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finden ihn mit einer kleinen Kokotte beim Sekt­gelage ; durch die Glastüre im Nebengelah der Direktor in zärtlichem Beisammensein mit Olivers Tochter sichtbar. Zusammenprall beider Parteien. Oliver ver.ucht mit seinem Mammon die Tochter vom Direktorzurückzukausen vergebens. Er verläßt mit deutlichen Zeichen nahenden Wahn­sinns das Lokal, Direktor und Tochter ab nach der anderen Seite.

Nächstes Bild: Borstellung im Variete. Als Clou des Abends, (nicht nur vom Publikum auf der Bühne, sondern auch von dem im ZuscharrLr- raum jubelnd beklatscht) Ballet der Tillergirls, unter ihnen Olivers Tochter. Dann erscheint der Berwandlungskünstler Oliver. Leider hat Olivia es sich nicht versagen können, mit dem heim- gekehrten Freund in einer vom Scheinwerfer hell bestrahlten Loge der Vorstellung beizu­wohnen. Beim Anblick der Holden verfällt Oli­ver in Liebesraserei und verkündet laut seinen Entschluß, Selbstmord begehen zu wollen' es passiert ihm jedoch eine kleine Verwechslung (Oliver hier, Oliver da, zweimal Oliver!") er erschießt sein Ebenbild, Olivias Freund, glaubt aber, sich selbst getötet zu haben und wird ins Irrenhaus eingeliefert:Es ist der Fall des Artisten Oliver", doziert der Chefarzt seinen Hörern,von der Polizei wurde der Mann, der einen Mord verübt hat, bei uns eingeliefert zur Beobachtung seines Geisteszustandes. (Folg! die Vorgeschichte.) Er tötet im Variete den Neben­buhler. Bei seiner Verhaftung schweigt Oliver hartnäckig. Er stellt sich tot. Soweit die polizei­lichen Ermittelungen: wie sie mit geradezu bei­spielhafter Deduktion die falsche Wirklichleit für die echte Wirklichkeit einsetzen. Es hat nämlich keineswegs dieser Oliver mit dem Motiv der Eifersucht den Schuh abgegeben vielmehr die Handlung eines Selbstmordes liegt vollkommen plausibel vor bei Oliver, dec sich erschoß, um eine Kette privater fürchterlicher Verwicklungen mit einem Gewaltstreich zu zerreißen. Durchaus konse­

quent vernichtete er die WaSke, die ihm nichts mehr nützen konnte, wobei er im Schwindel höchster Verwirrung sich mit seinem Gegenüber verwechselte und in dem anderen sich selbst um­brachte." Aber auch diese nachträglichen Deu­tungen seiner Tat interessieren nicht nachhaltig. Das wesentliche Moment ist:Dieser Mensch hält sich für tot, während er lebt!

Die Untersuchung ergibt unheilbaren Wahn­sinn und gestattet Kaiser den Schlußeffekt einer Irrenhausszene.

Tragische Schicksalsverkcttungen? Oder nicht vielmehr Begebnisse, diedie falsche Wirklichkeit für dic echte Wirklichkeit einsehen?

Die Aufführung stand unter der vortrefflichen Leitung von Clemens Schubert und gab we­sentlich mehr, als das Buch. Ausgezeichnet die Bühnenbilder Walter G i s k e s: straff zusammen­gefaßte Ausschnitte von sehr glücklicher, farbiger Wirkung. Den Darstellern gelang es, den sche­menhaften Gestalten Kaisers Leben einzuhauchen. Besonders hervorzuheben der Oliver Carl N a n d t s. Sehr fein und lieblich Hanni B eck «übrigens eine gebürtige Gießenerin, die für die nächste Spielzeit an das Mainzer Stadt­theater verpflichtet ist) als Olivers Tochter. Die verkrüppelte Gat in (Gertrud Bergmann) hätte ein wenig Dämpfung, die Olivia (Maria M a r t i n s e n) etwas Belebung vertragen können. Gar zu matt und farblos Hermann Weiße als Olivias Freund. Vorzügliche Leistungen bo­ten Albert Walter als schmierig-lüsterner Di­rektor und Immanuel Medenwaldt als kupplerischer Agent. Die Kokotte wurde von Else Bork durchaus angemessen verkörpert. Hans Brackebusch schien als dozierender Chefarzt nicht ganz in seinem Clement zu sein, auch der Negisseur Hennig NolteS überzeugte nicht völlig. Sehr gut das Irrenquartett. Jazz­musik verband die elf Bilder. Der Beifall deS Publikums galt wohl mehr den Darstellern, als dem Stück. E. B.

