Zeit der Dtidinger Pfarrer Heinrich Bellers, heim.
Van diesen Männern, zu denen noch eine Reihe weiterer Prediger des „heilig Evangelium und Wort Gottes" kommt, geht — und das ist das Zweite — eine evangelische Bewegung aus, die weite Kreise ergreift. Namentlich werden in den Dann dieser Bewegung Bürger in den Städten und Bauern auf dem Lande geschlagen. Die Bewegung nimmt also den umgekehrten Gang wie die Reformationen, die sie ablösten. Sie geht nicht von oben nach unten. Sie beginnt in der Mitte, bei Geistlichen und Mönchen, die von Luthers Schriften angestcckt sind, senkt sich dann nach unten und richtet sich hierauf als Volksbewegung von unten nach oben. Ihr Ziel ist es, daß die Fürsten und sonstigen Oberen das Werk der Reformation an die Hand nehmen. Wo dies, wie im Hessischen und im Riedeselschen, im Zusammenhang mit dem Reichstag von 1526 geschah, flaute die Bewegung ab. Sie war überflüssig geworden. Wo sich aber die Oberen sperrten, da hielt sich die evangelische Bewegung und ward von Jahr zu Jahr stärker. Sie ward schließlich vielfach so stark, daß sie den Charakter einer gefährlichen Bewegung annahm. Es läßt sich dies alles an scher großen Zahl von Beispielen beweisen. Auf einige sei hier hingewiesen. In Butzbach war am Ende der 20er Jahre die evangelische Bewegung unter den Bürgern so stark, daß Ausschreitungen gegen die am alten Glauben hangenden Kugelherrn vorkamen. In dem benachbarten Ober-Mörlen wagte man es im Jahre 1528 nicht, den dort amtierenden katholischen Priester zu versetzen und einen anderen katholischen Pfarrer auf ihn folgen zu lassen, „angesehen, daß die Bauern zu Morlin in die anligende Landgrcffischen (hessischen) Flecken, do man Lutherische prediget, laufen, Predig hören, alle gelert werden und oill vom Glauben und dem Evangelia zu reden wissen, und so einer, der inen mit der Schrift nit begegnen künde, des Orts verordnet, würden üe inen verlachen, verachten und gantz vernichten, daraus nichts gute volgen macht". In Grüningen war im Jahr 1534 die evangelische Bewegung derart bedeutend, daß das Testament eines aus dem Ort stammenden Weihbischofs, in dem von der Stiftung von „Messen, Vigilien und solichen Sachen" die Rede war, als in diesen Punkten undurchführbar erklärt ward, dieweilen „in der Landart umbhere" große Endcrung, Uffstürtzunge und Verwerfung solicher Dinge" vorhanden sei. Von starken evangelischen Bewegungen künden uns ferner Akten aus den 30er und 40er Jahren, die aus Rockenberg, Nieder-Mörlen, Friedberg, Burg Friedberg, Ilbenstadt, Assenheim, Bad-Nauheim und anderen Orten vorliegen.
Auf diese evangelischen Bewegungen ist bisher noch nicht genügend geachtet worden. Wer das aber tut, kommt zu der Erkenntnis, daß die Zeit, die mit Luthers Thesenanschlag beginnt, in zwei Perioden zu scheiden ist: die Zeit der evangelischen Bewegung und die Zeit der Reformation. Die Abgrenzung der beiden Zeiten ist für die verschiedenen Territorien und innerhalb dieser Territorien für die verschiedenen Gemeinden verschieden. Wo aber für ein Territorium die Zeit der evangelischen Bewegung aufhört und die Zeit der Reformation beginnt, da spielt jedesmal der Abschied des Speyerer Reichstags von 1526 oder eine andere, auf ihm fußende reichsgesetzliche Regeluna eine Rolle. Der Speyerer Reichstag von 1526 ist darum als ein Ereignis er st en Grades zu bezeichnen. Er hat die Rechtsgrundlage geschaffen, von der aus allein ein liebergang von der Volks bewegung zu der reformatorischen Arbeit der Obrigkeit möglich war. Dieser Uebergang war aber ebenso notwendig wie segensreich. Notwendig um dessentwillen, weil die evangelische Bewegung als eine von dem Willen der Obrigkeit nicht getragene Bewegung von Priestern, Mönchen, Bürgern und Bauern immer in der Gefahr stand, die Schranken, die gesetzt waren, zu überspringen und in das Fahr» wasser des Radikalismus zu geraten, wie das bei der Bewegung in einzelnen lichtscheu Orten zur Tatsache geworden ist. Segensreich um dessentwillen, weil erst die von der Obrigkeit an die Hand genommene Reformation die nötige Ordnung schuf, indem sie durch eine planmäßige Arbeit von oben nach unten das gesamte Kirchenwesen einer völligen Umgestaltung unterzog.
