Nr. 65 Erster Blatt
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berichtet ferner: Bei der Arbeiter- bei den Liberalen werde zwar Shm- Chanrberlain ausgesprochen. Es er
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Landgestütsbe- Delehrung über lnlch der Au>- läschullehrerinm ig Wiendorf a. d. »rinde Saasen. -
Ein Pakt gegen den Anschluh.
London. 17. März. (IDIB. Junffprudj.) Der Genfer Sonderberichterstatter der „Times" erfährt, daß Frankreich, Italien und Jugoslawien die Grundlage eines Paktes über die Aragen Mitteleuropas geschaffen haben. Die in Gens versammelten Delegierten der drei Staaten legten schriftlich die Nebereinstimmung ihrer Ansichten in der Frage der Beseitigung der Möglichkeit einer politischen Union zwischen Oe st erreich und Deutschland nieder. Die Einzelheiten des Vertrages sollen später anderswo ausgearbcilet werden.
zen geschichtlichen Acberblick der Stellung, die Deutschland gegenüber dem Völkerbünde in den letzten Jahren einnahm. Die Stellung einer Schuldfrage lehnte Dr. Stresemann in diesem Zusammenhänge ab und meinte, daß es sür das Leben der Völker wichtiger sei, nach Mitteln des Ausgleichs als nach Schuldigen zu suchen. Die Idee des Völkerbuir des nicht dessen hinreichend starte Organisation — habe im Herzen der Menschheit einen schwc - r e n S t o tz erlitten. Das gelte besonders für Deutschland, wo gerade die Airssicht auf das Genfer Ergebnis die Abneigung gegenüber dem Völkerbunde und schwer überwundene Bedenken gegenüber der Locarnopolitil ausgeräumt hätten. Das Zurüektreten des Gedankens der wenigstens teilweisen älniversalität hinter verhältnismäßig kleinen Einzelinteressen werde man in Deutsch
März. ('511.) Das (St.
ersch eint täglich, außer Sonntags und Feiertags.
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Gießener Familienblätter Heimat im Bild
Die Scholle.
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scheine aber sicher, daß beide Flügel der Opposition bei Gelegenheit der Debatte in der nächsten Woche der Regierung kritisch entgegen t r e t e n werden. Die Opposition habe die Erklärungen Chamberlains vor seiner Abreise nach Genf nicht vergessen. Die Opposition könne allein einen M i ft t r a u e n s a n t r a g nicht durchbringen. Es sei eine Abstimmung wahrscheinlich.
Amerika zu dem Genfer Fiasko.
land kaum verstehen. Die erschwerte Stellung der Regierung gegenüber der deutschen Oeffent- lichkeit dürfe sie freilich nicht hindern, in
fuhr man nur, soweit sich seine Tätigkeit auf die Aeuorienticrung bezog, bei Besprechungen mit Denesch, Rintschitsch, Rufos und Skrzynski. So erklären sich auch die Schlußkommentare
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummcr bis zum Rachmittag vorher.
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Chefredakteur:
Dr. Friedr. Will). Lange. Verantwortlich sür Politik Dr. Fr. Will). Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; sür den An- zeigenteil Hans Pustel, sämtlich in Gießen.
Deutschlands Politik in Genf.
Ein Rückblick des Reichskanzlers auf die Haltung der deutschen Delegation
angegebenen Richtung weitcrzuarbeiten.
Die Abreise der deutschen Delegation. Genf, 17. März. (WTD.) Die deutsche Delegation hat heute abend 8 Uhr im Sonderzug die Abreise nach Deutschland angetreten. Vor ihrer Abreise empfing sie noch die Besuche verschiedener Delegationen der Völkerbundsversammlung. darunter den Besuch des österreichischen Bundcstanzlers Dr. R a m e k, des italienischen Ratsmitglieds S c i a l o i a und des polnischen Ministerpräsidenten Grafen Skrzynski. Zur Abreise hatte sich eine größere Menschenmenge. darunter zahlreiche Vertreter der deutschen Kolonie in Genf auf dem Bahnhof ein- gefunden. Der Reichskanzler und der Reichs- auhenminister, sowie die Staatssekretäre nahmen in einem Salonwagen Platz, der sich gleich hinter der Lokomotive befand. In dem anderen Wagen sahen die übrigen Mitglieder der Delegation und viele deutsche Journalisten, die gleichzeitig die Reise nach Berlin antraten.
