Ausgabe 
20.2.1926
 
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Nr. 43 Zweiter Blatt

Außenpolitische Umschau.

Don Professor Dr. Otto Hoetzsch. M. d. R.

OKU den Beschlüssen vom 3. und 6. Februar war die letzte Entscheidung für Deutschland ge­fallen. und der Aufnahmeantrag für den Dol- Verbund ging nach Genf ab. Wa» m den Wochen und Monaten der langen Verhandlungen und Kämpfe in dieser weittragenden örage mcht herausgeholt worden ist, konnte natürlich im letzten Moment auch nicht herausgeholt werden. Sieht man die Bilanz in bezug auf die Vorbehalte rmd Vorbedingungen, mit denen Deutschland in den Völkerbund gehen wollte, an, so ist auch diese genau so geringfügig, wie die Bilanz in bezug auf die Rückwirkungen des Locarno-Ver­trages. Cs bleibt im Grunde nur übrig die Zusage, dah Deutschland von vornherein einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat erhalten soll.

Dah es einen solchen beanspruchen müsse, braucht gar nicht näher begründet zu werden. Obwohl geschlagen und entwaffnet, ist Deutsch­land heute doch eine Großmacht. Sowohl die Gründe des Prestiges als die der praktischen Mit­arbeit machten es von vornherein unbedingt nötig, daß Deutschland einen solchen Sitz beanftruHte. Das lag auch von vornherein in der Idee der Gründer des Völkerbundes. Denn diese nahmen als den Kreis der Großmächte, die einen ständi­gen Sitz im Völkerbundsrat haben sollten, von vornherein in Aussicht: England, Frankreich, Japan, Italien und dazu Deutschland, Nord­amerika und Rußland, so dah die ständigen Sitze von den alten sieben Großmäch­ten eingenommen werden sollten, alle andern Staaten aber auf regelmäßigen Wechsel det nichtständigen Ratssihe verwiesen waren. 1922 hat die Völkerbundsversammlung die Zahl der nichtständigen Mitglieder von 4 auf 6 erhöht, so dah also jetzt mit Deutschland, aber ohne Nord­amerika und Rußland, deren Beitritt ja in weiter Ferne liegt, 6 nichtständige unö 5 ständige In­haber von Ratssrhen einander gegenüberstehen.

Schon dieser Beschluß voy 1922 hatte also das Verhältnis etwas verschoben. 2lber man fand sich damit ab, und die Struktur des Rates ist damit nicht verändert. So schien eigentlich alles selbstverständlich zu sein, und die Heber- tragung des Ratssihes ebenso wie die ganze Aufnchhme Deutschland mehr oder minder eine Formalität, nach der die andere Seite lebhaft drängt, weil erst damit das ganze Werk von Locarno ja Recht und bindende Verpflichtung wird. Als nun aber mit der Anmeldung Deutsch­lands das alles wirklich akut wurde, hat sich eine Krise erhoben, die freilich den Kenner des Völkerbundes nicht überrascht hat. Denn wer eine über die äußeren Formen hinausgehende genaue Kenntnis dieser Organisatton hatte, wußte ganz genau, dah der Eintritt Deutschlands tat­sächlich eine große Veränderung herbeifüh­ren würde. Bis dahin war der Völkerbund, wenn er auch die drei anderen Besiegten, Oester- reich-Hngarn, Bulgarien und die Türkei um­faßte, nur die Gemeinschaft der Sieger, die ihre Wünsche immer mit jeder Mehrheit durchsetzen konnten. Mit dem Eintritt Deutsch­lands aber erschien der größte der besiegten Staaten, der gerade darum eigentümliche und eigenartige Aufgaben im Völkerbund ganz be­sonders wahrzunehmen hat wir erinnern nur an die Minderheitenfrage oder an die Mandats­frage und der ganz von selbst, ohne daß er etwas dcuu zu tun braucht, an die Spitze der Besiegten tritt und daneben auch für eine ganze Reihe im Krieg neutral gewesener Staaten ein erwünschtes Sprachrohr, ein er­wünschter Succurs werden müßte. In Genf be­stand gar kein Zweifel darüber, dah mit dem Ein­tritt Deutschlandsdie Gemütlichkeit im Völker­bund aufhören würde".