Luthers Lebensanschauung im Spiegel seiner LibelSbersetzung. Don D. Hans Schmidt, o. Prof, der Theologie an der Universität Gießen.
Wenn man die lebengestaltenden Kräfte, deren Wirken sich das Hessenland vor vierhundert Jahren durch sein Bekenntnis zur Reformation erschlossen hat, aufzählt, so gehört an die Spitze ein Buch: die „Biblia oder die ganze Heilige Schrift Akten und Reuen Testaments, verdeutscht durch Martin Luther". Was dieses Buch für d e Sprache und Sitte, für die Frömmigkeit und die Lebensführung unseres Volkes bedeutet hat, liegt am Tage. Als am 21. Oktober 1526 auf der Synode von Homberg an der Efze der von Martin Luther begeisterte französische Mönch Lambert von Avignon, berufen von Philipp dem Hochgemuten von Hessen, in 156 Thesen eine neue Ordnung der Kirche forderte, war einer der neuen Gedanken, den er vvrtrug, daß alltäglich in der Frühe ein Gottesdienst ge- halten werden solle, lediglich um die Schrift Alten und Reuen Testaments dem Volke vertraut zu machen.
Von Martin Luthers Übersetzung lag damals erst das Reue Testament und von dem Alten Testament ein Druck der zehn Gebote und des Psalters vor. Aber auch damit war Martin Luther bereits eine Möglichkeit gegeben, täglich zlu den Hessen zu reden. Sprach er in diesen Druckschriften — denn die Bücher der Bibel gingen zunächst einzeln aus — nur als Heber« seher, das heißt als Verkünder und Diener der Gedankenwelt, der Erfahrungen anderer?
Wer das meint, der verkennt, daß jede Lleber- sehung, zumal wenn sie von einem originalen und eigenwilligen Menschen stammt, auch etwas von seiner Wesensart an sich trägt. Besonders tritt das da hervor, wo ein Schriftwerk an sich dunkel oder mehrdeutig oder schwer verständlich ist. Solcher Stellen gibt es namentlich im Alten Testament nicht wenige. Es ist für jeden, der die Bibel in ihrer Ursprache liest, ein eigener Genuß, gerade bei ihnen die Übersetzung Martin Luthers aufzuschlagen. Seine Wesensart und Lebensanschauung treten einem dabei lebendig vor ' Augen.
Ich greife drei Stellen heraus, die noch heute der Wissenschaft rechte Schwierigkeiten machen: Psalm 46,5; Psalm 90, 10; Psalm 116, 10.
Der 46. Psalm — es ist das trotzige Lied, dem Luther seinen Choral »Ein feste Burg ist unser Gott" nachgesungen hat — spricht zuerst
Die Einführung der Reformation in Hessen.
Don D. vr. Gustav Krüger, o. Professor der Theologie an der Universität Gießen.
Am 27. August 1526 faßten die zu Speyer versammelten Stände des Reichs mit Zustimmung der kaiserlichen Regierung den einhelligen Beschluß, daß „in Sachen der Religion und des Wormser Edikts jeder Stand so leben, regieren und es halten solle, wie er es gegen Gott und Kaiserliche Majestät zu verantworten sich getraue".
Dieser Beschluß bedeutete kein Wohlwollen gegen die Reformation; er war lediglich Ausdruck der Tatsache, daß sich die streitenden Parteien nicht zu einigen vermochten. Endgültige Regelung erhoffte man nach wie vor von einem allgemeinen Konzil, dessen baldige Berufung dem Kaiser ans Herz gelegt werden sollte, zu dem es aber niemals gekommen ist. Durch den Wortlaut des Beschlusses war den einzelnen Ständen das Verhalten zur Reformation sozusagen ins Gewißen geschoben.
