Von Briand zu Herriot.
Die Schwierigkeiten der französischen Regierungsbildung.
Die Neubildung der französischen Regierung scheint diesmal besondere Schwierigkeiten zu machen. Bei den großen finanziellen Schwierigkeiten des Landes ist das nicht verwunderlich, zumal in An- betracht der großen Parteizersplitterung und der Widerstände, die sich dem Ringen um eine neue Mehrheitsbildung entgegenstellen. Achtundvierzig Stunden nach dem Regierungssturz ist es dem großen Taktiker noch nicht gelungen, ein Kabinett zu bilden. Seine bisherigen Versuche, ein Konzentra« tionskabinett von Poincarö bis Herriot zu bilden, haben eine Entscheidung noch nicht gebracht, ihn aber wohl von der Unmöglichkeit überzeugt, zwei in ihren innen- und außenpolitischen Auffassungen so entgegengesetzte Persönlichkeiten in einem Kabinett zusammenzuspannen. Hierzu kommt noch, daß der kleine radikalsozialistische Parteitag in einer Entschließung mit großer Mehrheit die Beteiligung an einem Kabinett der nationalen Einigung, wie es Poincarö vorschwebt, ablehnte. Eine Beteiligung Herriots erschien also von vornherein ausgeschlossen, wenn auch nach den Erfahrungen bei den letzten Abstimmungen über die Vertrauensvoten für die Regierung damit zu rechnen wäre, daß ein Teil der Radikalsozialisten, der sich um Franklin Bouillon schart, in der Kammer für die nach rechts er- weiterte Regierung stimmen würde. Ob allerdings dadurch eine verläßliche Mehrheit erreicht würde, muß bezweifelt werden, da die Opposition immerhin von vornherein über 200 Stimmen verfügen würde. Auch die Republikanisch-Sozialen haben sich gegen eine solche Kombination ausgesprochen, eine Tatsache, die um so bemerkenswerter ist, als zu ihnen ja auch Briand und Poincarö gehören. Poincars scheint die Möglichkeit, wieder in die Regierung zu kommen, besonders ernst behandelt zu haben. Seine Unterredungen mit P6ret, für dessen Nachfolge er in Aussicht genommen worden ist, deuten darauf hin. Die Hauptschwierigkeit für die Kabinettsbildung wird aber wohl darin liegen, daß es sich darum handelt, die neuen Minister auf ein bestimmtes Finanzprogramm zu einigen. Ein solches liegt eben noch gar nicht vor, wird vielmehr erst von dem Sachverständigenausschuß bearbeitet Und die Fertigstellung scheint nicht unerhebliche Schwierigkeiten zu machen. P6ret kündigte vor dem Rücktritt der Regierung an, daß das Sanierungsprogramm nicht vor dem 1. Juli fertiggestellt sein würde. Die Bildung eines Kabinetts der nationalen Einigung wird Briand wahrscheinlich aufgeben und den Versuch machen, ein Kabinett der Käufe zustande zu bringen, das vielleicht nach der Absage Herriots eine scharfe Nechtsorientierung zeigen würde. Aber auch ein solcher Versuch scheint wenig Aussicht auf Erfolg zu haben, da sich dabei wohl dieselben Schwierigkeiten ergeben würden, wie sie eine unsichere Mehr- beit mit sich bringen muß. Nach der Lage der Dinge ist es wahrscheinlicher, daß Briand seinen Auftrag in die Hände des Präsidenten zurücklegt und einem anderen Politiker die Bildung einer neuen Regierung überläßt. Unterdessen ist der Frank wieder gefallen, ein Zeichen, daß die Aussichten, bald zu einem Kabinett mit einem festurnrissenen Programm zu fomemn, das Aussicht auf Erfolg hätte, nicht gerade günstig beurteilt werden. Es ist damit zu rechnen, daß dadurch die Stimmung nur nervöser wird und die Möglichkeiten, zu einem Kabinett zu kommen, das einigermaßen Bestand verspricht, immer geringer werden. Frankreich scheint nicht mehr imstande zu sein, sich selbst aus der Finanzkrise herauszuarbeiten. Hinter der kommenden Regierung lauert schon eine Art Dawesplan,
den die Amerikaner schon bereithalten und als die einzige Möglichkeit betrachten, Frankreich zu sanieren. Nicht mit den Zwangs- und Kontrollmaßnah- men, wie sie gegen Deutschland angewendet werden, aber immerhin so, daß er die französische Politik zur Abkehr von allen imperialistischen Plänen zwingt.
