nr. Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Samstag, (9. Juni 1926
Außenpolitische Umschau.
Don Prof. Dr. Otto Hoch sch. M.d.R.
Die Dölkerbundskrisc hat sich beim Abschluß der Tagung des Dölkerbundsrates noch überraschend verschärft. Formell ist ja, soweit Deutschland direkt interessiert ist, die Lage geklärt. Spanien hat die Ratifikation jener Abünderungs- anträge zu Artikel 4 der Völkerbundsakte. die von seiner Seite immer noch ausstand, jetzt vollziehen zu wollen erklärt. Damit ist die Vor- auSsehung erfüllt dafür, daß das Reglement über die Wahl und die Mandatsdauer der nichtständigen Mitglieder im Rate in Kraft treten kann. Das bedeutet, daß im September bereits das Mandat der jetzt im Rate befindlichen nichtständigen Mitglieder als erloschen erklärt wird, und damit standen also Brasilien wie Spanien vor der Aussicht, im September „herausgewählt" zu werden. So ist formell die Dahn frei. Deutschlands Ausnahme in den Bund kann sich vollziehen. Es erhält damit zugleich den ständigen Ratssih, gegen den niemand Widerspruch erhebt. Das Wahlrcglement tritt in Kraft und an der Reu- wabl des Dölkerbundsrates nimmt die deutsche Delegation bereits teil.
Das ist im Sinne der Dölkerbundsfrcundc, im Sinne derer, die einen Eintritt Deutschlands in den "Völkerbund anstrebten, mindestens eine Klärung. Einen Erfolg kann man es nicht nennen. Denn diese Klärung wurde bezahlt mit der Stimmenthaltung Spaniens, mit dem Verzicht Dra- siliens auf seinen Ratssitz schon jetzt, mit der Kündigung der Mitgliedschaft im Dölkerbund durch Drasilien, mit der Absicht Spaniens, das gleiche auch zu tun. So steht der Dölkerbund vor der Aussicht, daß dem Eintritt Deutschlands, den man so sehr gewünscht hat, parallel geht der Austritt 'Brasiliens und Spaniens. Das ist für den Dölkerbund, sowie für England und Frankreich nicht erfreulich. Das ist aber auch für ein Deutschland, das so in den Völkerbund einträte, nicht angenehm. Es ist uns schon nicht gleichgültig, daß naturgemäß die Behandlung der ganzen Sache, obwohl Deutschland daran unschuldig war, in Spanien und Drasilien Verstimmung erregt, die sich, wie es menschlich ist, auch gegen Deutschland richten wird. Aber wichtiger als das: wenn der größte der im Krieg neutralen Staaten. Spanien, ausscheidet, wenn ein wichtiger Staat Südamerikas ausscheidet. wenn daneben Argentinien heute schon nicht mehr recht mitmacht, wenn dem Deispiel Bra-iliens andere Südamerikaner folgen, so verändert im Augenblick des Eintrittes Deutschlands der Völkerbund eben doch seine Struktur und seine Zusammensetzung, Unb das ist ein Gesichtspunkt, der für Deutschland keineswegs gleichgültig istl
Run sind die Dinge ja noch in der Schwebe. Spanien hat den Austritt noch nicht erklärt, Argentinien nimmt immerhin an den jetzigen Kommissionsarbeiten wieder teil. Da die Kündigung erst zwei Jahre danach in Kraft tritt bleibt Drasilien, ob es wolle oder nicht, bis zum 14. 2uni 1928 Mitglied des Völkerbundes. Und daß seinem Deispiel schnell die anderen folgen, bah gar ein Zusammenschluß der Südamerikaner zu einem eigenen Dölkerbund oder vollends der Zusammenschluß der Amerikaner zu einem sog. Panamerika sich rasch vollziehe, das ist unwahrscheinlich und zum Teil völlig ausgeschlossen.
