lk. 271 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger <General-An;eiger für Gberhesfen) Zreitag, 19. November 1926
Guardian", wie solche Heiraten zustande kommen. Wahrend die Heirat bei den Knaben auf spätere Zeiten hinausgeschoben werden kann, müssen die Hindumädchen unter die Haube kommen, bevor sie noch ihre Reife erreicht haben. Bei der Wahl des künftigen Ehemannes sprechen viele abergläubische Zeichen mit. Da ist z. B. ein Angehöriger der Drahminenkaste, der ein hoher Beamter ist. Er hat eine Tochter von 11 Jahren, die bis jifih 1. 3uli verheiratet sein muh, weil dann nach dem Horoskop ungünstige Monate eintreten. Er nimmt also am 1. Juni Urlaub, um diese Angelegenheit zu regeln, und besucht die Eltern der drei Knaben, die in Betracht kommen. . Er hat die zukünftiaen Männer seiner Tochter niemals vorher gesehen, sondern urteilt nach seinen Informationen. Der eine ist ein guter Schüler, aber hat noch keine Aussicht auf eine Stellung: dem andern ist ein Amt reserviert, aber sein Horoskop ist ungünstig; der dritte ist bereits in Amt und Würden, kann aber den Kaufpreis für das Mädchen nicht zahlen. Das Mädchen wird schließlich an den zweiten verheiratet, nachdem ein gefälliger Astrologe die schlimmen Zeichen seines Horoskops in gute um» gedeutet hat. Wird auf solche Weise die Heirat in den Famllien bewerkstelligt, die sich noch dem strengen Kasten-Gesetz unterwarfen, so haben es die, die nach europäischer Sitte heiraten wollen, noch schwieriger. Man kann außerhalb der Familie und ohne Rücksprache mit den Eltern nur sehr selten ein junges Mädchen kennenlernen, und so greift man denn auch in Indien zu dem Mittel der Heiratsanzeige. Da kann man denn in den indischen Blättern Anzeigen lesen, wie die folgeirden: „Gesucht eine passende Ehe für ein ziemlich hübsches Mädchen von 18 Iahren, die den Haushalt versteht. Sie gehört zu einer angesehenen Sikh-Familie. Sin Herr aus irgendeiner Sikh-Kaste, der eine Regierungsanstellung besitzt und über gute Mittel verfügt, mlge sich melden." Oder: „Gesucht eine Paksende Heirat für einen 25jährigen Rechtsanwalt, Einkommen 300 Rupien monatlich, Vermögen 8 Lachs. Erste Frau war ein Reinfall und wurde verlassen."
Parlament und Revolutionstribunal
Don unserem römischen ^-Korrespondenten.
Rom, Mitte Rovember.
Das heißt man nun wirtlich eine Sache bis in die letzte Konsequenz verfolgen, dte Meyr- heit entzieht der Minderheit d re Abg eordnetenmandatc. Das parlamen tarische System wird durch M» PaAEnt ad absurdum geführt. Mil einem HusarensUrckchen hat Mussolini ein Prinzip zu Tode gerckteN' geheiligte Mehrheitsprinzip. ®r brou^ e Jgu nicht das Beil aus dem Llltorenbundel zu ziehen, er konnte vollkommen korrekt vorgehen, biefey Musterdemokrat. Ein Ditz, ein Eftcher Wr^ Aber dürfen wir darüber lachen? Verbietet nicht im freien Amerika eine knAPe Mchrhctt der Minderheit das Trinken? Sind nicht Bestrebungen im Gange, um einer verworfenen "Minderheit das Rauchen »u untersagen? Diktieren nicht in Deutschland kraft einer Handvoll Stirn- men darüber oder darunter bald die Rationaleii, bald die Internationalen? Schon sind Aufroer- tungsparteien entstanden und haben ihre Kandidaten durchgebracht, warum sollen sich nicht einmal die Steuerzahler zusammentun und mit Mehrheit das Steuerzahlen verwerfen? In Rußland haben die Kleinbauern die Großbauern niedergestimmt und in Italien machten sich vor einigen Iahren die Fabrikarbeiter zu Fabrikbesitzern. Ietzt sind wieder die Faszisten so weit. Alles fließt, alles dreht sich, bestehen bleibt bloß die Macht, die Macht, die man je nach Mode Gewalttätigkeit oder Mehrheitsrecht heißt, die aber immer die gleiche bleibt und vom Dichter der Freiheit, einem gewissen Schüler, endgültig nach Herkunft und Wirkunggebrandmarkt wurde: „Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn. Der Staat muß untergehn, früh oder spät, wo Mehrheit siegt."
