Ausgabe 
19.1.1926
 
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Die Finanzdebatte in Frankreich.

Karis. 19. 3cm. (LU.) Die Finanz Lvm» issivn hat Ne Prüfung des Finanzcnttvurfs der ÄarteHtxirtcieit zu Ende geführt. Die Bestim- ;nirngcit derErbschaftssteuer gelangten ein- limmig zur Annahme. Nach Auffassung der Fi- ..onzkvmmisfion stellt diele einen vollwertigen Gr- say für die Verkaufs ft euer der Regie- iungsvorlage dar. die die Kommission gründ- 'ätzlich abgelehnt Hal. Die im Kartellprojekt enthaltenen imi> von der Fincrnzkommission an­genommenen Mahnahmen werden einen Ertrag rrm 4 340 000 000 bringen, wodurch der Fchlbe- irag k-es Haushalts in Höhe von 4 209 000 000 gefcedi rrrrdc. Das Projekt der Finanzkommis- sion stellt nach Ansicht der Presse ehre Mischung des Kartellentwurfs mit der Regierungsvorlage dar. Die Regierung steht dem Entwurf der Finanzkommisfion nicht schroff ablehnend gegen­über, sie will indessen den Versuch machen, durch Zulayanträge die Bestimmungen des Domner- Projektes zur Annahme zu bringen, die sie für unerläßlich halt. DieS gilt insbesondere von der Verkaufssteuer.

Dre englischen Seerüstungen.

London. 19. 3an. (WTB.> Funkfpruch.) Der Erste Lord der AdmiraKtät, Bridgeman, erklärte, die gegen die Regierung gerichtete An­schuldigung. ne beginne einen neuen Wett­bewerb mit anderen Danonen im Kriegsschiff- bau, fei völlig unzutreffend. England sei es vielmehr, das. obwohl es in weit höherem Mähe als jedeS andere 2anb von der Lee abhängig 'ei. die Zlotten-Deubauten bis um letzten Augenbuick De rzögere. Die Vereinigten Staa­ten. 3avan, Frankreich und Italien, hätten nach dem Kriege bereits 300 Kriegsschiffe, von Kreu­zern abwärts, gebaut, w^rend England nur 11 Kriegsschiffe in dieser Zeit neu in Dienst ge­stellt habe.

Die pädagogischen Akademien in Preußen.

Berlin. 18. Ian. (WTV.) Amtlich. Es wird beabsichtigt, Anfang Mai drei staat­liche pädagogische Akademien zu er­öffnen. und zwar eine in Bonn zur Ausbil­dung katholischer Volksschullehrer, eine in El­bing zur Ausbildung evangel'sch.r Dolksschul- lehrer und eine in Kiel zur Ausbildung eoan- ge-lischer DolkSschullehrer und -lehr er innen. Der Bildungsgang ist zweijährig. Etudiengebühren werden nicht erhoben. -Unter gewissen Voraus­setzungen können Stipendien gewährt werden. Internate sind mit den Akademien nicht ver­bunden. Aufnahmegesuche sind bis spätestens 1. Avril an den Minister einzureichen.

Aus aller Well.

Die Explofionskataftrophe in Berlin.

Berlin. 18. Ian. (WTB.) In der 25 Häuser zählenden Kirchstrahe ist fast keine Scheibe ganz geblieben. Besonders die der Erplosrons- stätte gegenüberliegenden Geschäfte haben schwer gelitten. Die Waren wurden vollständig ver­nichtet bzw. beschädigt. Die Feuerwehr muhte gegen 11 Uhr vormittags ihre Aufräumungs- Arbeiten eirtftelfen, da jeden Augenblick wei­tere Einstürze befürchtet werden müssen. Mie ganze linke Ecke des Hauses ist bis zum vierten Stock zusammettgebrochen. Die in die Ciese gestürzten Zimmer waren sämtlich Schlafzimmer, woraus sich auch die große Zahl der Toten und Verletzten erklärt. Die Mieter des betroffenen Hauses sind fast durchweg kleine Leute, die sich meist durch Vermieten ernähren. Die Explosion hat. soweit sestgestellt werden konnte, neun Tote gefordert. Unter den Toten befindet sich auch ein Passant, der von einem Mauerstein auf der Strahe erschlagen wurde. 3m Krankenhaus Moabit fanden 33 Verletzte, darunter 20 Schwerverletzte, Aufnahme Eine ganze Anzahl Personen, darunter drei Kinder, werden vermiht.

