der Ratssitzung aussprang und auf Chamberlains nervöse Frage, was er denn noch wolle, sehr temperamentvoll mit der Faust auf den Tisch schlug und erklärte, Brasilien dächte nicht daran, sich still- schweiacnd diesen Abmachungen zu fügen, cs liehe sich nicht von Europa an die Wand drücken und beharre auf seinem Beto, wenn ihm nicht der geforderte ständige Ratssitz zugebilligt werde. Alle Beschwichtigungsversuche, alle Drohungen, alle Bemühungen um andere Instruktionen aus Rio de Janeiro änderten nichts: Herr Mello Franco verteidigte mit der Sache seines Landes auch seine höchsteigenen Interessen. Er ist der erste beim Völkerbund ständig akkreditierte Botschafter und beabsichtigte offenbar, seine Stellung in Genf nach allen Seiten hin ausgubauen. Seiner Eitelkeit und seinem persönlichen Ehrgeiz wird man ein gut Teil Schuld daran zuschreiben dürfen, daß die Diplomaten nun die Koffer packen und unverrichteterweise Genf den Rücken kehren müssen, um im Herbst das Spiel von neuem zu beginnen. Soll es dann anders ausfallen als diesmal, wird man auch etwas in die Hintergründe hineinleuchten müssen, die dieser Krisis ihren besonderen Charakter gaben.
Einmal muß es mit der Organisation dieses Völkerbundes schlecht bestellt sein, wenn er sich einen solch schmählichen Affront von einer Macht dritten Ranges wie Brasilien bieten lasten muß, die ihre Bockigkeit nicht einmal mit dem Mandat einer größeren «staatengruppe beschönigen konnte, nachdem die spanisch sprechenden Staaten Südamerikas für die Vertretung ihrer Jnteresten durch das portugiesische Brasilien dankten. Immerhin hätte auch ein Herr Mello Franco es nicht zum Aeußer- sten kommen lassen dürfen, wenn er nicht die, zumindest indirekte Unterstützung einer Großmacht gefühlt yätte. Es steht außer Zweifel, daß Mussolini durch seinen Getreuen Grandi hinter den Kulissen, vielleicht sogar hinter dem Rücken des offiziellen italienischen Delegierten, des sehr ehrbaren «enators Scialoja, alle Minen springen ließ, nm die Versammlung zu sprengen und Deutschlands Aufnahme wenn nicht ganz zu verhindern, so doch aufzufchieben. Wenn dabei gleichzeitig auch der Locarnopakt mit in die Luft geflogen wäre, so wäre ihm auch dies nur eine angenehme Beigabe gewesen, da Italien die geringsten Interessen an Locarno unb den Rheinpakt binden, ja ihm die Lo- carnonbmachungen geradezu im Wege stehen bei dem neuen Koalitionsring, den er soeben durch Abmachungen mit der Kleinen Entente über Jugoslawien, mit Griechenland, mit England, ja auch mit Frankreich zustandezubrlngen jucht, und der ihm das geben soll, was Locarno ihm nicht hat bringen können: Garantie der Brennergrenze und Verhütung des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland.
Merkwürdig wie die Stellung Italiens ist auch die Rolle, die Chamberlain, britischer Außenminister und seit seinen Verdiensten um Locarno Ritter des Hosenbandordens, in Genf und noch mehr in den vorausgegangenen Wochen gespielt hat. Lassen wir fein Eintreten für die spanischen Wünsche beiseite, so sind seine Sekundnntendienste, die er Briand und dessen polnischem Schützling geleistet hat, kaum aus reiner Courtoisie und uneigennütziger Freundschaft zu dem alten Alliierten zu erklären, um so weniger, als er ihretwegen im eigenen Lande, ja in der eigenen Partei den heftigsten Angriffen und Vorwürfen ausgesetzt war. Seine Genfer Politik wird r>erständlicher, sobald man sie in den großen Rahmen britischer Weltpolitik rückt. Es wird uns Deutschen immer wieder unsagbar schwer, zu begreifen, daß der Rhein, Deutschland, ja Europa mir ein Bruchteil der britischen Gesamtinteressen ausmacht, daß in Afrika, Vorderasien und im fernen Osten oftmals Interessen auf dem Spiele stehen, die , für das britische Imperium von ganz anderer Bedeutung sind, wie die Fragen, um die der euro- l päische Kontinent sich gerade rauft. In geringerem Maße trifft das auch für Frankreich zu. Und beide F sind naturgemäß geneigt, durch Kompensationen in den verschiedenen Interestensphären einen Ausgleich zu suchen. Sie müssen ihn suchen, solange beide noch vor einem kriegerischen Austrag des latenten Gegensatzes aus den verschiedensten Gründen zurück- schrccken. So dürfte der sog. Iouvenelvertrag zwischen Frankreich und der Türkei, dessen Vorge- ichichte unser türkischer Korrespondent gestern hier schilderte, in seinen unbequemen Folgen für Eng- - land ein sehr wesentliches Moment für Chamberlains Haltung in Genf fein.
