Nr. 195 Zweites Biort
Das Skelett
im Rheinischen Hause.
Don Dr. Paul Rohrbach.
Herr Br i and. Minister des Auswärtigen der französischen Republik, hat erklärt, er wolle selbst wieder nach Gens gehen, um bei der Ausnahme Deutschlands in den Völkerbund mit» zutoirlen, und der Aufenthalt dort werde ihm ..die willkommene Gelegenheit geben, Llnterhal- tungen mit den deutschen Staatsmännern zu fuhren, und zwar sehr ausgedehnte Untcrhal- langen".
Herr Vriand hat auch angcdeulcl. woraus lich diese Unterhaltungen beziehen sollen aus die Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland, „ohne die das europäische Gleichgewicht nicht wieder hergestellt werden kann". Herr Vriand mag gute Absichten haben. Er wird auch soweit Politiker und Psychologe lein, um zu wissen, daß zur Annäherung auf beiden Seiten ein gewisses Maß von Vertrauen gehört. Sein Landsmann, der General Mordaeq. sagte kürzlich in seinem die ..Mentalität Deutschlands" behandelnden Buch:
Gegenüber Deutschland können wir zwei Arten Politik treibens die Politik der Gewalt oder ■ die Politik des Vertrauens. Politik der Gewalt heißt nicht Politik, die zum Krieg führt, sondern die uns angesichts der deutschen Mentalität den Frieden sichert. Politik des Vertrauens ist für die Deutschen gleichbedeutend mit Schwäche, unb sie ist daher das beste Mittel, um einen neuen Krieg herbeizuführen Politik des Vertrauens verlangt auch Ehrlichkeit. Wo kann man die bei den Deutschen sinden?
Vielleicht wird Herr Vriand daraus antworten: der General Mordacg habe kein verantwortliches Kommando am Rhein mehr. Es gibt aber auch noch einen General Walch, der ein sehr verantwortliches Kommando in der immer noch bestehenden militärischen Kontrollkommission hat, und dieser Herr hat sich mit seiner taktlosen und anmaßenden Rote wegen der deutschen Entwaffnung und des Generals v. S e e ct t als intimer Gesinnungsgenosse des Generals Mordacq gezeigt. Die Frage, um die es sich jetzt akut zwischen Frankreich und Deutschland handelt, ist die Besatzung im Rheinland. Sn Locarno ist uns nach loyalem Verständnis versprochen worden, die Besatzung solle bald und stark reduziert werden, etwa auf den Stand der einstigen deutschen Friedcns- garnisoncn. Statt dessen soll jetzt eine unbedeutende Verminderung um 6000 Mann stattfinden, damit der Schein der Erfüllung gewahrt bliebe.
Ware Herr Vriand ein ganz ehrlicher Mann, lo würde er ungefähr so sprechen: „Wir haben in Frankreich seit längerer Zeit eigentümliche Rcgicrungsverhältnisse. Die Mehrheit in der Deputiertenkammer gehört seit den Wahlen von 1924 nominell dem Linksblock. Sn der Frage ober, von der Frankreich jetzt beherrscht wird — Finanzen und Währung — ist dieser- Block in sic!) gespalten unb darum unfähig, eine effektive Mehrheit zu bilden. Snfolgedessen kann bei uns nur mit Hilfe von Elementen regiert werden, die zum alten „nationalen“ Block, d. h. zur Rechten, gehören. Unter diesen aber herrscht die Mentalität des Herrn Mordacg. Walch usw. Hier widersetzt man sich der Erfüllung der Mutagen, die ich in Locarno wegen des Rhein- landes gemacht habe, und ich habe kein Mittel, den Verzicht auf diesen Standpunkt zu zwingen. Sch weist auch nicht, ob unb wann ich dazu imstande sein werde. Meine Zweifel find umso gröster, als jetzt Herr 'Uoincarc die Re- gicrung führt, der persönlich so'denkt, wie der General Mordacg und der General Walch, und dessen Finanzpolitik ganz davon abhängt, daß seine Freunde auf der Rechten sie fonfeguent unterstützen.“
Herr Poincare führt die Regierung, unb •nan erfährt, dast auch er nach Genf zu gehen beabsichtigt, nicht nur Herr Briand. Die „ausgedehnten Unterhaltungen" mit den deutschen Staatsmännern würden alsdann unter Poin- carescher Kontrolle geschehen, unb ba man weist, dast es keinen stärkeren Befürworter ber polnischen Ansprüche in Genf gibt, als den jetzigen französischen Ministerpräsidenten, so kann man sich denken, wie „vertrauensvoll“ die deutsch- französische Atmosphäre dort fein wird.