Das ist bei der Behandlung des Aufnahme- gesuchcs deutlich zum Bewußtsein gekommen, und zugleich brachte die damit entstehende Erörterung Bemühungen an das Licht des Tages, die ohne jeden Zweifel schon monatelang vor uni) in Locarno den Verhandlungen mit Deutschland parallel gegangen sind. Bemühungen nämlich, das Eintreten Deutschlands in seinen Wirkungen von vornherein zu paralysieren, indem neben Deutschland im selben Moment auch andere Staaten, Polen, Spanien, Brasilien, «inen ständigen Ratssitz beanspruchten oder er­halten sollt em

Heberlegt man sich das in Ruhe, so würde Die Erfüllung dieser Wünsche die Struktur'des Völkerbundsrates vollständig verschieben. Er wäre nicht mehr ein Rat der Großmächte, wie ihn die Begründer gedacht hatten, sondern eigent­lich schon die Bundesversammlung im Kleinen. Was diesen drei Staaten Recht

Religiöse Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts.

' Auf Einladung des Kulturamtes der Gieße­ner Studentenschaft sprach Pfarrer Dr. W i esen- hütter (Breslau) über das religiöse Problem in der deutschen Malerei des 19. und 20. Jahr­hunderts. Der Vortragende läßt das vorige Jahrhundert als die Epoche der materialisieren­den Naturwissenschaften beginnen etwa mit dem-Tode Goethes. Hieraus erklärt sich, was zunächst befremden mochte, daß Romantiker und ältere Nazarener (deren Schaffen ja stark reli­giösen Einschlag aufweist) in die Darstellung nicht oder nur oberflächlich einbezogen wurden. Der Vortragende faßt die Entwicklung bis heute in vier großen Strömungen oder Kreisen: 1. deutsche Gemütskunst (exponiert etwa in Füh­rich, Steinhaufen, Gebhardt, Hhde, Schäfer), 2. Idealismus oder Neuklassizismus (Feuerbach, Böcklin, Klinger), 3. Impressionismus (Menzel, Liebermann, Corinth), 4. Expressionismus (Heckel, Beckmann, Nolde). Der Vortragende, ge­schulter Redner und eindringlicher Interpret, ließ vor allem seine Bilder sprechen: formulierte (hier kann man nur einzelnes referierend heraus­greifen) sehr interessant, anknüpfend an einen Ausspruch von van Gogh, die Wandlungen in der Ehristusgestaltung bei Gebhardt (Abend­mahl), Steinhaufen, Hhde (Lasset die Kindlein zu mir kommen) und einer überaus feinen Graphik von Rud. Schäfer (Die letzte Reise), zeigte auch hier, schon den tiefen Zwiespalt zwi­schen der Kunst und ihrer Zeit auf, der schroff durch das ganze Jahrhundert hindurch geht. Dann die Idealisten. Wiederum im einzelnen treffend gefaßte Interpretation, glänzend z. B. die formale Analyse der Pietä bei Klinger und

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Samstag, 20. Sebruar (926

wäre, wären anderen dann auch billig gewesen. Warum sollte z. B., wenn Brasilien einen ständi­gen Sitz erhielte, Argentinien nicht auch einen solchen verlangen? Warum, wenn Polen einen erhält, nicht auch die Tschechoslowakei? Auch China hat mehrfach schon betont, daß seiner Gröhe und Bedeutung gleichfalls nur ein ständi­ger Ratssih entspräche. Dann aber würde der Völkerbundsrat etwas ganz anderes als bisher, und würden sich für Deutschland die Voraus­setzungen völlig verschoben haben, unter denen es den Eintritt in den Bund diskuttert und be­schlossen hat.

Sowohl Prestigegründe wie sachliche- Gründe machen es deshalb der deutschen Politik zur gebieterischen Pflicht, darauf zu bestehen, daß Deutschland jetzt, und zwar ohnewenn" und aber", allein den ständigen Ratssih erhält. Es muh in die Lage versetzt werden, wenn im Völkerbund eine solche Veränderung der Organi­sation wirklich in Angriff genommen werben soll, von vornherein dabei mit beratend und ent­scheidend tätig sein zu können. Unö gelänge cs nicht, die Erfüllung der Deutschland ja ohne jede Einschränkung gemachten Zusage zu er­reichen, so mühte Deutschland den Entschluh auf­bringen, das Eintrittsgesuch zu sus­pendieren, oder wenn die Dinge sich ver­schärfen würden, es zurückzuziehen. Schließlich hat sich doch Deutschland nicht in den Bund

