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Nr. 218 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Aeitag, 17. September 1926

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr. H.THyriot: für den übrigen Teil Ernst Blumschein: für den An- zeigenteil i.Dertr. H.Beck, sämtlich in Gießen.

Der neue Völkerbundsrat.

Die Genfer Tragikomödie, die sich um den polnischen Ratssitz entwickelt hatte, ist zu Ende. Sie hat den Ausgang genommen, den man schon seit Lagen befürchten mußte: Deutsch­land ist von der französischen Diplomatie voll­kommen überspielt worden: es hat zwar formell das Ziel erreicht, daß es zuerst und allein in den Rat ausgenommen wurde, prak­tisch aber hält es seinen Einzug doch gleich­zeitig mit den Polen, Dieser Gewinn von we­nigen Tagen wäre schließlich im Frühjahr in Genf auch zu haben gewesen. Dazu war der große Aufwand an Energie, der damals von deutscher Seite entfaltet wurde, wirklich nicht nötig, viel­leicht hätte sich sogar erreichen lassen, daß die Zusammensetzung des Rates etwas weniger deutschfeindlich ausgefallen wäre, als jetzt. Denn eine für uns ungünstigere Kombination läßt sich eigentlich kaum denken. Schweden ist ver­schwunden, H o l l a n d ist dafür nur ein schwacher Ersah, auf China werden wir kaum rechnen können, auf die drei südamerikanischen Staaten nur insoweit, als das rein amerikani­sche Interesse es bestimmt, obwohl Chile sogar deutschfreundlich interessiert ist. Dagegen hat Frankreich es verstanden, seine letzten Reserven mobil zu machen. Cs hat nicht allein Polen auf drei Jahre in den Rat hineingeholt, es hat auch Rumänien und die Tschechoslowakei wieder wählen lassen, ja sogar Belgien zieht wieder in den Rat ein. Wobei allerdings zu be­merken ist, daß Belgien den rein französischen Kreisen wohl etwas entwachsen ist und aus dem Zwang der Wirtschaft heraus sich wieder bemüht, seine Selbstbestimmung zurückzugewinnen, so daß von deutscher Seite gerade unter dem Gesichts­winkel einer Wiederaufnahme der Verhandlungen wegen Eupen-Malmedy gegen eine Wiederwahl Belgiens nichts zu bemerken war.

Aber trotzdem, das eine ist sicher, daß Frankreich im Rat auf eine zuverlässige Mehrheit rechnen kann. Der einzige Schutz, den wir zur Verfügung haben, ist die Einstimmigkeit, die aber viel­leicht auch einmal versagt, wenn Deutschland ye- wissermaßen in den Anklagezustand versetzt wird und infolgedessen an der Entscheidung nicht mit- stimmberechtigt ist. Unsere Stellung im Völkerbünde ist durch diese Zusammensetzung des Rates noch schwieriger geworden, als sie ohnehin war. Die deutsche Delegation hat von Anfang an mit Recht Zurückhaltung gepredigt und nur sehr vorsichtig be­gonnen, den Boden zu sondieren. Es ist ja auch ganz selbstverständlich, daß durch unseren Eintritt in den Völkerbund Erfolge von heute auf morgen nicht zu erwarten sind. Nur müssen wir uns klar werden, welche Linie wir zu verfolgen haben, wenn wir im Völkerbunde wirklich etwas erreichen wollen.

