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Hr. U5 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Aus dem Reiche der Frau.

Mittwoch. 19. Mai 1926

3ie lernt das Kind gehen?

Von Dr. Gustav Tugendreich, Berlin.

Wie [ernt das Kind gehen?

Wie lernt das Kind atmen, schreien, saugen? DaS Kind ist da, und unmittelbar nach der Geburt itmet es ein und aus. schreit mit kräftiger Stimme und, an die mütterliche Brust gelegt, änpt es alsbald an, eifrig zu fäugen. Ä.emand )at S gelehrt! uralte Triebe, durch Jahrmillionen »ererbt und enttoidelt, werden hier wirlsam. Aicht anders verhält es sich mit den verschiedenen Droben der Kunst, sich fortzubewegen. Fast alle Tiere bringen die Fähigkeit, sich fortzubewegen, mit auf die Welt, genau wie die Fähigkeit des Atmens, Saugens u. a. Das Küken pickt die Schale auf und läuft munter umher. Das me.ftch- iche Küken wird nicht so vollendet aus dem nütterlichen Schoße In die Welt entlassen. Der leunmonatigen Entwicklung im Mutterleibe folgt 'och eine sehr viel längere Zeit der Entwicklung außerhalb deS Mutterschoßes. Daß aber die kör­perliche Entwicklung des Kindes, falls es gesund st und unter natürlichen Bedingungen aufwächst, ohne- besondere pflegerische oder erzieherische Maßnahmen verläuft, ist zweifellos. Die Ent­wicklung der sogenannten statischen Funktionen, also das 61 Ben, Stehen, Kriechen, Gehen ist aufs maste abhängig von der Entwicklung des Nerven- 'hstemS, insbesondere des Gehirns. Die unbe­fangene mütterliche oder ärztliche Beobachtung am wachsenden Kinde bestätigt das ohne weiteres, stimmt die Mutter das neugeborene oder wenige Wochen alte Kind auf den Arm, so sinkt sein Stinn haltlos auf die Brust. Wenige Wochen später wird der Kopf dabei aufrecht gehalten, und legt dann die Mutter das Kind auf den Bauch, so sieht sie zu ihrer freudigen lieber- raschung, daß es den Kopf hebt. Keinerlei Hebung »der Hilfe ist dazu nötig gewesen. Und ganz ebenso, ohne unser Zutun, sitzt das Kind, steht es ines Tages, fängt an zu kriechen oder auch gleich, aus der Stehhaltung heraus, sich an Gegenständen haltend, die ersten Schritte zu tun, und eines schonen Tages, nachdem dieser Zwi» chenzustand mehr oder minder lange gedauert bat, läßt es die Hand los von dem haltgebenden Gegenstand und geht frei daher. Wie wenig wir diese Entwicklung beeinflussen können, erhellt dar­aus, daß trotz der verschiedensten Aufzuchtmetho- hen m den verschiedenen Zeitaltern, bei den ver­schiedenen Böllern der Beginn des Gehens doch immer nach einem bis anderthalb Jahre ein­tritt. Ob der Säugling toi* in vergangenen Zeiten allgemein und auch heute noch bei einigen Böllern fest gewickelt wird, ob er wie wir es für zweckmäßig halten in der Bewegungsfreiheit seiner Gliedmaßen möglichst wenig behindert wird, das selbständige Gehen tritt zu Beginn des zweiten Lebensjahres ein immer die Gesund­heit des Kindes vorausgesetzt. Daß durch gym­nastische Hebungen ein früherer Beginn der Geh- sählgkeit zu erzielen ist, dafür läßt sich bis jetzt keinerlei Beweis erbringen. Sicher ist aber, daß eS dem Kinde keinerlei Borteil bringt, wenn es vor dem normalen Termin laufen lernt; ebenso sicher ist es, daß es dem Kinde Nachteil bringt, wenn man den Beginn des Gehvermpgens gewissermaßen künstlich herbeizu­führen versucht. Wir törnicn zur Mutter Natur das Vertrauen haben, daß sie das Kind gerade bannfreilaufen" läßt, wenn seine Organe. Kno­chen und Muskeln dazu bereit und fähig sind.