Im faszistischen Staat hat die Mehrhell ge- siegt. In Schwarz gekleidet, wenn auch in schwarze Hemden, stimmte sie den Triumphgesang an. Kurz vorher aber, das darf man sagen, denn an einem Ducewort soll man nicht drehn und deuteln, hatte Mussolini einen Zwischenruf aus der huldigenden Mengen „Rieder mit dem ParlamentI' aufgearissen und geistreich wie Shaw erwidert: „Es steht schon niedrig genugI"
Der Hinauswurf der Aventinparteien und der Kommunisten verlief jedoch nicht gairz ohne Zwischenfälle. Gin Fähnlein der Ausrechten flatterte hoch, zwölf Mann sagten bei der namentlichen Abstimmung tlar und mutig Rein! Einer schrie es mit dramatischer Verzweiflung hinaus und wurde dafür prompt ..zur Rede gestellt". Auch andere erhielten Ohrfeigen über Ohrfeigen. Der Vizepräsident der Kammer trat zurück. Einem sozialistischen Abgeordneten, der sich wenigstens das denkwürdige Schauspiel einer Oppositionshinrichtung ansehen wollte, wurde der Eintritt ins Parlamentsgebäude mit Gewalt verwehrt. Trotzdem sagen die saszistischen Abgeordneten, die andern hätten die Kammer absichtlich gemieden und seien deshalb als Deser- t e u r e zu behandeln. And es ist ja wahr: jahrelang das Abgeordnetengehalt beziehen und unentgeltlich erster Klasse im Lande herum- sahren, so hatten es die Wähler nicht gemeint. Auch die Parlamentarier sollen arbeiten. Hätte,: wir ja gern getan, geben die Aventinier zurück, aber praktisch ließ man uns ja nicht zur Mitarbeit heran. So geht es einem wie jenem Richter, der nach Anhören der einen Partei ausrief: Du hast recht! And nach der Entgegnung der andern: Du hast recht! Als dann ein Beisitzer einwandte, daö ginge doch nicht, beide könnten doch nicht zugleich recht haben, sagte der Richter nach tiefem Rachdenken: Auch du hast recht! .
Das solchermaßen gesäuberte, reinsajzlstlsch gewordene „Parlament" ging dann nach diesem demokratischen Mehrheitsidyll wieder an sein revolutionäres Tagewerk, indem es, eigens dazu herbesohlen und nach getaner Arbeit nach Hause geschickt, dem Ausnahmegesetz des Iustizministers Rocco „Gesetzeskraft" verlieh. Run also ist der Weg frei, das R e v o l u t i o n s t r i b u n a l, tote die beliebteste Bezeichnung lautet, kann tagen. Es hat seinen Sih in Rom, kann aber überall im Lande fliegende Gerichte bilden, die nach
Kriegsrecht aburteilen, schnell, streng und ohne Derufungsmöglichkeit. 3m Entwurf hieß es, daß wenigstens der Präsident aus dem Generalstab des königlichen Heeres zu wählen sei, nun aber nennt die Regierungspresse bereits einen zur saszistischen Miliz übetge trete neu General als Vorsitzenden. Fünf saszistischc Offiziere stehen ihm als Richter in saszistischen Angelegenheiten zur Seite. Ultima ondata, die letzte Welle! rüst das „3mpero" aus, und in der Tat, welche Verschärfung der Revolution ließe sich jetzt noch denken? Es ist ein Spiel mit Worten, ob man Revvlutionstribunal oder Wohlfahrtsausschuß sagen toll.