Feuerwehrleuten ist es gelungen, in den Mahnschen Seidenladen einzudringen. Sie fanden in einem an den Laden anstoßenden Zim­mer die Leiche eine8 Mannes mit zer­trümmerter Schädeldecke und schweren Brand­wunden. Man nimmt an. daß der Tote der Ladenbesitzer Mahns ist. Unter den Trümmern wurden noch die Leiche eines unbe­kannten Mannes, einer Frau sowie eines Knaben namens Höder gesunden. Dach Aussage von Hausbewohnern war schon in der Dacht im Hause starker Gasgeruch wahrnehmbar. Es scheint sich also zu bestätigen, daß die Ursache der Katastrophe in einer Gasexplosion zu su­chen ist. Es wurde festgestellt, daß weder Ben­zol noch Benzin gebrannt haben.

Cs ist bekannt geworden, daß an den Gas­rohren im Keller drS Hauses in der Kirchstraße gearbeitet worden ist. Ein GaSrohr, das in den Laden Mahns führte, ist damals a b ge­schnitten worden, weil sich der Seifenhändler elektrisches Licht hatte legen lassen. Es besteht die Möglichkeit, daß bei diesen Arbeiten ein Rohr undicht geworden oder nicht genügend verkoppelt worden ist. Wahrscheinlich hat sich also infolge einer undichten Rohrstelle der Keller nach und nach mit Gas gefüllt, das schließlich durch einen unglücklichen Zufall zur Crpl^lon kam.

Der Reichspräsident hat aus Anlaß des schweren Unglücks in der Kirchstrahe das nachstehende Telegramm an den Ober­bürgermeister von Berlin gerichtet: .Mit dem Gefühl herzlicher Teilnahme für die Opfer erhalte ich eben die Dachricht von dem 'chweren Explosionsunglück in der Kirchstraße. Ich bitte Sie, den Hinterbliebenen der Ge- rbreten und den Verletzten den Ausdruck meiner Teilnahme zu übermitteln.

gez. v. Hindenburg, Reichspräsident."

Die Zeppelinspende.

Dr. Eckener machte einem Korrespondenten desBerliner Tageblattes" die Mitteilung, daß das --ahkenmäßige Ergebnis der spende sich der zweiten Million nähert. Mit diesem Gelde tonne, bereits ein größeres Schiff mit Ausnahme der Gaszellen gebaut werden. Bereits jetzt würde in Friedrichshaien die Arbeit aus dem Erlös der Spende finanziert. Die Arbeiter könnten noch zwei Monate beschäftigt werden. Dr. Eckener hofft be­

stimmt, daß nach Ablauf dieser pvei Monate in Paris eine Entscheidung gefallen ist, die bezüglich des Luftschifityps Klarheit schafft.

Zusammenstoß zweier Untergrundbahnzügc.

Zwei Züge der Neuyorker Untergrundbahn, die in der Richtung Manhattan fuhren, fließen auf der Brücke vor Äilliamsburg in dichtem Nebel zusammen. 12 Personen wurden getötet und etwa dO verwundet.

Reue Hochwassergefahr.

Der am Samlagnachmittag in der Eifel und int Hochwald der Trierer Gegend begonnene starke Schneefall Hot auch am Montag den

äanzen Tag unvermindert a n g e h a l 1 e n. Sollten plötzlich Tauwetter und Regen eintreten, so würde bei dem noch nicht normalen Stand der Flüsse die Gefahr einer neuen Hochwasserkata- strophe in unmittelbare '.Räbe rücken. Auch in der M i t t e l s ch w e i z und im Iura hielt heute der Schneefall an. Die Temperatur ist im -steigen be­griffen. An einzelnen Stellen hat es bereits ge­regnet.

