Mittwoch, 20. Oktober 1926
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 246 Zweites Blatt
Kohleverflüssigung und Handelsbilanz.
Don Dr.-Ing. Georg G o t h e i n, Reichsschatzminister a. D.
Die Frage der Verflüssigung der Kohle — der Gewinnung von Mineralölen durch Hydrierung von Braun- und Steinkohle — ist aus dem langen Stadium der Versuche heraus. In kurzem wird die Produktion im großen beginnen. Das Kapitalkräftige Riesenunternehmen der I. G. oarben- industrie bringt neben einem eigenen Verfahren das nach seinem Erfinder Prof. Dr. Bergins genannte Berginoerfahren zur Anwendung und die von den Ruhrzechcn zunächst als Studlengesellschasl gegründete „Gesellschaft für Kohlenoerwertung' will das Verfahren des Prof. Dr. F i f ch e r - Mülheim ausbeuten. Man kann also hoffen, daß wir — ähnlich wie bei der Gewinnung des Stickstoffs — zwei wertvolle Produktionsmethoden in zwei verschiedenen Unternehmungen haben werden.
Das find nicht nur wissenschaftlich-technische Großtaten, auf die wir Deutsche stolz sein können, sondern es hat auch einen außerordentlich hohen — heute natürlich noch nicht voll zu ermessenden volkswirtschaftlichen Wert; die Erfindung ist berufen, uns in unserem Mineralölverbrauch unabhängig vom Ausland zu wachen, unsere Handels- und damit auch unsere Zahlungsbilanz wesentlich zu verbessern.
Was es für unsere Handelsbilanz bedeuten kann, erhellen kurz folgende Zahlen: Rach den bis Ende August vorliegenden Ergebnissen der Ein- und Ausfuhr wird im laufenden Kalenderjahr unsere Mehreinfuhr von Mineralölen einen Wert von 230 bis 240 Millionen Reichsmark erreichen. Wir können hoffen» in einigen Jahren diese Einfuhr nicht nur entbehrlich zu machen, sondern selber ein Ausfuhrland für Mineralöle zu werden. Daß solche Hoffnungen nicht Illusionen sind, beweisen die Erfolge anderer deutscher Erfindungen auf chemischem Gebiet.
Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts führten wir zum Färben unserer Stoffe Tür etwa 36 Millionen Mark jährlich Krapp ein. Die Erfindung der Anilin- und Alizarinfarben durch A. W. Hofmann und Liebermann machte nicht nur jede Krappeinfuhr unnötig, sondern ermöglichte uns eine- Ausfuhr der genannten Farben, die im Jahre 1913 bis auf 143 Mill. Mark gestiegen war.
Rach Anfang der neunziger Jahre mußten wir jährlich für 25 bis 30 Millionen Reichsmark I n - d i g o einführen. Nachdem es B a e y e r gelungen war, synthetischen Indigo herzustellen, stand 4897 einer Einfuhr natürlichen Indigos im Werte von 12,7 Mill. Mk. eine Ausfuhr im Werte von 4,8 Mill. Mk. gegenüber, aber 1913 wertete die erstere nur noch 0,4, die letztere dagegen 53,4 Millionen Mark.
Während des Krieges und durch das Friedensdiktat von Versailles wurden wir freilich unserer Patente beraubt: aber die Güte unserer Fabrikate voll zu erreichen, ist weder den Amerikanern noch ben Japanern, noch den Franzosen, noch den Engländern gelungen. Ganz können sie unsere hochwertigen Teerfarben nicht entbehren. In den geringeren Sorten machen sie uns freilich einen empfindlichen Wettbewerb auf dritten Märkten, während sie von den ihrigen unsere Farben teils durch exorbitante Zölle, teils durch Einfuhrverbote fern halten. Trotzdem dürfte unsere Ausfuhr im laufenden Jahr wieder mehr an 200 Mill. Reichsmark herankommen, darunter einige 40 Millionen Reichsmark für künstlichen Indigo.
