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Politik der Zwangnnrungen habe die Handwerks­kammer wiederholt die warnende Stimme ec- hoden; man dürfe Einzelfalle mcht verallge­meinern. Der Redner verlangt dann die Bei­behaltung des Ministeriums für Arbeit und Wirt- schäft, dessen Aufhebung bekanntlich die Oppositionsparteien verlangen Zum Schluß seiner Rede gibt der Minister der Hoffnung Ausdruck, daß die Wirtschaftslage sich in Zukunft bessern werde.

Abg. Mann (Soz.) bemerkt zu den Ausfüh­rungen des Abg. Dr. Müller, daß jener ursprünglich Kredite für die Landwirtschaft verlangt habe, jetzt jedoch wäre er dahinter gekommen, daß die Kredite für die Landwirtschaft gefährlich seien. Auf der einen Seite werde gesagt, die Landwirte hätten olles verkaufen müssen, um zu existieren und ihre Steuern bezahlen zu können, auf der andern Seite heiße es, die Landwirte säßen auf ihren Pro­dukten fest. Bei einer geheimen Abstimmung würden die Landwirte erklären, daß es ihnen unter der Zwangswirtschaft besser gehe. Es sei unrecht, bei den Arbeitslosen, die schon weniger als den Lohn erhielten, auch noch einen Arbeitszwang einzu­führen. lieber die Begriffe richtig und falsch könnten sich, entgegengesetzt der Behauptuna des Abg. Scholz, Arbeiter sehr wohl ein Urteil bilden. Be­gabtenprüfungen hätten ergeben, daß Volksschüler ein größeres Maß von Allgemeinbildung hätten, als Sekundaner. Wenn Sozialdemokraten Auffichts- ratsstellen von kommunalpolitifchen Unternehmun­gen belleideten, so wäre das für diese nur von Nutzen. Der Redner kritisiert dann das Geschäfts­gebaren und die Lohnpolitik der Reichsbahn. Er bespricht hieraus Fragen der Zollpolitik und tritt für den Freihandel ein, bekämpft die Warenbausfteuer und wendet sich gegen die Aufhebung der Woh­nungszwangswirtschaft. , ,

Abg. Glaser (Dbd.) erklärt, daß der Bauernbund feinen Antrag auf Streichung von 6 Landwirtschaftsämtern zurück- ziebt zu Gunsten eines Antrages nur 3 Land- wirtsckastsämter abzubauen, der von den Koa­litionsparteien gestellt ist. Der Bauernbund habe den Mut, seinen Leuten zu sagen, daß gespart werden müsse and) an den eigenen Interessen, aber "eie Koalitionsparteien täten das nicht. Die Koalilionsparteien hätten zuerst die Anträge des Bauernbundes bekämpft, dann aber in vielen Fällen ganz ähnliche Anträge gestellt. Wenn die Regierung dem Bauernbund gefolgt wäre, so wäre auch gespart worden. Der heutige Schutzzoll wäre durchaus ungenügend für die Landwirtschaft. Die Regierung muffe für die Landwirtschaft besser sorgen als es bisher der Fall war.

Abg. Kindt lDntl.) erinnert an die Tat­sache, daß das deutsche Bolksvermögen stark ab- genommen hat. Die Erzbergersche Steuerreform habe dem deutschen Volke schwer geschadet. Minister Raab habe die Rotwendiqkeit von Schutzzöllen zugegeben, doch wären die Demo­kraten, wie die Ausführungen des Abg. Dr. Büchner gezeigt hätten, in der Behandlung dieser Frage farblos. Landwirtschaft und Industrie wären aufeinander angewiesen. Der Redner be­fürwortet seine Anträge zum Wohnungswesen, denn die Vorschläge der Regierung führten nicht zum Ziel. Auch weise die Regierung keine Wege, wie man aus der wirtschaftlichen Rot heraus­komme. Die Versuche des Abg. Mann, die sozial- demokratifchen Führer Dauer, Heilmann. Süde- kum und viele andere als schwerbezahlte Auf- sichtsratsmitglieder zu verteidigen, seien nur ein Eiertanz gewesen. Die Verteidigung der Waren­häuser durch die Sozialdemokratie würden sich die Deutschnationalen merken. Unter den Forderun­gen, die der Redner dann stellte, befindet sich auch die einer Herabsetzung der Jagd- pachtpreise. In seiner Rede nimmt Abg. Kindt mehrsach Bezug auf das Dawes-Abkommen Mit feinen für Deutschland schädlichen Wirkungen.

