Ausgabe 
21.12.1926
 
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Hl 298 Zweites Blatt

Dienstag, 21. Dezember 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheßen)

Die litauische Revolution und das Memelgebiet.

Don Elisabeth Brönner-Höpfner.

Die Verfasserin war se'.nerzr.t als Ver­treterin Ostpreuhens Mitglied der deutschen Nationalversammlung und des Reichstages und ist nun Schriftleiterin der Zeitschrift Das Memelland", ferner Schriftführerin des Metnellandbundes. Sie kann als einer der besten Kenner und berufenen Deurteiler der Belange ihrer Heimat betrachtet wer- den. D.>.

Obwohl alle Ereignisse im balkanisierten Dal- lifum die Anlage zu Internat onalen Konflikten in !ich berge.-., konnte uns die jetzige Revolution in Litauen gleichgültig sein, wenn nicht d a s S ch i ck- sal unserer deutschen Brüder im M c m e l g c b i e t durch den Vertrag von Ver­sailles mit Litauen verknüpft worden wäre. Roch lässt sich gar nicht beurte.len. welchen Weg die Auswirkungen des l. tau'.scheu Staatsstreiches vom 18. Dezember nehmen werde. Man weih nicht, wie sich die innere Lage Litauens neu ge­stalten wird, man weist nicht, ob sich das revo­lutionäre Regiment, das ja erst vor kurzem, nämlich im Mai d. 3.. durch eine katastrophale Wahlniederlage gestürzt worden war. halten wird. Man weist nicht, welches die austenpoliti­schen Auswirkungen des Umsturzes sein werden. Die Revolution stand unter der Parole: Nieder mit den Verrätern Litauens an die Bolschewiken und an die Polen! Welchen Einfluß die jetzigen Vorgänge auf das Memelgebiet haben werden, läßt sich bei dieser völligen Unsicherheit aller Prämissen folglich erst recht nicht bemessen.

Bis jetzt hat das Memelgebiet von Litauen nichts Gutes gehabt. Es soll nach dem Willen der vier Mächte England, Frankreich. Italien und 3apan in seiner inneren Verwaltung absolut autonom sein. Das ist in einer Konvention und einem Statut besonders festgelegt. Man er­innere sich, dast das Memelland in diesem Sommer wegen der Richtachtung seiner autonomen Rechte vor dem Völkerbund in Genf Beschwerde ein­gelegt, und dast der Völkerbund in dieser Sache im September gegen Litauen verhandelt hat. Die "Beschwerde hatte sich auf die Verweigerung der autonomen Rechte durch die drei Jahre in Li­tauen an der Herrschaft gewesene Klerisei, die Partei der Christlich-Demokraten, gewendet. Aus­zubaden Hütte Öen Prozeh die neue Regierung der Volkssozialisten unö Sozialdemokraten, die jetzt in der Rächt des 16. Dezember, um 3 Uhr morgens, verhaftet und abgrsetzt wurde. Als ihr Anwalt fungierte in ®;nf der litauische Gesandte in Berlin, S i dz i ka u s ka s. der dir Richt­linien der christlich-demokratischen Unterdrücker des Memelgebiets, zuletzt W Kabinetts D.straS, gelehrig b.-folgt hatte, nun aber den Linksmännem ebenso eifrig diente, wie vorher den Rechts- männem unter dem Staatspräsidenten Stul- ginski. Was das Memelgebiet betraf, konnte er das auch mit gutem Gewissen, denn die neue Linksregierung mit dem Ministerpräsidenten Slesevicius und dem Staatspräsidenten D r i n i u s kümmerte sich fast ebensowenig um dir Autonomic.Versprechungen der vorausgezangenen Rechtsregierungen, sondern hütete in diesem Punkt getreu die schlechten Traditionen der Auto­nomieverweigerung und gewaltsamen Litauisierung.