Wer die Geschichte der panamerikanischen Dewegung kennt, weiß, wie stark der Gegensatz zwischen dem angelsächsischen Rorden und dem romanischen Sichen ist. Wenn auch der Krieg das Verhältnis — wir meinen das wirtschaftliche Verhältnis der südamerikanischen Staaten zu Europa — sehr verändert hat, so bleibt auch heute noch der Sah in Kraft, daß Südamerika mit Europa wirtschaftlich näher verbunden ist als mit Rordamerika. Zudem aber war und ist der Anspruch Brasiliens, der so lebhaft erhoben worden ist, im Ramen Südamerikas einen ständigen Ratssih zu erhalten, durchaus nicht unbestritten. Daß Spanien als das geistige Mutterland von rund 150 Millionen spanisch sprechenden Menschen einen ständigen Ratssih beanspruchen kann, haben wir immer anerkannt. Daß aber der einzig portugiesisch sprechende Staat Südamerikas, Brasilien, das Recht habe, im Ramen des ganzen spanisch sprechenden Kontinentes in Genf auf- zutreten, das müßte zum mindesten einwandfrei von den beiden großen anderen Rivalen, dem spanischen Argentinien und dem gleichfalls spanischen Chile einmal anerkannt werden. Daran ist aber gar nicht zu denken und davon ist keine Rede.
Maler des Bauerntums.
Don Walther Appell- Plauen.
Jahrhunderten galt nur das als ein würdiger Stoff für die bildende Kunst, was nach unseren willkürlichen, menschlichen Maßstäben „schön" war. Der Alltag und seine Verrichtungen gehörten nicht oder doch nur unter der Bedingung dazu (wenigstens in der .offiziellen" Kunst), daß sie mehr oder weniger idealisiert wurden. Deshalb sind auch bis in die neuere Zeit hinein nicht sonderlich viel Werke entstanden, die den schaffenden Menschen rein um seiner selbst oder eben um seines Schaffens willen zeigen. Wenn wir von Allegorien absehen, treffen wir ihn auf den großen Meisterwerken nur hier und da als schmückendes Rebenher, als ausmalende Episode an.
Erst die politischen und wohl noch mehr die damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Um° schichtungen der letzten Jahrhunderte führten den längst notwendigen gerechten Ausgleich der Anschauungen herbei. Zu den Stoffgebieten, die damit der Kunst erschlossen wurden, gehört das Leben und Treiben der Landbevölkerung. — das (Bauerntum in seiner erdnahen Urwüchsigkeit und unverbrauchten Kraft. Gewiß, schon vor dem waren der Dauer und seine Umwelt in der Kunst gewesen, aber sie hatten sich nach der einen und andern Seite Entstellungen gefallen lassen müssen. Die Kupferstecher machten sich meist kleine freundliche, komische oder tragikomische Genreszenen zurecht, die wenig oder nichts mit dem Eigentlichen des Landlebens zu tun hatten. (Man bcnlt dabei an die Salontirolerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts.) Und die „Dauerninaler" Dreughel, O st ade, Teniers, Drou- wer usw. fielen ins entgegengesetzte Extrem. Wie schon bei Dürers Zeitgenossen, den Drädern D e h a m, ist auf ihren Bildern der Dauer kaum etwas anderes als ein ewig trinkendes,
Mithin, so verfahren die Sache ist. so wenig die Dölkerbundskrisc. die mehr zufällig an Deutschlands Eintrittsgesuch ausbrach, heute gelöst ist. die Diplomatie von Paris und London har noch allerlei Möglichkeiten, bis zum September für eine Lösung zu arbeiten, btc Deutschlands bekannte Bedingungen nicht berührt und die von Spanien und Brasilien angenommen werden können. Wir können uns im Augenblick zwar nicht vorstellen, wie diese Lösung aussehen sollte. Aber cs ist ja auch nicht Deutschlands Sache, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Die Diplomatie von Poris und London hat alle Hände voll zu tun. um für den September in Genf das Gelände so sorgfältig wie möglich Vorzubereilen. Denn einen nochmaligen Rückschlag wie im März würde der Völkerbund schwerlich überstehen. Auch wenn er dann nicht ouseinanderfiele. er würde unrettbar den Weg nach abwärts gehen.
