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front der Möchte einschwenken würden. Schließlich aber würde eine militärische Intervention als stärk­sten Gegner R u ß l a n d aus dem Plan finden. Diese Aussichten auf die Entfesselung eines neuen Welt­krieges um den Besitz Chinos scheinen auch in Eng­land ihre dämpfende Wirkung nicht verfehlt zu haben. Man sucht das lokale Ereignis am Dangtse, das jederzeit zum Kriege hätte führen können, friedlich beizulegen und wird sich wohl auch ferner damit begnügen müssen, einen chinesischen Marschall zur Verteidigung der britischen Interessen zu unterhalten.

3n Amerika Ijat in letzter Zeit das bri-- tischcDominion of Canada" durch eine Parlamentskrisis die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, die leicht zu einer Krisis im britischen Weltreiche hätte werden können. Die liberale Regierung Mackenzie Kings hatte im Parla­ment zu Ottawa nur eine sehr geringe Mehr­heit. Sie muhte sich stützen auf die wohlwollende Neutralität der erst vor wenigen Jahren ge- grüirdeten Progressistenpartei. Mackenzie King hoffte im Oktober 1925 durch Neuwahlen die un­bedingte Majorität im kanadischen Unterhaus zu erlangen, aber dec Generalgouverneur Lord Byng, ein Mann, der als Führer der kana­dischen Truppen im Weltkrieg sich im Dominion einer außerordentlichen Popularität erfreut, be­willigte dem liberalen Premier zwar das erste Mal die Auflösung des Parlaments, versagte sich aber fernerhin seinen Wünschen, als die Neuwahlen nicht das von Mackenzie King er­hoffte Ergebnis brachten. King demissionierte, und mit der Neubildung des Kabinetts wurde der Führer der Konservativen, Meighen, be­auftragt. Doch seinem Kabinett war keine lange Dauer beschieden. Die Liberalen, jetzt Oppo­sitionspartei geworden, setzten das konservative Kabinett bei der ersten Gelegenheit in die Minderheit und Meighen erbat nun seiner­seits pom Generalgouverneur das Auflösungs­dekret, das er auch prompt erhielt. So plötzlich sogar, daß die Abgeordneten, als sie zu einer angesagten Sitzung erscheinen wollten, das Parla­mentsgebäude bereits geschlossen fanden.

Die Propaganda zu den Neuwahlen ist außerordentlich lebhaft gewesen. Die liberale Partei hat das Verhalten des britischen General­gouverneurs, der dem liberalen Premier qb° schlug, was er wenige Tage später dem kon­servativen Führer bewilligte, zum Gegenstand heftiger Angriffe gemacht. Die Frage der na­tionalen Selbständigkeit Kanadas wurde zum Mittelpunkt des Wahlkampfes. Trotz der großen persönlichen Beliebtheit des General­gouverneurs hat die von ihm begünstigte kon­servative Partei, die politisch die Ideen ernes allbritischen Imperialismus, wirtschaftlich den Schutzzoll und enge Anlehnung an das britische Mutterland vertritt, bei den Anfang dieser Woche stattgesundrnen Wahlen eine schwere Niederlage davongetragen. Die Liberalen dagegen, die für die nationale Selbständigkeit Kanadas und für wirtschaftlichen Freihandel eintraten, werden, namentlich gestützt auf den französischen Teil der Bevölkerung, mit 118 Abgeordneten in das neue Parlament etnziehen. Die Wiederkehr eines liberalen Kabinetts unter der Füh­rung Mackenzie Kings ist damit gesichert. Der Ausgang der Wahlen erlangt dadurch pro­grammatische Bedeutung, daß auf der im Herbst zusammentretenden britischen Reichskon­ferenz in London nunmehr Mackenzie King neben General Hertzog, dem südckfrikanischen Premier, als Anwalt der älnabhängigkeits-De- strebungen der Dominions auftreten wird. Auch die Politik Lord Dhngs hat gewiß das ihre dazu beigetragen, daß die Wahlniederlage der Kon­servativen in England als eine Schlappe der britischen Krone und eine bedenkliche Gefährdung des Reichsgedankens empfunden wird.

