nr. 191 Zweites Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Der Kampf zwischen den Sowjetsührern.
Don unserem 3. K.»Derichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Moskau. August 1926.
Das Dunkel, das bisher den Kampf innerhalb der Kommunistischen Partei Ruhlands verbarg, btzginnt sich langsam zu lüften. Der Sturz Sinowjews hat die öffentliche Meinung über das grobe Geheimnis aufgeklärt, so dah man jetzt endlich etwas Genaues über die Dorgänge innerhalb der Kommunistischen Partei sagen kann. Es ist das folgende.
Die Kommunistische Partei Ruhlands sowie das ganze kommunistische System machen eine schwere Krise durch, die die Führer der kommunistische Bewegung feit_ langem sahen, aber jeder nach fernem eigenen System lösen wollte. Da bisher eine Einigung über das richtige Mittel nicht erreicht worden tft, bekämpft also ein Führer den anderen und versucht ihn t>j>n der Richtigkeit semeS Systems zu überzeugen. Dieser intellektuelle Kampf hat schon gleich nach dem Tode Lenins, der Ruhend ohne eigentlichen Führer Hm. (mgefangen. Später wurde er auf dem Kongreß der Komnuuristischen Partei im Dezember des 3ahres 1925 zum ersten Male durch Sinowjew in bip Oeffentlichkert getragen, in dem Simxwjew ertiärte, dah er und nur er der einzige s-i, bet Lenins Politik fottfehcn föttne und imstande sei, die kommunistische 3oee auch in der Zukunft aufrecht zu erhalten. 3edoch lchrrde Smovchew qyf Mefe OdKärung hin von einigen kommuntst^chep Führern, hauptsächlich d«N foganannien „H«P."^Leuten. oder wie die liflten KommmBisten sie nennen, den „Wirtschaftlern", stark angegriffen. Stalin, im Hamen der Kommunistischen Partei Ruhlands und T o m s k i iw Hamen der russischen Gewerkschaften stellten sich gegen Sinowjew und einige Parteimitglieder verlangten sogar, dah Sinowjew aus dem Polükbureau ausgeschlossen und als Vorsitzender der Kommunistischen 3ntemationale abgeseht werden solle. Damals hielt man solche Maßnahmen aber für zuweitgcchend. so dah Sinowjew, gestützt auf den linken Flügel der Partei und die ßeningraber Garnison, seine beiden Qfomter weiterhin behalten konnte. Wie weit die Gegensätze zwischen Sinowjew und den anderen russischen Kommunisten gediehen waren, zeigten jedoch immerhin einige Reden, die auS dieser Tagung bekannt wurden. Als Sinowjew eine sehr scharfe Rede gegen die Anhänger Stalins hielt, sprang Tomski auf und rief ihm zur „Grischa, du 'kannst doch zu Komintern gehen und dich dort über uns beklagen!" Sinowjew erblühte und nach einer kleinen Pause rief er zornig aus: „Das werde ich auch tun!"
Sinowjew hat fein Wort gehalten.
Auf der letzten Sitzung, auf welcher die Frage Sinowjew-Laschewitsch behände ll wurde, konnte der inzwischen verstorbene Dzerschin - s k i die Anklage erheben, dah Sinowjew als Vorsitzender der Komintern fast mit sämtllchen kom- munistischen Parteien des Auslandes ohne Wissen des Polltbureaus und der anderen Mitglieder der Komintern in ständigem Kontakt gestanden habe. Roch mehr, Dzerschinski behauptete, dah Sinowjew in der letzten Zeit seiner Tätigkeit sich gegen die Leitung der russischen Kommunistischen Partei sogar der Radiotelegraphenstalion der Komintern sowie der diplomatischen Kuriere der Sowjetregierung bedient habe. Hur die Tatsache, dah Dzerschinski durch seine G. P. U.» Hgenteil von dieser Tätigkeit Sinowjews erfahren hatte, rettete Sinowjew vor dem Scherbengericht seiner Parteigenossen. Man hiell es denn doch für zu kompromittierend, dah ein Genosse auf Spihelangaben der G. P. II. hin verurteilt würde und überschätzte wohl auch den Einfluh Sinowjews auf die Armee. Erst als Sinowjew durch einen offenen Brief, den er an den russischen Zentral- und Vollzugsausschuh in Form einer Broschüre richtete, auch der weiteren Oeffent- lichkeit seine oppositionelle Stellung bckamrtgab, wagte man es. gegen ihn vorzugehen, weil er erst damit gegen den obersten Grundsatz der einheitlichen Parteidisziplin soweit verstohen hatte, dah trte Öffentlichkeit nichts gegen seine Absetzung einwenden konnte.
