Ht. 2Z2 Zweites Biart Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Zamstag, 20. November 192b
Von den Barrikaden zur Herrschaft.
Im Berlage von Paul Al i ft in Leipzig erschemt joeben in einem stattlichen, mit zahlreichen Bildern geschmückten Leinenbande die L e b e n s g e s ä) i ch t e Mussolinis, nach autobiographischen Unterlagen von Mar gherlta (9. Sarsatti oerfaßt. Es ist das Buch des beispiellosen Ausstiegs eines Mannes aus dem Dolk, spannend wie der fesselndste Abcn- teucrerroman, belehrend und belebend, denn es zeigt, daß einem genialen Willen in der heutigen Zeit noch ein Ausstieg zu den Höch- ften Stellen möglich ist. Eines der interessantesten Kapitel, dem wir im folgenden einige Stellen entnehmen, behandelt den berührntcn Marsch auf Rom iw Oktober 1922:
Generalstreik.
tttn neuer General st reik im August 1922, der sich über das ganze Dolk verbreitete, hatte sich den ichönen Warnen eines „legalen Streiks" gegeben. Der jzaszismus sprang den Streik an und zerriß ihm die Lenden. Ingenieure, Männer aus allen Beruien und zukünftige Minister traten an die Stelle der aufständischen streikenden „Zünftigen", um die Betriebe und die Berkehrswittel weiterzuführen. Darüber herrschte bei den Hauptansührern der Bewegung große Wut, was aber nicht verhinderte, daß der Streik mit einer Niederlage endete.
Man sah damals Studenten wacker 10—12 Stunden Fabrikarbeit verrichten oder Straßenbahnen durch j)ie aufrührerischen Stadtteile führen, dabei nut ungewohnter Höflichkeit Schaffnerdienste verrichtend.
Gegen das Rathaus von Mailand, wo die Sozialisten feit 8 Jahren herrschten, liefen die Faszisten Sturm mit einer Flut von Fahnen in den nationalen färben, die überall, an den Fenstern, an allen Säulen und auf dem Dache des Rathauses befestigt wurden.
Aber bann begann die Wasserleitung zu streiken, die Straßenbahnen blieben stehen, das elektrische Licht erlosch, der öffentliche Berkehrsdienst, der Stolz jedes pünktlichen Mailänders, war nur noch eine Kette von Unglücksfällen, und die unvorgesehene Ber- stadtlichung, die eine Unzahl von neuen Beamten schuf, lastete auf den Steuerzahlern. Seit die Stra- henlehrer Ministergehälter erhielten, blieben die sonst so sauberen Straßen schmutzig, und im Winter konnte man sie des Schnees wegen kaum beschreiten, was bei den Mailändern Verwünschungen auslöste. Auf diesen ungekehrten Straßen kam Karl Marx in Italien zu Fall.
Inzwischen war in Italien so viel von Revolutionen geflüstert worden, und die schlauen Leute des ulten Regimes hatten diesen Gerüchten so oft Glauben geschenkt, daß sie nunmehr so etwas für ausge- fchlosien hielten. Aber als sie im September und Dltobcr 1922 von ihrem Ferienaufenthalt wieder beruhigt nach !Rom kamen, da wurde nicht mehr geflüstert, da schrie man es schon durch die Gassen: Revolution.
'Am 20. Juni hatte der Abg. Mussolini in einer großen Rede in der Kammer seinen Gegnern gedroht, das Parlament gewaltsam auflöfen zu lassen, wenn dem Faszismus iiod) weiter so entgegenge- urbeitet werde. Sollte diese Drohung nun wahrge macht werden? Dann müßte man schnell, hinter den Kulissen, ein schmerzstillendes Ministerium zusam- inenstellen und auch Mussolini einen Platz darin anbieten. Aber das brauchte nicht übereilt zu werden, der Mann war ja noch jung, er konnte noch ruhig ein wenig warten. Dann würde man ihm schon einen hübschen Ministerposten ohne Portefeuille geben, mit einer Biertelstimme, einem ganzen Titel und dem vollen Recht, sich „Exzellenz" nennen zu lassen. Was will man mehr? — so dachten die Herren oben.