Die nächstliegende Politik wäre die, daß wir die mit der augenblicklichen Machtpolitik der Siegerstaaten unzufriedenen kleineren Staa­ten um uns sammeln und uns gleichsam zum Fraktionssührer der Unzufriedenen wählen lassen. Das hat etwas Bestechendes, der Rachteil ist nur der, daß alle diese Staaten uns im entscheiden­den Augenblick wahrscheinlich nur eine sehr schwache Stütze sein würden, weil die Macht- verteilung zu ungleich und der Völker­bundsrat, wie wir aus eigener Erfahrung wissen, zuletzt doch mit den stärkeren Bataillonen geht. Aber auch auf der Gegenseite haben wir nichts zu suchen. Sich ins Schlepptau Frankreichs und Englands zu begeben, das wäre ein Fehler, weil auf der Seite für uns nichts zu wollen ist. Es hat sich ja bei den Vorbereitungen der zweiten Sitzung der Studienkommission herausgestellt, welch schlechten Eindruck es auch bei den deut­schen Freunden machte, daß Fromageot und Gaus am selben Strange zogen. Vielleicht wäre es klüger gewesen, wenn wir uns bei diesen eng­lisch-französischen Vorbereitungen draußen ge­halten hätten: die Stimmenzahl, die für die Wiederwählbarkeit Polens abgegeben ist, zeigt ja, daß es zur Rot erreichbar gewesen wäre, unter starker Ausnutzung der polnischen An­griffsfläche durch geschickte Agitation den Polen diesen Stuhl wieder wegzuziehen.

Wenn man die Dinge bei Lichte besieht, ist doch der Völkerbund nichts anderes, als eine große Börse, wo politische Geschäfte aller Art gemacht werden. And wenn es uns gelingt, den Mitgliedern des Rates klar zu machen, daß ihre Interessen nicht auf der französischen Seite liegen, dann ist trotz des ungünstigen Ausganges der Wahl noch keineswegs alles verloren. Wir sagten schon, daß Belgien nur noch ein halber Bundesgenosse Frankreichs ist. Die Zuspitzung fer französisch-italienischen Beziehungen ist nicht erst von heute, sie hat gerade in jüngster Zeit Formen angenommen, die den Italienern die Anlehnung nach anderer Seite wünschenswert «erscheinen lassen mutz, und diese Seite wäre Deutschland. Von Rom aber führen die Fäden wieder nach Bukarest, wo sich am Ende auch der Hebel einsehen liehe, um die Beziehungen zwi­schen Frankreich und seinen Hilfsvölkern etwas zu lockern. Es hat daher für uns gar keinen Sinn, daß wir dem Mißerfolg nachweinen, den wir beim ersten Beschreiten des Völkerbunds­parketts erlitten haben. Viel wichtiger ist es, daß wir versuchen, aus der verfahrenen Lage das Beste herauszuholen und den Fran­zosen zu zeigen, daß die Gemeinsamkeit der

Interessen schließlich doch stärker zusammen» schweiht, als ihre taktischen Kniffe.

Die Wahl der nichtständigen Ratsmitglieder.

Genf, 16. Sept. (Sil.) Bis zum letzten Augenblick haben die Verhandlungen über die Wahl der nichtständigen Ratsmit­glieder angedauert und noch in den Wandel­gängen des Reformationssaales fanden kurz vor Eröffnung der Vollversammlung eine Reihe von Besprechungen zwischen den einzelnen Delegierten statt. Als die Versammlung um 10,15 Uhr vom Präsidenten eröffnet wird, ist der Saal sehr stark gefüllt. Der Präsident verliest den vom Büro der Vollversammlung festgelegten Wahl- modus. Dann werden die einzelnen Staaten dem Ramen nach aufgerufen und es wiederholt sich das bekannte Schauspiel, daß die Delegierten, einer nach dem anderen, die Runde über die Rednertribüne machen, auf der die Wahl­urne, ein hölzerner Kasten, aufgestellt ist. Links von der Dirne haben die beiden Wahlleiter Senator S c i a l o j a und Graf I s h i i Platz ge­nommen. Der Generalsekretär Sir Eric Drum- m o n d steht neben der Dirne und achtet darauf, daß die Zettel wichtig ins Innere befördert wer­den. Der Aufruf beginnt mit Albanien. Es folgt Südafrika, dann besteigt Dr. S t r e s e - mann als Dritter die Tribüne, um feinen Stimmzettel abzugeben. Die Feststellung des Wahlergebnisses dauert Si/2 Minuten. Das Er­gebnis wird unter der gespanntesten Oluf inert» samkeit der Versammlung vom Präsidenten ver­kündet. Abgegeben wurden 49 Stimmen. Die absolute Majorität betrug danach 25 Stimmen.

