Ausgabe 
19.1.1926
 
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Gießener Anzeiger (Erneral-Mzeiger für Vberheffen)

kir. (5 Zweiter Blatt

Dienstag, 19. Januar 1926

in

Ein Kriminal - Roman von der Wasserkante von Moritz Schäfer beginnt am Donnerstag im (Siebener Anzeiger. Neubesteller für Februar erhalten vollständige Nachlieferung kostenlos.

töt aller Völker des einer Eigenentwicklung durch­aus fähigen islamitischen Kulturkreises zu finden war.

Es ließe sich da mit einigem Recht die witzige Frage auswersen, welches Resultat eine Analy'e des Blutes der Osmanli, zunächst vielleicht Serofit Ruschdy Beys selbst, ergeben wurde.

Während also die temalistische Regierung sich inner- und außenpolitisch von ihren Weggefährten getrennt hat, ist der erwartete Erfolg durchaus ausgeblieben. Die Türkei wird von den Kolonial­mächten weiter mit Uebelwollen und Mißtrauen betrachtet, erstens, weil man ihr die zur Schau getragene Harmlosigkeit (abroobl die Kemalisten in diesem Punkte ehrlicher als klug sind) nicht recht glaubt und ferner, weil die politische Entwicklung sie immer weiter in die Arme eines gefährlicheren Freundes Moskau, dessen Einfluß immer deutlicher wird, drängt. Das nennt man wohl von der Scylla in die Charybdis gelangen. Das Bünd­nis mit den Bolschewisten wird sich noch in seiner ganzen Gefährlichkeit erweisen, ebenso, daß bei aller Ablehnung eines s o r t s ch r i t t h e m - menden Fanatismus doch die einzige na­türliche und für den Kampf gegen den Im­perialismus der Kolonialmächte brauchbare Kraftquelle in der gegebenen Solidari-

Englands und damit ben Ausgang der Lausanner Friedenskonferenz entscheidend beeinflußt hat. Sie glaubten und glauben noch, daß das Anziehen des europäischen Kostüms ihnen Ansehung und Welt­geltung verschaffen würde, während dies in Wirk­lichkeit in jenem Europa, welches mitzcihlt, nur ein Gefühl auslösen muß, wie der Anblick eines Kongo- menfd)en mit Nasenring und Chapeau claque.

Man hat vor einiger Zeit den Verfasser einer Broschüre, feinen Verleger und alle jene Buch­händler, welche diese Broschüre, deren Verkauf, nebenbei bemerkt, niemals verboten worden war, vertrieben hatten, vor das 'Ausnahmegericht ge­bracht, weil sich darin folgende Stelle findet:

Eine kleine unbedeutende Gruppe begann vor einiger Zeit bei uns im Namen der Zivilisation und der Freiheit gerade die schlechtesten Seilen der westlichen Sitten nachzuäffen und die Prostitution, die Trunksucht, den Tanz und die Unmoralität 311 propagieren. Diese Leute suchen die moralischen Tugenden des Islams zu zerstören und den Geist des Volkes durch die von Europa entlehnten Un­moralitäten zu korrumpieren, oie gebärden sich als die Vorkämpfer der westlichen Zivilisation, um

Siegfried Becher t Don Dr. H. Erhard, Professor an der Universität Gießen.

tor des Zoologischen Instituts der Universität Gie­ßen: im Herbst 1925 ging er in gleicher Eigen­schaft nach Breslau. Becher hat es oft betont, wie sehr er sich gefreut hat, nach seinem lieben Gießen, das ihm zur zweiten Heimat geworden war, zu kommen: schweren Herzens riß er sich von hier nur deshalb los, weil ihm an dem grö­ßeren Breslauer Institut mehr Arbeitsgelegenheit geboten war als in den bescheidenen Gießener Verhältnissen. Als Mensch war Becher eine stille innerliche Natur von feinstem Empfinden, edelster Herzensbildung und höchstem Verantwortlichkeits­gefühl. Als Lehrer verstand er es wie kaum em anderer, den Schüler in die schwierigsten Probleme der Biologie einzuweihen, auf dem einfachen und doch so tiefen logischen Ausbau seiner Vorlesung und ihrer sprachlichen Meisterschaft beruhte Bechers natürliche Beredsamkeit.

