Wege zur Gesundung.
k. Der Naturheilverein veranstaltete am Dienstag im großen Hörsaal der Universität einen öffentlichen Vortragsabend, bei dem Dr. med. M a ° 1 e ch aus Frankfurt a. M. über „Wege zur Gesundung des deutschen Volkes" sprach. Nach der Auffassung des Redners werde von vielen in Unkenntnis der Dinge mit der Gesundheit viel Mißbrauch getrieben. Um gesund zu werden oder sich gesund zu erhalten, sei es notwendig, die Wege zur Gesundheit zu kennen, sie aber auch zu gehen. Dringend notwendig sei ein persönliches Verhältnis zwischen Arzt und Patienten. Zu der Behandlung der Krankheiten übergehend, bemerkte der Redner, daß man im NaturheUverfahren nicht nur das kranke Organ, sondern den Körper, der durch die Krankheit in Mitleidenschaft gezogen sei, behandele. Es sei notwendig, die Körperkräfte und Körpersäste zu heilen. Der Arzt zeige nur den Weg hierzu, den der Patient gehen müsse. Redner zeigte weiter die Wege, die nach seiner Auffassung zur Gesundung führen. Lor allem sei eine Hebung der inneren Widerstands- träfte des Körpers notwendig. Einer der wichtigsten Faktoren sei hierbei die Ernährung. Vermeidung von Ueberernährung, Einschränkung der Eiweiß- zufuh.' sei dringend erforderlich. Redner besprach hierauf die Bedeutung des Obstes und Gemüses für die Ernährung, insbesondere auch die Wichtigkeit, dieselben in ungekochtem Zustand zu genießen. Redner trat der vielfach verbreiteten Ansicht entgegen, daß Eier und Fleisch besonders nahrhaft seien, und wünschte im Interesse der Volksgesundheit mehr Gemüse- und Obst- und weniger Fleischgenuß. Jede übermäßige Zuführung von Flüssigkeit sei dem Körper schädlich. Bei der Verwendung von Gewürzen an Speisen müsse man sehr vorsichtig sein. Zur Körperpflege übergehend, wies der Redner vor allem darauf hin, daß alle Schädigungen des Körpers zunächst die Haut treffen, außerdem würden in der Haut Abwehrstoffe gegen die Krankheiten gebildet. Aber auch bei Stoffausscheidungen spiele die Haut eine wichtige Rolle, ganz abgesehen davon, daß sie den Wärmehaushalt des Körpers reguliere. Die Naturheilbewegung nehme auf diese Tatsachen bei den Anwendungsmethoden gebührend Rücksicht. Redner kam dann auf die Luftbadbewegung zu svrechen, die erfreulicherweise Fortschritte mache, doch müsse in dieser Hinsicht immer noch mehr geschehen. Bezüglich gesundheitlicher Kleidung stellte der Redner fest, daß das Korsett nahezu überwunden sei. Die heutige Damenwelt bekleide aber einen Teil des Körpers zu leicht, den andern zu warm. Die Röcke seien nicht nur fußfrei, sondern oft sogar kniefrei. Die Kleidung müsse gleichmäßiger sein, und zwar leicht und doch warm unter Vermeidung jeden Drucks, das Schuhwerk nicht zu eng und spitz, Absätze nicht so hoch. Bezüglich der Wohnungsfrage bemerkte der Vortragende, daß noch sehr viel zu tun sei. Zur Besserung der Heizung der Wohnräume und Erwärmung des Fußbodens hält er Warmwasserheizung am Fußboden entlang für empfehlenswert. Zum Schlüsse sprach der Redner noch kurz über die seelischen und geistigen Verhältnisse und wies darauf hin. daß die Ursache der Nervosität meist in der Kindheit zu suchen sei. Im Elternhaus und in der Schule seien die Kinder öfters Erregungszuständen ausgesetzt, die sich später ungünstig auswirkten. Deshalb fei die Erziehung des Kindes für die späteren Gesundheitsverhältnisse außerordentlich wichtig. Die Trennung der Kinder in der Schule nach geistigen Anlagen sei von besonderer Bedeutung. Auch müsse das Selbstvertrauen des Kindes in weitgehendem Maße geweckt werden.