Das große

eröffnet! Selbstverständlich wird ein Staat wie Polen nicht ruhen, und wenn er heute nicht zu seinem Ziele kommt, wird er ganz besttmmt im Herbst einen zweiten Anlauf nehmen. So zeigt gleich diese erste Krisis recht deutlich, dah der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund ganz und gar nicht eine Aera des Friedens und der Freude eröffnet, sondern dah der Kampf um die Gleichberechtigung Deutschlands

Unsere lommunalpolitische Arbeit steht gegen­wärtig im Zeichen bedeutsamer Vorbereitungen. In diesen Wochen ist die Stadtverwaltung damit beschäftigt, den Haushaltsplan für 1 926/27 aufzustellen. Dabei handelt es sich um die Bewältigung einer Aufgabe, die diesmal weit schwieriger ist als im vorigen Jahre. Auf der einen Seite sieht sich die Verwaltung den Auswirkungen einer außerordentlich schaden Wirtschaftskrise gegenüber, auf der andern Seite ist wenigstens teilweise Forderungen zu ent­sprechen, die schon längst in vollem Umfange hätten erfüllt sein müssen. Unter diesen Umstän­den heißt es für die Verwaltung und das Stadt-

Heimatblatt

jetzt wohl überhaupt erst beginnt. Die Würfel sind gefallen in der großen Frage, ob Deutschland dem Völkerbund angchören soll oder nicht. Eine neue Periode schwieriger und ernster Kämpfe um Recht und Gleichberechti­gung, um Einfluß und Bedeutung beginnt damit, die auch auf diesem Gebiet gespannteste Auf­merksamkeit, Uebersicht über das Terrain und Entschlußkraft von der deutschen Politik verlangt.

der Strahenbeschaffenheit sichtbar wer­den, der hier ebenso hahnebüchen ist wie der unerträgliche Zustand der Straßen in den Außen­bezirken. Einzelheiten über die Folgen dieser Zustände für die Anwohner und Passanten brau­chen wir wohl nicht aufzuzählen, sie dürften auch ohne unsere Registrierung zur Genüge bekannt sein. Aber nicht nur die meisten gepflasterten oder chaussierten Straßen sind dringend ver­besserungsbedürftig, auch in den asphaltterten Straßen sieht es an zahlreichen Stellen arg aus: Löcher in der Strahendecke, vor allem aber zahl­reiche Senkungen lassen bei Regenwetter Pfützen entstehen, die sich im Handumdrehen zu ganz respektablen Seen ausdehnen, weildie Ge­ländebeschaffenheit vorzüglich" ist. Einer sorg­samen Erneuerung bedürfen ferner die meisten Spaziergängerwege, zum Teil sind sie sogar schon in unmittelbarster Nähe der Stadt in sehr wenig erfreulicher Verfassung. Daß diese Uebelstände den jetzigen außerordentlich großen Hmfang auf- weisen, ist nicht allein auf den stark gewachsenen Verkehr der übrigens einen Teil der schlechten Straßen gar nicht oder nur ganz geringfügig be­rührt zurückzuführen, sondern ist in hohem Maße eine Folge der jahrelangen .Untätigfeit der Stadt auf dem Gebiete der Ctraßenunterhaltung: die paar Reparaturarbeiten, die hier und da die schlimmstenGranattrichter" einebneten, und die bis jetzt die einzigen Taten blieben, können hier als rechtes Plus nicht in Betracht kommen.

Gießener Anzeiger

Strahenerneuerung in Gietzen.

Eine dringende kommunale Aufgabe.

Das große Anzeigenblatt

hereingedrängt, sondern die andere Seite hat ja unaufhörlich den Wunsch ausgesprochen, Deutschland im Bunde zu sehen!

Es ist wieder eine Frage, an der die Gegen­sätzlichkeit der englischen unö französi - fchen Interessen deutlich hervortritt. Na­türlich begünstigt Frankreich solche Wünsche, namentlich Polens und strebt es an, wenn nun einmal Deutschland nicht dem Bunde ferngehal- ten werden kann, von vornherein eine Frankreich gefügige und feste Mehrheit dauernd sicherzu­stellen. Das ist vom französischen Standpunkte aus ebenso verständlich, wie es vom englischen Standpunkt aus, der darin sich völlig mit dem deutschen deckt, unerträglich ist. DerDaily Telegraph" hat das auch ganz offen ausgespro­chen, daß, ganz abgesehen von Deutschland, eine so entstehendelateinisch-westslavische Koalition"' Großbritannien und auch andere Staaten in eine unangenehme und hoffnungslose Minderheit ver­sehen könnte.

