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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Montag, 20. September 1926

Rr. 220 Zweites Blatt

Der letzte Tag der Feldmanöver der 5. Division.

Don unserem militärpolitischen K.-Eonderbericht erstattet.

Der letzte Tag der Divisions Übung en lvar wieder Dom prächtigsten Manöverwetter be­günstigt. Für einen Teil der roten Truppen hatte er schon in der Dacht mit furchtbarem Ernste begonnen- Kurz nach 11 Hhr abends weckte Feueralarm die Belegung des größten Dorfes des badischen Bezirks Doxberg, Assam­stadt. Der Feuerruf war kaum ertönt, die Feuerglocke läutete noch, als schon der zunächst gelegene Teil der Ortsbelegung alarmiert war und im Laufschritt zum Brandplah eilte. Äura darauf wurden vom Ortskomman­danten, Major Ritter vonMolo die übrigen Truppen des Dorfes alarmiert und in Marsch gesetzt. Den Weg zeigte

eine riesige Feuer- und Rauchsäule, die mit roter Glut den Aachthimmel füllte. Aus einem etwa 80 Meter langen zweistöckigem Wohngebäude mit Scheuern und großen Vor­räten an Heu und Stroh im Dachstuhl, einer ehemaligen Ziegelei, schlug prasselnd das Feuer und verbreitete sich mit großer Schnelligkeit weiter. In den Jammer der hilflosen Bewohner und das furchtbare Gebrüll des Viehs mischten sich die Kommandorufe der rasch den Brand- Platz füllenden Reichswehr, Heberall wurde zu­nächst von kleinen Kommandos, wie sie sich ge­rade zusammengefunden hatten, unter selbstän­diger Führung einiger beherzter Offiziere, Unter­offiziere und Mannschaften zugelaßt, um zu bergen, was noch zu retten war. Aus den rauch- erfüllten Stuben, teilweise aus den Flammen wurden die schlafenden hilflosen Kinder der zu­nächst betroffenen Familien heruntergetragen, wieder andere bargen das Vieh aus den Ställen, das sich gegen die Rettung sperrte, andere trugen Tische, Betten, Kommoden, Wäsche, Kleider und den ganzen wertvollen Hausrat heraus. Es wurden Ketten gebildet, die Eimer mit Wasser aus dem 100 Meter entfernten Dach von Hand zu Hand reichten, eine Maßnahme, die wegen Versagens einer Pumpe die ganze Rächt fortgesetzt werden mußte. Eine andere Pumpe lieferte einen Zahmen Strahl, der nicht zur Bekämpfung des Feuers ausreichte. Daher mußte der Dachstuht bis zu der, den Block in zwei Teile scheidenden Feuermauer abgerissen werden, um zu ver­hindern, daß das wütende Feuer auf dem Dach sich weiter ausbreitete.

Es war erfreulich, hierbei zu sehen, wie uner­schrocken und tapfer, teilweise tollkühn die Gre­nadiere aus Stuttgart, die Minenwerfer und Angehörige des Regimentsstabs des 13. Infan­terie-Regiments aus Ludwigsburg in nächster Rähe des Flammenmeeres das Dachgebälke mit Stechhaken zufammenriffen

und mit Beilen und Hacken auseinanderschlugen. Mehr als einmal mußten die Soldaten mit Ge­walt, d. h. durch Befehl aus den schon brennen­den Zimmern herausgeholt werden, weil sie ihre Rettungsarbeit nicht aus eigenem Antrieb be­endigen wollten. Gin Hauptmann und ein Leut­nant lösten sich, hoch auf dem First des Hauses stehend, an der Spritze ab, den Strahl mit Be­sonnenheit dahinlenkend, wo es am zweckmäßig­sten war, um endlich dem Feuer Halt zu ge­bieten.