Todesstrafe, mindestens aber fünf Iahre Zuchthaus bereits für die Verbreitung oder Weitergabe von Gerüchten ober falschen, Wertriebenen ober tendenziösen Rachrichten im Auslande. Artikel 6 stellte dabei Italiener und Ausländer, Inland und Ausland, auf die gleiche Stufe, bedrohte sie mit den nämlichen Strafen. Unter dem Druck der Weltmeinung, die sich geschlossen gegen einen derartigen Paragraphen erhob und zu bedenken geben konnte, daß sich im Ausland immerhin mehr Italiener befinden als Ausländer in Italien, wurde bie juristische Ungeheuerlichkeit gestrichen: bei der Erläuterung und Verteidigung seines Gesetzes vor der Kammer überging der Mmister den stranicro vollkommen. Dagegen erhielt der letzte Absatz des Artikels 6 nun die unklare, verschiedener Auslegung zugängliche Fassung: „Alle diejenigen, die Mitwirken, die obengenannten Verbrechen zu begehen, werden nach diesem Gesetz bestraft". Warten wir also an einem konkreten Fall ab, wer unter die Begriffsbestimmung „alle diejenigen" fällt.
Wie leicht man jetzt „schuldig" werden kann, das lehrte gleich am nächsten Tage die Regierungspresse. Griff doch die „Tribuna" die ausländische Presse wegen der Kritik am Artikel 6 heftig an. Eine geschmacklose Erfindung sei es, daß der Artikel 6 die Ausländer bedrohe, denn in der Kammer habe niemand von Ausländern gesprochen. Dabei konnte sich die ausländische Presse auf den gerade von der „Sri- buna" veröffentlichten Freitagsentwurf stützen, der wahrhaftig klar genug von den „Ausländern im Ausland" sprach. Tut nichts — alles, was jetzt nicht mit der vorgeschriebenen Dauerjubel- sanfare harmoniert, ist „t e n d e n z i ö s".
Tendenziös scheinen vor allem alle ausländischen Korrespondenten befunden worden zu fein, denn sie wurden aus dem Syndikat der italienischen Korrespondenten, dem sie jahrelang als ordentliche Mitglieder angehört hatten, und aus ihrer Arbeitsstätte aus dem Telegraphenamt aus eine Weise hinauskomplimentiert. die man früher im klassischen Lande der gentilezza nicht kannte. Wer sich ahnungslos an seinem Platz niederlieb, den unauffällig angebrachten Anschlag mit der Einladung zum Verlassen des Saales nicht sogleich bemerkte. dem setzten die Diener einfach den Stuhl vor die Türe. Was Takt, was Statuten! Und im gleichen Augenblick geht eine amtliche Bekanntmachung in die Welt hinaus, die versichert, die Fremden könnten wie früher nach Italien kommen und ruhig hier leben — —
Wenn sich der neue Innenminister Mufsolun das Walten seiner Zensurbehörden näher betrachtet. so wird er zu der Grknntnis kommen müssen, daß der Verbreitung falscher und übertriebener Rachrichten durch den obrigkeitlichen Rotstist geradezu Vorschub geleistet wird. Denn wenn das römische Lelegraphenamt die regulären Telegramme der in Rom ansässigen ausländischen Pressevertreter zwar annimmt, aber nicht befördert, wie es nach dem vierten Attentat der Fall war, so müssen die Zeitungen notgedrungen zu irregulären Meldungen greisen. Was nützt dann die kriegsgemähe Grenz- Überwachung. die Annullierung der Pässe! Cs müßte denn sämtlichen Geschäfts- wie Vergnügungsreisenden die Einreise nach Italien verboten werden.
