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Nr. H Erstes Blatt

176. Jahrgang

Montag, |8. Januar 1926

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertag».

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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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SietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr. H.THyriol; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen

Strefemann über deutsche Iukunftsaüfgaben

M ü n ch e n , 18. Ian. (XU.) In einer von der Deutschen Volkspartei veranstalteten Reichs- gründungsfeier sprach Reichsaußenminister Dr. Stresemann über das Thema:Das Rin­gen um die Zukunft des Deutschen Reiches". Dr. Stresemann würdigte einleitend die Verdienste Bismarcks um das Zustandekommen der deut- >en Einheit und betonte, daß es der größte Sieg der Politik der letzten Jahre gewesen sei, daß diese Einheit von den Gegne.rn nicht zer- tört werden konnte, wie es der Sinn von 23er» ailles war. Der Redner fuhr dann fort: Der Weg, den das einheitliche deutsche Volk zu gehen hat, und die Politik, die es zu erfüllen hat, lautet:

Rationale Politik.

Wir müssen dahin kommen, daß wir als Leitsatz aufstellen, das Nationale verstehe sich für jeden Deutschen von s e l b st. sEinstmals im Schützen­graben hat jeder seine Pflicht getan, und daß dieser Schützengrabengeist wieder erstehe, wäre einer der wichtigsten Aktivposten, die wir überhaupt für unsere Außenpolitik noch haben. Der Herrgott, der jedem Menschen die Liebe zu seiner Heimat ge» geben hat, hat keiner Schicht in Deutschland in Erb­pacht gegeben, für sich allein das Natiopal- gefühl in Anspruch zu nehmen. Ich lehne es als Führer einer Partei ab, für diese Partei in An- pruch zu nehmen, daß sie nationaler denke als an­dere Parteien.

Der Wiederaufstieg Deutschlands kann niemals das Werk einer Partei fein, sondern nur das

Werk der Zusammenfassung aller Deutschen.

Welche Mittel flehen denn überhaupt für un­sere Politik zur Verfügung? Die Macht nicht. Wir erleben es jeden Tag, daß wir sie nicht mehr haben. Es gibt aber zwei anders Mittel: Das eine ist der ideelle nationale Wille, das zweite ist die Stellung eines Voltes innerhalb der großen weltwirt­schaftlichen Strömungen, die Macht, die es indirekt daduvch hat, daß sein Niedergang den Niedergang der andern in sich^schließt, daß sie mitinterefsiert sind an unferm Schicksal. Xlur mit diesen beiden Mitteln kann heute Außen-- politik gemacht werden. Die nationale Idee schließt aber auch die Notwendigkeit in sich, zum Frieden zu kommen zwischen den beiden Be­griffen altes und neues Deutschland. Die Not der Gegenwart sollte uns doch dazu Helsen, die Synthese zu suchen zwischen dem alten und dem neuen Deutschland. Daß das möglich ist, beweist Hindenburg, der sich als Vertreter des alten Systems an die Spitze des neuen Reiches gestellt hat. Die aktive Po­litik ist nach außen gestützt auf die wirtschaftlichen Momente.

Die Umkehr in der Wcll der letzten Jahre ist die Erkenntnis, daß die durch den Versailler Vertrag und die anderen Abkommen erfolgte Umstellung auch den sog. Siegerstaaten so schwere wirtschaftliche Verlusts beigebracht hak, daß sie sich fragten, ob es nicht besser sei, das Deutsche Reich leben zu lassen. Das Auftauchen dieser Frage ist die einzige Möglichkeit, die die deutsche Außenpolitik hat, um wieder als Groß­macht zur Geltung zu kommen.

Deshalb ist es nur richtig, die Fäden zu ergreifen, die uns in der Weltwirtschaft verbinden und uns zu bemühen, für wirtschaftliche Konzessionen ein Stück politischer Freiheit zu erreichen. Es liegt mir

Vas zweite Kabinett Luther.

