Nr. M Zweites Blatt
Vie Zörderung der Sautängkeit durch die öaufpark n en der heffischen öffentlichen Sparkaffen.
Don AegierungSrat Dr. Rindfuß, Friedberg.
Wir haben bereits früher an dieser Stelle eingehend über die Dausparorganisation der hessischen öffentlichen Sparta« en berichtet. Die Schwierigkeiten, die der Einführung der Dau- sparlonten nach System II vorübergehend dadurch erwachsen waren, dah die Art der Feststellung der Reihenfolge der Darlehn^empsänger behördlicherseits als genehmigungspflichtige Lotterie erklärt worden ist, sind inzwischen restlos beseitigt. Die maßgebenden Behörden haben die neuge- trossene Regelung gebilligt, wonach die Bestimmung der Reihenfolge der Darlehensempsän- ger durch ein Schiedsgericht geschieht, in dem die Interessen der Bausparer derart gewahrt werden, daß neben dem Eifer der Spartätigkeit die Dringlichkeit des Wohnungsbedarss in erster Linie für die Reihenfolge der Darlehensgewäh- rungen entscheidend ist. Das Schiedsgericht wird in enger Fühlung mit den Bausparern -und den Gemeindebehörden arbeiten, so dah eine gerechtere Bestimmung der Reihenfolge der Darlehensvergebungen möglich ist, als dies bei der Losziehung der Fall gewesen wäre. Auch die Berücksichtigung etwaiger Daudarlehen aus öffentlichen Mitteln wird dadurch wesentlich erleichtert. Die enge Fühlung mit den tatsächlichen Ber- hältnissen ist schon allein ein sehr schätzenswerter Vorzug gegenüber privaten Organisationen jeder Art, die von einer Zentralstelle aus für das ganze Land oder gar für ganz Deutschland notwendigerweise nur schematisch arbeiten können. In erster Linie muh aber der große Borzug vor privaten Bausparorganisa'ionen immer wieder in der völligen Sicherheit gesehen werden, die die öffentlichen Sparkassen bieten. Haben doch sämtliche Gemeinden des Bezirks kraft Gesetzes die Haftung für die gesamten Verbindlichkeiten der Sparkassen. Während außerdem von privaten Bansparorgani'ationen ohne Bürgschaften Hypotheken bis zu 90 Prozent der Bau- summe gewährt werden, übernehmen bei den Dausparhypotheken der hessischen Svarkassen die Gemeinden die Bürgschaft, insoweit die Darlehen über die übliche Beleihungsgrenze der Sparkasse hinausqehen. Im Gegensatz zu privaten Organisationen verlangen die hessischen Sparkassen ferner keinerlei Cintriltsgeld oder andere Rebenkosten. Ieder. der mindestens 5 Prozent der abgeschlossenen Bnusu-^me. welche 5000. 7500. 10 000 15 000 oder 20 000 Reichsmark betragen kann, bei der Svarkasle cinbezablt hat und mit seinen regelmähiaen Mindestleistungen nicht im Rückstand ist. wird auf die Liste der Darlebensanwär'er geweht. Bon besonderem Borteil für die Bautparer ist die Reuerung. dah die jährlichen Mindestspareinlagen derart ab- aestuft sind, dah sie zusammen mit der Miete für die derzeitige Wohnung, und dah die iähr- li-^en Zins- und Tilgungsbc'räne nach der Dar- lehensne"-äbrung derart eingerichtet find, dah df? Inh'-e^le stuna der Bausvarer durchschnittlich den sechsten Teil des Einkommens beträgt. Außerdem sind d'e Akli^ und Passivzinsen und und die festen Tilgungssähe so zueinander ins Berbä-»nis gesetzt, dah der zuletzt mit der Dar- lebensee Währung zum Zug kommende Dausparer sich nicht ungünstiger steht als der erste und nicht ungünstiger, als wenn er im freien Verkehr zu einem Durch schnittszinsfuh von 4 Prozent Zinseszins gespart hätte.
