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Nr. 65 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Donnerstag. (8. März 1926

Var polnische Agrarreformgesetz

Das Agrarreformgeseh für die Republik Polen ist nach erbitterten Kämpfen zwischen den Parteien und nachdem der Senat den Entwurf etwas weniger radikal gestaltet hat, am 28. De­zember 1925 vom Sejm endgültig verabschiedet und sodann amtlich publiziert worden. Seine Bedeutung für unsere deutschen Brüder in den an Polen abgetretenen Tellen WestpreußenS und Posens (in Oberschlesien ist das Gesetz nach Art. 99 einstweilen nicht in Kraft) ist sehr grob; sind sie es doch, die die ungeheuren Härten! des Gesetzes zuerst zu spüren bekommen werden. Zwar ist es nach Art. 1 der Zweck des Gesetzes, den landwirtschaftlichen Organismus der Repu- blil auf kräftige, gesunde und zu einer aus­giebigen Produktion fähige Wirtschaften verschie­dener Typs und verschiedener Gröhe, die das Privateigentum ihres Besitzers bilden" zu stützen. Aber jeder Deutsche in Polen weis; es, daß es der ungeschrieben gebliebene Hauptzweck des Ge­setzes für die ehemals deutschen Lcmdesteile ist, die deutschen Grundbesitzer zu beseitigen oder doch zum minbeften wirtschaftlich so zu schwächen, daß sie politisch feine Rolle mehr spielen und Len Resten deutschen Handwerkerstandes in den Dörfern und Städten feinen wirtschaftlichen Rück­halt mehr bieten können.

Wie schon das GZeh nationalpolitische Zwecke verfolgt, erhellt aus Art. 11, wonach die für die Aufteilung zu erwerbende Fläche sich nicht nach dem Bedarf, der Rachfrage richtet, sondern für die nächsten 10 Jahre einheitlich auf 200 000 Hektar jährlich festgesetzt ist. Denn das; es den Polen bei ihren zerrütteten Wirtschafts- und Währungsverhältnissen ganz unmöglich sein wird, jährlich 200 000 Hektar aufzuteilen, ist ohne wei­teres klar, selbst wenn ein erheblicher Teil der Fläche zur Vergrößerung von Arbeiter- und Kätnerstellen, also zur sogenannten Adjazenten- parzellierung benutzt werden sollte. Hat doch die Preußische Ansiedlungskommislion für Westpreu- ßen unb Posen, die allerdings nur für zwei Provinzen zuständig war und diesen neues deut­sches Blut zuführen wollte, in der Zeit ihres Bestehens von 1886 bis zum Schluß des ersten KrleMahreS im ganzen nur rund 453 000 Hektar erworben.

Für die Aufbringung des jährlich zu er­werbenden Areals von 200 000 Hektar sollen nack Art. 2 in Anspruch genommen, d. h. er- joroerlichenfalls enteignet werden, Staatsgüter, .Ländereien der Bauern- und Landschaftsbank, der Preußischen Ansiedlungskommission", Güter der sogenanntentoten Hand" nach Maßgabe der mit dem Heiligere Stuhl darüber getroffenen Ver­einbarungen, Güteröffentlicher Institutionen" mit Ausnahme der der Kommunen, sowie die üleberschüsfe aller anderen Landgüter". Diese so­genannten .^leberschüsse" bilden das Hauvtan- kaufsobjekt und das Mittel zur Cntdeutschung der Wojwcdschaften Pofen und Pommerellen,ikber- schüsse" sind Ländereien, die über die dem Eigen­tümer eines Landgutes zu belastende Mindest­fläche hinausgehen. Diese Mindestfläche beträgt für Posen und Pommerellen 180 Hektar land­wirtschaftlich nutzbarer Fläche, die sich der Eigen­tümer in einem besonders geordneten Verfahren aussuchen darf. Es dürfen also einem Gutsbe­sitzer, der 500 Hektar Acker und Wiese besitzt, 320 Hektar davon enteignet toerben; daneben ver­bleiben ihm die ihm gehörigen Wald- und Was­serflächen, sofern erstere übet 30 Hektar, letztere über 20 Hektar im Zusammenhänge groß sind. Es würde über den Rahmen dieser Ausführun­gen hinausgehen, wenn dargelegt würde, welch große dauernde wirtschaftliche Härte es be­deutet, wenn einem Gutsbesitzer, um bei dem obigen Beispiel zu bleiben, fast s/8 seines land­wirtschaftlich nutzbaren Areals enteignet toerben; es sei nur die schwere Belastung hervorgehoben, die darin liegt, baß die für einen Bedarf von 500 Hektar nutzbarer Fläche berechneten Wirt­schaftsgebäude später für ein auf 180 Hektar herabgesetztes Arela unterhalten werden müssen. Rach Artikel 5 ist eine Vergrößerung der Min­destfläche von 180 Hektar zulässig bei Gütern mit Spiritusbrennereien ober Stärkefabriken und bei solchen mitintensiver Zuckerrübenprobuktion". Entsprechend ber Anbaufläche dürfen den ersteren höchstens 350 Hektar, den letzteren, einschließlich einer Vergrößerung für Brennerei und Stärke-

