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1924 und die ergänzende zweite Entscheidung vom 14. März 1925. Sine Abänderung dieser Ent­scheidungen wäre nur möglich, wenn sie vom Dötterbunde einstimmig angenommen würde.

poincares Sanierungsplan.

Neue Ichuldenverhandlungen mit England und Amerika.

Paris, 18. Nov. (£11.)Echo de Paris" will aus der Umgebung Poincares erfahren haben, daß der Kinanzminister als Endziel der WährungLsamerung die Wiederher st el- lung der Ilmtauschmöglichkeit des Paviergeldes in Gold oder Devisen durch die Dank von Frankreich, d. h. die A b - ichaffung des Zwangskurses, ins Auge gefaßt habe. Voraussetzung dafür sei, dah fein Papiergeld mehr ohne leicht realisierbare Deckung ausgegeben wird. Die Hauptbedingung aber fei die Zurückzahlung von etwa vierzig Milliarden Franken, die der Staat bei der Dank von Frank­reich geliehen habe. Weiter müsse eine Ver­minderung der schwebenden Schulden erfolgen. Poincare hoffe noch in diesem Jahre zwei Ml- llarden Franken zurückzahlen zu können. Poincare habe die Absicht, mit den Regierungen von Washington und London in yeue Verhand­lungen über die Schuldenfrage ein­zutreten, um diese in einem günstigen Zeitpunkt vor das Parlament zu bringen.

Der Achtstundentag in Frankreich.

Paris, 19. Rov. (Lil.) Die Kammer be­schäftigte sich am Donnerstag mit dem Budget des Arbeitsministeriums. Abgesehen von einer kurzen Debatte, in der Vertreter der Linken die Regierung aufforderten, dahin zu wirken, dah der Senat das Washingtoner Abkom­men über den AchtstundArtag endlich ratifi­zieren möge, verlief die Sitzung vollkommen ruhig. Von sozialistischer Seite wurde unter dem Beifall der äußersten Linken darauf verwiesen, dah in Deutschland von 1! Millionen Ar­beitern nur 4lA Millionen mehr als 48 Stunden wöchentlich arbeiten, während in Frankreich der mittlere Arbeitstag neun Stun­den betrage. Rach Schluß der allgemeinen Dis­kussion protestierte der Sozialist Masson gegen die Verschleppungstaktik in der Frage der Sozial­versicherung. Poincar 6 kürzte die Debatte durch Stellung der Vertrauensfrage ab, worauf der Reihe nach die einzelnen Kapitel engen o m° men wurden. Es macht sich bei allen Abgeord­neten das Bestreben bemerkbar, die ganze Budget­debatte so rasch als möglich zu beenden, um freie Hand für die Wahlkampagne zu den be­vorstehenden Senatswahlen zu erhalten, die angesichts der Affäre Marin sehr lebhaft werden dürfte.

Keine Verpachtung der Saargruben.

Eine Erklärung Kommerzienrats Röchling.

Völklingen, 18. Rov. (WTD.) Kom­merzienrat Dr. Hermann Röchling, der Leiter der Röchlingschen Eisen- und Stahlwerke, gibt folgende Mitteilung an die Presse: Die kom­munistische Fraktion des Preußischen Landtags hat eine Interpellation an die preußische Staatsregierung gerichtet, ob es wahr sei, daß die französische Regierung be° absichtige, die Saargruben an die Firmen de Wendet und Röchling zu verpachten. Was die französische Regierung beabsichtigt, ist mir selbstverständlich unbekannt. Daß sie mit mir über eine Verpachtung verhandeln könnte, ist aus vielerlei Gründen unwahrscheinlich, besonders aber deshalb, weil ich mich zu allen . Zeiten öffentlich dafür ausgesprochen habe, dah der preußische und der bayerische Staat bie Saargruben zurückerbal- 1 e n müssen, da es deren Verdienst sei, bau die Saarbeygleute seßhaft gemacht wurden und in- 1 folgedessen tn der Lage gewesen seien, in den j. schwierigsten Zeiten dem französischen Staat Wi­derstand zu leisten. Solche Verdienste um die nationale Sache könne man nicht dadurch be­lohnen, dah man versuche, dem preußische oder dem bayerischen Staate die Verwaltung der Saargruben vorzuenthalten. Auf diesem Stand­punkt stehe ich auch heute noch Damit erledigt sich alles Gerede, als ob ich andere Pläne ver­folge?

