Hr. 295 Zweites Blatt Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Gberhesien)Hreitag, (?. Dezember (926
Zeitungsschau.
Unke Dem Titel ,Der versäumte Frieden" teilt Die ..Vos fische Zeitung" lolgendcn interessanten Beitrag zur Kriegsgeschichte mit: Professor Mar Apt. vormals erster Syndikus Der Korporation der Koufmannschalt von Berlin und Kurator der Handelsschule, berichtet in einem umfangreichen Werke, das in diesen Tagen erscheint. unter "dem Titel ,25 Jahre im Dienst Der Berliner Kaufmannschaft" über die Gesamt, heil der wirtschaftlichen und politischen Ausgaben, die in diesen entscheidenden Zähren von der Der. tretung der Berliner Industrie und des Berliner Handels behandelt wurde. Drsonders bemerkens- wert ist eine Mitteilung, die Professor Apt macht, um seine Auffassung zu erhärten, daß der Welt- krieg vermeidbar gewesen wäre, wenn wir an der Spitze unserer Politik die richtigen Männer gehabt hätten und daß er noch zur rechten Zeit hätte beendigt werden können, wenn nicht Luden- dorsf Ziele verfolgt hätte, deren Erreichung bei richtiger Bewertung der realen Machtverhältnisse niemals hätte angestrebt werden dürfen. Prof. Apt wurde in dieser Ueberzeugung durch eine längere Studienreise bestärkt, die er während des Weltkrieges im Interesse des stellvertretenden Generalstabs im Jahre 1917 nach der Schweiz machte.
,Bei dieser Gelegenheit traf ich." so berichtet er. .in Bern mit Professor Haguenin. dem Leiter der französischen Auslandspropaganda, zusammen, den ich seinerzeit als Lektor an die Berliner Handelshochschule empfohlen hatte. Ha- Suenin fehle mir damals auseinander, daß sein hes. der französische Ministerpräsident B r i a n d. zu einer Verständigung mit Deutschland geneigt sei. Man sollte in Deutschland diese Gelegenheit benutzen, da man einen versöhnlicheren Präsidenten wie Driand nicht bekommen werde. Die Lage der französischen Armee wäre keine gute. Trotzdem würde die französische Armee bis zum fehlen Blutstropfen kämpfen. Wenn aber Deutsch- land die französisch sprechenden Teile von Lothringen an Frankreich abtreten würde, so würde Briand in der Lage sein, eine Verständigung vor dem französischen Volk zu vertreten. Deutsch, land könnte auch bei dieser Gelegenheit Kolonien in Marokko bekommen. Ich hatte bei dieser Reise auch Gelegenheit, die Auffassung russischer Kreise kennenzulernen, die dahin gingen, daß sich in Aufstand eine linksradikale Devolution vorbereile. Als ich im Februar 1917 nach Berlin zurücklehrte, besuchte ich den damaligen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Zimmermann, welcher mir auf meinen Bericht, soweit Frankreich m Betracht kam. erwiderte, das, wir ni cht einen Stein abtreten. Und über Ruß- land sei er besser informiert als ich. In Rußland habe der Zar seine Armee fest in der Hand und nur mit dem Zaren würden wir Frieden schlicstcn. Kurze Zeit darauf ist in Aufstand hie Revolution ausgebrochen und die bessere Kenntnis des Herrn Staatssekretärs Zimmermann hat Schiffbruch erlitten."