Auch darüber ist zur näheren Begründung gar nichts besonderes zu sagen. Aber die Frage ist, intotetoeit England darin fest bleibt. Man zweifelt, ob nicht Chamberlain aus Dank­barkeit für das Eintreten Frankreichs in der Irakfrage und um Briands Stellung zu er­leichtern, in dieser sehr weittragenden Angelegen­heit dem anderen schon sehr entgegengekommen ist. Chamberlain spielt damit um fein eigenes Renomme als Staatsmann. Er seht das Locarno­werk aufs Spiel, mit dem er doch seinen Namen mit so großer Feierlichkeit verbunden hat.

Sein Kampf ist nicht leicht, besonders auch deshalb nicht, weil ein gegebener Bundesgenosse dabei ausfällt. DaS Gegebene wäre ja, daß Italien mit all seinem Einfluß Deutschland und England sekundierte. Aber die unberechenbare unö zerfahrene Außenpolitik, die Mussolini mit Lärm und Säbelrasseln betreibt, hat gerade in diesem Moment die Spannung zwischen Ita­lien und Deutschland herbeigeführt, die natürlich auch in diese Völkerbundangelegenheit weiter spielt. Wie letztere nun im Moment auch aus­geht, ob vielleicht der englische Einfluß sich durchsetzt und nur Deutschland einen ständigen Ratssih jetzt bekommt auf der Tagung am 8. März, der Kampf im großen ist damit bereits

Parlament, mit Vorsicht unö dennoch mit tat- froher Klugheit die entscheidenden Beschlüsse zu fassen. Ersparnisse müssen gemacht werden, wo sie nur irgendwie möglich sind. Jedoch muh man sich hüten, diese Forderung zum starren Grundsatz zu machen, dessen Anwendung zur völligen Nega­tion jeder fortschrittlichen Arbeit, die natürlich stets Geld kostet, führen würde. Man muh sich vor Augen halten, dah die Stadtverwaltung nicht nur verpflichtet ist, so sparsam wie möglich zu wirtschaften, sondern daß sie auch die Aufgabe hat, dem heimischen Wirtschaftsleben nach besten Kräften neuen Impuls zu geben, besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Mit Recht sehen Handwerk und Gewerbe sorgsam darauf, daß ihnen in dieser Zeit wenigstens noch Aufträge der Stadtverwaltung zuteil werden und dah alle Arbeiten in Gießen bleiben, die nur irgendwie hier erledigt werden Kirnen.

Die jetzige Zeit der Voranschlags-Aufstellung erscheint uns geeignet, das besondere Augen­merk der Oeffentlichkeit auf eine dringende Aufgabe zu lenken, deren Erfüllung sowohl dem Gesicht und damit der Wertgeltung unserer Stadt, wie auch dem heimischen Wirtschaftsleben zugute kommen würde. Wir meinen die Her­stellung unseres Straßenpflasters durch Neupflasterung in den meisten Straßen­zügen bzw. durch gründliche Ausbesserung in zahlreichen anderen. Unfer Straßennetz befindet sich heute man kann diese Tatsache nicht mehr verschweigen, weil sie zu offenkundig vor aller Augen ist zum großen Teil leider in einem Zustand, öen man als unhaltbar und der Pro- vinzialhauptstadt unwürdig bezeichnen muß. Schon beim Einmarsch in unsere Stadt empfängt der Fremde durch den Zustand der Bahnhofstraße einen Eindruck, der vom Gießener Standpunkt auS bedauerlich ist. Wirft der Besucher im Vor­beigehen einen Blick in die Neustadt und die Westanlage, oder passiert der Gast die Sttahen des bis jetzt recht stiefmütterlich behandelten Nordostviertels (Schillerstrahe, Weserstraße, Eder» strahe. Asterweg, Schottstrahe usw.), sieht er sich den Lindenplatz, den Kirchenplatz, die Garten­straße an und vergißt die Gutenbergstrahe, Roon- straße, den Schisfenbergerweg, die Frankfurterstr. usw. nicht, allüberall wird ihm ein Jammer