Rußland und der Völkerbund.

Rußland wünscht keine Vermittlung Deutschlands.

Moskau, 18. Rov. (Telegrafenagentur der Sowjetunion.) DieIsweitija" toelft auf die Rat­schläge der deutschen Presse an die rke i hin, dem Völkerbunde beizutreten, und betont, daß auch die deutsche Diplomatie sich in dieser Richtung betätige und dadurch die Bemühungen Englands und Italiens unterstütze, der türkischen Außenpolitik ihre lln- abhängigkeit zu nehmen. Die führenden Kreise Dc.. sAlands müßten bedenken, daß diese D'enste au England und Italien sich womöglich für Deutschland selbst als zu teuer ex- wersen könnten. Hinsichtlich 6er Ratschläge Deutschlands an die Sowjetunion, dem Völker­bunds beizutreren, müßten die öffentlichen Kreise Deutschlands, die glauben, sie müßten zwischen der Sowjetunion und dem Völkerbunde die Rolle einesehrlichen Maklers" fpieien, beten- fen, daß seinerzeit Bismarck erst nach Ein­willigung beider Parteien die Ver­mittlerrolle übernommen habe. Es hieße über die Grundlagen der sowjetrusjischen Außenpolitik zu wenig un.errichtet sein, wenn man die Mög­lichkeit des Beitritts der U. S. S.R. zum Völker­bund in Erwägung ziehe.

Die Behandlung der Opposition in Ruhland,

Moskau, 19. Qlou. (Tll.) Stalin soll be­schlossen haben, die Oppositionsführer wieder in hohe Staatsämter einzusetzcn. Er hofft auf diese Weife- eine endgültige Aussöh­nung mit der Opposition herbeizwühren, und zwar sott Trotzki wieder zum Vorsitzenden des HaupttonzessionSanttes. Kamenew zum Bot­schafter in Tokio und Ossowskh zum Handels­

attache ernannt werden. Weiter sollen hohe Posten an der Pariser Botschaft für Schljap- nikow und Miedwedew vorgesehen sein, wahrend Pjatakow zum Vorsitzenden der russischen Handelsgesellschaft bestimmt sei und Qlmtorg nach Amerika gehen sott.

Das deutsche (Eigentum in Amerika.

Washington, 18. Rov. (WTB.) Die 'Ver­handlungen vor dem Finanzausschuß über die Zurückgabe des beschlagnahmten deutschen Eigen­tums werden voraussichtlich längere Zeit an­dauern. Sie dienen der Sammlung umfassenden Materials. Anscheinend besteht allerseits der ernste WUle, eine Lösung zu finden. Die ur­sprünglich als Grundlage gedachte frühere Rew- ton-Vill ist augenblicklich zurückgetreten. 3m Vordergrund steht jetzt der Winston-Plan. Dieser sieht die Bezahlung amerikanischer Privat­ansprüche aus den bis September 1928 auf« -kommenden Daweszahlungen vor. Die Demokraten im Finanzausschuß sind diesem Ge­danken anscheinend nicht abgeneigt, jedoch mit dem grundlegenden älnterschied, daß sie sich der Verwendung der Desatzungslosten widersetzen. David Hunter-Miller, der Rechtsbeistanü Wilsons in Versailles, legte gestern dem Aus­schuß einen Plan vor, der aus gleicher Grund­lage steht, aber unter Auss chaltung der Vesatzungskosten. Falls keine andere Lö­sung auftaucht, wird der Kampf sich um die Pläne Winstons und Millers drehen. Diese Frage wird von den Demokraten zu einer innerpoliti­schen Angelegenheit gestempelt werden. Die Hoff­nung auf eine Rückkehr zu den Grundsätzen New­tons braucht noch nicht aufgegeben zu werden. Die endgültige Entscheidung des Ausschusses ist nicht vpr Anfang Dezember zu erwarten.