Run ist S m e t o n a auf den Schild erhoben worden, der sich alsvölkisch" bezeichnet. Er bildete mit noch zwei Genossen, den Professor Wolde maras und dem Dekan Mironas im litauischen Sejm die Gruppe der Tautininkai, her Rationalisten. 3m Parlament ist von dieser Gruppe besonders Woldemaras her- vvrgctreten. der zwar den Ehristlich-Demokraten. solange sie per terror und Belagerungszustand das Landregierten, manche Wahrheit gesagt hat, der aber dann, als der christlich-dernokr^t sche Rechtskurs von der demokratisch-sozialistischen Linken abgelöst war. mit gleichem Eifer dieser Schwierigkeiten bereitete. S m e t o n a war schon einmal eine kurze Zeit Staatspräsident in Litauen. Man erhoffte sich damals von ihm im Memel­gebiet eine gerechte und liberale Behandlung. Die Klerikalen verdrängten ihn rasch von seinem Posten, und so entging ihm die Gelegenheit, die auf ihn gesetzten Erwartungen zu red)t fertigen. Später aber hat er sich so unfreundlich gegen das Memelgebiet geäußert, dast alle Memelländer bod) erstaunt und tief enttäuscht von ihm waren. Diese Vergangenheit lästt auch jetzt nichts Gutes von ihm erwarten, wo er wieder Oberhcr'pt des

Baltische Weihnacht.

Don 6iegfrieö von V e g efa ck.

Wenn die Wintermorgen immer öunMer wurden, Kerzen und Oellämpchen durch das finstere Haus flackerten, und der alte 3ucfur, der Ofenheizer, wie ein Gespenst auf bloßen Füsten den endlosen Korridor entlang schlich, ungeheure Dirkenscheite ablud und die Flammen schürte, daß es durch das ganze Haus prasselte, dann war Weihnachten nicht mehr fern.

Ueberall wurde am Abend getuschelt und geflüstert, plötzlich eine Tür verschlossen oder ein rätselhaftes, schwerverpacktes Ungetüm laut­los im Dunkeln vorübergetragen. Das ganze Haus roch nach Pfefferkuchen, nach Sirup. Mar­zipan und gelben Saftrankringeln. Karlomchen eilte mit hochroten Backen und klapperndem Schlüsselbund zwischen Schafferei und Backzimmer hin und her. gab Mandeln, Rosinen und Korinthen aus und prüfte den Sirup, ob er in der Lust schon zähe Fäden zog und die Rägelprobe bestand.

3m Saal aber, um den großen runden Tisch, wurden kleine Tannenzapfen und Walnüsse mit Schaumpapier vergoldet, große, bunte Kugeln mit neuen Schnürchen versehen, gelbe Wachs­kerzen in die Baumleuchter hineingedreht, Ketten auS Goldpapier gekleistert und köstliche Rosen aus buntem Seidenpapier geschnitten und mit einem klebrigen Bonbon in der Mitte zusammen- gLschnürl diese waren für den .Leutebaum" in der Gesindestube bestimmt.

lind dann kam die Dämmerstunde, wenn man mit plattgedrückter Rase an der Fenster­scheibe hockte und zum Wald hinausspähte, ob sie schon kommen?" Es wurde dunkler und bunflcr. Schon stolperte der alte Sndrik mit einer Laterne über den Hof zum Diehstall, da Plötzlich tauchte ein Pferderücken aus dem Schnee, und etwas tarn schwer über 'den hart-

eine MkWlk WmeSW mit Wnn Betnotö. Der französische Dramatiker über die Eindrücke seiner Deutsch!andrei;e.

Von unserem Pariser \X . 8.-Korrespondenten.

Die kürzliche Reste des französischen Dichters Paul Valery und des Dühnenfchriftstellers Tristan B e r n a r d , einer der erfolgreichsten Dra­matiker des heutigen Frankreichs, nach Berlin, hat nicht nur in Frankreich und Deutschland, sondern weit darüber hinaus in fast allen euro­päischen Ländern wegen ihrer k Härenen Bedeu­tung lebhaftes 3ntcreffe erweckt.