Regierung und Parteien.
NachRückkehr der deutschen Delegation.
Berlin, 17. März. (2BB.) Die deulschnationale Pressestelle teilt mit: Die Genfer Vorgänge haben in den gestrigen Sitzungen des Parteivorstandes, der Landesverbandsvorsitzenden und der Deutschnationalen Volkspartei zu einer Aussprache geführt, in der die einmütige Auffassung zum Ausdruck kam, dah die Behandlung des deutschen Antrages aus Eintritt in den Völkerbund und die Haltung der deutschen Delegierten in Gens zu einem völligen Mißerfolg der Auhenpolitik des Kabinetts Luther-Stresemann geführt hat. Die Reichstagsfraktion der Deutschnationalen Volkspartei wird sofort die erforderlichen parlamentarischen Mohnahmen ergreifen.
Rach einer Mitteilung einer demokratischen Zeikungskorrcsponden; beurteilen die Regierungsparteien dos Ergebnis der Genfer Tagung wesentlich anders als die Deutschnationalen. Durch die gemeinsame Erklärung der Locarno- mächte sei die Sicherheit für die Fortführung der einmal eingeleitcten europäischen Friedenspolitik gegeben. 3in einzelnen würde noch festzustellen sein, ob und in welchem Umsange die Auswirkungen der Locarnoverträge weitcrlaufcn. Die Regierungsparteien glaubten mit guten Gründen eine g e - schlossene Front zur Verteidigung dec bisherigen auhenpotitischen Linie einnehmen zu können. 3n dieser Beziehung würden sie, wie es in der Mitteilung der Korrespondenz heißt, auch mit der Unter st ühung der Sozialdemokraten rechnen können, vor der außenpolitischen Debatte im Reichslagsplenum müßten vertrauliche Besprechungen der Parteiführer mit dem Kanzler und dem Außenminister stattfinden, in denen die Fraktionen über die Einzelheiten der Genfer Verhandlungen unterrichtet werden sollen.
3m Gegensatz zu der Auffassung der demokratischen Korrespondenz steht eine Mitteilung der „Deutschen Allgemeinen Zeilun g", wonach bei den Regierungsparteien die S ti tn mung nicht einheitlich sei. Auf dem rechten Flügel des Zentrums, bei der Deutschen Volkspartei und bei der Bayerischen Volkspartei herrsche v c r st i m - m u n g über die Genfer Vorgänge. Das Blatt kündigt ebenfalls Besprechungen der Parteiführer mit der Delegation an.
Vic in parlamentarischen Kreisen verlautet, wird die große außenpolitische Debatte über Gens in Verbindung mit der zweiten Lesung des Haushaltes des Reichsministeriums des Aeuhern am nächsten Montag beginnen. Der Acltestenrat und der Auswärtige Ausschuß des Reichstags sind bisher noch nicht einberusen worden, da man erst die Rückkehr des Reichskanzlers und des Reichs- außenminiflers aus Genf abwarten will.
Kritik an Chamberlain.
London. 18. März. (WTD. Funkspruch.) M a c d o n a l d bezeichnet tn einer Unterredung die Verschiebung der Genfer Verhandlungen als einen Fehlschlag erster Gröhe. Es sei noch zu früh, um zu sagen, welches die Rückwirkungen z. B. in Deutschland sein werden. Das Ansehen Englands sei In Genf sehr vermindert worden, Pflicht des Unterhauses sei es, das Ansehen wieder zu heben.