Asg. Dr. Büchner (Dem.) erwidert auf ' Sfngvitie seiner Gegner, daß auch in anderen Par- _ feien gegensätzliche Meinungen zwischen industriri- len und agrarischen Vertretern vochanden seien. Der Freihandel wäre für ihn ein Ideal; er wisse sehr wohl, daß, wenn alle anher en Staaten schuh- zöllnerisch wären, man in Deutschland nicht allein freihändlerisch fein könne, aber er werde sich stets gegen Hoch'chutzzölle wenden. Die Interessen der exportierenden Industrie an den deutsch- spanischen Handelsvertrag wären größer als die des Weinbaues. Der Redner wiederholt und'ver­teidigt nochmals verschiedene Erklärungen seiner früher gemachten Ausführungen über die Wirt­schaftskrise, die Arbeitslöhne usw. gegen Angriffe aus dem Hause.

Die Generaldebatte wirb hierauf geschloffen und

die Spezialberatung der Kapitel 7599 eröffnet. Zunächst werden verschiedene Anträge zu diesen Kapiteln beriefen und darüber Bericht erstattet.

Es sind darunter auch die Anträge über die Straußwirtschasten; aus dem Ausschah- bericht gef)t hervor, daß man sich innerhalb beS Ausschusses nicht auf einen der gestellten Anträge einigen tonnte, sondern dafür einen Antrag Lücke! annahm, der dem Winzer, in Abänderung des seitherigen Zustandes, gestattet, den Termin für den Ausschank feiner Kreszem selbst zu wählen. Während früher das letzte Vierteljahr nur in Betracht kam, soll hiernach der Ausschank während fünf Monate im Verlaufe des Jahres freigegeben fein.

Abg. Lux (Soz.) spricht zu den Kapiteln 82 bis 85 (Landw. Unterrichtswesen, Landwirt- schaftskammer usw.). Der hessische Staat behandle die Landwirtschaft nicht schlechter als andere deutsche Länder. Die Behauptung, die Landwirtschaft wäre von der Regierung stiefmütterlich behandelt worden, komme einer Lüge gleich (Widerspruch rechts). Die Anträge, das landwirtschaftliche Unterrichtswesen der Landwirtschaftskammer zu unterstellen, hätte in der Ocffentlichkeit eine lebhafte Diskussion hervorgerufen. Die Lanowirtschaftsschulen wären volks­wirtschaftlich von großer Bedeutung, sie dürften nicht der Landwirtschaftskammer, einer Interessenvertre­tung unterstellt werden. Die Kammer biete nach ihrer Zusammensetzung nicht die Gewähr, daß ein unpar­teiischer Unterricht erteilt werde. Die Schulen wür­den auch unter der Verwaltung der Landwirt­schaftskammer zu teuer. Wenn der Staat die Schulen unterhalte, so wären alle Steuerzahler an den Lasten beteiligt, so aber hätten nur die unmittel­bar an der Kammer Beteiligten die Kosten aufzu- bringen. An der Bodenverbesserung hätte die Allgemeinheit ein Interesse, sie wäre notwen- biger als Zölle. Nidda, Nidder und andere Flüsie müßten reguliert werden, und zwar möglichst bald. Das Landgestüt verursache große Kosten, eine Er- Höhung des Deckgeldes wäre jedoch nicht durchführ, bar. Der Redner nimmt bann zu der Rede des Präsidenten Hensel von der Landwirtfchaftskam-

