Ausgabe 
21.10.1926
 
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glattes Märchen, eine Erfindung, die ich mit allem Nachdruck zurückweise. Zu dem Vorwurf eines Vor­redners, daß hohe Staatsbeamte Urkundenfälschun­gen begangen hätten, hat die Regierung geschwie­gen; sie sollte einen solchen Vorwurf zurückweisen. Dazu möchte ist noch feststellen, daß von einer Ur­kundenfälschung überhaupt nicht gesprochen werden kann. Die Beschwerden stammen aus den Bürger­meistereien Michelstadt, Bieber und Erzhausen; es ist merkwürdig, daß deren Bürgermeister alle Sozialdemokraten sind, aus anderen Gemeinden liegen keine Beschwerden vor. Wir haben nicht die Auflösung des Landtags, vor allem nicht in dieser komplizierten Weise gewünscht, son­dern Ihnen (zur Linken gewendet) Öfters Gelegen­heit gegeben, eine Aenderung der politi­schen Zustände in Hessen herbeizuführen, was aber immer abgelehnt wurde und so blieb kein an­derer Weg übrig. Zn einem Artikel des .Hessischen Volksfreund" wird unter Hinweis auf das eng'.tfche Beispiel lebhaft für eins Auflösung des Reichstags Stimmung gemacht; es wäre gut, wenn man nud) einmal einige Brosamen für die hessische Landes­politik in dieser Weise übrig hätte. Die ^rnge, ob man denen, denen man eine hohe Steuerlast auferlegt habe, noch ein weiteres Jahr die Steuern zu tra­gen, zumuten darf, wird von uns verneint Wir verlangen ebenfalls gewisse Entschädigungen vom Reiche aber wir verlangen vorher eine Bereini­gung der hessischen Finanzen. Lassen Sie (zur Linken gewendet) die Kleinigkeiten mit den Unterschriften, damit kommen Sie aus den Schwie­rigkeiten der hessischen Politik nicht heraus. (Leb­hafter Beifall rechts.)

Abg. Glaser (Bbd.) bemerkt, daß die Land­bevölkerung ganz genau wisse, weshalb das Volks­begehren unternommen werde. Die Schuld an den fehlerhaften Unterschriften liege an der Regierung, die es abgelehnt habe, 21 u s f ü b r u n g s b *e ft im­mun g e n zu erlassen. Die meisten der unzuläng­lichen Unterschriften seien auf Unkenntnis der ge­setzlichen Bestimmungen zurückzuführen. Der Haupt­grund für das Verlangen nach dem Volksbegehren fei eine Herabsetzung der Staatsaus- gaben und eine Milderung des Steuer­drucks zu erreichen. (Beifall rechts.)

Abg. Heinftadt (Zentr.) ist der Mei­nung, daß das starke Betonen des erfolgreichen Ausgangs der künftigen Volksabstimmung durch die Parteien der Rechten nur die Furcht vor dem anderen Ausgang verberge; es sei dies mit der Methode Coue zu vergleichen. Der Vorwurf der Verschleppung des Begehrens fei zurückzuweisen; durch eine Reihe von Umstän­den konnte die Prüfung der Listen nicht früher beendigt werden. Schuld an der politischen äln- ruhe in Hessen hat nur der Wirtschafts-- und Ordnungsblock. Ohne Zentrum ist an ein Ge­lingen der Volksabstimmung im Sinne der Rechtsparteien nicht zu denken. 3n längeren Ausführungen setzt sich der Redner mit einem Bericht über eine Rede des Abgeordneten Kindt gegen das Zentrum auseinander. Das Zentrum werde dem Ausschuhcmtrag zustimmen.