TScttervsrauSsage.

Meist bedeckt, westliche Winde, etwas milder, wieder zunehmende Diederschlagsneigung.

Ein Ausläufer des Fallgebietes im Dorden dec britischen Inseln ist bereits bis nach Mittel- frankreich hinein vorgestoßen und öürftc auch nach Deutschland hin Raum gewinnen. Dach anfänglicher Aufklärung wird hier bald wieder stärkere Bewölkung bet steigenden Temperaturen eintreten. Einfehendes TauLetter, verbunden mit neuen Diedcrschlägen. dürfte erneuter Steigen der Wasserspiegel verursachen.

Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 0,7, Minimum minus 5,2 Grab Eeisius. Heutige Morgentemperatur: Minus 4,8 Grad Sellins. Schneedecke: 10 Zentimeter.

Reichsgründungsfeiern in Gießen.

G testen, 19. Januar 1926.

Die Wiederkehr des Tages der Reichs­gründung wurde auch in diesem Jahre in un­serer Stadt in würdiger Weife begangen.

Die Landes-Universität

hielt ihre Reichsgründungsfeier gestern vormit­tag in der Reuen Aula ab. Reben den Ange­hörigen der -Universität waren zahlreiche geladene Gäste auS dei Bürgerschaft zugegen. Feier­liches Orgelvorfpiel leitete den Festakt ein, ein Chocgriang aus Mendelsfohn-Bartholdv's Paulus" folgte. Hierauf hielt

Se. Magnifizenz bet Rektor Prof. Dr. Bürker

die folgende Ansprache:

hochansehnUche Aestoerjammlmrg!

Sehr verehrte Herren Kollegen, liebe Kommilitonen!

Lasten Sie mich diese feierliche Stunde durch die Worte einleiten, die Ernst Moritz Arndt, der große Patriot, in glühender Vaterlandsliebe ge- dirieben hat:

Und letzt komme ich aus allen Erhebungen und Erschütterungen des Tages und aus allen Sorgen und Gefahren rech: eigentlich erst zu deinen wahren bleibenden Freuden und Hoff­nungen: ich rede aus dem Herzen und zu deinem Herzen, ich steige in dein Haus, in deine Werkstätte und deine Hütte hinab, ich setze mich mit Bibel und Gebeivuch unter dein Gesinde, deine Kinder und deine Gesellen und Knechte und spräche also:

Ich bin, der da war und der da ist und der da sein wird von Ewigkeit zu Ewigkeit; ich bin das A und O, der Anfang und das Ende aller Dinge. Ich habe dem Adam, dem Erdmann und Urvater, den Odem meines Geistes in das Haupt und in das Herz aeblasen. ich habe das Ant­litz und die Augen des sterblichen Menschen zu den Sternen gerichtet, daß er Göttliche» und Himm­liches schauen und vernehmen könne. Ick) habe dir, dem deutschen Menschen, vor allen Völkern die Sehnsucht nach dem Unvergänglichen und Ewigen in die Brust gehaucht. Dies sei deine Weihe in irdischen Dingen. Durch Treue und Gottesfurcht und durch Glauben an die unvergänglichen Güter, welche allein deine unverlierbaren Hoffnungen und Anrechte find, sollst du dein Herz reinigen nnb die Einigung und Verjüngung des Vaterlandes bereiten und schaffen."

Muten uns diese Worte Arndts nicht an, als wären sie uns heute zur Mahnung und Beherzi­gung gesprochen?

Fünfundsünfzig Jahre sind verflossen, seit dem getreuen Eckart des Deutschen Volkes die Einigung und Verjüngung des Vaterlandes gelang. Da­mals lag

In heiterem Licht die Zukunft ausgebreitet, In Herrlichkeit erstand das Reich.

Doch Reid und Mißgunst weckte diese Größe, In West und Osten lauerte der Feind, Und vor des Meeres offene Tür

Schob Krämergeist den Riegel vor.

Das Unglück mehrt sich, da der Steuermann Vom Staotsschiff abberufen ward.