Die tolle Herzogin.

Roman von E r n ft Klein.

Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.

19. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Ist es nicht möglich, Mylord, daß jemand von außen her hier eingedrungen ist und den Schrank mit einem Nachschlüssel geöffnet hat?" meinte Graham.

Lord Burnham trat an die Terrafsentüre, schlug fle auf und blickte prüfend um sich.

Weder an der Türe noch auf dem Boden hier stnd irgendwelche Spuren zu vemerken, die auf einen Eindringling von außen schließen ließen. Ich muß gestehen, Graham, daß mich die Sache immer mehr und mehr irritiert. Ein Diebstahl in meinem Hause! Und an die Folgen mag ich gar nicht denken, wenn dieser Vertrag in unberufene Hände kommt!"

Das wird er wohl, Mylord, denn sonst wäre er doch wohl nicht gestohlen worden."

Lord Burnham biß die Zähne aufeinander und sah seinen alten Vertrauten mit mehr als besorgter Miene an. Der Schrecken senkte sich auf die beiden Männer. Stumm standen sie und starrten einander an--

Aus der Hall klang fröhliches Lachen und Stimmengewirr. Die ersten Gäste erschienen zum Frühstück. Draußen auf den weiten Rasenflächen zitterte noch der frische Morgentau. Lord Burn- Harns Collies und Terrier veranstalteten unter wil­dem Gekläff ihre Morgenpromenade. Sie spielten und jagten sich und vollführten ein Höllenspek­takel.

Dem alten Mann, der sonst jeden Morgen hin­unter ging, um seine Lieblinge zu begrüßen, ver­schwamm heute dieses fröhliche Bild in grauem Nebel. Immer wieder bohrte der eine Gedanke in seinem Kopf: Ein Diebstahl in seinem alten, ehr­würdigen Hause! Das spöttische mißtrauische Gesicht Millers sah er vor sich--Laut stöhnte er auf

unb ließ sich schwer in den Fauteuil vor dem Schreibtisch fallen.

Im selben Moment öffnete sich die Türe, Grace trat ein. Blieb einen Moment, mit der Klinke in der Hand, stehen, stockte, zuckte sogar zusammen. Als sie aber des Vaters niedergesunkene Gestalt sah,

f abrik, höchstens ZOO Hektar landwirtschaftlich nutz­barer Fläche belassen werden. Verfehlt wäre die Annahme, daß damit besonders großen Härte.: bei einem Teile der Güter ein Riegel vorge­schoben sei. Dem ist, jedenfalls soweit Deutsche als Eigentümer in Betracht kommen, nicht so Denn einmal ist die Fläche, die in der ganzen Republik durch die zugelassenen Vergrößerungen der Parzellierung entzogen toerben bürfen, auf 550 000 Hektar beschränkt; dann aber ist die Ent­scheidung über baS Vorhandensein ber Voraus­setzungen für bie Zulassung einer Vergrößerung den Ministern für Bodenreform unb ßanbtoiri- schaft übertragen, die ohne Angabe von Gründen endgültig entscheiden. Was dabei für die Deut­schen herauskommen wird, ist ohne weiteres klar.

