21. Fortsetzung.
Nachdruck verboten.
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„sagte man, die letzten beiden Wochen wär' sie nicht gekommen. — Na, kann man sich ja gar nid) über wundern, nich? Hamburg ist doch viel vergnügter als Kiekvondiek. Und wo sie da immer so nette Gesellschaft hat--"
War es der Ton, war es ein Blick — Frau Mar- grit wurde stutzig. Aber merken ließ sie es nicht. „Ja, sie hat sehr nette Kameraden."
„Und Herr von Brockdorf, nich? — Ja, er hott' doch wohl hier schon 'ne kleine Neigung für sie. Ich
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sagt' schon immer zu meinem Mann: Emil, sollst mal sehen, Frau Bunsen kriegt noch 'nen ganz vornehmen Schwiegersohn."
„Da haben Sie wohl sehr falsch gesehen."
„Na, sagen Sie das nicht! So ’n Mann, wenn er nicht mehr der Jüngste is, Gott, an die Vierzig muß er doch bald ran fein, die verlieben sich grab in die Allerjüngsten. Und neulich in ,Tristan und Isolde' — ich war da auf drei Tage in Hamburg mit meiner Kusine, Frau Berbohm — da sah ich sie doch zusammen. Und wie er sie ansah! — Sie haben mich beide gar nicht bemerkt, sie guckten bloß immer einer den andern an. Zu nützlich. Könnt' man ordentlich seine Freude an haben." Und wieder der schiefe Blick.
Frau Margrit wurde es heiß und kalt. Was war das? Hatte es darum immer gerufen und gewarnt, und sie hatte es nicht verstanden? War ihr Kind in Gefahr? Ihr kleines, liebes, sanftes Rosekind? Sie zwang sich zum Lächeln. „Gut, daß wir alle Ihre lebhafte Phantasie kennen, Frau Qualmann. Da in der aufregenden Oper ist sie ganz mit Ihnen durchgegangen. Natürlich ist es besser, Rose geht mit einem Bekannten als alleine, dabei kann wohl niemand etwas finden. Was Sie sonst sahen — —" Und sie zwang sich zum Lachen.
Erst als die andre gegangen, tarn es ihr zum Bewußtsein, daß sie schon von früheren Beobachtungen gesprochen hatte. War es möglich? Hatte Rose den jungen Brockdorf getroffen ohne Wissen von Mutter und Schwestern? Und das in Hamburg war nur eine Fortsetzung dessen, was schon früher begonnen? Sollte sie mit Thora darüber reden? Etwas warnte. Nein, sie mußte erst das Kind selber sehen. Und dann plötzlich die Unruhe: Warum war Rose die beiden letzten Samstage nicht heimgekommen? Zerstreut und anders als sonst war sie doch schon lange gewesen. Und sie hatten alle geglaubt, Iven Lornsen sei die Ursache. — Nur sie, die Mutter, hatte Zweifel gehabt.
Da glaubt man, man lebt mit feinen Kindern und ist ihre beste Freundin und Vertraute, und plötzlich sieht man: Man steht ganz draußen vor dem Gitter, und sie haben ihre Geheimnisse für sich und ihr Innenleben für sich und gehen Wege, auf denen die Mutter nicht folgen kann.
Weh tat das, bitter weh. Heimliche, brennende Tränen flössen in der stillen Nacht. Schlimmer aber
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als der eigene Schmerz war die Sorge um das Kind. Aribert von Brockborf war nicht ber Mann, dem eine Mutter gern eine Tochter anvertraute. Und wenn es nur Gemurmel war, was umging in der Gegend, und wenn keiner ganz klar sah betreffs seiner Ehe und ihrer Trennung — so ganz ohne Grund zucken doch die Menschen nicht die Achseln. Warum redeten sie nicht über Heider Steffen? Dessen Fehler lagen so offen zutage — man lachte nur über sie. „Morgen muß sie ja endlich kommen. Morgen muß es ja klar werden, was da gewesen ist. Und wenn ich morgen wieder schlafen gehe, wird es ohne Sorge fein. Rose wird mich auslachen, und wir werden auf die alte Klatschtante schelten. Wäre es nur erst morgen!"
Der Morgen kam mit stöberndem Schnee und eisigen Winden. Man sah kaum über den Hof bis zur Straße, und der Strom war gar nicht sichtbar. Dina jagte auf dem Hof herum, biß in den Schnee, hetzte die Hühner, die sich gegen die Stallmauer drückten, wurde ihrerseits wieder von Ille gehetzt, bis ber Lärm von Rusen und Bellen über den ganzen Hof hallte. Thora kam gelaufen und schleppte ihr verzogenes Hundekind in das Haus, wo sofort alle Dielen voll Schneespuren waren, und Sina, in der Küche angebunden, mit Jammergeheul gegen solche Freiheitsberaubung protestierte.
Frau Margrit sprang vom Webstuhl auf und kam in die Küche. „Thora, es ist nicht auszuhalten mit dem Tier. Kannst du es denn nicht abschaffen?"