Briand gescheitert.
Paris, 18. 3uni. (Sil.) 3m allgemeinen hat das Ergebnis des ge st rigen Tages davon überzeugt, daß eine Wiederher st el- lung der nationalen Einigung oder, wie man auch sagen könnte, des Burgfriedens unter den jetzigen Verhältnissen unmöglich ist. Das liegt vor allem an der Haltung der Sozialisten, die von einer Wiederherstellung eines Burgfriedens, wie er während des Krieges bestand, nichts wissen wollen und dem Präsidenten der Republik deutlich zu verstehen gegeben haben, daß er unter keinen ilmstän- den eine Beteiligung der Sozialisten an der Regierung in Erwägung ziehen könne. Auch die Entscheidung des Kleinen Kongresses der Radikalsozialisten vermehrt natürlich die Schwierigkeiten. Sie macht es unwahrscheinlich, daß die Regierungsbasis bis zu den Gruppen der Rechtsrepublikaner ausgedehnt werden kann.
Rach einer späteren Meldung sind die Bemühungen Driands zur Kabinettsbildung gescheitert. Briand hat den ganzen Vormittag hindurch ununterbrochen mit Poin - c ar 6 und Herriot verhandelt. Die Aussprache mit dem Kammerpräsidenten, die über Drei Stunden bis 1/22 ilhr dauerte, hat einen besonders dramatrschen Verlauf genommen. Trotz dringendster Vorstellungen ist es Briand nicht gelungen, Herriot umzustimmen. Herriot hat sich definitiv ge» wei gert, in das neue Kabinett einzutreten. Briand sagte den Journalisten, er werde dem Präsidenten der Republik um 21/» ilhr seine Antwort geben. „Sie sind scharfsinnig genug, um sie zu erraten." Der Fehlschlag der Mission Driands wird am frühen Rachmittag offiziell bestätigt
Herriot beauftragt.
P aris, 18.3uni. (Sil.) Briand hat dem Präsidenten der Republik um 3 ilhr nachmittags offiziell das Scheitern seiner Bemühungen mitgeteilt, ilm 4.30 Uhr erklärte Herriot beim Verlassen des Elhsee, daß e r den Auftrag zur Kabinettsbildung erhalten und angenommen habe. Herriot nahm sofort Besprechungen mit Sar- rout, Malvh und Chautemps auf und begab sich dann zum Präsidenten des Senates. Rach Dlättermeldungen soll Herriot bereits «ine Ministerliste fertig haben.
Unter den politischen Persönlichkeiten, mit denen Herriot gestern abend verhandelte, befindet sich auch C a i l l a u x. Aus den Erklärungen Herriots geht hervor, daß eine Entscheidung, ob er das Kabinett bilden könne, nicht vor Samstag abend erfolgen kann, Uebrigens werde i m Ministerium Herriot, wenn es zustande» kommt, Briand nicht als Minister des A « u h e r n vertreten fein. Bis jetzt habe Briand sich noch nicht entschlossen, ein derarttges Angebot anzunehmen.