Folgende acht Staaten wurden zu nichtständigen Ratsmitgliedern gewählt: Polen mit 45 Stimmen, Rumänien mit 41, Holland mit 37, Chile mit 43, China mit 29, Belgien mit 41, Co­lumbien mit 46, San Salvador mit 42 Stimmen. Da nur diese acht Staaten im ersten Wahlgang die absolute Majorität erhalten haben, wird ineinem neuen Wahlgang das neunte rNitglied gewählt. Cs ist die Tschechoslowakei mit 27 Stimmen. Finnland hatte 11, Portugal 7 und Irland 4 Stimmen erhalten. 3m dritten Wahl­gang wurden dann P o l e n mit 44 Stimmen, R u - mänien mit 30 und Chile mit 41 Stimmen zu nichtständigen Ratsmitgliederna u f d r e i 3 a f) r e gewählt. 3m weiteren verlauf wurden zu zwei­jährigen Ralsmitgliedern folgende Staaten ge­wählt: Columbien mit 47 Stimmen, Hol­land mit 47 und China mit 34 Stimmen. Der Präsident teilte nach Verlesung des Abflimmungs- rcsultats mit, daß nunmehr die restlichen Staaten Belgien, Tschechoslowakei und San Salvador für die Dauer eines 3ahres im Rate sitzen werden. 3m letzten Wahlgang zur Bestätigung derjenigen Rats­mitglieder, denen die Wiederwählbarkeit zugesprochen werden soll, wurde Polen mit 36 Stimmen gewählt. Da kein anderes Gesuch vorlag, ist Polen allein zum wiederwählbaren Mitglied des Rates ernannt worden.

Punkt 6 Dlhr eröffnete Bene sch die erste öffentliche Sitzung des erweiterten Völkerbundsrates mit einer Ansprache, in der er u. a. auf die geschichtliche Bedeutung dieses Ereignisses hinweist und zunächst im Ramen aller Ratsmitglieder das Deutsche Reich und feinen Vertreter, Reichsminister Dr. Strese- mann, als ständiges Ratsmitglied herzlich be­grüßt. Rach weiteren Worten der Begrüßung an die Vertreter der neuen nichtständigen Rats­staaten erinnerte Denesch, unter Hinweis auf die geschichtlich denkwürdige Sitzung des Einzuges Deutschlands in den Völkerbund an die Worte Briands, daß es im Völkerbund keine Parteien geben dürfe, um dann zu erklären, daß es die Pflicht des Völkerbundsrates sei, die graften Prinzipien des Dölkerbundspaktes tm Geiste der Freundschaft, Herzlichkeit und Auf­richtigkeit durchzuftihren. Der Völkerbundsrat habe während seiner bisherigen Tätigkeit jeder­zeit versucht, etwa auftretende Schwierigkeiten zu überwinden und er habe dabei einen unstreitbaren Erfolg gehabt. Er schloß mit dem Wunsch, daß der Rat auch in seiner neuen Zusammensetzung in gleichem Geist internationaler Zusammen­arbeit und gegenseitigen Verständnisses die gro­ßen Grundsätze des Völkerbundspaktes durch­führen möge. Rach dieser kurzen Degrühungs- ansprache trat der DölkerbundSrat in die Behand­lung feiner Tagesordnung ein, die rftir Punkte untergeordneter Bedeutung enthält.