3n dem Briefe an den allrussischen Zentralen Vollzugs ausschuh hatte Sinowjew nämlich erklärt: „Das. wovor Lenin immer so grobe Angst batte, ist eingetreten. Wir sehen dem Untergang der Roten Armee entgegen. Anstatt reiner Kommunisten haben wir heutzutage hohe Dureaukraten, halbbourgeoise Diplomaten und
Kaufleute, welche die Toleranz der sowjetrussi- fd;tn Anständigkeit m.ßbrauchen, indem sie «ich mit roten Kokarden dekorieren. Das Blut, das das russische Proletariat in den Fahren 1917 bis 1920 vergossen hat, ist nutzlos vergossen worden. Der Kommunismus existiert nur nach auhen bin. 3n der Partei selber und unter der Regie» ruugsbureaukratie ruft der Kommunismus nur ein gutmütiges ironisches Lächeln hervor. Die Parteiausrottung und die moralische Zerrüttung sind im ganzen Regierungsgebäude soweit fortgeschritten, dah nur außergewöhnliche Mittel die Lage retten iönnen. 3ch weih nicht, was ihr mit mir. sowie mit meinen Gesinnungsgenossen. die den Mut haben, eure Sünden gegen das Protektorat vor der ganzen Welt aufzudecken. machen werdet. Eins aber weih ich dah, wenn ihr den Dogen zu straff anziehen werdet, das ganze Sowjetgebäude zusammenbrechen und unter seinen Trümmern die russische Partei auf lange 3ahre hinaus begraben wird!"... Also offene Rebellion, die um so schlimmer war. als sie sich an die Führer der Roten Armee richtete und die zusammen mit der Aufdeckung der Verschwörung in dem Wäldchen bei Moskau Sinowjews Stellung den Todesstoß versehen muhte.
Richt immer kann man glauben, was Gerüchte sagen. 3n Sowjetruhland aber muh man ein wenig an Gerüchte glauben, da eine Pressefreiheit nicht existiert und jede Frage nur durch die Parteien und Aegierungsorgane in einer vorher ausgearbeiteten und stilisierten Form veröffentlicht wird. Darum spielen die Gerüchte eine so grobe Rolle. Die Vergangenheit hat schon oft gezeigt, dah Gerüchte, welche monatelang durch die kommunistische Presse dementiert wurden, sich später als Tatsache herausgestellt haben. Darum soll hier auch ein Gerücht verzeichnet werden, das das Wahrscheinlichste in einem ganzen Chaos von Meinungen ist. Es wird erzählt, dah Dzerschinski. nachdem er seine Anklagerede gegen Sinowjew gehalten hatte, erklärte, dah Sinowjew durch den Verrat an der Kommunistischen Partei fein Leben verwirkt habe und deshalb wie jeder andere Verrät« zum Tode verurteilt werden müsse. Fast sänttliche Mitglieder des Politbureaus stellten sich jedoch gegen diese Forderung Dzersch'.nstts und machten den Kompromihvorschlag. Sinowjew vom Politbureau auszuschliehen. Als dieser Beschluß mit allen gegen Dzerschinskis Stimme durchging, verlieh Dzerschenskii in auherordent- licher Aufregung die Sitzung. Am gleichen Tage fand man Dzerschinski m seinem Hause abends tot auf. Ob diese Darstellung zutreffend ist oder nicht, kann man heute noch nicht feststellen. Sicher ist nur, dah Dzerschinski an dem Tage gestorben ist, an welchem Sinowjew aus dem Politbureau ausgeschlossen wurde. Der Tod Dzerschinskis wurde sofort befanntgegeben, während die Öffentlichkeit von dem Ausschluß 6t- nvwjewS aus dem Politbureau erst drei Tage nach dem Tode Dzerschinskis erfuhr. Man wird also abwarten müssen, was der nächste allrussische Parteikongreh über diese Angelegenheiten Auten- tisches berichten werde.
wie es heute in Südwest cmsfieht.