Die Wespen und die Orgel.

2m letzten Jahre erhielt die katholische Kirche in Leipzig ein neues Orgelwerk. Wenige Wochen nach seiner Vollendung machten sich jedoch bereits Reparaturen nötig. Eine eingehende Untersuchung durch den Erbauer ergab Schäden an den pneu­matischen Zuleitungen. Die gezogenen Dleirohre wiesen kreisrunde Löcher auf. deren Entstehung zunächst vollkommen rätselhaft war. WeitereNach- forschungen förderten dann einige abgestorbene Insekten von etwa 2 Zentimeter Länge jmb Reste von solchen zutage. Man vermutete sofort, daß diesen Tieren die Schäden zuzuschreiben seien, ob­wohl die Annahme nicht sehr wahrscheinlich war. Eine Nachfrage am Zoologischen Institut der Universität Leipzig ergab, wie Dr. E. Wagier in derZeitschrift für Instrumentenbau" mit teilt, die Richtigkeit dieser Annahme. Es handelte sich um eine Holzwespe (Paururus juvencus), die ihre Eier im Holz ablegl. Dori entwickeln sich die Larven, indem sie durch das Holz lange Minier­gänge fressen und sich dadurch ernähren. Ihre Entwicklung dauert oft Jahre, bis die fertige Wespe dann durch einen Gang sich zur Oberfläche ihres Wohnholzes hinarbeitet und durch ein von ihr' genagtes großes kreisrundes Loch ihrem Larvenschlupfwinkel entsteigt. Offenbar war eines der für den Orgelbau verwandten Kiefernhölzer von ihnen befallen. Die reifen Larven oder Puppen waren mit den Säulen, an denen die Zuleitungsrvhre in Bündeln montiert waren, ein* geschleppt worden. Die auS'chlüpfenden Wesven trafen auf ihrem Wege zu der Säulenoberfläche aus die Dleirohre, wurden durch diese abgelenft, und nagten nun auf der Suche nach e'nem AuS- weg. einen Gang, der quer zu den Rohren halb noch durch diese ging, halb im Holze lag. Auf diese Weise hatten die Wespen die Orgel be­schädigt.

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Mittwoch, 21. April 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhessen)

Nr. 92 Zweites Blatt

London - Kairo - Kapstadt - ein englisches Kolonialp oblem.

Don P. Jos. A b s, Bonn a Rh.

Leit Monaten hat kein politisches Ereignis die weiteste Oeffentlichkeit Englands jo sehr erregt wie die glückliche Rückkehr der drei Flieger , die Ende Mär; von ihrem Tropenflug KapstadtKairo- London glücklich und heil zurücklehrten. London hatte sich auf dem großen Flugplatz Eroydon einge» funden. um den Führer der Erpediiion, Cobham, zu begrüßen. Auf den Schultern der bcgeifterten Massen wurde' er als Lieger umjubelt. Der Unter* staatssckretär für Luftfahrt war zu seiner Ankunft persönlich erschienen. Kein Name ist heute populärer in London als der des KapKairo Fliegers Cob­ham. Das hat seine guten Gründe.

Nicht nur eine sportliche Leistung ersten Ran­ges hat der Flieger vollbracht, für die stets der Angelsachse sich begeistert. Der Flieger hat Eng- land eine neue Welt geschenkt. Der von dem Afrikapolitiker Cecil Rhodes ins englische Dolk geworfene Gedanke, der den schwarzen Erdteil mit seinen riesigen verbindungslosen Ländermassen in ein zusammenhängendes, der englischen Welt ge­höriges Ganzes einschließen sollte, ist in Erfüllung Gegangen. Der einstige goldene Traum der Ver­bindungslinie KapKairo ist kein Traum mehr, er ist Wirklichkeit geworden.