Mussolini war etwas anderer Meinung: „Jawohl, o ist's recht, ich werde grade noch den großen Regen chirm fürs Ministerium machen! Minister ohne Portefeuille - wohl so wie jener Simon von (Sirene, der arme Kreuzträger Bissolati! Wir sind das neue Italien und seine einzige Hoffnung auf Rettung, mir können uns nicht mißbrauchen lasse n."
Aber er mußte noch Zell gewinnen, und deshalb madjte er einige elegante Fechtergänge. Klarer den fenb'e Menschen hätten seine übrigens sehr gemäßigten und legalen Dorschläge wahrscheinlich sofort angenommen; allerdings wäre wohl der Konflikt doch
Aus der Lebensgefchichte Benito Mussolinis.
früher oder später ausgebrochen, denn die Systeme und Temperamente der beiden Lager ließen sich schwer vereinbaren.
„Jetzt i st der Moment o o r b ei", erklärte er, als man auf seine Vorschläge mit kümmerlichen Zugeständnissen und allerhand Umichweisitngen antwortete. Und als sie sich bann entschlossen, Die Verhandlungen mit ihm auf neuer Basis aufzunehmen, waren wieder inzwischen kostbare Augenblicke vergangen, und von neuem hieß es: „Der Moment ist vorbei!"
Die Mobilmachung der faszisten.
Arn 20. September hatte Mussolini in Udine zu seinen Faszisten gesprochen und dabei die alte Ga ribaldi-Losung: „Rom ober ber lob" ver- lünbct. In dieser großen Webe, in ber er wider seine Gewohnheit sehr ausführlich mar, streifte er auch die große Frage: „Monarchie ober Republik und sagte dabei: „Äenn sich ein Volk in seiner Republik 'wohlsühlt, jo denkt es nicht daran, sich einen König zu wünschen. Aber ein Volk, das eine Republik nicht gewöhnt ist, wird immer die Wiederkehr der Monarchie ersehnen. Man hat dem deutschen Quadratschädel die phrygische Mütze aufgestülpt, aber die Deutschen hassen die Republik, sie ftchcn ihr feindlich gegenüber, nicht zuletzt ßuch deshalb, weil die Republik ihnen von der Entente aus- gezwungen wurde und für sie eine Art „Ersatz" ist. — Ich glaube, daß sich ein Regime rfbn Grund aus ändern läßt, ohne daß man deshalb das' Königs- tum anzutasten braucht.'
Am 24. September sprach er dann zu den Faszisten in Cremona und stellte „Rom und Revo- lufion" nicht mehr als ein mögliches, sondern als notwendiges Ziel hin. Am 5. Oktober sprach er in der „Scala" in Mailand über das Problem der „beiden Italien und ber beiden Staaten", ein Problem, das er einmal mit den Worten ausbrückte: „Es gibt nunmehr zwei Staaten im Staat, zwei Heere, zwei Regierungen, zwei Besehlsstellen. Ich bin ber Mustafa Kemal Pascha eines reißenb schnell, dahinbrausenden siegreichen Mailand—Angora, im Gegensatz zu dem kraftlosen paralytischen Rom- Konstantinopel, dem ewigen Byzanz."
Am 24. Oktober fand bann in Neapel die große Faszistentagung statt, auf ber er allen, bie den Faszisten unb ber Nation nadjftcUen, den Krieg ohne Pardon erklärte. Das waren keine geschwollenen Worte, die er auf all diesen Gelegenheiten sprach: es waren große Worte, Silbe für Silbe mit ruhiger Stimme unb festen starken schneidenden Gesten gesprochen. Es waren Worte konkreter Wirklichkeit. Aber bie anderen hielten das alles für rhetorische Metaphern. Sie sollten sich bald von ihrem Irrtum überzeugen.
