des Volkes zur Ausübung der Staatsgewalt" durchaus nicht immer Rechnung getragen wird.
Diese Tatsache war es ja, die sich jedem unvoreingenommenen Beobachter der Sitzungen des Landesabstimmungsausschusses, immer wieder auf- drängte. Nicht umsonst hat man diesen Ausschuß den „Ausschuß zur Verhinderung des Volksbegehrens" genannt. Es waren keine demokratischen Erwägungen, mit denen so mancher Vertreter der Linken voller Mordlust „sich an die Prüfung der Unterzeichnungslisten heranmachte. All zu oft hing der Blick fasziniert an der das Volksbegehren tragenden Zahl 42 0001 Dabei mochte sich die Gemütsverfassung für die „Weitherzigkeit, die das Volksbegehren bet seiner Durchführung erträgt" und den „Leitgedanken der größtmöglichsten Erleichterung eines Volksbegehrens^ wohl nur sehr schlecht einstellen! Man vergaß oft genug, daß „die Auslegung des Gesetzes nicht nur nach seinen Buchstaben geschehen darf, sondern auch nach seinem G e i st geschehen muß."
Geheimrat D r. Anschütz nahm ebenfalls Veranlassung, den Prüfungsausschuß, in dem die Vertreter der Linken die Majorität besitzen, an seine Pflicht zu erinnern: „Ich möchte noch der Meinung Ausdruck geben, daß es dem demokratischen Geist der neuen Verfassung des Reichs und der Länder, auch des Landes Hessen, durchaus entsprechen dürfte, wenn man die auf Volksentscheid und Volksbegehren bezüglichen Vorschriften dieser Verfassung und der einschlägigen Ausführungsgesetze so auslegt, daß ihre praktische Handhabung und Auswirkung nicht erschwert, sondern — innerhalb vernünftiger Grenzen — erleichtert wird. Oder anders ausgedrückt: Jene Vorschriften sollen im Zweiselsfalle nicht zuungunsten, sondern zugunsten des Zustandekommens der Volksentscheide und Volksbegehren interpretiert werden."
In glücklicher Weise hat D r. Giese das Entscheidende zusammengefaßl: „Der moderne demokratische Staat beruht aus dem Grundsatz der Mehr- heitsentscheiduna. Die überstimmte Minderheit hat sich der Entscheidung zu fügen. Andererseits aber verlangt das demokratische Prinzip als Korrelat einen weitgehenden Schutz der Minoritäten. Dieser Schutz bildet heute eine der wichtig- ten Einrichtungen, nicht nur im internationalen, andern auch im nationalen Rechtsleben. Das In- titut des Minderheitenschutzes ist zu bekannt, als daß es durch Beispiele belegt zu werden braucht. Auch das Volksbegehren stellt eine staatsrechtliche Erscheinung des Minderheitenrechtes bar. Das Volksbegehren bietet einer Minderheit der stimmberechtigten Volksgenossen die Möglichkeit, aktiv auf den Gang der Staatsgeschäfte einzuwir- ken, einen unmittelbaren Einfluß auf die Tätigkeit oder auf die Einrichtung der obersten Staatsstellen auszuüben. Macht die Minderheit von dieser Befugnis Gebrauch, so obliegt dem Staat gegenüber einer solchen Aktion die rechtspolitische Verpflichtung, die Aktion möglichst pfleglich zu behandeln, ihr nicht nur keine unnötigen Schwierigkeiten in den Weg zu legen, sondern sie im Rahmen der gesetzlich bestehenden Möglichkeiten aus positiv z u f ö r d e r n. Erblickt man in solchem ' Verhalten des Staates eine politisch notwendige Auswirkung des Prinzips des Minoritätenschutzes, ja die Erfüllung einer politischen Pflicht des Staates, so muß es von diesem Standpunkt aus entschieden mißbilligt werden, wenn die einschlägigen Rechtsvor- schriften da, wo Zweifel über die Interpretation möglich sind, zuungunsten der Veranstalter eines Volksbegehrens ausgelegt und gehandhabt werden; vielmehr führt die Anerkennung Der eben gekennzeichneten politischen Pflicht des Staates zu der zunächst politischen Forderung, dann aber i u - ristischen F e st st e l l u n a, daß die maßgebenden Rechtsvorschriften im Zweifel zugunsten der begehrenden Volksgenossen und im Sinne des Zustandekommens des beabsichtigten Volksbegehrens auszulegen sind. Eine andere Ein- stellung würde das Wesen des Dolksdegehrens und die Bedeutung des Minoritätenfchutzes für den modernen Staat verkennen.