Für das gesunde Kind sind daher alle Ver­suche, den Eintritt des großen Ereignisses zu beschleunigen, unnatürlich und schädllch. Man stellt Muskeln. Knochen und Sinne vor Aufgaben, denen sie nicht gewachsen sind. Daher ist vor allen Versuchen, durch Laufgürtel, L a u f st ü h l e usw. das Gehenlernen zu unterstützen, nur dringendzuwarnen. Die vorzeitige Belastung führt leicht zu Der- irümmungen der Deine und zu Senkungen des .Fußgewölbes, Schädigungen, die lange Zeit zur Heilung gebrauchen und deren Behandlung in Schonung der Deine, also in Deschränkung des Sehens liegt Mütter also, die nicht erwarten

können, daß ihr Kind selbständig läuft, müssen Id D't dadur h bäßen b

in einem Alter auf ärztliche Anordnung viel liegen müssen, in dem die anderen Kinder munter umherspringen. Achtung vor der natür­lichen Entwicklung ist das oberste Ge­setz aller körperlichen und geistigen Erziehung. Diese Entwicklung verläuft bei jedem Kinde in besonderer Dahn. Daher führen die beliebten Vergleiche des eigenen mit anderen gleichalten Kindern oft zu nichts Gutem. Für den Gesundheitsstand bedeutet es gar nichts, ob ein Kind mit zwölf oder mit vierzehn Monaten laufen lernt.

Tlun gibt es freilich .Kinder, bei denen der Beginn des freien Gehens durch krankhafte Zu­stande weit über die Norm hinausgezögen wird. Wenn ein Kind in der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres oder gar noch später keinerlei An­stalten zum Gehen trifft, so muh stets ärztlicher Nat eingeholt werden. Meist wird der Arzt barm die schwerere Form der englischen Krank­heit feststellen, die ja zu einer Schädigung der Knochen und Muskeln führt. In seltenen Fällen sind Knochen und Muskeln, der Gehapparat, gesund und in Ordnung; der Wille ist zu schwach, um diesen Apparat in Bewegung zu sehen; hier handelt es sich dann um Willensschwäche Kinder.

Aur um eines haben sich die Ellern zu sorgen, daß bei dem zunächst unsicheren Gang das Kleine keinen Schaden nimmt; vor allem sind alle scharfen Gcken und Kanten an Schränken. Tischen usw unschädlich zu machen. Im übrigen beschädigen sich die Kinder bekanntlich äußerst selten ernstlich. Das geringe Gewicht, die geringe Fallhöhe des kleinen Körpers, die Elastizität der Knochen, sie wirken zusammen gegen eine schwere Verletzung beim Fallen. Natürlich wird das Auge der Mutter wachsam den ersten selbständigen Gehversuchen chres Sprößlings folgen.

Empfehlenswert ist für den Kriechling und unselbständigen Geher dasStällchen", das dem Kinde durch fein Geländer eine gute Gehunter- stühung gewährt und ariderseits die Gefahren des Fallens fast ganz beseitigt. Als Ersah hierfür kann auch das Bett des Kindes dienen, wenn das Gitter in seiner Höhe genug Sicherheit vor dem Herausfallen bietet. Man entfernt dann die Zu­decke und läßt das Kind in diesem seinenStäll­chen" auf der mit einem Laken überzogenen Ma­tratze seinen Tatendrang entwickeln.

Was die Somitwrmofce bringt.

Um es ganz kurz zu sagen: Spitzen, Dor- dürenstofte, buntgemusterte Voiles und Crepes, vorzugsweise Punkt- und Kugelmuster, und Taf­fet. Das sind die Stoffe, die verarbeitet werden.

