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Nr. 43 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 20. Februar 1926

Auslandkredite und Auslandbeteiligungen.

Don Dipl.-Kaufmann Dr. rer. Pol. Erich Wolff. Berlin.

Die finanzielle Intereffierung des Auslandes an der deutschen Wirtschaft, die in den letzten Monaten, ganz besonders aber seit Anfang des neuen Jahres in der Zunahme begriffen ist, läßt sich je nach dem Gesichtspunkt, unter der man sie betrachtet, in verschiedene Perioden gliedern, die geeignet sind, das Besondere des jeweiligen Zustandes der sich im Fluh befind­lichen Entwicklung zu kennzeichnen.

Wenn man z.D. die Häufigkeit der Ab­schlüsse von Auslandanleihen zum Aus­gangspunkt nimmt, wird man feststellen müssen, dah die ersten vereinzelten Abschlüsse nach dem Tage des Kreditrestriktions-Beschlusses der Aeichsbank. dem 7. April 1924, erfolgten. Die Vereinzelung hält an bis etwa zum April 1925; Dann folgte eine Atempause von zwei Monaten, in der so gut wie überhaupt keine Kredite zum Abschluß kamen. Erst seit Juli 1925 wird man in zunehmendem Mähe von einer Massenhaftig­keit der Inanspruchnahme ausländischer Kredite reden müssen, im selben Mähe, wie etwa der Deflationsdruck einsetzt und infolge des ver­minderten Kapitalumschlags aus dem Zustand Des latenten Mangels an Betriebskapitals ein offenbarer Mangel wird, der noch vergrößert wird durch den Zwang zur Umstellung vor­handener Produktionsanlagen auf einen höheren Grad der Produktivität zur Wiederherstellung Der Konkurrenzfähigkeit dieser Anlagen mit denen Les Auslandes.

Etwas modifiziert ist das Ergebnis, wenn man zwischen kurzfristigen und lang* fr teigen Krediten unterscheidet. Mangels 'genügender Kenntnis des eigenen Kreditbedarfs und seiner Dauer sowie angesichts des vom Aus­land hoch eingeschähten Risikos der Kapital­anlage in Deutschland, bedeutete der kurzfristige Kredit den ersten Schritt, um an den hohen Zinssätzen zu profitieren. Zunächst äußerle sich Das in einer Zunahme der ausländi­schen Einlagen bei den deutschen Banken. Seit dem Jahre 1924 können wir Daneben bereits beobachten, daß das Ausland unmittelbar mit großen deutschen Industrie­gruppen der Montan- und Elektro-Industrie. kurzfristige Kredite abschließt. Erst das Iahr l925 bringt eine Aenderung in der Dauer der Kre­dite. kurzfristige werden in langfristige umgc- wandelt und langfristige neu aufgelegt. Die zu­nehmende Erkenntnis des Auslandes und In­landes trug viel dazu bei. die Meinung zu be­festigen, daß der deutschen Wirtschaft mit kurz­fristigen Krediten nicht gedient sei. Daß diese vielmehr eine außerordentliche Gefahr für die Volkswirtschaft und die Einzelunter­nehmung bedeuteten, während andererseits das Ausland in zunehmendem Maße Vertrauen zur deutschen Wirtschaft schöpfte, die Risikoprämie hcrabsetzte und langfristigen Kreditgesuchen ent­gegenkam. In der Zeit seit Inkrafttreten des Dawes-Gesetzes. Oktober 1924, bis Ende 1925 gaben die 11. S. A. an Deutschland Kredite mit mehr als einem Iahr Laufzeit in Höhe von 365 Millionen Dollar.

Wieder etwa- ander- ist das Bild, wenn man zwischen privaten und öffentlichen Kreditnehmern unterscheidet. Während der private Kredit bis zur Auflegung des Dawes- Anleihe. 15. Oktober 1924, das Feld allein be­herrschte, muß er sich nachdem mit den öffent­lichen und halböffentlichen Anstalten darin teilen; ja gelegentlich scheint es sogar, als ob die öffentliche Hand die private Hand sogar weit in den Hintergrund stellte. Eindämmend und mäßigend hat hier sicherlich die Prüfungsstelle für öffentliche Kredite gewirkt, die eineInfla­tion" auf diesem Gebiete zu verhindern wußte.