Endlich muß beachtet werden, daß Träger eines Volksbegehrens wenn auch nicht das ganze Volk, so doch ein Teil des Volkes, m. a. W. zwar nicht der gesamte Träger der Staatsgewalt, aber doch ein wesentliches Stück dieses Trägers ist. In der demokratischen Republik bildet das Volk die Quelle, den Ausgangspunkt aller politischen Gewalt. Das Volk übt feine Staatsgewalt entweder durch die von ihm bestellten verfassungsmäßigen Organe ober aber selbst durch eigenes organisches Handeln aus. Wahl, Volksentscheid und Volksbegehren sind die wichtigsten Erscheinungsformen für diese unmittelbare Selbstausübung der Staatsgewalt durch das Volk. Insbesondere tritt auch beim Volksbegehren trotz der Minderheit — das Volk als oberstes Organ des Staates in Funktion. Es ist der Volks wille selbst, der hier eine verfassungsmäßig vorgesehene Erklärung ab- tzibt. Es ist ein S o u o e r ä n l t ä t s a k t, der sich in einer solchen Volksaktion abspielt . . . Darum ist auch beim Volksbegehren die politische Forderung berechtigt, daß der sich hier äußernde Dolkswille stärker gewertet werde, als die Meinung der sonst bei der Durchführung beteiligten staatlichen Stellen, daß dem Volkswillen vor allem keine nicht rechtlich unbedingt zwingenden forma l i st i sch e nH e mm u n g en bereitet werden. Denn das Volk bedeutet unendlich viel mehr, als die sog. Bureaukratitze; nicht sie, sondern das Volk ist der Herrscher, sein Vorrang muß nicht nur staatsrechtlich-theoretisch betont, sondern auch praktisch-politisch betätigt werden, wenn anders der „Volksstaat" nicht als bloße Idee auf dem Papier stehen bleiben soll."
Solange der Parlamentarismus in Deutschland am Ruder bleibt, werden die in diesem Aufsatze genannten Probleme immer wieder in den Brennpunkt des politischen Interesses rücken. Der hessische Landesprüsungsausschuß, der an und für sich wohl bald der wohlverdienten Vergessenheit anheim- fallen wird, darf wenigstens das eine Verdienst für sich in Anspruch nehmen, auf einem bedeutsamen Gebiete des Staatsrechtes eine Entscheidung von hoher grundsätzlicher Bedeutung herbeigeführt zu haben.
Reichshilse für Hessen.
Da bisher über die Vereinbarungen, die ztoischen dem Reichsfinanzminister und dem Hess. Finanzminister wegen der dem Lande Hessen zu gewährenden Reichshilfe getroffen worden sind, nur eine kurze Mitteilung an die Oeffentlichkeit gelangt ist, so Ware, wie eine Erklärung in der amtlichen Darmstädter Zeitung besagt, das De- dürfnis weiter Kreise des Landes, hierüber eingehender unterrichtet zu werden, verständlich. Der Finanzmini ft «L werde dem Finanzausschuß hierüber Mitteilung machen. Diese Jnfar- mation soll dann zugleich der breiteren Oesfent- lichkeit zugänglich gemacht werden, und zwar
nach der Sitzung des Finanzausschusses, der zweifellos einen Anspruch hat, zmiächst und vorher Informiert zu werden. 3n Abwehr gegen einen Artikel des Abg. Dr. Leuchtgens in der „Reuen Tageszeitung" in Friedberg werden dann längere Ausführungen gemacht, die auf ein Zurückweisen der Behauptung hinauslaufen, daß der hessische Finanzmiirister die Hnab- hängigkeit des Landes preisgegeben habe. Der wichtigste und durch Fettdruck hervorgehobene Teil der Erklärung lautet:
„Der hessische Finanzminister ist bei der Reichsregierung wegen Gewährung von Zuschüssen zur Behebung der durch die Besetzung des Landes hervorgerufenen Rotlage wiederholt vorstellig geworden. Die Reichsregierung lehnt es begreiflicherweise an sich und grundsätzlich ab, Fehlbeträge, die im Staatshaushalt eines deutschen Freistaates erwachsen, aus Reichs Mitteln zu decken. Sie ist aber grundsätzlich geneigt, den besonderen Verhältnissen Hessens Rechnung zu tragen. Die Reichsregierung und die hessische Regierung werden daher gemeinsam in einer Kommission d i e gesamte Finanzwirtschaft des Landes einer Prüfung unterziehen, die sich insbesondere darauf erstrecken soll, inwieweit die besondere Rotlage Hessens auf die Besetzung eines großen Teiles des Landes zurückzusühren ist. Die Reichsregierung ist bereit, bis zum Abschlüsse dieser Prüfung Vorschüsse insoweit bereitzustellen, als zur Deckung des dringend st en Staatsbedarfs erforderlich ist. Insoweit auf Grund der beabsichtigten Prüfung die Reichsregierung die ileberseugung gewinnt, daß die besondere Rotlage des Landes Hessen im wesentlichen auf die Folgen der Besetzung und des Ruhrkampfes zurückzuführen ist, wird sie die ilmtoanHung derVorschüsse in Zuschüsse herbeiführen. Die Landesregierung hat gegen eine derartige Rachprüfung um so weniger Bedenken, als es ihr nur erwünscht sein kann, wenn eine völlig objektive und sachverständige Stelle in die Lage versetzt wird, ein ilrtcU über ihre Finanzgebarung abzugeben und wenn sie die Ratschläge über weitere Spar Möglichkeiten benutzen kann. Es bedarf keiner besonderen Hervorhebung, daß diese Rachprüsung teine Preisgabe der staatlichen Selbständigkeit des Landes bedeutet. Beide Teile, Reichs- und Landesregierung, bewahren das Recht der freien Entschließung, letztere, wieweit sie den Anregungen und Ratschlägen der Prüfungsstelle Folge leisten will, erstere darüber, ob sie die Voraussetzungen für eine Hilfeleistung als gegeben anerkennen kann. Schon das wird es nötig machen, mit der Reichs reg ierung Jahr für Jahr in erneute Verhandlungen einzutreten. Jedenfalls steht die Tatsache fest: das Reich hat seine grundsätzliche Bereiterklärung zu ausreichender Hilfe ausgesprochen, und das berechtigt die hessische Regierung dazu, der Aufstellung und Verabschiedung des Voranschlags für 1927 mit geminderter Sorge entgegenzusehen."
Der Reichspräsident im Manövergelände.
Mergentheim, 19. Sept. (WB.) Der Reichspräsident und der Reichswehrmini st e r begaben sich am Samstag früh um 7 Ahr ins Gelände der Gruppenmanöver, zu denen am Freitag der Aufmarsch erfolgte und an denen die fünfte und die siebente Division teil- nehmen. Die Manöver spielten sich in der Gegend von Groß-Ri nderseld ab. Vom frühen Morgen an sahen der Reichspräsident und der Reichswehrminister den wechselvollen Vorgängen auf der Höhe bei Groh-Rinderfeld zu, während der Ches der Heeresleitung, Generaloberst v. E e e ck t die Tätigkeit der Führer und Truppen besichtigte. Zwischen 12 und 1 Hfrr mittags wurde die Hebung abgeblasen und auf der Höhe südlich von Groß-Rinderfeld eine Kritik abgehalten. Die Entschlüsse der Führer sanden Anerkennung. Die Leistungen der Truppen wurden gelobt. Don der Bevölkerung in allen Dörfern und im eigentlichen Manöver- gelänbe wurde der Reichspräsident, der in gewohicker Frische dem Manöver bis zum Schlüsse mit regster Anteilnahme folgte, lebhaft u m j u b e l t. Hin 3 Hhr nachmittags begaben sich der Reichspräsident und der Reichswehrminister nach Mergentheim zurück. Am Abend gab der Reichspräsident für die militärischen Befehlshaber und ihre Stäbe ein Abendessen im Kurhause. Anschließend fand für die Offiziere der bei Mergentheim liegenden Truppenteile ein Bierabend statt. Am Sonntag besichtigte der Reichspräsident von Hindenburg einige O r t s u n t e r kü n f t e der Truppen in der Umgebung von Mergentheim und wohnte nachmittags einer Flugveranstaltung bet. Am Abend hat der Reichspräsident die Rückreise nach Berlin angetreten.