Die feierliche Rede im Teatro San Carlo in Neapel bekam noch einen Nachtrag durch bie auf ber Piazza bei Plebiscito gesprochenen Worte Kurz unb bünbig, wie bie Proklamationen eines auf bem Feldzug befindlichen Heeres, enthielten sie den Befehl an die faszistifchen Führer unb bie Schwarz- Hemden von ganz Italien, sofort in ihre Wohnorte zurückzukehren unb bort aus neue Befehle zu warten. „Entweder geben sie uns bie Regierung, ober wir nehmen sie, fallen über Rom unb packen bie eiende yerrschenbe politische Klasse an ber Gurgel." An jenem Tage trug er zum erstenmal auf dem schwarzen Hemd die Schärpe in den Farben Roms. „Was sollen wir in Neapel tun; hier regnet es, unb in R o in scheint die Sonn e", rief nach Mussolinis Abreise fein Stellvertreter Bianchi. Die Ver- jummlung ging auseinander, mit einem Geheul, bas im Rhythmus des Trommelschlages die Worte wiederholte: „Ro—ma, Ro—ma, Du—ce, Du—ce, a Ro—ma, a No—ma." Nach Rom! Nach Rom!
Aber der Duce saß am Abend des 26. Oktobers in Mailand im Theater unb hörte sich eine Wagneroper an; unb nachher, auf der Rebaktion des „Popolo d'Italia", sagte er zu bem Musikkritiker: „Wenn Sie ber gleichen Meinung sinb wie ich, so schreiben Sie doch, bah man bas nicht birigieren nennen kann, wenn ber Kapellmeister nichts anderes zu tun versieht, als einen Eimer mit Noten Hu füllen, unb ihn bann über die Zuhörer auszufchutlen." Unb am Abend des 27. Oktober, als ich mit den Meinen in einer Loge des Manzoni-Theaters saß, erschien er als unverhoffter Gast, um ruhig unb aufmerksam einem komischen Zwischenspiel auf der Bühne zu lauschen. In der zweiten Hälfte des zweiten Aktes
klopfte es an bie Logentür: ein Kollege aus ber Rebaktion kam, korrekt aber aufgeregt, herein unb wandte sich an Mussolini: „Chefredakteur, man hat telephoniert. Es hat angefangen." Der Chesrcdak tcur erhob sich rasch, aber ruhig. „Wir sind bereit. Addis." Er verschwand.
Der Sturm bricht los.
In Cremona hatten die Schwarzhemden ihre Aktion einige Stunden vor der planmäßig feftgeleg- ten Zeit begonnen unb Telephon, Telegraph, Post, Präfektur unb die anderen Sitze der Behörden besetzt. Sie erlitten dabei den schmerzlichen, aber unvermeidbaren Verlust von zehn jungen Menschenleben. Gegen Mitternacht begann man in Mailand fieberhaft Barrikaden beim „Popolo d'Italia" zu bauen. In rasender Eile fuhren die letzten Lastautos fort, dis obenauf mit den letzten Exemplaren des faszistifchen Manifestes beladen, bas feit vielen Tagen schon insgeheim fertiggefteüt worden war unb morgen in ganz Italien angeschlagen werden sollte.
Das (Seniale des Plans von Mussolini bestand. wie bei jedem genialen Plan, im Unvor- Hergesehenen; er schuf Verwirrung, indem eti die Dinge, Personen und Situationen überraschend, von rückwärts anpackte. Während allo den Sturm auf die großen Städte erwarteten, so wie es im Ausland traditionell war, hatte er sich einsichtsvoll der italienischen Wirklichkeit angetxifot und arbeitete von der Peripherie aus, mit zahlreichen Ausstandherden in den kleinen Städten, weniger aus Ausdehnung Wert legend, als vielmehr auf die Intensität. Auf diese Weise glückten die einzelnen Angriffe viel leichter, und ein gelegentlicher Mißerfolg wurde nicht von Bedeutung, beim er blieb nut eine kleine lokale Angelegenheit, dis leicht eingedämmt und durch andere Erfolge an anderen Stellen ausgewogen werden konnte.