rner Stellung, die dieser bei Eröffnung der letzten Tagung der Kammer gehalten hat. Die Landwirt- schaftskammer fei sehr politisch eingestellt. Er (der Redner) werde dem Präsidenten in der Zeitschrift der Landwirtfchaftskammer antworten. Die Um­lagen der Lanbwirtschafts.'ammer waren um 120 Prozent gestiegen (Hört! Hört! links). Der Redner verliest hierzu die Ausstellung eines Steuerzettels. Die Umlage der Kammer mache auch nicht 2 Proz. der Steuern aus, sondern bis zu 7 Proz. Von feinen (des Redners) Behauptungen über die Besoldungs- Verhältnisse der Landwirtfchaftskammer sei von dem Präsidenten nichts widerlegt worden; die Gehalts­sätze wären zu hoch. Abg. Lux kommt u. a. auch auf den Beschluß des Landtags über die Zucht von Schwarz-Bunt-Vieh zu sprechen und verteidigt diese Art der Zucht. Zum Schluß erklärt der Redner nochmals, daß seine Partei gegen die Übertragung des landwirtschaftlichen Unterrichtswesens an die Landwirtfchaftskammer fei.

Gegen 2 Uhr werden die Beratungen abge­brochen; nächste Sitzung Mittwoch 9 Uhr.

Anträge und Anfragen.

Darmstadt, 20. April. Dem Landtag ist eine Regierungsvorlage über die technischen Betriebe der Universitätskliniken in Gießen zugegangen. Hiernach stellen iid) die Kosten für die baulichen Erweiterungen des Kesselhauses auf 124 000 Mk., für einen neuen Kessel, einschließlich Fracht und Einmauerung auf 96 000 Mk., für die Anlage zur Forderung von Kohle und Asche auf 14 400 Mk., für die Rohr­leitung auf 6620 Mk. und für die Warmwasser­versorgungsanlage auf 89 000 Mk. Insgesamt betragen die Kosten für den Umbau des Kessel­hauses und die Beschaffung eines neuen Kessels 330 000 Mk.

Abg. Dingeldey (Dtsch. Bp.) und Frak­tion haben folgende Anfrage betr. Gleich­stellung der Altpensionäre mit den Reupensionären im Landtag eingebracht. Die zahlreichen auch im Landtag wiederholt unterstützten Wünsche der Altpensionäre auf eine anderweite Regelung ihrer Bezüge, durch welche sie den Reupec.sionä.en eirll'ermaßen gleichgestellt werden könnten, wurden bisher von der hessischen Regierung mit dem Hinweis auf das Reichs- sperrgesetz abgelehnt. Da das Reichssperrgeseh am 1. April 1926 außer Kraft gesetzt ist, fragen wir an: Was gedenkt die Regierung zu tun, um die berechtigien Wünsche der Altpensionäre über eine anderweite Regelung iheer Bezüge nunmehr nach Aufhebung des Reichssperrgesetzes auf Grund hessischen Rechtes zu erfüllen ?

Eine weitere beutschvolksparteiliche kleine An­frage lautet:

Auf Grund bes Lanbtagsbeschluffes zu Kap. 57 soll an ben einklassigen Sckulen ein Abbau nicht vollzogen werden .

Ich frage an:

L Sind entgegen diesem Beschluß einklassige Schulen abgebauf worben?

2. Wie heißen bie Gemeinben, die dadurch ihre Schulen verloren haben?

Dr. Niepoth, Birnbaum und Dr. Keller. *

Der volkparteiliche Abg. D. Niepoth fragte ferner an;

Nach Art. 10 der Verordnung, die S o n d er­geb ä u d e st e u e r für bas Rj. 1926 betreffend, sind hilfsbedürftigen Personen, die die durch die Sondersteuer bedingte Mieterhöhung nicht tragen können, durch die Fürsorgeverbände entsprechend zu unterstützen. Entgegen dem Sinn dieser Bestimmun- ?en weigern sich einzelne Bezirksfürsorgeverbänbe, ebürftigen Hausbesitzern insbesondere Klein­rentnern für ihre eigene Wohnung die Un­terstützung zu gewähren, auch wenn die in Be­tracht Kommenden keinesfalls in der Lage sind, die außerordentliche Steuerbelastung zu tragen und ge­zwungen wären, ihr Haus, vielleicht ihr letztes Eigentum, zu verkaufen. Ich frage an:

1. Sind diese Vorgänge der Regierung be­kannt?

2. Ist die Regierung bereit, die Fürsorge-Ver­bände zu veranlassen, ihren Verpflichtungen gegenüber ben bebürftigen Hausbesitzern nach­zukommen?