Der englische Flieger hat rund 30 000 Kilometer mit feitjer , ArmstronmSiddeley Iaguar"-Maschine zurückgelegt. Der Flieger war eingeübt und einge­probt auf Tropenflüge. Seine Maschine war eigens ..tropenfest" konstruiert. Die Engländer hatten seit 1019 das Problem des KapKairo-Fluqes studiert und probiert. Nach jah'-elangen Mühen ist es endlich Mir Wirklichkeit geworden. Organisation und zähe Ausdauer hat, wie der Flieger sich ausdrückt, den Sieg über die unüberwindlich erscheinenden Minder- nisse des tropischen Erdteils errungen. Der Jubel der angelsächsischen Bevölkerung der Südafrikani­schen Union war nicht weniger groß, als der Lon­dons und Englands. Ein Brief des Gouverneurs der Union an den König von England, den der Flieger persönlich sofort nach seiner Rückkehr überreichte, war der Ausdruck dafür. Der König gratulierte dem ~(iooer, der dasAir Force"-Kreuz erhielt. In den Millionen Häusern Englands lauschten die Be­wohner der interessanten Schilderung des glücklichen Siegers. Jnteresiant genug klang die Erzählung des Fliegers im Rundfunk, lieber weite Wüstenstrecken mit undurchsichtigen Sandstürmen durch schwere Trnpenrenen und sausende Seewinde, durch eine wahre Hochofenglut-Atmosphäre ging der Weg. Weite unbevölkerte Landstriche, dichte Urwälder, Bergregionen boten einer glücklichen Landung drohende Gefahren. Zeitweilig stieg das Thermo- w-»?r auf 50 Grad Celsius im Schatten, so daß die Flieger, um eine ertragbare Temperatur zu finden, in Höhen von 3000 Meter und darüber auf» steigen mußten. Wer die Tropen kennt, weiß, was es heißt, stunden- und tagelang dieser glühenden Sonnenhitze fast schutzlos preiszugehen zu fein, dazu in einem so engen Räume im Flugzeug, in dem größere Bewegungsfreiheit unmöglich ist.

Aber diese Glanzleistung des englischen Flug­dienstes hat eine viel größere Bedeutung, als das Prestige der britischen Lustschissahrt der Welt darzu- tun. In England hat der KapKairo-Flug lang ersehnte Zukirnftthoffnungen verwirklicht wirt­schaftliche, militärische. Jeder Bahn bau in den Tropen, besonders in wirtschaftlich noch unerschlos­senen Gebieten des tropischen Afrika, ist eine ge- wattige Belastung für die Staatskasse. Und doch sind Derbindungsweae und Transportmöglichkeiten eine unerläßliche Bedingung für diese wirtschaftliche Erschließung. Wenn auch die KapKairo-Verbin­dung per Bahn immer mehr im Werden ist, so klaffen doch noch drei Lücken in dem Schienenwege, von denen die für England wichtigste die vom Sudan. Khartum-El Obeid über die englische Mom­basa-Linie die Verbindung mit unserer ehemaligen DaressalamTanganyika-Bahn Deutsch-Ostafrikas und von da nach dem Südnetz der Union-Bahnen darstellt. Gerade diese Sudanverbindung nach dem Süben wich durch den KapKairo-Flug zur Wirk­lichkeit. Wie wichtig diese Verbindung nicht nur wirtschaftlich, sondern politisch und militärisch für England ist, zeigt uns seine Stellung als Kolonial­macht. Den großen ostafrikanischen Block vom Nor- den Afrikas bis in den Süden umspannt England mit dieser Linie. Heute kennt England keine grö­bere Sorge, als die Grenzen seines riesigen Kolo­nialbesitzes gegen politische Aspirationen und mili­tärische Angriffe zu sichern, um sich die wirtschaft­lichen Vorteile nicht entgehen zu lassen. Bedroht ist vor allem sein kostbarer Besitz im Sudan, den es

sich durch die neue Nilsperre am Makwai-Darnm zu einer Geldquelle ersten Ranges auf langjährige Sicht hinaus erschlossen hat. Die Unabhängigkeits* bcwegung Aegyptens kann doch eines Tages zum Ziele führen. Dann ist fein kostbarer Besitz im Sudan vorn Norden her gefährlich bedroht. Die mohammedanische Welt voller Gärung umsitzt den kostbaren Suez-Kanal, der die Hilfe von Nor­den her äußerst problematisch gestaltet. Südwärts des Sudan sitzen bis nach Dfiafrita hinein wertvolle Streitkräfte, wie unser Ostafrikakamps unter Let* tvw-Dorbeck bewiesen hat. Auf dem kürzesten Wege, dem Luftwege, kann England diese Kräfte seinem bedrohten Sudan zu Hilfe senden. Und die noch wichligeren Streitkräfte der Union kann es nach dem Norden, wie nach jedem bedrohten Punkte in kür­zester Frist werfen, ohne die Gefahr schwerer Ver­luste, die die tropischen Märsche durch weglose Ge­biete mit sich bringen. Ebenso kann cs auf dem Luft­wege die Transportschwierigkeiten, die die Bewe­gung größerer Truppenmaffcn in den Tropengebie­ten äußerst schwerfällig gestalten, beheben.