Run steigt hinter diesen Problemen immer stärker die Frage Marokko, die Auseinandersetzung um die Probleme des westlichen Mittelmeeres wieder empor. Der Krieg gegen Abd el Krim ist zu Ende, aber beinahe schwieriger als das ist nun die friedliche Liquidierung aller Fragen. Schon zwischen Spanien und Frankreich, die gemeinsam vorgehen wollen und müssen, ist keineswegs volle Einigkeit. Die spanischen Ansprüche gehen weiter, als Frankreich gewähren will, und im Grund ist eine spanische Position in Marokko für ein Frankreich. das den ganzen Rordwesten geschlossen als sein Kolonialreich haben will, auch nicht möglich. Beide müssen aber völlig einträchtig vorgehen und müssen versuchen, au den Grundlagen der Marotkosrogen. den bekannten großen Dorkriegsabmachungen internationaler Art. vorbeizu-' kommen. Schwerlich wird ihnen das gelingen. Italien meldet unaufhörlich seine Ansprüche an. beteiligt zu sein und erklärt jede Lösung ohne Italien, als nicht endgültig. England, das heute außenpolitisch die Hände ziemlich frei hat. wird Italiens Mitarbeit benutzen, um seine Interessen (Gibraltar usw.) zu wahren.
So haben die Vorspiele einer großen internationalen Auseinandersetzung schon eingesetzt. Es sei wiederholt, daß Deutschland nur froh fein kann, weder mittelbar noch unmittelbar daran beteiligt zu sein. Aber wir müssen genau verfolgen, wie sich das entwickelt, weil selbstverständlich diese Auseinandersetzung auch auf den Völkerbund zurückwirkt. Roch bestimmter ausgedrückt: Wir müssen verfolgen, ob und inwieweit daran ein alter europäischer Gegensatz wieder zutage tritt, der sich ja von selbst ergibt, wenn man die gegeneinandergehenden Interessen im westlichen Mittelmeer und nördlichen Afrika studiert. Die Idee ist plausibel, und es hat sich auch bewährt, daß die beiden wichtigsten Staaten, England und Frankreich, wie sie es 1904 taten, Rord- afrika zwischen sich teilen, England im Osten, Frankreich im Westen, Und es ist wieder plausibel, daß, wenn die beiden Staaten sonst parallel gehen, ein Gegensatz zwischen ihnen an anderen Fragen des westlichen Mittelmeeres gar nicht zu entstehen braucht. Aber wo bleibt dabei Italien? 1904, als England und Frankreich sich so verständigten, 1906 als die Marokkokonferenz in Algeciras stattfand. wurde Italien ignoriert, oder konnte ganz in zweiter Linie gehalten werden, blieb auch selbst in zweiter Linie. Heute will es das selbst unter keinen Umftänden!
Sobald es das aber betont und noch dazu mit seinem Recht und seiner Rotwendigkeit kolonialer Expansion begründet, bann ist der Gegen s a h zwischen Italien und Frankreich da, der so alt ist, wie überhaupt die Idee eines selbständigen Italiens. Gegen Frankreich ist das geeinigte Italien entstanden. Gegen Frankreich hat Italien das Wenige nach Hause gebracht, was es an Kolonien überhaupt hat, gegen Frankreich weist es überhaupt die Entwicklungslinie seines staatlichen, seines Großmachtdaseins. Run werden wir sehen, wie das in diesen Sommermonaten hervoriritt und ob die italienische Außenpolitik daraus die gegebenen praktischen Schlußfolgerungen zu ziehen vermag.