Der Parzellierungsplan wird jedes 3ahr bis spätestens 31. Januar vom Ministerrat für das folgende Kalenderjahr imDziennick älftan", dem amtlichen Publikationsorgan, bekanntgegeben und muß die für die Parzellierung (Ankauf) be­stimmten Privatgruirdstücte angeben. Rach Be­kanntgabe des Plans bleibt es den von tfrm be­troffenen Grundstückseigentümern zunächst über» lassen, denAeberschuß" freiwillig zuparzel­lieren", d. b. an die staatlichen LandtoirtschastS- banken zu verkaufen; tun sie das bis zum 1. De­zember des Jahres nach der Publikation des Planes nicht, so werden sie demZwangSankauf" unterstellt, der bis zum 1. Rovember des nächst- folgenbcn Jahres durchgeführt werden soll. Inter­essant ist die Wirkung, die der Zwangsankauf für die Realgläubiger hat. Man sollte annehmen, baß ber Staat als Erwerber für die eingetragenen Rechte pro rata haftet. Weit gefehlt! Denn Art. 26 bestimmt, daß der Staat gegenüber allen Hhpotbekengläubigern usw. nur im Rahmen ber nach dem Gesetz rechtskräftig sestgesehlen Ent­schädigung haftet. Was das für den Realkredit in Polen bedeuten müsse, bedarf keiner Aus­führung. Die Schätzung des Wertes der enteig­neten Flächen erfolgt durch dasDezlrksland- amt", das sich dabei auf das Gutachten der Klassislkatlons-- und Schähungskommls'ion stützt, die aus drei Ministerialvertretern und je einem Vertreter des Groß-, des Kleingrundbesihes und der lairdlosen landwirtschaftlichen Arbeiter- besteht. Die Schätzung erfolgt unter Anwendung der Be­stimmungen, die bei der Festsetzung des Wertes der Liegenschaften für die Vermögenssteuer maß­geblich waren, die aber zuvor natürlich, denn jetzt kommt es darauf an, möglichst niedrig zu taxieren für den vorliegenden Zweck revidiert werden. Die Festsehmrg der Entschädigung er­folgt durch die Dezlrlslandkommlision, deren Ent­scheidung endgültig ist. Der Rechtsweg ist gegen sie nur in beschränktem Umfange gegeben. Denn der enteignete Grundstückseigentümer kann sich an die Gerichte nur mit der Begründung toen- den, daß die zuerkannte Entschädigungin Wider­spruch mit den in diesem Gesetz anerkannten Grundsätzen stehe". Daß dies wesentlich weniger bedeutet als die nach dem preußischen Ent­eignungsgesetz selbstverständlich zulässige An­fechtung der Höhe der Bewertung der einzelnen Liegenschaften, ist klar.

Geradezu ungeheuerlich sind die Vorschriften über die Auszahlung der Entschädigung. Sie wird zum Teil in bar, zum Teil in 5prvz. staatlichen Landrentenbriefen in Gold, die ihrerseits wie­derum teilweise zum Rennwert, teilweise zu einem von dem zuständigen Minister festgesetzten, sich nicht unter 70 Proz. des Rominaltoertes belaufenden Kurse in Zahlung gegeben werden, geleistet. Der in bar ober in Rentenbriefen zu zahlende Teil der Entschädigung richtet sich nach ber Größe der enteigneten Fläche, je größer bie Fläche, desto geringer die Barzahlung. Bei den hier in erster Linie interessierenden Enteignungen bis zu 1000 Hektar werden 50 Proz. ber Ent­schädigung in bar unb 50 Proz. in Rentenbriefen zum Rennwert gezahlt. Der enteignete Guts­besitzer bekommt also 50 Proz. seiner Entschädi­gung in den entwerteten Zlotys ihr Kurs an der Berliner Börse schwankt zur Zeit zwischen 53 unb 54 unb die andere Hälfte In Renten­briefen, die bei der Bewertung der Entschädi- ?ung ruhig mit 0 in Ansatz gebracht werden onnen.

Zusammenfassend kann man Wohl sagen, daß das Gesetz eine furchtbare Waffe gegen unsere deutschen Brüder in den geraubten Landes­tellen Ist.