Durch den KapKairo-Flug fühlt England sich mehr als je Herr von Afrika. Auf dem Hin­tergrund der Begeisterung Englands für den Kap Kairo-Flieger stehl dieser Besitzergedanke, wenn er auch nicht so offen zum Ausdruck kommt. Für uns Deutsche schiebt sich bei diesem Engländerflug ein Riegel mehr vor eine schöne Zukunftshoffnung, vor das Tor Deutsch-Oftafrikas, das uns wie­der offen zu stehen schien. Für Englands Afrika- pläne ist Deutsch-Ostafrika ein notwendiges Glied- das es schwerlich missen wird, nachdem es in die ostasrikanische Kette Englands eingegliedert ist. Bei diesem KapKairo-Flug des Engländers, der über- all frei landen konnte, wo er geeignetes Gelände fand, dürfen wir wohl an eine Glanzleistung deut­scher Luftschifsahit erinnern. Es war dies die tra­gische Fahrt des Zeppelin L. 59, der am 21. No­vember 1917 vom Balkan aus den Weg über das Mittelländische Meer nahm, um den Kämpfern Ost­afrikas neues Material zu bringen. Am 23. Fe­bruar 1918 befand sich der Zeppelin über Khartum, als er die Nachricht zum Umkehren erhielt. Glücklich kehrte das Schiff nach 8000 Kilometer-Fahrt ohne Zwischenlandung zurück.

jtemai Paschas Memoiren

Von unserem Dr. E. 8.-Berichterfta1ter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Konstantinopel, April 1926.

Mit der Wiedergeburt der Türkei als National­staat in Anatolien hat man nicht allein in der brei­ten Masse des türkischen Volkes, sondern in der ganze Welt den Namen Mustapha Kemal Paschas, wie es scheint, unauflöslich verknüpft. Es wird einer späteren Geschichtssorschung die Prüfung vorbchalren bleiben, ob diese Auffassung im vollsten Umfange berechtigt erscheint, ob man nicht einige andere, militärisch und politisch besonders befähigte Köpfe, wie K a r a b e k i r Pascha, R e u f Bey und Hamdullah Subchi Bey und andere an der Arbeit des Wiederaufbaus einen sehr wesentlichen, wenn nicht den größten Anteil gehabt haben. Der hervorragende Militär Karabeklr Pascha ist es jedenfalls gewesen, der die Grenzen des neuen Staates durch die energische und schnelle Vertrei­bung der feindlichen Truppen nach Osten sicherte, während Reuf Bey und Hamdullah Subchi Bey die innenpolitischen Grundlagen und die ganze Or­ganisation der neuen Republik geschaffen haben. Die beiden letztgenannten Männer sind der Rasse nach Halb-Tscherkessen, ihrer politischen Einstellung noch aber fanatische Panturkisten, wie denn die in der Türkei aufgewachsenen und zu Türken gewordenen Tscherkessen wohl durchweg als türkische Nationa­listen gelten können.

Kemal Pascha, der wenigstens In türkischer Sprache als ein recht federgewandter Journalist gelten kann und schon öfters unter einem Deck­namen Aufsätze in der örtlichen Presse veröffentlicht hat, ist jetzt in der offiziösen, in Angora erscheinen­den ZeitungMilliet" mit seinen Memoiren heroorgetreten. Er wollte das, wie man behauptet, bereits im Jahre 1924 tun, wurde aber durch wohl­meinende Ratschläge einsichtiger Freunde aus tak­tischen Gründen von der Veröffentlichung ab­gehalten.