Perugia, das geographische Zentrum des italienischen Festlandes, war zum Sih des militärischen Quadrumvirals der Faszisten ausersehen worden. Die 250 000 Schwarzhemden, von denen 100 000 mobilisiert worden waren, langten in Eilmärschen planmäßig an den vom Duce bezeichneten Punkten an. Er hatte durch das Zentrum Italiens dret große Diagonalen geführt, durch welche die wichtigsten Knotenpunkte beherrscht wurden. Sie liefen alle a u f Nom zu, das sozusagen dadurch in die Umklammerung einer dreizahnigen Zange geriet: die Linie Pisa - Civitavecchia, die Parallele dazu Perugia-Monterodondo, und die dritte Linie, vielleicht die wichtigste, vom Po-Tal ausgehend, an der adriatischcn Küste entlang, über Rimini-Ancona-Eastellamare. Längs einer jeden dieser Linien hatte er Vertrauensleute und Reserven ausgestellt und jede Linie mündete in einen Kern von Führern und bewaffneten Soldaten^
„ilnfer Schicksal als Nation nagelt uns an Nom fest", versicherte der Führer Mussolini. „Born umliegenden Italien her muß man auf Rom zielen, auf das letzte Ziel."
Unterbeffcn „hegte" Herr Facta, der Ministerpräsident, noch immer „Vertrauen". So sehr, daß Mussolini von da an sich für feinen eigenen Gebrauch das Motto zu eigen machte: „Ich hege Mißtrauen", und sich niemals gestattete, zufrieden zu sein. „Päh, soso, nicht schlecht", pflegte er zu sagen, wenn die Sachen nach Wunsch gingen. „Ihr wißt ja, daß ich immer unzufrieden bin. Ich muh unzufrieden sein. Wehe dem, der äufneten ist. Er setzt Bauch an und schläft auf dem Amt ein. Man muh wachen, mißtrauen und Vorwärtsgehen."
Doch Herr Facta „hegte" solange „Ber- trauen", bis er schließlich den Kops verlor. Das Lamm wurde wild unb erklärte den Belagerungszustand.
Der König, der schon im Ernst Krieg geführt hatte, soll sehr erzürnt gewesen fein, als er das lächerliche Bild der beim Ponte Mrlvio ausgestellten ganzen vier Berittenen sah, — beim Ponte Milvio, wo Konstanttn einst den Maxen- tius in die Flucht schlug. Das Dolk lief herbei, um sich dieses Schauspiel-anzusehen. Ein Krieg ist immer schrecklich und furchtbar, aber ein Bürgerkrieg ist furchtbar und schimpflich; es ziemt sich nicht, aus ihm eine Operettenparodie zu
machen. Es wird erzählt, daß der König, als man ihm das Dekret über die Verhängung des Belagerungszustandes vorlegte, scharfe Worte brauchte: „Ich kenne mein Volk besser als Sie, meine Herren. 3ch unterzeichne nicht."
„Aber euer Mussolini ist ja nicht mal Sekretär in Staatsdiensten gewesen. Er muß doch erst mal anfangen T hatten die Herren der Negierung zu den braven faszistifchen Vertrauens männern in Nom gesagt, und diese jungen Leute fühlten sich im Bewußtsein ihrer Jugend so unsicher, daß sie sich von ben suchsschlaucn Anhängen! des „Amtslrotts", der „Ochsentour" und der parlamentarischen Ueberlieferungcn überzeugen liehen und ein Ministerium Sa landra mit beschränkter Teilnahme der Faszisten akzeptierten.
Nicht so der Duce, nicht so die MLliz. 3br Führer, der General Fara, gab den in Kolonnen in Santa Marinella, Monte Rotondo, Tivoli, Orte versammelten Legionen den Befehl: „Montag früh, sobald es dämmert, marschieren die Kolonnen' aus Nom zu, koste es. was c8 wolle". Ein Aufatmen befreite die von Em- pörung über die weichen Vergleiche beengt gemeßene Brust. Der Duce hatte sein Gewehr in den Arm genommen. Der Sieg durste nicht zerstückelt werden.