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kam sie eilend heran. Bleich war sie, ihre großen blauen Augen weit atifgerissen vor Angst.

Um Gottes willen, Vater," rief sie,was ist passiert'!'"

Lord Burnham erhob sich, reckte sich mühsam zusammen. Vor seinem Kinde durste er keine Schwäche sehen lassen. Vor allem durste sie nichts von dem schrecklichen Schlag ahnen, der auf ihn niedergefallen war.

Nichts, mein Kind", lächelte er, indem er ihr weiches Haar streichelte.Ich habe mich nur eben über etwas sehr geärgerl. Aber dein Anblick hat den Aerger verscheucht, und ich werde, wenn du mir eine Tasse Tee Herrichten willst, gleich Ins Frühstücks­zimmer kommen,"

Grace zauderte. Mit Staunen sah Graham, wie sie am ganzen Leibe zitterte Wie dunkle Schatten sich auf die Hellen Wangen legten. Sie sorgte sich um den Vater. Nochmals versicherte ihr Lord Burnham, daß gar kein Grund zur Besorgnis vor­handen fei. Immer noch stand sie neben ihm, hielt seine Hand in der ihrigen und wollte nicht weichen. Mit sanfter Gewalt mußte er sie vom Schreibtisch fortschieben. Abermals wunderte sich Graham, als er sah, mit welch schleppenden, unsicheren Schritten sie den kurzen Weg bis zur Türe zurücklegte. Schwankte sic noch sogar/ Merkwürdig! Langsam öffnete sie die Türe, drehte sich nochmals um unwill­kürlich beute sich Graham vor--Etwas war

in Blick und Haltung der jungen Frau, das er sich nicht zu erklären vermochte. War denn der Schrecken über den Anblick des Vaters wirklich fo groß?

Lord Burnham selbst sah nichts. Die Hände auf dem Rücken, ging er in der Bibliothek auf und ab. Immer tiefer grub die Sorge ihre Falten zwischen seinen weißen Augenbrauen.

Was sollen wir machen, Graham?" rief er endlich.Wir müssen doch irgendetwas tun! Ich kann doch nicht die Polizei herbeirufen und meine Gäste der Reihe nach untersuchen lassen?"

Wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf, Mylord, werden wir wohl nicht darum herum­kommen können, einen Detektiv"

Einen Detektiv? In mein Haus? Nein, Gra­ham nein! Wir wollen zunächst einmal feststellen, ob irgend jemand das Halis verlassen oder"----

ein plötzlicher Gedanke durchzuckte fein Gehirn,oder ob jemand einen Brief aufgegeben hat. Ich gehe jetzt

DasumgebilöeteKabindtBriaiiö

Von unserem Pariser >V.-8.'Korresponden1en.

Paris, 17. März.

Jeder Mensch in Paris gewinnt jetzt immer mehr die lleberzeuguna, daß die feit Monaten latente französische Minister krisis durch die Umbil­dung des Kabinetts Briand alles andere als gelöst ist. Im Gegenteil: Das politische Unbehagen hier ist so groß, daß man jetzt ganz bestimmt mit einer neuen und viel ernsteren Regte- runaskrisis in den nächsten Wochen zu rechnen hat. In den Wandelgängen der Kammer, in den politischen Klubs, in den maßgebenden Salons und vor allen Dingen in den für Frankreich fo außer- ordentlich wichtigen maßgebenden Finanzkreisen rechnet man mit einer ganz kurzen Lebensdauer des Kabinetts Briand, das nur noch als Platzhalter be­zeichnet wird für das kommende Ministerium C a i 11 a u y.