Abg. Kindt (Dn.) stellt richtig, was er in der erwähnten Rede gesagt hat. Das Zentrum werde viele Anhänger verlieren, wenn es weiter so mit der Sozialdemokratie zusammen­gehe. Die Behauptung, daß der Wirtschafts­und Ordnungsblock schuld an der Erregung in Hessen sei, stelle die Dinge aus den Kopf; oft genug hätten die Rechtsparteien der Linien Ge­legenheit gegeben zur AeiDerung der Zustände, aber man habe schließlich den Wirtschafts» und Ordnungsblock gezwungen, das Volksbegehren einzuleiten. Wenn einmal einToter" sich in eine Liste eingetragen habe, so glauben Sie (zur Linken gewendet) doch selbst nicht, daß das ein Anhänger des Wirtschafts- und Ordnungsblocks war. Der Redner fragt an, ob im Bureau des Landeswahlleiters Listen mit den Ramen der Beamten angefertigt worden sind, die sich in die Listen für das Volksbegehren eingetragen haben? Daß über Hessen di e Geschäftsauf­sicht verhängt wurde, wäre der beste Beweis für die vollständige Llnfähigkeit der Koalitions­parteien. die hessischen Finanzen zu verwalten. (Lebhafter Beifall rechts.) Ahn 1.30 Llhr werden . die Beratungen abgebrochen; nächste Sitzung Donnerstag 9 Llhr.

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r Der Stapellauf derNeuyork".

Die Taufrede Bürgermeisters Petersens.

Hamburg, 20. Oft. (TTl.) Zu dem heutigen Stapellauf des neuen HapagdampfersReuyork" hatte sowohl die Reederei als auch die Bauwerft Blohm & Voß" zahlreiche Einladungen ergehen lassen. Der Hamburger Senat mit dem ^Bürgermeister Dr. Petersen an der Spitze war fast vollzählig erschienen, ferner Mitglieder der Bürgerschaft und eine Anzahl führender Per­sönlichkeiten des Hamburger Wirtschaftslebens. Von den St. Pauli-Landungsbrücken hatten zahl­reiche Dampfer und Barkassen viele Schaulustige Nach der Werft gebracht. Punkt 4 Llhr betrat Bürgermeister Dr. Petersen in Begleitur^ von Geheimrat Cuno und der Gattin des Bür­germeisters wo n Reu York, Mrs. Wal­ker, die mit Tannenreisern und Flaggen ge­schmückte Taufkanzel und hielt die Taufrede, in der er u. a. ausführte: Der Dürgermeister von Reuyork, Herr John Walker, hat mich gebeten. für ihn dem stolzen Schiffe, das wir in dieser Stunde seinem Element übergeben, die Taufrede zu halten. Wir begrüßen mit Herzlichkeit und Dankbarkeit seine Gemahlin, die über den Ozean ge­fahren ist, um die Taufe des neuen Schiffes unserer Hamburg-Amerika-Linie persönlich' zu vollziehen. Der Bürgermeister von Hamburg steht also hier für den Bürgermeister von Reuyork. Lassen Sie uns darin nicht nur einen Ausdruck persönlicher Kollegialität, sondern der inne­ren Verbundenheit von Reuyott und Hamburg im Zeichen der Weltwirt- schäft und des Weltverkehrs sehen. Der Idee des Friedens diene auch dieses Schiff, das eine weitere Derbindungsbrücke über den Ozean schlagen soll. Wir Deutschen glauben daran, daß atie und neue Welt sich finden werden im Dienste des Menschheits gedcmkens. Lassen Sie uns aus der Kraft solchen Glaubens diesem Schiff, das ein Symbol der Einheit der alten und neuen Welt ist, die Weihe geben und dem Geist jener Zeit huldigen, in der diese Sehnsucht erfüllt fein wird. Ich danke namens des Bürgermeisters von Reuyork allen denen, die dieses Werk ermöglichten. Ich danke Ihnen namens Hamburgs und hoffe von ganzem Herzen, daß dieses gemeinsame Werk der Kopfe und Hände helfen möge, die Rot zu lindern, die schwer auf unserem

| Volke liegt, daß es neue Arbeit schaffen möge, i denn, unser Voll schreit nach Arbeit. Wenn du hineinrauscht in dein Element, wollen wir d i e Stadt grüßen, von deren Hafen das ma­jestätische Sinnbild der Freiheit winlt, wollen wir uns freudigen Herzens zu der Mission be­kennen, der du zu dienen bestimmt bist, der Mission, das Vertrauen und die Freundschaft zwischen der alten und neuen Welt zu festigen und zu stärken, wollen wir dem Gelöbnis, durch die Arbeit unseres Lebens das gleiche Ziel zu erstreben, Ausdruck geben mit dem Rufe:Die Idee des Friedens, des Rechts und der Freiheit, die das Fundament aller Menschheitskultur ist, hoch, hoch, hoch!"