G e n^f, 17. März. (WTB.) In einer Unterredung des Reichskanzlers Dr. Luther mit dem Chefredakteur der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" erklärte der Kanzler: Ich bedauere auf das tiefste, daß diese Entwickelung eingetreten ist. Vor den Augen der ganzen Welt ist der Arbeit der leitenden Staatsmänner der abschließende Erfolg versagt geblieben, und zwar in einer Weise, die ich spreche es offen aus - sowohl für den Völkerbund, wie für alle Beteiligten im einzelnen etwas recht Unerfreuliches an sich hat. 3d) kann nun mit Befriedigung darauf Hinweisen, daß die deutsche Regierung wegen dieses negativen Verlaufes nicht einmal der leiseste Vorwurf treffen kann. In den Kundgebungen des gestrigen und heutigen Tages ist das von der Gesamtheit der Welt, soweit sie in Genf vertreten ist, auch anerkannt worden. Von der großen Mehrheit der Vertreter neutraler Mächte in der Bundesversammlung ist gerade diejenige These unterstrichen worden, die Deutschland in den diplomatischen Verhandlungen und im Kampfe der öffentlichen Meinung immer wieder vertreten hat,
daß nämlick die Entscheidung über die Ausgestaltung oer Völkerbundsorgane zu dessen eigener Zuständigkeit gehört und nicht Gegenstand der Abmachungen einzelner Mächte sein könnte.
Auf die Frage, weshalb sich die deutsche Delegation Überhaupt an diesen Lo- carnobesprechungen beteiligt hat, erklärte der Reichskanzlern Ihr war dadurch eine Zwangslage entstanden, daß die ganze Stellungnahme der deutschen Parlamente und der deutschen Oeffentlichkeit sich nur auf d i e Möglich" feit eines Eintritts Deutschlands in den Rat, ohne vorherige Erweiterung oder grundsätzliche Veränderung aufgebaut hatte. Hieraus ergab sich mit logischer Notwendigkeit die Beteiligung Deutschlands an den Besprechungen der Rheinpakt- rn ä ch t e über die Ratsfrage. Sei b st verständlich haben wir aber in diesen Besprechungen immer wieder betont, daß wir eine Bindung Deutschlands hinsichtlich seiner künftigen Dölkerbundspolitik vor seinem Eintritt in den Bund aus allgemein politischen Gründen sowohl, wie aus unserer grundsätzlichen Auffassung vom Völkerbund ablehnen müßten.
3d) glaube auch, daß es uns trotz vieler Anfeindungen gelungen ist, unseren Standpunkt aufrechtzuerhalten. Der Vorwurf, Deutschland habe bereits vor seinem Eintritt dem välker- bundsrat seinen Willen aufzunötigen versucht, ist, wie meiner Meinung nach die Entwicklung gezeigt hat, vollkommen unberechtigt.
Deutschland hat vielmehr durch die Ablehnung der ihm angcfomicnen Bindungen eine Zurückhaltung geübt, die ihm heute im Urteil der Welt zugute kommt.
Auf die Frage, welche Gründe dafür maßgebend waren, daß die deutsche Delegation dem letzten Kompromiß Vorschläge zu gestimmt habe, erwiderte der Kanzler: Ich möchte das Wort Kompromiß hier unbedingt vermieden sehen. Vergegenwärtigen Sie sich die Entwicklung der Dinge: Deutschland lehnt die ihm zugemuteten Bindungen einer gewissen Qlenberung des Rates ab. Dann machte eine uns vef.eundrte Macht seinen ganz neuen Vorschlag, und
Schweden erklärte sich zur Rettung des Völkerbundes und in letzter Konsequenz seines grunb- . süßlichen Standpunktes dazu bereit, das Opfer des eigenen Sitzes zu bringen. Selbstverständlich , konnte ein Ersah Schwedens durch Polen nicht ■ in Frage kommen. Auch diejenigen, die auf Polens Eintritt in den Rat drängten, hatten , eine solche Lösung wohl nie annehmcn können.
Als bann jeboch ein Mitglied einer Polen nahestehenden Mächtegruppe seinen freiwilligen Rücktritt anbot — ohne Mitwirkung Deutschlands und ohne daß wir diesen Schritt mit irgendwelchen Mitteln hätten verhindern können — stand eine Regelung in dem Sinne in Aussicht, daß für Schweden eine neutrale Macht derselben Gruppe vorgesehen war, während ein evtl. Eintritt Polens durch die srei- willige Rieberlegung des tschechischen Ratssihes kompensiert werden sollte.