Italien und Frankreich gegeneinander gesehen, sind heute wie Angreifer und Verteidiger, und das im Innern so schwer ringende Fraick- reich (Frankensturz auf London über 170, Sturz des Kabinett es Briand am 15. Juni) ist durchaus nach außen hin Stimmung und Wille des Verteidigers. Aber zum Angriff gehört nicht allein die Kraft und das Gefühl der Kraft, sondern auch der kluge Plan, sie einzusehen, die Abmessung der Aussichten und Schwierigkeiten,
liebendes, raufendes, lärmendes Wesen minderen Werts. Seine ungeschminkte, drastisch betonte Sinnenlust, seine naive „Kulturlosigkeit" waren den geputzten und gepuderten Städtern gerade gut genug als Objekt überlegenen Spottes, wenn nicht gar entrüsteten Sich-besser-Dünkens.
Die ernsten und für uns alle doch lebenswichtigen Seiten des Dauerntums waren jedenfalls Themen, mit denen die meisten Künstler nichts zu tun haben wollten, oder nichts anzu- fangert wußten. Der Wandel, der darin vor etwa hundert Jahren eintrat, sich aber erst diel später Geltung erzwang, ist vielleicht noch in den Theorien begründet, die I. I. Rousseau aufstellte („Zurück zur Ratur!"). Wie tief eingewurzelt aber die alten Anschauungen waren, zeigt ein Dlick in das Schaffen Ludwig Richters und anderer Romantiker. Sie haben wohl immerhin ihre Stvffwahl schon auf Gebiete ausgedehnt, die früher als allzu profan galten, kommen ihnen indes im Wesentlichen noch nicht anders bei, als durch händefaltendes Idealisieren. Roch Thoma, der ja überhaupt eine Art „letzter Romantiker" war, malte feine zahlreichen Dauern als gutmütige, etwas einfältige Geschöpfe, die wenig vorn lebenslangen, harten Ringen mit der Scholle erkennen lassen. Und doch waren die eben Genannten Zeitgenossen oder sogar — wenigstens zeitlich — Rachfahren desjenigen Künstlers, dem in dieser Betrachtung der breiteste Raum gebührt: Jean Francois Mille t (1814—75). Jahrzehnte, bevor der leidenschaftliche Kampf um Schlagworte wie „Realismus ' und „Raturalismus" einsetzte, wurde der zum bedeutendsten Fürsprecher künstlerischer Gestaltung des Bauerntums. Des wahrhaftigen, gesunden Bauerntums, dessen Darstellling nicht fentimental verzärtelt, aber auch nicht nach der robusten Seite vergröbert werden sollte. Heute ist Millets Geltung so unbestritten, daß es genügt, auf Werke wie die „Aehrenleserinnen" und den „Angelus" („Abendläuten") hinzuweiseiL In
und, nicht zu vcrgeffen. in der großen Politik heute vor allem die Anlehnung und Stützung durch Gleichgerichtete und Interessierte. An den leht- genannren Rotwendigkeiten aber fehlt es heute der Position wie der Außenpolitik Italiens!
Englische Völkerbundssorgen.
Don unserem A. Ü.-Berichterstatter.
London, Mitte Juni.
Rur ein Thema gibt c6 in diesen schicksalsschweren Wochen, das die englische Oeffentlichkeit wirklich interessiert, die Kohlenkrisis. Aber cs gibt nichts in dieser Welt, das schlimm genug ist, um nicht auch sein Gutes zu haben. Auch die industriellen Wirren haben ihr Gutes gehabt, insofern nämlich, als sie die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit von der soeben beendeten Tagung des Dölkerbundsrots fast völlig abgelenft haben. Das ist eine Tatsache, die denen, die an dem katastrophalen Ausgang der Genfer Märztagung ganz oder teilweise verantwortlich waren, sicherlich nicht unwillkommen ist. Die Presse beschränkte sich im allgemeinen auf die Wiedergabe der Berichte ihrer Genfer Korrespondenten, und selbst die Rachricht von dem Austritt Brasiliens ging in dem Getöse des Kohlenkampses gänzlich unter. (Rur die Gegner der englischen Kontinental- und Völkerbundspolitik, die von der Beaverbrookpresse geführten Isolationisten, ließen sich die Gelegenheit auch dieses Mal nicht entgehen, das Genfer „Possenspiel". wie sich die „Daily Expreß" ausdruckte, an den Pranger zu stellen und England an feine Pflichten gegenüber dem britischen „Commonwealth“ zu erinnern.