Damit hatte auch für die Landgrafschaft Hessen die Stunde geschlagen, in der die schon lange im Fluß befindliche evangelische Bewegung in feste Formen gefaßt werden konnte. Landgraf Philipp hatte jhr anfangs keineswegs freundlich gegenüber» gestanden. Zwar hat seine Haltung schon in Worms den klugen päpstlichen Legaten Aleander in ihm den „ganz bösen Lutheraner" wittern lassen, und ohne Eindruck war Luther sicher nicht auf ihn geblieben, er hätte ihm sonst nicht gesagt: ,^)bbt Ihr Recht, Herr Doktor, so Helf Euch Gott." Als Regent ließ er sich dadurch nicht bestimmen. Das bekamen die Männer zu spüren, die in den Jahren nach Worms für die evangelische Bewegung in hessischen Landen eintraten: Tilemann Schnabel in Alsfeld mußte außer Landes gehen, Bartholomäus Riseberg in Immenhausen saß wochenlang zu Grebenstein im Turm, ehe es ihm gelang, zu entfliehen. Erft seit 1524 begann sich der Landgraf mit Ueberzeugung der evangelischen Bewegung zuzuwenden. Zeugnis dafür sind seine Briese, vornehmlich die an Herzog Georg von Sachsen, seinen Schwiegervater, gerichteten, aus denen seine persönliche Anteilnahme an der evangelischen Sache bei wachsender Vertrautheit mit Luthers Bibel und den Kirchenvätern heroor- leuchtet. So verstehen wir, daß er in erster Linie zu denen gehören wollte, die sich's vor Gott und Kaiser zu „verantworten" getrauten, mit der kirchlichen Reform in ihren Landen zu beginnen. Als Vorbild konnte dabei Kursachsen dienen, wo die Visitationen, d. h. die behördlichen Maßnahmen zur Aufdeckung und Beseitigung kirchlicher Mißstände sofort eingesetzt hatten. Aber Philipp ging seinen eigenen Weg.
Er berief auf den 20. Oktober 1526 einen kirchlichen Landtay nach Homberg an der Efze: „Wir haben vor, mit allen unfern Untertanen geistlichen und weltlichen Standes in den christlichen Sachen und Zwiespalten durch Gnade des Allmächtigen zu verhandeln." Als seinen Berater in diesen Dingen hatte er Franz Lambert aus Avignon herangezogen, den Luthers Weckrufe und Zwinglis Redegewalt aus einem eifrigen franziskanischen Dußprediger zum feurigen Verfechter evangelischer Lehre umge° wandelt hatten. Am Sonntag, dem 21. Oktober, trug dieser Lambert in der Hornberger Kirche einer zahlreichen Versammlung von Geistlichen und Vertre- tern der Klöster, der Ritterschaft und der Städte 158 Streitsätze vor, die er in längerer Rede aus der Schrift zu erhärten wußte. Sein Gegner In der Disputation, der Franziskaner Nikolaus Ferber aus Marburg, vermochte nicht, ihn zu widerlegen, ent- blödele sich aber nicht, den Landgrafen selbst mit "spitzigen und hitzigen Worten" als Förderer einer bereits verdammten Ketzerei und Klosterräuber anzuklagen. Er unterlag, und die Synode beschloß, die Lambertschen Sätze zur Grundlage einer demnächst zu entwerfenden Kirchenordnung zu machen.
Lambert war ein radikal gerichteter Geist. Sein Ideal war die Gemeinschaft der Heiligen, wie sie im Bekenntnis gelehrt wird, in dem Sinn, daß darunter zu verstehen sei der auf Grund persönlicher Willenserklärung erfolgte Zusammenschluß überzeugter Christen zu Gemeinden („Kirchen^), deren Glieder als die wahren Gläubigen sich von den Draußenbleibenden als Heiden geschieden wissen. Auf diesem Grundgedanken ist die Reformatio ecclesiarum (b. h. der „Kirchen", nicht der „Kirche")
Hassiae aufgebaut, die der Landgraf durch Lambert ausarbeiten, aber nicht in feinem ober bes geistlichen Stanbes, fonbern gemäß den darin entwickelten Grundsätzen im Namen der Synode ausgehen ließ, und die als „Hornberger Kirchenordnung" berühmt geblieben ist. Besonders bemerkenswert ist darin die bewußte Durchführung des reformatorischen Grundsatzes vom allgemeinen Priestertum der Gläubigen: die zur Gemeinde („Kirche") zusammengefaßten gläubigen Christen finden ihre regelmäßige (Erbauung in Gottes Wort, wählen sich selbst ihre Pfarrer („Bischöfe") und üben selbst die Kirchen- zucht, eine jede in sich und alle untereinander, indem sie alljährlich ihre Abgeordneten sich zur Synode, d. h. zur Beratung gemeinsamer Angelegenheiten, versammeln lassen. Diese Synode bestimmt aus ihrer Mitte Visitatoren, welche die Aufgabe haben, die kirchlichen Zustände der Einzelgemeinden und insbesondere die „Bischöfe" auf ihre Tauglichkeit mit Vollmacht der Absetzung zu prüfen. Dabei gab man sich der Hoffnung hin, daß nicht nur die hessischen Gemeinden, sondern auch die Gemeinden an- berer, dem Evangelium zugeneigter Gebiete sich an die neue Ordnung anschließen und so ein großes, gleichmäßig geordnetes evangelisches Kirchenwesen entstehen würde.
