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Der Rechtsausschuß hat sich gegen den völkischen Antrag ausgesprochen.

Abg. Kube (Völk.): Der Beseitigung des Sraatsgerichtshofes zum Schutze der Republik müsse schnell die Beseitigung des_Schutzgesetzes folgen, da­mit der Willkürherrschaft Severings und seiner Um­gebung ein Ende gemacht werde. Das Republik- jchutzgesetz fördere Spitzeltum und Gesinnungs­schnüffelei. Die preußische Schupo ist nicht ein In­strument des Staates, sondern ein Instrument des bewußten Gegensatzes zur Reichswehr und zu ollen vaterländischen Kreisen im Volke.

Abg. Frhr. o. Freytag-Loringhoven (Dntl.) stimmt dem völkischen Antrag zu und pro­testiert gegen die jüngste preußische Polizeiaktion gegen Claß und seine Freunde. Seit wann ist es denn Hochverrat, eine Verfassung ouszuorbeiten? (Unruhe und Rufe links:Ist das nur Dummheit oder Frechheit?") Aus den Kreisen der Sozialdemo­kraten ist doch 1917 auch eine republikanische Ver­fassung ausgearbeitet worden (Lebhafter Wider- spruch"llnks), wenn auch dos WortRepublik" darin nicht enthalten war. (Lärm bei den Sozialdemo­kraten.) Was will man von Dr. Neumann? Heute trägt doch jeder Bürgermeister sein Reichskanzler­patent in der Aktentasche. Worum soll ein rechts­stehender davon ausgeschlossen sein? Wenn mon­archische Gesinnung als Hochverrat gilt, dann muß die ganze Deutschnationale Dolksportei des Hochverrats angeklagt werden, denn keiner von uns leugnet seine monarchische Gesinnung. (Laute Rufe bei den Sozialdemokraten:Sie waren ja Untertan des russischen Zaren während des Krieges.) Solche Angriffe gegen den deutschen Stamm der Balten richtet sich selbst. Die Putschaktion des preußischen Innenministeriums war nur möglich auf der Grund­lage des Republikschutzgesetzes, darum muß dieses Gesetz fallen.

Abg. Scholz (Dtsch. Dp.): Meine Freunde haben im Rechtsausschuh gegen den vollischen Antrag gestimmt, weil sie eine Ueberleitung der Bestimmung des angeforderten Gesetzes in das allgemeine Strafrecht wünschen. Inzwischen sind die bekannten Ereignisse in Preußen eingetreten.

Namens meiner Fraktion stelle ich fest, daß die Vorgänge sie aufs äußerste erregt haben, und daß ich nicht anstehe, sie mindestens der Form nach als einen groben Mißbrauch dec gesetz­lichen Bestimmungen sestzustellen.

«Lebhaftes hört, hört! links, große Bewegung bei den Demolraten und im Zentrum.) Wir haben deshalb die Auffassung, daß nach dieser veränderten Sachlage es notwendig sein wird, die ganze Angelegenheit erneut einer Rach­prüfung im Rcchtsaufchuß zu unterziehen mit dem Ziel, das Republikschukgesetz so schnell wie mng= lich oufzuheben. «.Unruhe >

Abg. Levi (Soz.) Wir wissen, daß dos Aepublikschutzgeseh total versagt hat, daß es seine Schärfen nur nach links und nicht nach rechts wandte. Das ist nicht die Schuld des Gesetzes, sondern derer, die es angewandt haben. (Sehr wahr links.) Darum stimmen wir nicht für die Aushebung. Die Berfolgung der Hochverräter von rechts ist Sache des Reichsanwaltes Riel- Hammer, der dadurch gebührend gekennzeichnet ist. daß ihm im Prozeß gegen die Organisation ® die Angeklagten für seine Art der Anklage­vertretung Dank sagten.