Der neue Generalgouverneur von Kanada.
London, 20. Sept. (TH.) Zum Rachfolger des von seinem Posten als Generalgouverneur von Kanada abberufenen Lords B y n g wurde Lord Willingdon ernannt, der am kommenden Samstag von England nach Kanada abreifen wird, um seinen Posten anzutreten.
Aus aller Welt.
Stnrmkatastrophe in Florida.
Ein schwerer Orkan hat Miami und p a l m - beach durch Zerstörung der Telephon, und Irle- graphenleitungen von der Außenwelt abge- schnitten. Die Hafenanlagen von Miami sind fast völlig zerstört worden. Die Milttärbe- Hörden wurden um Lieferung von Lebensmitteln und Verbandszeug erfudjt Der Sturm wird als der Schwerste in der Geschichte von Miami bezeichnet. Auch in Tampa (Florida) hat der Sturm großen Gebäudeschaden angerichtet, viele Personen wurden durch Glassplitker und herabfallende Mauerstücke verletzt.
Der durch den Orkan in Miama ungerichtete Schaden wird auf 100 Millionen Dollar angegeben. Der Orkan ist am Sarnstagnachmittag aus nordwestlicher Ricktung gekommen und hat sich dann nach Süden gedreht. In einer Stunde sind 20 Gebäude Zerstört und viele Stücke weit landeinwärts geschleudert worden. Die Straße nach Miami ist kaum passierbar. In Miami sind sie mit herabgestürzteo Dächern bedeckt, kein Gebäude ist unbeschädigt qe- blieben. Der Ort Hot weder Licht noch Wasser. Auch jeder Dohnverkchr ist unterbrochen.
In Miami und Miami Leach hat die Unwetterkatastrophe nach den bisherigen Feststellungen 87
Todesopfer gefordert. In den Orten Llewiston und Moorehaven, die nur noch Trümmerhaufen sind, hat dec Orkan 140 Menschen getötet. Der Sherif von Iacksonville Hai den Gouverneur um die Absendung von 500 Mann Staatspolizei nach Miami ersucht, da die Zustände dort furchtbar seien. Das Fluhwasser stand während des Orkans bis vier Fuß hoch in den Straßen. Die Straßen sind mit Automobiltrümmern, Telegraphendrähtcn und Möbelstücken angefüllt. 250 Schisse, Dampfer, Iachken und Hausboote, die im Hafen lagen, wurden be- fchädigt. 2ler;te, Pflegerinnen und Lebensmittclziige find nach den von dem Orkan betroffenen Städten abgegangen. Die Küste ist in einer Länge von 60 Meilen verwüstet worden.
Generalversammlung der Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer.