Soweit sich nach den bisher publizierten Ab­schnitten urteilen läßt, umfassen diese Erinnerungen drei Perioden der neuesten türkischen Geschichte, die Zeit unmittelbar vor dem Kriege, die Zeit während des Krieges, und den Aufbau der türkischen Repu­blik bis zum.Antritt der Präsidentschaft durch den Memoirenfchr'eiber, wobei das Persönliche stark in den Vordergrund tritt. In dem veröffentlichten, auf

Georg Kaiser:Zweimal Oliver"

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Georg Kaiser hat aufs neue bewiesen, daß er sich auf geschickte Mache versteht, und die Theater- direktoren reißen sich förmlich um das letzte Kind seiner Muse. Womit erweckt Oliver diese allgemeine Anteilnahme? Die Fabel des Stückes ist kurz fol­gende'. Oliver, ein Verwandlungskünstler zweiten Ranges, wird vom Darietedirektor entlassen, der Agent legt die Hand auf die Gage. Womit die verkrüppelte Frau, die junge Tochter ernähren? Als dea ex raachina erscheint Olivia, eine reiche Dame, die in einer der DarietLverwandlungen Olivers ein treues Abbild ihres fernen Freundes findet: den soll Oliver ihr vortäuschen, täglich eine Stunde stumm vor ihr im Sessel sitzend. Sein Lohn eine -Summe, die ihn aller Not entheben muh. Trotz­dem läßt er es zu, daß die über alles geliebte, unschuldige Tochter sich für die Eltern opfert, deS Verdienstes wegen zum Darietöballet geht, ja, durch den Agemen an den Varietedire'tor verkuppelt wird. Als Vorwand für diese Un­wahrscheinlichkeit bient die leidenschaftlich-eifer­süchtige Liebe der verkrüppelten Frau zu Oliver, der dieser den harmlosen 'Vertrag mit Olivia und den Besitz des daher stammenden Geldes glaubt verheimlichen zu müssen. Welche weitere Anwahrscheinlichkeit aber für emen spateren Knalleffekt nötig ist, daß die Tochter, dies un- berührte Kind, gleich am ersten Abend mit dem Direktor soupieren geht!) Nach kurzer Frist ent­brennt Oliver in Liebe zu Olivia und macht den Versuch, nicht mehr nur das stumme Abbild ihres Freundes zu mimen, sondern ihn mit Heftigkeit ins Leben zu übersehen. Da jedoch dieser schemenhafte Freund just im Begriff steht, in Olivias Arme zurückzukehren. ist der Augen­blick nicht sehr glücklich gewählt: Oliver wird auf die Straße gesetzt. Er sucht Vergessen: wir

den (Eintritt der Türkei in den Welt­krieg sich beziehenden Abschnitt werden unter an­derem Anschauungen vertreten, die in Deutfdjlang Aussehen und verständliches Befremden erregt haben, hauptsächlich wohl, weil die politische Ein­stellung Kemal Paschas in ihren Einzelheiten der deutschen Oeffentlichkeit nicht genügend bekannt ist. Wenn ich mich hier zu einigen sachlich kritischen Be­merkungen veranlaßt fühle, so halte ich mich dazu für berechtigt, weil ich auf Grund einer genauen Orientierung in der Lage bin, den Charakter und die politische Mentalität dieses um sein Vaterland hochverdienten Mannes richtig zu beurteilen.

3m allgemeinen gilt Kemal Pascha, wie in seiner Heimat, so auch in Deutschland, sehr mit Recht als ein Kriegsheld, ein tapferer Haudegen und grundehrlicher Charalter, der bei Erreichung feiner politischen Ziele sentimentale Rücksichten niemals kennt, als ein von Freund und Feind geachteter Ritter ohne Furcht und Tadel. Als offener und ehr­licher Mann, dem jede Lüge fremd ist, gehört er zu den Gewalthabern, die auch ihrerseits ein offenes und ehrliches Wort vertragen können. So weiß er auch aufrechte Männer zu schätzen und zu hatten. Er ist nicht allein ein warmer Patriot und Natio­nalist, sondern auch ein überzeugter Ver­se ch te r der großtürkischen Idee. Den Bolschewiken, mit denen er, der Not gehorchend, äußerlich in Verbindung treten mußte, kann er es deshalb nicht verzeihen, daß sie bei allen türkischen Völkern, den Tataren. Kirgisen. Baschkiren. Usbeken und Turkmenen durch ihre Politik einen fanatischen Partikularismus großgezüchtet haben. Vor allem muß man, zum richtigen Verständnis feiner Erinnerungen, daran festhalten, daß er stets feine wirklich ehrliche Ueberzeugung ausspricht, und daß er seine, stets im schroffsten Gegensatz zu den tür­kischen Unionisten stehende politische Stellungnahme niemals geändert hat.