DerneueVölkerbundsrat

Genf, 16. Sept. (TU.) Die Zusammensetzung des neuen Völkerbundsrates braucht nicht zu überraschen. Im wesentlichen sind diejenigen Staaten gewählt worden, die in den letzten Tagen als die aussichtsreichsten Kandidaten genannt wurden. Bedauerlich ist, daß Finnland nicht tn den Völkerbund einrückt. B e n e s ch , der sich, ganz objektiv gesprochen, die größten Verd'enste um den Völkerbund erworben hat, hat den Finn- läirdern den Rang abgelaufen und man wird ihn wiederum als treibende Kraft des Rates erblicken. Reben der Tschechoslowakei sind Po­len und Rumä n i en in den Rat eingezogen. Damit hat die Kleine Entente zwei Sitze er­rungen und besitzt in Polen einen weiteren guten Sreunb. Eine enge Zusammenarbeit dieser Staaten mit Frankreich und Belgien ist vorauszusehen. Der französische

Block verfügt somit über 5 sichere Stimmen. Die drei südamerikanischen neugewähl- ten Staaten Columbien, Chile und San Salvador sind in der Völkerbundspolitik noch unbeschriebene Blätter. Der Eintritt Chiles wird in Deutschland sicherlich begrüßt wer­den, da wir zu dem chilenischen Staat die be­sten Beziehungen unterhalten. Auch China dürfte man in Deutschland gern im Rate sehen. So bleibt denn noch als neuester Staat Hol­land, das sich in der Völkerbundspolitik durch die mannhafte Betonung der Interessen der kleinen Staaten die Achtung aller anderen Völkerbundsmitglieder erworben hat. In der Oeffentlichkeit ist noch nicht bekannt geworden, durch wen die einzelnen Staaten sich im Völker­bund vertreten lassen wollen.

Stresemann vor der deutschen Presse.

Genf, 16. Sept. (WTB.) Auf einer ge­selligen Veranstaltung, die vom Reichspressechef heute abend am Sih der deutschen Delegation gegeben wurde, sprach Reichsautzenminister Dr. Stresemann vor den Delegationsmitgliedern und den Vertretern der deutschen Presse. Der Mi­nister nahm zu den verschiedenen Anschauungen bezüglich der gegenwärtigen Genfer Tagung in grohangelegten politischen Ausführungen von grundsätzlicher Bedeutung Stellung. Ich habe, so führte er u. a. aus, das Recht, subjektiv zu sein. Eine reine Objektivität in politischen Dingen gibt es nicht. Ein Mensch, der immer und unter allen ilmftänöen um eine reine Objek­tivität sich bemüht, ist kein Kerl im deutschen Sinne. Ich empfinde tiefe Genugtuung über die Stellung, die sich Deutschland in der Welt wie­der erobert hat. Cs war nicht mein eigener Wunsch, aber durch die Entwicklung der Dinge war ich dazu berufen, an die Spitze des Reiches zu treten, zu einem Zeitpunkt, wo wir alle Kräfte darauf rüsten mutzten,

auch nur zum Versailler Frieden zurückzu­kommen, während unsere Gegner glaubten, weit über dessen Bestimmungen hinausgehend uns zum Opfer ihrer (Belüfte und Ansprüche machen zu können.

Damals wäre als Rarr bezeichnet worden, wer vorhergefagt hätte, daß Deutschland heute mit solchem Jubel begrüßt als gleichwertige Groß­macht in den Völkerbund einziehen würde. Ich habe heute die Empfindung, daß dieser Vorgang ein Auf geben des Geistes von V er - s a i l l e s bedeutet. Wir haben 1919 um Auf­nahme in den Völkerbund gebeten. Man hat sie uns verweigert. Dann kam Macdonald, der von dem leeren Stuhr sprach, der besetzt werden müßte. Wir folgten dieser Einladung nicht. Wir sind nicht bedingungslos in den Völkerbund ein» getreten. In Locarno sprachen wir es aus, daß unser Eintritt in den Völkerbund niemals die An­erkennung moralischen Unrechtes von deutscher Seite bedeuten könne. Wir haben uns dagegen verwahrt, daß wir unbefähigt seien, an der kolonialen Arbeit anderer Weltvölker teilzuhaben. Wir haben als selbstverständlich darauf bestanden, daß, solange ein Unterschied im Rat zwischen Großmächten und anderen Mächten bestehe, Deutschland nicht anders als im Rahmen dieser Großmächte in diesen Rat eintreten könne, und schließlich hat auch der Austritt zweier großer Rationen den Völkerbund nicht daran gehindert, anzuerkennen, daß der Eintritt Deutschlands wichtiger ist als selbst dieses Opfer.