In Europa lind es die drei unter der Diktatur stehenden südlichen Halbinselstaaten Spanien, Iw­lien und Griechenland, die in den letzten Wochen von sich reden machten. Seit Griechenland, dank der venizelistischen Politik, gegen den Willen seines Königs in den Weltkrieg hineingezogen wurde, zerfleischt der Bürgerkrieg das unglückliche Land. Die Friedensverträge brachten ihm zwar er­heblichen Gebietszuwachs in der Aegaeis und Klein- Asien, aber die kurz darauf folgende Niederlage im Turkenfeldzug, die Vertreibung des Königshauses und die rücksichtslose Ausweisung der griechischen Be­völkerung aus Kleinasien und Thrazien, machten Griechenland zum unglücklichsten derSiegerstaaten" von Versailles. Die Herrschaft ehrgeiziger Militärs loste sich ab mit dem Regiment zügelloser Partei­führer. Blutige Aufstände. Ministerhinrichtungen und Verbannungen kennzeichnen den Weg des griechi­schen Volkes in den letzten Jahren. Vor sieben Mo­naten hatte General P a n g a l o s als Diktator, ge­stützt auf die Armee, das Staatsruder ergriffen. Das Parlament wurde davongejagt, und eine Regierung nach dem Muster Mussolinis sollte Griechenland best seren Zeiten entgegenführen. Aber das griechische Volk und namentlich die Armee wurden des Dikta­tors bald müde. Vor wenigen Tagen gelang es dem General Kondylis mit Hilfe seiner Truppen den Diktator zu stürzen und den verbannten Admiral K o n d u r i o t i s als Präsidenten der Republik nach Athen zuruckzuführen. Ein neuer Aufstand der Pan- galos treugebliebenen Garden wurde in blutigem Strahenkampf niedergeschlagen. In einem Appell

das Dplk kündigen die neuen Machthaber die Rückkehr zum parlamentarischen Re- g i m e an Aber es hat den Anschein, als ob zwischen dem Mmisterpräsidenten Kondylis und dem Staats- prastdenten bereits Verwicklungen drohen, so daß Griechenland auch unter der neuen Herrschaft kaum zur Ruhe kommen dürfte.

Auch in Spanien hat es in der Armee, wegen einer komglichen Deförderungsordre iln= SKJIPÄ01, c^ch gegen die Person des ^Eatvrs Generals Primo de Rivera, rich- leten. Dedenkllch war, daß die Anzufriedenh7it

Artillerie, der Elitetruppc des spani- schm Heeres, ausging. Der kaltblütigen Cnt- Ichlossmheit Pruno de Riveras, der bei König Alfons Rückendeckung fand, gelang es jedoch diesmal noch, den Aufstand im Keime zu er­sticken. Das Kriegsgericht hat bereits das Tvdes- urtell gesprochm das die Gnade des Königs m lebenslängliches Zuchthaus unwandelte. Auch Pinmo denkt an eine Rückkehr zu parlamentari- schen Formen Nachdem das Votum des Volkes seine Politik billigen soll, soll eine Nationalver- lammlung einberufen werden, um der Diktatur das verfassungsmäßige Mäntelchen zu geben

St? italienische Halbinsel durchzittert noch die Erregung rrber das neue Attentat gegen die Person Mussolinis. Ein junger vor einigen Monaten aus Frankreich über die Grenze gekommener Italiener hat an der Porta Pia eine Bombe gegen den Wagen des Minister­präsidenten geworfen. Der Duce blieb auch dies­mal unverletzt. Die saszistische Presse sucht die

Schuld an dem Zustandekommen dieses neuen Attentats jenseits der Alpen. Die Empörung des italienischen Volkes kehrt sich gegen Frank­reich, das seit Jahren den Gegnern des faszi- stischen Regimes, den zahllosen italienischen Emi­granten, bereitwillig Asyl gewährt hat. Die erst durch den Madrider Vertrag einer starken Be­lastungsprobe ausgesetzte Freundschaft der beiden romanischen Schwesternationen hat einen neuen Stoß erhalten. Bemühungen, den Konflikt durch eine persönliche Aussprache der leitenden Staats­männer auf diplomatischem Wege zu schlichten, scheinen schon im Anfangsstadium fehlzuschlagen. Meldungen von der Konzentration französischer Truppen an der italienischen Grenze sind bis zur Stunde nicht dementiert worden. Die Span­nung ist damit aufs höchste gestiegen, und man weiß nicht, ob nicht die nächsten Tage bei der völligen Tlnberechenbarkeit der italienischen Außenpolitik den bewaffneten Zusammenstoß zweier europäischer Großmächte bringen werden.