3n maßgebenden Kreisen wird der drohende aber noch nicht vollzogene Austritt zweier so großer Staaten wie Spanien und Brasilien naturgemäß lebhaft bedauert, obwohl man es ablehnt, angesichts dieser Tatsache irgendwelche ernste Befürchtungen für die Zukunft des Völkerbundes zu hegen. Immerhin wird der Preis, den man für den Eintritt Deutschlands zu zahlen gezwungen war, pls nicht zu hoch bezeichnet. Der Verlust Spaniens und Brasiliens, so sagt man, würbe durch den Eintritt Deutschlands mehr als ausgeglichen. Richtsdestoweniger kann man es sich nicht versagen, darauf hinzuweisen, daß alle Komplikationen vermieden worden wären, wenn — wie die „Times" an leitender Stelle aus führt — die Ansprüche Spaniens und Brasiliens nicht von Kreisen unterstützt worden wären, von denen man es nicht erwartet hätte. Der gute Ton verbietet es dem Blatte, deutlicher zu werden, aber es kann nicht umhin, hinzuzufügen, daß das englische Versprechen, den spanischen Antrag unterstützen zu wollen, ein Fehler gewesen ist. Man hat das Verhalten Sir Austen Chamberlains gelegentlich der Genfer Märztagung eben noch nicht vergessen.
Obschon man also in London der Meinung ist. daß der Austritt Spaniens und Brasiliens an und für sich zwar bedauerlich ist, im übrigen aber keinen Grund zu besonderer Aufregung abgibt, hat dieses äußerlich sichtbare Ergebnis der Genfer Tagung trotzdem ein Problem berührt, nicht nur für die künftige Gestaltung der Völkerbundspolitik. fondern auch für die britische Reichspolitik von grundlegender Bedeutung fein dürfte. Die Tatsache, daß ein südamerikanischer Staat die Möglichkeit besitzt, in einer in ihren Wirkungen europäischen Angelegenheit das Vetorecht auszuüben, obwohl dieser Staat selbst durch die Monroe-Doktrin gegen jede europäische Einmengung geschützt ist, ist in maßgebenden Kreisen London als ein unerträglicher Zustand empfunden worden. Ratürlich läßt es sich im Augenblick noch nicht absehen, inwieweit die außenpolitische Linie Englands hiervon betroffen wird. Aber es steht fest, daß die soeben beendete Genfer Tagung den Anstoß für eine regionale Reorganisation des Völkerbundes gegeben hat. Amerika und Europa find zwei verschiedene Weltteile mit verschiedenen Interessen und verschiedenen Ansichten. Eine Einteilung des Völkerbundes in Gruppen, deren jede ihre eigenen Angelegenheiten erledigt, wird aus diesem Grunde vielfach für wünschenswert gehalten. „Die ober- schlesische Entscheidung", so schrieb der „Observer". „war dasjenige Ereignis, daß zum ersten Male diese fundamentale Schwäche in der Konstitution des Völkerbundes bloßftellte. Sie wurde von einigen als unparteiisch bejubelt, während man sie als unverantwortlich hätte verurteilen müssen."