Rach kurzer Zeit war der Brandplah mili­tärisch abgesperrt, um Diebstähle und Behinde­rung der Arbeit durch Zuschauer unmöglich zu machen. Der Ortskommandant hatte mit Umsicht die ganze Brandbekämpfung organisiert und dem vereinten, heißen Bemühen der Einwohnerschaft und der Soldaten gelang es. bis 2 Htjr nachts, die Gefahr für den zweiten Teil des Gebäudes zu beseitigen. Major Ritter von Moio konnte nun bis auf eine Feuerwache die Orts- besahung wieder herausziehen. Auch die Gefahr, daß der Brand das ganze Dorf erfaßte, war endlich beseitigt, als es gelungen war, den elek­trischen Strom abzustellen. Bange Viertelstunden waren bis dahin vergangen, in denen die riesigen Blitze des Kurzschlusses am ganzen Ortsnetz entlang tanzten mit unheimlichem Knistern und blendendem Licht. Ein wahres Wunder, daß die. auch durch die benachbarten Scheunen laufenden Drähte kein Unheil anrichteten.

'Beim Verlassen des Drandplatzes drückte der Bürgermeister dem Ortskommandanten in be­wegten Worten den Dank der Einwohnerschaft für die Hilfeleistung aus und als am nächsten Morgen die Truppen Assamstadt verließen, um­säumten alle Einwohner die Straßen und tiefen den Württembergern Dank und frohe Grüße nach, die nun die zweite Rächt feinen Schlaf gefunden und Leben und Gesundheit für ihre Quartiergeber eingesetzt hatten.

Der 3. Uebungstag

brachte eine neue Lage: Eine rote Armee befindet sich in Verteidigungsstellung. Front nach Osten, mit rechtem Flügel bei Königshofen an der Einmündung der Hrnpher in dieTauber. Ihr gegenüber eine blaue Armee im Vor­marsch nach Westen, die beabsichtigt, am 15. Sept, anzugreifen. Zur Umfassung des feindlichen Süd­flügels hatte das blaue Armee-Oberkommando eine rückwärtige Staffel, die 6. und 5. Division angeseht. und zwar die 6. über Mergent­heim, die 5. über Assamstadt und Dörz­bach: diese rastet seit 2 Uhr morgens mit ihren Anfängen ' bei Assamstadt und Renn­st e 11 e n. Der rote Oberbefehlshaber hatte die gemischte Abteilung R. als Armeereserve, die in Osterburken aus geladen worden war, in Richtung Kupprichshausen in Marsch ge­setzt: sie rastete ohne Feindberührung nach drei­stündigem Rachtmarsch 7 Uhr Dorrn, mit Anfängen bei Deroldsheim. Dort ging ihr die Rach- richt zu, daß blaue Kräfte über Mergentheim und weiter südlich im Anmarsch feien; ein Flieger wirft eine Skizze ab. aus der zu ersehen ist. daß blaue Truppen bei Assam st ad t, Reun­stet t e n, Krautheim, Horrenbach und Dörzbach rasten. Sofort entsandte der Führer von Rot seinen Straßenpanzerwagenzug, der über Bobstadt ausholend, die blaue Marschkolonne in Assamstadt überrascht und auseinander- sprengt. Auch seine Radfahrer, seine Kavallerie und seinen Kavallerie - M. G. ° Zug verwendet der rote Führer in geschickter Weise zur Ver­zögerung des feindlichen Vormarsches. Immer wieder schlugen die M. G.-Salven der Kavallerie in Flanke und Rücken der blauen Marschkolonne, und mehr als einmal mußten die Gefechtstroß- fahrer der rückwärtigen Staffel von Blau zum Karabiner greifen, um sich der roten Reiter zu erwehren. 8 Uhr vorm. erhält der Komman­deur der 5. blauen Division den Befehl, über Kupprichshausen, Buch a. Ahorn gegen den Rücken der feindlichen Stellung vorzugehen. An Truppen stehen zur Verfügung: dem Führer von Blau, Oberst v. Stülpnagel, das 13., 14. und das aus dem 2./15 und dem 5. Pi. Bat. bestehende I. R. 15: 2 Abteilungen des Art.- Regts. 5, die verstärkte l./R. R. 18 und die 1./Rächt. Abt. 5. Der Führer von Rot, Oberst Heh n, verfügt über sein eigenes Inf.-Regt. 9, das 1. (Hess.) Datl. des I. R. 15 auf Lastkra ftwagen, das 3./I.R.15, 4 Batte­rien des Art.-Regts. 5, außerdem die 9. Kraft­wagen-Batterie A. R. 5, auch die 2./R. R. 18 mit einem Kav.°M. G.-Zug und einem halben Radfahrerzug ist ebenso wie ein Straßenpanzer­kraftwagenzug auf roter Seite eingesetzt.