25-Iahrfeier der Gutenberg-Gesellschaft.
WSR. Mainz. 18. Juni. Die Gutenberg-Gesellschaft. die am Johannistag 1901 zum Zweck der finanziellen Unterstützung des vor einem Jahre gegründeten Gutenberg- Museums und zur Herausgabe wichtiger Forschungen zur Druckgeschichte ins Leben trat, blickt auf eine 25jährige erfolgreiche Tätigkeit zurück. Die wichtigsten Arbeiten über die Frühdruckzeit, die in diesem Vierteljahrhundert erschienen sind, gingen von der Gutenberg-Gesellschaft aus. Am Sonntag, 27. Juni, dorm. 11 Mr, findet die 2 5. Generalversammlung die- -fer Gesellschaft im Rathaus zu Mainz statt, bei der der Buchdruckereibesitzer Karl Ernst P o e s ch e l - Leipzig, der Führer auf dem Gebiete der deutschen Buchdruckerkunst, einen Vortrag über das Thema „Deutscher Buchdruck gestern, heute und morgen" halten wird. Am Abend vorher, 26. Juni, um 10 Mr, bringen:
die Mainzer Buchdrucker ihrem Meister eine große Huldigung am Gutenberg- benEmai dar, bei welcher Gelegenheit alle Fenster des Gutenbergplatzes illuminiert und das Denkmal beleuchtet wird.
Preußen.
Kreis Wetzlar.
XX Launsbach. 18. Juni. Es ist erfreulich, daß die ältere der beiden hiesigen Zig ar - renfabriken, die mehrere Wochen ihren Betrieb stillgelegt, mit Beginn dieser Woche die Arbeit wieder aufgenommen hat. In der neuen Fabrik sind etwa 90 Arbeiter voll beschäftigt.
<> Oberkleen, 13. Juni. Die hiesige Jagd ist in zwei Bezirken bis zum 31. März 1928 verpachtet, und zwar der Bezirk links des Kleebaches in Größe von 323 Hektar Feld und 232 Hektar Wald an den Direktor Ros- ko t h e n zu Altenburg (Sachsen), der Bezirk rechts des Kleebaches, der 120 Hektar Feld und 73 Hektar Wald umfaßt, an die hiesigen Jäger Konrad Löw, Johannes Reuter und Jakob Watz. Die Derpachtug fand letztmalig in der Inflation statt, so daß nach Beendigung derselben jedes Jahr Verhandlungen zwischen der Gemeinde und den Pächtern über die Hohe der jeweils zu zahlenden Pacht stattfinden mußten, Um diesem Zustande ein Ende zu bereiten, haben sich die Pächter erboten, rückwirkend vom Jahre 1925 ab für den größeren Bezirk 1600 Mark und für den kleineren 200 Mark Pacht jährlich »unter der Voraussetzung zu zahlen, daß der im Jahre 1928 ablaufende Pachtvertrag um 6 Jahre bis zum 31. März 1934 verlängert werde. Der Jagdvorsteher hat dieses Vorhaben den Bestimmungen der Jagdordnung gemäß bekanntgemacht und die Bedingungen ausgelegt gegen die jeder Jagd- genosse (Grundstücksbesitzer) beim Kreisausschuß Einspruch erheben konnte. Von dieser Möglichkeit hat niemand Gebrauch gemacht, so daß die Verpachtung auf weitere 6 Jahre bis 1934 zu den oben angeführten Pachtsummen als geschehen zu betrachten ist. Die Jagd hat einen sehr guten Rehbestand; Schwarzwild kommt fast ständig als Wechselwild vor, ohne daß es auf den Feldern größeren Schaden angerichtet hätte. Der Pächter Roskothen läßt den Jagdschutz durch einen hauptberuflich tätigen Jagdaufseher aus- üben. Die Friedenspacht betrug 1310 Mark. Damals war die Jagd noch in einem Bezirke verpachtet. Die Teilung in 2 Bezirke ist erst nach dem Kriege vorgenommen worden.