Briand ist 65 Jahre alt, ganz zweifellos einer der hervorragendsten Redner der französischen Kam- mer und der geschickteste Außenpolitiker, den der Quai d'Orsay in den letzten Jahren erlebt hat. Briand und Locarno sind in Paris ein und der­selbe Begriff. Aber Locarno allein reicht nicht mehr aus, um die französische Finanzkrisis zu bannen, denn wie schon vor mehreren Monaten an dieser Stelle unb seitdem wiederholt auogeführt wurde: ^Oiese F i n a n z k r 1 s i s ist eine Staatskrisis, deren Lösung vorläufig noch niemand voraussagen kann. Locarno, Genf und der Völkerbund interes­sieren den Durchschnittsfranzosen gar nicht. Er hat größere, viel dringlichere Sorgen, als da sind: Die allgemeine Lebenoteuerung, die drohende Inflation, das ständige Anziehen aller Preise, die bevorstehende, sehr beträchtliche Erhöhung der Post- und Eifenbahntarife, neue Steuerlasten usw. Und Locarno ist für weiterschauende französische Außen­politiker nun wirklich nicht das Ende oer Welt; es gibt noch Nordafrika, Marokko, Syrien, es gibt ein Mittelmeer, es gibt Kleinasien, die Türkei usw., wo wie man weiß noch eine ganze Reihe zu in Teil tiefgehender Kontroversen mit anderen Mächten, nicht zuletzt mit England und Italien, bei- zulegen sind.

Den aus Genf znrückgekehrten Briand erwarten in der K a in mer die allergrößten innerpolitischen Schwierigkeiten. Hauptsächlich die auf finanziellem Gebiete. Die Stimmung im Palais Bourbon ist außerordentlich flau und ganz verkatert. Dabei hat sich das neue Kabinett Briand der Kammer über­haupt noch nicht vorgesteUt. Mit Ungeduld erwartet man Briands Regierungserklärung, ob­wohl man von vornherein ganz genau weiß, daß sie gar nichts Neues enthalten kann. Denn was soll sie anders besagen, als daß man das Budget ausgleichen muß, daß man das Vertrauen des Landes auui Franken wiederherzustellen habe, um für die fo bedrohlichen Fälligkeitstermine im Mai gerüstet zu fein, und daß man außenpolitisch eine Politik des Friedens" fortfetzen will. Das Kabinett Briand cerfügt in der Kammer über eine Mehr- beit von dreißig bis vierzig Stimmen, vorläufig wenigstens. Was von dieser Mehrheit bei einer neuen Inflation übrig bleiben wird, ist aber doppelt zweifelhaft. Von allen Seiten ertönt der Ruf nach einem Ministerium Caillaux, der Schrei nach der Finanzdiktatur. Daß Briand einen der intimsten Freunde Caillaux', Pierre Laval, schon jetzt zum JustiAminister gemacht hat, gibt immerhin zu den­ken. Und es ist fehr wohl möglich, daß Caillaux fein Kabinett außerordentlich weit nach rechts orientieren wird. Die Kombination Her- riot-PoincarS vor der Umbildung des neun­ten Kabinetts Briand war tatsächlich keine leere Phantasie. Mit einer fo zweifelhaften und unsicheren Majorität wie Briand wird Caillaux gar nicht zu regieren anfangen. Er wird das tun, was schon längst hätte geschehen müssen, nämlich die Kammer nach Hause schicken und Neuwahlen ansschrei- ben. Nur fo läßt sich überhaupt noch die Klarheit schaffen, die von Tag zu Tag eindringlicher wird angesichts der großen Finanzkatastrophe Frank- reichs.

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Parlamentarisches aus Hessen.

Die Deutsche Volkspartei beantragt zur Frage der Anstellungsverhältnisse der Gemeinde­beamten, der Landtag wolle beschließen, die Re­gierung zu ersuchen: Bei Genehmigung der nach Artikel 138III zu erlassenden OrtSsatzungen ist

ins Frühstückszimmer, man könnte sonst aufmerksam werden.Bitte, Graham, eruieren Sie inzwischen diese beiden Punkte!"^

Als Lord Burnham nach einer halben Stunde zurückkam, meldete ihm Graham, daß niemand das Haus verlassen habe und daß auch kein Brief auf- gegeben worden sei. Er und Ryther selbst hätten persönlich dies festgestellt. Die gesamte Dienerschaft sei beauftragt worden, auch die der Gäste soweit dies möglich war, ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen.

Herr Graf Las Valdas liegt noch zu Bette," fetzte der Sekretär hinzu,fein Chauffeur jagte mir, e. würde noch heute vormittag in die Stadt zurück- fahren, um hier nicht mit feiner Krankheit lästig zu fallen."