Darüber muh sich jeder im klaren sein, daß er mit seinem Votum am 20. 3uni nicht nur entscheidet, ob man den ehemaligen Fürsten das geben will, worauf sie als gleichberechtigte Staatsbürger Anspruch haben, sondern viel weitergchend, ob wir noch Weiler in einem Rechtsstaat leben oder dem Bolschewismus die Wege ebnen wollen. Darüber hinaus — das geht aus dem Brief des Reichspräsidenten unzweideutig hervor — bedeutet die Annahme des Kommunistisch-sozialistischen Konfiskationsantrags Reuwahl des Präsidenten, Regierungskrise mit all ihren verhängnisvollen politischen und Wirtschaft- sichen Folgen, all ihren verheerenden Auswirkungen auf dem Gebiet von Handel und Wandel. R i e m a n d. der die ruhi-ge, ftcttgc Weiterentwicklung unseres politischen und wirtschaftlichen Lebens wünscht, darf an der Abstimmung am 2 0. 3uni teilnehmen. Er versündigt sich, wenn er dies tut. an sich selbst, an seinem Volke, weil mit der Annahme dieses Volksentscheids die Grundlagen des Rechtsstaates preis- gegeben werden. Der das unterstützt, macht sich zum Mitläufer und Bundesgenossen des Bolschewismus.
Die Fraktionen des Hessischen Landbund e->, l«u- Deutschen Volke partei und der Deutschnationalen Volkspartei des Hessischen Landtags erlassen folgende Äunft- gebung:
Am kommenden Sonntag soll das hessische Doll über den sozialistisch-kommunistischen Antrag auf entschädigungslose Enteignung des gesamten beweglichen und unbeweglichen Eigentums der ehemaligen deutschen Fürsten, also auch des früheren Grohherzogs von Hessen, entscheiden. Der Antrag ist ein vollendeter Raub und glatter Rechtsbruch. Er eröffnet den sozialistisch-kommunistischen Generalangriff gegen bas Privateigentum überhaupt und bedeutet, wenn er eine
Mehrheit finden sollte, den Beginn der Bolsche- wisierung Deutschlands, wie sie von Moskau aus befohlen wird. Er will unbestrittenes und unbezweifeltes Privateigentum rauben und alle Hinweise seiner Urheber auf die Aufwertungsfrage find als schamloser Dolksbetrug zu kennzeichnen. Denn bei dem Antrag handelt es sich nicht um Aufwertung, sondern um restlose Eigentumsberaubung Wehrloser.
3n Bezug auf die Aufwertung ihres Privateigentums sollen die Fürsten nach unserem Willen nicht besser gestellt werden als die anderen deutschen Staatsbürger. 3m übrigen haben die Fürstenhäuser durch die 3nflation chr in Wertpapieren angelegtes Kapitalvermögen genau so unwiederbringlich verloren wie die anderen 3n- flationsopfer.
Wer auf dem Boden des Rechtsstaates steht und das Privateigentum als Grundlage unserer Kultur ansieht, muß sich dem sozialistisch-kommunistischen Bestreben auf das entschiedenste widersehen. Das geschieht dadurch, daß keiner unserer Anhänger am Raubzug des kommenden Sonntags teilnimmt. Wir fordern alle unsere Wähler auf, am Sonntag, den 20. 3uni sich der Abstimmung zu enthalten.
Die Konferenz der Kleinen Entente.
Ein rumänisch-russisches Bündnis.
Dled (Veldes), 18. 3unt (SU.) Heber die bisherigen Verhandlungen in Dled wird folgendes CommuniquH veröffentlicht: Die Konferenzvertreter der Kleinen Entente haben bei der allgemeinen Ueberprüfung der internationalen politischen Lage die vollständige Ue» herein st immung der Gesichtspunkte der Vertreter der Kleinen Entente feftgestellt. Gestern wurden alle Fragen der TageSorimung
im einzelnen überprüft, besonders die Beziehungen jedes Staates der Kleinen Entente zu seinen Rachbarn. 3n der Rach» mittagssihung wurden die Ratifikationsurkunden der am 13. 3uni erneuerten Defensivverträge zwischen Rumänien und der Tschechoslowakei und zwischen Rumänien und Südslawien ausgetauscht. Auch die russische Frage wird aufgerollt werden. Dec deutsch-russische Vertrag wird in diesem Zusammenhang eingehend besprochen werden.