Das Revolutionstribunal hat sich auch mit jeglicher Tätigkeit zu befassen, die geeignet ist. Ansehen und Kredit des Landes im Ausland zu schädigen. Einer der ersten, die deswegen vor das Ausnahmegericht gestellt werden könnten, müßte also jener Garibaldi sein, von dem das „Impero" schreibt, er habe einen großen
Hamen derart in den Schmutz gezogen, daß ihm der Ehrenname überhaupt entzogen werden müsse. Fortan nut noch Signore Ricciotti! Cs steht jedoch zu erwarten, daß sich das Tribunal diesen Prozeß verkneisen wird. Dagegen wird es sich trotz der Sachverständigengutachten, die das alte Fräulein als völlig unzurechnungsfähig crfläten. die Schützin vom Kapitol näher an- fehen. Und auch der Prozeß Zaniboni ist bereits aus den Händen dec Schwurgerichts genommen worden. Die Mäßigung Mussolinis, die unverkennbar einige Tage nach dem Anschlag von Bologna eingesetzt hat. wird aber mit Sicherheit sogar den Dombenwerser von der Porta Pia vor dem Tode retten. Der Knabe Zaniboni wurde bereits in der Derräterecke verscharrt. So bleibt aus den Attentaten fein Objekt für ein Dluturteil übrig — hoffen wir, es komme überhaupt nicht zu einem Sowjet-Faszis- mus!
Kanada in Washington.
Von unserem A. G. A..Berichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Reuhorl, Rovember 1926.
(Siu weiterer bedeutungsvoller Schritt in der Reugestaltung der Beziehungen zwischen England und den dem britischen Weltreich angehörenden Ueberfeclänbern ist mit der Entscheidung Kanadas getan, in der Person Herrn Vincent Mas - sehs seinen eigenen diplomatischen Vertreter nach Washington zu entsenden. Immer stärker und deutlicher tritt das Bestreben nach Gleichberechtigung aller Glieder dieses gigantischen Körpers hervor. Premierminister Kings Ankündigung, daß Herr Mas- sey Kanadas erster amerikanischer Gesandter sein werde, ist in Kanada selbst wie in England mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden, in den Vereinigten Staaten hat der Entschluß einstimmigen Beifall gefunden. 3n England beklagt sich z. B. der „Manchester Guardian" darüber, daß die Dominions „durch Teilung der bisher ungeteilten Repräsentation der Krone im Aus- land in den bisherigen glatten und ungestörten Gang der Maschine eingreife", und die Londoner „Truth" erblickt darin ein „ominöses Zeichen". Sir Esme Howard, dem englischen Botschafter in Washington, ist der kanadische Kollege toilllommen, und Strachey schreibt im „Spec- tator", „Kanadas Vorgehen bedeute nicht eine Schwächung, sondern vielmehr eine Stärkung des die Rationen des Weltreiches umschlingeitden Bandes".
In Kanada haben sich einige ultra-konservative Blätter dagegen aufgelehnt, und zwar behaupten sie, der Schritt könnte zu Kompli- lationen sühren. Cs ist jedoch das direkte Gegenteil mit der ©menmmg Massehs beabsichtigt. Was England mit Amerika durch seine Diplo- maten zu verhandeln hat, betrifft zum weitaus größten Teil Kanada. Warum sollte ein gebürtiger Kanadier, der sein Land und seines Dolles Wünsche doch sicher besser kennt, als der englische Botschafter, nicht ein besserer Vertreter sein? Warum sollte ihm. dem damit Vertrauten, der Ausgleich irgendwelcher Meinungsverschieden- beitert nicht rascher und mit geringerer Reibung glücken, als dem diplomatischen Boten der Insel jenseits des Atlantik?
An Arbeit wird es dem Kanadier in Washington nicht fehlen. Schon seit geraumer Zeit hat mehr als die Hälfte der über das Pult des britischen Botschafters hinflatternden Blätter und Akten den kanadischen Stempel getragen und das Verhältnis verschiebt sich immer mehr. Die Vereinigten Staaten sind Kanadas bester Kunde, während Kanada als Käufer amerikanischer Erzeugnisse an zweiter Stelle, dicht hinter England steht. Beide grenzen an den Stillen Ozean und haben ein gemeinsames Interesse an den dort zu lösenden Problemen. Eine ganze Reihe von Fragen, die gegenseitiger Zusammenarbeit bedürfen. harren der Erledigung — die Erschließung und Bewirtschaftung der gewaltigen Wasserkraft des St. Lorenzstroms, die Regulierung der Chicagoer Wasserentziehung aus den großen Seen zum Rachteil der kanadischen Schiffahrt, die Wirkung des amerikanischen Tarifs auf die kanadische Schlachtvieh-Ausfuhr — um nur einige der wichtigeren Fragen zu erwähnen.
