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Nr. 221 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Dienstag, 21. September 1926

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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Eichener Anzeiger

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Dr. Friedr. Will). Lange. Berantworllich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An> zeigenteil i. Dertr. H. Beck, sämtlich in Gießen.

Die Zusammenkunft von Thoiry.

Briands Empfang in Paris.

Paris, 20.Sept. (WB.) Havas veröffent­licht mit bezug auf den morgigen Ministerrat, in dem Driand über seine Genfer Besprechungen und insbesondere über diejenigen mit Reichs- autzenminister Dr. Stresemann Bericht erstatten wird, eine Erklärung, in der es heißt: 3n ge­wissen Pariser Kreisen ist heute das Gerücht im Umlauf gewesen, daß innerhalb und außerhalb der Regierung Einstimmigkeiten hinsicht­lich der von Briand eingeleiteten Verhandlungen bestünden. Dieses Gerücht entbehrt jeder Be­gründung, zumal Außenminister Driand bisher den übrigen Kabinettsmitgliedern keine Darstel­lung über den Verlauf dieser Verhandlungen ge­geben hat. Driand hat bisher lediglich dem Ministerpräsidenten im Laufe einer kur­zen Unterredung die großen Linien der Bespre­chungen von Genf und Thoiry dargelegt. Der Quottdien" behauptet trohdem heute erneut, in­nerhalb des Kabinettes werde über das Pro­gramm der deutsch-französischen Annäherung eine Spaltung zwischen den Mitgliedern des Kar­tells und den Mitgliedern des nationalen Blockes Eintreten. Bei dem Ministerrat am Dienstag werde sich der Präsident der Republik sicherlich weigern, den Streit von Cannes gegen Briand zu erneuern. Alles hänge jedoch von einer ein­zigen Persönlichkeit ab, und zwar von Poin- care , den zweifellos seine Vergangen­heit befangen halte,

Poincarö, Darthou, Tardieu undBokanowski, so schreibt der nationalistischeIntransigeant" wer­den das größte Augenmerk darauf richten, ob die in Thoiry in ihren großen Zügen festgelegten Absichten sich auch in den Rahmen des Versailler Vertrages ein reih en las­sen, und ob die Unantastbarkeit dieses Vertrages selbst gewährleistet sei. Es werde auch nicht an der Frage fehlen, ob der D a w e s- plan Deutschland überhaupt die Freiheit läßt, eine Sonderentschädigung zu leisten, von der seit Thoiry vielfach die -Rede gewesen sei. Dagegen erwartet man, daß Painleve und Perriot Driand in seinen Destrebungen unterstützen werden. Als interessantestes Moment einer deutsch-französi­schen Zusammenarbeit wird mit Vorliebe die Möglichkeit einer gemeinsamen Front ge­gen Washington in der Schulden­frage in den Vordergrund geschoben. Deutsch­lands finanzielle Freiheiten sollen seit Bestehen des Dawesplanes und des Transferkomitees be­grenzt sein, so daß Frankreich für die früh­zeitige Räumung nur Versprechun­gen einer finanziellen Hilfe bekommen würde, die selbst von allen möglichen anderen entscheidenden Faktoren abhängig sein würden. Das Argument, daß die Räumung des linken Rheinusers auch von der Zustimmung Delgiens und Englands abhänge, wird aber selbst in den äußersten Rechtskreisen nicht als stichhaltig ge­halten. Leidep bestehe nur das große Frage­zeichen: die finanzielle Hilfe Deutsch­lands zur Wiederaufrichtung des französischen Franken!

Die Rückwirkung auf England.