Berlin, 16. Jan. (wv.) Die Erörterungen zwischen den mit der Bildung einer neutralen Re­gierung der Mitte beauftragten Reichskanz­ler Dr. Luther und den Vertretern der Zen­trumspartei, der Deutschen volksparlei, der Deut­schen Demokratischen Partei und der Bayerischen Volkspartei sind am Samstagnachmittag zu Ende geführt worden. Der Reichskanzler hat am Sonn- tagvormitiag dem Herrn Reichspräsidenten Bericht erstattet und die Besprechungen mit den einzelnen Persönlichkeiten fortgesetzt. Es darf da­mit gerechnet werden, daß im Laufe des Mon­tags sämtliche Grundlagen für die endgültige Ent- fcheidung vorliegen.

Folgende M i n i st e r l i st e wird für das kom­mende Reichskabinett als wahrfcheinlich genannt:

Reichskanzler Dr. Luthe r.

Reichsaußenminister Dr. Stresemann

(D. V.).

Reichsminister des Innern Dr. Koch (Dem.). Reichswirlfchaftsminister Bürgers (Köln

Ztr.). ,

Reichsfinanzminister Dr. Reinhold (Dem.). Reichsarbeitsminister Dr. Brauns (Ztr ). Reichsminister für Ernährung und Landwirt­schaft Hepp (D.V.).

Reichsjusiizminister und Minister für die besetz­ten Gebiete Dr. Marx (Ztr.).

Reichspostminister Dr. 5 11 n g I (Bayer, v ). Reichswehrminister Dr. Geßler (Dem.).

Von den neuen Männern im künftigen Ka­binett hat der Abg. Koch. Vorsitzender der de­mokratischen Reichstagsfrakl'on, schon im zweiten Kabinett Bauer vom Ottober 1919 und in den Kabinetten Hermann Müller und Fehrenbach das Innenministerium innegehabt. Der für das Reichswirtschaftsmimsterium ausersehene Geheim­rat Bürgers ist Direktor des A. Schaafhausen- schen Bantvereins in Köln. Der künftige Reichs- finanzminister Dr. Reinhold ist 1887 geboren, studierte in Rom. Gens, Berlin, Freiburg und Leipzig, wo er 1909 zum Dr. Phil, promovierte. Er. übernahm spater den Verlag des demokrati­schen Leipziger Tageblatts, trat in den säch^ fischen Landtag ein und wurde sächsischer Finanz­minister. Der künftige Ernährungsminister, der volksparteiliche Reichstagsabgeordnete Hepp ist 1889 in Seelbach «Oberlahnkreis) geboren, wo er heute noch praktischer Landwirt ist. Er ist Vorsitzender der Dezirksbauernschast für Nassau und den Kreis Wetzlar. Als Präsident des Reichslandbundes ist er unseren Lesern durch eine Reihe von Aufsätzen zur Tagespolitik bekannt. Dr. Marx, der Frattionsvorsitzende des Zen­trums und designierte Iustizminister, ist der Vorgänger Dr. Luthers im Kanzleramt. Die übrigen Herren waren bereits Mitglieder des ersten Kabinetts Luther. Der Entschluß Dr. Gehlers, nun doch das Reichswehrministerium beizubehalten, soll nach derVossischen Zeitung" auf den Einfluß des Reichs­arbeitsministers Brauns zurückzuführen sein, der eine längere Unterredung mit Dr.Geßler gehabt habe. Dr. Geßler soll auch dadurch zur Beibehaltung seines Amtes veranlaßt lvorden sein, daß er sofort nach der Bildung und Vor­stellung des Kabinetts für drei Monate beurlaubt wird, in welcher Zeit Dr. L u t her vertretungsweise das Portefeuille des Reichs- Weh rministeriums mit übernehmen wird.

Für Montagnachmittag 6 -Uljr ist eine neue Besprechung Dr. Luthers mit den Fraltto.isvor- sitzenden vereinbart, in der die Frakttonsbeschluste mitgeteilt und die Zustimmungen zu der Mini st er list e formell erteilt werden sollen. Unmittelbar darauf wird Dr. Luther sich zum Reichspräsidenten begeben, um die Ernen­nung der neuen R ei chsm lnrster voll­ziehen zu lassen. Es ist vorgesehen, daß Oie erste Sitzung des neuen Kabinetts, in oer die Regie­rungserklärung beraten werden soll, am Dienstag stattsindet. Am Mittwoch soll b i e 'Borjtel- lung der neuen Regierung im Reichs­tage erfolgen.