Die neugeschafsene Lage schloß keinerlei deutsche Bedingungen ein und verhalf ter deutschen These von der alleinigen Zuständigkeit des Völkerbundes zum Siege, indem sie eine Organisatiansänderung der Endentscheidung der Völkerbund sversarnrnlung zuschob. Bei dieser Lösung trat keinerlei Änderung ces bestehenden politischen Krästeverhältniises innerhalb des Rates ein. Also vom deutschen Standpunkt eine völlige Wahrung der vor und in Gens Vertretenen grundsätzlichen Ausfassung.
Ich glaube durch meine Ausführungen dar- flelcgt zu haben, daß Deutschland auf den Genfer Verhandlungen in den Augen der Weltöffentlichkeit vollkommen unbelastet hervorgeht und daß die deutsch: Politik in Genf nicht an Terrain verloren hat.
Erklärungen Stresemanns.
Gens, 17. März. (WB.) Vor den Vertretern der ausländischen Presse gab Reichs- oußenminister Dr. Stresemann unter nochmaliger Darlegung des deutschen Standpunktes einen kur-
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>m wir Oberheffen „hessischen Lan- nu5 den Berichten andtags, wo oller, ^shall des Lander' heu Debatten An- verschiedener Seift en bemängelt, die ers für den Staat oditen werden, ab i WM Steuer- mdestheatere regel: ns Theater - nun winz l'ch auch W* r sehen laßt, Und jrger aus der Pro« hört er mit Gr« pieien auswärtiger •Hein bet f [ . nicht einmal gut L» Ganz ab- Srn «■>*'!
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General-Anzeiger für Oberhessen
Druck unb Verlag: Vrühl'sche Univerfitäts-Vuch und 5tem-ruckerei N. Longe in Sietzen. Schriftleitung un- Geschäftsstelle: schulstratze 7.
Der Vorhang füllt.
Als nm die Iabreswcnbe Deutschlanb seine Ausnahme in ben Völkerbunb anmelbcte und bev Rat für Anfang März eine außerorbentttche Völker bunbsversammlung einberief, um über den deutschen Antrag zu befinben, da hielt man dies für die formale Erledigung einer Frage, deren politifd)c öeite ja schon in Locarno und London bis in alle Einzel beiten festgelegt sei. Man glaubte, es werde fid) nun an den in der ersten Frühlingspracht stehenden Ge staden des Genfer Sees einer der zeremoniösen Fest atte absvielen, mit denen gewöhnlich langwierige diplomatische Verhandlungen gleid)sam als äußerem Aplomb zu endigen pflegen. Man redjnctc kaum noch mit Ueberroschungen. Deutsd;land hatte ja in den strittigen Punkten die Auffassung der Locarno möchte in feierlicher Form schriftlich niedergelegt erhalten. Die Auslegung des Art. 16 der Völker bundsakte, der das Durchmarschrecht im Kriegsfälle regelt, war in einer, wenigstens nad) Ansicht der Locarnodelegierten, eindeutigen Form fixiert worden. Auch hatten fid) die Vertragskontrahenten verpflichtet, daß Deutschland sofort bei seinem Eintritt in den Völkerbund feiner Großmachtstellung ent- spred)end ein ständiger Sitz im Völkerbundsrat zugebilligt werde. Die Zustimmung der in Locarno nicht vertretenen Ratsmächte hatte Deutschland ja früher schon gelegentlid) einer Umfrage über die Voraussetzungen seines Eintritts erhalten. So schien dem Ausnahmeakt nichts Sachliches mehr im Wege zu stehen, als fid) in den ersten Februartagen der Schleier lüftete über ein weitverzweigtes Intrigen netz, das offenbar in Paris geknüpft war zu dem alleinigen Hweck, den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund und vor allem feine Wahl zum ständigen Ratsmitglied dodurd) zu paralijfiercn, daß man durch Erweiterung des Rats um einige Freunde Frankreichs das gefährdete „Gleid;gewid)t", richtiger gesagt, das Uebergewicht Frankreichs wiederher stellte. Wir haben uns bemüht, aus dem politischen Wirrwarr der letzten Wochen durd; genaue Registrierung der einzelnen Phasen unseren Lesern ein anschauliches Bild dieser Intrigen zu geben, die sich unaufhaltsam zu einer regelrechten Krisis des Völkerbundes selbst und des Locarnopaktes auswachsen sollten. Die Tagung von Genf wurde fein kurzes festliches Beisammensein, sondern ein erbittertes diplomatisches Ringen, als dessen Ergebnis nun in der Versammlung, die für Deutschlands Aufnahme bestimmt war, die Delegierten einen Scherbenhaufen beweinen.