Wir nahmen Gelegenheit, Tristan Dernard in feinem prächtigen Heim in der Rähe des Parks Monceau aufzusuchen, um einige Aeuherngen über die Eindrücke seiner Reise nach Deutschland zu erlangen. Tristan Bernard ist ein sehr viel beschäftigter Wann, schon vom frühen Morgen ab geht es bei ihm ein und aus, erwartete und un­erwartete Gäste suchen ihn auf. Theaterleute, Publizisten und Schauspielerinnen wollen von ihm empfangen werden. Das Telephon klingelt fast unaufhörlich.

3ch muß einige Minuten in einem feiner Empfangssalons warten, während TristanBernard im Rebenzimmer selbst m t einem PariserTheater- dircrtor verhandelt. ES . -ert nicht lange, da haben zwei weftere Besucher Platz genommen die ihn ebenfalls zu sprechen wünschen. Ringsum an dcn Wänden zahlreiche Karikaturen von ihm selbst. Der große schwarze Bart, der sein Gesicht umrahmt, ist schon seit 3ahren c'n beliebter Zielpunkt aller Pariser Kar.katuristen. Dann er­scheint er selbst in seiner ganzen imponierenden Größe und breiten Gestalt in Pantoffeln und seidenem Pyjama und begrüßt mich als alten Bekannten.

.Run. lieber Freund, womit kann ich 3hnen dienen?" fragt er mit breitem, gutmütigem Lächeln, indem er sich auf ein Kanapee niederlegt.

.3d) möchte gerne einige Eindrücke von 3hrer Reife nach Deutschland hören und wissen, wie Sie über d ie deuts che Bühne und Lite­ratur urteilen, nachdem Sie selbst in Berlin sie kennenzülernen Gelegenheft hatten."

3d) bin mit ganz ausgezeichneten Eindrücken nach Paris zurückgekehrt. Die wissen, daß ich mich schon während meiner Reise vielfach begeistert über das deutsche Theater aus­gesprochen habe. Diesen hervorragenden Eindruck kann ich 3hnen mir immer wieder von neuem be­stätigen. Uebrigens arbeite ich jetzt gerade daran, meine Meinungen und Erfahrungen über das künstlerische und literarische Leben Berlins niederzu schreibe n."

Und werden Sie diese Arbeit veröffent­lichen?"

3awohl. Und zwar beginne ich mit dieser Veröffentlichung schon in den nächsten Tagen im 3ournal". Dort schreibe ich über Stücke, die ich gesehen habe, über das deutsche Theater- Wesen, über Schriftsteller und Schauspieler. Denn ich vertrete die Ansicht, daß wir von den Er­fahrungen, die wir durch unsere gegenfeitigen Besuche machen, den größten Nutzen ziehen sollten."

..Was für Stücke haben Sie in Deutschland gesehen?"

Das letzte Stück von Hauptmanns Dorothea A n g e r m a n n, das mir recht gut gefiel, und außer vielen anderen besonders auch eiu Drama von Wedekind. Gerade Wedekind kennt man bei uns in Frankreich sehr wenig. Uebrigens ist es mit der Kenntnis der modernen deutschen Dramatiker im allge­

meinen in Paris überhaupt sehr schlecht bestellt. 3ch denke hierbei besonders an Kaiser und Etarnheim. 3d) habe mir in Berlin er­zählen lassen, daß es recht talentierte Leute seien. 3d) muß 3hnen zu meiner Schande gestehen, daß ich selbst auch nur recht wenig von ihnen kenne. Sehen Sie. gerade diese Unkenntnis ver­anlaßte mich zu meiner Reise nach Berlin, zu der das Reinhardt-3ubiläum der äußere Grund war. Gerade wir 3ntelltftucllcn müßten uns gegenseitig viel besser kennen lernen und müßten in viel engere Beziehungen zueinander treten.