Vor 20 Jahren führten wir für 110 Mill. Mk. Chilesalpeter ein; 1913 erreichte seine Einfuhr bereits 173 Mill. Mk. Die Erfindung des synthetischen Stickstoffes durch Prof. Haber und des Kalistickstoffes durch Prof. Caro machte diese Einfuhr nicht nur überflüssig, sondern wir werden in diesem Jayre für mehr als 100 Millionen Mark künstliche Stickstosfoerbindungen und für einige 50 Mill. Mk. Kalkstickstoffe ausführen, trotzdem unsere Landwirtschaft weit reicher und wesentlich billiger mit Stickstoffdünger versorgt wird, als das vor dem Kriege geschah. Diese beiden Erfindungen haben also unsere Handelsbilanz um über 300 Mill. Reichsmark verbessert, die oben genannten auf dem Gebiete der Farbenchemie um wohl ebensoviel. Es ist zu hoffen, daß wir in wenigen Jahren statt für 240 Millionen Reichsmark Mineralöle einzuführen, für ebensoviel ausführen. Dabei läßt sich mit Bestimmtheit voraussagen, daß der Verbrauch von Mineralölen, vor allem von Treibölen, Benzin und Benzol mit
Tallimann.
1 Von Waldemar Keller.
Wenn die Schiffe Ladung einnehmen. Ladung löschen, kauert an jeder Luke ein aufmerksamer Mann, das Notizbuch in der Hand. Entweder gehört er zur Besatzung und ist vom Schiffseigner gestellt oder der Verfrachter hat ihm seinen Platz angewiesen. 'Der Tallimann, so wird er genannt, lectt den Bleistift und macht eifrig Striche, malt Zahlen. Sieben Sack Mais. . .ein Kdrb Kohle... vierundzwanzig Rollen Draht — je nachdem. Am Schluß muß es stimmen. Es stimmt nie. Der Tallimann aber hat sich vorher vergewissert, wieviel da kommt oder geht, und mogelt. Darin ist er immer groß. Und am Schluß stimmt es eben.
Auf den Segelschiffen, die nach der Westküste Südamerikas fahren, nach Chile oder Südperu, ist der Posten eines Tallimanns arg umstritten. Man begehrt chn. Wer jedoch leer ausgeht, dankt spater oft seinem Schöpfer. Es kommt nur ein Matrose oder Leichtmatrose in Frage, und selbstverständlich giften sich die andern, die Kohlen ausschauseln, Salpetersäcke übernehmen müssen, weil ausgerechnet dieser blöde Kerl, dieser Hein. daS feine „Dontje". den guten „Job" ergattert hat. Man kann 1000:1 weiten, daß, wenn der Tallisiann unglücklicherweise ein Leichtmatrose ist, sämtliche Schikanenschleusen sich öffnen. Dom Mittagessen wird für ihn nur ein Restchen Sauerkraut und eine Speckschwarte übrig bleiben, zumal der Brauch fordert, daß „erst mal die Leute, die arbeiten", 4hr Teil schöpfen. Steht der Aermste vor seinerScekiste und stopft sich die Pfeife, so wird einer behaupten, er sei im Wege. Dies geschieht meist wortlos, unter Zuhilfenahme der Zeichensprache: die Unterredung beginnt mit einem Knuff in die Rippen, und da es Ehrensache ist. jeden Knuft doppelt zurückzugeben, endet sie mit einer massiven Keilerei, vorausgesetzt, da«) derjenige, der den Dialog anfing, ebenfalls ein Leichtmatrose ist. Ein Matrose kann in diesem Falle tun, was er will. Wehe dem Jungen, der sich bvn einem „Vollen" nicht stillfchwergend knuffen laßt! Beschwerden sind an Bord von Segel-
dem zunehmenden Automobil- und Luftverkehr und der wachsenden Anwendung von Dieselmotoren in der Schiffahrt eine sehr starke Zunahme erfahren wird.
Unsere Zahlungsbilanz wird durch solche Erfindungen noch günstiger beeinflußt' als die Handelsbilanz allein. Die Anwendung unserer Verfahren zur Verflüssigung der Kohle wird sich nicht aus Deutschland beschränken, sondern sich auch auf andere Länder erstrecken, die nicht über genügend eigene natürliche Mineralöle verfügen. An diesen Anlagen wird sich das deutsche Kapital durch Einbringung seiner Patente beteiligen, werden deutsche Ingenieure und Chemiker die führenden Stellungen dabei übernehmen usw. Das ist sog. „unsichtbare Ausfuhr"/ die der Zahlungsbilanz zugute kommt.