Sein wissenschaftliches Werk ist on Vielseitig­keit bei gleichzeitiger Gründlichkeit unübertroffen. Der 22iährige schrieb bereits eine philoso­phische AbhandlungErkenntnistheore­tische Untersuchungen zu Stuart Mills Theorie der Kausalität", im gleichen Jahr und in den folgen­den Jahren arbeitete er systematisch über Stachel­häuter. Bechers klassifikatorische Untersuchungen beschränken sich nicht auf äußere und innere ana­tomische Betrachtung seiner Objekte, er untersucht auch ihre physikalischen Eigenschaften, die statischen Strukturen und die tristalloptischen Eigenschaften, mit dem Polarisationsmikrostop (1914). Indem er das Skelett der Stachelhäuter mit Terpineol durchtränkte, konnte er es wie ein Nicol zur Herstellung von polarisiertem Licht ver­wenden. Das Jahr 1915 bringt feine in ben .An­nalen der Physik" erschienene Arbeit --Ueber den Astigmatismus des Nicols und feine Beseitigung im Polarisationsmikroskop". Er beseitigte bie B'lb- verzerrung im Polarisationsmlkrofiop durch Ver­wendung eines von ihm errechneten Fernrohr­okulars, eine Erfindung, die dann patentiert wurde und die Lei tz zuerst anwandte. Der große^ Phy­siker Wien (jagte einmal gelegentlich einer Be­rufung, man^ättc Becher ebensogut als Phy­siker wie als Zoologen vorschlagen können.

Von Becher stammen viele mikro tech­nische Verbesserung en. 1913 gab er we­sentliche Verbesserungen für das Le itzsche Grundschlittenmikrotom an und schrieb mit De­in oll eineEinführung in die m^roskopisthe Technik". Beide Verfasser waren so bescheiden hre Namen bei den von ihnen neu entdeckten Metho­den nicht zu nennen. 1916 entdecktes e ch e r einen neuen Finder für mikrolkomlch- '

jetzt Leitz herstellt, ' ' machte er in seiner letzten

ersten Halbjahr 1926 blickt die französische Indu­strie, und zwar Schwerindustrie wie Maschinen­industrie, voller Ruhe und Zuversicht entgegen. Weniger aber der zweiten Hälfte des Jahres. Die Aussichten für den Export werden ungünstiger, außerdem verringert sich die innere Kauf­kraft des Landes zusehends. Die allgemeine Preissteigerung macht sich immer fühlbarer, im Großhandel wie im Kleinhandel. Die Indexziffern für den Großhandel fliegen im Monat Dezember um 28 Punkte höher als im November 1925. Sie betragen (bei einer Basis von 100 im Jahre 1914) 616 gegenüber 618 Ende November und 514 Ende Oktober 1925. Die Preise zogen besonders an für Fleisch, Kolonialwaren und Textilien. Dement­sprechend fliegen auch die Kleinhandelspreise. In Paris z. B. auf 163, gegenüber 1-14 im November und 108 im Januar 1925.

Ein wichtiger Maßstab für die Beurteilung der Marktlage waren in Frankreich von jeher die Eisenbahnstatistiken. Trotz erhöhter Tarife weisen die Eisenbahnen zum Teil jetzt Rückgänge ihrer Einnahmen auf Die Zechen Nordfrankreich:- er­höhten die Kohlenpreise feit dem 1. Januar 1926 um 5 bis 6 Franken bie Tonne, die Zechen des Saargebiets erhöhten ihre Preise allgemein um 4 Prozent. Sämtliche Schifsahrtsgesellschaften er- höhten ihre Tarife und kündigten alle laufenden Verträge.