Sie wissen, daß mein guter Freund De­rnier. der Direktor des Odeons, vor einigen Monaten eine Propaganda reise durch die euro­päischen Länder unternommen hat. um die von ihm stark begehrte 3nternationalc The­atervereinigung zusammenzubringen. De­rnier wurde überall begeistert empfangen. Heute ist diese 3ntcrnationalc Theatervereinigung längst aus dem Stadium der Erwägungen herausgejre- ten: sie ist eine vollendete Tatsache. 3ch selbst bin der Präsident der dramatischen Abteilung dieser Vereinigung. Nach meiner festen lieber- zeugung war eine solche Organisation schon lange notwendig, um sämtliche Dramaturgen. Schau­spieler. Komponisten. Theaterkritiker der rnaß- gebeni en europäischen Länder in möglichst enge Beziehung zueinander zu bringen. 3ch habe hier­bei weniger den hohen Standpunkt der Völker­verständigung im Auge, als besonders rein künstlerische und soziale Gesichts­punkte. Die Ausführung, die die Gerniersche Theatervereinigung alljährlich einmal veranstal­ten will, werden das theatralische Leben Ge­samt-Europas stark betrübten.

chatten Sie auch Gelegenheit, mit deutschen Bühnenschriftstellern selbst in Beziehung zu treten?" Selbstverständlich. Ich habe die Gelegenheit wahrgenommea, in Berlin mit den I>eri)orragenbftcn deutschen Autoren über die Notwendigkeit unserer Zusammenarbeit zu sprechen. Wir vermissen vor allen Dingen gute Hebersetzungen der wich tigften Werke. Die Uebersetzungen sind oft schauder haft. Allzu oft werden sie angefertigt von Schrift­stellern, denen das erforderliche Rüstzeug hierzu völlig fehlt. Wir werden uns bemühen, diese ebenso wichtige wie notwendige Arbeit der Ueberseßung durch dazu wirklich berufene Persönlichkeiten über­wachen zu lassen. Gerade auch in dieser Beziehung habe ich in Max Reinhardt einen wertvollen Mitarbeiter kennen und schaßen gelernt."

Wie haben Ihnen die deutschen Schauspiel l e r gefallen?"

Die deutsche Schauspielkunst der Gegenwart," meint Tristan Bernard,ist außerordentlich reich an großen Talenten, aber eine geradezu außerordent- Üche Begabung ist die junge Elisabeth B e r g n e r."

Bernard plauderte noch sehr angeregt über manche seiner Eindrücke, über die Abende, die man in Deutschland zu Ehren Paul Valerys veranstaltete usw. Aber schon müssen wir das Gespräch abbrechen, neue Besucher werden gemeldet.Eine Frage noch: Werden Sie demnächst selbst wieder in Paris in Ihren Stücken austreten?''Nein," lautet die Ant­wort,sicherlich nicht. Ich bin ein zu schlechter Inter­pret meiner eigener Werke. Wenn ich vor einigen Monaten tatsächlich in Paris gespielt habe, so gc schah es, um dem Drängen einiger Freunde nachzu­geben, aber ich möchte dies Experiment sobald nicht wiederholen."

Staates geworden ist. Das Autonomieabkommen hielt Smetona für einen schweren Fehlgriff. Allerdings sagte er, da es einmal in die Welt gesetzt fei, müsse es durchgeführt werden. Ein frag­würdiger Landesvater und Autonvmiehort wird also auch Smetona fein.

Aber es ist ja schwerlich anzunehmen, daß er für Litauens und des Memellandes Geschick der nächsten Zeit den Ausschlag gibt. Die Zu- ständigkeften eines Staatspräsidenten find auch in Litauen eng umfchränkt. Es macht daher ganz den Eindruck, als ob das neue Regiment besser täte, ehrlich christlich-demokratisch zu firmieren, anstatt mit den Namen Smetona und Oberst Grigaliundas Glowackis. Sicher denkt jeder von den jetzigen, wie wohl auch von den früheren

Gewalthabern, daß er der Beherrscher der Lage fei, und sicher wollen in Litauen sehr viele per­sönlichen Ehrgeiz befriedigen und persön- lichcn Machthunger stillen, aber in Wirllich- keit wird alles doch beherrscht von den Kleri­kalen. den christtich-demotratischen Dors- und Domgeistlichen. Der Faszismus, den sie groß- gezogen und mit dessen Hilfe sie j_eht die Revo- lution gemacht haben, ist nichts weiter als eine geschickte Arbeit der herrschwüttgcn Klerisei. 3hnen ist das kulturell überlegene evangelische Deutschtum des Memettandes ein schwerer Dorn im Auge. Es restlos zu litauifieren, wenn nicht anders, dann durch brutale Verdrän­gung des Deutschtums, das wäre ihnen das liebste.

