der ganzen Linie — das ist alles, was ich voraussetze und was ich auch meinerseits zu geben entschlossen bin. Daß mit mir gut auszukommen ist, wissen Sie, Kaptein Hinriks. Mein erster Lebensbund war so glücklich, wie es SterhUchen nur beschieden sein kann. An mir soll es nicht fehlen, daß auch meine zweite Ehe sich glücklich gestaltet."
„Hm," meinte Onkel Otto zum andern Mal, „hm, lieber Freund, das ist alles ganz schön und gut, obgleich es ein bißchen den Kernpunkt verrückt. Seien wir doch einmal ganz aufrichtig, so aufrichtig, wie Sie es in Ihrer Ehe haben wollen. Andrea ist jung, ihr Herz hat noch nicht gesprochen. Möglich, daß Sie fertig kriegen, daß sie in Ihnen den Mann ihrer verborgenen Sehnsucht entdeckt. Mög° lich aber auch, Freund Lorenzen, daß eines Tags ein anderer Herz und Sinne der jungen Frau gefangen nimmt. Brausen Sie nicht auf, Verehrte- fter, ich rechne nur mit Eventualitäten, die doch nun einmal eintreten können. Wir alle sind Menschen, und junge Weiber sind aus anderem Teig
geknetet als alte Knaben, die sich die Hörner abgelaufen haben. Wenn nun ein solcher Fall eintritt — was soll daraus werden? Entweder gibt es einen äußeren Knax ober einen inneren. Entweder geht die „sozial und ethisch gefestigte Ehe", wie Sie so schön sagten, in die Brüche, oder die seelische Harmonie zerreißt wie ein Sturmsegel bei Windstärke fünf."
„Sollte jemals," sagte Lorenzen und sein Ton war fast feierlich, „sollte jemals der Fall eintreten, von dem Sie Andeutung machen, so hat meine Frau vollkommenes Selbstbestimmungsrecht. Meine Liebe zu Andrea wird jede Belastungsprobe bestehen! Jede, Kapitän Hinriks! Sie soll frei wählen dürfen zwischen mir und dem Manne, von dem sie glaubt, oaß er--", doch rasch den Kopf zurückwerfend,
blitzenden Auges, brach er den Gedanken ab und schloß: „Genug davon, Kapitän, wir wollen keine Gespenster heraufbeschwören. Sie wissen, woran Sie mit mir sind. Ich begehre Andrea zum Weib mit dem vollen Verantwortungsgefühl des gereiften Mannes. Ich bin bereit und fühle mich fähig, sie glücklich zu machen. Und nun noch eins: Margot betet Andrea an! Mein armes blindes Kind war die erste, der ich mich anoertraute. Margot, mein heißgeliebtes Töchterchen, dies teure Vermächtnis einer unvergeßlichen Toten, hat meinen Entschluß gesegnet!"
„Wenn Margot ja sagt," antwortete Hinriks und fühlte, wie ihm ein verrräterischer Tropfen ins Auge stieg, „bann darf Onkel Otto nicht nein sagen! Das Mäbel mit feinen erloschenen Augen sieht uns allen ins Herz. Topp, Lorenzen, Sie sotten meine Fürsprache bei Anbrea haben!" . . .
So geschah es benn, daß Anbrea Norbmann am 2. Oktober 1921 ben Ehebunb mit Thomas Lorenzen schloß.
Margot hing mit rührenber Treue an Andrea. Die Blinde mit "dem fixeren Instinkt für menschliche Qualitäten fühlte sich von der starken Persönlichkeit der Hamburgerin mächtig gefesselt. Auch sie kannte die zukünftige Gattin ihres Vaters erst seit den Regattatagen, doch machte die ernste, reife Lebens- auffaffung Andreas sofort einen tiefen Eindruck auf sie. Schon die Stimme mit dem sonoren Klang weckte Sympathie bei der Blinden, und als Margot erkannte, mit welch sicherem Takt Andrea über Menschen und Dinge urteilte, keimte in ihrem jungen Gemüte eine Zuneigung auf, die sich mehr und
mehr zu anschmiegender Liebe verdichtete. Margot war im allgemeinen nichts weniger als eine vertrauensselige Natur. Ihre Blindheit hatte sie mißtrauisch gemacht, und es war überraschend, mit welch treffendem Feingefühl sie echt und unecht, Wahrheit und Heuchelei zu unterscheiden wußte.
Auch Hinriks hatte das Herz der kleinen Margot gewonnen. Erst ein halbes Jahr war es her, seit sie iyn persönlich kannte: dem Namen nad) war ja Kaptein Otto aller Welt kein Fremder. Damals hatte es sich gefügt, daß ein Ausflug nach Rügen Hinriks mit Lorenzen und seiner Tochter zusammen- führte. Seit dieser Zeit datierte ein Freundschaftsbündnis zwischen dem alten Manne und der zarten Mädd)enblüte, wie es inniger nicht gedacht werden kann. So oft es möalich mar, fuhr Margot nach Warnemünde und verbrachte bei Onkel Otto ein anregendes Plauderstündchen. Dann saßen sie, solange es die Jahreszeit und Wetter erlaubten, auf der feedornumwucherten Veranda des Alten und hörten das Meeresrauschen, und Hinriks erzählte von feinen Reisen.
Noch eine dritte Freundschaft pflegte Margot — damit war aber der Kreis ihrer Vertrauten geschlossen. Diese dritte Freundschaft galt dem jungen Ophtalmologen Dr. Heinz Wallot, dem Sohn einer Notarswitwe aus Kiel, der in Rostock studiert, fein Physikum bestanden und, nachdm er in Berlin die weiteren Examina abgelegt, an den Warnow- Kliniken fein praktisches Jahr geleistet hatte. Heinz Wallot war seit Monaten auf Reisen, um feine augenärztlichen Studien zu erweitern und zu vertiefen, im Herbst wurde er in Rostock zurückerwartet, wo er nock) eine Serie klinischer Hebungen bei einer bekannten Kapazität zu absolvieren gedachte, bevor er seine Praxis als Spezialarzt in Kiel aufnahm. Aber es kam anders.
Heinz Wallot war Andreas männliches Gegenstück: groß, von imponierender Figur, breitschultrig, blauäugig, blond. Ein grober, offener Charakter, mit dem freien, stolzen Blick der Friesen, war er mit feinen 28 Jahren eine frische Jungennatur, fröhlich mit ben Fröhlichen, mitfühelnb mit ben Leibenben und von einer naiven Unverdorbenheit des Gemüts, die den Ränken und Liften des Lebens ziemlich weltfremd gegenüberftanb. Selbst einige bittere Erfahrungen mit Kommilitonen, bie feine Hilfsbereitschaft schamlos ausbeuteten, machten ihn nickst irre in feinem lebenbejahenben Optimismus.
(Fortsetzung folgt.)