Don Wolfgang Weber.
Südwest nimmt unter unseren früheren Kolonien eine Sonderstellung ein: sie ist die einzige, die deutsch geblieben ist. Hur die Beamten wurden ausgewiesen, und die angeblich „'Borbestraft en“, unter deren Deckmantel auch alle die ausgewiesen wurden, die der englischen Verwaltung nicht genehm waren. 3mmerhin leben dort heute fast 9000 Deutsche gegen zusammen 9000 Engländer und Buren und in allen Wahlen der letzten Wochen haben unsere Landsleute von 12 Sitzen 7 erringen können. So hat Südwest seinen deutschen Charakter vollständig erhalten.
Am wenigsten hat sich Windhuk, die englische Derwallungsstadt. dieses deutsche Gesicht erhalten. Etwa 1000 Beamte mit ihren Familien wohnen dort, 75 Prozent der Bevölkerung ist englisch. Als Lord Buxton im Oktober 1919 dort eintrat, meinte er: „Unter feinen Umständen wird das Land an Deutschland zurückgegeben werden." Es ist zu befürchten, dah die Union diese Ankündigung wahr machen wird, und gerade das mit ihr verwachsene Südwestafrika wird kaum an uns zurückkommen. Der deutschfreundliche Premierminister Hertzog erkannte in einem längeren Aufsatz in der „Cape TimeS" Deutschlands koloniale Tätigkeit in Südwest durchaus an. aber er bemerkte zugleich, dah Südwest wirtschaftlich zu dem englischen Südafrika gehöre. Tatsächlich wäre
Geschichten vom Regenschirm.
Don Richard Linden-
GS regnet. Regnet strippenmunter und fast ununterbrmhen in diesem Sommer. Der trügerische Sonnenschein, der sich ab und zu schüchtern in Erinnerung bringt, kann auch den Vertrauensseligsten nicht mehr täuschen. Man weih es nur zu gut: irgendwo — tief unten am Horizont, den man hinter den Steinmauern der Stadt nicht sieht, lauem Wolken, dicke graue Wolken. Ein kleines Windchen genügt, unb sie kommen herauf, unp ein weniges später gießt es. 3n Strömen. — OBebe dem, der dann ungerüstet, unbeschirmt auf der Straße spaziert! Drum: wer klug ist, baut vor und gehst selbst bei strahkendem Sonnenschein nicht ohne Regenschirm von Hause fort. Wenn alle Wett es sich anaewbhnen würde, dieses als lästig verschriene Möbel stets mit sich zu führen ich garantiere, der Regen verzieht sich spornstreichs, denn bekanntlich und mit der gröhien Doshastiskdft regnet es immer nur dann, wenn man keinen Schirm bei sich bat.
Und ist er denn wirklich so lästig, dieser mel- geschmähte Regenschirm? — Es scheint doch, als ob die Zett endgültig vorüber wäre, da man sich über ihn ärgerte, denn der moderne Schirm, besonders der Heine, so kurios und luftig an- schauende Damenschärm, ist ein Wunder an Zweck- Säßigkeit und Leichtigkeit. An einem dünnen lernen baumelt er am Handgelenk seiner Trägerin und macht sich in keiner Weise unangenehm bemerkbar, weil man nicht, wie früher über seinen langen Artgenofsen stolpert. Braucht man ihn aber, so ist er gefällig zur Hand, und braucht man ihn nicht, dann oient er als kokettes Schmuckstück. das man auf vielerlei Art tragen kann: am Arm, im Arm oder unter dem Arm, je nach Einfall und Eigenart seiner Besitzerin. Der heutige Schirm ist ganz gewiß ein Ding, das man
liebgewinnen kann, er ist hübsch und praktisch zugleich.