Das innige Zusammenarbeiten von Naturwissenschaft und Technik hat Deutschland groß gemacht: nicht minder die Tüchtigkeit seiner Ingenieure, Kaufleute und Techniker. Langsam und unter schwierigsten Verhältnissen müssen wir jetzt uns wieder heraufarbeiten. Aber, solange deutsche Wissenschaft und deutscher Crfindungsgeist blüht, können wir hoffnungsvoll in die Zukunft fehen.
Thoiry in der Praxis.
Don unserem Pariser 8.°Korrespontent.
Wie soll die Thoiry-Politik praktisch Leitergeführt werden? Das ist das große Problem, das gegenwärtig in Paris im M.tte'punkt allen Interesses steht. Auf diese Frage vermag kein Diplomat, kein Politiker, und mag er sich der besten Beziehungen rühmen, eine klare Antwort zu erteilen.
Aufsehen erregte kürzlich ein Artikel de Iouvenels im ..Matin", weil er die gesamte Thoiry-Politik ablehnt und rein negierend gehalten ist. Der Senator und Minister a. D. Henry de Iouvenel wird aber noch viel deutlicher in einem Artikel „Keine d e u t s ch - französische Entente ohne Europa", den er in der letzten Rümmer der politischen Wochenschrift „L'Europe Rouvelle" veröffentlicht. In diesem Artikel heißt es u. a.: „Wir können nicht gegen das int übrigen nur vage Versprechen der Mobilisierung der Dawes-Obligationen auf militärische Besetzung des Rheinlandes verzichten. Sondern wir müssen Garantien verlangen gegen den „Anschluß", gegen eine wirtschaftliche Entente gegen Polen. Heute ist die europäische Gefahr nicht mehr Westeuropa, sondern Osteuropa. Dort sind unsere Verbündeten. Wir haben die Rotwendigkeit begriffen, nicht nach Locarno zu gehen, ohne daß Polen und die Kleine Entente dort vertreten seien."
Wie kommt de Iouvenel dazu, einen solchen Artikel zu schreiben? Wer hat ihn diktiert? Steckt Poincare dahinter? Wir haben diese Frage den maßgebenden französischen Politikern vorgelegt,' die wirklich kompetent sein dürften. Sie haben diese Frage auf das Entschiedenste verneint.
Bleibt also nur eine andere Vermutung, de Iouvenel will Opposition machen und sich vorbereiten auf eine mögliche Regierungskrisis. Will er aber gegen die Politik der gegenwärtigen Regierung Poincare-Briand opponieren, so muh er selbst vor allen Dingen wissen, was er will und gegen die Pläne der gegenwärtigen Regierung andere Pläne bereit halten.
3a, aber hat denn Poincare tatsächlich irgendeinen Plan? Rein und abermals nein. Fest steht nur, daß Poincare jetzt selbst nicht mehr umhin kann, das Mellon-Beranger-Schuldenabkommen ratifizieren zu lassen. Diese Ratifizierung bleibt das A und O seiner Gesamtpolitik. Auch, wenn Amerika der Mobilisierung eines Teiles der deutschen Cisenbahnobligationen wohlwollend gegenüberstehen sollte. Darüber jedoch muh der Quai d'Orsay sich zunächst einmal Klarheit verschaffen. Deshalb seine Demarchen in Washington. Vorläufig sind sich weder Driand noch Poincare klar über die Tragweite und Auswirkungen dieser Transaktion.
Der Finanzminister Poincare hat entschieden noch keinen festen Finanzplan. Seine allernächste Umgebung und seine intimsten Freunde versichern auf das Bestimmteste, daß er noch sehr weit davon entfernt sei, ein großzügiges Finanzprogramm etwa auch nur in seinen Grundzügen schon ausgestellt zu haben. Alle Fachleute sehen mit großer Besorgnis der zweiten Hälfte des Monats Rovembcr entgegen, die neue riesige Anforderungen an den Fiskus stellt.
