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Nr. 142 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Montag. 21. Juni 1926

Rutzlsnds Kampf um die Meerengen.

Deutschlands Stellung zur türkischen Frage. - Neues Material aus deutschen Archiven.

Bekanntlich bildet das Streben nach der Beherrschung des Ausganges des Schwarzen Meeres ein Grundmotiv der russischen Politik, das nach den russischen Niederlagen im Japa­nischen Kriege 1904 05 für die Petersburger Staatsmänner vollends die Richtung ihrer Gill» schliehungen bestimmte. Nachdem der Versuch Iswolskys. 1908 im Anschluß an die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Oester- reich-Ungarn die Oessnung der Meerengen zu er­reichen, vornehmlich an dem Widerstand Eng­lands gescheitert war, kam es während des Tri- poliSkrieges und seiner zahlreichen diplomatischen Schwierigkeiten zu einem neuen russischen Vor- stoß. Während einer langen ©rfranfung des russischen Außenministers Sasonow im Som­mer und Herbst 1911 wurde daS russische Außen­ministerium durch N e r a t o w geleitet, der bald in seiner Orientpolitik in das Schlepptau des unternehmungslustigen und betriebsamen Bot­schafters in Konstantinopel Tscharhkow geriet. Unter dem Einfluß Tscharykows regte die rus­sische Regierung im November 1911 bei den Großmächten eine Diskussion über die Meer­engenfrage an und suchte gleichzeitig den Tür­ken einen Vertrag auszuoktrohieren, der den russischen Kriegsschiffen die freie Durch­fahrt durch die Meerengen gewährte.

Die leitenden deutschen Staatsmänner, Reichskanzler von Dethmann-Hollweg und Staatssekretär von Ki d e r l e n-W a e ch - 1 e r, waren entschlossen, sich den russischen Wün­schen zunächst nicht entgegenzustellen. Die seit der Potsdamer Entrevue 1910 und der vorsichtigen Haltung Rußlands in der zweiten Marokkokrise 1911 gebesserten deutsch-russischen Beziehungen wollte man in Berlin nicht durch theoretischen Widerstand gegen ein Projekt aufs Spiel sehen, dessen Verwirklichung schon wegen der zögern­den und ungewissen Haltung Englairds noch in weitem Felde lag. Tatsächlich scheiterten die russischen Pläne auch diesmal, zumeist wohl an ihrer mangelnden diplomatischen Vorbereitung. Vor allem erregten die russischen Zumutungen in Konstantinopel größte Entrüstung, aber auch in den Hauptstädten der europäischen Großmächte sand der russische Schritt ein solches Echo, daß sich Minister Sasonow beeilte, seinen Botschafter zu desavouieren. Mit der Abberufung Tschary­kows einige Monate später endigte diese Episode im diplomatischen Kampf um die Meerengen.

Der russische Plan und seine freundliche Ausnahme in Berlin hatte indessen zu einer tiefen Verstimmung zwischen der Berliner Zentrale und dem Botschafter in Konstanti­nopel Freiherrn von Marschall geführt, der sich als Exponent der deutschen Orient­politik fühlte, die er durch einen russischen Er­folg in der Meerengenfrage aufs äußerste be­droht wähnte. Seine abweichende Stellungnahme, die sich schließlich bis zur Einreichung eines Ab­schiedsgesuchs steigerte, kam in einigen großen grundsätzlichen Berichten zum Ausdruck, in denen er die deutsche Politik am Goldenen Horn in bismarckscher und nachbismarckscher Zeit einge­hend analysierte. Wir sind in der Lage, im Folgenden den interessantesten dieser Berichte, der besonders die politischen Folgen der deutschen Wirtschaftsexpansion in der Türkei schildert, aus dem in Kürze erscheinenden 30. Bande der Gro­ßen Aktenpublikation des Auswärtigen Amtes*) zum Vorabdruck zu bringen:

)Die Große Politik der Europäischen Kabi­nette 18711914." Sammlung der Diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes. 3m Auftrage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Jo­hannes Lepsius (f). Albrecht Mendelssohn Bart­holdy, Friedrich Thimme. 5. Reihe. Zweite Ab­teilung:Weltpolitische Komplikationen'^ Band 3033 (5 Teile). 3m Verlage der Deutschen Derlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin W. 8.