Der blaue Führer entschloß sich, den Vor­marsch in zwei Kolonnen anzutreten und setzte rechts von Assamstadt über Windisch - buch, Schwabhausen. Schilling st adt- Ost, Uiffingen das verst. Inf.-Regt. 13 mit einer Art.-Abteilung unter Führung des Kom­mandanten von Stuttgart, Oberstlt. Fischer, an, und links den Rest der Division, also die Hauptkräfte, von Reunstetten über Obet­te itt ft ab t, Schilling st adt- West, Be - roldsheim, Eibigheim aus Buch a. Ahorn. Voraus wurde die verst. l./R. R. 18 geworfen mit dem Auftrag, die Höhe 390 westlich Schilling- st a d t beschleunigt in Besitz zu nehmen und bis zur Ablösung durch vorauszusendende bewegliche Teile der Infanterie (Radfahrer und vierspännige M. G.-Begleitzüge) zu halten. Die Tendenz des blauen Führers war dabei, etwaige auf dem roten Südflügel befindliche Kräfte, die aus west­licher Richtung weitere Verstärkungen erhalten

Tiere besuchen mich nachts.

Von Anton Schnack.

Bin ich der Heilige Franz von Assissi, dem die Vögel sich auf die Schultern setzten, dem das das lärmende und wilde Rudel der Hunde untertan war, dem die Hasen, Füchse und Rehe in brüderlicher Eintracht durch Wälder und über Gebirgsschluchten folgten, um von seiner gütigen Vaterhand Rahrung und Segen zu erhalten?...

Ich sitze in der Rächt des Südens, die Flügel­türen meines Zimmers zur Terrasse, die in die Wildnis eines großen Gartens führt, sind ge­öffnet, eine laue und schwelgerische Rachtlust streicht zu mir herein, mein Blick und mein Ge­danke holen sich Kraft und Frische vom Dee, der dunkel und ungenau in der Tiefe liegt. Ein Licht flimmert von der gegenüber jtarrenben riesenhaften Felswand: es ist ein Haus, das über See und Raum hinweg zu mir herüberglüht.

Ich weiß, nun wird es fein, ich höre es, ich fühle es, und plötzlich ist es da: ein verraufter, unheimlicher Tierkopf schiebt sich plötzlich aus der Dunkelheit in den Kegel des Lichts, der aus meinem Zimmer auf die Terrasse fällt. Ha­be toegt blickt mich ein Hundeauge an, das aus einem zerfressenen und schwärenden Kopfe blitzt. Das Maul klafft ein wenig auf, lauernd, furcht­sam oder toll, mit einem einzigen Satze herein- dujagen und mir gegen die Brust zu springen. Hnbeweglich starrt fein Auge, aber ich sehe, es ist das Auge der Angst und der Furcht.

Kreatur, Kreatur, geschlagen, verfolgt, ge­treten, gesteinigt, verhungert und ohne Unter- schlupf, ich weiß, was du willst! Ich weiß, daß du auf dem Suchen nach Rahrung bist, nach einem Brocken Fleisch oder einer Rinde Brot.

Run macht das Tier plötzlich einen Schritt, ein weißer Hundeleib steht ganz im Licht, aber fein Auge bleibt unverwandt auf meinem Auge liegen, es hat sich hineingebohrt mit einer rätsel­haften Kraft und> bei Gott, ich erblasse vor diesem unbeweglich starken Blick, in dem eben­soviel Verachtung als Qual zu flackern scheint. Erbarmungswürdig und wie an ein Marterholz

steter Mißhandlungen und ewigen Hungers ge­bunden, steht der Hund, der unbekannte, fremde und verkommene, den die Rächt und das Ragen des Hungers auf die Terrasse gejagt haben, im Scheine meines Lichtes.