Dann bin ich mit meiner Weisheit zu Ende", stöhnte der Lord.

Gloria kam mit ihren Pferden zurück. Sie früh­stückte jeden Tag bereits um sieden Uhr und fuhr bann ihr Gespann selbst zwei Stunden lang durch die weit ausgedehnten Alleen des Parkes, um ihm die notwendige morgendliche Bewegung zu geben. Als sie heute an der Rampe vorfuhr, frifd), lächelnd, mit roten Wangen unb wehendem Haar, sah sie Grace am Tore stehen eine bleiche, zitternde, wahnsinnig erregte Grace.

Mit einem Satz sprang sie vom Bock und war bei der Schwester.

Um Gottes willen, was ist?"

Unbekümmert um die Stallpagen, die den Wagen in Empfang nahmen, klammerte sich Grace an Glaria.

Ich muß dich sprechen, Gloria", stammelte sie. Sofort, Gloria! Es ist etwas Schreckliches passiert!"

In der Halle erfdjienen mehrere Käste. Man rüstete sich zu den üblichen Tennis- und Golspar- tten. Parteien bildeten sich, man lachte, schrie, lärmte---

Komm schnell fort! Wir wollen in den Park gehen!" flüsterte Grace und zog Gloria mit sich. Sie liefen vis an den Weiher, der still sich unter ben Jahrhunderte alten Buchen und Eichen breitete. Tiefer Frieden herrschte hier weiße und schwarze Schwäne zogen stolze Kreise auf dem dunklen Was­ser, das am Rande dicht mit weißen und gelben See-

auf die Gemeinden einzuwirken, daß tolbcrruflkb angestellte Gemeindebeamte nach zehnjähnger Dienstzeit und eintoandsreier Führung im Dienste einer Gemeinde unwiderruflich anzustellen sind. Ferner, der Landtag wolle beschließen, die Regierung zu ersuchen: Artikel 138 III der Land­gemeindeordnung wird wie solgt geändert: 3n allen Gemeinden sind die AnstellungS» und Besoldungsverhältnisse der Gemeinbebeamten durch OrtSsahung zu regeln.

Der demokratischen Abgeordnete Reiber be­antragt, die Regierung zu ersuchen, den Ver- sorgungSanwärtern die bei Reichsver­waltungen, den Staatsbehörden der Länder, den Provinzen, Kreis- und Stadtverwaltungen ab­gelegten Vorprüfungen für alle Verwaltungen anzuerkennen, sofern fle nach den vom Reichs­finanzministerium für die Ablegung von Vor­prüfungen erlassenen Vestimmungen (Amtsblatt der ReichSsinanzverwaltung Rr. 34 vom 17. De­zember 1924) vorgenommen sind.

Die Zentrumsabgeordne!en Weck er und Vlank beantragen: Der Landtag wolle beschließen, die Regierung wird ersucht, den Ausbau des dritten Jahrganges der Mädchen fortbilbungS- schule nicht vorzunehmen.

Die Zentrumsfraktion beantragt, der Landtag wolle beschließen Die Verwaltung der Kameral- güter wird von den Forstämtern abgetrennt und den Landtoirtschastsämtern zugeteilt.

*

Die kommunistische Fraktion beantragt: Der Landtag wolle beschließen: Der geplante Ab­bau von Lehrern an der Volksschule darf unter keinen Umständen durchgeführt werden.

Die sozialdemokratische Fraktion beantragt: Der Landtag möge beschließen, die Regierung zu ersuchen, bei der Reichsregierung nachdrück­lichst darauf zu dringen, daß alsbald Ausfüh­rungsbestimmungen zum Reich ssiedlungS- gesetz vorgelegt werden, die die Möglichkeit schassen, daß Arbeitslose, die aus der Landwirt­schaft In die Industrie gekommen sind und nun keine Arbeitsgelegenheit mehr finden, durch Zu­teilung der erforderlichen Vetriebskredite sich eine neue Existenz in der Landwirtschaft auf- baucn können.