gefrorenen Weg geschleift: ein ungeheurer schwar­zer Baum rauschte am Fenster vorüber, unö Vater und 'die Brüder gingen wie Gespenster hinterher. Dann wurde die große Haustür aus den Angeln gehoben. ein schneidender Wind wehte bis in den 6aal hinein, es wurde an Stricken gezogen, gehämmert und mit dem Dell geschlagen, dann ein Ruck, und der Riesen­baum stand da, dunkel und eiskalt, als wäre der Wald selbst in das Haus eingebrochen.

Am anderen Morgen, wenn die breUen Zweige allmählich auf taut en und sich senkten, Eis- unb Schneeklunrpen auf das Parkett niedertropften und der ganze Saal nach Harz und Tannennadeln duftete. öa.nn begann das Schmücken. Auf Stüh­len und auf Leitern drang man in das Dickicht der Aeste, hing die goldenen Tannenzapfen und Walnüsse auf, die dunkelroten, tiefblauen, grü­nen und silbernen Kugeln, die flimmernden Glöckchen und Sterne, breitete das schimmernde Christhaar aus und fbannte die Goldketten von Zweig zu Zweig. Und zuletzt, wenn alles fertig war, wenn auch die unzähligen Wachskerzen ritt­lings auf den Aesten sahen. dann kam das Allerheiliaste. dieEngelgruppe", die Mutter selbst anlegte. Lauter glitzernde Papierengel. jedes Kind hatte seinen, unö in der Mitte schwebte ein rosiger Wachsengel mit einer weihen Fahne, auf der in Soldbuchstaben die Weih- nachtsbotschaft strahlte:Ehre fei Gott in der Höhe!"

Und dann, nach dem Mittag schellten dvauhen vor der Veranda die vielen Schlitten- glocken. Dick verpackt, dah man sich kaum rühren konnte, stolperte man hinaus: Mutter und die 3üngften in die verdeckte Kibftke, Vater und die grohen Brüder in die offenen Einspänner­schlitten. Die alte Karlin brachte noch schnell eine glühendheiße Wärmflasche, die in einem Meer von Fellen unter Mutters Füßen versenkt wurde, dann fnallte der alte Maarz mit der Peitsche, die drei Apfelschimmel, der eine spitz»

gespannt, zogen an, und mit Hellem Glocken­geläut flogen die Schlitten knirschend über die frostglatte Bahn zur Kirche.

3n der Kirche war cs aber eisig, zwei dünne Weihnachtsbäume flackerten am Altar, und schnaufend und stöhnend, wie von Frost geschüttelt, tremolierte die Orgel:O du fröhliche ..." So sah man frierend, trat heimlich mit den Fühen, zählte die brennenden Kerzen und sah den Dampf aus den Mündern steigen. Dann aber, wenn der letzte Vers ausgesungen war, die Orgel im liebermut noch die selftamsten Töne ausstieh, und alles hinausdrängte in die blauklare Winter­dämmerung. dann gab es ein Sichbegrühen von allen Seiten: Nachbarn. Doktors und Pastors, ein Winken und Peitschenknallen. Schellen und Glockengeläut, bis sich alles in Bewe­gung fetzte.

Karlomchen war aber daheim geblieben, und als der erste Schlitten vor der Veranda hielt, stand schon die dampfende Schokolade mit dem Gelbkringel auf dem Tisch. Die Saaltüren waren geschlossen, und niemand durfte in die Nähe, wenn sich eine Spalte öffnete und etwas binein­getragen wurde.

lind nun begann die Wunderstunde, die Stunde im Dunkeln am brennenden Kamin unter der mattblauen Ampel. Hier faßen alle Ge­schwister dichtgedrängt auf dem Sofa und auf dem weichen Teppich gelagert, und indes man einandergruslige" Geschichten erzählte, starrten die Augen gespannt zur Saaltürrihe, die immer Heller und Heller aufglühte.