(Schluß folgt.)
Außenpolitische Umschau.
Don Professor Dr. Otto H o e tz s ch, M. d. R.
Der deutsche Sieg bei den Gemeinde- wählen in Ostoberschlesien, den seinerzeit Polen zugesprochenen Teilgebieten, am 13. November ist hocherfreulich Er zeigt, mit welcher Widerstandskraft das bedrängte Deutschtum sich dort doch zusammengehalten hat, er zeigt, wie miserabel die polnische Herrschaft in diesen Jahren gewesen ist - - namentlich für Herrn Korfanty ist dieser deutsche Sieg eine ganz schwere Niederlage. Seit der Volksabstim- mung des Jahres 1921 ist dieser 13. November ber wichtigste politische Tag; ist doch die Zahl ber damals bei der Abstimmung abgegebenen deutschen Stimmen jetzt an vielen Stellen übertroffen worden. Polen hat auf keine Weise, trotz aller Dergewaltigungen, es erreichen können, daß dieses Gebiet entbeutscht worden ist. 3n Warschau hat ber Ausgang natürlich einen großen Einbruck gemacht. Man versucht dort das Ergebnis noch umzudeuten und es wird zu überlegen sein, wie wir derartige Uindeutungsver- suche verhindern können. Ueberhaupt gibt dieser Wahlsieg Anlaß, erneut die Aufmerksamkeit des Dölkerbunds auf die oberfchlefifche Frage und Grenzlinie zu richten. Wie das zu geschehen hat, gehört eben auch in den großen Kreis der neuen Aufgaben, die mit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund der deutschen Außenpolitik erstanden sind.
Der Wahltag traf gerade zusammen mit der Wiedereröffnung des polnischen Sejm am 13. November. Die Stimmung und Lage in Warschau ist unklar, gespannt. Marschall Pilsudski läßt den Sejm sein Uebergewicht fühlen, aber mit Kleinigkeiten. Den Sejm einfach nach Hause zu schicken, dazu entschließt er sich noch nicht. Er, der frühere Sozialist, ist vor kurzem in Neswiz mit einer großen Schar von polnischen Magnaten zusammengekommea. Man spielt sogar mit monarchistischen Gedanken, man bereitet die Gründung einer polnischen konservativen Partei vor, mit der Spitze gegen die Qlationalbemotratie, die bie schärfste Gegnerin Pilsubslis ist; besonders in ihrem Sitz, dem westlichen Polen, ben früheren preußischen Teilen. Für Pilsubski ergibt baß, nachdem die Sozialdemokratie darauf mit dem liebergang in die Opposition ihre Antwort gegeben hat, ein sonderbares und schwieriges Bild. Den Sejm mit Gewalt aus- einanderzutreiben, wäre Wohl nicht so schwer. Aber was wird bann? Was wirb aus all den schweren Fragen und Sorgen der polnischer Polittk, der Finanzordnung oder vielmehr Unordnung, und der Auslanbanleihe? Bleibt der Sejm aber unb steuert man in bie Neuwahlen! herein, so ist zu befürchten, daß diese bei der vorhandenen Unzufriedenheit und Spannung eine böse Mehrheit ergeben werden. Bleibt also die
Heinrich Naumann.
Zum 70. Geburtstage.
Von Pfarrer Gustav Mahr, Gießen.
Heinrich "Naumann, der hessische Bauemdich- ter, ist vielen im Hessenlande und darüber hinaus lieb und wert geworden: nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Vortragender. 3n wieviel Dörfern wett und breit hat er auf Gemeindeabenden und in Kirchen gesprochen! Erft letzthin hörte ich einen Bauersmann sagen: „Wo Naumann spricht, da gehe ich hin, und wenn ich eine Stunde Eisenbahn fahren muß." Selbst in Städten: Gießen, Kassel. Düsseldorf ist er als Vortragender nicht unbekannt. Aus allen Kreisen der Bevölkerung setzt sich seine Zuhörerschaft zusammen.