Die Sens a t i o n des gestrigen Tages war die Erklärung des rumänischen Au - ßenministers, daß Rumänien ein Bündnis mit Polen abgeschlossen habe. Die Mitteilung erregte in diplomatischen Kreisen das größte Aufsehen. Die Vertrete^ 3ugoslawiens und der Tschechoslowakei erklärten bei der Konferenz, daß diese Tatsache einen völligen Umsturz der Grundideen der Kleinen Entente bedeute. Die Tschechoslowakei und 3ugoslawien seien darüber einig, daß sie niemals einen Vertrag eingehen könnten, der sich in irgendeiner Weise gegen Rußland richte. 3n der russischen Frage müßten sich 3ugoslawien und die Tschechoslowakei stets freie Hand Vorbehalten. Die Konferenz werde heute vormittag 10 Uhr fortgesetzt und soll bereits heute zum Abschluß, gelangen.
Die internationale Arbeitskonferenz.
Genf, 18. 3unL (TU.) Auf der Tagesordnung der heuttgen Vollsitzung der internationalen Arbeilskonserenz stand die Diskussion über den Bericht des Direttors des internationalen Arbeitsamtes über Marinefragen. Der argenttnische Arbeitnehmervertreter, Viola, vertrat einen ausgesprochenen p anamerikanischen Standpunkt und forderte mehr 3nteresse der europäischen Arbeiterschaft für die Lage der Arbetter in Amerika, Der indische Arbeiterführer griff darauf die englische Regierung scharf an, weil sie auf den Arbeitskon- ferenzen Verträge annehme, die sie nachher nicht ratifiziere. Die Konventton über die Bunkerarbeit fei bisher nur von 13 Staaten ratifiziert worden. Der japanische Arbettervertreter tadelte scharf seine Regierung, weil sie die auf der Konferenz von Genua eingegangenen Verpflichtungen noch nicht erfüllt habe. Der japanische und indische Regierungsvertreter suchten darauf den Standpunkt ihrer Regierungen zu rechtfertigen. Der norwegische Regierungsvertreter forderte die Ernennung von Marinesachverstän- digen beim internationalen Arbeitsamt. Hierauf sprach Albert Thomas, der Direktor des Arbeitsamtes, und warnte vor Gleichgültigkeit gegenüber den Arbeiten der Konferenz. Er wies auf die Bedeutung auch nicht ratifizierter Konventtonen für die Gesetzgebung der Staaten hin. Die internationale Arbeitskonferenz müsse mit den Regierungen der einzelnen Mitglieder auss engste zusammenarbeiien. Die Fortschritte des einen bedeuten auch Fortschritte für den anderen. Spanien und der Ratsfitz.
Madrid, 18. 3unL (TU.) Auf einem Bankett im Palasthotel setzte Außenminister ^an* guas nochmals Spaniens Stellung zum Völkerbund auseinander. Er sagte, die Lage des Völkerbundes sei sehr kritisch. Man müsse sich fragen, ob der Völkerbund für den Krieg oder für den Frieden geschaffen sei. Wenn er für den Frieden geschaffen sei. dann ständen Spaniens Anrechte auf einen Rats- s i h außer allem Zweifel. Für den Völkerbund sei das Wichtigste die moralische Bedeutung eines Landes. Deutschland habe zwar k e i n H e e r und keine Marine, es besitze aber eine gewaltige moralische Macht und habe deshalb Anrecht auf einen ständigen Rats sitz. Für sich werde Spanien keinen andern als einen Tfänöigen Ratsskh zulassen. Andernfalls werde es sich xurüd- ziehen und die für den Völkerbund ausge- worfenen Kredite für andere Zwecke verwenden.