Mit den Worten:Ich taufe dich auf den RamenR e w Q) d r f zerschmetterte sodann Mist.' Waller die Flasche an dem nächsten Bug des Schiffes, worauf nach lautloser Stille unter Hochrufen der Anwesenden das Schiff stolz und sicher in sein Element glitt.

Reichsminifter Dr. Külz zur inneren Politik.

Der Finanzausgleich und die Länder.

Dresden, 20. Oft. (WTB.) 3n einer demo­kratischen Wahlversammlung süytte Reichsfinanz­minister Dr. Külz u. a. folgendes aus: Soweit man blicken könne, mache sich überall ein, starker Drang zur Zusammenfassung der politi­schen Kräfte bemerkbar. Der Sammlungsruf GaylJarres, der Wirthfche Ruf nach der Republi­kanischen Union, seien Symptome solcher Entwick­lung. Welche greifbaren Resultate sich jus den ver­schiedenen Sammlungsrufen ergeben werden, steht dahin; nur das eine steht fest: Je stärker und weit ausgreifender die Zusammenfassung der politischen Energien in den Einzelftaaten und dein Reiche ist, um so schneller und gründlicher wird positive und praktische Arbeit der Regierungen und Parlamente erreicht. Jede Unterstützung, ob sie von rechts oder links komme, sei gleich wertvoll. Das Wort: Niemals mit der Sozialdemokratie! sei für einen Angehörigen der Mittelpaneien ebenso töricht, wie das Wort: Niemals mit den Deutsch- nationalen! Die Frage der Staatsform soll man aus den Debatten ausscha11en; sie ist ge­löst, vielleicht nicht überall, durch Vertiefung des subjektiven republikanischen Glaubens, sondern auch durch dieverstandesmäßige Einsicht 'n die uner­schütterlich gewordene objektive Macht der Repub­lik"!. Im Verhältnis zwischen Reich und Länder sei für die nächste Zeit das Zentralproblem der Finanzausgleich. Ohne Einschränkung und Vereinfachung sei eine dauernde Gesun­dung der öffentlichen Finanzen nicht möglich. Die Finanzpolitik des Reiches und der Länder müsse die berechtigten Bedürfnisse der Wirtschaft berücksichtigen. Im Weltwirtschaftsverkehr vollziehen sich starke Wandlungen zum Besseren. Die Erkennt­nis wächst, daß über den von einem politischen Kurzblick aufgerichteten Grenzen hinaus die Win- schaft sich die Hand zu gemeinsamer Ordnung der Produktion und des Absatzes reichen müsse. Nach wie vor werde unsere ganze Entwicklung außen­politisch bedingt. Es gilt jetzt, die Rechte der Deutsch­land gegenüber betriebenen Gewaltpolitik zu be­seitigen. Das Ziel aller deutschen Außenpolitik sei nach wie vor die Befreiung Deutschlands und die Befriedung Europas.

Das Kabinett Seipel.

Das Regierungsprogramm.