Paris, 21. Sept. (TU.) DerTemps" geht am Montag auf die Frage der Rückwirkungen einer deutsch-französischen Annäherung aus die englische Politik ein. Es gebe politische Gruppen in England, die behaupteten, daß der englische Einfluß in Europa nur bann von Be­deutung sein könne, wenn Deutschland und Frank­reich zum mindesten Rivalen blieben. Auf keinen Fall dürfe die deutsch-französische Annähe­rung zur Folge haben, daß die Bande, die Frank­reich, England und Italien verbinden, aufhörten. Es wäre ganz unverständlich, daß in England der­artige Befürchtungen nach der Unterredung in Thoiry laut werden könnten. Im übnqen dürfe man aber nicht vergessen, daß seit sechs Jahren es gerade die Engländer gewesen seien, die Frankreich verhindert hätten, Deutschland zur strik­ten Einhaltung des Versailler Vertrages zu zwin­gen, und daß durch die Pression der eng­lischen Regierung 1924 mit dem Dawesplan die Politik der Versöhnung und Ver­ständigung mit Deutschland einsetzte.

In maßgebenden Kreisen Londons wird die von gewisser Seite auf dem Kontinent verbreitete Ansicht, die in den letzten Tagen erfolgte Annähe­rung zwischen Deutschland und Frankreich sei der - britischen Regierung keineswegs angenehm, da sie eine Spitze gegen England enthalten könnte, alsvollkommen absurd" bezeichnet. Es wird betont, daß ein großer Teil der Tätigkeit Chamberlains der Erreichung des erwähnten Zieles gewidmet gewesen sei, und hervorgehoben, ein wie großes Interesse England besonders jetzt, wo es durch die Locarnooerträge an das Schicksal Europas gebunden sei, an allem habe, was zur Förderung des europäischen Frie­dens und zur Beseitigung einer Kriegsgefahr auf bem Kontinent beitrage.

Mißfallen in Italien.

Mailand, 20. Sept. (TU.) Die durch die Unterredung von Thoiry zwischen Deutschland und Frankreich angebahnten diplomatischen Verhand­lungen über eine umfassende deutsch-französische Verständigung haben in Italien kein Wohl- gefallen ausgelöst. Die Presse glaubt, Italien könne sowohl politisch wie wirtschaftlich von einer deutsch-französiichen Entente Nachteile haben. Wenn ein Abkommen zustande komme, so werde das in einem Umfange der Fall sein, wie es selten zwischen Staaten vereinbart worden sei.

MW M Dem MWOM.

Genf, 20. Sept. (WTD.) 3m Dölkerbunds- rat erklärte der Präsident des Danziger Senats, Dr. Sahm: Wenn man die vom Finanzkomitee Danzig zwecks Erlangung einer Anleihe erteilten neuen Ratschläge hört, könnte man meinen, die Finanzen des Danziger Freistaates befänden sich in völliger Einordnung, während Danzig seinerzeit gelegentlich der Einführung seiner neuen Währung hier zur Art seines Vorgehens in Finanzfragen lebhaft beglückwünscht wurde. Um den Gegensatz zwischen den damaligen Feststellungen der Völkerbundsvrgane und dem soeben gehörten Bericht des Finanzkomitees zu erklären, schilderte Sahm die außergewöhnlichen Umstände, die das Defizit im Danziger d g e t 1926/27 veranlaßten. Danzig entging nach der Stabilisierung der Währung nicht der folgenden allgemeinen Krise, die 1925 über Mitteleuropa hinwegfegte und die Zahl der Erwerbslosen in Danzig anfangs 1926 auf mehr als 20000 steigen ließ. Die Entwertung des'polnischen Zloty führte zu bedeu­tenden Verlusten bei Krediten, die den polnischen Kunden in Zloty gewährt waren. Der Zoll­krieg zwischen Polen und Deutsch­land schädigte bestimmte Zweige von Danzigs Handel schwer. Ganz schwer lastet die Rot auf der Landwirtschaft.

Besonders ungünstig wirkte auf die Finanz­lage der Stadt außerdem das Sinken der Zoll­einnahmen.