Der Kapitän das Steuer selber führen wollte. Was eines Deutschen Seele nie geglaubt. In Trümmer stürzt' der stolze Bau des Reichs Rach einem Krieg mit Siegen ohnegleichen. Und wiederum gilt es, vor diesem schicksalsreichen Hintergrund der Bergangenheit die Gegenwart auf­zubauen und die Einigung und Verjüngung des Vaterlandes herbeizuiuhren. Eine Wellenbewegung ist das Leben, aus den lichten Höhen der Begeiste­rung stürzt es uns in die dunklen Tiefen der 23er» zweiflung. Aber wie der Phönir verjüngt aus der Asche emporsteigt, durch die Flammen geläutert, so müssen auch wir uns läutern und wieder empor» ringen.

Es gilt, die deutsche unverwüstliche Kraft auf hohe Ziele hinzulenken, das national Deutsche zu pflegen; unser Weltbürgerrum hat schließlich noch immer Schiffbruch gelitten: das Vaterland daher über die Partei und über das Ausland!

Uns selbst ist das hohe Gut der Wissenschaft anvertraut, es zu hegen und in pflegen, es weiter­zuentwickeln und nn uns selbst die höchsten An­forderungen zu stellen, ist unsere hehre Pflicht. Was Deutschland groß gemacht hat, ist nicht zu­letzt seine Wissenschaft. Aber auch sie muß, wenn sie sich auswirken und ihren Siegeszug fortsetzen soll, einig und damit stark bleiben. Der Zwietrachr säende Rus: hie Geisteswissenschaft, hie Natur­wissenschaft'. darf nicht ertönen,

Es ist nur Eins, woraus die Welt sich baut. Und Eins ist alles, was dein Äug' erschaut! Wenn wir im toten Stoff auch Geist erkennen. Sind Stoff und Gei st auf ewig Eins zu nennen!"

Und nun Ihr, liebe Kommilitonen, unsere Hoff­nung, die Ihr Euch im Schmuck Eurer Farben hier versammelt habt, dienet mit uns vereint in heiligem Eifer der Wissenschaft, daß wir erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, und helfet mit uns des Vaterlandes geistige und mate­rielle Güter wieder zu mehren. Bergeiset aber auch nicht. Euren Körper zu stählen, das muß Euch, wie einst den Griechen in klassischer Zeit, eine hei­lige Sache jein. Festigt in edlem Wettstreit unter­einander und mit der Umwelt den Charakter, denn es können Zeiten kommen, wo Charakter wesent­licher ist als Wissenschaft. 'Machet Euch so zu gan­zen Männern, wie es der Wahlspruch unterer Alma mater Ludoviciana verlangt:

Literis et armis ad utrumque parati!

Wir aber wollen mit dem 1. '-Serie des Deutsch­landliedes laut bekennen, wie es am heutigen Tage uns ums Herz ist:

Deutschland! Deutschland über alles in der West. Und nun, meine Damen und Herren,

Vom Himmel fordern wirs als eine Gunst.

Daß Deutschlands Sonne wieder höher steige, Dos Vaterland in neuem Glanz uns zeige.'

Im Anschluß an die mit lebhafter Zustim­mung aufgenommene Rede des Rektors hielt

Geh. Mediziuairat Prof. Dr. C!t den Fest-Vortrag über bas Thema:DasAus- st erben der großen Säugetiere in der vorgeschichtlichen Zeit und der Gegenwart. Der Vortragende führte u.a. aus:

Unter den erdrückenden Forderungen des Ge­waltfriedens von Versailles befand sich auch jene der Lieferung vieler gesunder und gulgrnährter Haustiere verschiedener Gattungen an d:n Feind­bund. Allein an Rindern mußten 103 000 Stück, darunter 59 000 Milchkühe, herausgegeben werden. Da dec Haustierbestand stark zusammengc-- schrumpft und von Krankheiten außergewöhnlich heimgefucht war, wird sich die nachteilige Wir­kung der verhängnisvollen Auslese noch auf Jahrzehnte hinaus fühlbar machen. 1913 waren von den in Gießen geschlachteten Rindern 9,5 Prozent tuperkulös, nach dem Krieg stieg die Zahl auf 23 Prozent.