Während die Betrachtung der Auslandkredite unter diesen Gesichtspunkten mehr oder weniger bekannt sein dürfte, ist die Entwicklung augen­scheinlich zu neuen Formen der finanziellen Interessierung des Auslandes weitergeschritten, so daß es angebracht erscheint, durch Aufstellung eines neuen Gesichtspunktes Der Betrachtungs­weise. das Reue als solches zu erfassen. Dieses Reue aber ist durch die Art des Risi­kos gekennzeichnet, an dem das Ausland teil* nimmt. Das Gegensätzliche läßt sich auch kurz Dahingehend formulieren: vom Anleihekredit zur Beteiligung und zum Erwerb deut­scher Unternehmungen! Allem Anschein nach hat das Ausland die Schranke, die zwischen Krediten auf . Zeit zu bestimmten Zinssätzen und

Anteilnahme an der Gewinn- und Verlust­chance der einzelnen Unternehmung für die Dauer der Beteiligung, d. h. grundsätzlich ohne bestimmte Frist, besteht, übersprungen. Während die Iahre 1924/25 im Zeichen des begrenzten Risikos der festverzinslichen Kredite und An­leihen auf bestimmte Dauer stehen, scheint hier kurz vor der Iahrcswende 1925/26 ein Um­schwung eingetreten zu fein; während die Zeich­nungen der Anleihen weiter laufen, tritt daneben zum ersten Mal in großem Maßstab im Januar dieses Iahres die Beteiligung des 21 u£- lan des insbesondere der II. S. A. an deutschen llnternehmungen.

..Werde ein Teilhaber an ausländischen aussichtsreichen Jndustrieunternehmungen und sei nicht nur ein Gläubiger derselben", so heißt es in dem neuesten Jahresbericht der In­vestment Bankers Association und es scheint so. als ob der Prospekt nicht nur ein Postulat auf­stellt, sondern chic bereits vorhandene Ent­wicklungstendenz feststellt!

Das neue Jahr bedeutet mit drei epoche­machenden Reugründungen amerikanischer Finan- zierungs- und Beteiligungsunternehmungen, sog. Jnvestement Trusts, die sich dieDemokratisie­rung" dieses Gedankenganges zum Zweck ge­macht haben, allem Anschein nach einen Eck­stein in der Geschichte der Auslandsfinanzierung der deutschen Wirtschaft.

So wurde unter Führung der amerikanischen Bankfirma Hayden, Stone & Co., die 4/s des Aktienkapitals übernahm und unter Mit­wirkung mehrerer deutscher Banken, der Darm­städter und Rationalbank, Warburg, Sal. Oppen­heimer und A. Levi & Co., die insgesamt Vs- Übernahmen, die European Shares In- c o r p. gegründet mit einem Kapital von 5 Mill. Dollar, des weiteren unter Führung von Dillon Read & Co. unter Mitwirkung der Diskonto- Gesellschaft und Mendelssohn & Co.. Amsterdam, die German Credit and Investment C o r p. mit einem Aktienkapital von 12 Mill. Dollar, die sich speziell Deutschland zum Gegen­stand ihres Interesses auserleben hat und die Gründung des Swedish-American In­vest m e n t T r u st.

Die Zahl der Gründungen und die Rationali­tät Der Gründer läßt darauf schließen, daß auf beiden Seiten ein starkes Bedürfnis zu diesen Gründungen vorhanden gewesen sein muß; aus der einen Seite war es die Verwertung von Kapitalien zu günstigen Bedingungen ange­sichts des verminderten Risikos der Beteiligung an deutschen Unternehmungen und eine starke Unterbewertung am deutschen Effektenmarkt, auf der anderen Seite die Beschaffung von Betriebskapital, die Verbesserung der Liquidität insbesondere der Banken, die mit hohen Effektenportefeuilles und Konsortialbeständen aus der Zeit der Stützungen schwankender Konzerne, Unternehmungen und der Börse hervorgegangen sind und die. soweit die Stützungen noch fort- dauern, sich damit eine Verwertungsstelle für Aktienpakete und ganze Unternehmungen geschaf­fen haben.