Der Spätzenkrieg Anno 1746/47.

Don Staatsarchivar Dr. Fridolin Solleder,

München.

Sie hatten es zu frech getrieben, des Hoch­stifts Würzburg Landspatzen. Da hatte ihnen der deutsche Fleury. Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn, den Krieg erklärt. Und das war so gekommen:

3ust in dem Augenblicke, da das römische Reich deutscher Nation widerhallte vom Schlach- tendvnner und Kriegsgelöse. da Maria Theresia wie eine Löwin das väterliche Erbe gegen den großen Fritz und den unbedeutenden Karl VII. verteidigte, hatte man in des Hochstifts Nach­barlanden, in der Maickgrafschaft, im Erzstifte Fulda, in Kurhessen, Baden und Württemberg die Sperlinge für vogelfrei erklärt. Was nicht erschlagen, nicht erschossen, noch in der Brut getötet ward von der kecken Sippe, gemeinhin Spatzen genannt, flüchtete nun in Schwärmen ins weite Gebiet des mächtigen Fürstenbistums, das für die Geächteten noch eine Freistatt war. Und es ließ sich gut leben unter dem Krummstabe des Würzburger Fürstbischofs. Sie liehen sichs Wohlergehen, lebten ihr freches Spatzenleben, mehrten sich nach Spahenart und nahmen greu­lich übeichand. So wurden sie dann binnen wenigen Monden zur gemeinen Landplage, und das Geschrei des empörten Volkes wider die ver­ruchten Schädlinge drang bis zu den Ohren des Fürstbischofs.

Am 20. 3uni 1746 erging ein allgemeines Landmandat in die fränkischen, Lande des Hoch­stifts. Landauf, landab, von Stadt zu Markt, von Markt zu Dorf, trugen es die reitenden und gehenden Landboten, und wir wissen, daß selbst in die entlegensten Dörfer im Spessart und in der Rhön schon am 28. 3uni der landesherrliche Erlaß gebracht war. Büttel und Frohnboten luden die Dorfschaften und Stadtbewohner in den Amishof und aufs Rathaus. Uni) den alleinge­sessenen Sperlingen, die sich auf des Landes Sprache verstanden, schwand sicherlich ihr kecker Spahenmut, als sie hörten, was der gestrenge Schultheiß und Bürgermeister von dem groben Holzpapier aus den dicken ungelenken Schrift­zeichen vorlas.

Der Botschafter in Konstantinopel Freiherr von Marschall an den

ReichSlanzler von Dethmann Hollweg Ausfertigung

Nr. 357 Pera, den 4. Dezember 1911

Geheim

Nachdem Rußland in rücksichtsloser Weise die durch den Krieg mit 3talien geschaffene überaus schwierige Lage der Türkei benützen will, um von ihr die Lösung der Meerengen­frage zu erzwingen, so wird es von 3nteresse fein, dieses Thema etwas ausführlicher zu be­handeln. Drei internationale Verträge, der Pariser Vertrag, die Konvention von London vom 3ahre 1871 und der Berliner Vertrag enthalten darüber Bestimmungen. Sie statuieren sämtlich das Prinzip der Schließung der Meer­engen in Friedenszeiten. Nur über die Modali­täten, unter denen der Sultan Ausnahmen von dem Prinzip gewähren kann, sind in den spä­teren Verträgen gewisse Aenderungen vorge­nommen worden. Man wundert sich, wie unter solchen Umständen die Meerengen eineFrage" bilden können. Das rührt daher, daß Rußland sich, seitdem ihm im 3ahre 1871 wieder der Bau einer Flotte im Schwarzen Meer gestattet wurde, beschwert fühlt. Cs verlangt, daß die russischen Kriegsschiffe frei die Meerengen pas­sieren, den fremden aber der Zugang versagt bleibe. Mil anderen Worten, das Schwarze Meer soll für die russische Kriegsflotte mare liberum, für diejenigen der anderen Mächte aber mare dausum sein. Jede andere Lösung ist für Rußland unannehmbar. Die Fortdauer des heu­tigen Zustandes gilt noch als erträglicher als die Zulassung fremder Kriegsflotten. Daraus folgt, daß jede Großmacht, welche Rußland in der Meerengenfrage keine Schwierigkeiten be­reiten will, bereif sein muß, dasjenige zu be­willigen, was in diesen Tagen die russische Regierung der Pforte angesonnen hat.