Es gibt aber noch mehr Grund zum Mistkrauen, und zwar zu einem Misttrauen, das sich direkt gegen die sranzöfischen Absichten im Rheinlande richtet. Sn einem höchst bemerkenswerten Leitartikel des „Temps“ vom 12. August, in dem auch zuerst die Mitteilung gemacht wurde, die ganze „Herabsetzung" der 'Besahungsregion werde 6000 Mann betragen, wurde gesagt: ..Damit jedoch diese Herab- sehung der Besatzungstruppen ohne Rachteil geschehen kann, must Deutschland zuerst g c- wisse Garantien geben. Hierher gehört besonders bas Auftreten der Rationalisten auf dem linken R h e i n u f c r. Einerseits müssen alle Deutschen, die mit der interalliierten Rheinlandkommission loyal zusammen gearbeitet ■ haben, vor Repressalien der Reichsbehörden geschützt fein. Anbererseits müssen unbedingt Mast- nahmen getroffen werben, bast sich Zwischenfälle . wie die von Germersheim nicht wiederholen ! können."
Was zunächst den „Geist von Germersheim" < angeht, fo ist das eine rein französische Snter- : rrclation des bekannten „Geistes von Locarno". Weiter ist es auffallend, dast seit einiger Zeit i in ber ganzen französischen Presse ■ wie ein ausgegebenes Stichwort die Formel : vom „deutschen Rationalismus auf dem linken Rftcinuser" wiederholt wird. Auch der Wink betreffs der „Deutschen", die „loyal" mit der Rheinlandkommission (b. h. in Wirklichkeit mit ben Herren Sirarb unb Mordacg) zusammen gearbeitet haben, ist bentlich. Man fängt toieber . an, mit bem Separatismus zu liebäugeln, unb cs wird kaum ein Zufall fein, dast dies geschieht, ' feit Herr Poincarc am Ruder steht. Wenn er ■ es nicht selbst ist, so sind es „die Kleinen von ' den Seinen", die wieder Poincareluft wittern. Auch der „Temps" tut es — man braucht nur in demselben Artikel weiter zu lesen, dast. wenn man „in Berlin behaupte", einer aktiven wirtschaftlichen französisch-deutschen Zusammenarbeit müsse zuerst die Regelung der Rheinlandbesahung vorausgehen, man „sich erinnern möge, dast die
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
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Samstag, 21. August 1926
moralische Abrüstung die Grundbedingung für jede Annäherung ift, unb dast sich auf dem linken Rhcinufer ... die moralische Abrüstung zuerst fühlbar machen must".
Rach dieser Aufforderung heißt cs abermals, die ReichSregierung habe es in der Hand, „den Umtrieben der nationalistischen Verbände ein Ende zu machen". Das bedeutet, es soll auf dem linken Rheinufer keine Betätigung deutschen nationalen Gefühls, deutscher Volks- und Staatszugehör i gleit gebulbet werden! Wenn die Franzosen nichts im linksrhcini- schcn Gebiet wollen was stören sie dann die deutschen Erinnerungsfeicm? Was kann denn Grostcs hinter dem Tun der „nationalistischen Verbände" stecken, wenn cs heute noch im Rheinland verboten ist, das Deutschlandlied zu fingen und dies Verbot, trotz des „Geistes von Locarno" mit Geld- unb Gefängnisstrafen d irch- gcsührt wird? Man hüte sich vor der Sllu- sion, als ob der Poincarismus im Rheinland ausgesvielt habe' Er ist noch immer das verborgene i'ranzösischc Skelett in jedem rheinischen Heim!