Ich rühre mich nicht: Menschenauge ruht fest in Tierauge. Des Hundes Fell ist verschmiert von Dreck und Staub, die Haut ist mit blutigem Schorf überkrustet und die Rippen heben 'sich in starken Schattenlinien aus der eingesunkenen Tierflanke. Sein Blick ist von einer intensiven und schwermütigen Trauer, der ich mein Auge nicht zu entziehen vermag. Ich fühle, hier ist eine Auseinandersetzung, in der ich unterliegen muß, hier ist eine Anklage, der ich nichts Ent­lastendes gegenüberstellen kann. Ich fühle, hier bin ich vor den Richterstuhl der Ratur gestellt, die mich verurteilen wird mit ihrem brennendsten Urteil Aber ich fühle auch, hier bin ich nicht als Ich herausgefordert, sondern als Mensch, hier kämpft das Tier mit dem Menschen, hier kämpft ein rätselhaftes, krankes, von Menschen ge­martertes und dem Hunger preisgegebenes Tier mit mir, dessen Tisch sich gleich mit Speisen und Getränken decken wird.

Hier werde ich besiegt. Hier werde ich ver­urteilt an Stelle meines Mitmenschen. Aus Hundeauge spricht ein Gottesmund: Quäler, Schänder, Vernichter, Unbarmherziger!

Ich sprang auf und rief ihn an: Hund, Kreatur, Freund bleibe, hier sollst du haben, was du brauchst und was du willst! Aber als ich meine Hand hob, sprang das erschreckte Tier mit einem gespenstischen und rasenden Sah in die Tiefe der Gebüsche. Denn das Furchtbarste schien ihm meine erhobene Hand, da er sich hundert erhobener Hände erinnerte, Hände mit Prügeln zwischen den Fingern. Hände mit Steinen, Hände mit Drohungen, grausame Hände, die ihm nur Demütigungen und Schmerzlichkeiten brachten .

3d> weiß, daß ich noch einmal gefordert werde, daß ich noch einmal mich vor dem An­gesicht der Kreatur verantworten muß. Ich sitze da, bange Minuten und höre nichts als das Rauschen des Sees und den vollen Flötenton der

könnten, auf den Flügel der roten Hauptarmee zurückzuwerfen und stets auf ihrer äußeren Flanke zu bleiben. Daher machte er seine linke Kolonne so stark.

Der rote Führer erhielt um 7,30 Hhr vorm. durch Funkspruch einen Armeebefehl, die Höhen von Schwabhausen in Besitz zu nehmen und zu halten. Daraufhin wurde

dos 1. (Hess.) Bataillon Infanterie-Regiments Rr. 15 auf Lastkraftwagen auf die Höhen bei Schwabhausen vorgeworfen,

die übrigen drei Bataillone über Schilling- ftabt abgedreht und zunächst bis zu weiterer Klärung der Lage zurückgehalten. Der blaue Führer erhielt von dieser Bewegung alsbald durch Fliegermeldung Kenntnis. Später erfuhr er, daß der Feind die Höhen bei Schwab­hausen nicht überschritten habe und schloß daraus, daß Rot sich dort zur Verteidi­gung einrichte. Er entschloß sich daraufhin zum Angriff mit Schwerpunkt links. Das verst. I. R. 13 sollte aus Gegend westlich W i n - d i s ch b u ch das gegenüberliegende Schwabhausen und die Höhe 389 westlich davon nehmen. I. R. 14 wurde auf den Würmbergteald und Schillingstadt angeseht. Dieser Angriff bot eine Fülle lehrreicher und spannender Qlugen- blicke. Die Bereitstellung zum Angriff vollzog sich rasch und planmäßig verhältnismäßig un­behelligt vom Feind. Sehr schnell war die Artillerie der rechten Kolonne, die 2. Abteilung des Art.-Regts. 5 aus -Ulm zur Hand, die außerordentlich wendig nach allen Seiten ihr Feuer jeweils auf lohnende Ziele zusammenfaßte und insbesondere die immer wieder in der Flanke anpackende rote Kavallerie ziemlich zerzauste. Leider läßt sich auch heute noch nicht die Wir­kung des Artilleriefeuers überall da sogleich zum Ausdruck bringen, wo es wirksam wird. Zwar sind bei jeder Hebung Schiedsrichteroffi­ziere und Waffenwirkungsunteroffiziere in großer Zahl eingeteilt, die durch Fernsprecher und Funk­gerät verbunden, über die Feuerwirkung von beiden Parteien unterrichtet werden, aber bis die Rachrichten dann bei den wechselvollen Kämp­fen in den einzelnen feuerbedeckten Räumen zur Darstellung kommen, ist es oft zu spät. Die Ein­schläge der feindlichen Artillerie werden durch sogenannte Rauchkörper angebeutet, an denen lein Mangel ist. Die Waffenteirkungsunteroffi- ziere entzünden sie durch einen Reibsah und sie verbrennen unter Entwicklung einer großen, Hel­len Rauchwolke. Es war