In diesem Zusammenhänge gewinnt bie Frage der Handelsbeziehungen Frankreichs mit Rußland erhöhte Bedeutung. Da Deutsch- land in den ersten sechs Monaten des Jahres 1925 für 70 Millionen Goldrubel Waren nach Rußland geliefert und für 114 Millionen bezogen hat, da der Umsatz mit Amerika in neun Monaten sich auf 61 Millionen Dollar beläuft, da Italien schließlich im ersten Semester des lausenden Jahres für 500 Millionen Lire Waren nach Rußland lieferte, will Frankreich nicht Zurückbleiben. Das um so weniger, als es ja ein Guthaben von 20 Milliarden Gold- franken aus der Vorkriegszeit zu fordern hat.Le Moniteur", das offizielle Organ für den auswär­tigen Handel, veröffentlicht folgende Zahlen über bie Handelsbeziehungen Frankreichs zu Smviet- rußland in der Zeit vom 1. Januar zum 1. Oktober: Umsatz rund 60 Millionen Dollar; davon entfallen auf den Import von Waren aus Rußland 50, auf den Export nur 10 Millionen. Wiederum ist es die Metallindustrie, die ben Hauptanteil an rohem und fertigem Material lieferte, nämUch für 4 Millionen Dollar, also für 41 Prozent, d. h. mehr als im Jahre 1913, wo bie Ausfuhr dieser Branche mir 3 83 Millionen Dollar betrug. An zweiter Stelle folgen Textilwaren und Gewebe mit 2500 Mil­lionen, chemische Produkte, Medikamente, Oele und Farben (Parfümerien einbegriffen) mit 1,5 Mil­lionen.

Der Import Frankreichs aus Ruß- land umfaßt in erster Linie Getreide für rund 30 Millionen, also für fast 60 Prozent. Dann fol­gen Erdöle und Petrol für 15 Millionen Dollar, Textilien für 4 Millionen und schließlich in kleinen Mengen tierische Produkte, Felle, Häute. Es ist nun aber darauf aufmerksam zu machen, daß diese Zahlen, die derMoniteur" angibt, nicht etwa ben wirklich getätigten Lieferungen entsprechen, sondern den in der angegebenen Zeitperiode zum Abschluß gelangten Abmachungen. Die Lieferungen selber, besonders die Bezüge an Getreide, betragen in Wirklichkeit viel weniger. In Wirklichkett hat die Wiederanknüpfung der Beziehungen zwischen Frankreich und Rußland noch keine allzu großen Ergebnisse gehabt. Denn immer noch fehlen eine feste Währung und ein Handelsvertrag. Solange diese Vorbedingungen nicht erfüllt sind, werden sich die französisch-russischen Handelsbeziehungen nie­mals wirklich ergiebig gestalten können. Man ver­gegenwärtige sich z.B. bie Schwierigkeiten, bie für Frankreich darin bestehen, daß es die russifchen Waren in Dollar bezahlen muß.

hat er hundert klingende Zeilen geschrieben. Was schäumend und wirbelnd die Zeit bewegt, das Reich, die Heimat, den Rat erregt, der Menschen Tugend und Schlechtigkeit, Sehnsucht, Sitte und Sonderheit Alles hat er in Reime gebunden, für alles Verse und Worte gefunden. Mit Witz gewürzt, mit Spott und Humor, den Klugen ein Kluger, ben Toren em Tor, ehrlich und offen, schlicht und recht, dem Guten ein Bruder, den Himmeln cm Knecht. Setzt bann zum Fest .der Pfingsten im Lorenzsaal ober im reich geschmückten großen Spital her Wettkampf ein, ber Meisterfingerstreit, ist das Gemerk errichtet, bie Kanzel bereit, treiben bie Richter zünftig bie Fehler an, haben sich würdig die Meister Zorn unb Zassen, Beckmesser, Kothner unb Pogner hören lassen, hat dieser den Merkern gefallen und jener vertan, tritt als Letzter aus der Bewerber Chor ruhig unb festen Schrittes ber Schuster hervor. Singt seine Lieder gläubig, fromm und frei nach fester Regel und Singschulmelodei.