Dem „Temps" selundieren auch die anderen grostcn französischen Blätter. Das „Sournal des Debats" gibt den Rat, man solle die Rheinland- frage benutzen, um Deutschland zu einer „konzilianteren Haltung in Gens", ö. h. zur Befriedigung der polnischen Ansprüche, zu veranlassen. Das ist die andere Seite des toieber- au siebenden Poincarismus. Für die „ausgehenden Unterhaltungen“, bi? Herr Bri- and in Gens mit den deutschen Staatsmännern pflegen will, wird ihm, scheint es. ein „westöst- liches" Poincaresches Konzept eingehändigt werden.
Ein kleines Erlebnis vom deutschen Rhein.
Von Obcrftubienbireltor Dr. O. K e 11 c r, M. d. L.
Ort der Handlung: ein Rheinerpreßdampfer ber „Köln-Düsseldorfer" mit einem einst gefeierten, henke verfehmten Rainen, Gegend zwischen Koblenz und Rüdesheim. Sm Vorderschiff sitzen zwei leidlich gut aufgemachte jüngerre Paare hinter Cistoafser, Soda und dazugehörigen Kleinigkeiten. die nicht am Rhein gewachsen find, auf dem Stuhle daneben steht das „Kofsergrannno- phon", die groste Errungenschaft unserer jüngsten Tage, ohne die ein moderner Süngüng oder eine ebensolche „Knäbin" nur schwer zur Reise sich entschlicht. Das Snftrument ist übrigens nicht schlecht, bringt Tonstärke und Klangfarbe so gut zur Wirkung, wie es eben eine Maschine kann, vnb dürfte zur rechten Zeit und am rechten Platze vortrefflich zur Unterhaltung beitragen ober die Tanzbegleitung ersehen. Aber unser Schiff gleitet vorüber an Deutschlands geweihtcsten Stätten, doppelt heilig für uns. feit eine fremde Besatzung Ufer und Strom in Bande schlagen will und Schenkendorss „Lied vom Rhein" so gar wehmütigen Klang angenommen hat. Und diese „Elektrola" oder wie das schmucke Köfferchen heiht, spielt unentwegt ihre ..Steps" und „Trotts", ebenso unentwegt führt das eine Paar die entsprechenden anmutigen Bewegungen zwischen den Tischen und Sesseln aus. Und nicht genug damit: das „Wunder der Technik" fügt natürlich zu den orchestralen Genüssen die der menschlichen Stimme, und Rümmer für Rümmer erbauen uns englisch- amerikanische „Songs" entzückendster Art. Das ganze Arsenal für die Rheinreise birgt keine einzige Platte mit deutschem Text, vermutlich gibt cs die für das betreffende Patent nicht, vermutlich ist das auch unwesentlich für das tanzende wie das zuschauende Paar.
Und nun die zweite Szene: Ein Hörer tritt heran, lobt den Apparat und fragt nach oem Rainen und der Herkunft. Und siehe da. der Besitzer weih ganz genau Bescheid: es handelt sich nach seiner Erklärung um eine „deutsch- amerikanische Reuheit". die sich zur Zeit glänzend einsührt und spielend verkauft, zufällig hat er — ber Sprecher eine Anzahl Werbeblätter zur Haitd. mit denen er gerne bienen will, um jebem, ber es wünscht, Gelegenheit zu geben, die sämtlichen Vorzüge der famosen Erfindung kennenzulernen.
Unterdessen sind wir an der Lorelei vor- übergef omnien; der alte Blücher auf seinem Steinsockel zu Caub hat einen schmalzigen Schieber hören dürfen und sich dabei vielleicht überlegt. ob er diese Huldigung jener anderen vor- zieht, mit der ihn vor einigen Sahren ein französischer Leutnant bedacht hat: die Germania aus dem Riederwald schaut bereits über den Derghang herüber, — da empfehlen sich die beiden Paare, um ihren Musterkoffer, an dem nichts deutsch ist als die Sprache des Prospekts, mit dem man deutsch? Gimpel fängt, in einem anderen Teil des Schiffes aufzubauen unb dort Reklame für diese ..Kunstattraktion ersten Ran- ges“ zu machen. An „Sntcreffentcn" wird es nicht fehlen, an späteren Käufern wohl auch nicht, beim ein Reisegrammophon gehört doch allmählich 3um guten Ton im Lande der anderthalb Millionen Arbeitslosen, unb wir veraltete Schwärmer einer überwundenen Zeit lernen end lich. wozu eigentlich eine Rheinsahr! gut ist. nämlich um amerikanische Musik- unb Sprechmaschinen, die in deutscher Sprache nichts zu bieten haben, mit gerissener Werbetätigkeit an den Mann ober die Frau zu bringen, fintcmale eine Reichsmark säst einen Dierteldollar gilt.