Tierseuchen schlagen alljährlich dem Mark der Ration tiefe Wunden: 1923 hat das Reich durch die Maul- und Klauenseuche 127 000 Rinder und viele andere Tiers verloren. Auch Wild ist für diese Seuche empfänglich, es ist mit Sicherheit aber noch kein Todesfall durch fragt. Seuche bei Hirschen und Rehen beobacht:t worden. Aus diesen und anderen Beispielen folgert der Vortragende, daß das Wild in hohem Maße Abwehrkräfte gegen'verschiedene Infektionskrank­heiten besitzt, die in der Gefangenschaft verloren gehen. DaS Wildschwein ist gefeit gegen Rot­lauf. bas Hausschwein jedoch durch die schäd­lichen Folgen der Züchtung in einer für unS rentable Form so empfänglich für die Infektion, daß ohne das sichere Schutzimpfversahren gegen Rotlauf, defsen sich alle Kulturstaaten bedienen, die wirtschaftlichen Schäden nicht mehr tragbar wären. Djele Degenerationserscheinung erhöhte Gmpfängächtett für Infektionen steigert sich ständig gegenüber verschiedenen Krankheiten, und neue Seuchen kommen besorgniserregend hinzu An den Folgen dieser Aenderung der Wider­standskraft gehen in späteren Zeiten einmal die Haustiere zugrunde, wenn sie nicht gleichzeitig als Wild vorkommen, gehegt und zur Blutauffrischung in der Dot herangezogen werden.

Die Ausrottung der Raubtiere im 'Verein mit der forst- und landwirtschaftlichen Umge- ftaltung des Bodens hat die Degeneration des Rutzwildes zur Folge. Dem Raubwild fallen hauptsächlich die kranken und schwächlichen Tiere zum Opfer. Die herrliche und kraftstrotzende Fauna in den Wildkammern Afrikas, wo die vielen Raubtiere unter den großen Pflanzenfressern täglich ihre Beute suchen, beweist, bah die natür­liche Auslese im Kampf ums Dasein den Ge­setzen der Erhaltung der Art gerecht wird und die Tiere zukunstsstark erhält. Dos Recht der Auslese beansprucht aber der Mensch für sich, er strebt nach den stärksten und besten Stücken und fördert allmählich die Degeneration und Ausrottung des Wildes.

Die heutigen Waffen ermöglichen dem Men­schen die Ausrottung der großen Säugetiere im Wasser und zu Lande von der Eisregion bis in die Tropen. In Italien gibt es nur noch in Reservaten der Abruzzen Wild. Zur Zeit be­fassen sich die Italiener mit der Vernichtung der Vogelwelt.

In der Tertiär- und Diluvialzeit sind viele der großen Saugetiere ausgestorben. Der Dilu­vialmensch hat eifrig Jagd betrieben, er fing hauptsächlich junge Tiere in Fallgruben 'Ele- phanten, Rashörner, Wildpferde, Wildrinber und Hirscharten). Mit dem primitiven Speer konnte er nur wenig ausrichten. Mit seiner Jagd- methode hat er Tierorten nicht, wie der hab­süchtige Kulturmensch, ausgerottel, er brachte nicht mehr um, als er für Stillen des Hungers nötig hotte. Die Diluvialtiere sind durch Klima- Umschwung, den Wechsel zwischen Eiszeiten und warmem Klima untergegangen.

Vom Riefenhirsch wird behauptet, er fei in­folge einseitiger Differenzierung durch das mäch­tige ..pathologische" Geweih, das wie olle Hirsch­geweihe jährlich abgeworfen wurde, an Säfte- verbrauch zugrundegegangen. 011 bestreitet die Richtigkeit dieser Ansicht. Durch seine Forschun­gen hot er ermittelt, daß die Geweihe, solange sie während des Wachstums mit derVasthaut" überzogen sind, eine wichtige Stoffwechselfunktion zu erfüllen haben, wobei Sonnenlicht für den Organismus nutzbar gemacht wird. 2m Rorden, wo der Sonnenhunger groß ist, gestalten sich die Geweihe alsSchaufeln" zcu Sonnenfängern aus. Weiter südlich gibt es die Stangengeweihe und in den Tropen nur ganz kleine Geweihe (dort herrschen Vie anders gebauten Hohlhörner vor). Der Damhirsch kam vorübergehend in Aegypten vor und trug in dem sonnigen Lande, wie aus Bildwerken altägyptischer Kunst hervorgeht, nicht bas bekannte Schaufelgeweih, sondern ein Stangengeweih.