Deutscher Protest gegen die Starke des Besotzungsheerrs.

London, 18. Ian. iWTD. Funkspruch.) Der diplomatische Berichterstatter desDaily Telegraph" berichtet, der deutsche Bot­schaft er habe zu Wochenende 6nm tforeign Office vorgesprochen und im Namen Dr. S t r e fe­rn anns dem Llnterstaatssettstär für auswär­tige Angelegenheiten eine wichtige -^^teuung gemackt. Gleichzeitig mit dieser Demarche hoben solche in Paris und Brüssel stattgefunden. Der Zweck des deutschen Schrittes fei in erster Linie gewZen, die Absichten der Besatzungsmächte über die Gesamtstärke der militäri­schen Streitkräfte zu erfahren w.e sie in der zweiten und dritten Zone nach der Räu­mung der Zone von Köln aufrechizuerhalteii beschlossen worden fei. Angesichts des Be­schlusses der Botschaftcr-Konferenz, woiiach die Gesomtstärle der Garnisonen der Alliierten in der zweiten und dritten Zone 7j 000 Mann (60 000 Franzosen. 8)00 Engländer und 7000 Belgier) betragen soll. Hao:

Dr Stresemann einen energischen Protest gegen einen solchen beschlich erhoben und zum Ausdruck gebracht, daß dieser Deschluß dem Art. 423 des Versailler Vertrages widerspreche und mit dem Gerste deö Locarno-Paktes und den damit zusammen.

hängenden Umständen unvereinbar sei.

Dem Botschafter St ahm er sei mitgeteilt wor­den daß der Beschluß richtig wiedcrgegeoen seu Es Habe sich daran eine Erörterung angefchu>ss«r»

ergeht heute am Tage der Reichsgründung von den Trägern der großen liberalen Tradition, den Vor­kämpfern liberaler Staatsauffassung in der Gegen­wart der Ruf ins Reich und über seine erzwungenen Grenzen hinaus an alle deutsch und freiheitlich Ge­sinnten, die Reihen zu schließen und sich um das alte Banner zu scharen, in dessen Falten die Parole der Männer eingewebt ist, die für den Gedanken des Reiches geworben und gekämpft haben:Ein­heit und Freiheit!"

Demonstrationen in Paris.

Paris, 17. Ian. (WTB.) Diegewerk­schaftlich oroanifterten staatlichen und städtischen Beamten, Angestellten und Arbeiter hatten für Sonntagnachmittag eine Kundgebung anberauint, um für d i e Erhöhung ihrer Löhne ge­mäß der Entwertung des Franken ern- zutreten. Die Kundgebung ist verboten worden Trotz dieses Verbots und trotz strömendem -heg,.x versammelten sich auf dem Place de la ^micorDe etwa 4000 Manifestanten. Em starkes Autpebot von Polizei und Republikanischer Garde wurde in der Nähe des Platzes und längs der großen Boulevards bereit gehalten. Als dw Man - festanten einen Zug bilden wollten, grff bj« Doiizei ein. Es kam in der Rahe ber ~uillcricn ?u einem Zusammen st o ß, eoenso spater auf dem Opernplatz, wo die Manifestanten wiederum einen Zug formieren wollten. Dort wurden einige Polizeibeamte leicht verletzt. Es gelang dann dem Sicherheitsaufgebot ;edoch, die Menge zu zerstreuen.

En, internationaler Flugplatz in der Schweiz.

Die Dornierwerke beabsichtigen die Grün­dung einer Flugzeugfabrik und eines mttrnatw- nalen Flugplatzes in Altenrhein bei nt. Gal­len (Schweiz). Die Fabrikanlagen sollen rund 600 Arbeiter beschäftigen. Die Voraussetzungen sur das Zustandekommen des Vertrags mit den Dornier- werken sind bereits erfüllt.