00 Klein-Rechtenbach, 18. Juni. Nächst Hochelheim ist Klein-Rechtenbach diejenige Gemeinde des Hüttenberges, die über die größten Kirschen anlagen verfügt. Ebenso, wie in Hochelheim haben sich auch hier dis Erwartungen, die man auf die diesjährige Kirschenernte gesetzt hatte, nicht bestätigt. Durch Insektenfraß — die sogenannte „Kirschen- , fliege" — ist ein erheblicher Teil der Ernte vernichtet. Die Frühkirsche, die später blüht, als die Spätkirsche, zeigt einen besseren Behang. Im allgemeinen kann jedoch nicht einmal mit einer Mittelernte gerechnet werden.
Kreis Biedenkopf.
# Königsberg, 18. Juni. Die schon seit Winter im Bau befindliche S e i l b a h n der hiesigen Grube ist jetzt soweit fertiggestellt, daß heute die erste Probefahrt stattfinden konnte. Hoffentlich wird der Betrieb bald wieder voll arbeiten können, zumal man jetzt mit der Regierung zu einer Einigung über die Hilfsmaßnahmen für den Lahn- Dill-Erzbergbau gekommen ist.
Oberlahnkreis.
0 Gräoeneck, 18. Juni. Lehercr K. Becker von hier verwaltete 28 Jahre lang das Amt des Schiedsmanns. Da er das Amt niederlegte, wählte die Gemeinde den jetzigen Lehrer K e 11 e r zum Schiedsmann. An Stelle des zurückgetretenen Schiedsmannstellvertreters Wilh. Hartenfels I. wurde Wilhelm Keller gewählt. — Die Freude auf die Kirschen ernte ist hier vollständig zu. n i ch t e geworden, denn der Frost hatte die jungen Früchte so gedrückt, daß der überreiche Behang re st los abgefallen ist.
0 W e i n b a ch , 18. Juni. Am nächsten Sonntag soll dahier das F e st des 50jährigen Bestehens des Kriegervereins, verbunden mit dem Kreis -Kriegerverbandsfe st gefeiert werden. Es ist das erste größere Verbandsfest
Biedermeiers in Norderney.
Ein alter Badebrief.
Von Kurt Siern er s.
Rorderneh, im Juli 1832.
Mein angebeteter Engel! Am letzten Sonnabend habe ich mit dem „Patriot" von Hamburg aus die Reise nach der Insel Rorderneh in nur 14 Stunden zurückgelegt (O Schnelligkeitstriumph unseres Jahrhunderts! und das für 21 M. Hamb. Courant). Man kömmt sich auf diesem Dampfschiff wie in einem glänzenden, schwimmenden Caffee-Haus vor.
Aus den Segelschiffen wurde man noch vor einigen Jahren mit einem hochräderigen Wagen durch die Wellen an Land gefahren. Jetzt nahm uns eine Schaluppe aus dem Dampfschiff auf und brachte uns aus diesem in bereitstehenden Wagen ins Dorf. An dessen Eingang empfing uns die Badegesellschaft freudig mit viel Halloh, und — zumal die jungen Damen der Reisegesellschaft — mit eifrigem Interesse und manchmal auch spitzigen Bemerkungen. Dor einem Zelt am Eingang wurden wir auch mit Musik von der Kapelle begrüßt.