Dieser eine geniale Hand verratende, jedenfalls gedankenreiche und von hohem religiös-sittlichen Verantwortungsgefühl getragene Entwurf ist nicht zur Ausführung gekommen. Philipp hat sich durch Luthers Abmahnung schrecken lassen, der ihn auf eine Anfrage warnte, „so ein Haussen gesetze mit o mechtigen Worten bet) uns furzunemen". Wohl )atte Luther in seiner „Deutschen Messe" grundsätzliche Aeußerungen getan, die Lamberts Gedanken entgegenkamen und diesen anscheinend beeinflußt haben. Aber er und die Wittenberger hatten zu viel Erfahrungen gemacht, um sich von einer zwar idealistisch empfundenen, aber den realen Verhältnissen nicht angepaßten Neuordnung Erfolg zu versprechen. So verschwand der Entwurf in der Versenkung. Nicht aber die Reformation, die der tat» kräftige Landesherr nunmehr selbst in die Hand nahm. Dabei bediente er sich vornehmlich des Rates seines Hofpredigers Adam Krafft, in dem wir den eigentlichen Reformator Hessens zu sehen haben. Vier vom Landgrafen ernannte Visitatoren, außer Krafft die landgräflichen Beamten Otto Hund, "Kraft Rau und Heinz von Lüder, erhielten den Auftrag, die nach dem Vorbild von Luthers „Deutscher Messe" zuerst an der Pfarrkirche in Marburg eingeführte neue Gottesdienstordnung allen Gemeinden des Landes als Muster zu überbringen, überall die katholischen Zeremonien zu beseitigen und Ordnung im Pfarramt, im Schulwesen und in der kirchlichen Vermögensverwaltung zu schaffen. Ein derartiges Vorgehen mußte natürlich den Widerspruch der geistlichen Oberen des Hessenlandes, insbesondere des Erzbischofs von Mainz, Hervorrufen. Aber Kurfürst Albrecht hatte mit der evangelischen Bewegung im eigenen Lande genug zu tun, um solchem Widerspruch handgreiflichen Nachdruck geben zu können. Auch bot ja der Beschluß von Speyer dem Landgrafen genügende Handhabe. So kam es zu dem Vertrage von Hitzkirchen (1528), in dem sich der Mainzer, widerwillig genug, Aur Anerkennung des selbständigen Vorgehens des Landgrafen verstand. Dieser aber setzte 1530 den Schlußstein der neuen Ordnung, indem er sein Land in sechs Superintendenturbezirke teilte: Marburg unter Krafft, Kassel, Rotenburg, Alsfeld, wo der inzwischen zurückgerufene Schnabel des Amtes waltete, Darmstadt und St. Goar.