Es erübrigt fid), noch einmal all den verschlungenen Pfaden nachzugehen, auf denen die Genfer Völkerbundsdiplomatie in den letzten acht Tagen herumspaziert ist. Rur das sei kurz herausgestellt, was zur Klärung der Ursachen dieses Mißlingens und zur Erkenntnis der Folgertingen dienen kann. Die äußere Ursache für die Vertagung des Beschlusses über den deutschen Aufnahmeantrag gab Brasilien mit seinem Veto gegen die Zubilligung eines ständigen Ratssitzes an Deutschland, nachdem ein gleiches ihm selbst vom Rat ver- weigert war. Die inneren Ursachen liegen tiefer. Briand und Chamberlain, die sich gestern vor dem Plenum des Völkerbundes gar nicht genug tun konnten, die Einigkeit der Locarnomächte zu betonen und die ganze Schuld für das Scheitern der Verhandlungen Brasilien aufzubürden, find selbst die Hauptschuldigen, daß solche Verhandlungen überhaupt noch möglich waren, nachdem die ganze Frage des deutschen Eintritts bod) in Locarno schon für alle Beteiligten gelöst schien. Frankreid) hat in übelster Weise, hinter dem Rücken des deutschen Vertragspartners und unter völliger Mißachtung des so laut und viel gerühmten Geistes von Locarno, aus eigennützigsten Interessen gleichzeitig mit Deutschland aud) Polen den Zutritt zum Völkerbundsrat erschließen wollen. Drangen erst die Zusagen, die man in Paris dem ehr- geizigen Skrzynski gemacht hatte, an die Oeffentlichkeit, so durste man sich nicht wundern, mit dieser Gebefreudigkeit auch die Begehrlichkeit anderer Mächte zu reizen. So traten Brasilien, Spanien, China und andere mit dem gleichen Verlangen nach einem ständigen Ratssitz auf den Plan, nöd) dazu alles Mächte, die, wie Brasilien und China, dank ihrer Größe und Bevölkerungszahl oder wie Spa- nien dank ihrer Geschichte und kulturellen Bergan- genheit, weit triftigere Gründe für die Geltendmachung ihrer Ansprüche vorzubringen hatten, als Polen, das durch den Raub Wilnas, durch seinen brutalen Kampf gegen die deutschen und ukrainischen Minderheiten bewiesen hat, wie es die Völ- kerdundssatzungen zu achten gesonnen ist.
Eine Erweiterung des Rats durchzudrücken durch Schaffung neuer ständiger Ratssitze für Spanien und Brasilien, mit denen man aud) Polen hinein- schmuggeln wollte, gelang nicht. Dieser saubere Plan- scheiterte am Widerspruch Schwedens. Unter Leitung Chamberlains begann nun ein kon- zentrischer Angriff auf Und 6 n , den schwedischen Außenminister, mit dem Erfolg, daß Schweden, das als Vormacht der ehemals neutralen Mächte Holland, Norwegen, Dänemark, Finnland. Baltische Staaten und Sd)weiz im Rate saß. auf seinen Ratssitz zugunsten einer anderen Macht feiner Gruppe, vermutlich Hollands, verzichtete. Bene sch. her tschechische Außenminister, hatte schon lange Nück- trittsabsichten geäußert, da die Kleine Entente, bereu Delegierter er war, eine anberc Macht vorschicken wollte. Nun sollte aber nicht Rumänien ober Ingo- flamien ben Sitz Beneschs einnehmen, jonbern P o - len gebuchte man an Stelle ber Tschechoslowakei von ber Völkerbundsversammlung als nicht ständiges Ratsmitglieb in ben Rat wählen zu lassen. Man rechnete wahrscheinlich babei auch damit, daß Polen sich der Kleinen Entente anschließen werde, für die man in diesem Falle im Herbst feinen neuen Ratssitz zu schaffen brauche.