Böcklin. Hier ist die durchgehende Idealisierung der Figuren (besser: Stilisierung), vor allem auch bei Feuerbach, evident. Klar sind die Ab­stände dieser Malerei (z. D. in der Christus- geftaltung) gleichermaßen von Grünewald, wie von den Expressionisten, die (keineswegs tradi- tionslos, wie zutreffend gesagt wurde) eben gerade von Grünewald her vielfach zu verstehen sind. Aber: schon in dieser zweiten Gruppe fcheint der thematisch gewählte Blickpunkt den Gesichtskreis, der Gesamtwerte aufnimmt, stark einzuengen. DieToteninsel" Dvcklins, um ein Beispiel zu nennen, kann man auch anders sehen und innerlich erleben, als es hier geschah. Stark anfechtbar erschien uns ferner die Einstellung zum Impressionismus: mit dem Wort von der seelenzerstorenden Wirkrmg" dieses Stils, der mehrfach in eine gefährliche Nähe zum Platten Naturalismus gerückt wurde, empsindet man die Kunst derer um Liebermann als solche doch in einer sehr bedenklichen Flachheit und Aeußerlichkeit, die wir ablehnen müssen. Tatsache ist: die Strö- mung hat sich wenig mit religiösen Vorwürfen befaßt, Hnö freilich kann die derbe und recht fleischige Magdalena bei Corinth (Kreuzabnahme) nicht eben den religiösen Gehalt und Stim­mungswert des Bildes erhöhen.

Im Expressionismus endlich (selten ist ein so vielfältig sich brechender, so schwer zu fassender Sttl, wie dieser, mit einem so unglücklichen Na­men bezeichnet worden), sieht der Vortragende die große Wende, in der Reaktion neue Ver­geistigung und neue S^nsucht emporwachsen. Stark religiöse Färbung ist zweifellos (im Zu­sammenhang hiermit) für eine breite Schicht die­ser Kunst typisch Don Heckel schien uns das zweite Bild (Gebet) eindringlicher und künstlerisch stär­ker, als das im Feld (auf zwei Zeltbahnen) ge­

malte Marienbild. Sehr gut waren in diesem Kreis die geistigen Zusammenhänge bis in die Malerei des Mittelalters hinein aufgewiesen, oder doch angedeutet. Gezeigt wurden ferner die bekannte Kreuzabnahme von Beckmann (wobei sich wieder die innere Nähe zu Grünewald auf- örängt) und ein paar sehr reife, wahrhaft geistige Stücke von Nolde. Bei denen man nur bedauerte, die Farbe missen zu müssen, die ja gerade hier von eminenter Bedeutung ist. Die zuletzt gelesenen Bekenntnisse eines expressionistischen Künstlers konnten als Begleitworte zu dem Iohanneskopf aus Noldes Abendmahl gelten. Sie für die ganze Strömung gleichsam progrannnatisch zu erweitern, besteht indessen kein Grund. Ein großer Wesens­teil des Expressionismus ist durchaus nicht so bergeiftigt, und ein ebenso starker Komplex (auch wertmäßig verstanden) beschäftigt sich nicht mit religiösen, sondern mit' sehr Prof amen Themen. Heberhaupt schien uns die gcmze zeitgenössische Kunst viel zu geschlossen und einheitlich begriffen und schon formuliert. Die eindringende, letzte Wesensschau in diese so unendlich vielfältigen, widersprechenden und chaotischen Dinge je mehr man vom Expressionismus sieht, um so mehr drängt sich das auf wird einer späteren Gene­ration Vorbehalten bleiben müssen.y

Ein literarischer Fund aus dem 14. Jahrhundert.

Abgesehen von poetischen Bearbeitungen der Evangelien, wie dem bekannten Heliand unö der Evangelienharmonie Öes O t f r i e ö von Weißen­burg, haben wir aus älterer Zeit nur eine Heber» sehung der Evangelienharmonie öes Tatian, die int 8. Jahrhundert an der Fuldaer Kloster­schule entstanden ist und einige Bruchstücke einer