3. Insbesondere ist sie bereit, den Fürsorgeoer­bänden auch über den in der Verordnung festgesetzten Zuschuß von 10 Proz. des Steuer­falls hinaus, Ersatz der entstehenden Kosten zu gewähren? Dr. N i e p o t h.

Der deutsch-russische Vertrag.

Besorgnisse in Paris, Warschau und

Praa.

Paris, 20. April. (TU.) Die Meldung, daß der Vertrag zwischen Deutschland und Ruß­land bereits Ende der Woche zur Unterzeichnung gelangen soll, ruft starke Beunruhigung in Paris hervor. Anlaß zur Beunruhigung ergebe sich daraus, daß Deutschland und Rußland es für richtig hielten, die Dertragsverhandlungen un­mittelbar nach den Genfer Zwischen­fällen zu eröffnen, so Daß die Verhandlungen als eine Antwort gegen Locarno wirken müßten. Riemand, so führt derTemps" aus, mache Deutschland einen Vorwurf daraus, daß es gute Beziehungen zu Rußland aufrecht zu erhalten wünsche, aoer jeder lege sich die Frage vor, ob der Vertrag nicht eine Klausel enthielte, die Deutschland eventuell an der Erfüllung der durch den Artikel 16 des Völkerbundpakies vorgeschriebenen Verpflichtun­gen hindern würde. Das Blatt hält im Gegen­satz zu der deutschen Auffassung eine Formel nicht für möglich, die Deutschland in die Lage versehen könnte, seine vertraglichen Verpflichtun­gen gegenüber Rußland mit seinen Pflichten gegen den Völkerbund in Einklang zu brin­gen. Es bestehen nur, so sagt derTemps", zwei Möglichkeiten: entweder müsse Deutschland durch Ablehnung der Reutralitätsklausel die Sowjetregierung soweit enttäuschen, daß sie über­haupt kein Interesse mehr an dec Unterzeichnung des Vertrages mit Deutschland habe, oder es müsse dem Vertrag eine Reutralitätsklausel ein­fügen, wodurch jedoch die Voraussetzungen für einen Eintritt Deutschlands in den Völkerbund von Grund aus geändert würden.

Heute nachmittag hat sich der polnische Bot­schafter zum Quai d'Orsay begeben, wo er Briand bie Äebenken seiner Regierung gegen den Vertrag mittelste und daruf hingewiesen habe, daß er mit dem Geist von Locarno in Widerspruch ftänbe. Ferner hat der tschechische Außenminister Dr. Bene sch einen Fragebogen an die Signatar­mächte von Locarno gerichtet, der folgende Fragen aufzähst:

1. Ist der deutsche Minister des Auswärtigen verpflichtet, alle vertraulichen Verhand­lungen Deutsch lands mit anderen Mächten der beiden Länder berühren, nach Moskau m i tz u tei le n?

2. Wenn im Falle eines Krieges mit Rußland dieses nicht der Argreifer ist, wird dann Deutschland oder der Völkerbund darüber entscheiden, wer der Angreifer ist?

3. Was muß Deutschland als Mitglied des Völkerbundes tun, wenn dieser den Boykott Rußlands verlangt?

4. Ist die Klausel über die beschränkte Reutralität Deutschlands auf den Ar­tikel 16 des Völkerbundstatuts begründet oder auf die für Deutschland durch den Brief der Alliierten aus Locarno vom Oltober 1925 eingeräumte E i n- schränkung dieses Artikels, die Deutschland von gewissen Verpflichtungen desselben befreit?

5. Wenn die Reutralität Deutschlands durch diese Zusatzerllärung bestimmt wird, welche Auto­rität hat dann jeweils die maßgebende Aus­legung dieser Erklärung zu geben?