Wien, 20. Ott. (WTB.) Der Hauptausschuß des Ratwnalrates erflärte sich mit der Von Dr. Seipel Vorgeschlagenen M i n i st e r l i st e in der von uns gemeldeten Form einverstanden. Der Rationalrat genehmigte darauf die Lifte in na­mentlicher Abstimmung mit 91 gegen 59 Stimmen. Bundeskanzler Dr. Seipel unterbreitete dann das Programm seiner Regierung. Er wies zu­nächst darauf hin, daß die K v n t i n u i t ä t in den Regcerungen seit seiner ersten Wahl zum Bundes­kanzler sowohl durch die Personen als auch durch die unverändert gleichgebliebeiren Grundsätze ge­währleistet fei. Ein älnterschied bestehe nur in der verschiedenen Anwendung dieser Grundsätze. Auf außenpolitischem Gebiete", erklärte Dr. Seipel,bleiben die von den bisherigen Regie­rungen eingehaltenen Grundsätze unverändert be­stehen." In den letzten Jahren habe niemand so viel Mühe darauf verwendet, zu sagen, wieviel Oesterreich mit dein großen Brudervolke, dem Deutschen Reich, verbindet, als er. In dieser Aufklärungsarbeit wolle er auch als Bundes­kanzler nicht ermüden.Wir sind überzeugt", so fuhr Dr. Seipel fort,daß der in diesem Jahre erfolgte Eintritt des Deutschen Reiches in den Völkerbund uns die Möglichkeit bietet, mit dem großen Bruderreiche auch im Völkerbund zusammen zuarbeite n." Heber die inner- politischen Absichten der Regierung sagte der Bundeskanzler, die Regierung werde sich un­entwegt an drei Grundsätzen halten: Wahrung des Gleichgewichts im Staatshaushalt, Vermeidung jedes Defizits in den Staatsbetrieben und Verwendung der bereits er­zielten und noch zu erhoffenden Erhöhung der Staatsmaßnahmen zur Herabsetzung der Steuerlasten für die in der Wirtschaft tätige Bevölkerung.

Die Dominions und die Außenpolitik.

Chamberlain auf der britischen Reichskonferenz.

London, 20. Okt. (WTB.) Der Staats­sekretär des Auswärtigen, Sir Austen Cham­berlain, erstattete heute auf der Reichskonfe-- renz einem ausführlichen Bericht über die außen­politische Lage, wie sie sich feit der letzten Kon­ferenz gestaltet hat. Darauf machte der Ober» fommiffar für Aegypten, Lord Lloyd, Mit­teilungen über die Lage in Aegypten Der Präsi­dent des Handelsamtes, Sir Ph. Lloyd- Grearne. berichtete über- die Lage des Welt­handels und den Fortschritt des wirtschaftlichen Verkehrs zwischen den Mitgliedern des britischen, Reiches und der Kolonialstaatssekretär Amerh über Kron-Kolonien und Protektorate. Wenn sämtliche Verhandlungen auch vertraulich waren, glaubt der BerlinerDag" doch initteilen zu können, daß Chamberlain u. a. etwa fol­gendes ausgeführt habe: Seit der letzten Reichs­konferenz habe sich das Bild verändert. Damals habe man sich mit der Besetzung deS Ruhr­gebietes und den VcrwiiÄungen. die dadurch

drohten, beschäftigt. Jetzt sei der Horizont ver­hältnismäßig geklart. Coeurno habe einen Wechsel gebracht, aber auch neue Probleme, die zu lösen wären. Allgemein gesprochen läge die Aufgabe der Konferenz darin, die Stellung der Dominions zur Außenpolitik zu bestimmen. Vom Standpunkt der Dominions aus betrachtet liehen sich die Fragen ungefähr so zusammensassen:

1. Welches ist Ihre Stellung in der lieber» nähme der Verpflichtungen aus den Lo - carnoverträgen?

2. Inwieweit ist es möglich, eine gemein­same Außenpolitik des Reiches zu formulieren?

3. In welcher Art können die Beziehun­gen der einzelnen Reichsteile untereinander verbessert werden?

Zum ersten Punkt habe Ministerpräsident King sich zweifellos den Beschluß des kanadi­schen Unterhauses zu eigen gemacht, daß, ehe die kanadische Regierung irgendeinen Vertrag an­nehmen könne, der militärische oder wirtschaft­liche Sankttonen mit sich bringe, die Genehmi­gung des kanadischen Parlamentes eingeholt werden müsse. Zum zweiten Puntte vertrete King die Ansicht, daß die Inter­essen der Reichsteile so verschiedenartig feien, daß eine feste Theorie für untergeordnete Fragen dec Außenpolitik nicht möglich sei. Er glaube je­doch, daß in allen fundamentalen Fragen, die das ganze Reich berühren, eine engere Z u- sammenarbeit aller Teile eingesührt werden solle. Baldwin habe diese Zusammenarbeit in seinen Ausführungen über die,Flotten er­wähnt. Er habe gesagt, es sei möglich, in dem vereinigten Reiche separate Flotten zu haben. Es sei jedoch nicht möglich, separate Flotten zu führen, wenn das Reich nicht eine gemein­same Außenpolitik treibe, die die Aktionen der Streitkräfte in den verschiedenen Reichsteilen leiste. Baldwin habe hinzugefügt, es sei offen­sichtlich, daß bei der Orientierung der Außen­politik die Dominions zu Rate gezogen werden müßten. Er habe erklärt, das Problem sei, wie man die führenden Selbstverwaltungen in der Behandlung der Außenpolitik vereine, damit diese annehmbar für die verschiedenen Regierun­gen und Parlamente werde.