Den Auftakt zu den Beteiligungen bilden die bekannten Käufe resp. Verträge Harriman-Giesche- Erben, Stinnes-Koholyt-Inveresk Paper & Co., London, Ufa-Famous-Plahers Co., Metro Gold- Wyn Co., und der Verkauf von 25 Prozent des Aktienkapitals der bekannten Freiburger Spin­nerei Carl Mez & Sohne. Es folgen in kurzem Aufeinander gegen Ende deS Jahres und im Januar 1926 Beteiligungen des Auslandes an deutschen Bankinstituten, die zum Teil bereits auf das Konto dieser Investment Trusts zurück- zuführen fein dürften; so an der Deutschen Bank, der Diskonto-Gesellschaft (Dillon Read), der Dresdner Dank 4 Millionen nominal an Hallgarten Co. und Lehmann Brothers dem Barmer Bankverein in Höhe einiger Millio­nen und an der Preuh. Hypothekenbank, die der Swedish American Investment Co. eine Betei­ligung einräumte.

Reben diesen Käufen des Auslandes, die einen gewissen individuellen Charakter tragen, steht nunmehr die Erscheinung, daß das Ausland in großem Ausmaße als Käufer an den deutschen Effektenbörsen auftritt. Diese Bewegung seht im Großen Anfang Januar d. Is. ein und führte innerhalb von vier Wochen zu einer Steigerung des Kursniveaus der an Der Berliner Börse gehandelten Papiere von 58,31 Prozent (2.1.26) auf 71,62 Prozent (30.1.26).

Diese Erscheinung ist identisch damit, daß der Erwerb deutscher Aktien in den 11. S. A. plötzlich OKobe geworden ist! Die Aufnahmefähigkeit des Reuhorker Marktes führte förmlich zur Bildung einesinoffiziellen" Marktes! __________

Die bewohnte Erde.

[' Don Dr. Heinrich Winterberg.

Nach Zählungen und allgemeinen Schätzungen wirb unsere Erde zur Zeit von 1620 Mil­lionen Menschen bewohnt. Wenn die Be- hauptuna eines Statistikers, wonach die Bevölke­rung unseres Planeten sich täglich um 50 000 Men­schen vermehrt, zutrifft, so würde sich die Mensch­heit im Zeitraum von etwa 120 Jahren verdop­peln. Das Problem der Ueberoölkerung liegt also bereits in absehbarer Nähe. Schon heute gibt es, vor allem in Europa, Gebiete, die übervölkert sind, und die nicht mehr die Möglichkeit geben, ihren Bewohnern die notwendige Menge von Lebens­mitteln zu bieten, wahrend andererseits ausgedehnte Landstriche vorhanden sind, die noch der Besiede­lung erschlossen werden können. Man hat berechnet, daß bei zweckmäßiger Ausnutzung der Erdober­fläche und entsprechender Erhöhung und Verbesserung der Arbeitsleistungen unsere Erde etwa 10 Mil­liarden Menschen (also das Sechsfache der heutigen Menschheit) aufzunehmen imstande ist.

1620 Millionen Menschen! Das ist eine Ziffer, die in uns die Vorstellung eines ungeheuren Ge­wimmels hervorruft und bereits die Sorge von drohender Ueberoölkerung aufkeimen läßt. Und Dennoch ist es möglich, diese 1620 Millionen Men­schen vollzählig auf der kleinen Insel Bornholm unterzubringen. Da auf eine Meile 12 000 Men­schen Aufstellung nehmen können, so ist es mög­lich, auf einer Quadratmeile (12 000 mal 12 000) 144 Millionen Individuen aufzustellen. Da Born­holm etwa 11 Quadratmeilen groß ist, so würde diese kleine Ostseeinsel vollkommen ausreichen, um aus ihr die gesamte Menschheit zu versammeln. Nach einer anderen Berechnung ist es möglich, die gesamte Menschheit in einer würfel- jörrnigenKistezu verpacken, bei der jede Kante

1000 Meter Länge besäße. In einem Raum von einem Kubikkilometer würde also die ganze Mensch­heit unterzubringen sein, wobei jedem einzelnen ein Raum von 2 Meter Länge, <- Meter Breite und 4 Meter Höhe zugebilligt werden könnte.