Wertvollen und Großen auch Morsches und Schwa­ches, das nicht wiederkehren kann und nicht wieder­kehren soll. Der Reis aber, den Bismarck um uns geschmiedet, hat sich starker erwiesen als alle Um­wälzungen der Zeit. Die R e i ch s e i n h e i t als wertvollstes Erbe der Vergangenheit zu erhalten und auszubauen, ist das Ziel der deutschen Politik dec Gegenwart. Diesem Ziele hat vor allem die deutsche Außenpolitik zu dienen. Es ist billig, aber ungerecht, die Männern, die in schwerster Zeit die Geschicke des Reiches lenken, zu kritisieren, ohne bei der Stritit die Unzulänglichkeit der Mirtel in Rechnung zu stellen, die ihnen in dem machtlosen Deutschland der Gegenwart für die Durchführung ihrer politischen Ideen zur Verfügung stehen. Die Politik, die heute in Deutschland nach Lage der Dinge geführt werden kann, erfordert Selbstverleug­nung und Geduld. Ihre Früchte können nicht so schnell reifen, wie die heißen Herzen der Vater­landsfreunde es wünschen mögen und wünschen müssen.

Der Reichsgründer selbst war sich darüber klar und hat es offen ausgesprochen, daß er sein Werk nur vollenden konnte, weil vor ihm Generationen deutscher Männer wertvolle geistige Vorarbeit für den Gedanken der Reichseinheit geleistet hatten. Die Männer der Burschenschaft, der Paulskirche und des Nationalvereins haben in unsichtbarer Bruder­kette die Bausteine für das Fundament des Reiches zusammengetragen. Männer wie Bennigsen, Bam­berger und Lasker haben unendlich viel getan, um durch Reden, Briefe und persönliche Besprechungen die Stimmung im deutschen Volke für die Einigung der Bundesstaaten reif zu machen. Der Liberalis­mus, der so führend beteiligt war an der staatlichen Einigung der deutschen Stämme und sich unsterbliche Verdienste um die Gründung und den Ausbau des Reiches erworben hat, ist heute durch den Nieder­gang unseres politischen Lebens und durch selbstoer- schuidete Zersplitterung geschwächt. Er nimmt im Leben des heutigen Staates nicht die Stellung cm, die ihm nach seiner Vergangenheit und nach seiner Bedeutung gebührt. Das Reich aber kann nur dura) die Kräfte erhalten werden, die es schufen. Darum

fern, ein Urteil nach so kurzer Zeit darüber abzu­geben, ob die Dawe<> und Locarnoverträge auf die Dauer in ihrer Wirkung für uns von Nutzen oder von Schaden sind. Gerade in unserer Gegenwart gilt das Wort, das alles fließt. Wenn das Wort nicht zuträfe, brauchte man nicht alle sechs Monate in internationalen Konferenzen zu disku­tieren und eine Aenderung der Verhältnisse wenig­stens herbeizuführen versuchen. Ein Volk kann nicht auf Wunder warten, es muß leben. Ange­sichts der großen Krise unserer Wirtschaft ist es ja sehr leicht, zu sagen: Das kommt alles vom Da- wesabkommen. Gewiß ist

das Daroesubfonnnen keine endgültige Lösung.

Was es uns aber zunächst gebracht hat, ist die Befreiung von der willkürlichen jährlichen Tribut- zahlung, festgesetzt von einer Botschafterkonferenz. Die Folge des Dawesabkommens war die amerika­nische "Anleihe von 800 Millionen. Was unterdessen Amerika in Deutschland investierte, beträgt erheb­lich mehr und wird noch mehr werden, weil wir unsere Wirtschaft aus eigenen Mitteln nicht auf­bauen können, und weil wir zugrunde gehen, wenn wir nicht eine auf der Höhe der Zeit flehende Wirt­schaft haben. Mit diesem Gelde aber investieren die Vereinigten Staaten aber auch Interesse an Deutschlands Wohlergehen. In den Locarnoverträgen ist an keiner Stelle ein Verzicht auf deutsches Volk und deutsches Land ausge­sprochen, sondern nur ein Verzicht auf eine gewalt­same Aenderung der Westgrenze.

Das Desenttiche aber an Locarno ist. daß es auf Grund dieses Vertrages gelingt, Frankreich vom Rhein wegzubringen.