Kleine politische Nachrichten.

lieber die englische Des atzung in Königstein teilte der Kriegsminister Wor- thington Evans im Unterhause mit, 27 Offiziere und 12 Unteroffiziere und Mannschaften seien in Königstem untergebracht. 8 Privathäuser und 8 Etagenwohnungen seien requiriert worden. Be­sondere Beschwerden über die Vermehrung der Garnison in Königstein seien nicht eingegangen, aber allgemeine Vorstellungen seien erfolgt hin­sichtlich der erhöhten Forderung nach Räumlich­keiten. Alle Anstrengungen würden unternom­men, um solche Forderungen auf ein Mindest­maß herabzusetzen. Auf die Frage, ob er In­formationen darüber besitze, daß Familien aus Häusern Herausgeseht würden, um britische Truppen unterzubringen, erllärte der Kriegs­minister. er besitze kerne besondere Information hierüber.

Wie verlautet, wird der ehemalige Bot­schafter in Washington, Hanihara, an Stelle des zurückgetretenen Botschafters Honda zum Botschafter in Berlin ernannt werden.

Die italienische Flotte ist in Malta eingetroffen. Die von der englischen Marine zu ihrer Begrüßung veranstalteten Feierlichkeiten trugen das Gepräge besonderer Herzlichkeit.

?lus aller Mett.

Die Kriegsbeschädigten in Deutschland.

WSR. Rach einer Vervifentlich:ng des Sta­tistischen Reichsamtes zählt Deutschland zurzeit 619 410 Kriegsbeschädigte, die in ihrer Erwerbs­fähigkeit um mindestens 25 Prozent beschränkt sind, darunter befinden sich 1151 weibliche Kriegsbeschädigte. Davon leiden 2734 an Blind­heit, 39 580 an Lungentuberkulose, 4990 an Gei­steskrankheiten, 44 109 durch Verlust eines Deines, 20 640 durch Verlust eines Armes, 1250 durch Verlust betoer Deine, 131 durch Verlust beider Arme und 566 076 an sonstigen Leiden.

Drahtlose llebermiftlung eines Schecks.

Reuyork, 21. April. (WTB. Funkspruch.) Bankers Trust-Company hat gestern den ersten Scheck akzeptiert, der mit Hilfe drahtloser Photographie übermittelt worden war. Der Scheck kam aus London vom Präsidenten der Radio-Association von Amerika und lautete über 1000 Dollar.

Autounsallsialisiik.

In Hamburg verunglückte bei einem Qluto- unsall der Kammersänger Wilhelm Buers töd­lich. Das Auto fuhr beim Ausbiegen vor einem Straßenbahnwagen gegen den Mast einer elektri­schen Leitung, wobei das Auto vollständig zer­trümmert wurde. Das Auto des Ruhrsiede- lungsverbandes geriet a u f der Fahrt von Duisburg nach Essen infolge der Glätte der Asphaltdecke ins Rutschen und fuhr auf einen Einspänner auf. Die Deichsel ging dem Chauffeur in den Kopf, so daß er sofort tot war. Dann sauste das Auto über die Straße, überfuhr den Maschinisten Otto Heise aus Speldorf, der schwer verletzt wurde, und blieb dann zertrüm­mert an einer Hauswand liegen. Zwei Insassen erlitten Fleischwunden an Kops und Händen.

Großer IDalbbranb in der Neumark.

Durch bie Unvorsichtigkeit ber Walbarbeiter, die ihr Essen warm machten, brach im Walbbesitz des Freiherrn v. Carnap-Jahnsfelbe bei Lanbsberg a. b. Warthe ein Walbbranb aus, bei bem etwa 4000 Festmeter Holz im Werte von 100 000 Mk. ver­brannten. Das Holz ist zum größten Teil Eigentum ber Rheinisch-westfälischen Grubenholz-Einkaufsge­sellschaft.

Veruntreuungen bei der Augnsl-Thyssen-hütte.

Große Veruntreuungen und Fälschungen sind bei der August Thyssen-Hütte in Hamborn ent­deckt worden. Eine Anzahl von Beamten und Angestellten auswärtiger Baufirmen, die bei der August Thyssen-Hütte verschiedene Bauten aus­zuführen hatten, haben es verstanden, durch Fäl­schungen der Lohnlisten und andere Machenschaf­ten Summen in einem Betrage von 60 000 bis 70 000 Reichsmark in ihre Taschen zu leiten. Bis­her wurden zehn Personen fest ge­nommen.

Drei Skifahrer beim Jungfraujoch vermißt.