Eine K o n f e s s i o n s st a t i ft i f, die kürzlich das englische World-Almanach veröffentlichte, stellt fest, daß auf der Erde zur Zeit insgesamt 566 Millionen Christen leben, barunter 273 Millionen römische Katholiken, 122 Millionen griechisch-russische Katholiken, 171 Millionen Protestanten. Ferner gibt es 301 Millionen Anhänger des Kon-fu-Tse, 220 Millionen Mohammedaner, 210 Millionen Hindus, je 136 Millionen Animisten und Buddhisten, 15 Mil­lionen Juden usw. Demnach sind etwa 35 Prozent der Menschheit Christen (nämlich 16,9 Prozent rö­misch-katholisch, 10,5 Prozent protestantisch und 7,5 Prozent griechisch-katholisch).

Aus unserer Erde gibt es gegenwärtig 1 8 M i l- lionenstädte (vor 50 Jahren dagegen nur 6). An der Spitze steht London mit 7,5 Millionen Einwohnern. Dann folgen Neuyork mit 6, B e r l i n mit 4, Paris mit 2z, Chicago mit 2,7, Osaka mit 2,5, Tokio mit 2,1, Wien mit 1,86, Philadelphia mit 1,82, Buenos Aires mit 1,8, Schantung mit 1,5, Hankau mit 1,2, Rio de Janeiro mit 1,2, Hamburg mit 1 06, Moskau mit 1,03 und Sydney mit über 1 Mil­lion Einwohner. Groß-London ist nicht nur in bezug auf die Einwohnerzahl die größte Stadt der Welt, sondern auch hinsichtlich der Bodenfläche, dte etwa 1800 Quadratkilometer umfaßt. Dann folgen Neuyork mit 1700, Berlin mit 874 Quadratkilometern, Chicago mit etwa 500, Paris (mit Seine-Departement) mit 480 Philadelphia mit 331, Wien mit 278, Budapest mit 201, Buenos Aires mit 181 Quadratkilometern. Die übrigen, vor allem die asiatischen Großstädte, sind in ihrer räumlichen Ausdehnung statistisch we­niger leicht zu erfassen und müssen daher unberück­sichtigt bleiben.

Die Prospektveröfsentlichungen beut scher Un­ternehmungen der Auslegung von Anleihen bürs­ten baburch, baß sie Klarheit über den Staub ber Unternehmungen verbreiteten, einen wesentlichen Anteil an ber Bewegung besitzen; sehr häufig kann man bic Erfahrung machen, baß bas Aus­land gerabc in diesen Werten Käufe tätigt. Das gilt insbesondere jetzt für die Werte der Rhein- Elbe-Hnion. die im Zusammenhang mit der Grün­dung des Eisentrnsis größtes Interesse hervor­gerufen haben.

Reben dieser Wirkung ber Prospekte, die sich gleichzeitig mit der Auflegung ber Anleihen äußert, erscheint ein anderer Zusammenhang zwi­schen Anleihe-Emission und Kursbe­wegung der Aktien dieser Unternehmungen, der in ber Zukunft liegt, beachte.'-wert. Es ist Mode geworden, die Anleihen ir i,t einem Op - tions recht auf Aktien zu bestimmten Kursen auszustatten, das innerhalb einer bestimmten Zeit ausgeübt werden muß, um sie leichter und unter günstigeren Bedingungen absehen zu können. So erwirbt z. B. ber Käufer von A. E. G. Anteil­stücken jener Anleihe vom Dezember v. I. über 10 Millionen Dollar eine Option auf insgesamt 18 Millionen nominal Aktien und zwar derart, daß jedem Anleihestück von nominal 1000 Dollar einDetachable Stock Warrant" ----- abtrennbares Bezugsrecht auf Aktien beigefügt ist. das zur Op* tioir auf neue Aktien aus geübt werden kann unb zwar haben Anspruch die ersten 2360 Warrants, die eingeliefert werden, auf je 18 Aktien zu 100 Mark zum Kurse von 101,8 Prozent, die nächsten 3150 Warrants desgleichen zum Kurse von 111,3 Prozent, die nächsten 1940 Warrants desgleichen zum Kurse von 121,8 Prozent, die nächsten 1800 Warrants desgleichen zum Kurse von 132,4 Pro­zent und die letzten 1750 Warrants, die einge­liefert werden, auf je 17 Aktien zum Kurse von 142,9 Prozent.