Die jährlichen Mindestsvgreinlg"en, d-e Dau- snmmen und die jährlichen Mindestleistungen nach der Darlehensgewähr-ng verhalten sich zum Iahreseinkommen wie folgt:
Einkommen Dausumme
Mindestspareinlage
Zins plus Tiloung n. Darlehens- gewährung
1800
5000
100
300
2 700
7 500
150
450
3 600
10 000
200
600
5400
15 000
300
900
7 200
20 000
400
1 200
Ein
gerechter Ausgleich zwischen den Bau-
sparern ist nur dadurch möglich, dah die Sparer für ihre Einlagen einen Durchschnittszinssah erhalten, mit dem man etwa in den nächsten 15 Iahren zu rechnen hat, und dah sie auch für die ihrrxn gewährten Darlehen Zinsen bezahlen müssen. Der Darlehcnszins ist die einzige finanziell gerechte Gegenleistung für die frühere Darlehensgewährung. die die Darlel)ensempfänger
Pfingsten.
Von Dx. Heinrich Stadelmann.
.Die Sonne soll sich verkehren in Finsternis und der Mond in Blut, ehe denn der große und ossenbarliche Tag des Herrn kommt." Den gewaltigen Umsturz des Bestehenden deutet der Prophet in solchem Gleichnis an. Sollte des Propheten Wort in Erfüllung gehen?
Schon war der Llmsturz der alten Welt eingeleitet. In Iudäa war der Gedanke an Befreiung des Menschen geboren. Iudäa wollte los von Rom, von römischer Gewaltherrschaft. Das Volk verlangte nach dem freien Menschen, der nach eigener Auffassung leben konnte. Der Römer aber, der die ganze Welt beherrschte, war nicht mit Kriegswaffen zu besiegen. Ein neuer Geist nur wäre imstande, das römische Imperium zu unterwühlen und römischer Tyrannei ein Ende zu macyen.
Es war am Erntedankfest, dem Fest der Woche?», das sieben Wochen noch dem Passahfest in Iudäa 'gefeiert wurde, da trafen sich die Freunde und Anhänger der neuen Lehre, der Lehre vom Geist, der aus dem Himmel her- nicderfahren und die Menschen zu einem gottseligen Leben führen wird. Parther. Meder, Elamiter, Aeghpter, Römer. Juden. Kreter, Ara- ber und allerlei andere Rationen waren vertreten. so daß keiner die Rede des anderen verstehen konnte. Aber einig im gegenseifigen Verstehen waren sie, daß eine neue geistige Menschenwelt kommen müsse: und daß diese neue Welt jenseits der bisherigen liege.
Ein neuer Geist war über die Mtt- glieder der Gemeinde gekommen. Rach allen Seiten hin im Römerreich sandte er seine Strahlen aus. Wird der Glanz römischen Imperiums sich in Finsternis verkehren? Wie viele mochten im Mißverstehen der neuen Lehre vom
Gießener Anzeiger sGeneral-Anzeiger für Gberhessenf
Zreiiag, 21. Mai 1926
an die wartenden Dausparer. die erst später zum Zug tonunen, zu zahlen haben. Die Gewährung von zinslosem Baugeld, die von manch n privaten Dausparvereinigungen versprochen toirb, bedeutet also in Wirklichkeit nicht Gerechtigkeit, sondern große Ungerechtigkeit derjen gen Bausparer, die zuerst ihre Darlehen erhalten, gegenüber allen später an die Reihe Kommenden. Es muß wohl ohne weiteres zugegeben werden, dah die jetzigen Hypotheken» und Darlehenszinsen im übrigen Geldverlehr von durchschnittlich 10 Proz. zum rentablen Bauen zu hoch lind. Deshalb sind im Dausparsystem der hessischen Sparkassen Hyvo- thekendarlehen zu dem niedrigen Zinsfuß von 5 Proz. vorgesehen. Die ersten Dausparer, die zum Zug kommen und erst 5 Proz. der Dausumme erspart haben, erhalten die übrigen 95 Pro;, der Bausumme aus den Bauspareinlagen der Sparkasse. Wenn sie glaubhaft nachweisen, dah sie die vorgesehenen jährlichen festen Zins- und Tilgungssähe nach der Darlehensgewährung tragen können. Wie bereits oben erwähnt, haben zur größeren Sicherheit der übrigen Dausparer die Gemeinden für die gewährten Darlehen, insoweit sie über die übliche Deleihungsgrenze der Sparkasse hinausgehen, die Bürgschaft zu übernehmen. Die Gemeinden werden sich dieser gemeinnützigen Aufgabe mit Genehmigung der Aufsichtsbehörden um so lieber unterziehen, als sie ja seither in Ermangelung der Gewährung von Hypotheken durch die öffentlichen Geldinstitute fast für das gesamte Daugeld der privaten Bauherren die Verantwortung zu tragen hatten.