Kleine politische Nachrichten.

Der Herr Reichspräsident empfing den deutschen Gesandten in Warschau, Rauscher und begab sich später zum Besuch des bremischen Senats nach Bremen.

Der frühere deutsche Reichskanzler D r. Luther wird für Montag als Ehrengast der argentinischen Nation in Buenos Aires er­mattet.

Der Reichskunstwart Dr. Redslob hatte eine Besprechung mit einer Anzahl von namhaften Künstlern, die ihm ihre Ansichten zur Frage des Reichsehrenmals vom künstlerischen Stand­punkt aus barlegten.

Die Saarregierung lehnte in einem Schreiben an den Völkerbund die von der Handels­kammer geforderte Wiedereinführung der Reichsmark ab, weil angeblich hierdurch der Vettailler Vertrag geändert werde. Angesichts des Rechtes Frankreichs, Grubenzahlungen in franzö­sischem Gelde zu leisten, entstünde ein Währungs­dualismus, den die Saarbeoölkerung großenteils ablehne.

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Königin Maria von Rumänien, Prinz Ricolas und Prinzessin Jleana machten einen offiziellen Besuch beim Präsidenten Cso­lid g e. Amerikanische Zeitungen heben die Tatsache hervor, daß Matta die erste Königin sei, die von dem amerikanischen Präsidenten empfangen wurde.

Einer der ältesten sozialistischen Führer Ameri­kas, Eugene Viktor Sebs, ist gestorben. Er hatte als Präsident des Eisenbahneroerbandes zahlreiche große Streiks organisiert und war fünfmal sozia­listischer Kandidat für d i e Präsident­schaft der Vereinigten Staaten, das letzte Mal, als er eine zehnjährige Gefängnisstrafe verbüßte, zu der er wegen Aufforderung zum Un­gehorsam gegen die Gesetze verurteilt worden war.

Das Mitglied des japanischen Oberhauses H i o k i, Japans Delegierter auf der chinesischen Zolltarifkonferenz im Jahre 1925 und der erste japanische Botschafter, der nach dem Kriege in Ber­lin akkreditiert wurde, ist gestorben.

Aus aller Wett.

Schnee im Schwarzwald.

Freiburg i. Br., 21. Ott. (WTB. Funk- spruch.) Bei bis drei Grad Kälte ist heute nacht im Schwarzwald Schneefall ein getreten bis zu einer Tiefe von etwa 900 Meter herab. Auf dem F e l d b e r g beträgt die Reuschneedecke über 7 Zentimeter. Der Schneefall dauert an.

Orkan in Weslindien.

Wie das kubanische Konsulat in Miami meldet, sind in Havanna mehr als 150 Wohn­häuser durch einen Orkan beschädigt worden. Die Eommercial Eable Company gibt bekannt, daß die Verbindung mit Havanna durch einen Sturm von orkanartigem Ausmaß unter­brochen fei. Der Orkan, rückt nach Mitteilun­gen von meteorologischer Seite augenscheinlich gegen die Ostküste von Florida vor, Das amtliche Wetterbüro in Miami teilt mit, daß der Orkan mit verheerender Gewalt über den westlichen Teil der Insel Kuba hinweg- gegangen ist.

Der vergrabene Goldschatz.