Der Streik

im englischen Bergbau.

Ein neuer Vermittluugsvorschlag Baldwins.

London, 17. Sept. (WTB.) Im Anschluß an Besprechungen mit dem Vorsitzenden der Vereini­gung der Bergwerksbesitzer und mit dem Vollzugsrat des Bergarbeiteroerbandes richtete Premierminister Baldwin an den Sekretär des Bergarbciterver« bandes Cook ein Schreiben, in dem er u. a. aus­führt, es sei der Regierung nicht möglich gewesen, eine gemeinschaftliche Konferenz mit den Bergwerks­besitzern zustande zu bringen, da diese sich geweigert hätten, an einer solchen Konferenz teilzunehmen. Indessen habe der Verband der Bergwerksbesitzer doch seine Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, d i e w.' cht' llften Leitsätze, die unter anderen Um­ständen Gegenstand eines Arbeitsabkommens für ganz England fein könnten, zu beachten. Die zufrie­denstellende Regelung des Konflikts müsse d a s B e - zirkslohnabkommen mit der für ganz England geltenden übergeordneten Kontrolle vereinigen. Wenn die Bergarbei­ter bereit seien, sich mit den wirtschaftlichen Verhält­nissen abzufinden, wie sie tatsächlich in der Kohlen­industrie vorlägen, so wäre die Regierung bereit, auf dem Wege der Gesetzgebung ihrerseits die Sicher­heit dafür zu schaffen, daß durch die Bestellung eines A r b e i t s f ch i e d s g e r i ch t s für ganz Eng­land die obenerwähnten Leitsätze zu angemessener Geltung verhalfen würde. Die von Baldwin gemach­ten tatsächlichen Vorschläge sind folgende:

1. Sobald dieArbeitaufGrundvorläu- figer Abkommen lokaler Art wieder ausgenommen fein sollte, wird die Regierung em Gesetz durchbringen, durch das ein Schieds- 9 e r i d) t für d i e Arbeitsbedingungen im Kohlenbergbau für ganz England ge|djaffen wird, es fei denn, daß durch ein vorheriges Zustandekommen eines Abkommens für ganz Eng- lano ein solcher Schritt sich erübrigen sollte.

2. Jede an irgendwelchen provisorischen Abkommen beteiligten Partei kann in dem Fall, daß dieses proviforische Abkommen eine Verlange- ,""Sd ° r A r b - I t-z e i t Corfiet)t, sich Qn ba zu schassende Schiedsgericht wenden, um eine U e b e r° P 5,u J u 9 aller solcher Punkte zu erreichen, die bis letzt durch em Arbeitsabkommen fstr ganz Englund geregelt worden sind.

Das Schiedsgericht hat die Befugnis, derartige proviforische lokale Abkommen zu bestätigen oder abzuandern, und alle Bergleute in einer Grube wo eine längere Arbeitszeit herrscht, haben, wenn sie durch eine derartige Entscheidung des Gerichts betroffen werden, das gesetzliche Recht auf Löhne, die der Entscheidung des Schiedsgerichts entsprechend festzusetzen sind.

Englands Rückzug in China.

9foc?- 171 Sept. (Wolff.) Die eng- nschen Mannebehorden hgben aufgrund von Der- sicherungen der Kantonregierung, daß Schiffs- ladungem und Passagiere geschützt und polizeiliche Maßnahmen gegen die Einmischung der Streik­posten getroffen werden sollen, i h r e Kanonen­boote zurückgezogen. General Iangsen hat dem^chlnesrschen Außenministerium mitgeteilt daß

truppen und die Bevölkerung von Scheschuan fest entschlossen seren, bis zum letzten Blutstropfen zu k a m p f e n, wenn ernezweite englische sm e 1 °-n nach Wanhsien entsandt werden sollte Es wurden gegenwärtig Vorbereitungen getroffen, um eine solche Expedition entsprechend empsangen zu können. Die Professoren der e n&c LV y n i t> e r f i t ä t haben in einem ftrr die Mitglieder des britischen Parlaments be° trmmten Telegramm Einspruch gegen das un- menschlrche Vorgehen der britischen Kanonenboote rn Wanhsren erhoben.