Dortmund, 18. Sept. (TH.) Auf der gegenwärtig hier tagenden vierten ordentlichen Generalversammlung der Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer erstatteten bte Gewerkschafts- Vorsitzenden Ql e u m a n n und Warstein Bericht über die inner- und auherorganisatorischen Aufgaben der Gewerkschaft in der verflossenen Geschäftsperiode. Der Vortragende, Reumann, erwähnte, daß es bei den Verhandlungen über die Eisenbahngesetze als Kardinalpunkt hercmsge- stellt worden sei, daß die deutschen Beamten und die Arbeiterschaft der Reichsbahn nicht schlechter gestellt werden dürften, als die der Sieger st aaten. Die damals gegebenen Versprechungen seien leider nicht gehalten worden. Man versuche vielmehr unter der Parole „Erfüllung der Dawesgesetze" aus dem Betrieb herauszuholen, was irgend möglich fei. Die Deutsche Reichsbahn hätte früher hinsichtlich der Sicherheit Weltruf besessen, der leider zu einem Teil verloren gegangen sei, aber wiederum her gestellt werden müsse. Cs fei erwiesen, daß das furchtbare Hnglück bei Leiferde auf einen verbrecherischen Anschlag zurückzuführen fei. Es könne aber nicht bestritten werden, daß zahlreiche andere Hrtfälle der letzten Zeit ihre Hrsache in der Heberanstrengung des Personals und den Mißständen in der Verwaltung hätten. Die deutschen Lokomotivführer seien heute willens, an oer Aenderung der Verhältnisse mit- zuarbeiten. Gewerkschaftsvorsitzender War stein erklärte, daß kein deutscher Eisenbahner die Wirkungen des Dcttvesgutachtens habe voraussehen können. Die am 1. Januar 1925 in Kraft getretene Personalordnung habe einen scharfen Personalabbau zur Folge gehabt. Die Reichsbahn habe mit ihrem Vorgehen bewiesen, daß sie kein Verständnis für die Gage der Beamten besitze. Dringend notwendig sei die Erhaltung eines zuverlässigen und betriebsfähigen Beamtenapparates. Es könne nicht als ein Fortschritt angesehen werden, daß der deutsche Lokomotivführer, der sich bisher nur au£ den besten Handwerkern rekrutierte, nunmehr aus dem Arbeiterstunde entnommen werden solle. Auf die Vorbildung scheine die Hauptverwaltung nicht mehr den Wert zu legen wie früher. Die Leistungen des jetzt vorhandenen Spitzenpersonals seien Spitzenleistungen, die das Personal in unverantwortlicher Weise beanspruchten. Der Redner kritisiertc weiter die Leistung persönlicher Zulagen sowie das Prämienwesen, das unliebsame Zustände herbeigeführt habe. Die Lokomotivführer hätten alle Veranlassung, für eine Besserung ihrer 23er-- häktnisse Sorge zu tragen.
Die zahlreicken Anträge, die sich gegen die unzureichende Besoldung wandten, führten zu einer eingehenden Aussprache über die wirtschaftliche Lage der Beförderungsbeamten. Die Vertreter aller Landesteile erklärten angesichts der schweren und verantwortungsreichen Leistungen dieser Beamten die Besoldung als zu gering. Sie verlangten einmütig eine Höherstufung im Einkommen und forderten wegen des schnellen Kräfteverbrauchs eine erhöhte Anrechnung der Lokomotivführer-Dicnst- jayre auf die Pension.
Die Pflichten der Reichsbahnbeamten feien erheblich ausgedehnt, ihre Rechte aber wesentlich beschnitten worden. Die Vorsammlung begrüßte es, daß die Reichsregierung und das Parlament versuchen, die Verwaltungsrechte der Reichsbcchngesell- schast auf ein vernünftiges Maß zurückzuführen. Aus den in der letzten Zeit vorgekommenen Unfällen und den Berichten darüber fei zu erkennen, oaß das frühere Vertrauensverhältnis zwischen Reicksbahnverwaltung und Beamtenschaft durch- brocyen sei. Dieser Zustand könne nur durch Gleichstellung der Reichsbahnbeamten mit den übrigen Refchsoeamten beseitigt werden.
Weiteres Anwachsen der Typhusepidemie in Hannover.
Vom Samstagabend bis Sonntagnachmittag ist die Zahl der Typhuserkrankungen abermals, und Avar von 1595 auf 1673 gestiegen. Die Zahl der Todesfälle beträgt bis gestern 56. Die Impfstellen wurden außerordentlich stark in Anspruch genommen. Vom Montag ab sollen dem Publikum fünf öffentliche Impfstellen zur Verfügung stehen.
Einsturz einer Oderbrücke.
Sonntagvormittag stürzte die bei Gartz neuerbaute Brücke über Sie Oder infolge der Senkung eines Mittelpfeilers ein. Die beiden großen Mittelpfeiler der Brücke, die am kommenden Sonntag eingeweiht werden sollten, sanken in die Tiefe. Drei Arbeiter wurden mit in die Fluten gerissen. Sie ertrunken. Ein vierter erlitt einen Beinbruch und schwere Rippen- verlehungen.
Tödlicher Fallschirmabsprung.