Der Aufstand in Nicaragua.

Die Intervention der Vereinigten Staaten.

Washrnglptz. 18- Rov. (Wolff.)Saü gemeldete Ersuchen Hicaraguas um eine ameri- konische Intervention wird erwogen, so­bald Washington amtlich von dem Antrag des Präsidenten Diaz unterrichtet ist. Wie verlautet, hat die amerikanisch Regierung Informationen über mindestens fünf Freibeutereppe- d i t i o n e n von mexikanischen Häfen nach Ricaragua und Guatemala. Kel-. logg erklärte, er hoffe, daß das von Diaz ge­machte Anerbieten der Amnestie und Zuteilung von Ministerstellsn an die Liberalen die Revo­lution in Ricaragua beenden teerte, dessen Er­suchen um Eingreifen ausländischer Stellen jeden Freund der Stabilität in Mittelpmerika mit Sorge erfüllen muß. Der Staatssekretär sagte ferner, daß im Augenblick die Frage einer mexikanischen Einmischung in die mittelamerikanischen Staaten, die offenbar eine Förderung radikaler Propaganda und bolsche­wistischer Philosophie bezwecke, andere Fragen, wie die der Meinungsverschiedenheiten über die Petroleum- und Landesgesetzgebung, in den Hintergrund schiebe. Wenn auch keine Anzeichen dafür zu bemerken seien, daß jene T^orien, irgendwelche ernste Wirkung auf Mittelamerika ausübten, so werde jedoch darauf hingewiesen, dah amerikanische- amtliche Kreise notwendiger­weise angesichts des Zieles der mexikanischen Einmischung besorgt sind im Hinblick auf die geographische Lage dieser Länder zwischen den Vereinigten Staaten und dem Panamakanal. Sollte die Washingtoner Regierung die Lage für ernst genug halten, so würde das Ersuchen des Generals Diaz auf Intervention zur Grundlage für die Ents endung amerikanischer S e e st r e i t k r ä f t e in die Gewässer nach Rica­ragua gemacht werden können, um die Waffenznfuhr aus Mexiko zu ver­hindern. Der amerikan sche Gesandte in Rica­ragua, der sich auf Urlaub in Wrsh.ngton be­findet, hat gestern den Präsidenten Coolidge besucht.

EmdeutscherMakervonFaMLen gelyncht.

Innsbruck, 19. Nyv. (Wolff.) Wie der in Innsbruck erscheinende Tiroler Anzeiger aus «Südtirol meldet, ist ein in Meran wohnender deutscher Maler wegen der angeblichen Aeußerung, er bedauere, daß die Kugel des Attentäters Musso­lini nicht getrogen habe, von Foszisten in die Passer geworfen warben. Seme Leiche konnte noch nicht gefunden werden. Haber den Namen des Malers konnte noch nichts Näheres feftgestellt werden.

Kleine politische Nachrichten.

Nach der vorläufigen Zusammenstellung bei den ostoberjchlesischen Gemeindewah- l e n sind von den Deutschen 335 Mandate, von allen polnischen Parteien zusammen nur 265 Mandate in Den Gemeindevertretungen errungen worden.

Am 27. November tritt im Reichstag der Vor­stand und am 28. November der Parteiausschuß der Demokratischen Partei zusammen. In der Sitzung des Parteiausschusses werden die Reichs­minister Dr. Külz und Dr. Reinhold über die politischen und gesetzgeberischen Arbeiten des Win­ters sprechen.

Am 21. November tritt in Göttingen nach Ver­einigung der Opposition der Kommunistischen Partei Deutschlands (linke K. P. D.) mit der Allgemeinen Arbeiter-Union (Einheitsorganisation) zum Spar­takusbund die erste Reichskonferenz des Spar­takusbundes zusammen.