Wenn wir nun zum Schluß kurz Deutschlands Politik in Genf betrachten, so können wir uns nur schwer eines Gefühls der Erleichterung erwehren, daß nur der Zufall dieses brasilianischen Vetos Deutfchland vor einer politischen Niederlage par excellence bewahrt hat. Deutschland war in Genf durch das diplomatische Intrigenspiel der andern in eine Sackgasse hineinkomplimentiert worden, aus dem es kein Entrinnen gab. Nachdem formal dem deutschen Standpunkt dadurch Rechnung getragen war, daß keine weitere Macht neben Deutschland zum Rat zugelassen wurde, sachlich indessen gegen Deutschlands Interessen durch einen Austausch der nichtständigen Ratsmitglieder Polen doch in den Rat kam, wenn auch vorläusig nur als nichtständiges Mitglied, blieb der deutschen Delegation mir ein Entweder-oder: entweder nahm man das mühsam ausgeklügelte Kompromiß aus Briands Händen mit süßsaurer Miene entgegen in dem Bewußtsein, für Deutschland in facto nichts erreicht zu haben als die Verärgerung des spanischen und eine schwere diplomatische Niederlage des schwedischen Freundes, oder man verließ unter Protest den ungastlichen Boden Genfs und lud damit vor aller Welt die Schuld auf sich, durch seinen Eigensinn die Verhandlungen zum Bruch getrieben zu haben. Die Pariser Presse traf bereits alle An- stalien, aus ein Stichwort Briands in einem großzügigen Propagandafeldzug Deutschlands Schuld an dem Mißlingen der Genfer Verhandlungen in die Welt zu posaunen. Man kommt gewiß gescheiter vom Rathaus, als man hinauf geht, aber es muß doch im Hinblick auf die Möglichkeit einer ähnlichen Situation im Herbst gesagt werden, daß es vielleicht zweckmäßiger gewesen wäre, nach der ersten internen Besprechung der Locarnomächte die Ratsmitglieder sich selbst zu überlassen und es den Vertragskontrahenten anheimzugeben, wie sie die Deutschland gemachten Versprechungen bei ihren Kollegen vom Völkerbundsrat zur Anerkennung verhalfen.
Der Vochang in Gens ist gefallen. Was sich vor den Augen der erstaunten Welt auf ständig wechselnder Szene dort abwickelte, war eine Tragikomödie, roic sie kleinlicher und hinterhältiger in den schlimmsten Zeiten der verruchten, angeblich längst ad acta gelegten Scheindiplomatie alten Stils nicht hätte gespielt werden können. Die Akteurs kehren nach Hause zurück. Nicht alle werden daheim freundlich empfangen werden: Chamberlain hatte schon vor Genf schwer um sein Prestige als großer Sohn eines großen Vaters zu ringen. Ob ihm vergönnt sein wird, im Herbst wieder als britischer Außenminister nach Genf zurückzukehren, bleibt abzu
warten. Briand erwartet man in Paris, um endlich seine neue Regierungserklärung zu hören. Da bislang lediglich seine großen cwßenpolitischen Erfolge seine Ministerpräsidentschaft stützten, der er ja keinerlei Ergebnisse auf finanzpolitischem Gebiet zur Seite zu stellen hatte, wird er wohl bald einem Anderen weichen müssen. Die sinanzielle Sanierung muß durchgeführt werden, wenn Frankreich leben will. Das liegt Briand nicht. Auch in Schweden herrscht begreifliche Mißstimmung über den Rückzug des Außenministers UndSn, der allcroings seinen vorgeschobenen Posten mit erstaunlichem Mut und bewunderungswürdiger Zähigkeit bis zur letzten Patrone verteidigte. Ohne Kritik wird es auch in Deutschland kaum abgehen. Ohne nähere Kenntnis des Verhandlungsganges wird man kaum sagen können, ob man Dr. Stresemann mit Recht vorwerfen kann, sich zu weit vorgewagt zu haben. Es wird jedenfalls höchster Aufmerksamkeit bedürfen, um die politische Gesamtlage im Auge zu behalten und zu verhüten, daß sich in den Sommermonaten hinter unserem Rücken wiederum etwas anspinnt, das uns bann in Genf eine unliebsame Ueberaschung bereitet. Zum zweitenmal wirb sich kaum ein Brasilien als Retter aus der Sackgasse finden.