Unsere Vorfahren hatten es in dieser Beziehung nicht so gut. Die Regenschirme früherer Zeiten waren schwere, ungefüge Gebiloe. die eine beträchtliche Anzahl von Pfunden wogen und noch nicht zum Auf- und Zullappen eingerichtet waren. Sie boten einer vielköpfigen Familie Schutz, wurden in hohen Ehren gehalten und vererbten sich von Generation zu Generation fort. 3br großes Gewicht und die unpraktische Handhabung waren Schuld daran, daß man sich dieser „ Familiendächer“ nur ungern bediente, sondern sich lieber durch wollene Regentücher, die man über den Kopf zog. oder durch pilzförmige Regenhüte schützte.
Gin sonderbares Regendach hatte sich der russische Fürst Putjatin, der Anfang des neunzehnten 3ahrhundertS in Dresden lebte, konstruieren lassen. 3n den . Lebenserinnerungen eines alten Mannes" erzählt Wilhelm von Kü- gelgen über ihn folgendes: „Meine Dresdener Zeitgenofsen werden sich erinnern, daß ihnen te zuweilen bei Regenwetter ein wandelndes Schilderhaus ober ein Pavillon von schwarzem Taffet begegnet ist. Das war ein Fürst. Sich bei Exponierung des ganzen Körpers nur allein den Kopf zu schützen, hielt er für unzuträglich, und er erfand daher diese Verunstaltung, welche mit Reinen Glasfemstern versehen, die ganze Gestalt bis an die Knöchel bedeckte."
Die ersten Schirme brachten portugiesische Seefahrer im 16. 3ahrhändert aus dem Orient nach Europa herüber. Man führt den Ursprung des Schirmes bis auf das heidnische Altertum aurüd, wo er ein Privileg der regierenden Fürsten war. Rach seinem B«anntwerden in Europa war Frankreich das erste ßanb, das die Fabrikation von Schirmen übernahm. Es stellte sie mit langen Schirmstöcken qus wohlriechendem Holz und Gestellen aus Fischveinstangen her, Me
seine Expansion nach dem Kap. der übrigen Union und Rhodesien ohne das Fallen der Grenze undenkbar gewesen. Und noch eins: Süd- West hat endlich seinen Hafen erhalten. Unsere Kolonie besaß nur eine einzige Einbuchtung, die den Schissen Schuh vor dem gefürchteten Süd- ostpassat bot: Lüdcritzbucht. Aber diese diente nur dem Verkehr mit den Dtamantseldern. die sich in der Hähe des Hafens ausdehncn. Das Hinterland von Keetmanshoop wickelt seinen Verkehr ausschließlich über die Kapbahnlinie ab.
3m Horden aber, wo die Entfernung vom Kaplande ganz bedeutend ist und wo alle aus dem 3nneren und aus der Hauptstadt Windhuk kommenden Derkehrsstraßen an einem einzigen Punkt an der Küste zulammenlaufen, da war die Notwendigkeit eines Hafens vorhanden. Die glänzenden Voraussetzungen zu einem solchen sich in Walvisbah: aber das war englisch. Eng- land hat nicht allzu viel 3nteresse an dem Bau dieses wertvollen Hafens gehabt. Er blieb ziemlich unausgebaut, und auf deutschem Boden, einige Kilometer weiter nördlich, entstand die Stadt Ewakopmund.
Walvisbay ist einer der wichtigsten Plätze Südafrikas, zweifellos aber der trostloseste der Erde. Einige Zeilen elender Holzhütten find auf Pfählen in den Sand gerammt, der mit eingegrabenen Walfischknochen am Fort wehen verhindert wird. Eine Walfischsiederei mit ihren angenehmen Gerüchen vollendet noch das 3am- merbild, das meistens von unbarmherzigen Sandstürmen eingehüllt ist. Der einzige Lichtpunkt ist die Trollyverbindung mit Ewakopmund, wohin man mit dem auf Eisenbahnschienen lausenden Auto in 40 Minuten fährt. Wer das reizend gelegene Windhuk kennt, wird auch Ewakopmund unbewohnbar finden. Don Walvisbah kommend, glaubt man aber ein Paradies zu finden, mit echten Bäumen. Holztrottoirs und elektrischem Licht. Mit erstaunlicher Ausdauer hat Deutschland hier einen ganz annehmbaren Ort aus der Wüste geschaffen, und mit bewundernswertem Mut hat es versucht, den Mangel an Hafen durch einen noch unvollendeten riesigen Pier zu überwinden.