Der SchulkreuzcrEmden" ist am 17. No­vember jn La Coruna eingetroffen und wird am 27. November nach Lanzareio in See gehen. Das Linienschiff J) aji n o d c r" ist am 16. November von Porte de Praia, wo es bei'onbers herzlich empfangen wurde, nach Palma in See gegangen.

Auf der Durchreise nach Mexiko traf Prinz Heinrich von Preußen in Habana ein. Der Aufenthalt mährte nur wenige Stunden. Der Prinz übersandte dem Präsidenten von Kuba sowie dem deutschen Gesandten seine Karte, die erwidert wurde.

Der neue Bundespräsident von Brasilien, Dr. L. Pereira de Souza, hat die Amtsgeschäfte über* nommen. Der neue Präsident empfing den deutschen

Gesandten, welcher ihm die Glückwünsche des Reichspräsidenten und der Reichsregierung überbrachte, und erwähnte dankend das Glückwunsch­telegramm des Reichspräsidenten und die Ernen­nung der Sonderbotschaft.

Im brasilianischen Staate Rio Grande do S u l ist ein offener Aufstand ausgebrochen. Die Meuterer warfen von Flugzeugen aus Bomben auf die Stadt Santa Maria, wodurch eine Bank und ein großes Hotel zerstört wurden.

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Der amerikanische Kreuzer »M e m p h i s", der sich zur Zeit auf einer Auslanbreise befindet, ist i« Hamburger Hafen eingetroffen, um auf Der Werft von Blohm & Voß sich einer Reparatur zu unterziehen.

Kunst und Wissenschaft.

Bibliokheksdau für das Deutsche Museum in München.

Einer Sitzung des Vorstandes des Deutschen Museums wurden hie Vorschläge für die neuen Dibliothekspläne unterbreitet. Reben einer um» fangreichen Düchersammlung mit Lesesaal wird der Bibliotheksbau auch eine Plansammlung er­halten, ferner einen Kongrehsaal für 1500 Per­sonen. Auf eine Einladung des Norddeutschen Lloyd wird Dr. p. Miller am 24. November eine Reis- nach Britisch- und Hollän» bi sch-In bien antreten. Da gegenwärtig im Deutschen Museum die Gruppen für das Bau­wesen eingerichtet werden, für das sowohl die Wohnstätten der Naturvölker als auch di« P a laste und Tempel Indiens von großer Bedeutung sind, ist zu hoffen, daß diese Studien­reise für das Deutsche Museum von großem Nutzen sein wird, zumal sowohl die britstche als !auch die holländische Regierung ihre weitest­gehende Llnt""stützung zugesagt haben.

Professor Sranj (Einer f.

In Wien ist Professor Franz Ejmex, einer der bedeutendsten Physiker Oesterreichs, im 2lltex von 77 Jahren gestorben.

Bernhard Shaw und der Nobelpreis.

In einem Schreiben an die Akademie spricht Bernhard Shaw feinen Dank für die Verleihung des literarischen Nobelpreises des Jahres 1925 aus, erklärt jedoch, dah er beschlossen habe, den Geldbetrag nicht anzunehmen, da seine Leser und Zuhörer ihm mehr Geld verschafften, als er für feine Bedürfnisse brauche. Er fordert daher die Akademie auf, die Zinsen des ihm zugedachten Betrages zur Förderung der lite­rarischen und künstlerischen Verständigung zwischen Schweden und G-oßbritan- nien zu verwenden. Leider fei die schwedische Literatur noch wenig bekannt, da das für lieber» setzungen erforderliche Geld fehle.

Aus aller Welt.

Spielen mit Streichhölzern.