Vor dem erweiletten Schöffengericht Aachen sand der Prozeß toegen des Diebstahls eines von der Firma William Prym G. m. b. H. Stolberg seinerzeit in ihren Waldungen vergra­benen Goldschatzes statt. Die Firma Prym vergrub im Jahre 192 3 deutsche und fremd­ländische Goldmünzen im Gesamtwette von 1600 000 Matt an verschiedenen Stellen ihres Waldbesitzes bei der Auffenburg. Das Geld war In 80 eigens zu diesem Zwecke angefertigten Zinkkästen verpackt, deren jeder etwa 20 000 Matt enthielt. Ende 1924 begann die Firma mit der allmähligen Ausg rabung der Goldmünze, um sie bei den Danken umzutauschen. Am Ver­graben und Ausgraben waren bis Anfang 1925 nur Familieninitglleder beteiligt. Anfang 1925 zog die Firma dann den Privatsekretär des Hauses, den Angeklagten G r i n g s inS Vertrauen und zeigte ihm, wo noch Geld ver­

graben war. Grings setzte sich hierbei mit dem Förster Schweikert in Verbindung, und dieser hat dann im Verein mit dem Pächter D r ü ckmann nach dein Schatze gegraben, zunächst allerdings erfolglos. Später sand der Pächter dann allein Zinkkästen und Münzen und im Anschluß daran mit Brückmann zusammen noch zwei weitere Kästen an der glei­chen Stelle. Der Fund, insgesamt 140 000 Mk., wurde zwischen Frings, Schweikert und Brück­mann geteilt. Die Angeklagten waren in der Hauptsache geständig. Der als Zeuge vernommene Fabrikant Franz Prym gab an. aus Furcht vor dem drohenden Bolschewismus das Geld, das die Firma sich aus Holland ver- schaffl hatte, im Jahre 1923 vergraben zu haben, nachdem es bereits ein Jahr lang in den Geld­schränken geruht hatte. Cs wurden verurteilt: Frings zu sechs Monaten, Schweikert zu vier Monaten und Brückmann zu drei Monaten Ge­fängnis.

Blutige Familienlra.qödie in einem englischen

Schloß.

In einem Städtchen der Grafschaft West- Burton erschoß der 65jährige Colonel Edward W r a y seine Frau und seinen 21jährigen Sohn, versuchte das Schloß W e st h o l m e. das die Fa­milie bewohnte, in Brand zu setzen und beging 'barm Selbstmord. Man nimmt an. daß der Colonel plötzttch irrsinnig geworden ist.

Der neue Stuttgarter Rundfunksender.

Seit ungefähr einem Jahr werden die m den großen deutschen Städten befindlichen Rund­funksender (Hauptsender) durch Sender größerer Leistung ersetzt, um die Detektor-Reichwelte in flUenJBeairfen nach Möglichkeit ^u erhöhen und die Teilnahme am Rundfunk unftftr breiteren Schichten der Bevölkerung zu ermöglichen. Als einer der letzten dieser Ersatzbauten befindet sich zur Zeit der an die Stelle des 1,5 Kilowatt- Senders tretende neue Stuttgarter Rundfunk­sender, der eine Röhrenleistung von neun Kilo­watt und eine Telephonieleistung von etwa drei Kilowatt besitzen wird, im letzten Stadium der Montage. Die in Degerloch, einem kleinen Vor­ort. sechs Kilometer von Stuttgart entfernt, aus- gefühtten Arbeiten am Sender sowie an der an zwei je 100 Meter im Abstand von 138 Meter aufgestellten freistehenden Masten ge­spannte Antenne sind soweit vorgeschritten, daß mit der Inbetriebnahme des neuen Senders im Oktober dieses Jahres bestimmt zu rechnen ist.

Wettervor

Temperaturen und Bewölkung wenig verändett, nochmals trocken.

Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 9 Grad Celsius, Minimum 0,1 Grad Celsius. Heutige Mor­gentemperatur 1,5 Grad Celsius.

Aus -er prssWalhauprstadt.

Gießen, den 21. Oktober 1926. /

Die Basler Mission in Giehen.