Ich ließ mir erzählen, daß Rorderneh etwa 170 Häuser mit fast 700 Einwohnern zählt. Du müßtest die einladende Sauberkeit dieser aus Backsteinen erbauten und mit Ziegeln bedeckten Häuser in holländischem Geschmack sehen, zwischen denen bequeme Trottoirs von roten Backsteinen hinlausen. Fast ein jedes Haus hat sein heckenumfriedetes Gärtchen; vor keinem fehlt ein gleichfalls mit rothen Backsteinen gepflasterter, terrassenartiger Raum, der durch ein darüber aus- gespanntes Segeltuch zu einer Art Veranda wird, die den Sammelplatz der das Haus bewohnenden Badegäste zum Frühstück oder zum Visitenempfang abgibt. Durch diese Vorrichtung wird eS uns möglich, fast immer im Freien zu verbleiben, auch außer der Bade- und Prorneniden- zcit.
Die Einwohner lernen den Verdienst aus dem Verrniethen ihrer Wohnungen, der Bedienung und Aufwarthung der Badegäste von Jahr zu Jahr höher schätzen. Ihre Tracht hat nichts
besonderes; die Männer tragen Matrosenkleidung, kurze Blusen, weite Beinkleider und runden Hut. Wichtiger scheint Dir die Frage, wie die Frauenzimmer angezogen gehen. Sie tragen sich ungefähr wie die ostsriesischen Bäuerinnen in der Gegend dort auch. Auf große Schönheit können sie keinen Anspruch machen, dagegen sind sie als tugendhaft und akkurat bekannt.
Ein Vergnügen ist es, zur Ebbe auf dem völlig ebenen, sammetähnlichen Sandboden zu lustwandeln oder sich in die Dünen zu verlieren. Man kann sich hier leicht verirren, und manche sorgsame Mama hat hier auf Stunden ihre gut behütete Demoiselle Tochter plötzlich verloren, bis sie ein galanter Ritter nach Stunden wohlbehalten wieder anbrachte. Doch sind das Dinge, die hier zum täglichen Gesprächsstoff gehören, und ich habe keine Veranlassung mehr, Verirrungen und Zufälle zu arrangieren, nachdem ich, mich an Deiner Augen Glut versengte.
Am Strand der Damen wie der Herren kann man sich in hölzernen Pavillons und Zelten auf» halten; man zieht jedoch die beweglichen Sitze vor, auf denen man wartet, bis man mit Baden an die Reihe kommt. Der gleiche Zweck führt hier schnell gegenseitige Bekanntschaft herbei, und muntere Gespräche, die mit kurzen Strandpromenaden abwechseln, machen dies Verweilen und Warten zu einer beliebten Unterhaltung. Es bildet sich im Freien eine Arth von Club, wenigstens für uns Herren, wobei die Pfeife und Zigarre ebensowenig fehlen als Anecdoten, witzige Einfälle und fröhliche Laune.
Im Bad der Damen bezieht man zu dreien oder vieren die Badekutschen, von denen über 60 vorhanden sind. Dies sind geräumige, auf vier Rädern ruhende hölzerne Cabinetchen, zum Aus- und Ankleiden, worin man bis zu gehöriger Tiefe ins Wasser geschoben wird. Du findest darin einigen Comsort: Spiegel, Klingel, Kleiderriegel, Stiefelknecht, einen Fußteppich, oder man kann auch Kammerjungfer oder Bediente mit hineinnehmen.
Man kann sich hier nach Laune und Vermögen einrichten. In dem unlängst erbauten Conversationshause trifft man sich. Da ich aber feine Dukaten zum Fenster hinauszuwerfen habe.
im Kreise nach dem Kriege. Dem Feste wird Se. Exzellenz General d. I. a. D. A l b r e ch t beiwohnen.