Der Riesenhirsch hat, als in den Eiszeiten der Rordpol nähergerückt war, aus Hunger nach Sonne das gigantische Geweih bekommen. Es ist anzunehmen, daß auch er an den Folgen des Klimaumschwunges zugrunbeging, wenn er auch noch in wenigen Exemplaren bis in die post­diluviale Zeit hinein in Pommern und Irland gelebt hat. Der europäische Bison iDisent) und der amerikanische Bison sind aus einer Art hervorgegangen. Letzterer trennte sich von dem bodenständigen Wisent, wanderte durch Asien und über die damals vorhandene Landverbin­dungen in die Prärien Amerikas ein. Dort vermehrte.er sich zu Millionen. Als der Kultur­mensch in Amerika emdrang, kam für den Bison eine Zeit, die schlimmer war als all das große Erdgeschehen der Tertiär- und Diluvialzeit. Millionen BisonS wurden krankgefchofsen und

sind verludert. Von den erbeuteten Tieren wurde nur die Haut verwertet.. In letzter Stunde hat sich bann eine Gesellschaft zur Ret­tung des Bisons gebildet, die ihn iM hinderen Reservaten noch hegt.

Der Wisent, den unsere Vorfahren in Ger­maniens Wäldern noch allgemein gejagt haben, ist durch die Wirren des Völlerkrieoes in freier Wildbahn verschwunden. Eine durch Herrn Dr. Priemel, Direktor des Zoologischen" Gortens in Frankfurt o. M., angeregte internationale Gesellschaft strebt die Vermehrung der in Ge­fangenschaft noch befindlichen Wisente an und will dem im Aussterben begriffenen letzten euro­päischen Wildrinde später die Freiheit wieber- geben.

Der Ur oder Auerochs, der Stammvater un­seres Hausrindes, ist 1627 ausgestorben. Ob­wohl bas Rind durch harte Arbeit die Schätze des Bodens heben hilft, unS die wertvollstes Rahrungsmittel und das unentbehrliche Leder für die Fußbekleidung liefert, hat sich noch kein Staat mit der Frage befaßt, ob nicht biefeml nützlichsten unserer Haustiere wieder ein Heim­gegeben werden müsse, wo es vollkommen ver­wildern kann und wieder zukunftsstark wird, damit später einmal in Zeiten der Rot Blüh- auffrifchungen unseres Hausrindcs vorgenommen werden können. Gleiches gilt für alle wirt­schaftlich wertvollen Haustiere.

In der ernfeitigen Einstellung auf weitest­gehende Ausbeutung der Tiere übersieht der Homo sapiens die Pflichten gegen die Tierwelt und die Gebote, welchen den Gesetzen der Er­haltung der Arten Rechnung zu tragen haben.

Rach dnn eindrucksvollen Chor aus Haydn's ,Schöpfung" schloß weihevolles Orgelspiel die festliche Stunde.

Die Vereinigung der Vater­ländischen Verbände Oberhessens hatte zu einer Reichsgründungsfeier auf Sonntag nadjmittaa in die Turnhalle am Oswaldsgarten ein­geladen. Her Aufforderung war sehr zahlreich Folge geleistet worden; neben den Bürgern aller Schichten und Berufe war insbesondere die akademische Ju­gend recht stark vertreten.