Doch sehen wir uns zuerst nach dem Prak- ttschen, der Heberhülle um. Capes und Mäntel wetteifern um die Gunst der Frauen, doch ist noch nicht recht ersichtlich, wem sie endgültig zu­fallen wird. Wo es der Geldbeutel erlaubt, ver­mutlich beiden ... Das Jackenkleid tritt noch mehr in den Hintergrund, und es ist auch ver­ständlich, daß man zu den duftigen Sommerklei­dern gern das leichte, lose Capes trägt, wird doch das zarte Material nicht so zerdrückt wie durch den Mantel oder die Jacke. Als besondere Neuheit falben wir an diesen Capes den Pelz­kragen. Warum nur im Winter Pelze?, fragte die Reichspelzwoche, und die Frauen sagen bei­fällig: Ja, warum eigentlich ... Die Kleider ha­ben. obwohl sie nur mäßig weit sind enger als bisher die mit Glockenfalten gezierten winter­lichen alle die Tendenz zu flatternder Beweg­lichkeit. ein Effekt, der durch die schmalen langen Bänder erzielt wird, die den Kragen oder den Ausschnitt abschließen, durch Jabots und gereihte Volants. Namentlich die Bordürenstoffe verar­beitet man gern so, daß dem schlichtgehaltenen, mitteltief herabreichenden Taillentell die Dor- düre faltig in einem großen oder mehreren kleinen gezogenen Volants angeseht wird.

Die buntgemusterten Stoffe: Voiles, Crepe marocains, leichte Seiden zeigen wunderschöne Farben, die sowohl dem Geschmack der Textil-

fabrilen wie der Farbenindustrie das beste Zeug­nis ausstellen. Auf farbigem Grund ließt man viel schwarze Musterung. Sehr beliebt find, wie gesagt. Punll- und Strichmustemngen: erstere von winzigen Pünktchen bis handtellergroßen Kugeln. Diel sieht man auch türkisch bunte Stickereien auf weißen Stoffen. Sind diese Buntftoffe für die Straße berechnet, so verwendet man für fest­liche Gelegenheiten, Gartenfeste usw. mit Bor- liebe Spitzen in matten Schattierungen, milch­farben, mahn', zartes Korallenrot, weiche Silber- spitze, blau. Mmmergrau, llchtgrün kurz, alle feinen Pastelllönnungev. Spitzenkleider werden gern mit Perlstickereien in gleicher ober ab- stechender Farbe, ja auch mit biskreter Straß- Stickerei geschmückt Die Chantillyspihe ist das vornehmste Material für diese Kleider. Sehr viel wird Silberlame zum Unterkleid verwendet. abi.r sonst läßt man abstechende Unterkleider nicht gellten, sondern hält sie in der gleichen Farbe wie die Spitze.

Eine Neuerung noch: der bunte, flache Son- nennschirm. den Chinesenschirmen nachempfunden. Sehr beliebt sind Sonnenschirme aus Daststoff, der bald großblumig, bald mit Keiner, immer aber bunter Musterung auftritt.

Farbe ist Trumpf in der Mode dieses Sommers. Sibylle.

Wohnkultur.

In den letzten Jahren hat sich das allgemeine Interesse in erhöhter Weise der Wohnkultur zuge­wendet. Allenthalben werden in Borträgen und Aufsätzen fruchtbare Anregungen zu ihrer Hebung gegeben, die lebhafte Aussprachen und Erwiderun­gen zur Folge haben em Beweis, daß das Be- dürfnis nach Besserung groß und die Wichtigkeit der Frage anerkannt ist. Leider wenden sich die Ratschläge der Fachleute zumeist an Siedler, an angehende Billenbesitzer oder an Menschen, die ein neues Heim von Grund aus aufbauen wollen und benen größere oder geringere Mittel dafür zur Ver­fügung stehen. So sind z. B. die interessanten Neue­rungsoorschläge von Bruno laut nur für jene brauchbar, die ihre Räume auch architektonisch mit der Methode der Schmucklosigkeit in Einklang brin­gen können, wo also Möbel eingebaut, bilderlose Wände individuell bemalt werden können und breite, niedrige Fenster Vorhänge überflüssig machen. Eine normale Mietwohnung dagegen, mit ihren unmotiviert hohen Zimmern, den schmalen gestreckten Fenstern, dem Ofen, der gewöhnlich zwischen zwei Türen eingeklemmt ist, würde sich ohne Teppiche, ohne Bilder, ohne Vorhänge usw. in kläglichster Kahlheit präsentieren.