Daß solcher Neubau des Kirchen-, Schul- und nicht zuletzt des Armenpfleaewesens viele Mittel erforderte, liegt auf der Hand. Sie zu beschaffen, bot sich der reiche Klosterbesitz, der schon seit langem mehr dazu diente, wohlhübiae Gewohnheiten der Klosterherren als wohltätige Zwecke der Oeffentlich- keit zu befriedigen. Philipp durfte sich bei der Einziehung dieser Güter einer reinen Hand rühmen. Seinem Grundsatz, „von den geistlichen Gütern nicht einen Pfennig zu berühren , das heißt aber, sie nur zu gemeine i Nutzen zu verwenden, ist er treu gewesen. Auch fand er nur in wenigen Fällen,
$.23. bei den Deutschherren in Marburg und den Zisterziensern von Haina, selbstsüchtigen Widerstand. Im großen und ganzen vollzog sich der Uebergang ohne ernstliche Reibungen und Schädi- gung. Von der guten Verwendung der freigeworde- nen Einkünfte aber zeugten die in den nächsten Jahren errichteten Kirchen, die fortschreitende Besserung der Pfarrbesoldungen, die Gründung von Schulen und vor allem von Hospitälern (Merxhausen, Haina, Gronau und Hofheim), in denen die Bedürftigen „ohne Heller und Pfennig, lauter um Gottes willen angenommen und ihr Geben lang mit Speise, Trank, Herberge und Kleidung ehrlich ver- sorgt und versehen" mürben. Viele Hunderte sind oft in diesen Anstalten zu gleicher Zeit verpflegt worden. Einen besonderen Ruhmestitel aber schuf sich der Landgraf durch die Gründung der aus Klostergut dotierten Universität Marburg (1527). Damit erhielt die reformatorische Lehre und mit ihr ber religiöse Fortschritt bie zweite Bildungsstätte:
ranj ßambert, Adam Krafft unb Erhard Schnepf der spätere Reformator Württembergs, bilden das Dreigestirn, das über ihren Anfängen leuchtete.
Daß bie Reformation Philipps, also eine kirchen- regimentliche Arbeit von oben her, so gute Erfolge 3ciligte, wie es tatsächlich ber Fall war, hat seinen Grund nicht zuletzt darin, daß sie überall auf der evangelischen Bewegung in den Gemeinden, also einer religiösen Bewegung von unten her, fußen konnte. Wie rasch Reformation unb evangelische Bewegung in Hessen miteinander verwachsen sind, bas soUte sich in der Zeit bes sog. Interims (1548) zeigen. Aach dem unglücklichen Ausgang des schmalkaldi- schen Krieges hatte ber Kaiser aufbem Augsburger Reichstag eine Regelung ber kirchlichen Angelegenheiten durchzusetzen verstanden, zufolge deren in Lehre und Brauch bie katholische Auffassung vorge» schrieben, ben Protestanten lebiglich Laienkelch unb Priesterehe, unb auch diese nur interimistisch, b. h. bis zum nächsten Konzil, zugestanden wurden. Der als Gefangener des Kaisers schwergeprüfte Landgraf willigte in den Beschluß. Aber seine Einführungsbefehle stießen bei ber Geistlichkeit auf unbeugsamen Wiberstand. Höchstens daß man sich, um ber Befreiung bes Lanbgrafen willen, bazu verstehen wollte, einige Zeremonien zu erneuern ober zu dulden. Aber das evanaelische Volk war selbst dazu nicht zu bewegen. Ein Pfarrer im Ornat durfte sich nicht blicken lassen, und auswärtige Meßpriester zu beschaffen, wollte ber Regierung bei bem überall be- stehenben Klerikermangel nicht gelingen. Man wußte in Hessen zu gut, was auf bem Spiele stanb. Suchte boch ber Erzbischof von Mainz, nun nicht mehr Albrecht, sondern Sebastian, die gute Gelegenheit auszunutzen, um die Gerichtsbarkeit über die hessische Geistlichkeit zurückzugewinnen. Weder bas Interim noch bie Mainzer Rekatholisierungsversiiche haben den Hessen Einbruck gemacht. Dem Lanbgrafen gegenüber aber rechtfertigten die Geistlichen ihre Stellung in bem schönen Schreiben, mit dessen Mitteilung diese Zeilen abgeschlossen werden mögen: „Wenn wir mit Gottes Hilfe beständig bleiben, haben wir Menschen unb Teufel zu Feinden, das ist gewiß. Aber die Menschen sterben, unb bie Teufel werden verdammt. Fallen wir aber ab unb verleugnen die Wahrheit, so haben wir Gott selbst, alle Engel und Heiligen zu ewigen Feinden, welcher Zorn unb Feindschaft ewig währt, davor Gott unteren gnädigen Fürsten unb Herrn, alle lieben Christen unb uns gnäbiglich bewahren wolle ewiglich. Amen."
*
Als nnpfehlenswerte Literatur zur Reforma- tivnsgeschichte Hessens verwe.se ich auf folgende Werke, wobei die mit * bezeichneten für einen allgemeinen Leserkreis bestimmt sind:
Beiträge zur hessischen Kirchen- aeschichte, bisher 8 Bänbe, 1901—1926, im Selbstverlag bes Historischen Vereins für Hessen als Erziehungsdänbe bes Archivs für hessische Geschichte unb Altertumskunde erschienen. Darin: F. W. Schaefer, Adam Krafft, der Refor» mator Hessens. 5, 1911/12. S. 1—46; 67—110.