Frankreichs koloniales Mißgeschick.
Bon unterem J. ö.-Orientkorrespondenlen Kairo, August 1926.
Der Frank rollt unaufhaltsam dem Abgrund zu und droht die Volkswirtschaft Frankreichs mit *ich zu reiften. Dreifach ist der Weg zur Rettung gezeichnet. Dreifach 'ind im wesentlichen die Wittel, dem drohenden wirt'chastlichen Zusammenbruch vorzubeugcn: burchgreiiende Steucrrefor- men, wesentliche Einschränkung des ungeheuren Kriegsapvarates unb — last not least — die Ciquibicrung der marokkanischen unb syrischen Kolonialkriege.
Ob letzteres ohne weiteres möglich ist. läftt sich aus ber Fülle verworrener einander widersprechender Meldungen von beiden Kriegsschauplätzen nicht klar erkennen. Abb cl Krim ist zwar gefangen, aber der Rifkrieg geht weiter. Saune-
ncl hatte den Frieden in Syrien hergestellt, aber er wird, den Oelzweig im Schnabel, durch einen General abgelöst. Der europäische Sei- tungsleser, der versucht, dergleichen Meldungen deuten zu wollen, kann einen leid tun.
Was bi e Lage im R i f anlangt, erscheinen mir die Mitteilungen eines hier eben aus Taza eingefrorenen marokkanischen Rotabein besonders aufschlußqebend um fo mehr mir die Glaubwürdigkeit bie'eo Gewährsmannes auftcr Zweifel erscheint Er sagt im wesentlichen folgendes
Ich habe das Risgebiet etwa drei Wochen nach Abd cl Krims (3e,angcnncJ)mc verlassen. Abd cl .Krims Fall hat wie ich ausdrücklich feftftcllen will- die Lage im Rif keineswegs bedeutend geändert. Viele Stammeshäuptlinge wollten zunächst die Rachricht von der Gefangennahme Abd cl Krims nicht glauben sondern hielten diese für eine Lügenmeldung. bestimmt, dem Rus des Rifführecs zu schaden. Bald haben sich jedoch alle Häuptlinge unter den Befehl Muley A ch - mcd c l 'Dollars gestellt, der heute der anerkannte Rachfolger Äbd cl Krims im Risgebiet ist- Der jüngere Bruder Abd ct Krims. M u - ft a m m e b. auch ber „kleine" Abd cl Krim genannt. hat, da ihm die nötige Popularität und die notwendigen Führereigcn'chastcn fehlen, in richtiger Erkenntnis dicker llmftänbe. selbst auf die Rachfolgcrkchait seines Bruders verzichtet und unterstützt Achmed cl Bakkar. die'en auf keinen Reisen im .Kampfgebiet begleitend.
Achmed cl Bakkar ist der Schwiegersohn des berühmten Rifhäuptlings Ra i s u l i. welcher bekanntlich jahrelang unb erfolgreich gegen die Spanier focht. Da Abd el Krim mit einer anderen Tochter Raisulis verheiratet ist, ist Achmed el Bakkar des ersteren Schwager. Achmed cl Bakkar kämpfte jahrelang an der Seite Raisulis gegen die Spanier, hat sich aber bann mit feinem Schwiegervater verfeindet. Er schloß «ich Abd el Krim an. welcher ihn zwar aufnahm, aber ihm aus machtpoliti'chen Gründen den erbetenen Oberbefehl über den mächtigen Stamm der Djc balas verweigerte. Dies hat Achmed cl Bakkar nicht gehindert, feinem Schwager im Kamps gegen die Landesfeinde treu zu bleiben. Er stützt '"eine Macht wesentlich auf die großen Stämme llriagel unb Djebala.