Abg. v. Guerard (Zentr.): Der Abg. Dr. «Scholz hat in der Begründung seines An­trages auf Rückverweisung an den Rechtsaus­schuh gesagt, daß die gorm des Vorgehens der preußischen Staotsregicrung bei einer bekannten Aktion, ein grober Mißbrauch der bestehenden Gesetze sei. (Sehr richtig rechts.) Ich muß sagen, daß ich es für durchaus nicht richtig halte, hier in diesem Hause einen derartigen Dorwurf gegen eine Landesregierung zu erheben. (Bravo links und im Zentrum.Ranu?") Ich muh daher namens meiner Fraktion diesen Vor­wurf zurückweisen. (BeifaN im Zentrum.) Ich muß das um so mehr tun, als ich zwischen dem jetzt zur Beratung stehenden Punkt und dem preußischen Vorgehen keinen Zusammenhang er­kennen kann. Wenn wir für die Rückverweisung an den Rechtsausschuß stimmen, so tun wir es nur nach altem Brauch.

Der völkische Antrag wird an den Rechts­ausschuß zurückverwiesen.

Das Haus vertagt sich auf Mittwoch.

Die Putschdebatte im Preußischen Landtag.

Berlin, 18. Mai. (DDZ.) Das Haus setzt die zweite Beratung des Rotetats fort.

Abg. von Eynern (Dt. Vp.): Durch die Rede des Ministerpräsidenten ist der peinliche Eindruck, den die Polizeiaktion in der gesamten Oeffentlichkeit hervorgerufen hat, noch ver­tieft worden. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Auch das Zusammenspielen des Ministers mit dem Kollegen Heilmann war nur ein Zeichen für die rein parteipolitische Behand­lung dieser Angelegenheit. (Sehr richtig rechts.) Die Polizei soll eine Waffe in den Händen des Staates sein, nicht aber ein Instrument einer Partei. Diese Waffe des Staates muß natürlich auch gegen störende Fanatiker auf der Rechten angewendet werden. Der Redner zeigt auf den Platz des Ministerpräsidenten und erklärt: Wir stellen die unbegründeten Angriffe auf die führenden Männer der Industrie an den Pranger. Diesen Herren ist der Minister­präsident eine Genugtuung schuldig. (Lärm bei den Kommunisten und «Sozialdemo­kraten.) Es scheint mir, daß die unruhigen Ele­mente, von denen das Zentrum in seiner merk­würdigen Erklärung spricht, die die Wiederauf­richtung der Wirtschaft stören, in der Poli­zei sitzen. (Sehr wahr rechts.) Wir werden zwar dem Rotetat unsere Zustimmung geben, weil er keine politische Angelegenheit darstellt. Aber schließen «Sie darauf nicht auf unsere Ge­samteinstellung. Wir werden durch Abstrich der Presseabteilung zeigen, wo wir des Hebels Kern sehen.

Abg. Weisemann (Dir.) erklärt, daß die vorgenommenen Haussuchungen die Bestimmun­gen des Strafgesetzbuches verletzt haben, well die Grundlagen für diese Maßnahmen nicht vor­handen waren, lieber all zeigt sich wieder der Dualismus der deutschen Geschichte, über den DiSmarck so geklagt hat. «Schuld sind die sozia­listischen Ideen und ihre Auswirkungen. Die Revolution, die durch Meineid und Verrat ge­wonnen ist (Unterbrechungen und Lärm links), ist ein Kompromiß, das seine Väter, die Sozia­listen, am wenigsten befriedigt. Gegen die heutige Regierung in Preußen besteht in allen Kreisen ein begreifliches Mißtrauen. Die nationalen Kreise verwahren sich dagegen, daß die Hochver­räter von 1918 verdiente Männer als Hochver

räter bezeichnen. Das deutsche Volk ist auf der Hut. Ein zweites Ma», gelingt der Revolutions- überrumpclungsversuch nicht, l Widersprach links und in der Mitte.)

Abg. Pieck (Komm.) erklärte, die Vorbereitun­gen zu einem Rechtsputsch hätten sich zu genauen Putschplänen verdichtet. Ein Zusammenwirken mit Offizieren der Reichswehr und der Schupo sollte die­sen Plan in die Wirklichkeit umsetzen. Der Rote Frontkämpferbund werde in disziplinierter Organisation gegen die Bestrebungen auftreten, die Monarchie wieder aufzurichten. Er wird zu Pfing­sten keine Revolution machen, sondern zusam­men mit b c m Reichsbanner einen Werbetag für die Einigkeit des Pro­letariats obhalten. Das Zeichen ist dabei die Beseitigung der Republik der Bour- q o i s i e und die Schaffung der Republik der Ar­beitermacht. (Sehr wahr! links.)