DiesüdafrikanischeFlaggensrage

Kapstadt 17. Sept. (WTB.) Vor seiner Abreise zur britischen Reichskonferenz gab Pre-

$er<3°9 bekannt, die Regierung beabsichtige, einen Regierungsvorschlag über die Schaffung einer Nationalflagge für Südafrikanische Union einer Volks- öbTtimmung öu unterbreiten. Das Fehlen des dritisch^l slaggenmusters in der Flagge der Südafrikanisch^ Union hat bekanntlich lebhafte Meinungsverschiedenheiten in der öffentlichen Meinung Südafrikas hervorgerufen.

Verschärfung derLage inSpanien

<l8k Sept. (WTB-Funkspruch.) »Daily Chromcle berichtet aus Madrid, daß die dortige Lage von neuem sehr ernst sei.

f?fantK ri^abe ^ch der Artillerie an- geschlossen und werde in den Kasernen zurück- behalten. Sie habe eine formelle Aufforderung an Pruno de Aivexa gerichtet, z u r ü ck z u t r e- * Rwera werde heute nach San

Sebastian gehen, um mit dem König zu beraten.

Aus aller Wett-

Die Typhusepidemie in Hannover.

nK»n?iei007^F. Typhusfälle, die Donnerstag M betrug, hat über Nacht abermals

Vermehrung erfahren. Freitag abend waren nach amtlicher Meldung 1504 Er- ^Nlungen und 42 Todesfälle zu verzeich- kameradschaftlichen Sitzung des erdte - Vereins Hannover bezeichnete ^egie- ÄÄ^(nQlrraJ Di. Mohrmann die Typhusseuche als Wasserepidemie. Im übrigen betonte er abermals, daß das Trinkwasser seit dem 22. August als einwandfrei zu betrach­ten sei. Die Maßnahmen der beamteten Aer^e

zur Bekämpfung der Krankheit werden allgemein gebilligt. Im übrigen kam die Meinung zum Ausdruck, daß infolge der zu erwarteten Kon» taktinfcktion möglicherweise mit einer m o n ate- langen Dauer der Seuche zu rechnen sein wird. Die städtischerseits eingerichteten Impf­stellen werden von der Bevölkerung fortgesetzt stark in Anspruch genommen. Die Zahl der in den städtischen Stationen Geimpften belauft sich bereits auf etwa 10 000. Daneben erfolgen viele Impfungen durch Privatärzte.

Schweres Fährbooksunglück bei Hamburg.

In Koehlbrand, zwischen Moorburg und Kattwyk, schlug ein mit elf Personen besetztes Fährboot, das Arbeiter und Schulkinder von Moor- burg nach dem jenseitigen Ufer beförderte, durch den von einem vorubersahrenden Schlepper verur­sachten hohen Wellengang um, wobei alle In­sassen ins Wasser stürzten. Leider konnten nur zwei Schulknaben, vier jugendliche Arbeiter und der Fährmann gerettet werden, während vier Arbeiter, alles Familienväter, den Tod in den Fluten fanden.

Professor Sauer (Prag) f.

Der Literarhistoriker und Professor der deut­schen Literarwissenschasten an der deutschen Uni­versität Prag, August S a u e r, ist im 71. Lebens­jahre verschieden. Pros. Sauer trat hauptsächlich als Grillparzer- und Goetheforscher hervor.