Mit der kritischen Situation. in Der die Demokratisch? Partei durch die Abstimmung über das Schundlltcraturgesey zurückgelafsen wurde, beschäftigt sich die »Frankfurter Zeitung". Sie schreibt: „Last Parteien bei einer Abstimmung auscinanderfallcn. ist ja nicht ungewöhnlich. Aber die näheren Umstände machen den Vorgang diesmal besonders peinlich. Man hätte trohdem zweifeln können, ob es im Interesse des demokratischen Gedankens liegen mag. weiterhin die Oeffentlichkeit mit dem Verhalten der demokratischen Fraktion zu beschäftigen. Aber die Fraktion entscheidet selbst diesen Zweifel, indem sie gleich beim nächsten Gesehentwurf. der den Reichstag beichäfligt. ihren Fraktionsredner verkünden lässt, dast feine Freunde wieder geteilt abstimmen werden. Gs handelt sich um die Schaffung Der Arbeitsgerichte. Wir wollen hier nicht auf die sachliche Bedeutung dieses Gesetzes eingeben und gar nicht fragen, welcher der beiden Fraktionsleile die besseren Gründe für sich habe. Hs mag gewist keine weltentscheidend'? Frage fein, ob die Arbeitsgerichte den ordentlichen Gerichten angegliedert werden oder nicht. Aber wie Der Anblick Des Auseinanderfallens der flcinen Fraktion gleich wieder bei der nächststehenden Gelegenheit wirkt, das sehen wir aus der sehr bitteren Bemerkung eines allen Demokraten, die uns (AsbaU) zugegangen ist. Den stärksten Eindruck in der Oefsentlichkeit machte der tewpera-
Tafelschmuck von einst.
Zu einer festlichen Mahlzeit gehört auch ein schön gedeckter Tisch: ja in ihm prägt sich recht eigentlich Geschmack und Stil einer Gesellschafts- fultur aus. Die Geschichte der Tafeldekoration läht sich daher bis in die ältesten Zeiten zurück- verfolgen, und der moberne Tafelschmuck entnimmt so manches den Formen der Vergangenheit. wenn er auch freilich die Ueberfteigerungcn eine« allzu üppigen Schmuckgeistes vermeidet. Hat es doch Zeiten gegeben, in denen man Den Eßtisch in eine bunte Bühne mit den merkwürdigsten Gestaltungen verwairdelte. Im griechischen Altertum wird hauptsächlich die Blume als Tafelschmuck verwendet, die seitdem bis auf Unsere Tage die schönste Zier des Esttischcs geblieben ist Roch ein Dichter der Spätantike, Denantius Fortunatus, singt von dem duftenden und blühenden Teppich schöner Rosen, der als herrlichstes Tischtuch eine wohlgedeckte Tafel ziere. Das Mittelalter aber kannte zunächst keine Eß° kultur: man besah nicht einmal ein besonderes Speisezimmer, u. von einem ..Decken" des Tisches konnte nicht die Rede sein, weil es keine Tischtücher gab. Die Tafel wirkte in jenen Zeiten durch die Kostbarkeit ihres Holzes und später durch Malereien. Solche Kunstwerke von Tischplatten sind uns von Hieronymus Bosch, von Lucas Cranach, dem jüngeren Holbein und anderen erhalten, aber man begnügte sich in jener Zeit bereits mit der 'Bewunderung des Bildes und — ast nicht mehr darauf. Das Tischtuch erscheint in der neueren Zeit zuerst in der Blüte- epoche des Rittertums. In feinen Kreisen galt es seit dem 12. Jahrhundert für unschicklich, auf Dem blosten Tisch zu essen. Vornehme Gäste erhielten auch bereits Servietten: herrliche silberne und goldene Schalen und Schüsseln standen auf Dem Tisch. Die Tischtücher waren zunächst sehr sang und wurden beim Auflegen doppelt zusammengefaltet. Später deckte man in reichen Häusern zwei bis drei Tischtücher übereinander, und feit Anfang des 15. Jahrhunderts wurde