Drei einheimische Skifahrer sind am letzten Don­nerstag von Interlaken aus aufgebrochen, um bie Tour JungfraujochOberaarjochKonkordiaplatz Grimsel zu machen. Sie wollten am Sonntag zurück sein, kehrten aber bisher noch nicht zurück. Eine Hilfskolonne ist bereits aufgebrochen, hat aber noch keine Spuren von ben Vermißten gefunben.

Wettervoraussage.

Wechselnd bewölkt und unruhig mit weiteren Regenfällen, später aufklarend, kühl.

Von Südirland her hat sich ein Wirbel mit starker Bewegungsenergie nach der mittleren Nordsee ver­lagert. Sein Einfluß reicht bis ins Alpengebiet. Er dürfte bie Bahn des gestern nach Mittelruhland ge­zogenen Wirbels benutzen, so daß er ganz Deutsch­land mit seinen Regenfronten überquert

Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 15 Grad Celsius, Minimum 5 Grad Celsius, Niederschläge 3,1 Millimeter. Heutige Morgentemperatur 7 Grad Celsius.

Aus der Provinzialhauptstadt

Gießen, den 21. April 1926.

Die Reichsgesundhettswoche in Gietzen

erweckt in weiten Kreisen unserer Bürgerschaft großes Interesse. Das zeigte auch der gestrige Vortragsabend, der wieder in der dichtbesetzten Reuen Aula stattfand.

Zunächst sprach Prof. Dr. Kuhn lieber Dazillenfurcht

In den ältesten Zeiten führte man die an­steckenden Krankheiten, welche Menschen und Tiere heimsuchen, auf böse Geister zurück. Auch heute noch treffen wir bei den Eingeborenen der anderen Erdteile häufig noch auf solche religiösen Vor­stellungen. Die großen griechischen Aerzte Hyppv- krates und Galen führten zur Erklärung der Verbreitung von Seuchen den Begriff des Miasma ein, das einen gasförmigen Bestand­teil der Luft darstellen sollte. Die giftigen Dünste, welche die Krankheiten verbreiten, sollten be­sonders aus dem Boden aufsteigen.

Je mehr der Mensch wissenschaftlich beobach­ten lernte, desto mehr sah man ein, daß manche Krankheiten durch unmittelbare oder mittelbare Berührung von Mensch zu Mensch oder von Tier zu Mensch verschleppt wurden. ^Besonders auffallend war das bei Syphilis und der Tollwut Je mehr das Mikroskop vervollkommnet wurde, desto mehr entdeckte man kleine Lebewesen als die Erreger der Infektionskrankheiten. Anfäng­lich glaubte man, daß es Immer dieselben Bak­terien seien, welche bald die eine, bald die andere Krankheit Hervorrufen konnten. So glaubte noch im Jahre 1873 der berühmte Chirug Dillroth, daß die Mikroorganismen, die bei den verschie­denen Wundkrankh iten Vorkommen, Anpassungs- formen einer und derselben Art seien, die bald als Stäbchen-, bald als Äugelform aufträten. Aus dieser Zeit stammt die Furcht vieler Menschen vor den Erregern, die sog. Bazillenfurcht.

Durch die Entdeckungen von Robert Koch wurde die von Ferdinand Cohn begründete Lehre von der Besonderheit der Bakterienarten fest be­gründet. Koch lehrte, daß jede Krankheit durch ein besonderes Lebewesen hervorgerufen wird, und daß das kranke Tier und der kranke Mensch die Hauptverbreiter der Seuchen sind; die von ihm empfohlenen Maßnahmen der Seuchenbe­kämpfung gehen daher immer vorn kranken Men­schen aus.

Seit den Entdeckungen von Robert Koch und seinen Schülern, unter denen wir mit besonderer Ehrfurcht den Begründer des Gießener Lehr­stuhles für Hygiene. Pros. Gafsky, zu nennen bie Pflicht haben, ist für eine allgemeine Bazillenfurcht keine Veranlassung mehr. Es kommt im wesentlichen daraus an, eine eingehende Be­rührung mit den Kranken möglichst zu vermeiden. Dadurch daß die Knrntnis von den Krankheits­erregern namentlich durch die Vervollkommnung des Mikroskops immer eingehender geworden ist, gelingt es der öffentlichen Gesundheitspflege viel schneller und gründlicher, die Seuchefälle auszu­finden und für ihre Behandlung und riebersüh- rung ins Krankenhaus zu sorgen Dadurch wird der Grund zur Bazillenfurcht in der De voller ung immer geringer. Allerdings darf der Staat nicht säumen, der Seuchenbekämpfung große Mittet zur Verfügung zu stellen. Es ist sehr zu beklagen, daß die verstärkte Typhusbekämpsung. welche die sog. Bazillenträger zu ermitteln sucht, in den meisten Staaten des Deutschen Reiches nicht ein- geführt ist.