Der Mordprozeß Schröder

Magdeburg, 17. Sept. (WTB.) Am zweiten Tag des Mordprozesses Schröder war der Andrang des Publikums beinahe noch stärker als gestern. Kriminaloberinspektor Dr. Rie­mann erklärt, er Hobe Schröder von Anfang an nicht für einen geistig hochstehenden Menschen gehalten. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob Schröder Angaben gemacht habe, wie es ge­kommen sei, daß der Verdacht aus andere Leute überging, erklärte der Zeuge, gelegentlich eines Lokaltermins in Groß-Rottmersleben habe ihm Schröder gesagt, daß er aus der Frage­stellung der Untersuchenden heraus auf den Namen Haas usw. gekommen sei. Das Haus des Haas und Haas selbst habe er hier nie gesehen. Lediglich aus der Frage­stellung während der Vernehmungen habe er eine genaue Beschreibung des Haas entnommen und benutzt. Kriminalkommissar Braschwitz bestätigte die Bekundungen Dr. Riemanns. Braschwitz bekundet, gemeinsam mit Dr. Rie­mann die Ermittelungen geführt zu haben. Der Angeklagte erklärt ausdrücklich, sein Geständnis ohne irgendwelchen Druck abgelegt zu haben. Der Sachverständige Direktor Dr. M e t - g e r, Stuttgart, betonte, daß es nach dem Er­gebnis seiner Untersuchungen keinem Zweifel unterliegen konnte, daß

die Schrödersche Waffe zur Tai benutzt worden sei. Pfarrer K ö p p e l aus Groß-Rott­mersleben und der Amtsvorsteher von Groh- Rottmersleben, Reetz, bekunden, daß Schro­ders Vater ein starker Trinker war. Auf Wunsch des Angeklagten wird der Zeuge Reetz gefragt, ob er glaube, daß Schröder seine Mutter vorsätzlich getötet hat. Der Zeuge ver­neinte diese Frage, denn die Mutter sei seine Hauptstütze gewesen. Die weiteren Leumunds­zeugen aus Groß-Rottmersleben schildern Schrö­der durchweg als einen Aufschneider, der phantastische Geschichten vorbrachte.

Der Schwager des ermordeten Helling, Zeuge Grimm, erklärte, daß er in der Leiche be­stimmt seinen verstorbenen Schwager erkannt habe. Der Zeuge schilderte weiter, wie Schröder in Begleitung des Kommissars ten Hold den Kaufmann Haas als den großen Unbekannten Adolf" bezeichnet habe. Auf einen Einwurf des Vorsitzenden, der Angellagte habe erllärt, ihm sei Haas von der Polizei so genau ge­schildert worden, daß er ihn auch im Dunkeln erkennen würde, antwortete Schröder, daß er tatsächlich Herrn Haas kenne, daß er aber mit der Mordtat nichts zu tun habe. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er Haas vor oder nach dem Mord kennen­gelernt habe, verweigerte Schröder die Auskunft, weil ihn die Beantwortung dieser Frage der Ge­fahr einer strafrechtlichen Verfolgung aussetzen würde.

Oberstaatsanwalt Rasmus teilt mit, Haas habe gebeten, als Zeuge darüber vernommen zu werden, daß er Schröder vor der Ge­genüberstellung nicht gekannt habe, daß er niemals in Groß-Rottmersleben bei ihm gewesen sei und daß auch keine Beziehungen zwischen ihm und Schröder bestanden haben. Oberstaatsanwalt Rasmus beantragt die Ladung des Haas. Der Magdeburger Gerichtsarzt B o - retius erstattete ein Gutachten über den Geisteszustand des Angeklagten. Von einer krank­haften Erschütterung des Geisteslebens des Schröder könne keine Rede fein. Er sei unter allen Umständen imstande gewesen, das Ver­werfliche seiner Tat zu erlennen. Nach kurzer Beratung beschloß das Gericht: Die Zeugin Götze bleibt unvereidigt, da sie der Be­günstigung verdächtig erscheint.

In der Nachmitkagssihung, die die Vernehmung von Haas und Ten­holt bringen sollte, war der Andrang des Publi­kums so stark, daß die Polizei mit Gummiknüppeln vorgehen mußte, um die Eingänge zum Schwur­gerichtssaal frei zu machen. Der Vorsitzende sagte zu Haas, L-chröder habe behauptet, daß er ihn, gaas, kenne, und daß Beziehungen zwi- chen ihnen bestanden hätten, aber erklärte, an dem Mord sei Haas nicht beteiligt gewesen. Der Vorsitzende richtet an Haas die Frage, ob er c t JP a 5 von dem Mord gewußt habe. Haas erklärte, von dem Morde nichts gewußt zu haben und Schröder nicht zu kennen. Auf eine mettere Frage erklärte er, Schröder zum erstenmal bei der Gegenüberstellung im Untersuchungsgefäng­nis gesehen zu haben.