Kreis Marburg.
sch. Marburg, 18. Juni. Heute nacht 1.45 Mr brach in Caldern (Kreis Marburg) in der Pfeifferschen Mühle Feuer aus, welches mit rasender Geschwindigkeit um sich griff. Trotz der verzweifelten Bemühungen der einheimischen und auswärtigen Feuerwehren war der Mühlenbetrieb gegen 5 Uhr morgens vollständig ausgebrannt. Auch das Wohnhaus wurde stark beschädigt. Der Mühlenbetrieb ist jetzt zum drittenMale nieder- gebrannt. Die Ursache des Feuers ist nicht bekannt, der Schaden soll sich auf zirka 50 000 Mark belaufen, die nur zum Teil durch Versicherung gedeckt sind. Leider ereignete sich bei den Löscharbeiten ein bedauernswerter Unfall. Der Arbeiter Karl Muth aus halbem, der sich ebenfalls an den Löscharbeiten beteiligte, wurde, als ein Kamin e i n ft ü r z t e, von einem Stein s o schwer verletzt, daß er nach Einlieferung in eine Marburger Klinik seinen Verletzungen erlegen ist. Muth hinterläßt Frau und ein unmündiges Kind.
Maiugau.
WSR. Frankfurt a. M. 18. Juni. Die Frankfurter Polizei hat in den letzten Tagen mehrere altbekannte, oft mit Gefängnis und Zuchthaus vorbestrafte Personen f e ft genommen. Es handelt sich um den 50 Jahre alten Schneider Heinrich Schneider, den 42jährigen Arbeiter Jean Müller von hier, den Schlosser Gregor Reubauer aus Langen und den Dachdecker Andreas Kunkel aus Offenbach. Die Verhafteten haben fast alle erst vor ganz kurzer Zeit die Strafanstalten verlassen. Die Polizei hat einen recht guten Fang gemacht; denn zahlreiche Einbrüche in Wasser Häuschen und Läden konnten den Herrschaften bereits nachgewiesen werden. Die Leipziger Polizei hat den Kaufmann Friedrich Täubler aus Do« batoen und die verheiratete Katharina Holy aus Griesheim fest genommen. Die beiden haben in mehreren Städten Seidendiebstähle aus» geführt. Einen großen Teil des Diebesgutes hat die Frankfurter Polizei wieder herbrigeschafft. Wie groß der Umfang der Diebstähle war, läßt sich daraus ersehen, daß bei den von der Frankfurter Polizei herbeigeschafften Stoffen 23 verschiedene Farben festgestellt werden konnten.
Amtsgericht Gießen.
' Gießen, 15. Juni. Ein Landwirt von Leihgestern erhielt zu Reujahr eine Reihe sog. Uzkarten, durch die er .ich beleidigt fühlte. Er verklagte daraufhin drei junge Leute, einen Schlosser, einen Kaufmannsgehilfen und einen Lackierer mit der Begründung, diese hätten ihm je eine Karte geschrieben. Da sie ihre Täterschaft bestritten, sollte zunächst ein Gutachten des Gerichtschemikers Prof. Dr. Popp darüber eingeholt werden, ob die Angeklagten die Karten, geschrieben hätten. Nachträglich wurde jedoch dä- von Abstand genommen, da der Privatkläger die durch die Erstattung des Gutachtens entstehenden Kosten in Höhe von rund 100 Mk. nicht vorschießen wollte. Er nahm daraufhin die Privatklage gegen den Kaufmannsgehilfen und den Lackierer zurück und benannte diese beiden als Zeugen dafür, daß der Schlosser die eine Karte geschrieben habe. Nachdem jedoch die beiden in der heutigen Sitzung übereinstimmend beschworen hatten, daß sie nichts davon wüßten, daß der Schlosser die eine Karte geschrieben hätte, daß sie etwas derartiges auch nicht von dritten gehört hätten, blieb dem Privatkläger nichts anderes übrig, als auch diese Privatklage zurückzunehmen. Die Llzkarten kommen also dem Privatkläger recht teuer zu stehen, da die Kosten, die er für seine Klagen zu zahlen hat, sich wohl auf mehrere hundert Mark belaufen werden.