In Karlsruhe mußte ein von dem Flieger! Hdet mit feinen Kunstflügen hauptsächlich veranstalteter Flugtag infolge eines tödlichen Fallfchirrnabsprunges vorzeitig abgebrochen werden. Aus dem Flugzeug Hdets sprang ein LOjähriger Leipziger Student, der Pilot Fußöller, mit einem Fallschirm ab. Da sich der Schirm nicht öffnete, stürzte der Pilot, beti bisher neun glückliche Absprünge ausgeführt hatte, aus mehreren Hundert Meter Hohe in die Tiefe.
Geheimrat Rcretbe f.
Der Berliner Literaturhistoriker Prof. Dr. Gustav Roethe ist in Bad Gastein im Alter von 67 Jahren an Herzschlag gestorben.
Tine Scheidungsklage des Prinzen Eitel Friedrich.
Prinz Eitel Friedrich, der zweite Sohn des Exkaisers, hat beim Landgericht in Potsdam Scheidungsklage eingereicht.
Wetters ra
.. Bei wechselnder Lüftbewegung zunächst heiter, später langsame Bewölkungszunahme, warm und trocken.
Gestrige Tagesttmperuturen: Maximum 24,6 Grad Celsius, Minimum 7,4 Grgd Celsius. Heutige Morgentemperatur 11 Grad Celsius.
Schwere Bluttat und großer Brand in ßreienseen.
Ein furchtbares Ereignis fehle in der letzten Rächt die Bevölkerung des Dorfes Freien- feen bei Laubach in starke Aufregung. Dort brach zwischen 1 und 2 Uhr morgens Feuer aus, dem drei Wohnhäuser und fünf Scheunen zum Opfer fielen. Als die Feuerwehr und die Bevölkerung zur Hilfe herbeieilten, fiel ihnen auf, daß in dem hause, dessen Scheune zuerst in Flammen stand, sich kein Mensch regte, und das haus auch verschlossen blieb. Beim Eindringen in das Gebäude sanden die Helfer die etwa 50 Iahre alte Grundstücksbesitzerin, Frau Louise Schreiner, mit cingeschlage- nem Schädel und ihren etwa 22 Iahre allen Sohn, den Landwirt Kart S d)reiner, mit durchschnittenem fjalfeLoJ in der Wohnung vor. Die ermordete Frau war verwitwet, ihr Mann ist im Kriege gefallen. Außer den tödlichen Schödelverlehungen weist die Leiche der Frau noch zwei Stiche auf, von denen je einer in der rechten und in der linken Brust sich befindet. In dem Orte gehen die verschiedensten Mutmaßungen über dieses furchtbare Ereignis um. Während auf der einen Seite Mord und Selbstmord vermutet wird, spricht man in anderen Kreisen von Mord. Genaueres ist bis zur Stunde noch nicht bekannt, die behördlichen Ermittelungen find vielmehr noch im Gange. Die Familie Schreiner lebte in guten Vermögensverhöktnissen. Ob Wertgegenstände oder Geld in der Wohnung fehlen, weiß, man bis zur Stunde gleichfalls noch nicht. Der große Brand ist offensichtlich an gesteckt morden, um die ‘Bluttat z u verwischen. Seiner starken Ausdehnung konnte nur mit hilft auswärtiger Feuerwehren Einhalt getan werden.
Aur der ProvinMlhauptstM.
Gießen, den 20. September 1926.
Herbstanfang.