Unter der — mit Sicherheit nicht zu erwartenden — ungünstigsten Voraussetzung, daß kein Bausparer ein öffentliches Darlehen erhält, und daß kein Dausparer mehr einzahlt als die vorgeschriebenen Mindestleistungen, beträgt die durchschnittliche Wartezeit für die Bausparer 14 Jahre. Wenn man in Erwägung zieht, daß bei Gewährung von staatlichen Daudarlehen der vierte Teil der Dausumme als vorhandenes Eigerckapital verlangt wird, bei 10 000 Mark also 2500 Mark, so dauert es bei einer jährlichen Mindestsparsumme von 200 Mark 10 Jahre, bis dieser Betrag zusammengespart ist. Der Bausparer hat aber die Möglichkeit, schon bei Ersparnis von 500 Mark im gleichen Fall ein Baudarlehen von 7500 Mark zu erhalten. Bis aber die nicht früher zum Zug gekommenen Dausparer den Betrag von 25 Proz. der Dausumme erspart haben, ist anzunehmen, daß der allgemeine Hypothekenzrnsfuß sich gesenkt haben wird. Der Dausparvertrag sieht daher vor. dah, sobald der Zinsfuß bei der Sparkasse allgemein derart gesunken ist. dah nach Auffassung des Schiedsgerichts der entstehende Jahresaufwand vom Darlehensnehmer getragen werden kann oder sobald der Zinsfuß allgemein auf 6 Proz. gesunken ist, der Bausparvertrag dahin abgeändert werden kann, daß die Einzahlungen mit dem jeweiligen Einlagezinssuh der Sparkasse verzinst werden und der Dausparer, sobald er mit der Dar- lehnsaewährung zum Zug kommt, — neben seinem Sparbetrag — aus allgemeinen Mitteln derSpar- kasse eine erste Hypothek bis zu 50 Proz. der Dausumme und den Rest durch Gemeindebürgschaft erhält. Rimmt man an, daß dieser Zeitpunkt etwa nach 12 Jahren eintritt, dann würden diejenigen Dausparer, die bis dahin noch nicht zum Zug gekommen sind, statt im Verlauf von 16 Jahren bereits im Verlauf von 4 Jahren sämtlich mit Darlehen befriedigt werden können, so daß alle Bausparer, die an einer Gruppe beteiligt sind, in spätestens 16 Jahren mit Darlehen versehen werden formen, ganz abgesehen von der Beschleunigung, die durch höhere Einzahlungen und Tilgungen entsteht.
Es ist ganz selbstverständlich, dah auch ein Bausparfystem keine Wunder verrichten kann, und daß ein Teil der Dausparer warten muh. Deshalb ist es notwendig, dah jeder Gruppe von Dausparern eine Anzahl jüngerer Leute im Alter von 17 bis 25 Jahren angeschlossen werden muh, so dah die älteren Dausparer mit Familien entsprechend der Dringlichkeit ihres Wohnungsge- suches und ihren persönlichen Verhältnissen vom Schiedsgericht früher berücksichtigt werden können. Die jungen Leute in diesem Alter sind am ehesten in der Lage, die jährlichen Mindest- sparbeträge aufzubringen. Dies wird man ohne weiteres dann einsehen, wenn man berücksichtigt, dah bei einer Dausumme von 7500 Mark die Mindestspareinlage von 150 Mk. jährlich von einem jungen Menschen dadurch aufgebracht werden kann, dah er täglich ein Glas Bier weniger trinkt und zwei Zigaretten weniger raucht. Be- denkt man nun, dah nicht nur der künftige Ehemann, sondern auch die Eünftige Ehefrau als Erwerbstätige in derselben Weise spart, so ist
Heil daran gedacht haben, die Weltherrschaft könne Rom durch Dlut genommen werden: denn überall waren bislang Sinnesgenuß, Gewinnsucht, Herrschsucht die Triebe menschlichen Handelns. Mit Feuer vertraten Sendboten das Reue. Dald war in allen Gauen und Ländern des Romreichs, wenn auch oft unter schweren Kämpfen, die neue Lehre vom Leben heimisch. Zweiundeinhalb Jahrhunderte später waren sogar Minister des römischen Kaisers überzeugte Anhänger des Reuen, so wie Angehörige des Kaiserhauses selbst. Der Elser der Reuen war so groß, daß schließlich der Imperator für seine Machtstellung im Reiche fürchtete und allerorts die Reuerer und ifjre Einrichtungen unschädlich zu machen befahl.