3n der Stellung der deutschen Politik zu der Meerengenfrage sind zwei Perioden zu unterscheiden, die eine vor und die andere nach dem Sturze des Fürsten Bismarck. Bekanntlich hat der große deutsche Staatsmann den höchsten Wert auf gute Beziehungen mit Rußland ge­legt, während er den nahen Orient als außer­halb unserer politischen Interessensphäre liegend betrachtete und es scharf ablehnte, wegen öster­reichisch-ungarischer Interessen das Deutsche Reich irgendwie zu engagieren. Aus dieser Ge­sinnung heraus war Fürst Bismarck allezeit bereit, den Russen bezüglich der Meerengen Kon­zessionen zu machen. Mit dem Abgang des Fürsten trat gerade in dieser Frage ein voll­kommener Umschwung ein. Zwei Momente ha­ben auf diese Wendung einen entscheidenden Einfluß geübt, einmal die größere Intimität in unseren Beziehungen mit Oesterreich-Ungarn und dann der Umstand, daß Deutschland, an- knüpfend an den ersten Besuch Seiner Majestät des Kaisers in Konstantinopel, sich im türkischen Reiche eine politische, militärische und wirtschaftliche Interessen­sphäre geschaffen hat, welche notwendig auf unsere Haltung zu Rußland einwirken mußte. Die Politik der Bereitwilligkeit, den Russen be­züglich der Meerengen Konzessionen zu machen, war damit zu Ende.

Ich würde diese Behauptung nicht so apo­diktisch aufstellen, wenn ich nicht an der ein­getretenen Wendung selbst persönlich beteiligt gewesen wäre. Die Ansicht des Fürsten Bismarck über die Meerengenfrage hatte in dem bekannten Rückversicherungsvertrage mit Rußland den denk­bar prägnantesten Ausdruck gefunden. Etwas Weiteres halte ich mich nicht für berechtigt über den Inhalt dieses Geheimvertrages zu sagen, von dem Fürst Bismarck bekanntlich die russischen Leistungen veröffentlicht, aber die deutschen Ge­genleistungen verheimlicht hat. Die Umstände

3m ganzen Lande seien Klagen laut gewor­den. daß durch die in Ueberzahl auftretenöen Spatzen dem Bauersmanns. Heckers- und Wein- bergsleuten an den auf den Feldern ausgesäten Körnern und Früchten, an Obst, Garten- und Samwerk, beim Reifwerden der Trauben am Wein nicht minder, in den Scheunen und auf dem Schüttboden am lagernden Getreide und Brot» frucht schwerer Schaden zugefügt werde. Da überhörten die Zaungäste wohl, wie ihnen das Landmandat schmeichelte, daß sie als gute Wein- fenner besonders den vollsten und besten Trauben zusetzten. Und dann kams noch ärger. Der Volks- mehrung dieser schädlichen Spatzen müsse Ein­halt getan und gleichwie in den Nachbarlanden zu gründlicher Abhllfe geschritten werden.