„Meine Dina? Mein einziges Vergnügen? — Und du willst immer Enkel haben? Die würden dir den Kopf noch ganz anders warm machen." Aber die Mutter lachte nicht. Sie sah in das Gestöber hinaus und sagte vor sich hin: „Wenn der Zug nicht Verspätung hat, kann Rose um fünf hier sein."
„Sie wird schon kommen. Das ist doch ganz natürlich, daß sie da Sonntags mal mit ihren Gefährten zusammen fein will. Einmal ist sie doch nur in der Stadt. — Mutter, du bist wirklich wie eine Glucke, die Enten ausgebrütet hat."
Frau Margrit ging still zu ihrer Arbeit zurück.
Als es fünf schlug, stand sie am Fenster der Dorderstube und sagte: „Ich hätte zur Station gehen sollen ober Piepenstehl hinschicken. Wenn sie was zu tragen hat."
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Denn wozu brauchte Thora zu wissen, daß sie zusammenschrak, sooft die alten Dielen droben knarrten, wenn eine Maus darüber hinlief oder die Dina — die nun schon eine große Töle wurde — auf dem Boden herumjachterte. Sie hatten doch immer über Männer gelacht und sie verspottet und sich so sicher gefühlt, da soll man bann eingestehen: „Nun hat es mich auch!" Nein, für hunderttausend Taler nicht. — Die Blamage!
Wieder war eine Nacht, wie sie im Vorfrühling häufig genug waren hier oben. Schnee und Regen in buntem Gemisch und heulender Sturm, und dann immer einmal vom Strom her ein Knall, als würde eine Kanone abgefeuert. Es war oft aber nur das Eis, das riß, von der Flut gepreßt.
Sooft der Knall durch die Nacht kam, blaffte die Dina, die vor der Zimmertür der Schwestern lag, scharf auf. Sie war immer noch ein aufgeregtes Ding, uno jedes ungewohnte Geräusch wurde mit Lärm begrüßt. Dann fuhr unten in ihrer Stube Frau Margrit zusammen. Sie konnte nicht schlafen. Es ging ihr etwas im Kopf herum, etwas, das allem entgegenstand, was gewohnt und selbstverständlich war.
Frau Tierarzt Qualmann war nachmittags dagewesen. Eigentlich, wie sie sagte, um sich ein Webemuster zu holen, denn sie webte auch.
„Und Rose hat ja wohl viele neue Sachen aus Hamburg mitgebracht, nich? Zu nett, da 'ne Tochter in der Stadt zu haben. Die bringt doch immer was Neues mit, nich? Kommt sie alle Samstag? Ja? So,
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„Piepenstehl ist ins Dorf zum Pastor, den Tod von seiner alten Schwiegermutter anzumelden. Uebermorgen ist die Beerdigung. Seine Frau war eben in der Küche. — Siehst du, da hört man den Zug pfeifen; er fährt schon durch das Dorf. Verspätung hat er nicht."
„Thora, lach' nicht über mich, aber mir ist so entsetzlich angst mit einemmal. Als wenn Rose nach mir ruft — als wenn —" sie drückte die Hand gegen das Herz und atmete schwer. „Wenn sie jetzt in zehn Minuten nicht hier ist —"
„Sie wird schon."
„Sie wird nicht. Ich spür' es. — Ich weiß doch, wenn meine Kinder in Not sind."
Thora ging in das Gewächshaus. „Ille, ich kann nichts mit Mutter anfangen. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, daß mit Mucki was verkehrt ist. Red' du ihr mal zu."
Ille kam in die Stube. „Mutsch, geliebte, weißt du, was ich hier hab'? Die erste Rose! Halb offen! Für dich! Ist sie nicht entzückend? Wir wollen sie hier auf deinen Schreibtisch stellen. Hast du nicht ein kleines Glas?"
„Ja, ja, mein liebes Kind." Frau Margrit zwang sich zum Lächeln. „Hier ist eins--" Sie griff im
selben Augenblick nach einer Stuhllehne und schrie auf: „Rose, Rose! Mein Gott, was ist mit dem Kind? — Ich ersticke vor Angst. — Ich jgf)re sofort hinüber nach Hamburg."
„Mutter, es geht ja kein Zug mehr heute."
„Doch, der D-Zug."
„Der hält hier doch nicht."
„Ich gehe bis Redebüll."
„Unmöglich. Anderthalb Stunden und bei diesem Wetter."
„Ich geh' sofort. In zwei Stunden kommt er ja durch."
„Du gehst nicht", sagte Thora entschieden. „Wenn jemand geht, gehen Ille und ich. Du kannst dir den Tod holen. Und nun werde ich erst einmal in der Pension antelephonieren."
Antwort aus Hamburg: „Fräulein Bunsen ist bald nach vier trotz des schlimmen Wetters fortgegangen und noch nicht zurück. Zur Bahn gegangen? Nein, davon hat sie nichts gesagt. Sie wollte zu Bekannten und käme zum Abendessen nicht wieder."
(Fortsetzung folgt.)
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