Es wird unvollendet bleiben und Swakopmund wird fallen, wenn ein neues, seiner Bedeutung entsprechendes Walvisbah gebaut wird. Vorläufig wohnt noch jeder zivilisierte Mensch, der im Hafen zu tun hat, in Swakopmund. Aber die Hationenschranke ist gefallen. Es liegt nichts mehr im Wege, den Wohnort Swakopmund mit dem Hafen Walvisbah zu vereinigen.
3nzwifchen arbeitet die Regierung in Windhuk eifrig an der Durchführung ihrer Neuerungen. Schutz der Eingeborenen — Schutz Englands, das ist auch hier die Parole. Aber während in Ostafrika das System der Hegerreferoate durchaus positive Ergebnisse gezeitigt hat. hat sich England in Südwest durch eine Unvorsichtigkeit Lord Buxtons die Sympathien bei den Eingeborenen verdorben. Wan wird sich erinnern, daß als Bestrafung des Hereroaufstandes die deutsche Regierung allen Eingeborenen dis Viehhaltung verbot und sie enteignete. Diese Verordnung hat nun Buxton nicht nur aufgehoben, sondern den Schwarzen auch weitgehende Konzessionen und Versprechungen gemacht.
Damit hat er den fundamentalsten Fehler gemacht, den Afrika überhaupt kennt. Wenn der primitive Gerechtigkeitssinn des Regers einmal verletzt ist, dann gibt es kein Verzeihen und kein Verstehen mehr: und so wird es wohl England kaum gelingen, wette Kreise der Eingeborenen zu harmlosen Viehzüchtern zu erziehen und damit wenigstens einigermaßen ein Aeguivalent zu der sozialpvlttischen Gefahr der Minenarbetter zu bilden.
nirgends hat sich die Eingeborenenftage so zugespitzt wie hier. Sie ist das Tagesgespräch, das brennende soziale Problem, vielleicht eines Tages die Existenzfrage. Südwest war ja immer schon ein heißer Boden: die Hereroaufstände gehören zu den blutigsten aller afrikanischen Eingeborenenkriege. (75 Prozent der Bevölkerung mußte ihr Leben lassen!) Kein Wunder, dah die Minen durch die Massenverwendung von Arbeitern eine kritische Situation geschaffen haben, die sogenannte „ Farbenschranke".
Um keinen Preis wird sich ein Weiher Arbeiter mit einem Schwarzen an dieselbe Maschine stellen. Die Stellung des weihen Arbeiters ist für unseren Begriff sehr gehoben: der soziale Gegensatz in Südafrika heißt nicht Kapitalist und Arbeiter, sondern Schwarzer und Weiher. Durch die Unterschiede in der Bezahlung wird die Kluft verstärkt. Ein weißer Arbetter bekommt zwischen 500 und 900 Schilling im Monat. Der
daS Dach zu tragen hatten, das aus Leder gearbeitet war. Erst später führten sich, um das Gewicht des Schirmes zu vermindern, Wachspapier unb gewachste Seide als Schirmdecken ein.
Das Jahr 1864 brachte der Schirmindustrie eine Neuerung durch die Verwendung von Stahlgerin- nen, die an Stelle der leicht zerbrechlichen und teuren Fischbeinstangcn traten. Von diesem Zeitpunkt ab begann sich der Schirm immer mehr ein- xubürgem. Seine ursprünglich riesenhafte Form schrumpfte mehr und mehr zusammen, verlor seine Bedeutung als „Familienmöbel“ und ging in den Besitz eines einzelnen über. Doch blieb er immer noch groß genua, um auch noch einem Zweiten gut und gern Unterschlupf zu gewähren. Erst die heutige Zeit, die weniger auf Romantik, als auf Zweckmäßigkeit eingestellt ist, scheint diesem trauten Beieinander „unter einem Schirm zu Zweien“ ein Ende machen zu wollen. Der winzige Modeschirm unserer Tage will nur gerade so viel Umfang haben, dah einzig und allein jein Träger sich seines Schutzes erfreuen darf, und boshafte Leute find deshalb zudem Schluß geneigt, daß sich Technik und Industrie dem Zeitalter der Indioidualitätsbetonung angepaßt haben, das sich unter dem Motto zur Geltung bringt: „Ein jeder steht und geht für sich allein“. Zum Glück stimmt das nicht ganz. Es gibt eine ganze Reihe von Gefühlsmenschen, und zu ihnen sind in erster Linie die Verliebten zu rechnen, die diesem Grundsatz Trotz bieten, denn sie bringen das Kunststück fertig, in seliger Zweisamkeit selbst unter einem modernen „Pikkoloschirm“ Platz zu finden, was für ihr Anpassungsvermögen und ihren Altruismus das beste Zeugnis ist.