In der Abstimmung wird der Notetat gegen die Stimmen der Deutschnationalen und der Kommu­nisten angenommen. Gegen den Nothaushalt des preußischen Staatsministeriums stimmte auch die Deutsche Volkspartei. In der dritten Lesung und in der Schlußabstimmung findet der ganze Notetat jedoch die Zustimmung des Hauses gegen die Stim­men der Deutschnationalen und der Kommunisten.

Der Antrag der Deutschnationalen, der Ge­nugtuung für die Persönlichkeiten fordert, bei denen unbegründet Haussuchungen vorge­nommen worden sind, und der weiter die Bestra­fung der verantwortlichen Beamten fordert, wird in namentlicher Abstimmung mit 141 gegen 216 Stim­men a b a e l eh n t.

Das Haus vertagt sich auf Mittwoch.

Eine Erklärung des Iustizrats Claß.

Berlin. 17. Mai. ($11.) Iustizrat Claß übermittelt der Presse eine Erklärung, in der es u. a. heißt: Unter den sogenannten Rechtsgerich­teten ist mir in ganz Deutschland niemand be­kannt, der die Rettung des Vaterlandes durch einen Putsch für möglich hielt und demgemäß sich mit Putschplänen oder mit Absichten be­schäftigte, wie sie in der veröffentlichten, anschei­nend aus dem Jahre 1923 stammenden sog. Rot­verordnung enthalten sind.

Bei Unterhaltungen, die ich in Ausübung meiner bisher noch uneingeschränkten staats­bürgerlichen Rechte mit vielen vaterländisch Ge­sinnten über die verzweifelte Lage des deutschen Volkes zu führen hatte, stand in Öen letzten Monaten die wirtschaftliche Rot im Vordergrund. Es ist mein Recht und meine Pflicht, die ich mir von niemanden verkümmern lassen werde, meine Anschauung über Mittel, Wege und Männer auch anderen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Bei solchen Unterhaltungen habe ich meine Ansicht dahin ausgesprochen, daß die Rettung nur von einer Regierung kom­men könne, in der öic besten Männer Deutschlands säßen, die genaueste Kennt­nis der Wirtschaft und des Staates mit staats­männischem Geiste und Sachlichkeit verbänden.

Meine Beziehungen zu den nach der Aus­drucksweise der Linkspresse mit mir am meisten belasteten Herren Geh. Rat Dr. Hugenberg und Bürgermeister Dr. Reumann sind wie folgt: 2m Anschluß an Unterhaltungen mit Herrn Hugenberg über die verzweifelte wirt­schaftliche Lage des Vaterlandes und die Art und Weise, wie ein völliger Zusammenbruch verhindert werden könne, habe ich ihm schließ­lich die Frage vorgelegt, ob er sich zur Ver­fügung stellen werde, falls der Ruf an ihn ergehe, ein maßgebendes Reichsamt zu übernehmen. Herr Hugenberg hat mir mehrfach ablehnend geantwortet.

Dieses Rein des Herrn Hugenberg hat mich gelegentlich veranlaßt, ihn um sein Urteil über Herrn Dr. Reumann zu bitten. Als dieses wie mein eigenes sehr anerkennend lautete, ha­ben wir vorgenommen, bei sich bietender Ge­legenheit Herrn Dr. Reumann zu fragen, ob er, wenn der Ruf an ihn im Falle verfas­sungsmäßiger Um- oder Reuord­nung der Regierung ergehe, sich zur Verfü­gung stellen werde. Herr Dr. Reumann lehnte bei persönlichem Zusammentreffen ab und be­stätigte seine Ablehnung noch ausdrücklich mit Schreiben aus Lübeck vom 17. April des laufen­den Jahres. Trotzdem habe ich den rechtswidrig bei mir beschlagnahmten Durchschlag und unter Verletzung des Briefgeheimnisses sowie des Ur­heberrechts von der politischen Polizei veröffent­lichten Brief vom 23. April nach Karlstadt ge­schrieben, worauf Herr Reumann von dort mit Brief vom 25. April nochmals ablehnend antwortete. Die in der gestrigen offiziellen Er­klärung des Herrn Reumann gegebene Sach­darstellung entspricht durchaus den tatsächlichen Vorgängen. Der ablehnende Brief des Herrn Reumann vom 25. April wurde von den Polizeibeamten gefunden, aber nicht beschlagnahmt. Er ist dann von meinen Angehörigen in meiner Abwesenheit den Beauftragten des 5jerrn Reumann übergeben worden.