Dan klingelte es, noch einmal und ein drittes Mal, und die Flügeltüren öffneten sich weit, ein Lichtmeer tat sich auf, in das man geblendet hineintaumelte....

Mutter und Karlomchen gingen von Tisch zu Tisch und ließen sich alle Wunderdinge zeigen, Vater aber blies mft dem langen Pfeifenrohr die Kerzen aus, die zu Ende gebrannt waren, unö löschte, wenn ein Zweig Feuer fing.

Es ist fraglich, ob sich die neuen Herren an der Macht halten werden. Den Vertrag mit Moskau werden sie nicht rückgängig machen können und wollen. Eine Annäherung an Polen ist nicht zu vermeiden. Litauen hat kein Geld, keine Industrie und keine natürlichen Reich­tümer. ES hat aber in diesem 3abre eine er­bärmliche Ernte gehabt, so daß es kein Getreide ausfübren konnte, sondern im Gegenteil nicht weiß, wovon es sich Ersatz für das Erntedefizft! an Brotgetreide zum eigenen Bedarf kaufen folL 'Die Zahl der litauischen Arbeitslosen ist ebenso wie im Memelgebiet erschreckend doch, und die bisherigen Versuche, das unbeschäftigte Menschen­material nach Frankreich oder Ueberfec auszu­führen. gingen fehl. Alle Misere, oder ein sehr gut Teil davon, gebt auf Konto der Echmoll- winkelpolitik. _öie Litauen, um des Raubes von Wilna wegen. Polen gegenüber betreibt. Die Fiktion, daß sich Litauen bis zur Rückgabe Wilnas mit Polen als im Kriegszustand befindlich be­trachtet. ist eine zwar prächtig heroische Geste.- aber Litauen kann sie sich nicht leisten. Seft Jahren kommt kein russischer und kein polnischer Holzstamm unb kein Kahn mit russischem oder polnischem Korn die Memel hinunter, und wie der Wasserverkehr, so hat auch der Post- unö der Dahnverkehr seinen Weg um Litauen herum genommen. Es fehlt der litauischen und der memelländischen Wirtschaft der Atem und die Zirkulation, und die Zölle und Transitgebühren nehmen den Weg in anderer Staaten Kassen, als in die Litauens und des Memellandes.

Wie das neue Regimen! diese wirtschaftlichen Schwierigkeiten besser betoäUigen will, als das gestürzte, bleibt unklar. Auch wie es mit den Sympathien in der Bevölkerung bestellt ist. läßt sich schwer übersehen. 3ch glaube nicht, das; sich die Bevölkerung, die in den Tagen des 8.. 9. unö 10. Mai d. 3. so energisch gegen die Ehristlich- Demokraten äußerte, mit einem Male nach sieben Monaten reuig zu den damals Verurteilten zu­rückgewendet hat. Die Volkssozialisten und So­zialdemokraten waren viel zu kurze Zeit an dec Regierung und außerdent - so wenig sonst ein Memelländer Grund hat. für sie einzutreten ihre Geschäftsführung war sauber und einwand­frei. Womit feilten sie die litauische Volksseele zum Kochen gebracht haben? Sie wollten die unter etwas seltsamen Begleitumständen neu- geschaffenen B.Ztümer nicht ohne weiteres an­erkennen, fie überlegten sich, ob sie den vielen neuangestellten Geistlichen von Staats wegen Ge­halt zahlen, und ob sie die Rechnungen für di­verse von den Klerikalen gekaufte Dischofstäbe begleichen sollten. Das war alles. Deswegen explodiert auch in Litauen noch keine Volks­seele. aber das Kabinett Slesevicius forschte der Luderwirtschaft nach, die mit den Staatsgeldern getrieben worden war unö war daran, die Schuldigen zur Verantwortung und zum Schaden­ersatz heranzuziehen. Das wird neben der un­stillbaren Machtgier der ganze Grund gewesen sein, weswegen diese Revolution, für die sich eine politische Rechtfertigung Nirgends erkennen läßt, in Szene ging.