Heinrich Naumann hat zahllose Geschichten und 'Betrachtungen in Sonntagsblättern, in Kalendern, in eigenen Büchern („O du Heimatflur!". ..Wie das Dorf den Krieg erlebte", „Das ist der Tag des Herrn", „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“ u. a.) veröffentlicht. Wer feine Veröffentlichungen mit den Maßstäben moderner Kunstkritik mißt, wird ihnen nicht gerecht werden. Er geht am Tiefsten und Letzten vorbei; er wird nicht erklären können, woher diese tiefe Wirkung von Naumanns Erzählungskunst auf unser Volk kommt. Die tiefe Kluft zwischen dem Volks- beulen und dem Denken der Gebildeten darf nicht übersehen werden.
Für Naumann ist charatteristisch die innige Verschmelzung von Heimat und Frömmigkeit, dieser irxirmc Herzenston in allen seinen Erzählungen, in denen etwas vom Volksgemüt, vom Sehnen und Hoffen der Stillen im Lande mitschwingt. Was er anpackt, wird zum Lob der Heimat. Und wie er es anfaßt, entspricht der typllch bäuerlichen Stimmung und Emp
findung. Das ist das Geheimnis seiner Wirkung auf das Volk. Er geht nirgends über baS bäuerliche Denken und Empfinden hinaus, aber er sinkt auch nicht darunter. Er repräsen--. tiert das hessische Landvolk in seinen besten und tiefsten Gedanken: in dem, was es eigentlich ist, trenn fein Wesen zur Vollendung kommt durch die Berührung mit der Frömmigkeit. Hessische Treue und Biederkeit, hessisches Sich» bescheiden und -begnügen, Gelalsenhett und Ausdauer, Gottvertrauen und Gottesfurcht spricht aus seinen Betrachtungen, das alles gewachsen aus der Heimat und mit ihr verwachsen, verwoben mit dem Erbe der Väter, mit Haus und Hof, mit der braunen, dampfenden Scholle des Hessenlandes. Wie charakteristisch sind solche Sätze für Naumann: „3d) schreite durch den Kirchbergwald. 3n den Kronen der schlanken Tannen rauscht das Lied der Heimat. 3ch schaue in die lieblichen Täler hinein, weithin über des Hinterlands bewaldete Berge. Vcm neuen Friedhof bei Ammenhausen grüßen, vom Sonnenschein verklärt, die Gräber und Kreuze zum Kirchberg hin. Viele, die dort schlafen, habe ich gut gekannt. Die oft bin ich in den letzten fünfzig 3ahren diesen Weg über den Kirchberg gegangen. 3mmer wieder hält mein Blick inne. 3ch habe das Land betrachtet, wie man seine Heimat schaut: mb Liebe und Freude, mit heißem Segenswunsch für das Wohlergehen seiner Bewohner."
Naumamt hat eine Lesergemeinde in ganz Deutschland. Er ist vor allem bekannt geworden, als „der Culenlochmann", der seit mehr als zwanzig 3ahren die Wochenumschau in Sohnreys Deutscher Dorszeitung schreibt. Prachtvoll ist er da in der Frische und Urwüchsigkeit, tote er das Leben der Zeit betrachtet. Er schreibt im VoWkalenderstil, ein Geistesverwandter von3oh. Peter Hebel. Sohnrey konnte teuren besseren Mitarbeiter für seine Volkskalender und die Dorf-
zeitung finden als Heinrich Naumann aus Nanz- Hausen.