mentvvlle Sprung mit dem Theodor Wolff über die Parteihürde fehle. Im Sommer erst war. nach der anderen Seite hin. Re'.chLbankvräfident Sch a ch t aus derselben Partei ausgcbrochen. Hier tritt eindrucksvoll d.e besondere Schwierigkeit -u- tag?, Menschen von ausgesprochen demokratischliberaler Weltanschauung polil lch zu organisieren. Erich Koch. Der Parteiführer, seyt sich jetjt in einem Artikel »Zwei Austritte" mit diesem Doppelvorgang auseinander. Schacht hatte einseitige Stellungnahme ber Demokraten gegen ein« Volksentscheid vor allem deshalb verlangt, weil ein Gefeh. das als Eingriff ins Privateigentum sich Deuten liest. Deutschlands Kredit im Auslände schädigen muffe. Koch, der jetzt Drei Monate in Amerika war. stellt fest, dast dies eine ganz falsche Einschätzung gewesen i>'. Wer die Reue Well kennt, wird der Beobachtung Kochs recht geben, dast einzelne Maßnahmen eines europäischen Landes dort viel zu oberflächlich beurteilt werden, als dast sie dauernd die Gemüter beeinflussen könnten. ^Imgekehrl darf folgende Feststellung Kochs auf einiges Interesse rechnen: „Rachdcm jetzt ein Vergleich mit den Hohen- zollcrn zustandegekommen ist. der auf einer mittleren Linie liegt, fast! die amerikanische Ocffent- lichkeit diesen Vergleich durchweg als einen Beweis dasür auf. dast Deutschland noch monarchisch gesinnt sei und dast die Gefahr monarchistischer Wirren unmittelbar drohe." Freilich werde eine vernünftige Politik in Deutschland auch Diese Befürchtung wieder zerstreuen können. Herrn KochS Artikel zeigt daweiter, dast so wenig wie Schachts Sorgen beim Volksentscheid, fo wenig auch jetzt die fachlich schärfste Auffassung des ,.Schandgesetzes" eine Begründung zum Einstellen der Parteiarbeit geben durfte. Koch selbst hat ja auch gegen DaS Gesetz gestimmt. Mit Recht verlangt er jetzt, dast. wer politisch arbeiten will, im Einzelfall auch für die Gründe anders denkender Parteifreunde Verständnis haben müsse. „Ich weigere mich, eine Partei zu führen, die nur eine einzige, allein seligmachende Meinung kennt und Ketzerrichterei gegen alle treibt, die von ihr abweichen." — Die »F- Ztg " stimmt dein zu und sagt: „Je kleiner eine Partei an Zahl ist. desto seltener kann sie auf ihre Geschlossenheit verzichten. Deshalb must heute sehr deutlich gesagt werden. Dast die Demokratische Partei ihre Daseinsberechtigung in Frage stellt, wenn sie so wenig zu einheitlichem Handeln gelangt, wie es jetzt beim Antischund- gefeh der Fall war." Das Blatt fährt dann fort: ..Herr Koch wird sich darüber klar fein, dast hier fein Einzelfall vorliegt. Auch sonst ist die Einheitlichkeit der Demokratischen Partei häufiger gefährdet, als ihr auf die Dauer gut sein kann. Das gilt vielfach von dem Verhältnis der demo- fratifchc.T Mitglieder d:S R-ichskabinelts zu ihrer Partei, wobei allerdings nicht Herr Dr. A e i n • hold in Frage kommt, dessen Verdienste um Reichsfinanzen und Wirtschaftsleben allgemein anerkannt werden. Was aber die Herren Külz und Gest le r angebt, so ist es für die Ocffent- lichkeit wirklich oft schwer zu erkennen: was ist nun demokratische Politik, das, was diese beiden Minister treiben, oder das, was die Partei- instanzen und die Mehrzahl der demokratischen Abgeordneten öffentlich vertreten? Hier ist einer der Punkte, wo eine energische Parteiführung nun endlich Klarheit schaffen müßte. Demokratie soll gewist keine Gewissen vergewaltigen, aber sie soll auch nicht sich selbst zur Ohnmacht verurteilen. Rur wenn sie sich handlungsfähig erweist, wird sie Werbekraft entfalten."