In Neubiendorf bet Bebra war während der Abwesenheit der Eltern ein vierjähriges Kind in den Stall gegangen, hatte mit Streich- hölzern gespielt unb Feuer angesteckt. Das Feuer sprang schließlich auch auf das Wohn­haus über. Der Onkel des Kindes, der dies retten wollte, erlitt schwere Rauchvergiftungen. Eine alte Frau konnte nur durch das Fenster des ersten Stockes gerettet werden. Das vier­jährige Kind fand man erstickt auf.

Großfeuer in Mürren.

In Mürren (Schweiz) brach am Donners­tag ein Großseuer aus, das sich infolge des hef­tigen Föhnsturmes rasch ausbreitete. Die Hotels Edelweiß und des Alpes sind niederge­brannt, die Hotels Palace unb Eiger stark gefährdet. Auch zwei Geschäftshäuser fielen den Flammen bereits zum Opfer. Hm Mürren brennt der Wald.

57 Häuser eingeäfchecf.

Ein Großfeuer äscherte am Bußtag ti des Ortes Rappelsdorf bei Meimu- 57 Wohnhäuser mit Nebengebäuden, viel Vieh .... große Fuitervorräte wurden vernichtet.

Aufdeckung einer Mordtat.

I» Arnstadt wurde wegen Ermordung des seit Februar vermißten Fleischermeister Hartmann jetzt der 27jährige Hausschließer B'cker verhaftet. Auch die Frau des Ermor­deten wurde feftgenommen. Becker, der mit Frau Hartmann ein Liebesverhältnis unterhielt, will Hartmann mit einem Fleischermesser ge­tötet, die Leiche zerstückelt und in einen Leich geworfen haben. Die Leiche konnte noch nicht gefunden werden.

Bluttat in den Berliner Elektrizitätswerken.

In dem Bureau der Berliner Elektrizitätswerke am Schiffbauerdamm schoß der B u r e a u a n g e- st e l l t e L e m m auf den Vertreter des Personal- chefs Nißler, weil Lemm wegen unverträglichen Verhaltens zu feinen Mitangestellten zum 31. De­zember die Kündigung erhalten hatte. Lemm wurde verhaftet. Er behauptet, er habe unter un­widerstehlichem Zwang gehandelt, da er in den Elektrizitätswerken von Feinden umgeben gewesen sei. Lemm dürfte voraussichtlich auf feinen Gesund­heitszustand untersucht werden. Nißler ist inzwischen g e st o r b e n.

Ein rabiater Stadtverordneter.

In Haltern wurde ein Handwerksmeister am Mittwoch abend auf der Mühlenstraße von dem kommunistischen Stadtverord­neten Dreckmann a ng ef allen und durch Messerstiche schwer verletzt. Anscheinend liegt der Tat ein politischer Anlaß zugrunde. Herbei- geeilte Bürger verprügelten den Täter, der dann verhaftet wurde.

Reun Ehefrauen hinter dem Sarge eines Satten.

Im Gefängnis von C l i n g t o n (USA.) starb der wegen Polygamie zu längerer Kerkerstrafe ver­urteilte Jean Lawrence. Der Cefängnisdirektor verständigte zartfühicnderweise alle neun Ehe­frauen des Verstorbenen, die auch alle erschienen und dem Sarge folgten. Die Erregung der Opfer des Don Quan war nicht gering.

Wettervoraussage.

Südliche bis westliche Winde, Regenfötte, noch mild.

Gestrige Ta^estempermuren: Maximum 14,9, Minimum 6,3 Grad Celsius. Heutige Morgen- iemperaiuv: 6,7 Grad ÜelsiuZ.

Aus der Provlnzialhauptftadt.

Gießen, den 19. November 1926.

Die Lektüre unserer Jugend.

Soll untere Jugend Bücher lesen? Es gab eine Zeit, wo üoer diese Frage heftig gestritten wurde; begeisterten Befürwortern standen solche gegenüber, die jegliche Lektüre für die Jugend ublchnten. Dieser Streit ist längst entschieden. Es gibt wohl heute keinen ernsthaften Erzieher mehr, der nicht das Lesen eines guten Buches als em außerordentlich wichtiges Erziehungs- und Bildungsmittel betrachtet.