Die innerpolitische Lage Frankreichs bleibt mithin sehr gespannt. Andererseits aber beginnen die ö st l i ch e n 2 a s a l l e n st a a t e n Frankreichs immer unruhiger zu werden. Wir können aus das Bestimmteste versichern, daß sowohl Polen wie die Tschechoslowakei am Quai d'Orsay sehr energisch vorstellig geworden sind und die französische Regierung gebeten haben, über alle „Thoiry-Politik" nicht die östlichen Verbündeten zu vergessen. Sie argumentieren so: Deutschland hat freiwillig (also nicht unter dem Zwang des Versailler Vertrages) endgültig auf Elsaß-Lothringen verzichtet. D:u schland hat aber nicht seine östlichen Grenzen endgültig anerkannt. Seine mit uns abgeschlossenen Schiedsverträge ändern an dieser Tatsache garnichts. Wie weit soll also die Thoiry- Verständigungspolitik noch gehen? Was sollen wir, Polen und Tschechoslowaken, tun. wenn Deutschland auf diesem Wege der Bereinigung seiner Friedensverträge fortschreitet?
Die Mahnrufe de Iouver.els sind daher nicht zu unterschätzen. De Iouver«u spricht ganz deutlich wiederhalt von der Kleinen Entente und schneidet damit bewußt eine für Frankreich sehr heikle Frage an. Denn in dem Mähe, in dem
der Einfluß Frankreichs auf die Kleine Entente sich abschwächt, wird dort der Einfluß Italiens um so stärker. Und das ist ein Argument von ausschlaggebender 'Bedeutung für die französische Mentalität. —
Die französische Regierung selbst ist sich ganz bestimmt noch nicht klar darüber, wie sie praktisch „Thoiry-Politik" treiben soll. Daher das Zaudern und Schwanken des Quai d'Orsay. Daher aber auch die auffallende Aktivität gewisser Kreise in Paris, die da glauben, ihre Stunde sei nicht mehr fern, und sie müßten sich sorgfältig darauf oorbcrcitcn! — Es macht sich in Paris seit einigen Tagen immer deutlicher eine ausgesprochene Stimmung gegen Thoiry geltend. Aus welchem Grunde, bleibe hier unerörtert. Diejenigen Stimmen, die in Deutschland unmittelbar nach Thoiry nicht laut genug Hosiannah schreien konnten, werden jetzt viel leiser. Die anderen hingegen, die von vornherein zur Geduld mahnten und von Anfang an sich sehr wohl klar darüber waren, daß sehr, sehr viel Zeit darüber vergehen würde, bis die Theorien von Thoiry sich in die Praxis umsetzen ließen, scheinen wieder einmal Recht behalten zu haben.
Die Basler Mission in Gietzen.
Völkerkundliche Ausstellung.
In Gegenwart eines sehr großen Kreises geladener Damen und Herren unserer Stadt und der Umgegend wurde gestern nachmittag in den Räumen des früheren „Hotel Grohherzog" die völkerkundliche Ausstellung aus den Arbeitsgebieten der Basler Mission eröffnet. Unter den Erschienenen waren u. a. die Vertreter der Theologischen Fakultät unserer Landesuniversität mit Sr. Magnifizenz dem Rektor Prof. Dr. Zwick. Landgerichts- Präsident Reuenhagen, die Geistlichen unserer evangelischen Gemeinden in Stadt und ^and, Herren der Schulaufsichtsbehörden und des Schul- lehrdienstes zu bemerken.
An Stelle des im Auslande weilenden Universitätsprofessors D. Dr. Frick hielt Missionar Lauk- Frankfurt a. M. die Eröffnungsrede. in der er die große Bedeutung der deutschen Mission für die hilfsbedürftigen Völker, aber auch für die Geltung des deutschen Ra- mens in der Welt gebühreich herausstellte. Hinter dieser Missionsarbeit. die mit dazu beitragen will, daß der deutsche Christenname wieder den alten hohen Klang bet' den andern Völkern der Erde findet, muh — wie der Redner mit Recht forderte — das deutsche Volk geschlossen stehen. Missionar Laut betonte, daß die Ausstellung dem heutigen Stande unserer deutschen Missionsarbeit. die ja durch die Kriegszeit mit all ihren schweren Rückschlägen auch hart betroffen wurde, entspricht, und wenn sie auch nicht so groß sei wie die vor dem Kriege hier gezeigte: Schau, so gebe sie aber doch ein getreues Bild von dem, was jetzt in der Mission geleistet werde.