Pfingsten. Erleuchtung. Erlenntnis. Um» ftimmung des Lebensgefühls. Allerorts treten heute Verkünder auf, die Menschen aus Rückfall in Weltlichkeit zu befreien. Die andere Zeit aber hat ein anderes Pfingsten. Von Mechanisierung will sie erlöst fein: will den Imperator Geld rficht mehr als obersten Desehlshaber anerkennen: ruft, jeder Mensch hat Anrecht auf sein eigenes Leben. Kleine und große Gemeinden tun sich auf, altem Gebrauch entgegenjuar&ei'en. Die einzelnen Geme nden verstehen einander nicht mehr: alle aber sagen, sie haben das Beste für alle Menschen vor. Die Umstehenden sehen erstaunt einander an: „Was will das werden?"
Wie ehedem geht ein Gemurmel durch die bunte QU enge der Rationen: „Sie sind voll süßen Weines": berauscht gleichsam und wie im Taumel, einseitig getrieben von einer Idee. Freiheit! ist das Losungswort wie vor fast zweitausend Jahren.
In Afrika und in Asien sind die Menschen gezwungen, ihr Recht aufs eigene Leben und auf eigene Anschauungen mit Waffen sich zu er»
mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß bis zur Verheiratung das eigene Heim gesichert ist. Es wird Aufgabe der Eltern und sonstigen Erziehungsberechtigten, insbesondere der Lehrherren und Arbeitgeber und der Fortbildungsschullehrer, sein, un ere Jugend zum Sparen mit dem bestimmten Ziel des künftigen eigenen Heims zu erziehen. Es wird sich nur darum handeln, der Jugend ein Ziel zu zeigen, und sie wird bei geeignetem Vorbild gerne den Weg beschreiten, der zu diesem Ziele führt. Richts wäre falscher, als sich kurzerhand damit abzufinden, daß unsere jetzige Jugend für das Sparen keinen Sinn habe. Man bedenke doch einmal, dah junge Leute, die jetzt 17—25 Jahre alt sind, im Jahre 1914, als wir noch normale wirtschaftliche Verhältnisse hatten, 5 bis 13 Jahre alt waren, und daß sie gerade in den Jahren, wo der Verstand und ein schwaches Bewußtsein für wirt.chastliche Dinge sich zu regen anfingen, die Inflation durchlebten, wo jeder, der auch nur an Sparen gedacht hätte, für einen Rarren erklärt worden wäre. Rur nachdrückliche verantwortungsbewußte Kleinarbeit in der Erziehung und das gute Beispiel der älteren Generation wird der Jugend die richtige Einstellung zur Gegenwart und zur Zukunft beibringen können. In diesem Sinne kann das Bausparshstein der hessschen Sparkassen nicht nur eine Förderung dec Bautätigkeit und Bekämpfung der Wohnungsnot, sondern auch eine erzieherische Aufgabe von nicht zu unterschätzender Bedeutung fein.
Pilsudski und Frankreich.
(Von unserem Pariser W. S.-Korrespondenten.)
Paris, 19. Mai 1926.