Bemerkenswert scheint mir, daß der Reu- mannsche Brief vom 25. April an derselben Stelle meines Arbeitszimmers gelegen hat wie mein Durchschlag vom 23. April. Meine Tochter und mein Sohn, die der Haussuchung beigewvhnt haben, erklärten mit Bestimmtheit, daß die Polizeibeamten, die gerade jedes Fach nach «Schriftstücken aller Art durchsucht haben, den Reumannschen Brief vom 24. April wie­derholt in Händen gehabt haben. Es bleibt ihre Sache, weshalb sie diesen Herrn Reu­manns Weigerung sofort einwandfrei beweisen­den Brief nicht mit sich genommen haben. Was aus dem Reumannschen Brief vom 17. April geworden ist, ob er bei der durch die Haus­suchung angerichteten Unordnung verlegt ober sonst in Verlust geraten oder mitbeschlagnahmt worden ist, habe ich in der kurzen Zeit meines Hierseins noch nicht feststellen können. Ich wie­derhole, daß der Inhalt dieses Briefes genau dem entsprochen hat, was Herr Reumann in seiner öffentlichen Erklärung angegeben hat.

Alle in diesem Zusammenhang gegen mich gerichteten Maßnahmen der politiscAn Polizei entbehren der gesetzlichen, aber auch ieber tatsächlichen Grundlage und ver­letzen ursprünglich verfassungsmäßige Rechte. Ich habe daher meinen Anwalt beauftragt, gegen die für diese Maßnahmen Verantwortlichen mit allen Rechtsmitteln vorzugehen und insbesondere wegen Hausfriedensbruchs, Verlet­zung des Briefgeheimnisses und Ur­heberrechts Strafantrag zu stellen.

gez: Iustizrat Heinrich Claß."

Friedensburg verteidigt die Polizeiaktion.

Berlin, 19. Mai. (Wolff.) Der Polizei- vizepräsident von Berlin Dr.Sriebenäburg, nimmt in derTägl. Rundschau" gegen die Vor­würfe Stellung, die der preußischen Polizei wegen ihrer Maßnahmen in der letzten Woche gemacht worden sind. Der Friedensburg führt an, daß die Haussuchungen der Polizei nach § 102 der Straiprozeßordnung berechtigt waren, 'weil ein­mal der Verdacht einer strafbaren Handlung bestand, und zweitens Gefahr im Verzüge war. Der preußischen Polizei sei bereits feit längerer -Zeit befannt gewesen, daß im Schcße bestimmter radikaler Organisationen Maß­nahmen erwogen wurden, den häufigen Regie­rungskrisen durch Aufrichtung einer zunächst scheinbar verfassungsmäßig einzuleitenden Dik­tatur ein Ende zu setzen, die Weimarer Verfassung endgültig abzuschaffen und zu diesem Zweck, wenn erforderlich, durch Aufbie­tung gewisser Verbände auch äußere Macht­mittel anzuwenden. Die Bestrebungen wurden plötzlich auch in Einzelheiten dadurch genauer aufgehellt, daß hochgestellte Privatpersonen, die offenbar aus wirtschaftlichen Gründen anfänglich an den Plänen beteiligt waren, in Gewissensnot die für Staat und Voll drohende Gefahr abzu­wenden versuchten. Damit sei der Verdacht un­zweideutig und ernsthaft begrünbet gewesen, daß sich die Beteiligten des Unternehmens des Hoch­verrates schuldig machten. Rach der festen pflicht­gemäßen und übereinstimmenden Ueberzeugung der in Frage kommenden Dienststellen habe eine ernsthafte Gefahr Vorgelegen, die sich auch durch das aufgefundene Material über Erwarten deut­lich bestätigt habe.