Am 23. September, um 8.27 Uhr, nimmt für uns Bewohner der nördlichen Erdhalbkugel der H e r b ft feinen Anfang. Der Kalender verzeichnet an diesem Tage den Uebertritt der Sonne aus dem Zeichen der Jungfrau in das der Wage. Mit den gleichlautenden Tierkreissternbildern stimmen indessen die Kalenderzeichen heute nicht mehr überein; durch die Wirkung der Präzession, des Verrückens der Sterne gegen die Ordnung der Zeichen um jährlich 50.26 Bogensekunden, hat sich der H e r b st p u n k t, in dem die Sonne zur angegebenen Zeit steht, und mit ihm der Frühlingspunkt seit der Entdeckung der Prä- Zession durch den griechischen Astronomen Hipparch (um 200 v. Chr.) bereits um die volle Breite eines Tierkreisbildes rückwärts (nach Westen) verlagert und befindet sich gegenwärtig schon im westliche;' Teil der Jungfrau, nahe westlich von dem Sterne 3. Größe Eta dieses Sternbildes. Am 23. Septem- 1 ber durchschreitet die Sonne in ihrer Südwärtsbewegung den Himmelsäquator zum zweiten Male — zum ersten Male geschah dies am 21. März, dem Frühlingsanfang, in ihrer Nordwärtsbewegung —; die Sonne geht daher für alle auf dem Aequator gelegenen Orte mittags durch den Zenith, und Tag und Nacht sind bis auf geringe Abweichungen auf der ganzen Erde gleich lang, wir haben Aequin oi'tium. Das ist wohl auch der Grund, dessentwegen man vor mehr als zwei Jahrtausenden das Stern bild, in dem damals die Sonne zur Zeit der Herbst- Tag- und Nachtgleiche stand, Wage genannt hat; es sollte ein Symbol dafür fein, daß die Tage und Nächte sich wägen, d. h. gleich lang sind. Demgegen- über gab es allerdings bei den Römern, die das Sternbild, wenigstens feit Cäsars Kalenderreform Libra, „Wage", nannten, noch eine andere Lesart, der zufolge die Astronomen das Sternbild so bezeichnen, entweder weil es einer Wage gleichen soll, ober weil es sich zu den Füßen der Jungfrau befindet; denn diese ist. die Göttin ber Gerechtigkeit, ber die Wage als Symbol zugeteilt ist. Bon nun an verweilt die Sonne, für uns bis zum 22. De- zember, dem kürzesten Tage, immer tiefer sinkend, ein halbes Jahr lang südlich des Aeauators. Genau genommen aber fehlt an dem halben Jahre fast eine Woche. Da die Erde nämlich in unserem Winterhalb fahr in ihre Sonnennähe gelangt, bewegt sie sich im Winter etwas schneller als im Sommerhalbjahre, in dem sie ihre Sonnenferne erreicht; die einzelnen Jahreszeiten sind daher nicht gleich lang. Es wären nämlich: der Frühling 93 Tage, der Sommer ebenfalls 93 Tage, der Herbst 91 Tage und der Winter nur 88 Tage. Die Sonne verweilt also etwa 6 Tage länger nördlich des Aequators als südlich von diesem, und wir Nordländer erfreuen uns in astronomischer Beziehung eines gewissen Vorzuges gegenüber den Südländern. A. St.
Em DerkehrsLag erster Ordnung war der gestrige Sonntag für unfere Stadl. Die Gartenbau- und Elektrizitäts- Ausstellung und der Oberhessische Handwerkertag Hatten nicht nur aus dem Kreise Gießen, sondern aus der ganzen Provinz Oberhessen nnd aus der preußische Rachbarschaft sehr große Besucherscharen hierhergeführt. In Len Straßen sah man schon am Vormittag, noch viel stärker aber am Rachmittag viele Mitbürger vom Lande sich bewegen, die den schäir geschmückten Schaufenstern ihre Aufmerksamkeit schenkten und hierauf ihr Interesse der Ausstellung zuwandten. Das in diesem Spätsommer: geradezu hochsommerlich-schöne Wetter bracht- den Besuchern die entspr«hende Feiertagsstim» inung. Die Reichsbahn und die Straßenbahn hatten Hochbetrieb. Auf der Reichsbahn wurden sämtliche Züge nach und von Gießen bei volles Wagenbesehung mit Verstärkung gefahren, zit dem Abendzug 8.23 Hhr nach Frankfurt mußtä sogar ein Vorzug geführt werden. Die Straßen» bahnwagen fuhren zum Teil mit Anhängern. Sämtliche Wagen waren gut beseht, in den frühes Rachmittagsstunden waren sie sogar stark überfüllt. (Mächtiger Betrieb herrschte natürlich in der Dvlkshalle, wo der Heimatdichter Georg Heß von Leihgestern mit seinen Hütten-» bergern, Schliherländern und Schwalmern ein sehenswertes Trachten- und Volksfest auf die Bühne brachte, das starken Beifall fand. Der Mensche,randrang zu der Dvlkshalle war mehrfa^ so stark, daß die Halle zeitweise ge-