Kriminalkommissar Tenholt erklärt auf Be- ragen bes Vorsitzenden, ob er noch Material von Schroder erhalten habe, auf Grund dessen er ^klaren konnte, der früher beschuldigte Haas sei an dem Mord beteiligt, neues Material habe er nicht. Schröder habe ihm öfter Nittellungen in dein Sinne gemacht: Wenn alles chief gehe, könne er gegen Haas noch Material beibringen, bas Haas stürzen könne. Tenholt fügte

Cr( ^b,lt habe nichts gegen Haas gehabt. Der sexual-pathologische Sachverständige Dr. dcr Angeklagte sei ein Mensch zweifellos pathologischen Merkmalen, mit einer chweren Disharmonie in seiner ganzen Struktur, h^orstechendsten Merkmalen pathologi- cher Gefuhlsstuinpsheit. Den Paragraph 51 halte er nicht für diskutierbar.

Darauf hielt Oberstaatsanwalt Rasmus fein Plädoyer.

Er kam zu dem Schluß, daß der Angeklagte den Mord an Helling vorsätzlich ausgeführt habe und beantragt daher die Todesstrafe.

Nach dem Plädoyer des Verteidigers, Rechts­anwalts Z ä p e r und einer kurzen Erwide­rung des Oberstaatsanwalts führte der Angeklagte in seiner letzten Erklärung aus, er habe sich in einer kolossalen Notlage be­funden. Als er mit Helling nach Schackensleben fuhr, habe er keineswegs die Absicht gehabt, ihn zu ermord^i, denn sonst hätte er es ,>r unterwegs tun können. Dieser Gedanke sei ihm erst gekommen, als erHelling zu Hause auf dem Halse hatte und keinen Ausweg fand. Seinen Fluchtversuch habe er nicht aus Feigheit unternommen, er habe nur die Ueberzeugung gehabt, daß er von dem Magdeburger Gericht nicht objektiv behandelt würde. Er habe darum fliehen wollen, um möglichst vor ein anderes Tribunal zu kommen. Zum Schluß bat Schröder, auch zu erwägen, ob er schon so verroht sei, daß keine Desserungsaussicht mehr vorhanden sei und daß die Todesstrafe am Platze wäre. "** -

Rach mehrstündiger Beratung des Gerichtshofes verkündete der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Dr. L ö w e n t h a l, folgendes Urteil:

Der Anaeklagke Schröder wird des Raubmordes für schuldig befunden und wird zum Tode verurteilt.

Außerdem werden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte für dauernd aberkannt. Die Mordwaffe wird einge­zogen. Wegen schwerer Urf unbenfäl- chung in Tateinheit mit Betrug erhielt Schröder echs Monate Gefängnis. Bon her Anklage der Ber­eitung zum Meineid wurde er freigesprochen.

Der Vorsitzende betonte bei der Begründung des Urteils besonders, daß durch Zeugenaussagen, das Geständnis Schröders bestätigt worden sei. Es sei e r w i e s e n , daß der Angeklagte Helling auf Grund eines Inserates veranlaßte, fein Grundstück aufzu­suchen, mit der Absicht, ihn zunächst zu be­rauben, später aber mit der gefaßten Absicht, ihn zu töten. Das Gericht habe die feste Ueberzeugung gewonnen, daß kein anderer an dieser Tat beteiligt ist und daß diejenigen, die bisher in dieses Verfahren verwickelt wurden, unschuldig sind. Der Vorsitzende kam zu dem Schluß, daß auch dann, wenn man Schröder seinen Angaben glaube, es sich nicht um Totschlag, sondern um wohl­überlegten Mord in Tateinheit mit schwerem Raub handele.

Am der Provinzialhanpistadt.

Gießen, den 18. September 1926.

Der Schaufensterwettbewerb.