Das Hegierirngsprogtamm des Reichskanzlers.

Wien, 18. Mai. (WTB) DieReue Freie Presse" veröffentlicht eine Unterredung mit Reichskanzler Dr. Marx. Der Reichskanzler sagte u. o.: Die Regierungserklärung wird auf die schwebenden Fragen im einzelnen nicht eingehen, ausgenommen die Arbeitslosenfürsorge und die flaggen frage. Die Regierungs­erklärung wird mit Bezug auf den Brief Hinden­burgs an Luther fest stellen, daß die Regierung alles aufbieten wird, um eine Lösung dieser Frage herbeizuführen, welche den Streit beilegt und eine Einigung herbeiführt. D ie Flaggen­verordnung besteht zu Recht. Dos ist feine Herabsetzung von Schwarzrotgold, welche die Reichsflagge ist und bleibt, wie es die Ver­fassung bestimmt. Der Gesetzentwurf über die Fürstenabfindung werde so rasch wie mög­lich dem Reichstag vorgelegt und nach Möglich­keit noch vor dem Volksentscheid durchberaten werden. Ich bin Anhänger der Locarnopolitik, wie auch der Dölkerbundspolitik. Ich halte es auch für richtig, daß Deutschland an den Korn- missionsberatungen in Genf teilnimmt, die eine Lösung der Frage des Volkerbundsrates vorbe- reiten. Auch meine Regierung bleibt durchaus bereit, den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu vollziehen, natürlich (Unter der Bedingung, daß Deutschland nicht irgend etwas zugemutet wird, was mit seiner Ehre nicht vereinbar ist. Die Beziehungen Deutschlands zu Oesterreich werde ich pflegen, wie sie mein Vorgänger gepflegt hat. Ich bin ein alter Freund Oesterreichs und bleibe es. Meiner Ansicht nach ist den Beziehungen zwischen Oester­reich und Deut' !land am besten gedient, wenn man keine polit-sch. i Reden hält, sondern prak­tische Arbeit verrichtet, namentlich auf kul­turellem Gebiet.

Die Deutschnationalen scheinen sehr ungehalten zu sein über die Abmachungen, die zwischen dem Zentrum und. der Deutschen Volkspartei am Sonntag getroffen worden sind, und die die Bildung der neuen Regierung ermöglicht haben. Es könnte also geschehen, daß die Deutschnationalen für ein Mißtrauens­votum stimmen. So werden die Sozialdemo­kraten sich wohl nicht darauf beschränken kön­nen, Neutralität zu üben, sondern werden die neue Regierung auch positiv unterstützen müssen. Das Ziel bleibt natürlich die Bildung einer festen Mehrheit für die 'Regierung. Das sicherste Mittel, dieses Ziel zu erreichen, ist die Große Koalition. Das kann natürlich nicht im Augenblick erreicht werden. Zunächst beabsichtige ich überhaupt so wenig wie möglich Aenderungen vorzunehmen, auch nicht in der Besetzung der Po­sten meiner nächsten Mitarbeiter. Der bisherige Staatssekretär der Reichskanzlei und der bisherige Reichspressechef bleiben im Amt.

Parteien und Regierungs- eriUärung.