Vom Englischen Gesichtspunkt aus gesehen ist dieses Problem indessen nicht so einfach, wie es den Anschein hat. Denn man muß nicht ver
gessen. daß ein englischer Außenminister gleichzeitig Innenminister des britischen Weltreiches in einer Person ist. Schon heute müßte er. um seiner Ausgabe vollkommen gerecht werden zu können, aus zwei Hälften bestehen, deren eine ständig in Genf weilt, während sich die andere in Downing Street aufhält. Eine regionale Aufteilung des Völkerbundes aber würde die Schwierigkeiten einer einheitlichen britischen Rcichs- und Jnleressenpolitik erheblich vergrößern, denn mit einer Auflösung des Völkerbundes in regionale Gruppen würde auch eine Zergliederung der einzelnen Dominions und Kolonien statt- finden, eine Gefahr, deren man sich in London angesichts des wachsenden Selbständigkeitsdranges der Dominions vollkonunen bewußt ist.
Seit den Tagen der Washingtoner Konferenz find die Probleme des britischen Empire mit dem Völkerbunde aufs engste verknüpft. Es ist naturgemäß noch 311 früh, als daß man sagen könnte, ob diese Tatsache irgendwelche Einflüsse auf die Struktur des britischen Reiches ausgeübt hat. Aber es steht sicherlich fest, dafj die von Zeit zu Zeit stattfindenden britischen Reichskonsercnzen seit jenen Tagen an Bedeutung verloren haben. Als die Minister der britischen Dominions, der Vertreter- der Kolonien und Mandatsgebiete im Jahre 1923 zum ersten Male seit Bestehen des Dölkerbundes zur britischen Reichskonferenz sufamm en traten, trat das Qlb- weichen Englands von der traditionellen Po'itik des Isolat!onismus bereits deutlich in Erschei- nimg. Die Vertreter der Dominions, noch frisch unter den Eindrücken der soeben beendeten Genfer Dölkerbundstagung (die Konferenz fand im Oktober statt), legten damals bei der Besprechung von Reichssragcn eine Unluft an den Taa. die Wasser auf die Mühlen der englischen Isolationisten war. Daß unter solchen Umftänben. insbesondere nach den letzten Genfer Creigiiisfen, wieder Stimmen laut werden, die eine Zurückziehung Englands vom Völkerbünde fordern, um eine sorgfältigere Pflege der Beziehungen innerhalb des britischen Empire zu ermöglichen, nimmt deshalb nicht Wunder Die Reichskonferenz 'oll wieder zum Mittelpunkt der Beziehungen untereinander gemacht werden, denn die Reichskonferenz, so sagt man. bietet den Dominions alles, was sie wünschen, lieber die gesetzlichen Grundlagen dieser Konferenzen lesen wir im „Wbitaker", einem politischen Handbuch:
Das Parlament Großbritanniens ist die oberste gesetzgebende Behörde im britischen Reich. Dieses Parlament kann anderen verfassungsmäßigen Parlamenten das Recht der 0c- setzgebnng verleihen, behält sich aber in allen Fällen die Oberaufsicht vor. Der Slaatssclic'.är für die Kolonien ist ein Kabinetts Minister, der sich nach Maßgabe der diesen Ländern gewährten Selbst regicrung an . der Regierung aktiv beteiligt.
Wie die Dinge zur Zeit stehen, ist es eine völlig offene Frage, nach welcher Richtung sich die „politische Linie" Englands entwickeln wird.