Wo zwei miteinander befreundete Stationen auf einer 3000 Meilen langen Strecke aneinander grenzen, wo über diese Greitze ein reger Austausch von Rohstoffen und Fertigwaren statt- indet. infolge der Gemeinsamkeit der Sprache auch ein reger Austausch geistiger Güter, scheint es geradezu geboten, daß ihre beiden Hauptstädte Clearing-Häuser für die großen Wengen halb diplomatischer, halb kommerzieller „Papiere" sein sollten. Heute wandert der ganze Wust durch die Kanzleien der englischen Bol- chast. Oft handelt es sich um rein örtliche Angelegenheiten. um Sagalellerttod>6n. für die man in diesen Kanzleien kaum Interesse, noch weniger Verständnis und am wenigsten Zeit hat.
Der Montreal ..Star" sucht ängstliche Gemüter im Mutterlande, die befürchten, das böse Beispiel könne die guten Sitten verderben, damit zu beschwichtigen, daß er erklärt: „Davon, daß Kanada Gesandte nach anderen Hauptstädten zu entsenden beabsichtige, ist überhaupt nicht die Rede. Wir haben zu keiner anderen Ration Beziehungen. welche eine derartige Ausgabe rechtfertigen würden. Cs handelt sich hier einfach um eine Geschäftsfache. Wir denken nicht im entferntesten daran, durch ein Hinterpförtchen aus dem britischen Weltreich zu entweichen. Die Sache hat nicht die mindeste politische Bedeutung. Hätte sie eine solche, so hätte sie nicht die fast einstimmige Unterstützung des Volkes gefunden, und im Parlament wie außerhalb desselben hätte sich Opposition geltend gemacht. Kanada weih, daß es in bezug aus seine äußere Politik c i n Teil des britischen Weltreiches ist. Aber wir sind der Qlnficbt, daß wir den Amerikaner besser kennen, als der Engländer. Wir haben weit engere Beziehungen zu ihm. Wir befudyeu ihn häufiger und — namentlich seit der Prohibition — auch et uns. Wir verstehen ihn besser, als irgendein Europäer. Wenn er blufft und wenn er's ernst meint. Wir ziehen daher d e n direkten Weg vor und glauben, daß wir uns dabei besser stellen werden."
Bereitet die Erkenntnis, daß fid> in den Ucberfeclänöem des britischen Reiches nach und nach Interessen entwickelt haben, die besser durch einheimische als durch englische Vertreter wahrgenommen werden können. in London auch nicht geringes Unbehagen, so kann man sich ihrer dort doch nicht mehr erwehren. Der Irische Freistaat ging zuerst voran und sandte Herrn T. A. Smiddy als diplomatischen Repräsentanten nad) Washington. Run folgt Kanada dem Beispiele. Wenn die anderen unter Selbstverwaltung stehenden Be- sitzungen und Kolonien sich auch dazu entschließen sollten, würde sich in Washington ein recht an- sehnliches Korps britischer Vertreter zusammen- sinden. Erhalten sie bei wichtigen Fragen einander zuwiderlaufende Instruktion aus der Heimat. oder sind sie selbst geteilter Meinung, dann mag es allerdings Verlegenheitspausen geben, sogar solche von längerer Dauer.
Es mag sein, daß Kanadas Bevölkerung zum großen Teil es noch als einen Vorteil betrachtet, Mitglied der britischen Familie zu sein. Man wird aber nie hören, daß ein Kanadier sick einen „britischen Untertan" nennt. Höchstens bann, wenn er irgendwo im Auslande was „ausgefressen" hat und des Schuhes der britischen Krone bedarf. Die Vorgänge im kanadischen Parlament haben auch nicht gerade dazu beigetragen, die Hochachtung vor dem Vertreter der Krone zu schwellen, wie der Ausgang der Wahlen zeigt. All dies bedeutet natürlich keines^ Wegs, daß der Kanadier fid) nach dem Anschluß an die Vereinigten Staaten sehnt. Es bedeutet noch nicht einmal, daß er unter englischer Herrschaft — wenn man von solcher überhaupt noch reden kann — sich unglücklich fühlt. Bedeutung hat dieser Schritt lediglich als Anzeichen des immer stärker werdenden Selbstbewuht- seins der Teile des Reiches und ihrer 2lb- sicht, zur Erlangung der Gleichberechtigung auch selbständig vorzugehen.