Die spanische Regierung hat laut „3 n - formaciones" beschlossen, die Zahl der sp a- nischen Delegierten zur Abrüstungskonferenz von sieben auf drei herabzusetzen.
Englisch-französischer Gegensatz in Gens.
Genf, 18. Juni. (TU.) In der heutigen Sitzung dcr militärischen Unterkommission wurde von englischer Seite die Einsetzung von drei Unterkommissionen beantragt, die gesondert die Luft-, See - und L a n d st r e i t k r ä f t e behandeln sollen. Don französischer Seite wurde dem englischen Antrag heftige Opposition entgegengebracht, wobei die französischen Vertreter mit allen Mitteln die Ablehnung des englischen Antrags zu erreichen versuchten. Die Debatte nahm erregte Formen an. Der englische Antrag wurde gegen die Stimmen Frankreichs mit 11 gegen 7 Stimmen angenommen. Die deut- sch en Delegierten stimmten aus sachlichen Gründen für den englischen Antrag. Allgemein wird die Annahme des englischen Antrags als ein aus» gesprochener Steg der englischen Auffassung über die französische aufgefaßt. England hat es nunmehr erreicht, daß einerseits Marinefragen in einem Komitee von Sachverständige^ beraten werben und daß anderseits nach den Dor,
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1T6. Jahrgang
Samstag, 19. Juni 1926
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Gießen.
Rechlsstaatodervolfchewismus?
Don Reichstagsabgeordneten DrüninghauS.
Die Weimarer Verfassung wird von der Mehrzahl derer, die sie seinerzeit in der Rationalversammlung angenommen haben, stets hin- gestellt, alS ein in seiner Art vollendetes Werk, an dem nicht gerüttelt oder gerührt werden dürfe. Kein vernünftiger Mensch wird bestreiten, daß die "Verabschiedung der Verfassung, ganz gleichgültig, wie man sich zu ihren Einzelheiten stellen mag, einen sehr wesenttichen Fortschritt gegenüber jenen ganz unsicheren staatsrechtlichen Zuständen bedeutete, die mit der Revolution in Deutschland ganz automatisch eingetreten toaren. Rach meiner Auffassung setzt jedoch die Durchführung der Weimarer Verfassung ein polittsch vollkommen reifes und durchgebildetes Volk voraus, das auch mit den überaus weitgehenden Befugnissen, die, abgesehen von der Schweiz, in keinem anderen Lande der Welt vorhanden sind, den Gebrauch zu machen versteht, der auf staatspolitischem Denken, wirtschaftlicber Einsicht und wohlverstandenen eigenen 3nteressen beruht. Der Volksentscheid, der am 20. 3uni zum erstenmal auf Grund der Reichsverfassung vor sich gehen soll, scheint mir ein klassisches Beispiel dafür zu sein, daß unser Volk die Rechte, die die Verfassung ihm gibt, vorläufig noch nicht richtig anzuwenden und auszuwerten versteht.
Der zunächst von den Kommunisten einge- brachte Antrag auf entschädigungslose Enteignung der ehemals regierenden Fürstenhäuser, der richtiger zu bezeichnen wäre als Konfiskation des Eigentums einer bestimmten Klasse von Staatsbürgern, die vom Standpunkt der Antragsteller durchaus verständlich, da sie eben die jetzige staatliche Ordnung als solche ab- Iehnen, ebenso wie den Begriff des Privateigentums. Die Dermögenskonsiskation eines kleinen Teils der Bevölkerung bedeutet für sie lediglich den Anfang der von ihnen angestrebten Entwicklung. Die Kommunisten sind auch politisch ehrlich genug, das ohne weiteres zuzugeben. Dafür liegen beliebig viele Beweise vor, von denen ich nur einen anführen will: Der Abgeordnete Dr. Greiner (Führer der Kommunistenpartei in Hessen) sagte im Hessischen, Landtag, also ganz offiziell: „Wenn die Fürstenenteignung erst durchgeführt ist, dann steht der Weg offen, das gesamte Privateigentum zu enteignen. Dann kommt eins nach dem andern; das erstreben wir."