Achmed cl Bakkar ist von sprichwörtlicher Tapferkeit, ein geschickter Guerilkaführcr unb ein unbeugsamer Charakter. Er wird entweder den Krieg zu einem für die Rifstämme glücklichen Ende bringen ober das Land einer furchtbaren .Katastrophe entgegensühren. Es wird den Spaniern und Franzosen weit schwieriger fein, mit ihm zu einem Einvernehmen zu gelangen als mit 2kbd cl Krim.
Kriegsmaterial unb Munition sind genügend vorhanden. Sch kann darüber keine Details mit» teilen, doch ist für die Zukunft gekargt
Die Rifstämme waren zum Frieden bereit, wenn man darauf verzichten würde, ihnen eine fremde unerträglich erscheinende Autorität auf- zwingen zu wollen. Selbst die Autorität ihrer eigenen Häuptlinge tragen <ic mit Abneigung unb schränken sie in Friedcnszeiten durch ihre ..Stammesparlamcnte" stark ein. Sch habe persönlich nicht an der Snfurreftion teilgenommen, aber meine Kinder kämpfen in den Reihen ber Rifleute. Sie erklärten mir. wie viele ihrer Kampfgefährten, baft Franzosen und Spanier einen ehrenvollen. Freiheit gebenden Frieden zu- lassen ober die Rifstämme buchstäblich vernichten müftten. Deshalb sehe ich sehr schwarz in die Zukunft. Es ist fein Zweifel, baft die Franzosen einmal mit den Rifstämmen fertig werden können, aber bis dahin kann auf beiden Seiten noch viel Blut flieften. Sch glaube, es wäre besser, die Rifleutc in jener Freiheit leben zu lassen, für welche sie zu sterben bereit sind."
So weit ber Marokkaner, wie er glauben auch noch anberc Leute, um fo mehr wenn man bedenkt, baft es niemals zum Krieg mit Frankreich gekommen wäre, wenn es nicht im Mai 1924 Marschall Lyautcy eingefallen wäre, bas Wergatal zu besehen, wo bis dahin kein fran- zösifcher Soldat gesehen worden war und wo sich die Verpflegebasis der gegen Spanien kämpfenden Krieger des getreibcarmcn Rif befand. Abd el Krim war damals, überdies durch eine Mißernte bedrängt, vor der Wahl, keine Krieger verhungern zu lassen oder das reiche Wergatal wieder in Besitz zu nehmen und mit dem Mut der Verzweiflung auch die Franzosen anzugreifen. Die Rechnung für den Vorstoß des französischen Generals, dessen wahre Beweggründe baft die Paar Ouadratkilometer afrikanischer Erde für Frankreich lebensnotwendig ober auch nur der Mühe wert waren, erscheint unglaublich noch ein historisches Geheimnis barftellen. ist noch nicht abgeschlossen. Frankreich wird sie jedenfalls bezahlen müssen.
Dem militärischen Tatendrang anderer seiner Generale verdankt Frankreich den S> rufen auf» ft a n b. besonders aber die Tatsache, baft derselbe eine Wendung nahm, welche eine Verständigung in absehbarer Zeit nahezu ausschlieftt. Er .kam zum Ausbruch, weil die Franzosen es für nötig fanden, in inneren Streitigkeiten druNschcr Häuptlinge durch kriegerische Expeditionen zu intervenieren, und dabei unfähige Offiziere glaubten, durch in Kolonialkriegen übliche Gr.iu- ’amteiten die Macht ber Mandatsmacht zur Geltung bringen zu müssen. Trotzdem wäre es möglich gewesen, den Ausstand irgendwie zu liquidieren, hätte man die Grausamkeiten nicht auf die Spitze getrieben. Hätte General Sarrail nicht die Häuser ber aufständischen Drusen zerstören, nicht deren Felder verwüsten, nicht bereu Frauen unb Kinder bem Tod durch Waffen oder Hunger überantwortet, wären nicht die in französische Hände gefallenen Gefangenen grausam mifthandelt, gefoltert und zu Hunderten erschossen worden, wären die Snfurgenten schlieft- lich wieder zu ihren Familien und Feldern zu- rückgekehri. Aber so