Der neue kanadische Gesandte in Washington ist ein verhältnismäßig junger Mann. Er wurde 1887 in Toronto geboren, studierte auf der dortigen Universität Geschichte und Rationalökonomie, besuchte Oxford auf eine Weile, hielt von 1913 bis 1915 in Toronto Vorlesungen über neuzeitliche Geschichte und trat 1919 als Teilhaber in eine Fabrik landwirtschaftlicher Ma-
Hochschulnachrichten.
Der Beginn des Jubiläumsjahres der Universität Marburg macht sich bereits durch die steigende Besucherzahl bemerkbar. So beträgt die Zahl der immatrikulierten Studierenden bis jetzt 2110, gegen 1829 im vorigen Winterhalbjahr. Im Sommerhalbjahr, das ja immer eine höhere Besucherzahl bringt, waren es 2387 Studierende. Unter den diesmaligen Besuchern befinden sich 267 Frauen. Es studieren 119 Männer und 15 Frauen Theologie, 678 bzw. 18 Jura, 368 bzw. 37 Medizin und 678 bzw. 209 Philosophie. Die auf Grund eines Berechtigungsscheins Zugelassenen sind in diesen Ziffern nicht mit einbegriffen. — Die philosophische Fakultät erneuerte dem Geh. Schulrat Prof. Dr. Erwin V o l ck m a r aus Homberg, Der über 40 Jahre als Direktor der Real- und Oberrcalschule in Offenbach wirkte, aus Anlaß feines 50jährigen Doktorjubi- läums das Doktordiplom. Der Gelehrte wohnt in Büdingen. — Der Generalsekretär des Wissenschaftlichen Instituts der Elsaß-Lothringer im Reich und Honorarprofestor für südwestdeutsche Landesge- schkchte an der Universität F r a n k f u r t a. M. Geh. Regierungsrat Dr. Georg Wolfram ist zum außerordentlid)en Senator der Deutschen Akademie der Wissenschaften ernannt worden. — Zur Wieder- bejetzung des durch den Tod des Prof. 21. Merz an der Universität Berlin erledigten Lehrstuhls für Meereskunde ist ein Ruf an den ordentlichen Professor für kosmische Physik an der Universität Innsbruck Dr. phil. Albert Defant ergangen. — Der Lehrstuhl für technische Mechanik in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Abteilung der Technischen Hochschule zu Dresden ist dem ordentlichen Professor Dr. Georg Prange an der Technischen Hochschule in Hannover angeboten worden. — Das Sächsische Ministerium des Innern hat an Stelle des an die Berliner Technische Hochschule berufenen Professors Dr. Heinrich T e s s e n o w dessen Nachfolger bei der Akademie der bildenden Künste in Dresden Professor Dr. Wilhelm Kreis zum Mitgliede des Akademischen Rates bis 31. Dezember 1931 ernannt. — Der Lehrstuhl für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiken an der Universität Greifswald ist (an Stelle von Prost W. Brünings) dem a. o. Professor Dr. Alfred G ü 11 i ch an
der Universität Berlin angeboten worden. — Als Nachfolger vün Professor N e d e r ist der Privatdozent an der Universität M ü nst e r, Studienrat Dr. Erich Kamke zum außerordentlichen Professor der Mathematik an der Universität Tübingen ernannt worden. — Die Akademie für Geschichte der materiellen Kultur in Leningrad hat die Direktoren an den staatlichen Museen in Berlin, Geheimrat Th. Wiegand, Professor F. S a r r e , und den Generaldirektor des Archäologischen Instituts des Deut- schen Reiches, Professor G. Rodenwaldt zu korrespondierenden Mitgliedern gewählt. Die genannten drei Gelehrten haben im Sommer ds. Is. Rußland besucht und in Leningrad auf Einladung russischer Gelehrter Vorträge über griechische, römische und islamische Kunst gehalten.