Zieht auch der jüngste Merker ein schiefes Gesicht, behagt ihm ein Triller, ein Wechsel, ein Rhythmus nicht, die anderen entscheiden: Dem Schuster für Kunst und Fleiß die König-Davids-Kette, den ersten Preis.

Die weite Menge jauckzt auf und jubelt ihm zu: Des Handwerks Stolz, fein Ruhm, sein Adel bist du. Was wäre die Stadt ohne Dürer, Veit Stoß und dich, was ohne Vischer, Strafft und wieder dich?

Ob du uns dichtest vom goldenen Schlaraffenland, vom Zauber des Paradieses, vom Höllenbrand, vom Geiz, vom guten oder verlorenen Sohn in Frauenlob Schnecken Rosen Auerhahnton, gefroren Wasser kalt unb pastetenhetß, in der Regenbogen - Hammer - Lmbenbluhroe.s, ob ernste Trauergesänge zu Tranen fuhren, deine Fastnachtsspiele das Zwerchfell rote Trommeln

ßranireichs Wirtschaftslage.

Von unserem Pariser W. 8.-Korrespondenten.

Daß die französische Industrie gegenwärtig eine Blüteperiode durchmacht, ist allgemein bekannt. Es handelt sich aber trotz aller Handelsstatistiken um eine Scheinblüte, die selbst den französischen Dolkswirtschaftlern immer bedenklicher wird. Tat­sächlich lebt bie gesamte französische Volkswirtschaft schon seit Monaten von der Substanz. Sie hat ihre Sachwerte bereits in einem so weitgehenden Maße angegriffen, daß jetzt allerseits sich warnende Stim­men laut dagegen erheben. Wohl kann mit dem gegenwärtigen Valutadumping der französische Exporthandel sich immer mehr Märkte er­obern, aber er wird niemals in der Lage sein, diese Gewinne auch zu halten. Sobald der Franken­kurs st a b i l i t i e r t wird und dies ist und bleibt die wichtigste Forderung jeder vernünftigen französischen Finanzpolitik, wird bie franzö­sische Finanzpolitik wirb die französische Volks­wirtschaft erkennen, wie außerordentlich schwer und verlustreich sich bie Wiebererlangung ber jetzt schwindenden Substanz gestaltet.

Die letzten beiben Monate des vergangenen Jahres waren gekennzeichnet durch übereilte Käufe dank dem rapiden Nachgeben des Frankenkurses. Hier wird jetzt gestoppt. Die verarbeitende Indu­strie unb ihre Kundschaft hatten sich für mehrere Monate eingedeckt. Diese reinen Spekulationskäufe sind vielen Fabriken sehr erwünscht gekommen. Viele von ihnen hatten noch Anfang November so gut wie gar keine Aufträge, bekamen aber auf diese Weise 2lrbeit für sechs Monate unb mehr. Dem

Am 4. Januar erlag Professor Dr. S.Bech e r Breslau einem schweren Leiden Becher am 2 Juli 1884 zu Remscheid geboren habili­tierte sich 1908 als Privatdozent m Gießen und wurde 191-1 erst 30 Jahre alt, Ordinarius in Ro­stock. Nach dem Tode Spengels folgte er dem an ihn ergangenen Ruf als Ordinarius und Dire

Arbeit bie Feststellung, daß man Anisol statt Zedernholzöl verwenden könne.

Der Verstorbene hat auch der Chemie ein grundlegendes Werk geschenkt, dieUntersuchungen über Echtfärbung der Zellkerne" (1921). Die bis dahin in der mikroskopischen Technik kaum ange wandten Alizarine unb Naphtochinone machte er geeignet, inbem er vor allem das Aluminium­chlorid als Beize für ben Farbstoff anwandte unb ihn so in Alumniumlack überführte. Bechers Farben sind echt und verblassen nicht.