ein dramatischer Augenblick

als punkt 12.15 Hhr nachm. auf der ganzen Front der 5. Division mit einem Schlag das heftigste Artillerie- und M. G.-Feuer einfetzte und die Infanterie in lichten Wellen aus den Waldrändern, Geländefalten, Hecken und Gräben, die sich den Augen des Verteidigers verborgen gehalten hatten, hervorstürmten. Aus den be­schossenen Höhen sprangen die Rauchsäulen der Artillerieeinschläge auf, der Angriff ging gut vorwärts. Die feindlichen Maschinengewehre und das Abwehrfeuer der Artillerie, das auf Leucht­zeichen einfehte, brachte dem Angreifer aber doch einige Verluste trotz der Auslosung der Infanterie in diele kleine Trupps. Man sieht ja kaum einmal drei, vier Mann beieinander. Schachbrettförmig nach der Breite und Tiefe, QHann für Mann, mindestens auf sechs Schritt auseinandergezogen, so bewegt sich die heutige Infanterie vorwärts: sie läßt da und dort breite Lücken, durch die hindurch die schweren Maschinengewehre den Feind mit ihrem Feuer überschütten. Feuer und Bewegung sind vollkommen im Einklang mitein­ander gebracht: kein Mann springt vorwärts, wenn nicht der Rebenmann oder das Rachbar- M. G. schießt, die vorwärts gekommenen Teile geben dann wieder den zurückgebliebenen Feuer­schutz und so bahnt sich die Infanterie auch durch schweres Abwehrfeuer hindurch den Weg, bis sie mit dem aufgepflanzten Bajonett, die M. G.- Schühen noch im Laufen schießend, in den Gegner einbrechen. Mancher mag das Verschwinden der alten Manöverhöhepunkte, die Attacken geschlos­sener Kavalleriekörper, das offene Auffahren großer Artilleriemassen bedauern sie sind un­wiederbringlich verloren. Hnd wenn man sich Rechenschaft darüber gibt, es hat doch auch für den Zuschauer einen nicht geringeren Reiz, zu sehen:

Rachtzikaden, aber doch fühle ich es wie aus der Tiefe der Rächt sich etwas gegen mich lautlos und schweigsam heranschleicht.

Dunkel und schwarz krümmt sich plötzlich ein Kahenleib ins Licht: der Kopf des Tieres ist mir ganz zugewandt, zwei grüne Phosphorpunkte glü­hen mich glimmernd an, traurig und demütig und fast ein wenig verlegen, steht die Katze im grellen LiÄSstrahl, aber auch sie gibt nicht das Lauernde, Mißtrauische und Anklägerische los. Auch sie hat die Grausamkeit des Menschen an allen ihren zitternden Gliedern erfahren; auch sie schleppt die Funken ihres Lebens durch Ver­folgung, Schläge, Steinwürfe und Hunger. Auch sie kennt nichts Gnadenloseres als die mensch­liche Gestalt, die vor ihr im Scheine eines warmen Lichtes fitzt, vor dampfenden und vollen Schüsseln, die für das Tier alles bergen, was es braucht.

Ich fühle es, daß ich vor ihr an Achtung und Vergebung gewinnen muß, was ich vor dem Hunde verloren habe und nicht mehr gewinnen werde. Er hat meine erhobene Hand gesehen und an einen ©teintourf geglaubt, aber diese schwarze, wilde und heimatlose Katze soll mich entbinden von der Verachtung und der Verurteilung, die mir Gottes Auge durch das Auge des Hundes entgegenblißte.