Anschließend sprach Missionsinspektor D. Dr. Oehler-Basel über die Arbeit draußen in den Basler Missionsgebieten, wodurch man ein recht interessantes Bild des missionarischen Wirkens in den Basler Aufgabenländern bekam. Aus den Worten des Redners klang hohe Begeisterung für das schwere, aber doch auch dankbare Wirken der Mission heraus, man Hörle jedoch auch hier die ernste Ermahnung, diese Arbeit von der Heimat aus in rechter Würdigung zu stützen und zu fördern, wo es nur irgend möglich ist.
Pfarrer Bechtolsheim er grüßte im Ramen der evangelischen Gesamtlirchengemeinde der Stadt Gießen die Basler Mission und deren hier weilende Vertreter, er gab dcr Genugtuung darüber Ausdruck, daß diese lehrreiche Ausstellung hier gezeigt werde, und betonte, daß Gießen und Oberhessen schon immer ein Herd der Mission gewesen seien: besonders die Basier Mission ruhe hier auf gutem Grund und habe von hier aus immer tatkräftige Förderung erfahren. Auch für die Zukunft könne die Mission auf Gießen rechnen.
Missionar Gaul brachte den Dank dec Basier Mission für den Gruß und die Sympathie der Stadt Gießen zum Ausdruck.
Rach einer Kafseepause folgte die Führung der Gäste durch die Ausstellung. Aus dem asiatischen Arbeitsgebiet der Basler Mission sind China. Borneo und Indien in der Ausstellung vertreten. In der Abtellung China bemerkt man u. a. das Modell einer Ahnenhalle, verschiedenerlei Zaubermittel, das Modell eines Grabes und eines Wohnhauses: aus Borneo sieht man u. a. die Rachbildung eines Wohnhauses auf Pfählen, Taschen, Körbe, txid Schwert eines Kopfjägers usw.: Indien ist durch Götzen, vielerlei Hausrat, Spielsachen usw. veranschaulicht. Don dem afrikanischen Missionsgebiet lernen wir einiges von der Goldlüste und aus Kamerun kennen. Don der G o l d k ü st e siebt man u. a. eine Fetischfigur, Fetischgegenstände, allerlei Zaubermittel. Sllavereigegenstände. eine Regerhütte im Modell. Scharfrichtermühe und -messer, Kleider usw.: aus Kamerun erblickt man u. a. das Modell einer Wohnhütte und einer Misfionsstation, Waffen, Zaubergeräte, Haus- und Küchengeräte usw. Daneben kann man noch aus allen Gebieten Bücher in der betreffenden Landessprache, weibliche Handarbeiten. Schülerarbeiten, Schulhefte usw. sehen.
Die hier gegebene Aufzählung von Ausstellungsgegenständen umfaßt nur einige besonders hervorragende Stücke bzw. Gruppen. Eine Fülle weiterer hochinteressanter Gegenstände kann wegen Mangel an Raum hier nicht registriert werden, obwohl sie auch recht fesselnd sind. Alles in allem: Die Ausstellung ist für jedermann, dessen Interesse über seinen engeren Heimatbezirk hinausreicht und wohl gar die ganze Welt umspannt, sehr sehenswert. Der Besuch dieser völkerkundlichen Schau ist nur zu empfehlen.
Die Jahresversammlung des Oberhessischen Vereins für die Basler Mission sand am gestrigen Dienstag im Matlhäussaal statt. Sie wurde nach dem gemeinsamen Gesang des Liedes „Lobe den Herrn, den mächtigen König" von Dekan V o l p ° Laubach mit Schriftlesung (9er. 29, 11) und Gebet eröffnet. Er vertrat den verhinderten Vorsitzenden, Dekan G u ß m a n n - Kirchberg, der ebenso wie der gleichfalls verhinderte Superintendent Wagner die Versammlung grüßte.