Das Spiel Mussolinis.
London, 17. März. (WTD.) Der „Daily Telegraph" schreibt in einem Leitartikel, die Verschiebung der Ausnahme Deutschlands in den Bund sei der erbärmliche Schluß eines bedauerlichen Kapitels der Völkerbundsgeschichte. Man könne bedauern, daß die deutschen Vertreter sich nicht in der Lage sahen, einer Milderung ihrer starren, aber korrekten Haltung zuzustimmen. Aber nicht aus sie werde der Tadel für das Scheitern gerechterweise fallen können. Wenn solche Dinge wegen des Statuts des VöllerbundSrates geschähen, was werde dann geschehen, wenn eine außerordentliche n a t i o n ale Krise zwischen zwei wichtigen Mächten entstehe? Es sei jetzt llarer als je, daß die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und in den Dölkerbundsrat ganz getrennt von jeder anderen Erwägung hätte stattfinden müssen. Die „Times" kitifiert die Haltung Polens und bemerkt dann ironisch, ein Staat in der Lage Vrasiliens könne kaum eine so widerspenstige Haltung in kritischen Angelegenheiten, die Europa stark berühren, annehmen, ohne irgendeine Zusicherung kräftiger Unter« stühuug don außen. Auch der „Daily Expreß" glaubt Anzeichen dafür zu sehen, daß die verborgene Hand, die die augenblickliche Lage herbeigeführt habe, Italien gehöre.
Briands Aussichten in der Kammer.
TU. Paris, 18. März. Das neue Kabinett Briand wird Donnerstag nachmittag vor das Parlament treten. Die Aegierungs- crtlärung enthalt Angaben über das Finanz- Problem, über die Genfer Tagung sowie Anspielungen auf die Wahlreform Die Interpellationen über die Zusammensetzung des Kabinetts werden Anlaß zu einer Debatte bilden, bei deren Ausgang Briand voraussichtlich die Vertrauensfrage stellen wird. Trotz des unzweifelhaft ungünstigen Eindrucks, den der Fehlschlag der Genfer Tagung in parlamentarischen Kreisen hinterlassen hat, rechnet man mit einer Mehrheit für bas Kabnitett. Radikal- sozialisten und Linksradikale werden für das Kabinett stimmen, die Kommunisten und eventuell auch die Sozialisten dagegen. Möglich ist auch, baß die Sozialisten sich der Stimme enthalten werden. Die Linksrepublikaner haben beschlossen, ihre Stellungnahme von der Regierungserklärung abhängig zu machen. Eine stabile Regierungsmehrheit ist unter diesen Umständen nicht wohl 'denkbar. Ein Vertrauensvotum würde lediglich durch umfangreiche Stimmenthaltungen zustande kommen. Finanzminister P e r c t teilt wie man hört, die Verabschiedung derjenigen Teile der letzten Finanzvorlage beantragen, die bereits in der Kammer angenommen wurden.
Der Matteotti-Prozeh.