Gnade, flüstert meine Seele! Hnd ich nehme von dem gedeckten Tisch die kaum berührten und vollen Schüsseln mit Suppe, Gemüse und Fleisch und stelle sie hinaus in den dämmerigen Lichtkreis.

Hnd ich stehe, wieder ins Zimmer zurück­gegangen, einige qualvolle und lähmende Minuten aus. Wird mich die Kreatur zurückstoßen? Wird sie mich verachten, die jeden Grund zur Ver­achtung hat? Wird sie mich zurückschleudern mit ihrer entsetzlichen Furcht und ihrer wilden Flucht vor mir, dem Menschen? Wird sie mich für einen Peiniger halten oder einen Liebenden?

Die Katze begnadet mich. Aus dem Dunkeln kommt das schleichende Tier wieder, mit großer Vorsicht, aber von noch größerem Hunger ge­trieben. Ich sehe sie an die Schüsseln heran­schleichen, deren Dust sie betrunken, verwegen und unachtsam machen muß; ich sehe wie das

auf der Öerantroortungsfrcubigfeif und Sclbft- tätigkeit des einzelnen Mannes rußt heute zum großen Teil bas Glück ber Schlacht.

Jeder einzelne ist auf sich selbst gestellt, uni muß an seinem Platz im scharfen Feuer ein ganzer Kerl sein, wenn der Sieg errungen wer­den soll. Der denkende Soldat ist ein Produkt des großen Krieges. Ist die Führung der' heutigen Kriegsmittel, die Leitung der vielseckigen Operationen, bei dem ungeheuren Zuwachs ar« Material und der Ausdehnung der Kampf­tätigkeit in die Luft und auf den chemischen Krieg erheblich schwieriger geworden, so daß ein In- fanteriezugführer heute dieselbe Vorbildung wohl haben muß, wie früher ein Kompagnieführer, so find auch die Anforderungen an den einzelnen Mann wesentlich gewachsen. Ein Mann bedient ein Maschinengewehr, ein Mann fährt einen Kainpftvagen, ein Mann ein Flugzeug, damit ist die Gefechtskraft einem Ein­zelnen an vertraut, wie sie im Kriege von 1870 eine Kompagnie, eine Batterie oder eine Schwadron mit ihren Hunderten von Men­schen und Pferden befaßen. Trotz dieser er­wünschten Selbsttätigkeit hat der Gehorsam die Grundlage der Disziplin einer Armee leines- teegs an Bedeutung verloren. Eine Organisation ist ja nur dann zu höchster Wirkung zusammen- zufassen, wenn sie mit allen ihren Teilen und Teilchen reibungslos und mit unbedingter Zu­verlässigkeit auf ein Ziel hinarbeitet. Dies ist in vollkommenem Maße nur möglich, wenn der Einzelwllle, die auseinandergehenden Meinungen der untergeordneten Stellen ausgeschaltet Wer­dern Es ist em hochersreuliches Zeichen für den inneren Wert und die Gesundheit unseres Heeres, daß es gelungen ist, Gehorsam und Unterordnung auf der einen, die Selbsttätigkeit auf der anderen Seite am Leben zu erhalten und zu segensreicher Wirkung zu bringen. Der Ton zwischen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften ist sachlich und forrefl im Dienst, kameradschaftlich außer Dienst. Auf Ausführung aller Befehle wird mit Strenge gehalten, sie werden ohne Widerstreben durch­geführt, das zu sehen, bietet sich seit Tagen Gelegenheit in den vielen Augenblicken, wo der Einzelne unbeobachtet ist, wo eine Paradevor­führung für die Oeffentlichkeit ausgeschlossen ist, wie bei den Rachtmärschen und Rachtgefechten. beim nächtlichen Brückenbau, beim Durchschreiten von dichten Wäldern und besonders hinter der Front beim Troß und bei den Rachschubkobonnen. wo das Auge der Vorgesetzten weniger hin­reicht.