Deshalb bedeutet die Räumung der nördlichen Zone eine wichtige Etappe. Locarno gibt uns die Möglichkeit des Eintritts in den europäischen Kon­zern als Großmacht. Die Kritik bemängelt, daß die Rückwirkungen, die erwartet wurden, noch nicht eingetreten seien. Diese Kritiker übersehen aber, daß der Vertrag von Locarno noch gar nicht besteht. Was bis jetzt erfolgte, sind nur Vorwir­kungen des Vertrags, der, wenn, es schnell gellt, rnt März in Wirkfdmkeit'ttftt. Muß fordert man Deutschland auf, den Eintritt in den Völ­kerbund zu verzögern, den Eintritt, der allein den Vertrag in Kraft setzt. Die Dinge im besetzten Gebiet sind doch in vieler Hinsicht bereits besser ge­worden. Bis zum 31. Januar wird der letzte fran- zösifche Delegierte das Rheinland verlassen. Die französische Gendarmerie ist bereits um 75 Prozent vermindert worden.

Es wird die Aufgabe dieses Jahres sein, Lo­carno zum Faktum zu machen und auf dieser Grundlage weiierzuarbeilen.

Gerade mit Rücksicht auf di e deutschen Min­derheiten im Ausland müssen wir im Völ­kerbund vertreten fein, um ihnen Erleichterung zu schaffen. Notwendig für unsere künftige Politik ist ein gewisser Optimismus. Es mag fein, daß mein Weg sich als falsch erweist, aber gegen jeden werde ich mich wenden, der es wagt, zu behaupten, daß ich mich an Vaterlandsliebe von irgendeinem mei­ner Kritiker übertreffen lasse. Glauben wir doch an uns selbst, daß wir berufen sind, noch einmal in der Welt eine Rolle zu spielen, daß uns noch ein­mal eine Zeit beschieden fein wird, in der man wieder von dem Vaterland sprechen kann als dem Deutschland hoch in Ehren.

Zur Reichsgrünöungrfeier.

Von Dr. Wilhelm Spickernagel, M.d.P.L.

Der 18. Januar bringt uns wie kein anderer Erinnerungstag unserer vaterländischen Geschichte die Wahrheit des traurigen Wortes aus der Gött- Uchen Komödie zum Bewußtseine Keinen tieferen Schmerz kann cs geben, als froher Zeiten zu ge­denken in den Tagen des Unglücks . . . Bismarck uolltc diesen Satz bekanntlich nichr gelten lassen. Auch uns gebietet die Pflicht der Selbsterhaltung eine andere Betrachtungsweise. Nicht um in schmerz­licher Resignation ewig Verlorenem nachzuweinen, erinnern wir uns der vergangenen Zeit, sondern um aus dieser Erinnerung an eine große und stolze Vergangeizheit Trost und Kraft zu fchöpfen für die politische Arbeit der Gegenwart, um aus ihren Erfahrungen und Fehlern zu lernen. Der einzelne mag nach harten Schicksalsschlägen resignieren, in Verzweiflung oder beleidigtem Selbstgefühl sich er­müdet, angewidert zurückziehen aus den Kämpfen des Tages ein Volk muß leben. Und die berufen sind, den Staat zu lenken ober im öffent- Üchen Leben zu wirken, haben diesem Zwange ihre persönlichen Gefühle und Empfindlichkeiten unter­zuordnen.