Ehieti, 17. März. (W. D.) Bei dem heute beginnenden Verhör der Zeugen erklärte ein Kommissar der Sicherheitspolizei, daß die Polizei das Haus Matteottis sorgfältig beaufsichtigt hätte, daß aber die Polizisten die Entführung nicht hätten beobachten förnien, weil sie in der Uferstraße erfolgte. Ein anderer Zeuge sagte aus, er hätte gesehen, wie die Entführer einen Menschen mit Gewalt in den Kraftwagen schoben. Ein 12jähriger Knabe sagte, er hätte gesehen, wie vier Menschen einem fünften einen Stoß gegen den Bauch versetzten und ihn in einen Kraftwagen schoben, in dem sie ihn festhielten. DaS Personal des Gasthauses, wo die Angeklagten gewohnt haben, behauptete einmütig, daß an dem betreffenden Rachmittag diele nicht in ihren Zimmern waren.
Das bisherige Ergebnis des Volksbegehrens.
Berlin, 18. März. (TU.) Die Frist für die Einzeichnung in die Listen für das Volksbegehren für Fürstenenteignung lief am Mittwochabend 8 Uhr ab. Da die Kreiswahlleiter diesmal die Ergebnisse auf brieflichem Wege dem Reichsteahlleiter nach Berlin übersenden, ist eine genaue Feststellung des Gesamtergebnisses erst in einigen Tagen möglich. Rach den bisher vorliegenden Einzelergebnissen waren bis Mitternacht rund 4,5 Millionen Eintragungen in 35 Städten gezählt. An Einzelergebnissen sind erwähnenswert: Berlin 1 583 000, Frankfurt a. M. 140 990, Darmstadt 15 000, Hannover-Stadt 149 210, Königsberg 50 410, Frankfurt a. O. 18 478, Breslau-Stadt 155 652, Görlitz 30115, Magdeburg-Stadt 91 597, Halle 50 125, Merseburg 6770, Weißenfels 9306, Gera 20 000, Erfurt 37 661, Buer (Westfalen) 17 985, Dortmund 95 986, Bochum 27 750, Herne 13 039, Gelsenkirchen 40 839, Hagen 22 466, Essen (Ruhr) 111017, Duisburg 42 368, Oberhausen 16 290, München 99 600, Leipzig 239 747, Chemnitz 117 561, Karlsruhe 29 200, Hamburg Stadt und Land 396 000, Schwerin 6107.
Kleine politische Nachrichten.
Ein Wormser Blatt berichtet, daß an Stelle des demnächst von seinem Amte zu rückt retenden hessischen Gesandten in Berlin von
Diegeleben der Zentrumsabgeordnete Ruß ausersehen sei, da der Abg. Sturmfels, der früher dafür auserfehen gewesen sei, wegen gewisser Vorgänge nicht mehr in Frage kommen könne. Als weitere Kandidaten werden genannt der Ministerialrat Kirn berge r, der demokr. Reichstagsabg. Kvrell und der Ministerialrat Dornemann.
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Im Reichstag wurde die zweite Beratung des Haushalts des Reichsinnenministeriums fortgesetzt. In der Aussprache über Kunst und Wissenschaft wurde auf die schwere Rotlage der deutschen Kunst und der geistigen Arbeiter hingewiesen und die Summe, die im Etat zur Förderung der Kunst ausgesetzt ist, als beschämend bezeichnet. Bei Besprechung der Etatskapitel zum Schulwesen und zur Förderung der Leibesübungen wurde von nahezu allen Rednern die Rotwendig- keit der baldigen Vorlegung eines Reichs- schulgesehes unterstrichen und eine noch stärkere Förderung der Körperkul-- t u r verlangt. Die Abstimmungen wurden auf Donnerstag vertagt.
Im Preußischen Landtag wurde die zweite Beratung eines Gesetzentwurfs einer G e - bäudeentschuldungssteuer fortgesetzt. Der Ausschuß hat eine Reihe von Maßnahmen für die Steuerbefreiung der Minderbemittelten vorgesehen und das Gesetz bis zum 31. Mürz 1923 befristet. Die Steuer beträgt 40 Prozent der Friedensmieke. Unter Ablehnung von Aenderungsanträgen fand der Entwurf gegen die Deutschnationalen, die Deutsche Volkspartei und die Kommunisten Annahme.