Als wird allen und jeden dieses Fürsten- thums und verrechnenden Beamten, auch Stif­teten, Glöfieren, und anderen 3m» und Mediat eingehörigen aus Seiner Hochsürstlichen Gnaden besonderes Landesfürst-Vätierlicher Sorgfalt und ausdrücklichen Befehl hiermit gemessen und ernst­lich geboiten. daß sie alle und jede ihnen unter­gebene, haussässige Bürgere, Inwohnere, Beh- sassen und Untertanen dahin anweisen, auch an­hallen sollen, daß von einem jeden Landsunter­tanen oder Haushallung ohne auhnahm alle 3ahr wenigstens sechs Spatzen eingefangen und so viele Köpff an das Amt ein geliefert werden. Oder aber dies gewärtigen sollen, daß soviele Stuck Köpff der Mitterbesiher nicht bei­bringen wird, er zur Erlegung einer Straff von 1 Batzen auf einen jeden Kopfs, auch, wo er daran gar säumig oder gegen dieses Herrschaft­liche Gebott sich ohngehorsam bezeigen solle, mit schärpfferer Straff werde angesehen werden, welche geliefferte Spatzen-köpff sodann von dem Beamten sogleich verbrennt werden sollen."

Da das Landgebot die Hausväter in Be­schaffung ihrer Nahrung fördern, keineswegs aber den Untertanen neue Lasten aufbürden wollte, so war es des Fürstbischofs Wille, daß die wider besseres Hoffen etwa verfallenden Straf­gelder in der Weise verteilt würden, daß für zwei Spatzenköpfe, die über die gesetzte Zahl ans Amt eingebracht würden, je ein Dreier aus» geteilt werden würde, um das schädliche Vogel­voll desto eher auszutilgen. Um Feuersbrünsten.

und Motive, welche zur Nichtverlängerung des Vertrages führten. sind mi: genau bekannt 3m Jahre 1890, gelegentlich der öiterreichisch-ungari- schen Manöver, ift dem Kaiser Franz Joseph und dem Grafen Kalnoky von der Sachlage Mit­teilung gemacht worden. Damals wurde ein Ein­verständnis in dem Sinne erzielt, daß eine Lösung der Meerengensrage im russischen Sinne über­haupt unmöglich sei, und daß einer Veränderung der einschlägigen Verträge nur auf Grund eines vorherigen Einverständnisses zwischen Oesterreich» Ungam und Deutschland nahergetreten werden könne. Schriftlich ist dieses Einverständnis meines Wissens nicht niedergelegt worden: daß aber in den siebeneinhalb 3ahren. in denen ich Staats­sekretär war, an diesen Grundsätzen festgehalten worden ift, dafür darf ich wohl als glaub­würdiger Zeuge gelten. Rach außen hin ist diese Politik nicht hcrvorgetreten. Wenn da und dort die Russen gelegentlich die Frage in der Türket anregten, so haben wir auf türkische Anfragen meist in dem ausweichenden Sinne geantwortet, daß die Entscheidung bei der Gesamtheit aller Mächte stehe unb wir alles annehmen würden, was die Pforte mit Rußland frei vereinbare. Wir waren damals, ebenso wie Oefterreich- Ungarn, durch den englisch-russischen Gegensatz gedeckt und durch das englische Axiom, daß die Meerengen entweder allen oder niemandem ge­öffnet werden dürften.

Daß in der deutschen Polllik seit den mehr als vierzehn 3ahren, feit denen ich hier Bot­schafter geworden, bezüglich der Meerengen irgendeine Aenderung eingetreten fei, habe ich niemals wahrgenommen. 3ch darf daher sagen, daß die deutsche Politik, welche im 3ahre 1890 anfing, auch heute noch besteht. Würde damit in der neuesten Zeit gebrochen worden fein, so würde ich als Botschafter in Konstantinopel sicher Nachricht erhalten haben.

