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Va§ große Würfelspiel.
(Martina Wilemar.)
Roman von Franz laver Kappus.
19. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
XV.
Rüstig stieg die kleine Gesellschaft talab. Wenig wurde gesprochen. Man war müde und abgespannt von der Tagesarbeit. Unzähligemal war die Szene auf der Tannenlichtung wiederholt worden, ehe sie klappte. Den ganzen oua der starren, schneebedeckten Gipfel wollte Findeisen im Hintergrund haben. Unerbittlich war er in solchen Fällen. „Die Rache der Berge" sollte ein wirklicher Monumentalfilm werden.
Auch Lily Wilemar schwieg. Aber ihr Antlitz glühte. Wie mit elektrischem Strom war ihr Körper geladen. Seit vielen Wochen ging das nun so: und sie verspürte keine Müdigkeit. Wenn die Kollegen murrten, wenn Mia Hell ihre Launen hatte, wenn der Operateur seinen Kurbelkasten wie ein Tobsüchtiger umkreiste und Findeisen die Hände rang: Lily Wilemar stand lächelnd dabei. Wohl klirrten auch ihre Nerven: aber es war ein beseligendes, kristallklares Wachsein, das heiß bis in die Fingerspitzen pochte.
Ein Blick rundum genügte, und das Gefühl wurde sichere Ueberlegenheit. Waren es die Aroser Berge, die mächtigen Gletscher, die stürzenden Wasser, die mächtigen Schuttmoränen, die das Wunder vollbrachten? Lily wußte es nicht. Immer nur griffen ihre Augen aufs neue in die zauberhafte Welt. Anders als überall schien die Sonne in Graubünden. Anders zogen die Nebel, anders leuchteten die Grate und Schroffen, anders schwammen die violetten Wölkchen am Himmel. Selbst die Abende kamen anders: In wenigen Minuten waren sie manchmal da, indessen Pinter den Plessurer Gipfeln noch letzte Feuer lohten.
In der Halle des Bristol-Hotels traf Findeisen Anordnungen für den nächsten Tag.
„Acht Uhr fünfzehn Abfahrt zum Langwieser Biadukt. Und gute Stimmung mitbringen, meine Herrschaften."
Auch darauf freute sich Lily. Es war schön, durch die endlosen Tunnels zu donnern. Kaum hatte man
einen hinter sich, sauste der Zug wieder über Brücken, darunter das Grauen kauerte, an finsteren Tannen vorbei, am Rande rauschender Wasser. Wenn man an diese Bilder dachte, konnte man gar nicht anders, als gut spielen. Vielleicht hatte die seinnervige Elvira, deren Rolle man mimte, einmal in Wirklichkeit gelebt. Vielleicht war ihre Sehnsucht wirklich an der stolzen Erhabenheit dieser Berge zerbrochen. Ohne weiteres konnte das alles wahr gewesen sein. Es fiel nicht schwer, als Elvira zu agieren, zu lächeln, zu leben. Findeisens kurze, befehlende Worte störten dabei ebensowenig wie die Bemerkungen der Kolleginnen.
Lily machte große Toilette. Jeden Abend machte sie große Toilette. Auch das gehörte zum neuen Leben. Die Welt, nach der man sich verzehrt hatte, war da.
Jrn Alexandra-Hotel wartete der engere Hofstaat: Mister Raisinan aus Buffalo und der kleine melancholische Doktor Bogdanski aus Warschau. Beide fügten sich ausgezeichnet in den Rahmen. Beide wußten genau, was sie einer angehenden Filmdiva in der fashionablen Umgebung schuldig waren.
Sanft ober wild spielte das Hotelorchester.
Mister Raisman sprach nicht viel. Er dachte an seine Geschäfte, obwohl er an seine Geschäfte nicht denken sollte. Die Aerzte hatten es verboten. Mit Mühe war ihm von dem großen Apparat, den er mitgebracht hatte, eine Stenotypistin bewilligt worden. Höchstens zwei Stunden des Tages durfte er diktieren: immer im Liegestuhl auf der Terrasse, immer das Fieberthermometer bei der Hand.
Bitter beklagte sich Mister Raisman.
Der Doktor Bogdanski lächelte mit glänzenden Augen.
„Was wollen Sie, Mister Raisrnann? Das Leben ist kein Perpetuum mobile. Dann und wann muh die Maschine repariert werden. Vielleicht läuft sie dann noch ein paar Jahre."
Teilnahmsvoll fragte Lily: „Wie fühlen Sie sich heute, Doktor?"
Bogdanski griff in die Tasche und zeigte ein verkleinertes Röntgenbild. „Die letzte Aufnahme. Kein erbaulicher Anblick. Aber immerhin: etwas scheint von der Lunge noch übrig zu fein." Sein schön- geschnittener Mund spannte sich durstig: „Wir tanzen doch später?"
Lily nickte.
Jeden Abend tanzte sie im Kursaal.