Danzig, das mit, Polen in Zollunion lebt, erhält zwischen 7 und 8 Prozent der ge­samten Bruttoeinnahmen der im Gebiet der Zoll­union erhobenen Zölle. Der Anteil Danzigs belief sich im Rechnungsjahre 1924 auf 23 Millionen Gulden, 1925 auf etwa 19 Millionen Gulden. Rach den Ergebnissen der letzten Monaie würde dieser Anteil für das laufende Rechnungsjahr nur 8,6 Millionen Gulden betragen. Die Zollverwal­tungskosten wurden für 1926 auf 6,5 Millionen Gulden geschätzt. Der Reinertrag Danzigs wird also zwei Millionen Gulden nicht erheblich über­schreiten. Kein Wunder, daß Danzig die Aen- derung des Zollverteilungsschlüs- sels, dessen vertragliche Dauer am 1. 3anuar 1925 abgelaufen ist, zu erlangen sucht.

3n den vergangenen 3ahren hatte Danzigs Budget regelmäßige Überschüsse abgeworfen. 3nsolge der von mir geschilderten anormalen Verhältnisse entwickelte sich im Laufe des Etats­jahres ein Defizit, ja es mußten sogar schwe­bende Schulden in bedrohlichem Umfange, vorzugsweise bei deutschen Danken, ausgenonunen werden. 3n klarer Erkenntnis der kommenden Gefahren unterrichtete die Danziger Regierung die Organe des Völkerbundes, unter dessen Schuh Danzig steht. Auf Grund unseres Hilfe­rufes beschäftigte sich

das Finanzkomilee des Völkerbundes

mit der Finanzlage Danzigs. 3n London hat das Finanzkomitee bestimmte Bedingungen for­muliert, bei deren Erfüllung durch Danzig es eine Anleihe empfehlen zu können glaubte. Auf Grund des Londoner Berichts des Finanzkomitees hat Danzig dann einen Reformplan für seine Finanzen aufgestellt. Die neuerdings gefaßten Beschlüsse des Finanzkomitees haben schwer enttäuscht. Die weit über die Londoner Be­dingungen des Finanzkomitees hinausgehenden neuen Bedingungen sind außerordentlich schwer und vielleicht in einigen Punkten schon jetzt als unerfüllbar zu bezeichnen. Die Enttäuschung wird dadurch erhöht, daß das Finanzkomitee als Anleihebetrag nur 30 Million en Gulden statt 60 Millionen empfehlen will. Dadurch wird zu einem sehr erheblichen Teil, unsere Hoffnung zerstört, durch produktive Arbeiten die große Zahl der Arbeitslosen zu verringern. Danzig hat schwebende Verbindlichkeiten in Höhe von 13 440 000 Gulden. Das Finanzkomitee wünscht nun, daß sich Danzig verpflichtet, für die Dauer der weiteren Prüfung der Lage von jetzt an ohne Genehmigung des Finanzkomitees keine weiteren lang- oder kurzfristige Schulden auf­zunehmen. 3d> weiß nicht, wie Danzig die schwe­benden Schulden, die sofort oder in den nächsten Wochen fällig werden, zurückzahlen soll. Danzig würde es dankbar begrüßen, wenn ihm der Völ­kerbundsrat nicht die Freiheit -nehmen würde, sich selbständig zu helfen.

Erst am 11. September forderte die Bot- fchafterkonseren; Danzig auf, die kosten für die alliierten Befahungstruppen in drei Jahres­raten, beginnend vom 1. September d. 3. ab, zu zahlen.

Da diese Tatsache von der Freien Stadt bei ihrer Finanzreform nicht verwertet werden konnte, wurde Danzigs Lage weiter ver­schärft. Ramens der Freien Stadt erbitte ich auch in dieser Frage ebenso wie hinsichtlich der Verhandlungen mit der Reparattonskornmission um die Unterstützung des Volkerbundsrats. Das Finanzkomitee hat sich bei seinen Beschlüssen lediglich von Finanzgesichtspunkten leiten lassen. Den VölkerbiHndsrat bitte ich hei seiner Ent­schließung auch soziale und politische Momente nicht außer acht zu lassen und Danzig behilflich zu fein, die hoffentlich nur vorübergehende finanzielle Rotlage zu über­winden.