Maschinen und Brücken im Examen.
In unserem Zeitalter, in dem die Maschine eure so große Rolle spielt, ist die Prüfung der verschiedenen technischen Anlagen überaus notwendig geworden. Iede Drücke, jedes Gebäude, jeder Kraftwagen, jedes Flugzeug usw. wird einem sehr eingehenden Examen unterworfen, um festzustellen, ob sie auch allen Anforderungen genügen. Dabei macht man immer wieder die merkwürdige Beobachtung, daß zwei Maschinen, die in ihrer Größe und Bauart ganz gleich sind, sich doch bei der Probe verschieden verhalten, und jeder Autofachmann weiß, daß zwei in derselben Serie hergestellte Wagen sich doch in ihren Eigenschaften voneinander unterscheiben. Besonders eingehend ist das Examen für die großen Autobusse. Sie werden, bevor sie eingestellt werden, mannigfach geprüft. Da gibt es eine „@leit- probe". Der Omnibus muß mit großer Geschwindigkeit auf einem schlupfrigen Boden fahren uno wird dann plötzlich angehalten. So bekommt man heraus, ob er zu sehr schleudert. Dann wird er auf einem sehr schlechten Wege ausprobcen. too- bei man die „Löcher" aufsucht. Daran laßt ftch die Federung des Gefährtes erkennen. Andere Prüfungen bestehen in Herabfahren von einem stellen Hügel und in einer Untersuchung seines Gleichgewichtes. Iede neue Drücke wird lorg-
fältig aus ihre Belastung hin erprobt. Lokomotiven und schwerbeladene Waggons, die eine drei- bis viermal so groß" Last darstellen als die normale, werden über die Drücke gefahren. Bei der Prüfung der neuen Waterloo-Brücke in London benutzte man zu dieser Belastungsprobe 30 Omnibusse, von denen jeder mit 47 Sandsäcken beladen war, jeder Sandsack 40 Kilogramm schwer. Sehet Dogen wurde mit dieser Last einzeln ausgeprobt und durch Instrumente die Senkung der Konstruktion bis auf Viooo Zoll beobachtet. Ebenso werden Schifisletten einem strengen Examen unterworfen. Die größte Maschine für Prüfungen dieser Art, die es gibt, ist kürzlich in Dirmmgham eingeweiht worden. Sie tostet 1/t Million Mark, ist 120 Fuß lang und imstande, einen Widerstand bis zu 1250 Sonnen zu zerbrechen. Gerüste und Plattformen, auf denen große Menschenmengen stehen sollen, müssen natürlich auch auf ihr Gewicht hin genau geprüft werden. Man nahm früher an, daß das Gewicht einer Menschenmasfe 80 Pfund auf den Quadrat- fuh beträgt, aber in neuester Zeit hat man fest- gestellt, daß eine dichtgedrängte Menschenmenge 176 Pfund auf den Quadratfuß wiegen kann, und daß daher die Delastung, die bei der Prüfung verwendet wird, das Mehrfache betragen muh.
Vom indischen Heiratsmarkt.
Der indische Volksführer Gandhi veröffentlichte kürzlich in feiner Zeitschrift „Jung-Indien" den Brief eines vornehmen Hindu, in dem dieser gegen die Einführung europäischer Heiratssitten protestierte und erklärte, die indische Gesell- schastsordnung sei sehr viel besser als die europäische. was man daraus sähe, daß viel weniger Scheidungen vorkamen, und auch die Kinderheirat habe ihre großen Vorzüge, weil die Eltern besser wüßten, wer zusammen passe, als die jungen Leute selbst. In seiner Erwiderung gab Gandhi zu. daß man die Verheiratung von Kindern nicht ohne weiteres ablehnen dürfe. Tatsächlich bestehen die Kinderheiraten in Indien noch immer weiter: aber vom europäischen Standpunkt aus wird man sie nicht gutheißen können. I. T. Gwynn erzählt im „Manchester