Die Einrichtung, die bereits von Karstadt nachgeahmt wurde und in ber Rhcin-Elbe-Hnion und Tietz weitere Rachfolger finden dürste, ist geeignet, eine zukünftige Kurssteigerungstendenz dieser Papiere beträchtlich zu verstärken, denn im selben Tempo, wie die Kurse anziehen, werden sich bic Anleihebesitzer beeilen, ihr Opttonsrecht auszuüben, um noch bas günstigste Dezugsrecht wahrnehmen zu können.

Es hat den Anschein, als ob bei dieser sprung­haften Aktion des Auslandes an den deutschen Effektenbörsen neben dem Willen, an ber Ent­wicklung ber deutschen Wirtschaft auf lange Sicht Anteil zu nehmen, viel Spekulation mit im Spiele ist, die den Augenblick zum ..Einstei- gen" für gekommen hält und lediglich ein Augen­blicks-, ein Kursdifferenz-Interesse an den deut­schen Papieren besitzt.

Wünschenswert wäre es. wenn aus den deut­schen Werten nicht ein Spielball ber Welt­spekulation, heute ä la Hausse, morgen:i la baiffe gemacht wirb, denn die deutsche Wirtschaft hat ein Interesse daran, einen großen, jederzeit auf­nahmefähigen ausländischen Kapitalmarkt hinter sich zu wissen, dem man Enttäuschungen ersparen sollte.

Der rasende Mussolini.

Bon unserem römischen E.--Korrespondenten

Rom, Februar.

Wen soll man nun eigentlich ernster nehmen, Mussolini oder den Monco? Den Cäsar des Palazzo Chigi oder den Seher von Apulien? Den Mann, der die Trikolore über den Brenner hinaustragen wird, oder den Menschenfreund, der die Treffer des staatlichen Lotto voraussagt? Wenn Gottes Stimme noch etwas gilt, bann ist die Frage zu Gunsten bes Monco entschieden, denn die vox populi hat mit überwältigender Mehrheit aber ich will nicht vorgreifen.

Eine Woche lang hat Mussolini die Welt im Atem gehalten. Stromerzeugend drehte er sich wie ber Anker im magnetischen Feld: zwi­schen dem Südpol Farinacci, der ihn zu der Brandrede vor der Kammer, dem Faszistenllub, drängte, unb dem Rordpol D'Annunzio, ber für den Kanonendonner sorgte. Es wäre eine plumpe Schmeichelei, zu sagen, der Duce hätte dabei eine gute Figur gemacht. Die Engländer verloren jedenfalls ihre sprichwörtliche Steifheit, nannten ihn einen »hysterischen Feuerfresser", einen »tollen Hund" ober den »wilden Mann in Europa". Die Herren dachten vielleicht an die Geschichte von Korfu unb es ist bezeichnend für den Wandel, der immerhin spürbar im Kon­zert der Mächte sich anbahnt, daß sie sich für ©übtirol erwärmen, obwohl es sich dabei um eine deutsche Herzenssache handelt. Bei einem derartigen Auslandsecho mußte natürlich die

China, als das volkreichste Land der Erde, weist 53 Großstädte (je über 100 000 Einwohner) auf, darunter drei Millionenstädte; nämlich Kanton mit 1,6, Schanghai mit 1,5 und Hankau mit 1,2 Mil­lionen Einwohnern. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika verfügen sogar über 79 Großstädte, wovon drei Millionenstädte sind: Neuyork, Chi­cago und Philadelphia. Im Jahre 1900 gab es in den Vereinigten Staaten erst 38, im «Jahre 1850 nur 6 Großstädte, ein Beweis für die phantastische Entwicklung dieses Landes, die noch klarer sicht­bar wird, wenn man erwähnt, daß es im Jahre 1800 in den Vereinigten Staaten nur-6 Städte gab, die mehr als 8000 Seelen zählten.

Wenn man die einzelnen großen Länder der Erde auf ihre Großstädte hin statistisch ein- ordnet, fo ergibt sich folgendes Bild: Vereinigte Staaten 79, China 53, Großbritannien 52, Deutschland 46, Indien 34, Rußland 23, Ita­lien und Japan je 16, Frankreich 15.