Wölfe in (Europa.
Der Schreckruf: „Sin Wolf! 3ch bin von einem Dolf verfolgt worden!“, der immer wieder von Zett zu Zeit von geärmftigien Gemütern cruSgeftohen wird und nur allzu leicht Gläubige
Dienstag, 17. August 1926
Eingeborene, der Hunderte Kilometer wett von der Heimac zur Mine gewandert ist und feine klägliche Metamorphose vom „nackten Wilden" zum stereotypen Arbeitsmann durchgemacht bat, muh sich schon sehr bemühet haben, will er sich bis zur Klasse dcS täglichen „Two and six“ — 21. Schilling — heraufarbetten.
Die Folgen dieser Farbenschranke sind noch gor nicht abzusehen, aber die jüngsten Ereignisse Haven gezeigt, daß die Situation von Tag zu Tag kritischer wird. Dor einigen Monaten. Anfang 1926. ist die Farbenfchranke als Gesetz durch- geführl und den Schwarzen sind alle höheren Stellen auch offiziell verboten worden. Damit ist ihre Stellung noch unterdrückter als die ihrer amerikanischen Rassegenossen. 2tbcr zugleich scheint es. daß ihr Widerspruchsgeist noch nicht so erlahmt ist wie bei diesen. Es vergeht kaum ein Monat, ohne dah man von neuen blutigen Arbeiteraufständen in Südwest gehört hätte.
Wenn wir uns die Frage stellen, ob die Schwarzen oder die Weihen eines Tages als Sieger hervorgehen werden, so dürfen wir keinesfalls Amerika zum Vergleich heranziehen. Dort gibt es zwar eine „Farbenschranke“ zwischen der Gesellschaft und den schwarzen BoyS, aber in den unteren Schichten der Bevölkerung ist bereits eine weitgehende Vermischung eingetreten. Zweitens leben dort die Heget als Landfremde auf einem Boden, der ursprünglich nicht ihr eigener ist, während in Afrika gerade das umgekehrte der Fall ist. Drittens aber ist in Amerika im allgemeinen nur der kleinere Teil der Bevölkerung Heger, während sie in Afrika die überwältigende Mehrheit darstellen — eine Mehrheit, bei der die wenigen Prozent Weihe verschwinden. Hier haben wir eS mit Schwarzen zu tun, die größtenteils frisch aus der Wildnis kommend, sich noch nicht im mindesten assimiliert haben und sich mtt unverbrauchter Kraft in das Problem hineinstürzen, an das sich die Zukunft Afrikas knüpft.
Am wenigsten wird von dieser kritischen Situation der Farmer betroffen, der sich höchstens einmal über die Faulheit seiner schwarzen Angestellten beklagt. 3m übrigen liegen die Verhältnisse für die Pflanzungen und die Viehhaltung verhältnismäßig gut. Südwest hat die wirtschaftliche Krise besser überstanden als fast alle anderen Länder. 3n dem Augenblick, wo Deutschlands Wirtschaftslage ernster und ernster zu werden begann, orientierte sich Südwest bereits nach der Kapkolonie: und während die Union mit ihrer stabilen Valuta Hauptabnehmer wurde, bezog man die importierten Waren immer weiter aus Deutschland und hatte dadurch hie und da Gelegenheit zu 3nflationsgewinnen. 3cben- falls hat man sich der Katastrophe des Zusammenbruchs der deutschen Währung wenigstens einigermaßen zu entziehen gewußt.