Die erste Etappe der Mlitärrevolution Pil- sudski ist erreicht. Man atmet in Paris ein wenig auf, ohne dabei die Besorgnis um das Morgen verhehlen zu können. Erst jetzt vermag man sich in Paris überhaupt einigermaßen Rechenschaft abzulegen über das, was sich in Polen ereignet hat, und welch grobe Gefahren für das polnisch-französische Bündnis daraus hätten entstehen tonnen. Riemand wollte • in Paris den ersten Rachrichten von dem Militärputsch Pilfudfiis rechten Glauben schenken. Man verwies nachdrücklichst darauf, dah alle die Rachrichten darüber fast ausschließlich aus deutscher Quelle stammten und daher nur mit äußerster Vorsicht au,zunehmen seien. Bald aber gelangten aucy weitere Warschauer Rachrichten aus anderer Quelle nach Paris, und mit 43- stündiger Verspätung lagen endlich die ersten amtlichen Bestätigungen des französischen Botschafters in War chau, Laroche, in Paris vor.
Än der öffentlichen Meinung prallten sofort zwei lleberlegungen hart aufeinander: Polen muß auf alle Fälle wirksam gegen einen Angriff Nußlands geschützt werden. Die demokratischen Kreise meinten, Polen kann sich nicht den Luxus leisten, die so bedauerlichen Zuckungen, die es früher in der Geschichte durchgemacht Hai. schon wieder heraufzubeschwören. Seine Stellung in Europa erlaubt ihm das jetzt noch viel weniger als in dec Vergangenheit, man kann also nur wünschen, daß der Bürgerkrieg so rasch wie möglich beigelegt wird. Geschieht dies und hält Marschall Pilsudski sein Wort, daß er die Diktatur verurteile, so ist kein Grund zu dem Bedauern vorhanden, daß der polnische Nationalismus unterlegen sei, und daß die polnische Außenpolitik sich jetzt nach einer Verständigung mit seinen Nachbarn orientieren müßte, selbst wenn dies den militärischen Streifen in Frankreich noch so sehr mißfallen sollte. Alle Kreise Frankreichs aber waren sich dahin einig, daß ein wirklicher Bürgerkrieg in Polen die schwersten Gefahren für den Frieden Europas in sich berge: ganz Frankreich stimmte darin überein, daß Polen gerade jetzt mehr denn je unbedingt Ruhe brauche. Man erkannte sofort die für Frankreich nicht angenehme Rückwirkung des Pilsudski- schen Militärputsches in Berlin und Genf und tröstete sich schließlich damit: es hätte ja noch viel schlimmer sein können.
Die Einstellung Frankreichs zu Pilsudski ist nicht uninteressant. Man weiß hier sehr wohl, daß Pilsudski früher wenigstens seine Blicke ausschließlich gegen Rußland richtete und einer Verständigung mit Deutschland nicht ganz abgeneigt schien. Inzwischen aber ist der deutsch-russische Vertrag zur Tatsache geworden und man hofft, daß der Abschluß des Berliner Vertrages Pilsudski in einem etwas franco- philerem Sinne beeinflussen werde. Wie ein roter Faden aber zieht sich durch alle Pariser Erwägungen die bange Frage: wird sich Pilsudski auf die Dauer stark genug erweisen, um auf der einen Seite
kämpfen. In Europa stehen Menschen klagend vor den Trümmern zerschlagener Eigenbesiim- mung.
Materialistische Auffassungen gönnen dem einzelnen und den Völkern nicht den Ausbau ihrer eigenen Kultur. Schon aber sind auch heute, wie seinerzeit im Romreich, D ener des alten Systems zu den Reuerern über getreten; Gesetze sind erstanden, die das Reue stutzen sollen. Die .ilmftünmung zieht immer mehr Menschen in ihren Kreis. Doch zeigt sich noch nicht die Tat, die aus flaret Erkenntnis kommen muß.
An Pfingsten war Einigung im Geist. Die Zeit um uns aber ist voll von Wirrwarr. Ohne Führer. Der Führer aber kann, wie damals, nur ein Gedanke fein.
Pfingsten von heute Hal andere Forderungen an den Menschen: die systematisch geregelte Tln- gleichheit unter Menschen und Völkern will Ausgleich. Rur dem Tüchtigsten soll freie Dahn gewährt sein. Die Frau soll in allen Dingen gleichberechtigt mit dem Manne da stehen. Die Jugendlichen sollen sich ausleben dürfen. Man reformiert an Schulen, an der Ehe, an 'Berufen. Rationale Eigentümlichkeiten sollen fallen; Grenzen sollen erlöschen.