wurden aus aufständischen Bauern heimatlose, besitzlose Banditen, welche nichts mehr zu verlieren hatten und sich über das groftc, dünn bevölkerte benachbarte Syrien ergossen, um von nun an für immer vom Krieg z u leben. Diese heimatlos gewordenen Snfurgenten sind heute die hauptsächlichsten aktiven Träger ber syrischen Freiheitsbewegung. Für sie gibt es kein Zurück. Auch M. Souoenel vermochte nicht, sie zur Wasfenniedcrlegung zu bewegen. weil sie eben an französische Versprechungen nicht mehr glauben. Zwischen ihnen unb Frankreich liegt ein Meer von Blut und D e r 3 to e i f l u n g. Andererseits nahmen die militärischen Repressalien der Franzosen gegen die Eingeborenen kein Ende und führen den Snlurgenten täglich neue Kämpfer zu. Rachbem
die Diplomatie des Herrn Souoenel. der toaftr- fd e 1 do i den besten Absichten beseelt war, keinen Erfolg hatte, und nach dem Gesagten nicht haben konnte, roiil Frankreich es abermals mit einer Verschärfung feiner syrischen Rcaicrungsmaftnahmen versuchen. Das wird in abfehoarcr Zeit ebenfalls zu keinem Ziele führen. Dazu sind die geographischen und sonstigen Verhältnissen den Snfurgenten zu günstig. Die Zahl der im Feld stehenden Snfurgenten dürfte fid) auf 3? bi* 40 00t* belaufen, wozu zeitweise zahlreiche Gelegenheitskämpfer zu rechnen sind. Eine zwei- bis breibunberttaufenb Mann starke Armee würde nach menschlicher Voraussicht Saftrc zur Pazifierung des Landes brauchen, wenn eine solche praktisch überhaupt möglich ist. Der einzige Ausweg, welcher Frankreich weitere maßlose unb möglicherweise nutzlose Opfer ersparen könnte, wäre ein Verzicht auf das syrische Mandat, unb die Ucbertra- gung desselben an eine andere, in Syrien noch nicht kompromittierte unb geschickter operierende Mandatsmacht
Auch in anderen sranzöfischen Kolonialge- bickn, liegen die Dinge nicht so. wie lie liegen sollen. Unruhen in Westafrika, Entvölkerung weiter Landstriche am ilbangi unb Kongo durch die ungenügenb bekämpfte Schlafkrankheit vervollständigen das bedauerliche Bild der kolonialen Vcrwaltnngskunst eines Staates, welcher sich des zweitgrößten Kolonialbesitzes erfreuen darf.
Nachwahlen der Landwirtschaslskanimer.
Seit ber letzten Wahl der Landwirtsschafts- fammer im Saftrc 1924 sind durch Tod ober Aintsnicbcrlegung wegen hohen Alters folgende gewählten Provinzausschußmitglieder bzw. Vertrauensmänner ausgefchieden: Adam Poth Hl.. Deutsch: Franz Volz, Groß-Bieberau: Heinrich Weidmann, Groß'Winternfteim: Heinrich Klippel, Schwabenheim; Fritz Lauth, St. Softami, K. Stein, Hungen; Softann 03 a u ft - mann IX., Frei-Laubersheim, Softann Held, Köngernheim: Heinrich Möbus II., Hahnheim: Heinrich Hebe rer X.. Dietzenbach: Karl Verlach, Collar; Georg Stoll II.. Bad-Raufteirn; Georg Ludwig Eckhardt, Höchst. Durch bas Ausscheiden der oben genannten Landwirte ist eine Rachwaftl in den einzelnen Bezirken erforderlich gewesen, unb es sind folgende Landwirte neu gewählt worben Beigeordneter Ph. Mertz, Frankenhausen: Ludwig Schönberger, Groß-Bieberau; Adam Büchler. Groß- Winternftciin; Softann Bitter, Schwaben- Heim ; Ludwig R o th en m e y e r , St. Softann; Wilhelm Ä oft Ift et) er II.. Hungen; Heinrich Bernhard, Frei-Laubersheim; Gg. D i c tz >1 , Köngernheim; Georg Laubenheimer, Hahnheim; Georg Steinfteimer X., Dietzenbach; Hch. Schön 11., Lollar; Sohann Peter Mör- l c r , Bad-Rauheim; Softann Friedr. Schäfer, Dusenbach: Oekonomierat Alles, Rieder-Flod- Duscnbach; Oekonomierat Alles, Rieder- Florstadt.