Zurück zu dem Angriff auf die Höhen von Schwabhausen. Bei einem <5tab meldet der Fern­sprecher aus der vorderen Linie

Rot räumt die Stellung"

Dies ist das Signal zum sofortigen Verlegen des Gefechts st andes. Die Melder, Radfahrer, Meldehunde, Fernsprech- und Dlinktrupps setzen sich in Schützen rudeln in Bewegung, der Kom­mandeur galoppiert mit feinem Adjutaicken und Rachrichten-Offizier, geschickt das Gelände zur Deckung ausnützend, vor, um rechtzeitig seine Kompagnien mit neuen Weisungen zu versehen. Das gelingt: Schwabhausen und die benach­barte Brauerei werden genommen, weiter westlich wird vorn Inf.-Regt. 14 der weitaus­gedehnte Würrnbergwald durchstoßen. Rot geht weiter zurück auf die Höhen nördlich Schwabhausen und südlich Schil­ling stadt. die von neuem angegriffen werden müssen. Die Hmgruppierung der Artillerie er­fordert Stunden, am linken Flügel sind besonders fchwere Kämpfe zu erwarten, da die von zwei roten Bataillonen besetzte Höhe 390 auf 2 Kilo­meter hin das ganze Angriffsfeld beherrscht. Rach mehreren Stunden erst kam Blau in Besitz dieser Höhe, während der rechte blaue Flügel durch einen überraschenden Gegenstoß der Pots­damer Grenadiere zurückgeworfen wurde. Damit schloß um 3,30 Hhr nachm. der letzte Divisions- Manövertag.

Er sollte auf der einen Seite die Kraft der Verteidigung erweisen, auf der andern dieSchwie- rigfeiten eines planmäßig vorzubereitenden An­griffs, der in 2 Zeitabschnitten die feindliche Vorstellung und die feindliche Hauptstellung zu zerschlagen hatte.

Der Tag bewies in dec Tat, daß auch eine unterlegene Truppe in durchschnittenem Ge­lände sehr lange Aufenthalt bereiten und mit

Mißtrauen sich um einen Schatten in ihrem Auge verringert, wie sie sich mit sicherem Zuschnappen ein Stück Fleisch aus der Schüssel holt und mit ihm ins Finstere schleicht. Ich sehe sie immer wiederkehren und mit ihr kommt plötzlich eine zweite, etwas hellere und graue Katze, die sich ebenfalls mit ergreifender Verwegenheit in den Dampf der Schüsseln stürzt. Run weiß ich, vor diesen Tieren bin ich entsühnt. Vor diesen Tieren habe ich das Auge Gottes milder und vertraulicher gemacht. Hnd sie kommen jede Rächt, schweigsam, lautlos, um von mir das zu nehmen, was ihnen der grausamere Mensch ent­zieht und verweigert.

Henkerp^lichlen«.

In jenen Zeiten, da noch jede Stadt, die das Recht des Strafvollzuges besaß, sich einen Henker hielt, war der Rachrichter eine bekannte Persönlichkeck, für deren Rechte und Pflichten genaueVorschrif ten be­standen. Der Henker lebte in einem abgelegenen Viertel ganz für sich; mit ihm als einemHnehr- lichen"ging kein Bürger um; er mußte sich aber feine Einkünfte, die er zum Teil in Raturalien er­hielt, auf seine Gefahr verschaffen. In dem soeben veröffentlichten »Roten Buch" der französischen Stadt Langres finden sich genaue Angaben über die Pflich­ten des Henkers dieser Stadt im 16. Jahrhundert. Außer feiner besonderen Tätigkeit bei ber Bestra­fung der Schuldigen hatte er noch die Aufgabe, einmal in der Woche die Brunnen zu reinigen, aus denen die Pferde tranken; dann hatte er sich zu vergewissern, ob die Mauern in gutem Stande seien. Dafür erhielt er eine bestimmte Menge von jedem Sack Getreide, den die Bauern der umliegenden Dörfer auf den Markt brachten. Auch andere 'Rdf)- rungsmittel standen ihm in bestimmten Mengen zu; es war ihm aber bei Androhung bet Prügelstrafe streng verboten, mit ber Hand Eier, Butter und Früchte zu berühren, die ihm von den Bürgern geliefert werden mußten, und da dieses Verbot sich auch auf seine Familie erstreckte, so mußte er im mer einennicht unehrlichen" Gehilfen haben, ber den Verkehr zwischen ihm und bet bürgerlichen Welt vermittelte.