Berlin, 19. Mai. (WTB. Funkspruch.) Zur heutigen Regierungserklärung und zu den gestrigen interfraktionellen Besprechungen im Reichstag teilt dieGermania" mit, daß Be­strebungen im Gange seien, den Standpunkt der Regierungsparteien zu der Re­gierungserklärung durch eine gemeinsame Erklärung zum Ausdruck zu bringen. Zwischen den beiden Flügelparteien der Regierungskoa­lition feien jedoch nicht unerhebliche Meinungs- verfchiedenheiten vorhanden. Auch die Frage eines Vertrauensantrages sei erörtert worden. Man wolle sich mit einem Billigungs­votum begnügen, wonach der Reichstag die Regierungserklärung zur Kenntnis nimmt und über alle anderen Anträge zur Tagesordnung übergeht. Dafür dürsten auch die Sozial­demokraten stimmen. Mißtrauensanträge gegen die Regierung dürften nur von den Kom­munisten und von den Völlischen zu erwarten sein, haben aber keinerlei Aussicht auf Annahme. Die Sozialdemokraten würden sich damit begnü­gen, daß ihr angekündigter Antrag zur Flaggen­frage dem Ausschuß überwiesen werde, der über die Schaffung der Einheitsflagge beraten soll.

Amerikanische Lkinrvanderungs- inspektoren nach Deutschland.

Reuyork, 19. Mai. (WTB.° Funkspruch.) Demnächst begeben sich mehrere amerikanische Einwanderungsinspektoren nach den deut­schen Auswandererhäfen, um ab 1. Juli d. I. dort statt in Ellis Island die Untersuchung der Personen vorzunehmen, die nach den Ver­einigten Staaten auswandern wollen. Das be­deutet insofern für die deutschen Auswanderer eine wesentliche Erleichterung, als das in Deutsch­

land erhältliche amerikanische Pahvismn lediglich zur Ueberfahrt berechtigte, die Erlaubnis zmn Anlandgehen aber erst von der Untersuchung der amerikanischen Auswanderungsbehörden in Ellis Island abhängig gemacht wurde, die un­liebsame oder kranke Auswanderer wieder zurück übers Meer schicken konnten.

Der Fehlschlag des Generalstreik Bergarheiter-Sekretär Hodgcs über die Folgen des mißlungenen Streiks.

London, 18. Mai. (WTB.) Der Sekretär der Bergarbeiter-Internationale Hodges erklärte in einer Unterredung mit einem Vertreter der Preß Association: Der letzte Generalstreik ist fehlgeschla- gen, weil er eine riesenhafte, aber zwecklose A n- strenguNg mar, angesichts der Stärke der wirt­schaftlichen Tatsachen und der sozialen Kräfte, denen er gegenübertrat. In den zwei grauen Wochen des Streikes lind die Erfolge der Gewerkschaftsarbeit eines halben Jahrhunderts zunichte gemacht worden. Die wirtschaftliche Lage in der Kohlenin- dustrie ist jetzt viel schlimmer, als vor dem Streik. Die Bedingungen der von der Regierung angebote­nen Regelung spiegeln diese Tatsache wieder. Vor dem Streik konnten besiere Bedingungen für die englischen Bergarbeiter gesichert «fußen, als jetzt, nachdem blinde Leidenschaft eine Maschine ausprobiert hat, die zwar theoretisch ausge­zeichnet funktionieren mußte, aber der menschlichen Natur und den harten Tatsachen nicht Rechnung trug. Jeder weitere Tag des Stillstandes in der Bergbauindustrie macht die Lage noch schlimmer. Alles muß sich jetzt darauf konzentrieren, wie man die Periode der unvermeidlichen gegenseitigen Opfer so kurz wie möglich machen und wie man erreichen kann, daß die Regierung, die Gruben- bescher und die Bergarbeiter sich sobald wie möglich an die große Aufgabe des Wiederaufbaues machen.

Ungeklärte Lage in polen.

Warschau, 19. Mai. (TU.) Die augenblick. liche Lage in Polen ist immer noch unklar, da die Verhandlungen zwischen den Rechtsparteien und dem «enatsmarschall Trompczinski in Posen noch nicht zu Ende geführt worden sind. Die Delega- tion der Rechten in Posen steht auf dem Stand­punkt, daß die Nationalversammlung in Warschau nicht stattfinden soll.

In Warschau sind die Vorbereitungen zur Wahl eines Präsidenten in vollem Gange. Als Kandidaten werden augenblicMch der frühere Premierminister Alexander Skrzynski, Marschall Pilsudski und der augenblickliche Stellvertreter des Präsidenten, Se,mmarschall Rataj genannt. Gegen die Kandidatur Ratajs haben die Linksparteien, hauptsächlich die Sozia­listen, Widerspruch erhoben, da er ein Mitglied der Witospartei ist. Vilsudski selbst weigert sich, sich als Präsidentschaftskandidat aufstellen zu lassen. Die Parteien der Linken erklären, daß sie vorläufig noch keinen Kandidaten haben und keinen Herausstellen werden, bevor eine Antwort der Rechtsparteien in Pofen oorliegt.