Sehr unerquicklich ist die Einstellung geworden, die neuerdings der ..M a n <i> c ft c r Guardia n" zu allen deutschen Angelegenheiten findet. Die „Leipziger Reuesten Rachrichte n" glossieren einen Bericht des englischen Blattes über das Schandgesetz, das kürzlich im Reichstag verabschiedet wurde. Cs heiht dort:
..Der Bericht geht unter dem Sammellitel „Terror deutscher Zensur" und behauptet, das Gesetz stelle die gesamte deutsche Literatur, Zeitungen und periodische Druckschriften ausgenommen, unter Zensur. In seiner Abneigung gegen die deutsche Gesetzgebung leistet der englische Berichterstatter sich dabei die folgende Stilblüte: „Gräfin Mahler, eine ehrwürdige Dame von untadelig hohem Gedankcnflug. hat einige hundert Erzählungen geschrisben, Die von Millionen von Deutschen verschlungen wurden. Gleichwohl ist die gesamte literarische Kritik Deutschlands einig darüber, dast diese Erzählungen Schund
zunächst ein kurzes Tuch aus weichem faltenlosem Damast ausgedeckt, darüber aber kunstvoll ein zweites Tuch gebreitet, das in den wunderlichsten Kräuselungen gerafft war in der Art eines munter fließenden Stromes, dessen Oberfläche ein Wind in grotzen und kleinen Wellen aufwogen läßt, fo dast zwischen vielen kleinen galten einige dicke Bausche entstanden" Die Teller und Gefäße wurden in die Wellentäler dieses Tischtuches gesetzt: aber praktisch war das nicht. Ebenso entwickelte man eine hohe Kunst in der Drapierung der Servietten. Es gab unzählige Formen des Serviettenfaltens, und man betrieb darin eine wahre Plastik, indem man von den gewöhnlichen Formen des Kreuzes und der Schnecke bis zu Rachahmungen von Hasen und Fasanen, ja der päpstlichen Mitra, ausstieg.
Die Zeit der Renaissance entfaltete einen besonderen Prunk mit lostbaren Tafelgeschirren, die von den größten Goldarbeitern, einem Benvenuto Cellini oder Wenzel Iamnitzer gestaltet wurden. Eine solche Verschwendung griff um sich, daß den Bürgern das goldene und silberne Tafelgerät verboten wurde. Ludwig XIV.. der besonders kostbare Tafelgeschirre aus Gold und Silber halte, mußte sie in den Zeilen der Rot in die Münze schicken und speiste seitdem von Fayence. Später erschien das Porzellan als schönster Crlah für Gold und Silber. Der Haupt- schmuck der Festtafel bestand auch im Barock in Blumen und Lichtern oder Fackeln. Gewaltige Massen von Blumenkörben, von Fackeln umstellt, verwandelten die Tafel in ein duftendes Meer, aus dem die herrlichen Tafelaufsätze her- vorblitzten. Diese Tafelaufsätze wurden allmählich der Haupt- und Mittelpunkt der Dekoration. Das spätere Mittelalter erging sich in künstlichen Mechanismen, wie Burgen mit beweglichen Personen. Bäumen mit singenden Vögeln, Felsen und Höhlen mit schlafenden Prinzessinnen und wilden Riesen. Die Renaissance stellte ganze Tritonen- unb_ Bacchantenzügc auf den Tisch: ja, *ogar große Bildwerke wurden von den größten Künstlern, u. a. von Leonardo, dafür geschaffen. Das
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feien, obwohl fic jeden Versuch, ihn zu unterdrücken. ablehnen würde." Der englische Spießer, der daS lieft, hält kcn Atem an. Eine .Eountetz Mahler", die über hundert Erzählungen geschrieben bat. dünkt ihn an und für fich noch zehnmal ehrwürdiger, als cs die schlicht bürgerliche Courths- Mahler tun würde, wenn er von ihrem Dasein eine Ahnung hätte. Aber wir können den „Manchester Guardian" und fein gefühlvolles tiefe- Publikum beruhigen. feiner „Eountetz Mahler" wird keine Zensur in Deutschland ein Haar krümmen, gegen diese, in England fast noch mehr als in Deutschland geschätzte Art von' Literatur ist auch bei uns kein Kraut gewachsen. Den dreimal heiligen Kitsch ausrotlen zu troll2.1, so gemullos ift der Deutsche Reichstag gar nicht. Der „Manchester Guardian" beklagt bann, daß dem Kampf gegen das Gesetz ein Bernard Shaw fehle, der freilich — fo fügt das Blatt selbstgefällig hinzu
im beschränkten u.ti> terroristischen Deutschland niemals hätte hochkommen können. Dazu dürste doch vielleicht die bescheidene Anfrage geftattet fein: wo ist denn Bernard Shaw früher hochgekommen, im .freien“ England oder im „recht)- nären" Deutschland? Die Antwort daraus dürsten wir in aller Seelenruhe vielleicht Bernard Shaw selbst überlassen, der im Vorkriegs-England doch kaum als „verlehrfähig" im Sinne der „guten“ Gesellschaft angesehen wurde, während er zur selben Zeit in Deutschland bereits auf allen Bühnen gespielt wurde. Im weiteren Verlauf des Berichts wird dann in hohen Tönen das Lob Breitscheids gelungen, als eines Vorkämpfers von „meisterhafter" Beredsamleit gegen das Gesetz, und auch der „Simplicissimus" bekommt eine gute Rote für seine .Spezialnummer",
die wieder auf der Höhe seiner Ceiftungcn aus der Vorkriegszeit fei. Im Kriege war der .Sim- plicifsimus" bekanntlich gut deutsch und sonst nichts, waS, nach Ansicht des .Manchester Guardian". offenbar an fich schon schlechten Geschmack verrät. Wir möchten aber wohl Wilsen, ob der Gewährsmann des englischen Blattes fich auch den Anzeigenteil der . geftiiummcr“ des .Simpli- cissirnuS" angesehen hat. und ob er der Meinung ist. Daß im prüden England Ankündigungen dieser Art überhaupt möglich wären? Rechnet man in England diese Ankündigungen und Anpreisungen etwa zu ben .heiligsten Gütent der Ration", Die um jeden Preis erhalten »erben müssen?