* Diehl, Wilhelm, Reformationsbuch der evangelischen Gemeinden bes Großherzogtums Hessen. (Hessische Volksbücher 31—36.) 2. Auflage. Friedberg 1917, Selbstverlag des Herausgebers.
*Diehl, Wilhelm, Evangelische Bewegung unb Reformation im Gebiet ber heutigen hessen
von „großen Röten", von Stürmen und Wirren einem Weltuntergang gleich: »Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken; wenngleich das Meer wütete und waltete, und von seinem Ungestüm de Berge einsielen." Demgegenüber tritt das Bild der „Stadt Gottes", die in unbewegter Ruhe im Sturm der Elemente steht. Der hebräische Urtext liest hier: „Em Strom, seine Bäche erfreuen die Gottesstadt, das Heiligste unter den Wohnungen des Höchsten".
Wir wollen die verschiedenen Versuche, den Sinn dieser dunklen Stelle zu ergründen, nicht alte aufzählen. Einige erinnern an die Großstädte des alten Orients: Theben am Ril, Babel am Euphrat, Rinive am Tigris, die alle ihren mächtigen Schutz in dem Strom haben, zwischen dessen Armen sie erbaut sind. Andere wirsen auf die leuchtenden Bilder der Apokalhs t k vom Strom des Lebens hin, wieder andere gehen andere Wege.
Wie hat Luther diesen schwierigen Text wiedergegeben? Als er zum ersten Male — 1513 — über den Vers im Kolleg vorgetragen hat, versucht er eine allegorische Deutung: Der Strom, so meint er damals, ist der „überströmende Reichtum" der „Gnade Gottes". In der ersten von ihm selbst gefertigten Handschrift seiner Übersetzung schreibt er die Worte an den Rand: „mala iaetificant“, zu deutsch: Auch das Böse muh Gottes Stadt zur Freude dienen.
Als aber die erste Ausgabe der Psalmen- Uebersetzung vergriffen war und Luther und seine gelehrten Freunde in seinem Arbeitszimmer beieinandersaßen, um den Text der Hebersehung überzuprüfen, da — wir haben die Protokolle dieser Arbeitszusammenkünfte — schlägt Luther nacheinander folgende Übersetzungen des schwierigen Textes vor:
1. „Dennoch wirds ein fein lustiges ftettlin sein und fein wasser und brünlin haben,"
2. „wird die stad Gottes fein lustig sein und fein wasser brünntein haben,"
3. „sol die Stad Gottes in Freuden schweben" (darüber steht: „lustig fröhlich sein")
4. „eine feine stad sein, bleiben und yhre brünlin haben, wel (oder) mit hren brünlin."
Wir sehen, wie der Wortlaut, den wir heute in unserer Lutherbibel finden, sich allmählich formt, der wunderschöne Satz:
„Dennoch soll die Stadt Gottes fein luftig bleiben mit ihren Brünntein. da die Wohnungen des Höchsten sind."
Was ist es, das diesem Sah einen so besonderen Zauber, eine so starke Stimmung gibt?
Wenn wir ihn lesen, so "steht vor uns das Bild einer mittelalterlichen deutschen Stadt mit ihren Giebelhäusern, mit bewehrten Mauern und Türmen, vor allem aber mit immer rauschenden Brünntein auf ihren stillen Plätzen. Denn still muh es wohl sein, wenn man „der Drünn- tein“ achthaben soll. Rur dann hört man ihre Stimme. So einen sich in Luther die Empfindung für den heiteren Frieden, den diese Verse im Gegensatz zu dem drohenden Ungestüm der vorhergehenden atmen und die Worte vom Wasser. Anwillkürlich ist dabei der Strom ganz vergessen, und die „Bäche" sind zu Brünntein geworden, wobei die Wahl der Verkteinerungs- form, die Empfindung, die der Hebertet)er dem Gedicht ablauscht, aufs stärkste unterstützt.
Wer spürte in dem schönen Bilde, das in diesen Worten vor die Seele tritt, nicht den deutschen Ratursinn, die träumende Liebe zur Heimat und die Fähigkeit des Dichters, die Dinge um sich zu seiner Seele reden zu lassen. Das alles lebt in Luthers Bibelübersetzung und macht sie zu einem so schönen und innigen Buch.