Der sozialdemokratische Abgeordnete Schaub beantragt: Der Landtag wolle beschließen, die Regierung möge bei der Reichsregierung vor­stellig werden, daß die Gemeinde Hiebet- Weisel von Ortsklasse D in C eingestuft werde. Rleder-Welsel liegt nur eine halbe Stunde von Vutzbach entfernt, welches In Klasse B ist, und eine Stunde von Dad-Rauheim, welches in A eingestuft ist. Die Lebensverhältnisse sind hier­in Rieder-Weisel genau so teuer wie In beiden Rachbarstädten, ebenso liegen die Wohnungs­verhältnisse. Ganz besonders leiden unter dieser ungerechten Einstufung zur Zeit die Erwerbs­losen, da die Unterstützungssätze nach der Orts­klasse bemessen werden.

Die sozialdemokratische Fraktion beantragt: Der Landtag möge beschließen, die Regierung au ersuchen, bei der Reichsregierung mit allem Rach­druck vorstellig zu werden, daß 1. die ®tn* heitSorganisation der Sozialver­sicherung herbeigesührt und demzufolge der wirtschaftlichen Rat entsprechend eine Ersparnis getätigt wird, 2. die staatliche Betriebs- krankenkasse ausgehoben und die Mittel für dieselbe im Voranschlag gestrichen werden.

Die gleiche Fraktion beantragt ferner: Der Landtag möge beschließen, die Regierung zu er­suchen, bei der Reichsregierung auf die sofortige Beseitigung des Ortsklassenstzstems zu bringen. Sollte diese Maßnahme zur Zeit nicht durchzufiihren fein, so möge die Regierung daraus bringen, daß alle als Industriegemeinden geltenden Städle und Orte sowie alle Orte mit stärkerer Arbeilerbevölkerung In die Ortsklasse A zu versetzen sind. Die Lebenshaltung ist nach­weisbar auf dem flachen Lande und in den Industriegemeinden mindestens ebenso hoch wie

rosen bedeckt mar. Hart am Ufer stand eine alte Steinbank dort sank Grace nieder. Mit beiden Händen bedeckte sie ihr Gesicht und brach in Weinen aus. In jenes trockene, tränenlose Weinen, das nur der größte Schmerz und das größte Entsetzen er­zwingen können.

Lange dauerte es, bis sie sich wenigstens soweit beruhigt hatte, daß sie halbwegs zusammenhängend sprechen konnte.

Gloria," stöhnte sie, während noch immer der Krampf des Schmerzes ihren schlanken Körper rüt­telte und marterte,ich bin eine Verworfene--"

Grace ich beschwöre dich so komm doch zu dir! Was ist geschehen? So sprich doch endlich!"

Gloria, die starke Gloria begann selbst am gan­zen Leibe zu zittern. Die Angst vor dem, was sie hören sollte, griff ihr ans Herz--

Der Vater/ begann Grace,hat heute mor­gen entdeckt, daß ihm ein sehr wichtiges Dokument gestohlen worden ist."

Ein Dokument? Was für ein Dokument?"

Mein Gott, ich weiß selbst nicht recht, was. Ich glaube, ein Vertrag den Vater gestern mit den Herren besprochen hat. Es muß ein sehr wich- tiger Vertrag sein, denn sonst hätte er uns doch nicht aus dem Haufe geschickt, nicht wahr?"

Unbedingt. Es wird wohl der Vertrag über die Oelkonzefsion fein. Es hat doch darüber so viel in den Zeitungen gestanden, und du selbst hast doch gesagt, daß dieser russische Herr schon einmal beim Vater war--"

Ja ja, ganz recht. Dieser Vertrag das heißt der Vertrag selbst nicht, sondern nur eine Abschrift ist aus dem Schranke Papas heute nacht gestohlen worden--"

Sprich nicht weiter!" schrie Gloria. Packte die zusammenbrechende Grace an beiden Schultern und riß sie au sich empor.Sprich nicht weiter, sprich das Entsetzliche nicht aus."

Grace glitt ihr aus den Händen. Brach auf der Bank zusammen. Unb stammelte tonlos, zerbrochen in wildester Verzweiflung:

Ich habe das Dokument gestohlen."

Nein!" Weithin über den stillen See gellte der entsetzliche Schrei Glorias.

(Fortsetzung folgt.)