Ein Vortag über Kamerun.

hr. Am gestrigen Mittwochabend stand em Mann am Rednerpult, der trotz seiner silber­weißen Haare mit feiten jugendlicher Frische und hoher Begeisterung für seinen edlen Beruf und fein schweres Amt zu feiner gespannt lauschenden Zuhörerschaft sprach. Missionar Keller, jetzr in Heidelberg im Dienst der Basler Mission tätig, ist selbst 30 Jahre lang in Kamerun gewesen. Er sprach von der Religion der Küsten­stämme in Kamerun und von den furchtbaren Geheimbünden, unter die die Eingeborenen dort versklavt sind.

Der Gottesname in Kamerun ist kein einheit­licher, obschon in der Vorstellung im großen gan­zen ilebereinftimmung herrscht. Man muß tren­nen zwischen Inland und Küste, und muh sich der Einteilung der afrikanischen Völler in die Bantu­völker und die nördlich von diesen lebenden Sudanesen bewußt bleiben. Ryambe ist der Rame des Gottes bei den Duala, dem Hauptvolk der Küste von Kamerun, dieser Rame aber erscheint, immer etwas abgewandelt, bei allen Böllern Kameruns. Ryambe ist der Schöpfer Himmels und der Erden, der alles gemacht hat. Zu dieser monotheistischen Vorstellung, manchmal aller­dings mit Pantheistischem Einschlag, ist die Viel­götterei getreten: Dieser große Gott hatte ur­sprünglich mit den Menschen verkehrt, und zur Zeit des Vollmonds durften die Menschen auf einer langen Leiter zur Stadt des Gottes hin- aufkommen. Dann aber trat, ähnlich dem Sünden­fall im Alten Testament, ein Zwischenfall ein. die Menschen betrogen Gott, der sich nun in die weite Ferne zurückzieht und den Verkehr mit den Menschen ganz einstettt. Weil er nicht mehr nahe ist, kommt die große Geisterschar dazwischen (Polytheismus). Dieser Geisterglaube führt zum Götzendienst, die Geister selbst sind unsichtbar, unfaßlich und unbegreiflich; die Menschen aber brauchen Sichtbares. Handgreifliches und schaffen sich ihre Götzen; diese Figuren, seien es mensch­liche oder tierische, sind in Kamerun aber nie Gegenstand der Anbetung, sondern nur Wohn­sitz des Geistes. Die Leute tragen Amulette bei sich, vom tauberer gemacht, der Redner zeigte ein kleines Hom der Zwergantilope, das um den Hals getragen, und ein Bällchen, das um die Hüfte getragen wird. Diese Amulette schützen vor Krankheit, vor Diebstahl oder dienen zur Ermittelung des Diebes, oder bewirken, daß in der Familie reicher Kindersegen eintritt, das höchste Glück, das die Eingeborenen kennen, oder sie werden angewandt bei der Rache am Feind; wenn man seinem FeindeMedizin legt", sv wirkt diese Drohung den Tod des Betreffenden. Wir können heute kaum mitfühlen, was die Heiden an solche Dinge anschlieht. Das furcht­barste aber, was den Eingeborenen die unge­heuerste Angst einflößt, sind die Geheim - b ü n d e, die Geistervereine, L o s a n g o genannt, deren es eine Unzahl gibt, die sich z. B. an den Elefanten, den Büffel, den Waldgeist Munki oder den Wassergeist Djengu anschliehen. Man muh erst einmal gehört haben, dah der Geheim­bund der Munkis unbarmherzig den Leuten mit einem glühenden Hackmesser die Köpfe abschlägig oder das Djengu-Fest 18 Tage fang unter den albernsten Zeremonien gefeiert wird, um zu wissen, wo die stärkste Macht des Heidentums in Kamerun liegt; von diesen Losangos geht Furcht und Schrecken über das ganze Land aus.

Zur Religion gehört fernerhin die Ahnen« Verehrung, die besonders im Inland ausge­prägt ist. Das Leben nach dem Tode stellt man sich ähnlich dem Leben auf dieser Welt vor: wenn ein Häuptling stirbt, so werden Leute umgebracht, damit der Häuptllng auch im Jenseits noch

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