In England liegt die Sache im großen und ganzen doch wohl so: daß es eines besondersn Gesetzes zum Schutze der Jugend gegen den Schmutzkapitalismus nicht bedarf, weil eine geschulte öffentliche Meinung der Staatsgewalt Autorität genug verleiht, um ihren Willen gegenüber dem Schmutzkapitalismus durchzusetzen, auch wo inS einzelite gehende Gesetzesbestimmungen etwa fehlen sollten. Daß in Deutschland eine solche Autorität, infolge der gewaltsamen Erschütterung geltender Gewohnheileit und Rechte Durch die Staatsumwälzung, erst wieder aufgebaut werden mutz, braucht man in England schließlich nicht zu wissen Wissen aber könnte auch der Berliner Gewährsmann des .Manchester Guardian", datz es sich hier um ein Gesetz zum Schutz der Jugend handelt, und nicht um ein Gesetz zur Knebelung cintoairbfreicr Erzeugnisse einer ernsten Literatur: datz er dessen mit keiner Silbe Erwähnung tut, beweist wohl am meisten seinen üblen Willen."
die französische Ijeetesrefotm.
Von Kurt von Tippelskirch.
Mit der ihnen eigenen Kunst, die Dinge so darzustellen, wie sie nach autzen hin die beste Wirkung erzielen, werden die Franzosen in den kommenden Wochen und Monaten die Welt über ihre Abrüstungs- und Heeresver- minderungstaten in Erstaunen setzen. Sie werden besonders guf die verdienstvolle Tatsache Hinweisen, datz sie zur Abrüstung schreiten, b c - vor noch im Völkerbund Einigkeit über diese Fragen erzielt ist. Sie werden hieraus die Folgerung ziehen, datz Frankreich vorbildlicher als jedes andere Lcnrd der Sache des Friedens durch die Tat dient uird in diesem edlen Streben auch vor schweren Opfern und Verzichten nicht zurückschreckt. Solche und viele andere, ebenso wirksame Redensarten werden den Kern der bevorstehenden Heeresreform um so dichter verschleiern, als nur wenige Sachverständige das dichte Zahlengewirr zu durchdringen vermögen, mit dein in solchen Fällen üblicherweise aufgetischt wird.