And dennoch will die Freiheit nicht bei den Menschen ernkehren. Die Rationen schicken ihre Vertreter aus zu Versammlungen, tote ehemals; die Volksvertreter heute sollen die schwebenden Fragen lösen, die Ausgleich schaffen können.
Das Untereinander der Meinungen hält an; jeder beharrt auf seiner Idee; das Dindende bleibt aus. Vordem war es ein Reich im Geist, daS die Heilskünder zusammenführte; da standen nicht Fragen der Lebensexistenz auf einer Tagesordnung. Solchen Menschen war es bann gegeben, daß einer dem andern den Existenzkampf erleichterte. »Sie hielten alle Dinge gemein. 2H« Güter und Habe verkauften sie und
Herr zu bleiben, der ewigen Rivalitäten unter den militärischen Führern Polens, und aus der anderen Seit die Zufammenschweißung der drei so lange von» einander getrennten Polen wirklich durchführen zu können? Marcel Ray, bekanntlich einer der fähigsten und angesehendsten französischen Journalisten, schreibt im „Petit Journal": ..Pilsudski hat bisher nur Erfolge im ehemaligen Kongreh-Polen. Wie aber wird sich auf die Dauer Posen verhalten und wie Oberschlesien ? Auch die Drohung der Ruthenen in Galizien, sich gegen Pilsudski erheben zu wollen, fei nicht zu unterschätzen. 9<t es sicher, so fragt Marcel Ray weiter, daß der Bürgerkrieg nicht weiter anbauern wird? Die Frage ist für die Franzosen ebenso beunruhigend wie für die Polen. Polen ist einer der Stützpfeiler des neuen Europa, ein vorgeschobenes Bollwerk, das die Aufgabe hat, die Sicherheit mehrerer benachbarten Nationen sowie die Frankreichs zu garantieren. Die Führer, die Polen regieren wollen, tragen also außer ihrer nationalen. auch eine europäische Verantwortung Jede Krisis, die die polnische Nation bedroht und jede Beeinträchtigung ihrer Lebensfähigkeit, ist eine Gefahr für den Frieden."
Mit diesen Worten wird die Auffassung der maßgebenden Kreise Frankreichs zur polnischen Krisis am schärfsten gekennzeichnet. Man lucht sich in Paris wohl oder übel mit den Ereignissen in Warschau abzufinden, weil man sie doch nicht zu ändern vermag. doch kommt in Paris feine reine Freude über den Putsch Pilsudskis auf, denn man bangt vor der Zukunft in der sicheren Erkenntnis, daß die Aufrechterhaltung des französisch-polnischen Bündnisses von Frankreich noch sehr große Opfer erheischen wird.
Die AuslSndermvafion in Frankreich.
(Von unserem Pariser W. S.-Korrespondenten.) Paris, 10. Mai 1926.
Paris steht augenblicklich im Zeichen des Fremdenverkehrs. Namentlich E n g l ä n d e r u n d Amerikaner aus allen Teilen der Welt geben sich hier ein Rendezvous. Die Hotels sind überfüllt; überall werden neue Hotelplätze gebaut, an der Verlängerung des Boulevard Haußmann zu den großen Boulevards sogar gleichzeitig zwei, mit 500 oder 600 Zimmern. Am Etoile und an den Ehamps-Ely- söes werden gleichzeitig etwa 1 Dutzend Privathäu- fer zu Hotels umgebaut. Auf den großen Boulevards gegenüber dem Grand Hotel ist das bekannte Hotel Scribe erweitert und verschönt, vollständig renoviert. Kurzum, viele neue tausend Hotelzimmer stehen für die Fremden zur Verfügung, aber auch sie werden der immer größer werdenden Nachfrage kaum genügen. Selbsterständlich müssen die Angestellten aller großen Pariser Geschäfte englisch sprechen können. In den bekannten Mode- und Lucusgeschäften der rue de la Paix, der avenue de l’Opcra, der rue St. Honorö und der rue de Rivoli, hört man tatsächlich nur noch englisch. Dort sind sämtliche Plakate und Ankündigungen grundsätzlich nur noch in Englisch geschrieben. Der Zustrom von englisch sprechenden Besuchern ist an den Brennpunkten des Touristenverkehrs, wie z. B. bei den Schlössern an der Loire, in Nizza und einigen Badeorten im Innern des Landes so überwiegend, daß man in den dortigen Hotels buchstäblich mit Französisch sich überhaupt nicht mehr verständlich machen kann; sämtliche Rechnungen, usw. werden grundsätzlich nur noch in englischer Sprache ausgestellt.