Kunst und Wissenschaft.

Herrmann Abendroth in Paris.

Generalmusikdirektor Herrmann Abend- roth aus Köln dirigierte in Paris mit un­geheurem Erfolg das 7. Konzert des Pariser Philharmonischen Orchesters. Ein Riesenprogramm deutscher Musik in vollendeter Wiedergabe: von Don Juan über Mozart, Cebu* manrö 4. Symphonie und Brahms (Violinkonzert °P- ru Wagner. Es standen Abendroth nur zwei Proben zur Verfügung. Unter seiner Füh- Ä d^ PEr Philharmoniker mit einer solchen Begeisterung und Hingabe wie noch nie Abendroth hatte sich Professor Georg Ku l e n k a m p f s Don der Charlottenburger Hoch- schule mitgebracht, und der spielte zum erstenmal u^***? d-moll-aJio-Iinfonaert so hinreißend 1^011, daß das Publikum vor Begeisterung sich nicht halten konnte. Dabei hatte Kulenkampff keinen leichten Stand. Am Abend vorher spielte IffiL ai£ .^öendnach ihm Fritz Kreihler. Zwischen beiden bestand Kulenkampff voller Ehren. Das Publikum brachte ihm und Abend- roth, der ihn mit dem Orchester ganz wundervoll begleitete, große Ovationen dar. Frau Rika r eine ^hr hochstehende russisch-ita-

liemsche Sängerin, trat in diesem Konzert zum ersten Male in Paris auf. Eie fang zwei Arien

SRosart, die Arie der Oksane aus der Oper Weihnachtsnacht" von Rimsky-Korsakoff und einen Teil der ganz frühen SuiteFrau und Hirtin von Strawinsky (op. 2). Das Publikum eierte Frau Cunelli mit Recht sehr und erzwang sich auch von ihr wie vorher von Kulen- tampff Zugaben. Abendroth bewährte sich als eim ganz fabelhafter Begleiter. Den Schluß deS Konzertes bildete dasMeisterfinger-Vorspiel". Jedermann weiß, wie ungeheuer schwierig eS besonders mit einem fremden Orchester ist, hier die so vielen und unendlich feinen Details mit der großen Linie zu verbinden. Wie Abendroth das fertigbrachte, war einfach unerhört. DaS Orchester rief ihm immer wieder zu' Auf Wiedersehen!" Es stand völlig im Banne seines überlegenen Mustkertums. - Abendroth und Äulenfambff zu Ehren fand im Internationalen Institut des Dollerbundes für geistige Zusam­menarbeit ein großer Empfang statt.

Aus aller Wett.

Schwerer Bergeinsturz.

Der bei Aachen an der belgisch-holländischen Grenze gelene Mäuseberg ist plötzlich ein- gestürzt. Bis jetzt wurden fünf Tote und 1 3 Derlehte geborgen. Man vermutet, daß noch weitere Personen unter den Gesteinsmassen Hegen. In den Berg waren zur Züchtung von Champigons Gänge gegraben worden. Die Ein- sttirzstellen sind teilweise bis 50 Meter tief.

Beim Angeln ertrunken.

In Rahebuhr bei Reustettin ertranken die Brüder Wilhelm und Erich Schulz beim Angeln. Sie hatten sich auf einen Kahn gestellt, der infolge unvorsichtiger Bewegungen umschlug. Vor einiger Zeit ist ein dritter Bruder auf ähnliche Art ums Leben gekommen.

3n einer Sandgrube verschüttet.

Beim Spielen in einer Sandgrube bei Wug- nitz (Schlesien) verunglückten drei acht bzw. sieben Jahre alte Kinder durch herabfallende Sand- maffen tödlich. Ein viertes Kind konnte gerettet werden.