Vorweg sei die paradoxe Behauptung aufge­stellt, daß die wenigsten Menschen überhaupt eine Ahnung von häuslichem Behagen besitzen. Sie empfinden mit unklarem Bedürfnis, daß es ange­nehmer sei, die Stunden der Muße lesend auf einem Lehnstuhl beim sonnigen Fenster oder beim geheizten Ofen zu verbringen, statt auf einem har- ten Sessel bei Tisch, aber es bedarf so vieler kom­plizierter Vorkehrungen, bevor der gewünschte Zu- 'stand hergestellt ist, daß sie ausBequemlichkeit" lieber darauf verzichten. Der Lehnstuhl steht zwar beim Ofen, aber die Lamoe ist meilenfern davon und sendet keinen Lichtschein in die dämmerige Ecke; das sonnige Fenster lockt, aber nur der Blu­mentisch Mht davor; der müßte erst weggerückt, und der bequeme Stuhl, der irgendwo im düster­sten Schatten hockt, an seine Stelle geschleppt wer­den. Nach ungeschriebenen Gesetzen stehen nämlich die meisten Möbel so, wie es herkömmlich ist, wie man sie in der gleichen Anordnung in tausend Wohnungen wiederfindet.

Dem Büfett des Speisezimmers zum Beispiel sollte man unerbittlich den Krieg ansagen. Es war für eine Zeit gedacht, wo die Hausfrau große Schätze an Porzellan, Glas und Silberzeug ihr eigen nannte, sie zum Teil in feinen Fächern aufbewahrte, zum Teil auf feiner Platte zur Schau stellte. Heute haben sich die Zeiten leider geändert; in jungen Wirtschaften besteht fein llebermaß an solchen Din­gen mehr, in alten schwindet es durch den Gebrauch

hm, ohne daß Nachanschaffungen leicht möglich wären, und nicht allzu viele Familien von gedie­genem Reichtum verfügen heute noch über Service für zwöli und mehrere Personen, vom Speise- bi» Z»m Motka-, vom Pier- bis zum Likörservice. Wa» übrig bleibt, ist die Kredenz ein Ungetüm, das sehr viel Raum einnimmt und ebenso veraltet wie un­schön wirkt. In einem kleinen Schränkchen ist meist Platz genug für Glas und Porzellan, und was für den Alltag nicht gebraucht wird, kann in einem gewöhnlichen Wandfmrank ebensogut untergebracht werden. Damit wird das Speisezimmer zum Wohn­zimmer, man gewinnt Raum für eine gemütlich« Ecke mit einem Tischchen, ein paar bequeme Ses­sel, einem Bücherregal oder für das Klavier, da» bisher in den ungeheitten Salon verbannt war. Ver­gönnt man sich noch die bescheidenen Kosten, außer der Lampe in der Mitte eine Stehlampe montieren u lasten, so hat man ein sehr gemütliches Zimmer, besten Behagen eben darin besteht, daß es benutzt wird und nicht bloß für Gäste da ift.

In gleicher Weise gehe man mit dem Herren­zimmer und den übrigen Räumen vor: Man laste nur jene Gegenstände und Möbel darin, die man wirklich braucht und die Freude machen, und weise unnachsichtig alles ab. was bloß das Ansehen vor Fremden hebt

Spricht man von Wohnkultur, so muß besonder» auch der Wandbekleidting gedacht werden, denn die Tapete ist es, die dem Raum das Gepräge gibt. Es aibt absolut waschbare und lichtechte Tapeten, mit denen reiche Vrunkwirkunaen erzielt werden, doch gibt es unter diesen auch Muster, mit denen Woh­nungen ebenso billig wie geschmackvoll ausgestattet werden können.

Auch dem Fußboden her modernen Wohnung muh eine erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet wer- den. Das geschieht durch Linoleum mit durchgehen­dem Muster, das bis auf den Grund reicht und da­her nicht abgetreten werden kann, «owohl die Art de? Musters wie die Farbe des Linoleums muß dem Zweck, welchem der Raum dient, aber auch der Farbe der Wände und Möbel entsprechend, deko­rativ angepaßt werden.