Berliner Blätter wollen wissen, daß Reichs- Minister a. D. Schiele erklärt haben soll, die Wahl zum beut sch nationalen Partei- Vorsitzenden nicht anzunehmen, und daß jetzt als Rachfolger für den Parteivorsihenden Winkler in erster Linie der Vorsitzende der Reichstagsfraktion, Gras Westarp, in Frage komme.
Präsident C o o 1 i b g c empfing am Mittwoch die deutschen Schwimmer Rademacher und Fröhlich.
Nachdem der Arbeitsminister dem tschechischen Ministerpräsidenten S v e h l a sein Portefeuille zur Verfügung gestellt hatte, beschloß heute abend ein Ministerrat unter Svehlas Vorsitz, dem Präsidenten der Republik die Demission des Gesamt- k a b i n e t t s anzubieten. Man nimmt an, daß ein Beamtenkabinett unter Führung Dr. Czernys gebildet werden wird.
In Moskau ist der im Weltkrieg durch zahlreiche Feldzüge, namentlich durch die nach ihm benannte Offensive gegen etqr und Stripa Juni 1916 bekannt gewordene russische General Brussilow an einer Lungenentzündung gestorben.
Aus aller Welt.
Schwerer Stroßenbahnunfoll in Berlin.
In her Rähe der Verwaltungsgebäude in Siemens stabt ereignete sich ein schwerer Straßenbahnunfall. Der Schaffner eines Beiwagens, der einen Triebwagen ankuppeln wollte, wurde zwischen beide Wagen <inge» quetsch! und erlitt so schwere Verletzungen, daß er bald nach seiner (Anlieferung in das Krankenhaus Westend v e r st a r b.
Flucht aus der Fremdenlegion.
'Nach vierjährigem Aufenthalt in der Fremdenlegion ist der 24jährige Paul Abele aus Unterhausen im Schwarzwald in die Heimat zurückgekehrt. Abele hat zuletzt in Marokko gekämpft und von dort mit 79 anderen Leidensgenossen einen Fluchtversuch unternommen, der aber nur 30 Leuten glückte. Die anderen wurden wieder festgenommen und, wie Abele nachträglich erfahren hat, zu längerer Zwangsarbeit Dcrurtcilt. Zehn Mann wurden erschossen.
Hessischer Landtag.
Darmstadt, 17. März. Präsident Adelung eröffnet die Sitzung um 9*/» Uhr. Eine Kleine Anfrage des Kommunisten Galm über die Ersparnis beim Abbau von Lehrer st eilen wird von Ministerialdirektor U r st a d t dahin beantwortet, daß an persönlichen Ausgaben für eine Stelle 2200 Mark erspart werden, also bei 100 Lehrerstellen 230 000 Mark. Es handle sich hierbei um Schulverwalter und Schulverwalterinnen. Die durch die Aufhebung der Lehrerstellen notwendigen Versetzungen und Mifwandsentscha- bigungen würden etwa 30 000 Mark Lus je 100 Lehrer Kosten verursachen. An sachlichen Kosten wurden die Gemeinden etwa 100 Mark an Reinigungsgebühren usw. für eine Klasse sparen.
Die Beratung des Voranschlags wird bei Kapitel 4 (Weingüter) wieder ausgenommen. Abg. Hofsmann hat vier Anträge hierzu eingebracht, die ®rfparungen bezwecken. Ferner will ein weiterer Antrag desselben Abgeordneten, daß die Ablieferung an die Hauptstaatskasse auf 50 000 Mark statt 30 000 Mark erhöht wird.
Abg. Dr. M ö b u s (Dbd.) weist auf die Folgen deS Aiikaufs des Finkschen Weingutes hin. jetzt müsse noch ein Hofgut angekauft werden, so folgten immer noch weitere Ausgaben.
Abg. Blank (Ztr.) begründet die Anträge Hoffmann, die Anträge des Zentrums wären. Der Redner bemängelt den geplanten Ankauf deS Hosgutes Schmidt, das nur ein Verwaltungsgebäude sei und keine Keltereieinrichtung habe. (Zurufe: J2lud> das noch!) In Rierstein wären in den nächsten Jahren sicher geeignetere Objekte zu^ finden. Gegen die Abgabe von Wein zu ermäßigten Preisen an die Regierung sei nichts einzuwenden, das machten alle Domänen so: eS handle sich da doch auch um Reklamezwecke. Cs sei anzuerkennen, daß die Domäne dem Hess Weinbau den Markt erobert habe, aber mit den in den Anträgen festgesetzten Geldern könne die Domäne auskommen.