Das Lesen eines guten Buches kann den Men fchen glücklich machen. Jeder Erwachsene hat es schon erfahren, wie ein Buch oft sein ganzes Innenleben im Banne hält, wie es ihn heraushebt aus den Sorgen und Widerwärtigkeiten des Alltags unb ihn hineinstellt in eine Welt voll Sonne und Licht. Wie viel größer ist die Wirkung eines Buches auf das viel empfänglichere Gemüt des Kindes. Bücher sollen bilden, unb ein gutes Buch wird diese Aufgabe stets erfüUen. Aber in Wirklichkeit ist es gar nicht in erster Linie der Bildungsdrang, der das Kind 3um Buche greifen läßt, sondern es ist das Sehnen seines Herzens nach einer Welt, in der es tcilnehmen kann an der Freude der Glücklichen und mitsuhlen den Schmerz der Traurigen, wo es miterleben darf den Kampf der Streitenden unb Mitempfinden das Trostbedürfnis derer, die das Leben geschunden und zerschlagen hat. Wird dieses Sehnen des Kindes richtig erkannt und wird ihm in diesem Seelen« zustanb ein gutes B u ch gegeben, so wirb es seichen Segen davon Haden für sein ganzes Heben. Ein Glücksempfinden wird das Kind überkommen, und seine Seele wird sich freimachLN von allem Häßlichen unb Unerfreulichen, bas sie belastet.

Nur ein gutes Buch kann diese Wirkung auf daß Kind ausüben. Die Gefahren, die das Lesen eines schlechten Buches mit sich bringen kann, können außerordentlich groß sein. Es wäre falsch, wenn man alle Schlechtigkeiten, die von Jugend­lichen begangen werden, auf das Lesen schlechter Bücher zurückführen wollte. Aber es kann nicht ge­leugnet werden, daß in sehr vielen Fällen die Lek­türe schlechter Bücher mit dazu beigetragen hat. Ju­gendliche auf die Bahn des Verbrechens zu führen. Eine große Zahl von Gerichtsverhandlungen hat das mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt. Abgesehen von dieser ganz schlimmen Wirkung schlechter Lek­türe sind auch bie sonstigen Schäden, die das Lesen ungeeigneter Schriften mit sich bringt, sehr groß. Schlechte Bücher vergiften die Phantasie des Kindes, verwirren seine Gedankenwelt und beeinflussen seinen Willen oft in der allorbedenklichsten Welse.

Man hat rechtzeitig die Gefahren erkannt, die der Jugend von dieser Seite drohen, unb Bor beugungsmaßnahmen getroffen. Die Schule sucht durch Einrichtung von Schülerbibliotheken, die eine Auswahl guter Lektüre enthalten, den Geschmack des Kindes zu bilden unb dadurch auch Einfluß auf die häusliche Lektüre zu gewinnen. Letztere unter­steht aber in der Hauptsache der elterlichen Aufsicht und Verfügungsgewalt. Die Eltern müssen deshalb dafür Sorge tragen, daß ihrem Kinde nur1 einwandfreier Lesestoff geboten wird. Es ist dies nicht leicht in einer Zeit, in der eine wahre Flut von Jugendschriften auf dem Büchermarkt angeboten wird. Was ist davon für das Kind geeignet und was nicht, wo hört der Schund auf, und wo fängt das Wertvolle an? Diese Fragen müssen gestellt und möglichst einwandfrei beant» wartet werden. Es ist ausgeschlossen, daß der ein« Seine sich in der Unzahl von Jugendschriften zurecht­zufinden vermag, es sei denn, daß ihm ein reichliches Maß pon Zeit zu ihrem Studium zur Drsügung steht. Ihm wollen die Jugendschriften- Ausschüsse, die sich schon vor längerer Zeit überall in Deutschland gebildet haben, zu Hilfe kom« men. Diese Ausschüsse, die meistsne aus Lehrern be­stehen, geben in periodisch erscheinenden Ver­zeichnissen, die für weniges Geld zu haben sind, eine große Anzahl guter Bücher bekannt, hie nach Fächern und Altersstufen geordnet sind.