Wir wollen doch das eine hier feststellen:

Cs gibt keine ausdrucksvollere Zurücknahme der moralischen Anschuldigung, als die Aus­nahme Deutschlands selbst, so, wie sie sich am Freitag, begrüßt von den Rationen der ganzen

Welk, vollzogen hat.

Indessen: die Gröhe der deutschen Wiederauf­richtung wird draußen in der Welt weit mehr anerkannt, als in unserem eigenen Volke. Jedes andere Volk hätte die Wärme dieses Sonnen­strahls empfunden. Ob das bei uns in zureichen­dem Maße der Fall ist, daran kommen mir be­rechtigte Zweifel, wenn ich sehe, wie die der­einst für uns kritisch den Dingen gegenübersteßen­den Deutschen heute so sehr zu Extremen neigen und das Verständnis dafür vermissen lassen, wie verschieden das gleiche Ereignis von draußen und von drinnen gesehen wird. Für unsere Haltung ist entscheidend, daß die künftige Geschichtsschrei­bung nicht die Frage des ilnterliegens voranstellen wird, sondern die Frage, wie es überhaupt möglich war, daß Deutschland die Kraft aufgebracht hat, so lange einer Welt von Feinden zu widerstehen. Ich erinnere an das Wort, das ein Argentinier kurz nach dem Kriege öffentlich aussprach:Das Haupt umwun­den von Lorbeer, ist Deutschland im Kampfe gegen eine Welt von Feinden unterlegen. Aber der Ruhm seiner Taten wird durch die Jahr­hunderte leuchten!"

Für uns war die große Frage, ob wir einmal in der Welt d i e moralische Genugtuung erhalten würden, wie sie uns in Genf zuteil geworden.

Wan kann naturgemäß nicht verlangen, daß all die realen Dinge, die durch den verlorenen Krieg zur Tatsache geworden sind, mit einem Schlage ihre Bedeutung verlieren.

Ich kann es nicht verstehen, wie die Leute, die sich auf den größten deutschen Staatsmann be­

rufen, sein Wesen so verleugnen können, daß sie heute von seiner Auffassung der Realitäten sv wenig verspüren lassen. Wir sind machtlos von toaffenftarrpnben Rachbarn umgeben, nicht mehr im Sonnenglanze deutscher Weltgeltung, und wir müssen versuchen, schrittweise das zurückzu- bringen, was wir verloren haben. Der Minister erörterte dann die Tagesereignisse und sagte, daß man nicht erwarten könne, daß die früheren Feinde auf Früchte ihres Sieges verzichten und auf Deutschlands Forderungen eine Entsagung üben sollten, die wir im gleichen Falle ebenso­wenig geübt haben würden. Aber die mora­lischen Erfolge sind Gewähr für eine weitere Entwicklung.Hätte etwa Bismarck", so fragte Dr. Stresemann,1877 eine versöhnlichere Rede an die Adresse Frankreichs halten können, als Br i and an diejenige Deutschlands?" Er stellte dabei eine viel verbreitete Redewendung richtig, die ihm unterstellt werde:Ich habe niemals gesagt, es gibt keine Sieger und Besiegten. Aber das habe ich gesagt:

Cs gibt unglückliche Vesiegke, aber keine glück­lichen Sieger?

Und das ist auch die Signatur dieser Tage. Man versteht endlich, daß man den falschen Weg gegangen ist. Ich habe die feste lieber- zeugung, daß Driand feine Rede aus dem Inner­sten des Herzens gehalten hat, daß er diese Emp­findungen wirklich und aufrichtig hegt. Richt das ist das Entscheidendste, daß er sie gehalten hat, sondern daß er sie halten konnte, ohne von dem französischen Volk desavouiert zu werden.