Der von dem Leiter verlesene Jahresbericht gedachte des Begründers des Vereins, des oerftorbe-ien Geh. Kirchenrats D. Schlosser, früher Gießen, zuletzt Frankfurt a. M., und des Missionsinfpektors D. Würz. Basel. Auf der großen Baseler Ms° sionswoche war der Verein durch den Dekan Guß- mann und Volp vertreten. Eine Sammlung für die Not von Herrnhut sollte nicht neue Oraan'.sa- Honen schassen: eine solche Zerstückelung würde nur Verwirrung schaffen.
Bei der Aussprache wies Pfarrer K ö d d i n g • Eberstadt darauf hin, daß das durch das weitverbreitete Losungsbüchlein bekannte Herrnhut allein kein Hinterland habe, und hoffte durch die Arbeit des Hilfsbundes auf Vermehrung der Mission-liebe.
schiften verpönt. Logische Folge: es ist ein gemischtes Vergnügen, als Leichtmatrose an der Westküste Tallimann zu sein.
Ich kann ein Liedchen davon fingen. Die heißen Tage in Caleta Duena. Pisagua und Taltal vor zwanzig Iahren wären köstlich^ gewesen, hätte der erste Steuermann mir vergönnt, als schweißtriefender schwarzer Teufel im Bauch des Schiffes die Kohlenkörbe füllen zu Helsen. Vorsichtige Petillonm wurden glatt abgewiesen. „Du bleibst Tallimann!" sagte Herr Müller, und wenn Herr Müller etwas sagte, war's wie das Amen in der Kirche. So kommt es, daß meine Erinnerungen an Chile zu den grausam kahlen Küstenbergen in einem überaus Proportionellen Verhältnis stehen.
Don 100 jungen Leuten, die Seemann werden, empfeUen sich 80 bereits nach der ersten Reise mit ergebenem Dank an Poseidon. Ich hab's immerhin nahezu vier Iahre ausgehalten: dann marschierten die Bücher auf. Ein wild Büffelnder versuchte, nicht ohne Glück, an die empirischen Erfahrungen eines verstaubten Primanerdaseins anzuknüpfen. Das Pflänzchen wuchs, trug Früchte, und siehe da: es waren lauter Feuilletons. Die Sonne stand freundlich am Firmament. Auch das Kriegsgewitter ging vorüber, der Himmel schien aufzullären... da zog mit einemmal eine gewaltige schwarze Wolke heran und schob sich vor das wärmende Licht. Die Wolke hieß: Inflation. Ein Feuilleton war gleichbedeutend mit einem Milchbrötchen. Auch der widerstandsfähigste Magen mußte kirre werden.
Was tun? Das Pflänzchen schüttelte sich energisch und schaute in die Runde. Ein grauer Hamburger Märzmorgen verhüllte den Ausblick, aber von fern heulte die Sirene eines Dampfers. Die heißen Tage in Caleta Buena. Pisagua und Taltal wurden lebendig, es kam des Wegs ein alter Schiffskamerad, der half, und wenig später produzierte der Bleistift keine Feuilletons mehr, sondern malte Zahlen, kritzelte Striche, wenn die Säcke mit Mais, die Bündel Piassava, die Drahtrollen in die Leichter geschwenft wurden. Tallt- maiTTL
Trotz der Vertrautheit mit den Dingen kamen sie einem spanisch vor. Ganz anders als früher. Fremd war man eingefügt in diese Masse der arbeitenden Hamburger Schauerleute Gezügeltes Denken war notwendig, um Teil haben zu können an ihren Unterhaltungen, und den Stehkragen, festgeknöpft an noch nicht völlig erschlage.en Zukunftshoffnungen, sah man schwarz werden mit einer gewissen Zufriedenheit, weil er so, nur so, in das Milieu der Dampf winden und Oellannen und Schiffsbesen hineinpahte. Der alte Adam jedoch ließ sich nicht anschwärzen, bewies eine geradezu unangenehme Reinheit des Fortlebens, lieber den Gewichten, die der „Pünner", der Wieger, auf die Dezimalwage stellte und die man zu kontrollieren hatte, tanzten boshaft de Haupt- und Relativsätze. Merkwürdige Zettel führte dieser Tallimann stets bei sich. Später schimpften die Redakteure und Setzer, weil solch eine infame Kritzelei, umrahmt von Fettflecken, jedem journalistischen Brauch Hohn sprach. Wenn irgendein Reugieriger fragte: „Was machst du da. Tallimann?", dann antwortete die Vorsicht: „Ich rechne was aus." Infolgedessen ging dem Tallimann. von Schiff zu Schiff, der Ruf nach, daß er, obwohl offenbar ein „Studierter", im Kopfrechnen überaus schwach sei.