Die Allgemeine Biologie bereicherte der Heimgegangene vor allem durch feine 1912 er­schienene Arbeit überDoppelte Sicherung, hetero- gene Induktion unb assoziativen Funktionswech- fei". Währenb nach Darwin durch Auslese Zweckmäßiges entsteht, ist nach Becher u. U. auch für Ueberflüssiges im Entwicklungsgeschchen Vor sorge getroffen, indem sogar zwei Reize aus ver­schiedenen Quellen dieses lleberflüffige anregen können. Fällt ber eine normale Reiz aus, so springt für ihn der zweite Reiz ein. Becher war fern Gegner Darwins, sondern hat dessen Lehre jo gar ergänzt durch bie Arbeit überFlügelfarbung ber Kolibri unb geschlechtliche Zuchtwahl" (1919). Nach Darwin finb bekanntlich die Männchen im Tierreich oft schöner gefärbt als bie Weibchen, um bie Weibchen anzulocken. Das schönste Männchen hat die größte Aussicht auf Erfolg. Die Kolibri­männchen balzen vor dem Weibchen im Schwirr flog, wobei die Flügel so rasch bewegt werden, daß die Flügel kaum gesehen werden. Deshalb sind nach Becher die Flügel ber Kolibri im Gegensatz zu anberen Vögeln nicht bunt gefärbt, sondern nur bic übrigen dem Weibchen sichtbaren Körperstellen.

Der Tierphysiologie sind zwei wichtige Arbeiten des Verdorbenen gewidmet, in denen ge zeigt wirb, baß auf manche niebere Tiere gleiche Farben verschieben wirken, je nachdem, ob ber Farbe Ultraviolett beigegeben ist ober nicht, oaß manche niedere Tiere sogar ganz kurzwelliges in der Sonne nicht mehr vorkommendes Ultraviolett wahrnehmen, und zwar ohne Fluoreszenz im Auge, daß das Ultraviolett also als solches wirkt.

Vom wissenschaftlichen Werk des Heimgegan­genen gelten bie Worte, die er seinem Lehrer Spe n ge l in ber Biographie S pen gels gc- wibmet hat:Unb so gibt es etwas m der wissen- schaftlichen Leistung, das unabhängig ist von Ge­biet und Richtung, von modern und unmodern: un­vergänglich wie die konkreten Funde bleibt die ie- wellig bewährte schöpferilche Kraft. Lechers Werk wird in ber Geschichte ber Biologie weiter- (eben und spätere Geschlechter werben sich mit ber | --;*en °iebe Dankbarkeit und Bewunderung in basjei 'mk:n mie unsere jetzige Generation.

Hans Sachs.

Zur 350. Wiederkehr seines Todestages am 19. Januar 1926.

Von Johannes Heinrich B r a a ch.

Töpfer, keine Kannen gebrannt, keine Bänder, Böttcher, gespannt, Sattler, keine Zügel gezogen, feine Bügel, Gürtler, gebogen, Schuster, keinen Schlag: Heute ist Feiertag.

Heute sei dem zur Ehre ein Spruch gerochen, ber brao und bieder und jeder Lüge bar des Handwerks erster Herold und aller Meister größter Meister war.

Kommt--tretet mit mir in sein Haus,

schön unb stattlich, begütert sieht es aus. trüßenzu vorgegiebelt und schwer bebalft, innen sauber gehalten, getüncht und gekalkt. Ordnung waltet vom Keller bis unter das Dach, bie Zimmer sind wohnlich, behaglich ist jedes Gemach, bie Wirtin, erscheint sie auch häufig em wenig laut, sticht gerr hin und wieder wie Distelkraul, ist unermüdlich, geschäftlich wohl auf der Hut, für Fremde ein Kreuz, für Dichter ein Gut.

Mit Liebe erzieht sie Mädchen und Buden. Ja, sitzt der Meister hinter Feder und Buch, ist er zur Singschul' oder auf Kundenbesucb, weih sie in den Schusterstuben sorglich zu schalten unb Zucht zu halten.