Eingehend auf die heutige Ratswahl unter­suchte der Minister Wetter die tatsächliche Ein­stellung der verschiedenen neugewählten Rats­mächte zu Deutschland, um zu dem Schluß Hu kommen: Man kann diese Staaten nicht in em starres System einrangieren, und, um dann auf Grund eines soeben von dem früheren Reichs­kanzler Dr. Luther aus Peru eingetroffenen Funkspruches angesichts der geradezu begeistern­den Kundgebungen, die ihm und Deutschland dort zuteil geworden find, den Schluhgedanken zu entwickeln, daß das deutsche Prinzip die Grundlage jeder Verständigung sei und sein mutz. Dabei haben finanzielle Leistungen grundsätzlich hinter dem Gedanken zurückzutreten, daß d i c politischen Fragen das ober st e Ziel unseres Strebens sein müssen. Dabei kommt es auch nicht auf Tageserfolge, wie etwa eine kleine Verminderung der Besahungstruppen an, sondern auf die vollständige Berei­nigung der zwischen uns und unseren ehe­maligen Gegnern schwebenden Punkte. Eine Frage, die durch die vollkommen veränderte gei­stige Atmosphäre ihrer Erledigung entgegenreift.

Vor der Besprechung Briand-Stresemann.

Genf, 16.Sept. (Havas.) Briand und Dr. Stresemann haben vereinbart, sich im Laufe des morgigen Tages zu treffen, um über die zwischen beiden Ländern schwebenden Fragen eine längere Aussprache zu führen. Es ist mög­lich, daß sie, um den zahlreichen in Genf an­wesenden Journalisten zu entgehen, sich nicht in der Stadt selbst treffen werden. In französischen Kreisen mißt man der morgigen deutsch-französische Aussprache zwar die ge­bührende Bedeutung bei, hebt jedoch hervor, daß diese Unterredung keine allgemeine Trag­weite haben kann, und daß es für die beiden Staatsmänner vorteilhafter sein wird, wenn sie Ansichten und gegenseitige Sondierungen vor­nehmen, als wenn sfe hinsichtlich der von ihnen vertretenen Länder präzise Verpflichtungen über­nehmen. Wie mit Bestimmtheit verlautet, wird der englische Außenminister Chamberlain bereits heute abend Genf verlassen und sich nach London zurückbegeben. Die Führung der englischen Delegation übernimmt Lord Robert Cecil. Driand wird, soweit bis jetzt sestzustehen scheint, morgen abend nach Paris zurückreifen. Amerikanische Journalisten haben hohe Wetten über Ort und Zeit der Zusammenkunft zwischen Driand und Stresemann abgeschlossen.

Danzigs Zollabkommen mit Polen.

Danzig, 16. Sept. (TU.) R-ch Meldunaen aus Genf wurde gestern abend dort der Text ocs Abkommens zwischen Danzig und Polen in der Frage der Reuverteilung der Zoll­einnahmen endgültig festgesetzt. Die Unter­zeichnung des Abkommens wird erst erfolgen, sobald die Warschauer Regierung, die telegra­phisch um ihre Stellungnahme ersucht worden ist, sich bereit erilärt, die vereinbarte Mindest- zahlung von 14 Millionen Gulden jährlich ab 1. September zu leisten.

Ein neues französisches Kriegs- gerichlsurleil.

Koblenz, 16. Sept. (TU.) Das französische Kriegsgericht verurteilte gestern den Referendar Gaß aus Koblenz zu einem Monat Gefängnis, weil er am 26. Juli in der Dunkelheit den Posten vor der Kommandantur angegriffen bzw. im Vorbeigehen berührt habe. Der Angeschul- digte bezeichnet die Behauptung des Postens als unwahr, wurde aber trotzdem vom Kriegsgericht verurteilt. Dem Verurteilten wurde Strafaufschub eingeräumt.