Daß die Franzosen selbst dieser Ausländer-Invasion nur mit höchst gemischten Gefühlen gegenüber» stehen, beweist ein Leitartikel der angesehenen Mittagszeitung „Paris-Midi", den dieses Blatt just am Tage der Eröffnung des Internationalen Hotelbe- sitzer-Köngcefses in Paris veröffentlichte. Es heißt darin wörtlich: „Der Frank zu 16 Centimes liefert uns der Ausländerinvasion aus. Die ganze Welt schickt sich an, bei uns spazieren zu gehen, unsere Frühgemüse zu essen, unseren Wein zu trinken, unsere Kunstgegenstände mitzunehmen, und überall die ersten Plätze zu belegen. Diese Ausländer, die Zeit haben zu warten, leisten sich vielleicht auch noch den Spaß, unsere Wohnungen zu erwerben. Wer will noch behaupten, daß wir im Jahre 1918 den Eindringling vertrieben haben, den deutschen Eindringling vielleicht, aber den amerikanischen ober englischen ganz bestimmt nicht. Dieser hatte mir seine Kleidung zu wechseln, er war im Kaki, er ist im Touristenkostüm ober im Smoking wiebergekommen. Er hat bas Gewehr mit ber Gabel vertauscht, aber fährt fort, auf Kosten unseres Laubes zu leben. Wöhrenb bes Krieges bezahlte er uns wenigstens noch, was er uns abkaufte, jetzt schmeißt er uns 3 Sous für einen Frank vor die
teilten sie aus unter alle, nachdem jedermann not war." Damals konnte das ganae Haus von einem Brausen des Himmels erfüllt werden, konnte das Feuer vom Himmel eines jeden Haupt entzünden.
„Wo der Herr nicht das Haus baut, da arbeiten, die daran bauen, umsonst"; der Herr, der allein Herr ist, der Geist im Menschen.
Don selbst baut sich das gleichnishafte HauS aller Menschen, wenn es zum Planentwerfer einen gemeinf amen Gedanken hat. Herrscht in diesem Haus der »Fürst des Lebens", von dem die Geschichte des berühmt gewordenen Pfingstfestes spricht, dann feiern wir Pfingsten von heute zu Recht als Fest des Aeuwerdens unseres Lebens in neuer Einstellung zur Welt, als ein Frühlingsfest, das es im alten Germanien war.
In Gedanken an Menschlichkeit kann jeder einzelne, kann jedes Volk sich mit andern einen. Dann werden Menschen nicht mehr als gewinnbringende und gewinnerjagende Maschinen anzusehen sein. In Gemeinsamkeit kann jeder nach Art feiner Lebenseigenheit, die ihm die Erde unter ihm und der Himmel über ihm gewähren, Tat der Kultur vollbringen; das einzige, was alle Menschen unter einheitlichem Gesichtspuntt heute als gleich erscheinen läßt. Ist es schon vor der Türe. daS neue Pfingsten, das Dacckfest an den Geist, der alle Menschen zur Menschheit schließt?
Jeder rede seine eigene Sprache. In einem aber seien alle eines. In Anerkennung vom Recht aufS Leben. Dadurch gewonnene Freiheit wird den Weg des Lebens nicht mehr verschütten lasten; Freude wird die Welt erfüllen.
Dann ist der „große und offenbarliche Tag des Herrn" gekommen, von dem der ehemalige Versammlungsleiter zu Pfingsten vor neunzehn- hundert Iahren begeistert sprach.