Wohnkultur das heißt, sich den Rahmen für feine Erscheinung und seinen Lebensstil schassen.

S. H.

Für die Küche.

Verlorene Eier.

In einer flachen Kasserolle erhitzt man Wasser bis zum Kochen, gibt etwas Essig und Salz hinein. In das Wasser schlage man vor­sichtig. so daß sie hübsch beisammen bleiben, die Eier und lasse sie unter fortwährendem Schütteln der Kasserolle 2 biS 3 Minuten kochen, bis das Eiweiß ganz gestockt ist. Die Sier werden mit einem durchlöcherten breiten Sieb­löffel aus dem Wasser gehoben; wenn sie richtig gekocht sind, müssen sie beinahe dieselbe Form haben, wie ein gekochtes, geschältes, kern­weiches Ei.

Gebackenes Hasche«.

Man hackt beliebige, gekochte oder gebratene Fleischreste, mischt einen gewässerten, gehäuteten, entgräteten, feingehackten HeringSrücken, eine gD hackte Zwiebel, einen tiefen Teller voll ge­riebener, tagszuvor gekochter Kartoffeln, Salz, Pfeffer, geriebene Semmel, ein Ei und ein paar Löffel saure Sahne mit dem Fleisch, daß die Masse breiig erscheint, man kann auch etwas Mehl oder zerlassene Butter hinzugeben, fallt sie in eine mit Butter bestrichene Form und läßt das Gericht in mäßiger Ofen Hitze eine Stunde backen.

Prager Speise.

Neis wird mit Milch, etwas Zitronenschale, Salz und Zucker weich gekocht. QLpfelmuS hält man warm vorrätig. Man bäckt drei Eier­kuchen, legt einen auf eine heiße Platte, streicht dick Apfelmus, dann Reis darauf. Cs folgt der zweite Eierkuchen mit Mus und Reis und als Deckel der letzte Eierkuchen, den man mit Zucker und Zimt bestreut.

Das Liesl vom (Bnblerbräu.

Eine Psingstgeschichte.

Bon Georg Hirschseld/

Misten Sie, was ich immer für die Hauptsache angesehen habe. Der Mensch muß ganz sein, was er ift Es kommt auf die Meisterschaft an. Da gibt es gar keine Berufsunterfchlede. Ein Bäcker, der diese Salzbrezeln backt, ift im Grunde mehr als ein Virtuose, der immer denselben falschen Ton spielt Sehen Sie sich das Mädel an. Ja, ja, die Blonde. Das ist Liesl. Ich beobachte sie jeden Mittwoch und Samstag. Sie ist Kellnerin, nicht wahr, und noch jung. Sie ist der Zenta, der dicken Kassiererin, un­terstellt. Aber: sie beherrscht schon ihren Beruf. Sehen Sie mal den wundervollen Ernst, mit dem sie die Maßkrüge oorüberträgt. Sechs Stück in ihren kleinen Händen. Die Kalbshaxe, die sie Ihnen brachte, war ihr etwas Feierliches. Als Sie an den gemischten Salat erinnerten, nahm sie die Sünde der Kassiererin auf sich."

Der junge Mann, an den diese Worte gerichtet waren, lachte erst zu Ende. Dann sagte er:Das Mädel ist übrigens ganz entzückend. Im Ernst, Herr Professor. Direkt Botticelli. Herb und süß. Eine geistige Feinheit, die ins Odeon paßt, nicht ins Gab- lerbräu. Wenn Ich nicht morgen nach Rom weiter müßte weiß Gott, ich würde sofort Bekanntschaft machen."

Der ältere Herr hüllte sich in Rauch. Seine be­hagliche Stimme klang etwas härter:Was heißt das? Das geht beim Liesl nicht so rasch."

Ich hab' ja in diesem Fall noch keine Erfah­rung. Aber wenn ich an die Münchener Mädeln im allgemeinen denke . . . Darf ich mir die Frage erlauben, ob der Herr Professor die Kleine noch nichtnäher" kennen, wenn Sie sie jeden Mittwoch und Samstag beobachten?"