Aber es kommen noch weitere Fortschritte der medizinischen Erkenntnis hinzu. um eine törichte Bazillenfurcht Im Volle zu bekämpfen. So haben wir bei zahlreichen Seuchen erkannt, daß sie durch blutsaugende Insekten als lieber» träger verbreitet werden. Hier ist die Malaria, das gelbe Fieber, der Hungertyphus, die Schlas- krankheir, die Pest zu nennen. Bei diesen Krank­heiten brauchen wir uns vor den Erregern, den Kleinlebewesen, nicht zu fürchten, wohl aber haben wir das Ungeziefer, die Heber träger zu bekämp­fen. Seuchenbekämpfung fällt also zu einem guten Teile zusammen mit Hngezieservemichtung.

Des ferneren haben die Aerzte die Erfah­rung gemacht, daß die einfachen Gebote der Reinlichkeit genügen, um wirksame Abwehr gegen ine Seuchenerreger zu leisten. Und ebenso wissen wir, daß die Empfänglichkeit des Körper- für ansteckende Krankheiten am besten dadurch herabgesetzt wird, daß man gesund lebt, daß man sich gegen Witterungseinflüsse Im Freien ab­härtet und daß man Leibes Übungen treibt. Dadurch werden die Abwehrkräfte des Körpers gehoben. Insbesondere wird bie Kraft des Blutes unb feiner Bestandteile ge­stärkt; unter den letzteren sind es ganz besonder- die weißen Blutkörperchen, die, wie Seine Mag­nifizenz der Herr Rektor Prof. Dr. Dürker gestern ausgeführt hat, die Leibwache unseres Körper­barstellen. Schließlich bürsen wir auch die see­lischen Kräfte nicht als gleichgültig erachten. Sie bürsen nicht geschmälert werden durch eine törichte Bazillenfurcht. Wer sauber ist, gesund lebt, seinen Körper durch Bewegung In freier Lust und Leibesübungen stärkt, der braucht sich vor Krankheitserregern nur dann zu hüten, wenn er genau weiß, daß er einen ansteckenden Kranken vor sich hat.

Rach einer kurzen Pause sprach bann Prof. Dr. Huntemüller über

Die biologischen Grundlagen der Vererbungslehre".

Die Frage nach der Entstehung ber Lebewesen hctt zu allen Zeiten das Interesse der Forscher wachgerufen. Die Lehre von der Urzeugung, die man besonders auf Grund von Beobachtungen Leuwenhoecks, des Erfinders des Mikroskops (1675), wenigsteirs für die niedrigsten einzelligen Wesen als erwiesen betrachtete, konnte durch die Forschung von Pasteur um die Mitte des vorigen Jahrhunderts widerlegt werden. Heute weiß jede Hausfrau, daß sie durch Pasteurisieren die Fäul­niskeime vernichten und die Lebensrnittel, wenn sie durch luftdichten Abschluß dafür sorgt, daß keine Keime hinzukommen, vor dem Verderben schützen und lange Zeit aufbewahren kann.

Jede Zelle stammt von einer anderen Zells ab. Dieses Gesetz gilt ebenso wie für die niederen Wesen auch für die vielzelligen, die höheren Pflanzen und Tiere unb auch ben Menschen.

Die Lebensvorgänge lassen sich am besten bei den niederen Wesen, den Protozoen, beobachten und durch ihr Studium herben die auch für die höheren Wesen geltenden Gesetze aufgefunden.

Die bei der Zellteilung vor sich gehenden Erscheinungen werden an Hand von Tafeln er­klärt. Jede Zelle besteht au- Protoplasma unb