Die allgemeine Volkszählung, die im Jahre 1925 in Deutschland stattfand, ergab in bezug auf die Großstädte folgendes Resultat: Groß-Ber­lin 3 968 388 Einwohner, Hamburg 1059 588, Köln 690114, München 671 548, Leipzig 660 140, Dresden 608 025, Breslau 538 331, Essen 462 428, Frankfurt a. M. 457 831, Düsseldorf 429 516, Han­nover 414 392, Nürnberg 384 272, Stuttgart 337 199, Chemnitz 323153. Dortmund 313 245, Magdeburg 287 932, Bremen 287 840, Duisburg 272 080, Königs­berg (Pr.) 266 205, Stettin 250 709, Mannheim 242 336, Kiel 209 798, Gelsenkirchen 204178, Halle an der Saale 192 497, Barmen 184 760, Altona 182165, Kassel 167 918, Elberfeld 164 374, Augs­burg 162135, Bochum 156 363, Aachen 153 797, Karlsruhe 144 700, Braunschweig 144 677, Erfurt 133 707, Krefeld 129 674, .fiambom 126 494. Mül­heim (Ruhr) 125526. Lübeck i- M.-C» j- -

114 336, Plauen i. J. 109 953, Mainz 107 332,

italienische Presse, bas ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern schön von ihr, um so ent­schlossener für ihren »Mythos" eintreten. Lei­ber geriet sie aber babei. unb bas ist eines der bemerkenswerten Ergebnisse des deutsch-italieni­schen Streitfalles, vielfach ins trübste Kriegs- fahrwasser. Wir wissen nun. baß die Welt seit 1919 um keinen Schritt weitergekommen ist. ja, bah die ehrenwerte Firma Haß und Hetze ihre Geschäfte schon vor dem Abbruch der diplomati­schen 'Beziehungen betreibt unb Propaganda- schriften herumschickt, bic einen Kosaken erröten machen könnten.

Die abgehackten Hände. bic eingeschmuggelten Cholera- unb Typhusbazillen, bic vergifteten Boirbons begleiteten in Wort unb Bilb bas Rebebuell Mussolini-Stresemann ober, wie eines ber hitzigsten Regierungsorgane sich ausbrückte: den Kamps zwischen Adler und Krähe. Damit man ja nicht in Zweifel geraten könne, wer ba­nnt gemeint sei, erschien links das Bild eines sabelhaft schneidigen Heroen, rechts ein men- schenunähnlichcr Fettllumpen. Links darunter: Der mannhafte Condottiero". rechts:Der bar- winische Widersprecher Stresemann." Unb ber bic beiben Reden vergleichende Einführungsar­tikel war überschrieben: Bauch unb Klinge. Die Klinge hat ber heldenhafte Condottiere dem As- fenmenschcn in den Wanst gestoßen. Wie inan sieht, Mussolini war durchaus auf ber Höhe, als er die tausendjährige Kultur Italiens pries, die von den teutonischen Waldmenschen, die den Marmorboden der heiligen Basiliken entweihen, nicht verstanden werbe. Schade nur, daß so häufig der heilige Marmor an den stinkenden Unrat fürchterlicher Gassen stößt, in denen das tulturüberlegenc Geschlecht haust. Im Grunde hat natürlich Mussolini mit seinem Spott Recht, so weit er die deutschen Reisenden vom Monte Deritä bei Locarno, die Raturapostel unb Fuhweltreisenben" trifft, aber bann könnte man auch auf bie italienischen Scherenschleifer unb bic ganzeItalienerwirtschaft" in norbischen Gc- genben Hinweisen. Unpassende Argumente für eine rein politische Sache.

Betrachten wir das politische Ergebnis der Auscinanbersetzung, so ergibt, sich: Die Der- welschung Südtirols wirb unerbitt­lich zu Ende geführt; in Genf barf über diese Angelegenheit nicht gesprochen werden; fort­an besteht Feindschaft zwischen Deutschland unb Italien. Diplomatisch gesprochen: Musso­lini sieht in den Verträgen von Locarno einen Beweis dafür, daß die deutsche Politik nach Westen ten&iert, unter gleichzeitiger Anstre­bung eines deutschen Achzigmillionenblockes. der naturgemäß seine Spitze nach Süden richtet; folglich muß Italien die Brennergrenze befestigen, wozu die Derwelschung des süd­lich davon liegenden Landstriches und die Ver­hinderung des deutsch-österreichischen Anschlusses in erster, die Ablehnung des Völkerbundes in zweiter Linie gehören. Unter diesem Gesichts­winkel, mag er richtig ober falsch fein, muß für die nächste Zeit bie mussolinische Politik betrachtet werden.