Oberhessen.
Großen-Linden, 20. Aug. Der Ge- meinberat setzte die diesjährige Umlage auf 22 000 Mk. fest, während sie im Saftrc 1925 26 000 Mk. betrug. Das Gehalt des Bürgermeisters wurde von Besoldungsgruppe IX auf VII herabgesetzt. Die Erbauung eines Gerätehauses für die Feuerwehr, das 5000 Mk. kosten sollte, wurde aus dem Voranschlag gestrichen.
<• Grünberg, 20. Aug. Der Kreis hat an den Obstbäumen an den Krcisstratzen zur Bekämpfung ber Ob st Schädlinge unb zum Schuhe der Bäume selbst Fang- bzw. Leimgürtel in Brusthöhe anbringen lassen. Die Gürtel werben im zeitigen Frühjahr abgenommen unb bic daran bcfinblidjen Snsekten verbrannt. Ratür- lich haben biefc Maßregeln nur Zweck, wenn sie auch von den anderen Besitzern von Obst- bäumen, wie Gemeinde unb Privatpersonen, ausgiebig angetoenbet werben.
t Grünberg, 20. Aug. Der älteste Mann von Grünberg und ber ilmgegenb. Heinrich Frank, ist infolge eines Schlaganfalls im Alter von 89 Sahren verstorben. — Die trostlosen Aussichten der S m f e r in hiesiger Gegend haben sich in den letzten Wochen durch das ein- getretene schöne Wetter bedeutend gebessert. Die Wiesen stehen voller Blüten verschiedener Art und ganz besonders die Kleeblüten spielen hierbei eine Rolle; auch tarnen hierzu die ganz besonders bevorzugten Lindenblüten - bekanntlich blühen die Linden in unserer Lage etwas später - noch zur Honiggewinnung in Betracht. Sedensasts ist der Sinker den Sorgen der Winterfütterung enthoben, halb werben bei weiter günstiger Witterung die leeren Waben gefüllt sein, und das Schleudern kann in Angriff genommen werden.
• Obbornhofen, 19. Aug. Das ganze Frühjahr unb beu Sommer hindurch war im hiesigen Dorfe die Zahl der Arbeitslosen ziemlich hoch. Sie wurden mit Rotstandsarbeiten beschäftigt, bic in Stcinllopfen Wcgcausbessern, Rodungsarbeiten im Wald usw. bestanden. Sn letzter Zeit nun ist die Erwcrbslosenzisser auch hier zurückgegangen. Durch das Einsehen einet regeren Bautätigkeit sind viele dabei beschäftigt. Andere haben Arbeit bei ber Dreschmaschine gefunden, bic jetzt in Betrieb ist, wieder andere sind auf bem Hofgut untergebracht.
Kreis Kriedberg.
Bad-Rauheim, 20. Aug. Einen Richard-Wagner-Abcnd veranstaltete das Staatliche Kurorchester unter Leitung des Generalmusikdirektors E i b c n s ch ü h. Der Abend erfreute sich des besonderen Sntere'ses ber hiesigen Musikfreunde und war gut besucht. Die Vortragsfolge brachte Teile aus „Lohengrin", „Tannhäuser“. „Rheingold“, „Meistersinger" vfw.
B a d - R a u ft c i m. 20. Aug. Sn dem neu ftcrgericfttekn Staatlichen Ausstellungsraum in den Kolonnaden von Bad-Rauheim (Kunsthand- lung Richard Banger) findet von Mitte August bis etwa 15. Oktober eine Ausstellung „Hessenkun st" statt, die von der Reuen Hessischen Arbeitsgemeinsch" t . bildende Kunst veranstaltet ist. Sie enthalt eine kleine, aber feftr gewählte Anzahl verschiedenartiger Werke aller Fachgebiete. Es find Oel- unb Wasser- farbenbilber. Oriffelhmftblätter, kleine Bildhaucr- arbeiten und kunstgewerbliche Werke jeglicher Technik, an denen sich die bewährtesten Hesfi-