Da hocken Jungen und Knechte, kleistern und klopfen, llechten, flecken und flicken, steppen und stopfen, raffen Kuhmäpler, Schlitzschnürer, Stiefel und Schuh, und der Brotherr schneidet ihnen das Leder zu. Geht jedem eifrig zu Rat und Hand, bestimmt die Form, die Farbe, das Band, prüft, ob sich Leiste zu Leiste paart, ob nichts vergeudet und nichts verspart, ber Flachs gefettet, die Sohle gefaßt, bic Puffer geziert und eingepaßt.

Er lobt die Gesellen und tadelt sie auch.

Wenn aber, wider Sitte unb Brauch, ein Lehrling vermeßen die Arbeit stört, schwingt er den Riemen auf Hose und Rücken kurzum, er ist in allen Stücken, ein Schuster, wie sich's für Schuster gehört.

Doch abends, wenn das Gesinde zur Ruhe geht, und Schweigen über Nürnbergs Wappen steht, liest er die Bibel, Homer, Horaz und Virgil, schließt sich ein und greift zu Papier und Kiel. Und ehe ein Tag in die Stunden des andern getrieben.

besser ihre persönlichen Interessen und ihre niederen I Leidenschaften fördern zu können, ohne jemals das höhere Interesse der Nation in Betracht zu ziehen."

Es ist der gesündeste und vielversprechendste Teil des türkischen Volkes nicht nur die Maffia der verständnislosen Finsterlinge und übelwollen­den Rückschrittler, welche aus diesem Manne spricht, und seine Meinung ist die der Welt des Islams, soweit sie noch gesund und existenzberech­tigt ist, von Marokko bis zu den Tropeninseln Ost­indiens. Das hätten die Angoraleute begreifen sollen, ehe es zu spät war.

Die Kemalisten glaubten ferner, daß ein deut' liches Abrücken ihrer Außenpolitik von der paniflamitischen Idee, sozusagen ein Dokumentie­ren ihrer weltpolitischen Ungefährlichkeit, die inter­nationalen Beziehungen wesentlich erleichtern würde. Deshalb haben sie dieses Abrücken nicht nur in inneren Angelegenheiten deutlich dokumentiert.

Als eine Versammlung der Moslime von Ma­dras in Indien an die türkische Regierung ein Te­legramm mit der Bitte, sich der vom Wahabiten- sultan Ibn Saud mit Plünderung bedrohten heili­gen Stadt Medina anzunehmen, richteten, blieb dieses unbeantwortet. Dagegen wurde offiziell ver­lautbart, daß die Türkei keine Veranlassung habe, sich um die Angelegenheiten der außerhalb ber Türkei befindlichen Muselmanen zu kümmern. Dem könnte eine Anzahl ähnlicher, vielleicht noch schär­ferer türkischer Regierungserklärungen angereiht werden. Geradezu als Faustschlag gegen das isla­mische Solidaritätsprinzip wurde es in der gesam­ten islamischen Welt empfunden, daß der türkische Außenminister Tewfik Ruschdy Bey anläßlich seines jüngsten Belgrader Aufenthalts der jugosla­wischen Regierung mitteilte, die türkische Regierung hätte kein Interesse an den bosnischen Moslimen oder an deren Einwanderung nach Anatolien, und sie seien übrigens nur islamisierte Serbokroaten.

Der verblaßte Halbmond.

Von unserem ^.-Korrespondenten.

Konstantinopel, im Jänner 1926.

(£5 ist einer der sonderbarsten Einfälle der Welt­geschichte, daß der Halbmond mit dem Stern zum Lahr-eichen des Islams werden konnte. Er war nämlich schon Jahrhunderte vor Mohammeds be­rühmter Flucht nach Medina das Wahrzeichen von Byzanz, welches ihn im Stadtwappen führte, bis er durch den Sieg Mohammeds II., des Sieg­reichen, wie vieles andere nicht immer erfreu» tithe, wie die Harems- unb Eunuchenwirtschaft am kaiserlichen Hofe aus den byzantinischen Erbe »om türkischen Eroberer übernommen wurde. Seih fer gewöhnte man sich baran, Halbmond und Stern 0(5 Symbol des Islams anzusehen, obwohl er nicht einmal das ber Türkenheit, sondern höchstens das »es hellenisch-türkischen Osmanenreiches war.