Es ist dringend erforderlich, mit der bis­herigen Passivität im Straßenunterhaltungs- wesen jetzt gründlich Schluß zu machen. Wenn wir Verkehrswerbung treiben wollen unö wenn uns öaran gelegen ist, öie Gäste mit guten Ein­drücken von hier scheiden zu sehen, öle sich dann auch auswärts zum Vorteil unserer Stadt aus­wirken im gegenteiligen Falle tritt natürlich die umgekehrte Wirkung ein!, so müssen wir uns entschließen, öie Arbeit an der Straßen- unterhaltung kaufmännisch-großzü­gig in Angriff zu nehmen. Die Stadt muh sich aufraffen, für diese Aufgabe erheblich tiefer als bisher in den Stadtsäckel zu greifen, selbst um Öen Preis, daß vorübergehend an anderen wichtigen Sachen gekürzt werden mühte, wenn Ersparnismahnahmen unö Steuermöglichkeiten für öie Zwecke des jetzt bevorrechtigten Siraßen- wesens nicht ausreichen sollten. Wir möchten den Wunsch aussprechen, dah öie Stadtverwal­tung im neuen Haushaltsplan wesentlich höhere Beträge für die Lösung dieser dringenden Aus­gabe vorsieht, als im Haushalt für 1925. Weiter möchten wir wünschen, dah zu diesen Arbeiten in ausgedehntem Maße Erwerbslose heran­gezogen werden unö zur Erleichterung der Fi­nanzierung der Versuch gemacht wird, in wett­gehendem Maße Zuschüsse aus der produktiven Erwerbslosenfürforge zu erhalten. Aber selbst derartige Beihilfen unö auch Abstriche an an­deren Teilen des Etats werben nicht verhindern können, dah die Gesamtheit der steuerzahlenden Bürger für diese wichtige Aufgabe eine be­sondere Anstrengung machen muh. In diesem Zusammenhang möchten wir betonen, dah man diese Angelegenheit nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Steuerzahlers betrachten darf. Man muh sich vor allem rein wirtschaftlich zu dieser Aufgabe einstellen.

Entschlichen sich die städtischen Körper­schaften was wir hoffen! jetzt großzügig an die Beseitigung der unhaltbaren Straßen­zustände heranzugehen, so wird dadurch unserer Gießener Wirtschaft ein starker Auftrieb gegeben werden. Denn wir betrachten es als selbstver­ständlich, dah der Auftrag in Gießen bleibt, soweit wie nur irgendmöglich auch die Material­beschaffung hier erfolgt unö endlich die Arbeits­leistung in erster Linie nur den einheimischen Ar­beitern, insbesondere den zahlreichen Arbeits­losen Vorbehalten wird. Eine solche Behandlung der Angelegenheit würde dazu führen, dah zahl­reiche Mitbürger, die jetzt als leistungsfähige Käufer auf dem heimischen Warenmarkt fehlen, wieder tauffräftig gemacht würden. Davon hätte

Hebersetzung des Evangeliums des Matthäus. Aus den folgenden Jahrhunderten sind nur ganz spärliche Fragmente erhalten. In einem Hr- funöenbanö des Bensheimer Stadt­archivs wurden kürzlich durch einen Zufall auf einem Heftstreifen eines HrkundenbandeS aus dem Jahre 1585 Bruchstücke einer hand­schriftlichen deutschen Heberfetzung des Neuen Testaments gefunden. Wie Prof. Henkelmann in den Bensheimer Geschichts­blättern mitt eilt, stellt dies Bensheimer Frag­ment unter Öen sämtlichen deutschen Evangelien- übersehungen die älteste dar. Sie muh in Öie Zeit zwischen 1330 und 1340 gesetzt werden. Sie zeigt eine auffallende Aehnl ich kett mit dem Evangelien- buch Beheims (Matthias von Beheim, Mönch zu Halle), das sicher im Jahre 1343 entstanden ist. Diese Aehnlichkeit erklärt sich teils daraus, daß die beiden Hebersehungen sich eng an die Vulgata anschliehen. Obwohl sie auf eine gemeinsame Grundlage zurückgehen, haben sie einen örtlich verschiedenen Hrsprung: das Bensheimer Frag­ment ist älter und hält sich enger an die Vulgata. Bezüglich des Ortes, wo diese älteste deutsche Gvangelienübersetzung entstanden sei, liegt für Prof. Henkelmann nichts näher, als daß ihr Hr­sprung in dem benachbarten Kloster Lorsch zu suchen sei, dessen Bibliothek durch ihre Reich­haltigkeit berühmt war. Der wertvolle Fund, dessen sprachliche Behandlung Privatdozent Dr. Maurer, Gießen übernommen hat, gibt wieder Veranlassung, im Speichergerümpel be­findliche alte Hrkunden und Schriften, namentlich in Kleinstädten, nicht leichtsinnig zu vernichten, sondern den Verwaltungsbehörden zu übermit­teln, die für die nötige Feststellung zu sorgen haben.