Nur eine Aenderung ist in unserer Politik seit 1890 eingetreten. Anfangs war es vornehm­lich die Solidarität mit Oesterreich-Ungarn und unsere Dundestreue, welche Konzessionen an Ruß­land verhinderte, heute sind es die im türkischen Reich geschaffenen eigenen bedeutenden 3nter» essen, die einen Rückfall in die einstige Politik ausschlieheen. Aus den beiden Kaiserreichen her­aus hat sich hierzulande jene getoadige Summe erfolgreicher deutscher Arbeit auf allen Gebieten herausgebildet, die mit der Existenz der Türkei als selbständigen, unabhängigen Staates steht und fällt. Cs ist ein vitales 3nteresseDeutsch lands, fremde unentwickelte Länder wirtschaft­lich zu erschließen, und die Türkei bietet in dieser Beziehung ein überreiches Feld. 3n zirka vier Jahren werden wir in der Türkei mehr als 3000 Kilometer Eisenbahnen unter unserer Kon­trolle im Betriebe haben. Heber viele hundert weitere Kilometer schweben Verhandlungen. De- Wässerungsarbeiten, welche sich auf ganze Pro­vinzen erstrecken, sind in deutschen Händen. Um diese wirtschaftlichen Unternehmen und die darin angelegten Hunderte von Millionen wirksam zu schützen, bedarf Deutschland in Konstantinopel einer starken politischen Stellung. Um diese zu erreichen, haben wir den Türken immer wieder aufs neue amtlich erklärt, daß die deutsche Politik für den Status quo im nahen Orient auf dem Boden der bestehenden internationalen Ver­träge und für die 3ntegrität des türkischen Rei­ches eintrete. Wir haben zu erkennen gegeben, daß eine militärisch und wirtschaftlich starke und unabhängige Türkei den politischen 3ntereffen Deutschlands dienlich sei, da ein Zusammenbruch der Türkei nur unseren Gegnern Vorteil ge­währen würde. . .

Man kann diese Politll billigen oder tadeln. Das ist Ansichtssache. Aber darüber kann kein Zweifel bestehen, daß die Orientpolitll, die wir seit bald 20 3ahren verfolgen, unverträglich ist mit einer Konnivenz gegenüber Rußland in der Meerengenfrage. Wir können nicht jahrelang den Türken von Status quo, von internationalen Ver­trägen, von 3nfcgrität und Unabhängigkeit des türkischen Reiches reden und dann Rußland die Mittel in die Hand geben, die Verträge zu zer­schlagen und die Unabhängigkeit des Reichs in Trümmer zu legen.

Der Wunsch der Russen ist verständlich, daß ihnen, nachdem sie wieoer eine Kriegsflotte im Schwarzen Meere besitzen und offenbar mit der

fahrlässiger Tötung und Verwundung von Mensch und Tier, namentlich aber um Jagdfreveln vor­zubeugen, wurde ausdrücklich verboten, zur Ein­bringung der Spatzen ein Schießgewehr zu ge­brauchen oder Schlingen auf dem Felde zu stellen, sondern sie auf andere Weise, durch Fang- garne, Töpfe, einzufangen. Damit das aufs beste des Landes und der Untertanen abzielende landesfürstliche Gebot desto sicherer zum Vollzug gebracht werde, sollte ein jeder fürstliche 3nv mediat, stiftischer, klösterlicher und sonstiger Me- diatbeamter alljährlich zwischen März und April an die fürstliche Regierung getreulich berichten und mit einem von den Amtsschreibern aus­gestellten Attest sich zu legitimieren haben, ob und wieviele Spahenköpfe gemäß der Zahl der haussä'sigen Amtsuntertanen wirklich eingeliefert, wie viel an Strafe erhoben und wie diese weiter­hin erhoben wurde und verwendet. Auch sollten die fürstlichen Immediatbeamten die nächstgesesse- nen stiftischen, klösterlichen und sonstigen Mediat- stellen und Beamten behördlich überwachen, ob diesem Landgebot gehörig Folge geleistet werde. Mit der ausdrücklichen Verwarnung, wenn je­mand zuwiderhandle oder nur säumig wäre im Vollzug, und es an fleißiger Aufsicht gebrechen ließe, sollte er schwere Ahndung, das erste Mal mit zehn, das zweite Mal mit zwanzig Reichs­talern, bei fernerem Ungehorsam mit schärfster Strafe unnachsichtlich erleiden.