Die bevorsteheirde französische Heeresreform ist daher nicht allein beachtenswert, weil d i c stärkste Militärmacht Europas sich nunmehr eine auf Jahrzehnte berechnete Wehrverfassung gibt, sie verdient auch aus den oben gekennzeichneten Gründen eine Prüfung dahin, ob sie wirklich den Anfang einer mehr oder minder freiwilligen Abrüstung bedeutet, die mili- tärische Leistungsfähigkeit des ßanbeS also fühlbar verringert. Zunächst bedarf es der Feststellung, warum Frankreich überhaupt zur Zeit zu einer Heeresrefonn schreitet. Der Grund ist einfach genug: Frankreich hat nach dem Kriege überhaupt noch keine Wehrgezetze geschaffen, die Armee befindet sich seit über acht Jahren in einem unaufhörlichen ^lebergangsstadium. einer sich langsam vollziehenden Demobilmachung, deren Ende bisher noch nicht erreicht war. Rur die aktive Dienstzeit ist im Jahr 1923 auf 18 Monate gesetzlich festgelegt worden, im übrigen beruht Einteilung und Stärke der Armee auf Gesetzentwürfen, die vom Parlament nie genehmigt worden sind und nur als organisatorische Grundlage dienen, weil eine solche in irgendeiner Form vorhanden fein mutz. Es bestand eben eine Rotorganisativn, dip auf einen ganz bestimmten Fall zugeschnitten war: die Durchführung der französischen Rachkriegspolttik, nötigenfalls mit Waffengewalt. Infolgedessen war das Heer auch unnatürlich groß gehalten, hatte zahlreiche Divisionen, so datz es jeder-
Barock erfand in seiner Maßlosigkeit Tischdeko- rationen, die in kunstreichen Bauten und tropischen Landschaften mit der Bühne wetteiferten. Da gab es in der Mitte der Tafel einen See^ in dem lebende Fische und Enten schwammen. Das Rokoko baute auf Bahnen von Spiegelglas ganze Städte und Völler von Porzellan auf, und im Empire traten an die Stelle dieser bunt- phantastischen Welt sentimentale Statuen im antiken Geschmack, Weihetempelchen und Trauer- umen. Rachdem man es in der Herstellung künstlicher Blumen zu hoher Vollendung gebracht hatte, zauberte man Landschaften auf die Tafel. Besonders berühmt war unter Ludwig XV. der Tafeldekvrateur Eos ade, der einen künstlichen Reif erfand, den die Wärme der aufgetragenen Speisen zum Schmelzen brachte. Wie durch einen Zauber verwandelte sich das Bild des die Tafel bedeckenden Winters: „Man sah den Fluß auf- lauen, die Bäume grünen, die Blumen erblühen und den Frühling sich in seiner Schönheit entfalten." Unter Ludwig XVI. führten die sogen. ..Sableurs" mit gefärbtem Sande, MarmorglaS oder Zuckerstaub mit unglaublicher Schnelligkeit persische Teppichmuster und andere Bilder auf Dem Tisch aus, die dann ein Hauch oder ein Wasfertropfen zerstörte.
Frankfurter Theater.
Leopoldine Konstantin absolvierte zwei Gastspiele am Reuen Theater. Es liegt bei diesen Provinzgastspielen die Gefahr nahe, datz die Künstler ihre Stücke der jeweiligen Rolle zu lieb wählen und den literarischen Wert gänzlich unbeobachtet lassen. So brachte diesmal, um der „Ginette" teilten die Konstantin „Die Schule der Koketten" von A r m v u t und Gabi- d o n, eine Komödie, die unsagbar lächerlich im unlustigen Sinne ist. Auch die sonst fo charmante Künstlerin gefiel sich in maßlosen Uebertreibangen. Diese Enttäuschung wußte sie allerdings in Fedvrs Komödie „Dr. Iuci Szabo" durch ihr glänzendes Spiel und das brillante Hinüber- wechfeln rn die verlchieDsnartigen Empfindungen
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zeit mit gewaltiger ^levermacht ohne zeitraubende Mobilmach,tng jede deutsche Auflehnung mit Waffengewalt Niederschlagen tonnte. Es genügte tazu. zwei Jahrgänge zu den Waffen zu rufen, ’jn. verfassungsrechtlich betrachtet, nicht zur „Reserve" gehörten, sondern dem KriegSminister jederzeit ohne Mitwirkung des Parlaments „zur Verfügung" standen, deren Einstellung rechtlich keine Mobilmachung bedeutete.