Abg. Schott (Dtsch. Vp.) berechnet die Kosten eines Morgens für den Weinbau für verschiedene Lagen und stellt sie den Angaben der Regierung gegenüber. Es wäre interessant, einmal eine Aufstellung über die Ausgaben des Finkschen Weingutes in diesem Jahre oder in Zukunft zu ermatten. Von einem Rückgang der Ausgaben könne sicher nicht in der staatlichen Bewirtschaftung die Rede fein. Es sei geradezu bezeichnend, daß die Staatsbetriebe so wenig abwcrfen: die freie Wirtschaft, die Privatbetriebe wirtschafteten vorteilhafter. Wenn man aus dem Finkschen Weingut ein Mustergut machen wolle, so müsse man noch ein Million hineinstecken. In Rheinhessen gehe das Gerücht
um, daß die Regierung wieder ein Objekt für den Weinbau im Betrage von etwa 100 000 Mk. angekauft habe. Der Redner richtet an die Regierung die Anfrage, was Wahres an diesem Gerüchte sei. Die Handelsvertragsverhandlungen hätten es nicht erreicht, daß der deutsche Wein geschützt würde. Im letzten Jahre wäre beinahe ebensoviel Wein eingeführt worden, wie in Deutschland erzeugt werde. Der Redner bekämpft die Bestrebungen zur Trockenlegung Deutschlands, insbesondere das Gemeindebestimmungsrecht. für das sehr viele Sozialdemokraten gestimmt hätten. Weiter wird die Abschaffung der Wein st euer verlangt. Wenn nicht die hier gestellten Forderungen auf bessere Handelsverträge, Aufhebung der Weinsteuer usw. durchgeführt würden, so werde die. schwierige Lage des Weinbaues nicht gebessert.
Abg. Dr. Werner (Dtschntl.) macht darauf aufmerksam, daß ein Mitglied der Sozialdemokratischen Partei (gemeint ist Dr. Strecker) Herumreise um Stimmung für das Gemeindebestimmungsrecht zu machen. Das Zentrum habe den Antrag für das Gemeinde^estünmungsrechk unterschrieben. Der demokratische Abgeordnete Reiber habe sogar die Bestrafung der Trunkenheit mit Gefängnis verlangt. Die Gegner sollten die deutschnationale Partei nicht anschwärzen, diese wolle keineswegs eine Trockenlegung.
Staatsrat Balser erklärt, daß von einer Ankaufspolitit der Regierung nicht die Rede fein könne. Die Kosten deS Finkschen Weingutes seien im ersten Jahre der Uebernahmc wohl etwas größer als später. Der Redner verteidigt dann den Ankauf deS Schmidtschsn HofguteS, das entgegengesetzt der Behauptung des Qlbg. Blank, zwei Keller habe. Ebenso verteidigt er oie Ren tabilitätSberechnungen der Domäne. Eine zu große Beschränkung der Betriebsmittel würde sich in einer Verminderung der Rentabilität auS- wirken..
Stellv. Präsident Ruß teilt mit, daß die Beratung dieses Kapitels geschlossen sei; die Abstimmung werde morgen stattfinden.
Rach einer Pause wird eine Anfrage des Abg. Widmann über dieSenkung des Zinssatzes der öffentlichen Sparkassen von der Regierung dahin beantwortet, daß die öffentlichen Sparkassen Hessens in ihrer Zinspolitik vielfach durch örtliche Konkurrenzunternehmen behindert würden. Es wurden dann die Zinssätze mitgeteilt, die in der vergangenen Woche von den Hess, öffentlichen Sparkassen vereinbart worden sind.
Die Beratungen des Staatsvoranschlags werden dann bei
Kapitel 5 (Braunkohlenwerke Ludwigshofsnuag in Wölfersheim und Weckesheim und Kraftwerk
Wölfersheim) fortgesetzt. Abg. Lux erstattet Bericht über das Kapitel und fügt hinzu, daß sich die Verhältnisse seit Aufstellung des Voranschlags sehr verschlechtert haben.