Es war ein Kampf zwischen ungleichen Geg­nern. Man konnte über den Ausgang auch nicht einen Augenblick im Zweifel sein. Mit einem Federstrich hatte der Fürstbischof, da er unter das grausame Landmandat seinen Namen setzte, Tausende und Abertausende von frohen Spahen- leben vernichtet. Das war seine letzte große Re­gierungstat: am 25. Juli 1746 verschied der große Widersacher von Frankens Spatzen.

Wohl nie war ein landesherrliches Gebot williger befolgt worden. Es gab nicht einen Buben, nicht ein Mädel im Hochftift, das sich nicht einen Dreier ergattern wollte. Und so be­kam keines einen. Und doch, den Dorfjungen von Bergrheinfeld wäre das Glück beinahe hold gewesen.

Aus allen Canbedteilen liefen im März und April 1747 beim neuen Würzburger Fürstbischof

Absicht umgeben, dieselbe wesentlich zu ver­größern. ein Ausgang nach dem Mittelländischen Meere gewährt werde. Das ift unter der^ Vor­aussetzung ein billiger Wunsch, daß die Flotten anderer Staaten ebenfalls zum Schwarzen Meere zugelassen werden. Aber gerade das ift es, waS Rußland gleichsam als einen Eingriffs in seine Prärogative mit Hohn zurückweisi. Ausschließlich die russischen Kriegssch.ssfe sollen die Meerengen durchfahren. Damit fällt die Maske. Rußland will Herr in Konstantinopel werden. Ich habe noch keinen Kenner der türkischen Verhältnisse gesprochen, der nicht die Durchfahrt der ruffischen Flotte in jenem exklusiven Sinne für ein unfehlbar sicheres Mittel zu jenem Ziele betrachtet. Liegen erst ein paar Panzerschiffe vor der wehrlosen Hauptstadt, dann ist Rußland politisch und mili­tärisch Meister derselben. Kein Irade wird dann mehr erscheinen, ohne das Placet des Herrn Tscharykow zu tragen. Und bei her intensiven Zentralisation im türkischen Reiche ift die Macht, welche Konstantinopel beherrscht. Herr und Meister im Lande. Die russische Herrschaft in Konstantinopel wäre ein glänzender, berausäxm- der Erfolg für das Slawentum und der denkbar schwerste Schlag für das Deutschtum, und zwar nicht nur für dasjenige in Oesterreich-Ungarn, sondern für das Deutschtum im weitesten Sinne. Herrscht Rußland in Konstantinopel, so würden die Deutschen, welche die Ziele unserer Politik erkennend zur Entfaltung ihrer wirtschaftlichen Expansionskraft die Türkei erwählt haben, vor die Alternative gestellt, entweder das Land zu ver­lassen oder das Produkt ihrer Arbeit russischer Kontrolle zu unterwerfen. Diese Alternative er­wähnen, heißt die Unmöglichkeit nachweisen, daß sie jemals gestellt werden wird.

. . . Wir stehen in der Meerengenfrage einem konzentrierten Angriffe der Tripelentente gegen­über, der zunächst gegen die Türkei zielt, efber auch gegen Oesterreich-Ungarn und Deutschland gerichtet ist. Die Verteidigung können wir nur führen Schuller an Schulter mit dem verbündeten Oesterreich-Ungarn und auf dem Boden der be­stehenden Verträge. Wenn irgendwo, so ist in diesem Falle eine Interessengemeinschaft des Zweibundes vorhanden. Niemand kann mehr als ich von der Notwendigkeit guter und freundnach­barlicher Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland überzeugt sein, felbstverständlich unter der Voraussetzung, daß jenseits der Grenze die­selbe Gesinnung besteht. Wir haben soeben den Russen eine große Konzession in Persien gemacht. Will die russische Politik in der Türkei einen ähnlichen Zustand schassen, wie er in Persien be­steht, will sie die politische und wirtschaftliche Stellung, die wir hier einnehmen, zerstören und den türlischen Sultan zu einem Vasallen machen und das wären die unfehlbaren Konsequenzen, wenn der jüngste Streich gelänge, so gibt es für uns nur eine Antwort:Non possumus".

Marschall.

Verband

Deutscher Burschen (V. D. V.)