Rach den Darlegungen des Senatspräsidenten Sahm erklärte der polnische Außenminister Za- l e s k i, daß er auf die Einzelheiten des Be­

richts des Finanzkomitees nicht eingehen wolle und erneuerte die Versicherung, daß Polen zur Aufstellung eines neuen Verteilungsschlüssels für die Zolleinkünfte bereit sei. Der Völkerbundskom­missar van Hamel sagte auf die Fragen des Ratspräsidenten, er habe im jetzigen Stadium der Verhandlungen keine Bemerkungen zu machen. Dann ergriff.

Reichsminifter Dr. Stresemann das Wort, um in deutscher Sprache etwa Fol­gendes auszuführen: Die engen Beziehungen, die uns mit Danzig verbinden, werden es allgemein verständlich machen, daß die hier zu erörternde Frage großes 3ntereffe auf deutscher Seite erregt. 3ch möchte zunächst auf einen wirtschaft­lichen Gesichtspunkt in der schwierigen Lage der freien Stadt Danzig aufmerksam machen, nämlich auf die s chweoenden Schulden in Höhe von mehr als 13 Millionen Gulden, die im wesentlichen von deutschen Danken gegeben worden sind. Angesichts dieser Lage sind in gewisser Beziehung die vorgesehenen Maßnah­men auch nach meiner Auffassung nicht hin­reichend. 3ch hoffe, daß die Verträge, die zwischen Polen und Danzig geschlossen werden sollen, die Situation einigermaßen verbessern werden. 3ch Höffe, daß in absehbarer Zeit der Zollkrieg zwischen Deutschland und Polen beendet und normale wirtschaftliche Beziehungen zwischen beiden Ländern wieder hergestellt sind und daß bann auch für Danzig eine normale Lage wiederkehrt. 3ndessen scheint mir die Frage noch nicht gelöst, wie Danzig ge­holfen werden soll, wenn die Aufnahme kurzfristiger Anleihen in der Zeit bis Dezember sich als notwendig erweisen sollte, aus Gründen wie z. B. einem Anwachsen der Arbeitslosigkeit. Hinzu kommt, daß, wie Präsi­dent Sahm uns mitteilt, Danzig bei Aufstellung seines Budgets und Vorlage seines Reform­programms die Auflage der Reparattonskom­mission nod) nicht kannte, wonach die auf gelau­fenen Desahungskosten in drei Jahresraten ge­tilgt werden sollen. Aus allen diesen Gründen richtet der Minister an den Berichterstatter, den belgischen Senator de Brouckere die Frage, ob es nicht möglich sei, daß

bis zur nächsten Session des Völkerbundsrats die Bestimmung über die Unzulässigkeit neuer kurzfristiger Anleihen fallen gelassen

werden. In bezug auf die schwebenden Schulden glaube er, daß Danzig Prolongationen erhalten könne und er sei ferner der Meinung, daß bei Auf­nahme einer Anregung die Möglichkeit geschafien werden könne, Danzig gegebenenfalls für den Augenblick zu Helsen. Der Berichterstatter d e Brouckere empfahl die Annahme des Berichtes, der hinsichtlich der künftigen Finanztransaktionen nur Anregungen enthalte. Im übrigen halte er es für fraglich, ob es ratsam sei, die Sachverständigen- vorschläge abzuändern, da ja nicht der Rat die An­leihe gegeben habe. Lord Robert Cecil trat dieser Ansicht bei. Präsident Sahm trat sodmn für die Beschaffung derjenigen Mittel ein, die etwa bis zum Dezember durch Steigen der Arbeitslosenziffern not­wendig werden könnten. Der Ratsvorsitzende B e - n e f ch schlug schließlich vor, ein Verfahren nach den Bedürfnissen Danzigs zu wählen, den Bericht anzunehmen und im Sinne einer Anregung Stresemanns sowie einem zuletzt auch von Sahm gestellten Anträge entsprechend, dem Vorsitzenden des Finanzausschusses Vollmacht >n ei teilen, der dann entweder unter Einberufung des Komitees oder auf eigene Verantwortung die erforderliche Genehmigung erteilen könnte.