Sehr belangvoll ist eS für Einwanderer, dah die Grundbefitzfrage noch optimistisch zu beur» teilen ist. Man kann noch viel, auswahlreich und billig kaufen. Die Regierung bietet Land zu sehr vorteilhaften Preisen an; günstiger ist der Kauf von privater Sette, weil man da bereits bepflanztes und eingerichtetes Land erwirbt, dessen vom Vorgänger investierte Arbeit ver- hättnismähig günstig erstanden werden Fann. Die heutige, südwest afrikanische kleinere Durchschnittsfarm besteht auS etwa 1000 Hektar, von denen zur Rückendeckung etwa 100 mit Mais bepflanzt sind. Für eine solche eingerichtete Farm, mit günstiger Wasserzufuhr, bezahlt man etwa 10 Mark pro Hektar. Wenn man das Dreifache der Landwsten, also etwa 30 000 Mark, rechnet, und sich vorher im Land gut eingearbeitet hat, hat man die Basis für eine anständige Existenz. Allerdings nur die DasiS, denn auch hier ist die Persönlichkeit alles.
3n den letzten 3obren hat die Züchtung von Karakrllschasen besonderes 3ntereffe erregt. Das Fell der 3ungen dieser Schafe, das am wertvollsten in ungeborenem Zustande ist, ist nichts anderes alS der bekannte Persianer: und in kurzer Zeit hat sich Düdwest nach Amerika an die zweite Stelle der Weltproduktion gesetzt. Roch ein anderes Produtt hat jetzt, ebenso wie in Ostafrika, so auch hier außerordentliche Verbreitung gefunden: Dis al, von dem man den Hanf herstellt. Rur seine Verarbeitung erfordert viel Wasser.
Die Heueinführung dieser Produtte hat eine sehr glückliche Bewegung in das früher ganz auf Viehzucht eingestellte Leden der Kolonie gebracht. Der neue lebendige Geist, der jetzt eingezogen ist, ist der Einwanderung auS Deutschland günstig.
Unb man beginnt, sich ferner endlich als Auswanderungsland zu erinnern. Die englische
findet, ertönte erst jünst wieder durch die Straßen von Belfast. natürlich stellt sich dann heraus, dah es sich nur um einen großen graubraunen Hund gehandelt hat. Denn die letzten Wölfe sind in 3rland und Schottland schon vor mehreren 3ahrhunderten erlegt worden, und auch in England sind sie seit langem audgerottet. 3hren letzten Besuch in den Wäldern Porkshires statteten sie unter der Regierung Heinrich VII. ab, während sie sich in den Bergen von Wales noa') etwa ein 3ahrhundert oder noch etwas länger hielten. Wohl aber gibt es andere Gebiete Europas, ja selbst Westeuropas, wo der Wölf fein bloßer Kinderschreck, sondern auch heutigen Tages nodj immer heimisch ist. So ist Frankreich noch in großen Teilen seines Landes von ihm heimgesucht: die Auvergne, die Eevennen, die Pyrenäen zählen ihn noch zu ihren Bewohnern, und die Gemeindeverwaltungen jener Gebiete sehen sich noch veranlaßt, Prämien auf ihre Erlegung aus- zuseyen. Während wir im allgemeinen gewohnt sind, die Heimat des Wolfes in unseren Gedanken im fernen Sibirien oder Kanada zu suchen, kann man in Wahrheit bei einer Reise von Boulogne nach Peking durch fein Land kommen, daS nicht Rudel beherbergen toürbe. Tatsächlich ist nur Dänemark, Holland, Belgien und die Schweiz absolut Wolffrei. Auch sind die Wölfe Europa keineswegs bloß eine Art halbzivilisierter Hunde. Erst jüngst wurden Truppen gegen zahllose Rudel, die aus den Bergen Südserbicns hervorbrachen, Dörfer bedrohten, Schafe zerrißen und auch einige kleine Kinder als ihre Heute fortschleppten, mobil gemacht. Auch 3taüen zählt die Wölfe zu den bedrohlichen Plagen. So wurde erst im vorigen Winter eine Eisenbahnstation bei Triest von Wölfen überfallen, was eine Reihe von Zuverspätunaen zur Folge hatte, da das Bahnpersonal allnächtlich im Warteraum belagert wurde.