Der Zustand kam daher auf eine verkappte. ständige Mobilmachung hin- au£. Er mochte, vom französischen Standpunkt aus betrachtet, für einen befristeten Zeitraum und einen bestimmten Zweck vorteilhaft fein, kehrte sich jedoch in daS Gegenteil, sobald mit der Beendigung des Ruhrkrieges die französische Politik einen völligen Wandel in der Wahl ihrer Mittel vollzog. Runmehr zeigte sich die iln- bra uchbarkeit eines Heeres, das auf die ständige Aufnahme von Reserven eingerichtet war. dessen Reihen aber durch den normalen Ersatz der dienstpflichtigen Iahresklassen nicht annähernd gefüllt wurden. Das Rahmenheer tear wohl im älmsehen mobil, hatte aber normal äußerst niedrige Etats stärken in den zahlreichen Verbänden. Die Ausbildung wurde zu einer Farce. Eine Reform war unabteeis
Ein weiteres kam hinzu. In die 1924 gewählte Kammer zog eine Mehrheit, die sich auf die baldige Einfü hrung der einjährigen Dienstzeit fcftgclegt hatte. Ein Kampf gegen diese erschien aussichtslos. Sie tixir auch bei dem Riangel an Arbeitskräften in Frankreich wirt f chastlich eine nahezu zwingende Rotwendigkeit. sie war außenpolitisch erwünscht, denn sie bildete ein zugkräfttges Gegenargument gegen die immer mehr um sich greifende Empörung über den Militarismus des zahlungsunfähigen Frankreich. So blieb dem französischen Generalstab, der seine Blütenträume am Rhein nicht mehr reifen sah, nur übrig, das Heer auf die Friedensa rbeit u m z n st eilen und dabei eine Organisation zu finden, die die zu erwartenden Schäden einer verkürzten Dienstzeit für die Ausbildung ausschaltete. Das tonnte gelingen, wenn man sich von den überlieferten Dorkriegsformen freimachte und gänzlich neue Wege ging.
Aus diesen Gedankengängen heraus sind die Gesetzentwürfe entstanden. Die zur Zeit dem Heeresausschuß der Kärntner zur Begutachtung vorliegen und demnächst vom Plenum beraten
des Fräulein Dr. Szabo wettzumachen. Diese Komödie aber war auch nur aus dem Selbstzweck der Rolle gewählt. — Rachdem in Berlin die „Mrs. Cheney" unzählige Male geendet hat, interessiert jetzt „Mrs. Cheneys Ende" im Reuen Theater auch das Frankfurter Publikum FrÄ>erik Lonsdale (deutsch Julius B e r st l) hak einen ganz reizenden Lustspiel- und Abenteuer-Film für die Bühne geschrieben. Die vier Bilder find unterhaltsames, spaßiges, leicht satirisch angehauchtes Kino der Worte. Der Aufbau und die Entwicklung dieser „Mrs. Cheney" ist gut, aber die Schluhpointe, das eigentliche Ende der Heinen Abenteuerin, die der englischen guten Gesellschaft den Kopf verdreht, nach Perlen fahndet, die Herzen zweier Lords stiehlt, auf nächtlichem Raubzug von dem einen abgefangen wird um ihr Ende findet, indem dieser Lord, Arthur Dilling, sie nach allen Aufregungen, ihrer reizen^ den Raivität halber, zur Lady Dilling macht. Dieses Ende der. in ihrer Charakterisierung ganz entzückend anständigen Gaunerin erscheint em wenig zu romantisch und gewaltsam. Aber ccftenß ist es ein Lustspiel, zweitens gefällt der ausschlaggebenden Mehrheit, dem Publikum dieses „Happy end" ausgezeichnet und drittens sindMrs. Cheney und Lord Dilling zwei äußerst sympathische Outsider, daß wir ihnen ihr Glück gönnen wollen, zumal die andere scheinbar moralinsaure Gesellschaft so herzerfrischend die Meinung gesagt befommt. Die Aufführung gehört zu den besten, die das Reue Theater in letzter Zeit herausgebracht hat. Die Regie Alfred Rollers sorgte für ausgezeichnete Besetzung, schlagfer- ttges Zusammensplel und gut gesteigerte Span- mmg. Traute Carlsen brillierte in der Xitel- rolle und gab der Figur den über alles siegenden fraulichen Charme. Georg Lengbach (ßorb Dilling) gab wieder eine seiner eindrucksvoll umriffenen Erscheinungen und war ein vorzüglicher Partner der Carlsen, das gleiche gilt von Karl G»ü n t h e r s Hochstapler und als Kammer- diener figurierendem Charles. Das Publikum unterhielt sich glänzerS. L.W,