Leider hat auch die größte politische Partei Deutschlands, die Sozialdemokratie, geglaubt, sich aus rein parteipolitischen Gründen den Kommunisten als Mitläufer anschliehen zu sollen. 3hr anfängliches Sträuben dagegen, das bei einer, wie der Raine besagt, doch immerhin demokratischen Partei durchaus verständlich war. hat sie mit Rücksicht auf die urteilslose Wählermasse beiseite geschoben. Sie ist damit Gefangene ihrer eigenen staatspolitisch und wirtschaftlich falschen Einstellung geworden und war gezwungen, Gründe für ihre Ansicht zu konstruieren. die naturgemäß einer ernsthaften Prüfung nicht standhaften können. Die mit einem geradezu ungeheuerlichen Aufwand von demagogischen Kunstkniffen aufgezogene Propaganda, die selbstverständlich vor groben Unwahrheiten — um keinen schärferen Ausdruck zu gebrauchen — nicht zurückschreckt, hat dazu beigetragen, die Begriffe in der Oeffentlichkeit vollkommen zu verwirren, so dah viele unserer Volksgenossen, an deren nationaler und privatwirtschaft- licher Einstellung nicht zu zweifeln ist. in dem Glauben leben, sie täten ein gutes Werk und dienten der Gerechtigkeit, wenn sie beim Dolks- entscheid ihre Stimme abgäben.
Man wird den bürgerlichen Parteien den Vorwurf nicht ersparen können, daß sie schon beim „Dollsbegehren" nicht für genügende sachliche Aufklärung der Bevölkerung gesorgt haben. Kein Menfch denkt doch daran, daß den ehemaligen Fürsten ihr früherer Besitz unverkürzt bleiben soll. Das hieße die staatsrechtlichen Folgen des Umsturzes einfach beiseite schieben, eine Handlungsweise, die, wie die Dinge sich entwickelt haben, nicht in Betracht kommen kann. Damit scheidet das, was den Fürsten früher als sogenanntes „Staatsgut" zustand, ohne weiteres aus. Das unzweifelhafte Privateigentum — und nur um dieses handelt es sich — wird nicht etwa, wie man dies durch lügnerische Plakate (z. D. „Drei Milliarden für die Fürsten, für das Volk nichts") die Oeffentlichkeit glauben machen will, restlos den ehemaligen Fürsten ausgehändigt. Sie sollen nicht anders behandelt werden als jeder andere Staatsbürger. Sie unterliegen ebenso — das übersehen vor allem die Sparer, Htzpothekengläubiger und sonstigen Geschädigten — Den gesetzlichen Bestimmungen wie jeder andere Angehörige des deutschen Volkes. Es handelt sich also bei der Entscheidung am 20 3uni nicht darum, den ehemaftgen Fürsten auf Kosten der Allgemeinheit, wenn ich mich eines etwas vulgären Ausdrucks bedienen darf, eine Extrawurst zu braten, sondern darum, ob mast sie außerhalb der Gesetze, außerhalb der verlafsungsmähigen Rechte, die jedem andern Staatsbürger zustehen, stellen will oder nicht. Es ist im höchsten G»de bedauerlich, dah nicht längst eine Regelung erfolgt ist, die unter Berücksichtigung aller in Betracht kommenden Faktoren, vor allem auch der allgemeinen Verarmung unseres gesamten Dolles, eine Frage gelöst hätte, die, ganz abgesehen von ihrer innerpolltischen Bedeutung, sehr wesentlich mit dem Ansehen und der Würde des Deutschen Reiches verknüpft ist und daher auch zwangsläufig auhenpolittsch sich auswirken wird.