Jeden Abend war die Stimmung der Gäste verschieden. Manchmal tobte und lärmte die Jazzband vergeblich. Kaum zwanzig Paare lockte der Foxtrott. Dann wieder fuhr es allen in die Glieder. Irgendein Funke zündete unsichtbar. Flugs lösten sich die schmalen, sonnengebräunten Gesichter.
Gesund ober todgeweiht: in diesen Stunden galt es gleich. Mia Hell war es vor Wochen gewesen, die die anderen so mitgerissen hatte. Später war die kleine Pariserin mit dem Wuschelkops gekommen, vierzehn Tage darauf die junge Engländerin, deren grüne Augen wie peruanische Smaragden schimmerten.
Und heute war es die Sakubowa.
Sie machte sich nichts daraus, daß alle Blicke staunten. Wieder schritt sie wie eine Königin, die Brauen hochgezogen. Noch weißer leuchteten ihre Schultern inmitten der dunkelgebrannten Menschen. Noch hoheitsvoller trug sie den Kopf mit dem glatten, braunen Scheitel. Noch gebändigter war das Spiel ihrer Hände. Noch biegsamer und weicher tanzte sie.
Jeder der Herren wollte vorgestellt sein. Aber nicht jedem erwies sie die Gnade. Zuweilen streifte sie ihren Begleiter mit einem kurzen, fragenden Blick. Erst wenn der feierliche Russe, das Einglas im Auge, leise nickte, ließ sie sich zum Tango ober Tharleston führen.
Mister Raisman fand nichts an der Sakubowa.
„Es gibt hundertmal hübschere Damen hier," sprach er, nachdem er sie gemustert hatte. „Man braucht nicht einmal weit zu gehen." Das war seine unbeholfene Art, Lily zu huldigen."
Bestimmt sagte Lily: „Sie ist sogar sehr schön. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine schönere Frau gesehen zu haben." Sie neigte sich zur Seite: „Was meinen Sie, Doktor?"
Bogdanski antwortete etwas.
Lily verstand den Sinn seiner Worte nicht. Während er noch sprach, stand sie auf und reckte den Hals.
„Sie gefällt Ihnen wirklich sehr gut", sprach Bogdanski beleidigt. Er seufzte schwer.
Lily lächelte geistesabwesend.
Kein Zweifel: der dort drüben war Kreuth, Benno von Kreuth. Mitten in dem Knäuel nächst des
Orchesters tanzte er. Jetzt wandte er das Antlitz der Saalmitte zu: ein Irrtum war ausgeschlossen. Es konnte nur Kreuth fein.
Eine Weile beobachtete Lily. Nicht einen Augenblick verschnaufte der Mensch. Der Reihe nach montierten Mädchen und Frauen in seinen Arm. Zu- fammengepreht waren seine Lippen. Kaum ein Wort schien er zu sprechen.
„Immer noch die Sabukowa?" fragte Bogdanski mit flackerndem Blick.
„Ich sehe einen Bekannten aus Berlin."
In der Pause ließ Lily Kreuth zu sich bitten.
Wunderbar hatte er sich in der Gewalt. Keine Wimper zuckte in seinem mageren Gesicht, während Lily oorstellte. Stehend fragte er: „Sie filmen wohl hier, Fräulein Lily? Martina hat mir geschrieben, daß Sie in der Schweiz filmen. Da darf man ja gespannt sein. Wann wird man ,Die Rache der ‘-Serge* zu sehen bekommen?"
„Im Winter jedenfalls", sagte Lily tonlos. Leibhaftig stand das Bild der Schwester vor ihr. Ihr ganzer Jammer wurde lebendig. Wie hatte das Mädchen schon gelitten, wie litt sie sicherlich auch letzt. „Und Sie, Herr von Kreuth?" fragte Lily schärfer. Groß weiteten sich ihre Augen.
Kreuth verschränkte die Arme.
„Es geht!" sprach er zwischen den Zähnen.
„Seit wann sind Sie hier?"
„Vormittag angekommen." . ?s
„Unb wann gebenden Sie —**
„Vielleicht schon morgen, vielleicht erst in etniacn Wochen."
„Nach Berlin zurück?" erklärte Lily. Ihr Atem flog.
„Ja — morgen oder in einigen-Wychen. Es ist noch Etliches in Schwebe. Man kann nicht immer, wie man möchte."
Bogdanski war zur Seite gerückt. Eine Weile saß er stillll, dann knüpfte er mit dem Orientalen zu feiner Linken ein leises Gespräch an. Nachdenklich senkte sich der blauschwarze Kopf des andern. Auch Mister Raisman ahnte Zusammenhänge. Er entschuldigte sich kurz und ging. Vielleicht konnte er Miß Saunders hier irgendwo finden. Es war doch vorteilhafter, an Stelle des Briefes, den man morgen absenden wollte, noch heute zu fabeln.
(Sortierung folgt.)
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