Der D. D. B.. Verband Deutscher Burschen, hielt seinen diesjährigen ordentlichen Verbandskonvent in Darmstadt ab. Die Tagesordnung enthielt eine Fülle von Ar­beit. Cs wurde hervorgehoben, daß der D. D. B. die Einigung der schlagenden und nichtschlagenden Verbände und die Neubelebung des zu diesem Zwecke seinerzeit abgeschlossenen Erlanger Ver­bände- und Chrenabkommens auf6 wärmste be­grüßt und die Forderung der nationalen Ge­sinnung durch seine Mitglieder zielbewuht und tatfräftig durchführen muß. Gerade in dieser Richtung war der großangelegte Vortrag von Stadtturnrat Dir. Echternach (Frankfurt a. Main) überDas Problem der Leibesübungen als Kulturaufgabe" wegweisend. Die tiefgrün­digen Ausführungen waren eine äußerst wert­volle Bereicherung des gesamten Arbeitspro­gramms. Die planmäßige Körperkultur wird in Zukunft ein wesentliches Metckmal des V. D. B. werden. Wettere Vorträge hielten der Verbands- vorsihende Assessor Wolf (München-Freising) überDie Lage in der Deutschen Studenten, schäft", der Hochschulringreferent deS V. D. B. überDer Deutsche Hochschulring" undDie Arbeitsgemeinschaft der völkischen Akademiker-

Graf Anselm von Ingelheim Berichte ein, daß des hohen Vorfahrs landesherrliches Gebot untertänig^ vollzogen worden. Doch in Berg­rheinfeld, einem ansehnlichen Pfarrdors am rechten User des Mains, woselbst das Julius- spllal in Würzburg einen eigenen Amtsvogt hielt, der jährlich bei 15 000 fränkischen Gulden an Einnahmen verrechnete, hatten hier vier deutsch- herrliche Untertanen, dem gernefjenen bischöflichen Befehl zum Hohne sich geweigert, für ihre Säum­nis Strafe zu zahlen, mit dem Vorgeben, daß ihnen vom Deutschherrn-Derwalter zu Würzburg angeboten worden sei, keine Spahenköpfe zu liefern.

Der fürstlich juliusspllälische Amtsvogt zu Bergrheinfeld drohte mit Pfändung und Kerker. Umsonst. Namens der Kommende Würzburg des Deutschordens richtete der Deut-chherrnverwalter Andreas Kraus unterm 2. März 1747 an den Amtsvogt Pancraz Döhler zu Bergrheinfeld ein geharnischtes Protestschreiben.welches ge­stalten Euer Hochedelgestreng sich neuerdingen anmaßen wollen, von denen dortselbst sämtlichen mit aller Gericht-, Vogt- und Dienstbarkeit Unter­worfenen, auch erbgehuldigten Teutfchordens Un­tertanen eine gewisse Anzahl an Spatzenköpfen zu liefern anzuverlangen, da sie ansonsten in solch Verweigerungsfall mit allem Gewalt hierzu ab» stringiert werden soll".

Da aber der Adressat nicht das geringste bei des hohen ritterlichen Deuttchordens Gütern und Untertanen zu suchen habe, folglich auch auf der verlangten Spahenköpflieferung zu bestehen keinen Grund habe, bei der von so vielen Kaisern und Königen für die Verletzung des Deutschritter­ordens gesetzten Strafe, findet er sich veranlaßt, gegen solch unfreundliches Attentaturn hiermit quam solemnissime zu protestieren und Euer Hochedelgestreng dienstnachbarlich zu ersuchen, von dergleichen Zudringlick^eiten für jezo und ins­künftig abzustehen". Zugleich wurde dem Gegner angekündigt, daß gemeßene Instruktionen an die deutschherrischen Untertanen ergangen feien, auch fürderhin sich keineswegs zu der S patzenköpf - lieferung zu verstehen. Und so gefchahs.

Am 18. März 1747 wurden die Gemeinde Untertanen zu Bergrheinfeld zum Vogtgerichle geladen und muhten einen heiligen Eid schwören.