Allerdings war es die Rolle, welche das Os- maneiitum jahrhundertelang als anerkannter Füh­rer des großen islamischen Kulturkreises spielte, die lemzunehmenden Mondviertel" zu Ansehen und Berühmtheit verholsen haben. Heute, wo diese Füh- terroUe bets Osmanen deutlicher" gesagt, der Türkei vielleicht für immer ausgespielt ist hat auch der Halbmond seinen Glanz verloren.

Es erscheint dem Außenstehenden vielleicht son­derbar, daß die. Türkei gerade jetzt nicht als Füh­rerin der islamischen Völker angesprochen werden soll, wo das Reich Mustafa Kemals dem staunen­den Ausland eine Fülle der überraschendsten Re­formen zeigt, welche offenbar dem Zweck dienen, die Kraft und das Ansehen dieses Reiches im Höchstmaß zu steigern. Es sind aber gerade diese sog. ^Reformen, welche die Türkei ihres moralischen und politischen Einflusses unter den islamischen Völkern beraubt und sie im Zusammenhang mit der sonstigen kemalistischen Politik von der Welt des Islams a b g e f p a 11 e t haben. Die Türkei geht für bie nächste Zeit einen Weg der Entwicklung, der ein anderer ist als der der übrigen moslimischen Völker. Wohl geht das türkische Volk diesen Weg nicht freiwillig, sondern gezwungen durch die blu­tigen Mittel einer ungehemmten Diktatur, aber es geht ihn vorläufig, und es ist nicht festzustellen, wie lange dies dauern wird.

Für die Größe des Cäsarenwortes, lieber in einem Dorfe der Erste, denn in Rom der Zweite zu fein, fehlt ben Angoraleuten Zuschnitt unb Verstänbnis. Verbohrt in eine irnverstanbene Ideo- logie, geht, da sie die kulturelle Basis ihres Da­seins verloren haben, ihre ganze schmerzliche Sehn­sucht dahin Europäer zu fein. So sind sie auf dem besten Wege, die Türkei aus der Spitzenmacht des Islams in einen politisch, wie überhaupt höchst dein, ihrem Ehrgeiz, in Europas Hinterhaus als Afterniieter einziehen zu dürfen, Erfüllung suchend l uninteressanten Balkan st aat zu verroan- j und findend.

Noch ist die Mossulfrage ungelöst. Aber auch I deren Lösung wird an diesen Dingen nichts mehr finden, gleichviel, ob sie nun, wie vorauszusehen, ! wegen ber augenblicklichen Isolierung unb ber ; inneren Schwäche zu einem Kornprornis ober ! was höchst zweifelhaft ist zu einem Kriege füh- ren sollte. Gleichviel, ob es ben Kemalisten gelingen wird, sich noch lange an der Macht zu behaupten, ober ob neue schwere Erschütterungen bie Kraft bes unglücklichen Landes zusammenbrechen lassen wer- ben. Denn die Türkei als solche ist, wie gesagt, aus der großen islamischen Gemeinschaft als ausge- schieden zu betrachten, und es ist ein großer Irr­tum, anzpnehmen, die Kemalisten hätten heute 1 irgendwo außerhalb ber Türkei nennenswerten po­litischen Einfluß. Noch hat ber Islam keinen neuen Schwerpunkt erkennen lassen, in der Türkei ist er aber für absehbare Zeit nicht zu suchen.

Die Kemalisten haben vergessen, daß sie alles, was sie geworden sind, dem islamischen Solidari- l tätsgefühl verdanken, und daß nicht sie den Frieden j von Lausanne erzwungen haben, sondern daß i ber Einfluß der indischen Moslime die Haltung