Diesem Antrag wurde widerspruchslos ent­sprochen und damit der Bericht angenommen, der

folgende Resolution

enthält: Der Rat billigt den Bericht des Finanz­komitees. Er nimmt Kenntnis von den Erklä­rungen der Vertreter Polens und der Freien Stadt in Bezug auf die Fortschritte in ihren Verhandlungen über die Verteilung der Zolleinkünfte. Er drückt den Wunsch aus, daß die Behörden der Freien Stadt dem Finanz­komitee bei seiner nächsten Sitzung einen zu­friedenstellenden Reformvorschlag vorlegen sollen, und daß die verschiedenen Autori­täten, von denen die Schlußfolgerungen aus den in dem Bericht des Finanzkomitees vorgesehenen Verbesserungen abhängen, die Bereitschast zeigen, , die Lösung vorzunehmen, die eine endgültige Regelung des Problems der Danzi­ger Finanzen möglich macht, und vertraut darauf, daß es unter diesen Umständen für den Finanzausschuß möglich sein wird, die Ausgabe einer Anleihe zur Sicherstellung der Wieder­herstellung der Finanzen der Freien Stadt zu empfehlen.

Das neue Zollabkommen zwischen Polen und Danzig.

Genf, 20. Sept. (WTB.) Für morgen vor­mittag wird die Unterzeichnung eines Abkommens zwischen Danzig und Polen über die Festle­gung eines neuen Verteilungsschlüs­sel s für den Danziger Anteil aus den Einnahmen der Danzig-polnischen Zollunion erwartet. Das Abkommen soll entsprechend den Vorschlägen des Finanzkomitees für Danzig ein Minimum von 14 und ein Maximum von 20 Millionen Danziger Gulden jährlich vorsehen.

Internationale Abkommen über wirtschastrsragen.

Von Professor W i t t s ch e w s k h.

Die amtlichen und privaten Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich über eine vertragsmäßige Regelung ihrer wirt- schaftttchen Beziehungen in einem bestimmt be­grenzten Umfange sind nach sehr umständlichen Auseinandersetzungen zu einem Abs chluß ge­langt. Das auf sechs Monate abgeschlossene Han­delsabkommen und der Pakt der Eisenindustriel-, len werden, wie man voraussehen kann, dazu bei­tragen, die politische Atmosphäre zwischen den beiden Ländern aufzuhellen, ihre eigentliche Be­deutung liegt aber im Abbau der Schwierigkeiten, welche die beiderseitige Produktion und den Außenhandel beeinträchtigen. .lieber die Einzel­heiten des Handelsprovisoriums und die grund­legenden Bedingungen des internationalen Eisen­pakts sind so viele zum Teil einander wider­sprechende Mitteilungen in den Blättern ver­breitet worden, daß es sich erübrigt, dieselben hier nochmals herzuzählen, hingegen erscheint es an­gezeigt, die internationalen Bindungen der Wirtschaftsverbände in ihrer Allgemein­heit zu würdigen.