Um so bebenllicher erscheint sie, wenn man sieht, wie unglaublich verschroben sich das Welt­bild in vielenführenden Köpfen" Italiens malt. Der Deutsche ist der Feind Italiens, folglich jeder Deutsche in Italien ein Spion, folglich sind alle germanici wie Pestratten zu veickolgen. Zu den Deutschen oder den germanici rechnet der Italiener auch die Ocsterreicher, Schweizer und Skandinavier. In Mussolinis Popolo d'Italia kann man wörtlich lesen:8V2 Millionen Deutscher in den Vereinigten Staaten können eine schwere Gefahr für den Bestand der Konförderation bilden, wie die 2l/\. Millionen Deutscher für den Bestand der Schweiz, wo sie den Hauptteil des Territoriums in Besitz haben". Von solchen Rechnungen politischer ABC-Schützen zur Forderung nach der Einverleibung des Tes­sins ist begreiflicherweise nur ein Schritt. Wenn schon die Deutschschweizer nicht mehr ihr eigenes Territorium bewohnen, die deutschen Südtiroler Eindringlinge sind, darf man dann die italie­nischen Tessiner noch länger vor der Türe war­ten lassen? Wenn der Brenner dievon Gott gezeichnete Grenze" bildet, ist dann der Gott­hard nicht noch schärfer vorgezeichnet?

Fei nde ringsum! Borgestern die Griechen, gestern die Serben, heute morgen noch die Franzosen, jetzt die Deutschem Geduldig nehmen die Mauern das Evviva hin wie das Abbasso! Stresemann kann sich mit Foch trösten, der noch schlimmer ausgepfiffen wurde. Wilson brachte das Volk zu rosenroter Raserei, als er Südtirol verschenkte, acht Tage später hängte man ihn in effigie. Und auch

Wiesbaden 104 662, Münster 104 581, Oberhausen 104 353, Ludwigshafen am Rhein 100 070. Hierzu kommt noch Saarbrücken mit etwa 125 000 Ein­wohnern.

Insgesamt gibt es auf der Erde 9 0 Mil­lionen deutschsprachige Menschen, von denen 62,5 Millionen im Reichsgebiet leben. Die Tatsache, daß es etwa 30 Millionen Deutsche außer­halb der Reichsgrenzen gibt, sollte uns ein Anlaß sein, den Gedanken des Auslanddeutschtums viel gründlicher zu durchdenken, als es vielfach geschieht. In den Vereinigten Staaten leben allein 8 Mil­lionen Deutsche, in Oesterreich 6,4 Millionen, in der Tschechoslowakei (Sudetenländern) 3,5, in der Schweiz 2,8, in Elsaß-Lothringen 1,8, in den Polen zugesprochenen Gebieten 1,4, in Rumänien 1 Mil­lion Deutsche, ferner in Südslawien 665 000, in Ungarn 550 000, je ebensoviel im Wolgagebiet und am Schwarzen Meer, ferner in den südamerikani­schen A-B-C-Staaten (Argentinien, Brasilien und Chile) zusammen etwa 500 000, in Kanada 400 000, in Luxemburg 275 000, in Südtirol 200 000, in Wolhynien 200 000, in Slowenien und Australien je 100 000. Ferner denke man an die Deutschen in Belgien, im Memelland, in Lettland, Nordschweiz. In Mittelasien leben 50 000 Deutsche, in Sibirien 45 000, in Südafrika 30000. UeberaU auf dem Erdenrund klingt die deutsche Sprache vnd wir soll­ten die Mahnung hören, diese 30 Millionen, die außerhalb der Reichsgrenzen leben, nicht zu ver­gessen.

Auch Ziffern haben eine Sprache. Und wenn der Mensch, dieses lebendigste Material in aller Schöpfung, in der Statistik erscheint, dann gewinnen die trockenen Zahlen jedenfalls eine ganz beson­dere Bedeutung.

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