Nein. Ich kenn' sie überhaupt nicht. Ich hab' erst ein Dutzend Worte mit ihr gewechselt."

Die blanken Augen des jüngeren Musikers lächel­ten in sich hinein.

Das Liesl hatte in ihrem Berufseifer nur Bruch­stücke. dieser Unterhaltung aufgefangen. Ihr Bedie­nungsfeld umfaßte acht wohlbesetzte Tische. Da hieß es aufpasten. Dennoch fügte es nicht nur der Zufall, daß sie ihren Weg zum Büfett immer an dem Tisch des Herrn Professors vorbeinahm. Sie gestand es

sich nicht ein. Aber so unbewußt ist kein Münchener Mädel, daß es sich nicht von einem Mann beob­achtet fühlte. In diesem Fall war alles nur Ehrung und zärtliche Scheu. Es handelte sich ja um Herrn Professor Madlener, den berühmten Komponisten, den der Wirt als den wichtigsten Stammgast be­zeichnet hatte, obwohl es ein Eigenbrödler war, der immer allein saß. Die Gesellschaft eines durchreisen­den Schülers heute war eine Ausnahme.

Doch, wie gesagt, von seiner Unterhaltung mit dem jungen Mann hatte Liesl kaum etwas aufge­fangen. Es gehörte sich ja auch gar nicht, daß sie die Gespräche der Gäste belauschte.

Nun kam einer der großen Augenblicke ihres Tages.Sein Krügl" stand offen. Sie näherte sich mit rascher Zierlichkeit:Noch eine Halbe, Herr Professor?"Ja, mein Kind." Diese drei Worte nahm Liesl wie einen Schatz mit.

Um zehn Uhr verabschiedete sich der junge Herr. Bis halb elf saß Professor Madlener noch allein dann ging auch er. Er war ein einsamer Jung­geselle. Er ging recht mühsam. Liesl schoß zu ihm hinüber und brachte ihm erst seinen Stock. Dann half sie ihm in den Mantel.Danke schön. Ist bald Pfingsten", sagte er und sah sie zum erstenmal lange an. Sonst sagte er nur noch:Auf Wieder­sehen." Liesl kämpfte mit einer Bewegung, die nur dieser Frühling brachte.

Das Lokal wurde leer. Die Mädchen konnten rasten.Geh' her", sagte die dicke Zenta.Setz' dich zu mir, Liesl. Du läufst dir ja noch die Schwindsucht an."

Sie strich ihrer jungen Gehilfin über das schim­mernde Haar: .Bist ja so heiß. Ja, ja das tut der Frühling. Mußt dir auch mal a Gspusi anschaffen, Madl. Bist groß und sauber ;a auf dich schaut ein jeder."

Aber Zenta!"

Das war am Samstag gewesen. Arn nächsten Mittwoch fragte Professor Madlener plötzlich: ^Warst du heute in der Mai an dacht, Liesl? In der Frauenkirche, mein' ich?"

Sie zitette. Es zuckte um ihren feinen Mund. Ja, heut war ich . . ."

Ich nämlich auch. Ich hab' dich gesehen. Schön roafs gelt?"

Sie nahm fein Krügl und eilte fort Als sie am Büfett die Bratwürste! für ihn hotte, dachte sie

fiebernd:Ich hab' ja für ihn gebetet, daß er nimmer so einsam bleiben möcht', der liebe, gute Herr!" . . .

Sie kam mit den Würsteln zurück. Er starrte sie mit seinen großen, blauen Augen an. Sie wußte nicht, daß ihr die Tränen über die Augen liefen.

Na, Liesl, hast du Kummer?"

Nein, Herr Profesior."

Was machst du denn zu Pfingsten?"

Ich weiß nicht, meine Mutter bleibt immer daheim."

Besuch' mich doch. Ich fahr' am Samstag nach Dieffen. Da hav ich ein nettes Häusl und einen großen Garten. Besuch' mich, gelt? Das tut dir gut nach der vielen Arbeit in der schlechten Lust. Zu mir darfst schon kommen!"