Niemandem wird cs schwerer, dieser Forderung zu genügen, als dem Deutschen nach seiner Na- iur. Wir kennen aus unseres Geschichte und aus den Gedanken und Erinnerungen unseres größten Staatsmannes die Schwierigkeiten, die vor der end- Uchen Erfüllung des deutschen Einheitstraumes zu Überwinden waren. Eine wesentliche Ursache dafür, daß wir so spät das Reich uns schufen, nachdem längst die anderen Völker ihren nationalen Staat besaßen, hat der Historiker Eatellieri mit Recht in dem unstillbaren Drang nach persönlicher Freiheit erblicken wollen, der unseren germa­nischen Vorfahren innewohnte und sie jeden Zwang, den der Nachbar übt, heftig verabscheuen ließ. Iftid dieser alte Freiheitsdrang und Sonderungstrieb, der sich zuerst und am stärksten immer gegen den stammesverwandtenBruder richtet, dieses germanische Persönlichkeitsgefühl, das im Gegensatz zum romanischen Staatsgefühle steht, zeigt als häßliche Kehrseite den Neid, die alte invidia, von der Tacitus berichtet. Ernst von Wildenbruch bat jenen verhängnisvollen Charakterfehler unseres Volkes in seiner Erzählung vomturor teutonicus" geschildert, die uns mit erschütternder Wahrheit die Tragik des deutschen Menschen und Volkes enthüllt. Wenn Arminius in uralter Zeit das Schicksal des Germanen verkörpert, der durch Zwietracht im eigenen Lager an dem Versuche scheitert, die.Einheit herzustellen, so fehlen auch im Wirken Bismarcks, wie wir aus feiner Lebensgefchichte wissen, trotz sei­nem -Enderfolge solche tragischen Züge nicht. Kein Wunder, daß Krieg, Revolution und Inflation jenes alte Erblaster der Deutschen wie wir hoffen, nur vorübergehend in verstärktem Maße zutage treten ließen. Viele der häßlichen Erscheinungen des poli­tischen und gesellschaftlichen Lebens unserer Tage erklären sich aus diesem Grunde. Am stärksten er­fährt man das jedesmal, wenn man nach einem Ausfluge über die Grenzen nach Deutschland heim- kehrt. Auch bei anderen Völkern gibt es Streit, Konkurrenz und Zwietracht; aber es will scheinen, als ob sich der Meltau des Neides ganz besonders auf die Herzen der Deutschen gelegt hätte und die Beziehungen der Menschen und Klassen unter­einander vergiftete. In den Gesichtern der Leute auf der Straße, in den Versammlungen, im täglichen Verkehr miteinander nimmt man die Verwüstungen wahr, die durch die Leidenszeit dec letzten Jahre bet uns und in uns angeridjtet worden sind. Nie­mand kamt deshalb den Stab brechen über dies schwergeprüfte Geschlecht. In einen allzu schmalen Lebensraum in dec drangvollen Mitte Europas ein­geengt, von neidischen und beutegierigen Nachbarn umgeben, kämpft dieses rasch sich vermehrende Sech- zig-Millionen-Volk um sein nacktes Leben, und sieht sich überall in seinen primitivsten Lebensmöglich­leiten bedroht. Und doch! Wenn wir hoffen wol­len, jemals wieder aus der Not der Gegenwart zu einer helleren Zukunft emporzusteigen, müssen wir Deutschen in allen Lagern und Schichten den Neid tiberwinden durch Ehrfurcht. Mängel an Ehr­furcht ist die moralische Krankheit unfcrcs Zeit­alters! Eine deutsche Volksgemeinschaft tft ohne Wiedererweckung der Ehrfurcht nicht denkbar: Ehr­furcht vor dem Mitmenschen, Ehrfurcht vor der Ver­gangenheit, Ehrfurcht vor der politischen und reli­giösen Ueberzeugung der Andersdenkenden.

Bismarck hat dem alten deutschen Sonderungs­trieb bei feiner Reichsgründung Rechnung getragen, indem er unter bewußter Schonung der bundes­staatlichen Besonderheiten die deutsche Einheit ohne Zwang gestaltete. Am klarsten tritt sein Bestreben in der Behandlung der bayerischen Fra­gen zutage; feine bekannten Aeußerungen, die er nach Abschluß des Vertrages mit Bayern im Haupt­quartier getan hat, geben über feine Motive Auf­schluß. Nach dem Umsturz ist durch Ueberspan- nung des unitarischen Prinzips vielfach gegen"ben Geist der Reichsgründung gesündigt wor­den. Diejenigen aber verstehen Bismarcks Werk und seine staatsmännischen Ziele sehr wenig, die glauben oder glauben machen wollen, daß der Alt-Reichs­kanzler in der von ihm geschaffenen Form des Reiches etwas Unantastbares und ewig^Gültigcs gesehen habe. Er selbst wollte in seiner Schöpfung nur das unter den Zeitumständen Erreichbare sehen und hat des öfteren betont, daß er einen Block geschaffen habe, den die nachfolgenden Geschlechter handlicher gestalten sollten. Die Schaffung des Kaisertitels hat er ausdrücklich damit begründet, daß in ihm eine werbende Kraft für den Einheits- gebauten liege. Den Reichsgedanken zu för­dern und in der deutschen Reichsverfassung weiter zu entwickeln, liegt darum durchaus im Sinne des Reichsgründers.

Vieles ist in den Stürmen des Krieges und der Revolution zusammengebrochen. Reben manchem