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der Zeit aber, in der diese und andere Werke der gleichen Art entstanden, erforderte es geradezu Selbstverleugnung, konsequent immer wieder derartige Stoffe zu gestalten („Die Schafhirtin", „Der Kornschwinger", „Der Sämann". ..Mann, der sich die Jacke anzieht" usw.). Roch heute können wir die Anfeindungen der zeitgenössischen Kritik nachlesen. Millet mußte sich, wie auch nach ihm noch mancher, als „Apostel des Häßlichen und Gemeinen" verunglimpfen lassen, lieber seinen „Mann mit der Hacke" schrieb beim Erscheinen der Pariser Krittler St.°Dictor: „Herr Millet suchte und fand einen Trottel. Gestalten wie dieser Dauer find nicht häufig, nicht einmal im Irrenhaus. Stellt euch ein Ungeheuer vor ohne Schädel, mit erloschenem Dlick, das wie eine Vogelscheuche im Felde steht. Kein Funke von Intelligenz vermenschlicht dieses Tier. . . ." Freilich ist der „Mann mit der Hacke" weder schön noch im Sinne unserer Schulweisheit intelligent. Older feine ungeschlachte Raturburs chenkr af 1 ist so hinreißend gestaltet, daß uns ergreifend deutlich wird, wie sehr doch auch wir Menfchen — alle! — Kreatur und als solche in einen brutal harten Daseinskampf gestellt find. Für alle, die das vergessen haben, farm das Bild Aufrüttelung fein. Daneben gibt es allerdings noch andere, die im Innern jenem Empfinden verwandt sein mögen, das jahrhundertelang das Entstehen solcher Kunstwerke überhaupt unmöglich machte: die von der Kreaturgebundenheit des Menschen nichts wissen wollen und sie im Dünkel ihrer „Vollkommenheit" geflissentlich verleugnen. Die sagen dann wohl erschauend mit Th. Gautier von Millets Dauern, daß sie „die Landschaft verleumden". Millet selbst, der seine Dauernbilder in der ländlichen Zurückgezvgenhei t von Darbizon schuf, hat das unermüdliche Ringen des Landvolles mit der Scholle einmal den „Schrei der Erde" genannt. Daß er sich mühte, diesen Schrei nicht nur zu verstehen, sondern auch in bleibende Form zu gießen, das schafft innige
Beziehungen gerade zwischen uns Deutschen und diesem tiefschürfenden französischen Maler.
Zu Millet als seinem Abgott hat ein der nächsten Generation angehörender Künstler aufgeblickt: der Rieberländer van Gogh (dec in formaler Hinsicht auch die neue deutsche Kunst entscheidend beeinflußte). Oft und gern hat er die gleichen Stoffe wie das große Vorbild Millet gestaltet, zuweilen sogar Gemälde nach dessen Skizzen geschaffen. Und sein ganzes, bewegtes und im Wahnsinn jäh ausgelöschtes Leben ist überzeugender Beweis dafür, daß auch er dies nicht um der Sensation willen tat, sondern aus tiefstem, triebhaft innerlichem Bedürfnis heraus: aus dem Gefühl einer heiligen Pflicht, jahrhundertelang geduldetet Unrecht gutzumachen.
Reben van Gogh ist der Franzose Cezanne, sind die — in sich freilich grundverschiedenen — Schweizer Hodler, Segan- tini. Egger-Lienz zu nennen. Direkte Wege führen von ihm auch nach Deutschland, so zu Wilh. Morgner und Paula Becker-Moder s 0 hn (die mehr das Fraulich-Mütterliche aus dem großen Stoffkomplex „Bauerntum" herausgriff). Etwas abseits davon stehen die Dauernbilder L e i b l s, die auf Millets Weg- und Kampfgefährten Courbet zurückgehen, sowie einige ebenfalls hierher gehörige Bilder Liebermanns.
Es ist ja wohl bekannt, daß auch diese Künstler — und mit ihnen mancher andere — um ihrer Motive willen in der verständnislosesten Weise angegriffen worden find. Wir Heutigen!» denen all das früher Unerhörte läegft selbstverständlich geworden ist, sind mitunter versucht, darüber zu lachen. Die Angelegenheit hat ab« neben der lächerlichen auch eine recht ernste Seite. Und besonders um derentwillen haben wir alle Ursache zur Genugtuung darüber, dafj die inx Grunde kunstwidrigen Debatten ent>(kb abgeschlossen find.