Soweit waren die Verhandlungen am Montagabend gediehen, als nad) authentischen Berichten Mello Franco, der brasilianische Botschafter, in
Presse, die noch Dienstag den deutschen Sieg in Genf befürchteten. Einstimmig wird der deutschen Intransigenz die Schuld an dem Ausgang der Genfer Verhandlungei in die Schuhe geschoben. „Giornale d'Italia" schreibt, die deutsche Provokation der letzten Monate hätte Deutschland auch diejenigen Völker entfremdet, die den Fehler gemacht hätten, ihm Wohl gesinnt zu fein. Heute erhalte Deutschland Durd) das Genfer Fiasko seinen Lohn, der aber zugleich ein Fiasko des Völkerbundes sei. da es 50 Rationen nicht gelungen fei, Deutschland in den Völkerbund aufzunehmen. Der Absichit Deutschlands, sich mit Hilfe des Völkerbundes eine Vormachtstellung zu sichern, müsse der Zusammenschluß aller entgegengesetzt werden, die nachbarlich, wirtschaftlich oder kulturell gemeinsame Interessen hätten. Rur so könne der Frieden garantiert werden. In dieser Hinsicht könne ja der Völkerbund vielleicht noch einige Dedeutung haben. Der faschistische „Tcvere" geht noch weiter: Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, den man als einen entscheidenden Schritt zum Frieden gepriesen, den Italien aber immer als ein Moment der Beunruhigung auf- gefaßt habe, sei gottseidank nicht erfolgt. Chamberlain. Briand und Genossen gingen mit schweren Herzen heim, nur in Kom atmeman frei. Am politischen Horizont zeichne sich die Gefahr der pangermanistischen Revanche ab. Mussolinis Stimme habe sich dagegen erhoben und auch den Blinden die Augen geöffnet. Jetzt sei Rom das Zentrum neuer Kombinationen. Der Geist von Locarno sei tot und das Leben der Völker pulsiere wieder lebendig.
gebnis von Genf gibt Amerika Anlaß, noch mehr vom Völkerbund abzurücken wie bisher. Der „Herald" sagt, daß der Grundsatz des Präsidenten Coolidge nunmehr der sei, daß Amerika nach Amerika zurückkehre. Er werde programmähig festlegen, was Europa von Amerika zu erwarten habe. Die amerikanische Presse sieht in der Völkerbundstagung den schwersten Schlag für die Locarno-Verträge. Der Geist von Locarno wäre überall unterwühlt worden. Es sei fraglich, ob Deutschland im September noch in den Völkerbund eintrete. Daß Luther und Stresemann gehen müssen, hält man für sicher. Die „Times" schreibt, daß mehr als ein politisches Haupt fallen werde. Was könnten Stresemann, Chamberlain und Briand nunmehr von dem neuen Geist, Den ihre Politik bringen sollte, sagen, nachdem dieser Geist in Genf einen solchen Mißerfolg gehabt habe. Die „Times" zweifelt stark an der Zukunft Locarnos und gibt damit die allgemein in Amerika vorherrschende Ansicht wieder. Die Mehrheit in Gens sei für Frankreich und gegen Deutschland gewesen. Damit fei von vornherein Deutschlands Stellung in einer Versammlung, die der Welt den Frieden bringen sollte, schwach gewesen.
Jubel in Italien.
R o m, 18. März. (511.) Dem nationalistisch eingestellten und faschistisch regierten Italien ist der Ausgang der Genfer Verhandlungen zweifelsohne erwünscht gekommen. Aus innerpoliti- schsn Grüüden und wegen der sich vorbereitenden außenpolitischen R e u o r i e n t i c r u n g, die Mussolini anftrebt, fehlte schon während der Verhandlungen in der Presse die ständige Rubrik, die sich bei allen vorausgcgangenen internationalen oder interalliierten Zusammenkünften sand, die Rubrik der vermittelnden Rolle, d e Italien übernommen hätte, um die Gegensätze auszu- gleichen. Davon war diesmal nichts zu spüren. Von Scialoja hörte man kaum, von Grandi er-
176. Jahrgang ■ Donnerstag, 18. Marz 1926
Metzener Anzeiger