3ch habe ihn letzthin noch auf seinem väterlichen Hof besucht. 3n einer halben Stunde geht man von Lohra hinüber nach Nanzhausen; drei Höfe bilden den kleinen Weiler. Ein Feldweg führt hinüber, nicht einmal eine ordentliche Straße. Wunderbar still liegen in diesem Tal die drei Höfe, umsäumt von Wald und Feld und den hessischen Bergen. Ubbelohde kommt einem unwillkürlich in Erinnerung. Man muß diese Idylle geschult haben, um Naumann ganz zu verstehen. Ausgewachsen a«£ dem väterlichen Hof, in der großen Stille des kleinen Weilers, in ständiger Berührung mit dem lebendigen Leben, der Heimat konnte der junge Mensch nicht anders, als diese Heimat lieben und ihre Schönheit besingen. Daß der junge Bauersmann zum Schriftsteller wurde, verdankt er seinem verstorbenen väterlichen Freunde, dem Pfarrherm von Lohra, in dessen Haus er eine zweite Heimat fand. Hier empfing Naumann sein geistiges Gepräge. Des jungen Menschen mit seinen vielen Manuskripten, der nicht wagte, an die Öffentlichkeit zu treten, nahm sich Heinrich Sohnrey an; er wählte die besten Betrachtungen aus und veröffentlichte sie unter dem Titel: „Vom Heimatacker". Die letzte Veröffentlichung Naumanns, in diesem 3ahr erschienen, sind feine Soldatenerinnerungen: „Wie ich Soldat war". Wer Naumann einmal im engeren Kreis von feiner Soldatenzeit erzählen hörte, weih, wie diese Zett die schönste Zett seines Lebens war; er hat die stärksten Eindrücke aus seiner Straßburger Zett mitgenommen. Naumann ist einer der Treuen im Hessenvolk, einer feiner besten Söhne, leidgeprüft in feinem Alter, aber tapfer seinen Kampf kämpfend. Möchten diesem treuen Manne unteres Hessenvolkes die Lasten seines Alters leichter werden und er etwas erfahren, von dem Wort, das er liebt: „Um den Abend wird es licht sein!"
Eine historische Mühle am Niederrhein.
Viel wird der Oberrhein gepriesen, viel hört man von seinen romantischen Burgen uftb Schlössern, Tälern und Bergen. Es scheint, als hätte man dadurch bie historischen unb reizvollen Plätzchen bes Nieberrheins unb die Tatsache vergessen, baß auch dort Stätten alter Kultur sind. Wer kennt sie heute noch? Unsere Maler, bie die Schönheit bort suchen, wo sie auch zu finden ist; aber nicht diejenigen, die eine Neise an den Nhein machen und glauben, mit Köln, Königswinter und den Orten weiter rheinaufwärts, hätten fie alles gesehen. Einer der schönsten niederrheinischen Punkte ist Zvns, links des Nheins, zwischen Köln und Düsseldorf. Dieses interessante Städtchen ist seiner Ursprünglichkeit treu geblieben. Dicke Wälle unb Mauern schließen bie Häuser fest ein, bie so dicht gebaut sind, daß man durch manche Gassen nur einzeln gehen kann. Keine Baulichkeit ist im Stil des 19. oder 20. Jahrhunderts, alles stammt aus alter Zeit. Der interessanteste Punkt dieser Stadt ist die sog. „historische Mühle", ein ehemaliger Festungs- unb Nunbturm, ber nach ber Schlacht bei Worringen zur Winbmühle umgebaut würbe. Enbe bes 17. Jahrhunderts wurde diese bann mit der höchsten Technik jener Zett ausgestattet. Das ganze Getriebe stammt aus den 3ahren 1688 unb 1694 unb ist aus verschiedenen Holzarten, alles massiv, der damaligen Zeit entsprechend, unverfchleihbar zusammengestellt. So ist sie mit dem alten Getriebe bis Anfang des 19. 3ahr- hunderts in Betrieb gewesen. Bis der Sturm ihre Flügel lahm legte. Heute ist sie das interessanteste Gebäude am Platze, und von Kennern wird die noch tadellos erhaltene 3nnen-Ausstat- iung viel bewundert.