Der Wettbewerb hat seinen Höhepunkt erreicht, die Ausstellungswoche neigt dem Ende zu, in kür­zester Zeit wird die öffentliche Meinung, werden die gesammelten Stimmen des Publikums die Ent­scheidung gefällt und die Siegeskränze im kaufmän­nischen Werbekampf unserer Stadt verteilt haben. Da scheint es nicht übel angebracht, noch einmal kritischen Blicks einen Rundgang zu machen, Ein­drücke zu sammeln, überblickend zu prüfen, was die Geschäftswelt von Gießen dem Publikum zu bieten hat, mit welchen Mitteln sie die Stadt als geschäft­liches Zentrum, als Sammel- und Anziehungspunkt auch für die Provinz dem Auge des Beschauers und Verbrauchers präsentiert. Im ganzen ist zu sagen, daß der vom Gießener Verkehrsverein an­geregte Gedanke eines großzügig angefaßten, ge­meinschaftlich ins Werk gesetzten Werbefeldzuges zweifellos gut war, auf fruchtbaren Boden gefallen ist und allenthalben in die Tat umgesetzt 'wurde. Wenn man die Hauptgeschäftsgegenden: Bahnhof­straße, Seltersweg, Kreuzplatz, Marktplatz, Markt- ftraße imb Neuen Bäue etwa langsam und auf­merksam durchwandert, wird man sich dem unall- taglichen und bei aller Mannigfaltigkeit einheitlichen Eindruck des Massendildes im Gießener Geschästs- oiertel gar nicht entziehen können. Es ist, um die ersten Beobachtungen am Vorabend des Wett­bewerbes zu bestätigen, viel Mühe und Arbeit und Liebe vom einzelnen daran gewendet worden, im Wettbewerb nicht nur mit Ehren zu bestehen, son­dern auch in Gemeinschaft mit andern zu beweisen, was die Stadt geschäftlich, kaufmännisch und indu­striell zu leisten und darzubieten imstande ist. Und auch die andere, erste Wahrnehmung bestätigt sich im Gesamteindruck: die Vielseitigkeit und Verschie- denheit der zum gemeinsamen Ziele aufgewendeten Mittel. Ueberall ist dieser interessante Wechsel in der Behandlung der gestellten Aufgabe zu beobach­ten: auf den verschiedensten Wegen sucht man dem Ziel der wirksamen Werbung und Darbietung der Ware möglichst nahe zu kommen. Strenge iZachlich- kett wechselt mit gefälliger und origineller Dekora­tion: diese wieder legt bald auf Raumanordnung, bald aus Farbenwirkung die entscheidende Beto­nung. kunstgewerbliche Schmückung wechselt mit raffinierter Sinnsälligkeit, Fülle mit Sparsamkeit, Auswahl mit Masse.

Fassen wir die einzelnen Branchen ein wenig naher ms Auge, so wird etwa bei den Möbel- Händlern gemeinhin zu sagen fein, baß es pnen bei diesem Wettbewerb vergleichsweise leicht gemacht wurde, vermöge der ihnen natur­gemäß zu Gebote stehenden Raumverhältnisse gute, nachhaltig wirkende und anziehende Schau- fenster zu zeigen. Dies wurde auch wobl über­all erkannt und ausgenutzt. Brück Nachts. Inh. Weinert wäre mit einem recht guten Herren- oimmer besonders zu erwähnen. In anderen Schaufenstern scheinen die räumlichen Möglich­keiten nicht völlig ausgenutzt. Allerdii>rs ist wiederum zu bedenken dies gilt allgemein und nicht nur für die Möbelbranche daß in einer Mittelstadt, wie Gießen, längst nicht die raffinierten Werbemittel großzügigster geschäft­licher Retlame gegeben sind, wie sie in Groß­städten längst als selbstverständlich gelten. Eine hübsche Probe bietet auch die FirmaHaus­rat" am Kirchenplah, die besonders mit einem Wohnzimmer zu gefallen L>eih. T ä u b e r t (Teps/iche) weiß die großen räumlichen Mög­lichkeiten eines Eckgeschästes vortej^aft auszu- nuhen, erscheint aber in der Farbe nicht immer einheitlich. Eine gute Vereinigung bilden die Firmen Hoch st ät ter, Appel und Re­staurantHindenburg", die im Selters- weg beiHindenburg" sehr appetitliche Auslagen in aparten Innendekorationen zusammenfassen. Vogt L Co. stellten Bureaubedarf zur Schau, geschickt, vielseitig, übersichtlich. In der­selben oder verwandten Branche wären zu nennen E. Jung (Seltersweg, Papierwaren), der viel Mühe und Sorgfalt auf seine Auslagen verwen­det hat, Heinrich Noll, Schneider und