Aber selbst wenn sich die Revolutionären behaupten, das Memelland wird unter der neuert Herrschaftsepoche der Ehristlich-Demokraten keine froheren Tage sehen, als unter der früheren, im Mai d. 3. beendeten. Darüber kann das Aushängeschild mft dem Namen Smetona nicht tauf eben. Vorher hatten die Christlich-Demokratert nur den Belagerungszustand. 3etzt haben sie ihre Position gestärkt durch eine faszistische Mill« tärbiftahrr.

Wird aber die Geschichte her nächsten Tage und Wochen nicht von den Ehristlich-Demokraten Litauens allein gemacht, reden vielmehr auch die Polen, auch die Kommunisten im Lande und die Russen mit, entzünden sich die dort reichlich umherliegenden Konsliktsstofse am Wilnaproblem, erweitert sich die litauische 3nnenkrise zu einer allgemeinen Baltikumskrise oder Ost­krise überhaupt, iverden die 3niereffen der Groß­mächte durch die Affäre berührt, dann wird das arme Memelgebiet zwar erst recht keine Ruhe finden, dann ist aber auch der Zeitpunkt ge­kommen, von dem man eine endliche und gerechte Regelung seines Geschickes for­dern darf und muß.

Seitdem es von Deutschland fort ist, hat das treu an Deutschland anhängliche Memsi­ge biet nichts anderes erfahren als Bedrückung und Unsicherheit, Niedergang seiner Kultur und seiner Wirtschaft, den unüberwindlichen Schmerz der Trennung vom Mutterlande, an dem es hängt mit allen Fasern. Litauen, daran ist nun einmal nichts zu ändern, ist immer noch ha 1 b-

llnten aber in der weihgescheuerten Gesinde­stube brannte ein ungeheurer, von bunten Papier­rosen ganz überschütteter Weihnachtsbaum. Die Knechte schneuzten sich verlegen, die Mägde. Viehweiber und Waschfrauen standen da mit ge­falteten Händen, kleine Mädchen und Buben drängten sich scheu hinter buntfarrierten Schür­zen, der Gärtner taktierte, und ein schriller, lang­gezogener Gesang ließ die Fenster flirren. Der alte Maarz las aus der Bibel, der Verwalter hielt eine kurze Ansprache, unö dann drängte sich alles zu den Tischen, wo die Bescherung begann. Tücher, bunte Stosse. Tabak, Pfeifen, Aepfel, Psesfemüsse und Knallbonbons, Kar­lomchen unö Tante Melanie teilten jeöcm daS Seine zu, währenö Mutter, sich vergeblich sträu­bend, Handkuß auf Handkuß entgegennehmen muhte.

11 nb dann kamen die Weihnachtstage, Besuch von den Nachbarn, von den Allmarusenschen. den Hurnmelseeschen, Pastorat und Doktorat. Das Schellengeläute vor der Veranda hörte gar nicht auf. lind der lahme Theodor vom Pastorat muhteBlinde Kuh" spielen, bis er stolpernd unter dem Weihnachtsbaum hinfiel und die vielen bleichsüchtigen Damen vom Doktorat teil­ten Pfänder aus, tranken heihen Punsch und aßen Konfekt, bis sie leise stöhnend in ihren alt­modischen Pelzkappen wieder abfuhren.

Wenn aber aller Besuch fortgesahren war, nur noch eine kleine Kerze am Baum brannte, der gespensterhafte Schatten an die Decke und an die Wände warf, dann nahm uns Karlomchen still an der Hand, führte uns vor die Engel« gruppe unö zeigte auf drei fleine Papierengel, die höher als die andern hingen.Das sind di« drei Neinen Schwestern im Himmel", sagte Kar­lomchenund einmal kommen wir auch dorbi hinl"

Vater aber klopfte an den Barometer: ..ES klärt sich auf. Morgen gehfS mit den Hundertz auf öle Hasenjagd!"

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