Die Kapelle Topp leitete die Veranstaltung mir den schneidigen Klängen des Hohenfriedberger Marsches em. Danach hielt der Vorsitzende,

Studienral Dr. Lenz-Gießen.

die Begrüßungsansprache, m der er nach herzlichen Willkommensworten an die Dersammluna und den Redner des Tages die Notwendigkeit dieser Feiern auch und gerade in dieser Zeit betonte. Unser Volk dürfe sich nicht an die heutigen Elendszustände ge­wöhnen. Heute, unter Versailles Dawesgutachten und feindlicher Besatzung, Unterdrückung unserer Brüder jenseits der Rheingrenzen, könne noch nicht vom wahren Frieden gesprochen werden. Besonders Italien sollte man für seine schamlose Gewalt gegen die Deutschen in Südtirol durch den Boykott der italienischen Waren und die Unterlassung von Reisen zeigen, daß das Deutschtum nicht ganz wehrlos ist. (Lebhaftes Bravo.) Auch innerpolitisch sehe es trüb aus. Redner zeigte so mancherlei Enttäuschungen auf, die uns die neue Staatsordnung gebracht, er betonte aber weiter, auch der gut monarchisch Ge­sinnte könne nicht wünschen, daß sämtliche frühere Dynastien wieder auf den Thron gehoben würden. Jetzt gelte es, unser staatliches Leben weiter zu ent­wickeln. Das deutsche Volk könne nur wünschen, daß ihm zu dieser Aufbauarbeit deutschblütige Führer erstehen, die es aus dieser Not emporreißen zu besseren Zeiten. Für diesen Führer müsse die Ge­folgschaft heute schon gesammelt werden. Es heiße zusammenstehen gegen die Kräfte des Internatio­nalismus und des Materialismus für ein fchwarz- weißrotes Deutschland im Geiste Bismarcks.

Im Anschluß an die mit lebhaftem Beifall auf­genommene Rede fang die Versammlung gemeinsam Ich hab' mich ergeben". Darauf spielte die Ka­pelle den Alexandermarsch. Anschließend hielt der Reichstagsabg. Geheimrat Dr. v. Dryander-Verlm die etwa einstündige Festrede. Einleitend betonte der Redner den schweren Ernst dieser Zeit. Zwar habe unsere staatliche Konsolidation Fortschritte ge­macht, und unser Ansehen in der Welt fei wieder im Steigen, aber die wirtschaftliche 'Rot drücke schwer auf das ganze Volk, das dennoch die Nerven behalten und sich vor Unüberlegtheiten hüten müsse, die unser Land durchaus nicht gebrauchen könne. Weiter bedrücke uns die bittere nationale Not, die wir nicht nur in den Drangsalierungen Deutfd)» lands durch die Siegerstaaten, sondern auch in den unerhörten Verfolgungen unserer Stammesgenossen in anderen Ländern empfinden. Als drittes komme die Not der Geister und der Herzen hinzu. Für Millionen Deutsche sei es unmöglich, sich in dem heutigen Parteiwesen zurechtzu finden. Der Redner warf hier einen tiefschürfenden Rückblick auf die Entstehung Preußen-Deutschlands bis zum Aufstieg Bismarcks, aus das gewaltige Werk des Altreichs­kanzlers, dis auf strengste Zucht und Ordnung auf» gebaute altpreußische und deutsche Staatsaufsassung, die es dem großen Kanzler ermöglichte, das Werk des 18. Januar 1871 zu vollbringen und es dann so stark zu machen, daß es weitüber seine Zeit hin­aus allen Stürmen und Anfechtungen standhalten konnte bis zu der Katastrophe vom November 1918. Wenn Deutschland erhalten werden solle, müsse es zurückkehren zu den großen Zielen und er­habenen Grundsätzen, die mit den besonderen Le- bensbebingungen Deutschlands verknüpft seien, und die in dem Bismarckschen Reiche ihre Verwirklichung gefunden hätten. Zu diesem Zwecke müsse vor allem eine über den Parteien stehende starke Staatsgewalt geschaffen werden, die alle Kräfte des Volkes straff zusammensasse. . Der Redner rühmte weiter die Tätigkeit der Rechtsregierung im vorigen Jahre, die ftd) innen- und außenpolitisch außerordentlich be­währt habe, und er hob als zweites hervorragendes