3nternationale Abmachungen einzelner 3n- dustriegruppen über eine gemeinsame Wahrung ihrer 3nteressen sind nicht erst in neuerer Zeit in Erscheinung getreten. Wirtschaftsverständigun­gen bestanden in der chemischen, Metall-, fieber» und Textilindustrie in mannigfachen Formen schon lange vor dem Kriege. Ein Teil von ihnen ist, ohne daß die Oefsentlichkeit davon Rotiz nahm, in der Kriegszeit auseinandergesallen. 3n der Rachkriegszeit ist der Kartellierungsprozeß mit verdoppeltem Eifer von den beteiligten 3ndustrie- führern wieder ausgenommen worden. Von wich­tigen Abreden nennen wir die Petroleum-Kon­zerne, den Sprengstofftrust, den Gemeinschaftsver- trag der Glühlampenindustrie, von anderen Ver­einbarungen zu schweigen. Die zahlreichen Gründe für die Reubildung internationaler Wirtschafts­verbände liegen auf der Hand. Der Weltmarkt ist in die größte Einordnung geraten, und ein zügelloser Wettbewerb treibt auf ihm sein, die früheren Lieferanten schwer schädigendes Spiel. Die gegen die Zerrüttung ergriffenen Maßnahmen wie Zollschranken, Staatssubventio­nen, Dumpingstühen u. a. haben sichtbarliche Wir­kungen nicht ausüben können, denn das Aus­kommen neuer 3ndustrieländer einerseits, die ge­schwächte Kaufkraft der Verbraucher andererseits verursachen Störungen, die auch durch den schärf­sten Wettbewerb sich nicht ausschalten lassen. Deutschland ist von diesen Schwierigkeiten am härtesten bedrängt, Unfere zu großem Umfang emporgewachsene 3ndustrie muß in ihrer Ent­wicklung gehemmt werden, wenn ihr die Roh« ftoffquellen durch mißgünstige staatliche Konkur­renten vorenthalten werden, und der Absatz ihrer Fertigfabrikate an das Ausland durch die besser situierten 3ndustrieländer zurückgedrängt wird Deutschland ist aber durch feine Schuldverpslich, tungen und Reparattonslasten mehr denn je bar. auf angewiesen, den Wirkungsgrad seiner Wirt» schäft zu steigern. Ein Mittel hierzu bilden inter* nationale Vereinbarungen. Diese bilden den 3n- halt von Handelsverträgen, die zwar günstige Bedingungen für den internationalen Warenaus­tausch erstreben, aber stets nur zwischen zwei bestimmten Ländern geschlossen werden. Die mei­sten Fragen des privaten Wettbewerbs bleiben dabei offen, selbst wenn die Zolltarife gebunbefl oder ermäßigt werden. Handelsverträge erleich­tern wohl den internationalen Warenaustausch, verschärfen aber auch den Wettbewerb. Dabei kommen bekanntlich Fälle vor, daß andere Länder in den Zollsätzen vor Deutschland begünstigt sind, oder daß neue Zölle gerade gegen deutsche 3n- dustrieerzeugnisse eingeführt freien.

Voraussetzung für internationale Abkommer­der Industriellen ist ihre nationale 2er- bandsorganisation. Die Koalitionen von Unternehmern der verschiedenen Wirtschafts- zweige sind naturgemäß zunächst nur auf die ge­meinsame Wahrnehmung der inländischen 3nteressen gerichtet, sei es durch den Einkauf von Rohstoffen oder den Verkauf von Fertigfabrikaten- sei es durch die Abwehr voir Betriebsschädigun­gen oder die Produttionsförderung, sei es durch Konventionen oder in anderer Weise. Reicht der 3nlandmarkt zur Aufnahme der Produltton nicht aus, so muhte der Absatz ins Ausland e'nge» leitet werden, und hier nun entwickelt sich jener erbitterte Konkurrenzkampf, der häufig zu Preissenkungen für die Ausfuhrware nötigt, während die 3nlandpreise zum Ausgleich um ff höher angeseht werden. Die Verständigung mit der ausländischen Konkurrenz ist unter solchen Umständen dringend erwünscht, um so dringender, je größer die von den betreffenden Industrie- gruppen vertretenen Wirtschaftsinteressen sind. Das trifft zweifellos bei der eisenerzeugenden und eisenverarbeitenden 3ndustrie zu. Der mit­teleuropäische Eisenpakt, dessen Ab» schluh gesichert ist, erstrebt eine Orbnüng öetl Welteisen Marktes. Die beteiligten Län­der wollen sich in den Auskandabsah teilen, die Preiskämpfe einstellen und Ueberproduktion durch Kontingentierung ihrer Leistungen vermei­den. Zugleich sollen die Verbraucher zu möglichst gleichbleibenden Preisen beliefert werden.

Die Abreden der Wirtschastsverbäyde über die Preishöhe ihrer Erzeugnisse sintt aber diejenige Seite des Karkellwesens, gegen die von jeher vielfache Angriffe sich richten. 3mmer wie­der lieft man, es handele sich ummonopolistische Machtausbeutung". Es soll "tticht geleugnet wer»