Wenn er nun in bezug auf den (Eintritt der Türkei in den Weltkrieg meint, sein Vaterland sei durch die deutsche Militärmission in den Krieg hineingezerrt worden, so mag er auch das vielleicht wirklich glauben, historisch ist diese Anschauung aber ganz unhaltbar. Es ist ja im Gegenteil bekannt, daß es der deutschen Vertretung am Goldenen Horn einige Mühe kostete, die Türkei von einem vorzeitigen Eingreifen ab* zuha 11en. Er hat kein Verständnis für die poli­tische Haltung der jungtürkischen Partei im Jahre 1914, die den Anschluß an die Mittel­mächte durchsetzte, weniger wohl aus Deutschfreund» lichkeit. als aus Feindschaft gegen diese Partei und ihre führenden Männer. Die Beweggründe für die Stellungnahme der Türkei sind aber von T a l a a t Pascha seinerzeit besonders klar formuliert worden. Dieser hervorragende türkische Staatsmann der neueren Zeit erklärte, die Türkei befinde sich zwi­schen Rußland und England wie zwischen iwei Feuern und werde deshalb bei einer neutralen Haltung während des Krieges in jedem Falle schließlich noch mehr zu leiden haben, als beim An­schluß an Deutschland.

Kemal Pascha erzählt ferner, er fei stets gegen die deutschen Militärmissionen und Instruktoren ge- welen. Tatsächlich ist es nicht selten zu Reibungen zwischen ihm und Liman von Sanders sowie auch anderen deutschen Offizieren gekommen. (Es ist hier nicht der Platz, die Frage klarzustellen, welchem Teil dabei die größere Schuld beizumesien ist, doch ist es wohl sicher, daß Kemal Pascha häufig hem- mend in die Tätigkeit der mit den regierenden Iungtürken zusammenarbeitenden deutschen Militär- Personen eingegriffen hat. Daß die türkische Dolks- meinung in bezug auf die deutschen Lehrmeister der türkischen Armee einen anderen Standpunkt ein­nimmt. geht schon daraus hervor, daß noch im Jahre 1922 die Presse in Konstantinopel jeftftente, die hohe Dualität der türkischen Armee, wie sie sich auch in Anatolien zeigte, sei das Verdienst ihrer deutschen Lehrer. In der von den Franzosen in Konstantinopel herausgegebenen Zei­tungStambul" rief diese Feststellung erbitterte Ge­genangriffe hervor, die jedoch keine Beachtung fanden.

Was den Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser (Erinnerungen betrifft, so ist wohl die gegenwärtig sich vollziehende Annäherung zwischen der Türkei und England nicht außer acht ge­lassen. Aber man hat doch stark den Eindruck, als ob Kemal Pascha bei der Niederschrift dieser Me­moiren nicht nur den Weg seiner bisherigen Politik verlassen hätte, die sei es auch nur aus realpoli­tischen Gründen durchaus nicht in eine anti­deutsche Stellung führte, sondern als ob er Deutsch­land- gegenüber sich im Ton derart vergriff, daß eine Korektur wohl notwendig wäre.

Der Sechjerausschuh des Hessischen Landtags.

Die gegenwärtigen Verhandlungen des Hess. Landtags unterscheiden sich sehr wesentlich von den früheren, da sie öfters längere Zeit für Abstimmun­gen erfordern. Neben den von dem zuständigen Aus­schuß und den einzelnen Abgeordneten gestellten An­trägen liegen dem Hause auch noch die des S c d) serausschusses vor. Dieser Ausschuß führt seinen Namen von den 6 Mitgliedern, die ihn bUbcn; diese entsprechen den sechs Fraktionen des Landtags (Hess. Landbund, Deutschnationale Volkspartei. Deutsche Volkspartei, Zentrum, Demokraten, Sozial- demolraten), Im ganzen sind aber im hessischen Par- Liment 8 Parteien vertreten, indessen sind die vier Kommunisten und der eine Nationalsozialist nicht stark genug, um Fraktionen zu bilden. Die Gründung des Sechserausschusses geht auf einen Beschluß des Landtags vom 20. Juli des vergangenen Jahres zu­rück: er ist angeregt durch die Forderung der Oppo­sitionsparteien nach Vereinfachung der gesamten Staatsverwaltung. Die Form hat er dann durch einen Antrag des sozialdemokratischen Abg. Wid­mann erhalten. Zunächst schien es so, als wäre der Ausschuß nicht imstande, seine Aufgabe zu erfüllen und man glaubte vielfach schon, seine Arbeiten wür­den auf ein totes Gleis geschoben, schließlich hegte man auch Zweifel, ob der Landtag einen nennens­werten Teil der Entschließung des Sechserausschusses zustimmen werde. Als aber der Ausschuß unentwegt weiter tagte, verstummten die Zweifel. Namentlich hatte ein Antrag Scholz und Genossen, der eine De- förderungssperre bei den Zentralbehörden vorsah, anfänglich manchen Kreisen Anlaß gegeben, dem Ausschuß mit Mißtrauen zu begegnen. Nach Ab- schluß der Beratungen der allgemeinen Anträge wurde dann die Regierung ermächtigt, die Beförde- rungssperre bei den Zentralbehörden als aufgehoben zu betrachten.