Gerichtssaal.
Das Urteil
im Vernkasteler Winzerprozeh.
B e r n k a st e l. 19. Juni. (TU.) Im Prozeß gegen die wegen Landfriedensbruchs an* geflagten Winzer wurde Freitag nacht gegen 12 Mr folgendes Urteil gefällt: E l f A n g e *
lasse ich mich dort im Spielzimmer nicht sehen; dort spielen sie Tag für Tag ihren Whist, und zwei Holländer und ein Hamburger Kaufmann spielen am Billard, ob draußen die schönste Sonne oder stürmisch ist. Im Lesezimmer kann ich alle paar Tage die „Vossische Zeitung" oder die „Hamburger Nachrichten" zur Hand nehmen, so daß ich einigermaßen weiß, was in der großen Welt vorgeht.
Im Tanzsaal bin ich jedoch nur selten zu finden, zumal man auch sonst Gelegenheit zur Konversation und Gesellschaft reichlich findet.
Klug habe ich daran getan, meine Caffee- maschine mitzunehmen, weil die Insulaner samt und sonders den braunen Stärkungstrank nicht zu bereiten verstehen. Zu meiner Freude habe ich entdeckt, daß man hier die besten Austern von Borkum, um ein billiges bekommen kann, und ebenso vorzüglich wie zu Hamburg in Solt- manns Keller.
Ich bin ganz in der Rähe, in Kruses Gast- Hos, einlogiert, und habe die sorgfältig gehegten Anlagen des Bosketts vor den Fenstern. Die Musit der tüchtigen Prager Kapelle und Augenweide habe ich, wenn ich will jeden Vormittag in aller Kommodität. Für meine 21/« Taler wöchentlicher Miete kann ich keinen besonderen Luxus verlangen; im königlichen Logierhaus hat man für 7 Taler 2 reichlich agreable Zimmer.
Wenn ich in den Anlagen beim Konver- sationshaus eine Schokolade getrunken habe, und es wird durch Aufziehen einer Flagge die Ankunft eines Schiffes signalisiert, so klettere ich auch wohl zum Belvedere und genieße die weite Aussicht auf das Meer, das hier der Dr. Heine, Dein Lieblingspoet, vor einigen Jahren in Rorderneh im Sande lagernd, besang - „Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer.
Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser..."
Der Anblia des offenen Meeres, das Kommen und Rahen der Wellen, welche ihre weißen Schleier an Die Brust des Badenden spülen, die frische reine Seeluft wirken nicht allein physisch wohltuend, auch auf das Gemüt des Menschen üben sie ihre heilende Macht. Rie wird die Salubrität und Reinheit der Luft durch fau
lt agte werden freigesprochen. Die Angeklagten Roth-Zenter, Thanisch, Herrn. Heinz und Kieren werden wegen Landfriedensbruchs zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Angeklagte M e n t - ges-Jakoby wird wegen schweren Landfriedensbruchs zu einer Gefängnisstrafe von sieben Monaten und der Angeklagte Flesch zu acht Monaten verurteilt, der Angeklagte G ö r g e n wegen schweren Landfriedensbruchs, die Angeklagten Velten. Alfred Geller und Peter Geller, Frey. Zimmer, August Philipps, Pohl, Schwab, Jakob Ehlen wegen schweren Landfriedensbruchs in Tateinheit mit Vergehen gegen § 133 Absatz 1 zu Gefängnisstrafen von Drei Monaten verurteilt. Die Kosten werden den zu Strafen verurteilten Angeklagten auferlegt. Mit dem Urteil verkündete das Gericht den Beschluß, die Vollstreckung gegen die Angeklagten Pohl. Roth-Zenter, Thanisch. Hermann Heinz und Kieren auf Drei Jahre mit Bewährung aus- zusehen.
Der Onkel aus Amerika.