Jöder aber, der einem Kinde ein Buch kaufen will, einerlei, ob er ein Jngendschriflen-Derzeichnis beruht ober nicht, möge bei der Wahl des Buches von fo'genden Ueberlegungen ausgehen: Dem Kinde bedeutet bas Buch eine Ergänzung seiner jugend­lichen Betätigung. Darum muß die Auswahl des Lesestoffes dem Bedürfnis des jeweiligen Alters ent- spxechen. Das Zwölfjährige hat nicht dieselben Nei­gungen wie das Siebenjährige, und das Sechzehn- ährlge bevorzugt wieder andere Stoffe. Im all- jemeinen lassen sich hinsichtlich der Vorliebe für liefen oder jenen Lesestoff im Leven des Kindes etwa ünf verschiedene Perioden erkennen: Zuerst kommt die Periode des Bilderbuchs, bie etwa bis zum 5 Jahre reicht. Dann erscheint Neues in dem Ge­sichtskreis des Kindes. Außer den Eltern und näch­sten Verwandten treten andere Menschen, Tiere, Pflanzen upb Gegenstände außerhalb seines Kinder­zimmers in den Kreis seiner Betrachtungen. Das Kind kennt aber noch nicht die Bedingungen, unter denen bas Leben in feiner Umwelt sich abspielt. Es glaubt alles, was ihm von Menschen, Tieren, Bäumen und Blumen, von Elfen, Zwergen und Kobolden erzählt wird. Es lebt in der Welt des Märchens. Diese Periode der Vorliebe für das Märchen dauert ungefähr bis zum 8. ober 9 Lebens­jahr. Die fortschreitende Erkenntnis der Dinge in der Umwelt und das Belanntwerden mit der Tätig­keit der Mensche» erwecken dann in dem Kinde die Frstlde am Entdecken, Erfinden unb Erforschen. Es kommt bie Periobe. in der die Kinder Neifebeschrei- bungen, Schilderungen von Erfindungen imb Ent­deckungen, vor allem aber A b e n l e u e r a el ch i ch- te n gern lesen. Man kann sie deshalb die A b e n- teuer-Periobe nennen; sie reicht etwa bis zum 13. Jahre. Nun kpmmt ein Aller, bas wohl als das kritischste der ganzen Jugendzeit anzusehen ist, das Alter zwischen 13 unb 16 Jahren. Die Kinder haben Inzwischen die Verhältnisse in ihrer Um­gebung immer besser kennen gelernt, sie stehen Men­schen und Dingen gereifter gegenüber und sind in der Lage, sich ein Urteil zu bilden. Die Kritik gegen­über der Umwelt setzt ein. Kritik bedeutet aber meist Kampf. Darum bevorzugt die Jugend in diesem Alter Lebensbeschreibungen berühmter Männer und Frauen, die durch Kamps sich durchgesetzt haben. Dramen unb Balladen werden jetzt gerne gelesen. Das Kind sucht nach Gestalten, die es lieben oder hassen, anbeten oder verabscheuen kann, es will jetzt keine Erzählungen. Man könnte dieses Alter bie Kamps-Periode nennen Nach ihr kommt die Zeit des gereiften Jugendaltcrs, die Zeit vom 16. bis 20. Lebensjahr. Es ist dies die Zeit, wo der Jugendliche anfängt, sich mit seinem eigenen Innen­leben zu beschäftigen. Vielerlei Vorgänge haben sich Milllerweile in feinem Leben abgespielt, von denen viel ihm Erlebnisie brbeuten. Er sucht innerlich Stel­lung zu neh neu zu den Problemen, die vor ihm auf­tauchen, und sucht nach Personen, bic gleich ihm um die Gestaltung ihres Leben-, rtm n (Er greift nach