Sie nickte nur und sand kein Wort. Später sagte die Zenta mit forschendem Blick: .Liesl, Liesl, ich glaub', du bist heut aufgewacht. Das ist brav zu Pfingsten. Ja, ja 's halt ein närrischer Früh­ling heuer."

Dann sah Zenta, wie Liesl dem Herrn Professor behilflich war.Jesias Maria," dachte sie,das dumme Madl hat sich doch nicht in den Madlener verliebt? Der ist zu alt für sie und ein Kriegs- inoalid. Sie schaut ihn wie ihren Herrgott an."

Wartend stand Robert Madlener in seinem Diessener Garten. Blau war der Himmel und noch blauer der Ammersee.Das ist der sonderbarste Frühling, den ich je erlebt habe. Es gibt soviel Blüten, daß der Mensch nicht atmen kann." Diese schweren Gedanken wurden plötzlich unterbrochen eine schmale, weiße Gestatt kam zögernd heran. War das Liesl? Ja, sie war es. Nun glaubte er sie erst wahrhaft zu sehen. Ein Hut mit hellem Band, ein lichtes Kleidchen, lichte Schuhe das schwarze Be­rufskleid war verschwunden.

Seltsam er konnte wieder atmen. Er ging mit dcm entzückenden Mädchen durch den Gatten, er zeigte ihr sein Haus. Nach dem Essen im Wirtshaus ruderten sie.

Sie genoffen den Feiettagsfrieden.

Mein Kind", sagte er, ihre schmale Hand haltend.

Machen der Herr Profeffor sich alles alleine?" fragte Liesl plötzlich. Es schien das Resultat einer tiefen Ueberlegung zu sein.

Natürlich, Kind. Ich hab' nur eine Zugeherin

und esse im Wirtshaus. Auch in München. Ich war übrigens immer alleine."

Das muß wohl ein Künstler sein?"

Will ich nicht sagen."

Nach dem Rudern wandetten sie am Ufer, bis die Sonne des ersten Feiertages sank.Darf ich deinen Arm nehmen, Liesl? Es fällt mir sonst schwer, so lange zu gehen."

Sie bot ihm den Arm so freudig, daß ihm das schönste Thema seines Lebens einfiel. Er führte ins- geheim das ganze Adagio aus, während er an ihrem Arm ging. Liesl aber hatte den Ausdruck heiligen Mitleids in ihren Augen.

Abends blieben sie in seinem Hause. Sie be­halfen sich mit seinen Vorräten, die er hatte. Liesl briet Spiegeleier, und der Professor erklärte, nie etwas so Köstliches gegessen zu haben.

Er sah aber allmählich, daß sie kein Zeitgefühl mehr hatte.

Nun mußt du fort nach Herrsching", sagte er.

Da erhob sie sich sogleich. Nun riß es ihn plötz­lich hin. Er küßte ihren unberührten Mund.

Liesl sank in sich zusammen. Sie meinte nicht, aber sie war entrückt. Sie konnte nicht ausstehen und sich rüsten und zum Schiff gehen. Es war ein Zustand, der ihn an seine Lähmung im Lazarett erinnerte.

Es blieb ihm nur übrig, sie zu behalten. Er richtete ihr ein Lager und bettete sie darauf.Ich werd's deiner Mutter erklären", sagte er. Doch da» schien ihr keine Sorge zu sein.

Sie blieb auch den Montag bei ihm. Es wurde noch einmal Abend.Mein liebes Kind, mein einziger Besitz, du Hort meiner Kunst und meiner Hoffnung ich bringe dich jetzt nach München, zu deiner Mutter und nehme die Angst von der allen Frau. Sie wird mir glauben."

Muß ich dann ins GablerbrSu zurück? Ich will schon, wenn du kommst."

Nein, das Alte liegt nun im Nebel für dich und für mich. Bleibe bei mir, fei mein Kind, bis ber Mann deiner Zukunft kommt."

Der ist schon da. Es gibt keine Zukunft sonst. Laß mich dienen, laufen, schaffen für dich'"

Liesl, du nimmst den Bann von mir. Bin ich nicht zu alt?"

Als die Bäume seines Gattens Frücht« trugen», führte er sie in München zum Altar.