Der Sechserausschuß hat unverdrossen getagt und den gesamten Staatsvoranschlag in zwei Lesungen durchgearbeitet: er hat also eine sehr gründliche Ar­beit geleistet, wie sie in dieser Weise bisher wohl noch von keinem Ausschuß durchgesührt worden ist. Das Zeugnis, daß der Ausschuß außerordentlich eifrig und fleißig war, wird ihm niemand versagen können. Die Tagungen waren geheim und dieses Stillschweigen ist von den Abgeordneten auch bis jetzt in den CanblagsDerhanblunjjen kaum gebrochen worden, obwohl mancher Anreiz dazu vorgelegen haben mag. Aus gelegentlichen Andeutungen geht hervor, daß vereinbart worden ist, über abgelehnte Anträge nicht zu sprechen. Offenbar sollte dadurch verhindert werden, daß solche Anträge agitatorisch im Partetkampfe oder im Landtag ausgebeutet wer­ben. Aus anderen Erklärungen ist zu entnehmen, baß der Ausschuß seine Arbettsweise im Verlauf her Sitzungen geändert hat. Zuerst wurde das Schwer* geroidjt auf Gutachten der Regierung gelegt, die sich dazu äußern sollte, ob z. B. eine Stelle im Staats- Haushaltsentwurf eingespart werden könnte, da jedoch diese Regierungserklärungen immer verneinend ausfielen, so wurden Anträge und Deschlüsie anders gefaßt, indem z. B. die Zahl der einzusparenden Stellen bei einem Kapitel festgesetzt wurde und man nun der Regierung die Aufgabe überläßt, diese selbst auszusuchen.

Wie eingehend die Beratungen des Sechssraus- schusses waren, geht schon aus der Zahl der Be- schlüsse hervor: der Ausschußbericht zählt deren nicht weniger als 118 auf. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß es unmöglich ist, innerhalb des Rahmens einer Zeitung alle diese Beschlüsse mitzuteilen oder auch nur die Abstimmungsergebnisse im einzelnen zu ocr- öffentlichen Manche der Entschließungen des Aus­schusses bestehen aus mehreren Abschnitten, über die mitunter getrennt abgestimmt wird. (Es ist daher die Zahl der eigentlichen 2(bftimmungen über die Ein­träge noch weit größer, als angegeben ist. Unter den Anträgen sind einige von allgemeiner oder von grundlegender Bedeutung, viele beziehen sich auf be­stimmte Kapitel des Staatsvoranschlags, manche sind auch noch nicht erledigt, weil eine Regierungsantwort aussteht. Don den rund 120 Anträgen des Sechser­ausschusses sind etwa 20 einstimmig angenommen worden: bei der Parteizerklüftung im Landtag immerhin eine stattliche Anzahl. Die meisten der an­deren Anträge haben eine große Mehrheit gesunden, hinter der in den meisten Fällen die floalifionspar- teien stehen. Als Antragsteller sind verzeichnet die 'Abgeordneten Dingeldey (D. Dp), Kaul (So,5.), Kindt (Dntl.), Dr. Leuchtgens (Bbd.), Hainstadt (Ztr.), Hoffmann (Ztr.), Reiber (Dem.) und Wid­mann (Soz.). In der Sitzung am 16. Februar kam es zu Meinungsverschiedenheiten, deren tieferer Grund der Oeffentlichkeit nicht mit Sicherheit bekannt