Schiefe Blicke? Richt einen einzigen hab' ich erwischt. Der steht hier und nimmt Talli — woher, wohin: das ist gleichgültig. Ieht jedenfalls gehört er zu uns. Er wollte auch zu ihnen gehören. er laute fein schönstes Hamburger Platt, das ihm. vom Segelsch ff her. irgendwo tief in der Kehle saß, und dieses Angleichungsbestreben wurde überall mit dem denkbar größten Wohlwollen ausgenommen. Dorbeigeraten, wenn einer meinen sollte, es sei mit Herablassung verwandt gewesen. Keine Spur! Aber mit jeder Kameradschaft. die, Schulter an Schulter, aus Arbeit wächst, war es sehr verwandt. Aus der Möncke- bergstraße traf ich, schmierig von der „Schicht" heimkehrend, einen Schriftstellerkollegen, der die Hande überm Kopf zusammenschlug: „Sie müssen sich ja totunglücklich fühlen!" Rein. Der Tallimann hat zwar, offen heraus, täglich dreimal
gewünscht, daß der Dollar von seiner phantastischen Höhe koppheister in die Wolfsschlucht sausen möge, aber Qualen, aus dieser Arbeit resultierend, hat er nie empfunden. Dazu waren die Reize der llmgebung zu groß, die Entdeckungen rein menschlicher Art zu erstaunlich und blickweitend. Der Schauermann, der Oswald Spengler besser kannte, als der „Talli" mit dem rußgschwärzten Stehkragen. war ein beschwingendes Erlebnis: der Winschführer, der aus der „Hochzeit des Figaro" von Beaumarchais zitierte und genau Bescheid wußte um die Zusammenhänge dieses Stücks mit der großen französischen Revolution, machte einen müden Abend heiter und schön. Und wieso denn überhaupt: unglücklich fühlen? Hatte man nicht in Flandern mit diesen Leuten in einem Grab n gesteckt, mein Freßpaket dein Freßpaket, damals, als die Welt verrückt geworden war? D e Aufhebung jenes Gemeinsamkeitsgefühls, nun die Zu- sammenschweißung durchs Schicksal auf anderer Ebene sich wiederholte, wäre doch immerhin eigenartig gewesen. Aber ich verhehle nicht, daß selbst ein vom Kastengeist unberührter Tallimann zu dieser Feststellung, die von vornherein gegeben scheint, nur durch Rachdenken gelangen konnte. So wundersam ist man oft verstrickt.
Und einige Monate später, als die Sonne der Rentenmark zu leuchten begann ... war nicht alles von neuem wie umgekehrt? Ich meine nicht das Aeußerliche. Man kam in die Dittmar-Koel- Straße, zufällig, sah die Menschen vor den Zahlstellen _ des Hafenbetriebsvereins und sagte sich kopfschüttelnd: da hast du auch gestanden. Und — seien wir ehrlich — man ging auf die andere Seite, damit nicht von irgendwo der Zuruf auffliegen möge: „Hallo, Tallimann!"
Warum ich dies alles niederschreibe? Das kommt so. wenn man nachts alte Tagebücher durchblättert. Da steht der blaue Himmel über Pisagua. da prasselt der Regen auf das Schuppen dach im Hansahasen. und die eingefargten Klaviere schwingen am Drahtseil des düster ausgereckten Kran- ballens. Kein Wunder, daß man Zelle um Zelle nachdenklicher wird.