Ministerialrat W i n d i s ch macht hierüber dem Hause ausführliche Mitteilungen. Im Anfang des Jahres 1925 waren die Verhältnisse in Wölfersheim nicht ungünstig gewesen, aber seit etwa dem Oktober hätten sie sich außerordentlich verschlechtert. Diese Verschlechterung hätte ihre Ursache in der allgemeinen Wirtschaftsnot, vor altem aber in dem Umstand, daß der *23er- forgungsbezirk Gießen zu dem preußischen Kraftwerk Oberweser A. - G. übergegangen fei. Das Prvvinzialwasser- kraftteerk L i ß b e r g hätte in den letzten Monaten dem Wölfersheimer Werk empfindlich Konkurrenz gemacht. Die Tagesleistung des Wölfersheimer Werkes, rund 60 000 Kilowattstunden, wäre auf etwa die Häffte zurückgegangen. Auch die Steinkohle wäre für das Braunkohlen - werk ein schlimmer Konkurrent gewesen, so das; es außerordentlich schwer gewesen sei, auf dein Markt Rohbraunkohlen abzusehen. Ferner hätten auch Lohnerhöhungen die Rentabilität der Werke ungünstiger gestaltet. Es sei die Hoffnung nicht unberechtigt, daß sich die Verhältnisse in Zu kunft besser gestalten würden, wenn erst einmal die Hochspannungsleitung von Höchst a. M. nach Wölfersheim, die von den Mainkraftwerken erbaut wird, hergestellt fein würde. Im Anschluß hieran machte der Redner nähere Mitteilung über den Vertrag der Hessischen Regierung mit dem Lahmeyer-Konzern und über günstige Versuche mit der Verschwelung der Kohle von Wölfersheim.
Abg. Dr. Riepoth (D. Vp.) übt Kritik an dem Vertrag der Hess. Regierung mit dem rheinisch-westfälischen Elektrizitätswerk. Hessen werde im Aufsichtsrat wohl nicht viel ausrichten. Für das Kraftwerk Wölfersheim werde der Anschluß an den großen Konzern nur von Vorteil sein, wenn eine richtige S tromp reis- Politik getrieben werde. Die Provinz Oberhessen fei nicht in der Lage, nach Ablaus des Vertrages an Wolfersheim höhere Strompreise zu bezahlen als an die Kvnkurrenzunternehmungen des Wölfersheimer Werkes: dieses Werk dürfe nicht teurer sein als die anderen Werke. Heber die Frage der Verschmelzung möge die Regierung dem Landtag eine Denkschrift vorlegen. Der Staat dürfe ben Konsumverein des Wölfersheimer Werkes nicht unterstützen, damit nicht die Geschäftsleute, die doch Steuern zahlen sollen, geschädigt werden.
Abg. Dr. Leuchtgens begründet feine Ersparungsanträge und forrdert in Uebereinstim- mung mit diesen eine größere Abführung aus den Werken an bic Staatskasse. Man brauche nicht so hohe Abschreibungen zu machen, dann komme man zu einer besseren Rentabilitätsberechnung. Bei der Umstellung auf Goldmari im vergangenen Jahre fei der Wert der Wölfersheimer Werke überdies sehr niedrig angesetzt worden. Es müsse vor allem verlangt werden, daß von der Regierung die Verhält- nisse zwischen Staat undProvinz geregelt werden, sonst würde immer durch das Lihberger Wasserkraftwerk das Wölfersheimer Werk ungünstigt beeinflußt.
Um 1.15 Uhr werden die Verhandlungen abgebrochen,- nächste Sitzung Donnerstag 9 Uhr.
Wettervoraussage.
Heiter bis wolkig, nördliche bis östliche Winde, Temperaturen wenig geändert, trocken.
Der hohe Druck über Europa ist nach Rorden abgedrängt worden. Sein Zentrum liegt zur Zeit über dem Rordmeer. Westlich Dort Großbritannien tauchen neue Wirbel auf, die bereits nach der Biscaha hineinreichen. Störungen von Bedeutung sind aber vorläufig nicht zu erwarten.
Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 5,2 Grad, Minimum 1,3 Grad. Heutige Morgentemperatur 2,7 Grad Celsius.
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