Eine andere schwierige Stelle, bei der wiederum erst aus der Rachbesserung der Uebersehung vor der zweiten Auflage der Psalmen der uns allen von Kindheit an vertraute Wortlaut entstanden ist, ist Psalm 90, Vers 10. Er steht in einer tieternften Betrachtung über das menschliche Leben. Es ist wie ein Strom, wie ein Schlaf, wie das Gras, das früh blühet und bald welk wird. Im hebräischen Urtext klingt diese Betrachtung müde aus in dem Wort: „Linser Leben währet siebenzig Jahr und wenn es hoch kommt, so sind's achtzig Jahr. Lind fein Reichtum? Mühsal und Trug! Ja, es führet schnell dahin, als flögen wir davon!"
In diese Worte hat sich Luther nicht zu schicken vermocht. Er überlegt hin und her. Lind dann plötzlich — im Protokoll jener Aevisions- sitzung — steht der Satz da, so wie e r das Leben empfindet: „Unser Leben währet siebenzig Jahr und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen!"
Daß Mühe und Arbeit etwas Köstliches ist, das ist ein Grundzug in der Lebensbetrachtung Martin Luthers. „Ein Mensch — sagt er einmal — kann bei all seiner Mühe und Arbeit altes Gute haben, Freude im Herzen und ein gutes Gewissen, weil er weiß, daß fein Werk und Arbeit ein Gottesdienst ist." Und dazu fuhrt er als Beispiel an: „Eine arme Dienstmagd hat Freude im Herzen und kann sagen: Ich koche jetzt, ich mache das Bette, ich kehre das Haus, wer
hat's mich geheißen? Es hat's mich mein Herr und Frau geheißen... Ei, so muß es wahr sein, daß ich nicht allein ihnen, sondern auch Gott ' im Himmel diene und daß Gott einen Gefallen dran habe. Wie kann ich denn seliger fein? Ist es doch ebensoviel, als wenn ich Gott im Himmel sollte kochen."
Diese Hochschätzung der täglichen Mühe — ist sie nicht auch ein Stück deutschen Wesens. Die Träumer, die den in der Stille rauschenden Brünntein lauschen, ringen den Sturmfluten den Marschboden ab und bezwmgen den Wald in der steinigen Oede ihrer Berge. Und das Leben ist köstlich: denn es ist Mühe und Arbeit.
Ein drittes Psalmwort, das ich als Beispiel anführen möchte, ist Ptelm 116,10. Hier scheint der hebräische Text sagen zu wollen:
„Ich habe den Glauben bewahrt, wenn ich sagte: ich bin gar tief gebemütigt.“ Es scheint der Sinn zu fein, daß der Leidende, der hier von sich spricht, sich dagegen tertoa)rt, als sei er in seinem Leiden verzweifelt, als hätte er Glauben und Hoffnung verloren.
Wie übersetzt Luther die schwierige Stelle? ..Ich glaube, darum rede ich! — Ich werde aber sehr geplagt."
Ich weiß wohl, er hat in dieser Fassung schon im 2. Corintherbrief des Paulus ja schon in der alten griechischen Uebersetzung des Alten Testaments Vorgänger. Aber auch ihnen gegenüber ist ihm eigentümlich die Gegenwartsform. Richt — wie dasteht — „ich glaubte“, „ich habe geglaubt", sondern: „Ich glaube!“
Dadurch aber bekommt der Satz den kühnen Klang. Dadurch leuchtet das hohe Verantwortungsgefühl aus lhm, das Bewußtsein, nicht schweigen zu können — obwohl das klüger wäre und durch hundert Rücksichten geboten —, sondern reden zu müssen. Der Manm der dieses Wort geschrieben hat, blickt uns aus ihm an, wie er in Worms gestanden hat: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders."
Wir suchen In diesen Erinnerungstagen die Spuren der Männer einer großen Zeit. In der alten- Kirche von Homberg an der Efze werden ihre Gestalten am 21. Oktober vor uns lebendig werden, der Landgraf Philipp, Lambert von Avignon und die andern a e. Den, de sen Rie en- gestalt hinter ihnen, hinter jener ersten deutschen Synode, dem Ursprungsort der evangelischen Kirche Hessens stand, brauchen wir nicht zu sucken. Er ist mit seiner frommen und tapferen Ansicht vom Leben durch seine Bibelübersetzung — aber durch sie nicht allein — lebendig in unserer Witte.