WSR. Aschaffenburg. 18. Juni. Dor der Großen Strafkammer als Berufungsinstanz hatten sich gestern der frühere HotelpLsitzer und Viehhändler und jetzige Stoff- und Kleiderhändler Max Mildenberg aus Frankfurt a.M. und desseO Frau wegen Engrosbetrugs zu verantworten. Mildenberg hatte, als er zum St off handel überging, auch mit Aschaffenburger Firmen Geschäftsverbindungen angeknüpst und sich deren Vertrauen hauptsächlich dadurch erworben. Daß er zuerst mit prompten Zahlungen, schwer goldenen Mren, dann mit Dem Dollarreichtum seiner aus Amerika stammenden Frau und zuletzt dem amerikanischen Erbonkel operierte, so daß diese ihm großzügig Kredit, gewährten. In ungefähr 13 Monaten hatte er es verstanden, acht hiesige Konfektionsfirment um nicht weniger als 100000 Mark zu schädigen. Vier Firmen sind durch den Mann in Konkurs geraten, zwei stehen unter Geschäftsaufsicht, zwei andere sind in schwere Bedrängnis geraten. Rach stundenlanger Verhandlung kam das Gericht zu dem Entschluß, die Berufung Mildenbergs zu verwerfen und es bei dem erstinstanzlichen Urteil (P/a Jähr Gefängnis für Mildenberg, 5 Mona t e für seine Frau) zu belassen. Wegen! Fluchtverdachts wurde Milvenberg sofort in Hast genommen.
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lenden Seetang verpestet: Jeden Morgen ist die Wonne neu, sich in die Arme der freundlich winkenden Seenixe werfen zu können.
Eine so angenehme und ungezwungene Geselligkeit findet man kaum wieder; nirgend ist soviel Gelegenheit zum Anknüpfen neuer und Cultiviren gemachter Bekanntschaften als hier, wofür den besten Beweis, die Verlobungen, welche eine jede Saison hier zur Reise bringt, sowie die Anhänglichkeit und häufige Wiederkehr so vieler hier Gewesener abgeben. Vorzüglich gefallen mir die Teegesellschaften, wofür ich wöchentlich 16 Gr. bezahle. Der Kgl. Badedirektor — Rorderneh ist von Preußen an Hannover übergegangen — Graf v. Wedell und seine Gemahlin nehmen jede solche Gelegenheit wahr, die von verschiedenen Weltgegenden hier zu- sammentreffenden Gäste einander näher-zu bringen, so daß hier so etwas wie ein Concours de monde entsteht. Selbst die Gäste, die sich im Anfang ängstlich nur an ihre Landsleute halten und immer nur von den vaterländischen Klatschangelegenheiten sprechen, werden allmählich in den großen allgemeinen Cercle gezogen.
Zu Abend esse ich nach der Charte für 4 Groschen im Conversationshaus; die Thable d’hote ebendort mit Suppe, Fleisch, Braten, Fisch. Compot für 14 Groschen finde ich recht wohlfeil.
Für die übrige Zeit meines hiesigen Aufenthaltes will ich mir für 8 Groschen wöchentlich ein Sopha mieten. Des Abends bin ich des öfteren in eine Bremer Familie eingeladen, die mancherlei Bequemlichkeit und Geräthe, sogar ein Piano per Schiff aus Bremen herüberschaffen ließ; sie ist in jedem Sommer hier, wie ichs auch von einigen Hamburger Familien weiß.
Heute nachmittag gedenke ich Die Franzosenschanze aufzusuchen, welche die Insulaner in den letzten Kriegen auf Rapoleons Befehl "hier er» richten mußten. Es sind noch Eingeborene im Dorf, die daran geschanzt haben. Die Gesellschaft, die mit von Der Parthie ist, erwartet mich. Darum schließe ich diese Zeilen für meine angebetete Antonia mit tausend Küssen Der unverbrüchlichen Liebe Ludwig.


