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Samstag, 17. April 1921

Etzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Nr. 89 Drittes Blatt

der dem heutigen Verhältnis

Europa Umfang erhöhen,

Petersen.

Don W. Stokkebhe.

Dar das ein trostloses Wetter im Golf von Biskaya. Der Himmel schwarz, das Meer schwarz, die Wellen fjod) wie Berge. Der Dampfer warf sich von einer Seite auf die andere, stieg und stampfte durch die unruhige See.

Auf dem Hinterdeck traf ich den Boots­mann, einen von diesen kurzbeinigen breitschul­trigen Seemannsgestalten, die bei jeder tollen Wrnkellage des Schisses fest auf Deck stehen. In einer großen, tätowierten Hand lag etwas Merkwürdiges.Was haben Sie da?" fragte ich.En' Affen," sagte er,en toten Affen." Er hielt das unnatürlich lange dünne Aeffchen unterm Arm, ich mußte an den gerupften Hals einer Weihnachtsgans denken. Der Schwanz bau­melte und fegte übers Deck und war an und für sich das Toteste, was man sich vorstellen konnte, besonders wenn man einmal aufmerk­sam das spielende bewegliche Leben beobachtet hat, das in der äußersten Spitze eines Affen- fchwanzes sitzt, ilnö während wir so dastanden und uns bei der harten See im Gleichgewicht zu halten suchten, erzählte der Bootsmann die Geschichte des kleinen Tierchens.

Es war in Chemulpo, Sie wissen, ich geh' durchs chinesische Viertel und denke an nichts so ist da plötzlich einer, der reiht mir den Hut vom Kopf. Hallo, sag ich. und dreh mich schnell mit einem geärgerten Gesicht um, verstehen Sie und wollen Sie's glauben, so war es dieser hier." Er hielt mir den Affen ent­gegen.llnb wie das nun so zuging oder nicht, ehe ich mich's versah, hatte ich ihn ge­kauft. 3d) nannte ihn Petersen, das ist so em netter Rame aus meiner Heimat. Es war so tin feiner kleiner Affe. Sehen Sie einmal.

bann die Vereinigten Staaten etwa der wirtschaft­liche Sklave der alten Well geworden fein? Europa braucht sich auch hierüber keine Sorge zu machen. Amerika hat den Krieg durch Ab'warien gewonnen und Europa muß ebenso brav und geduldig sein. Der Gläubiger hat manchmal dieselben od.er mehr Sorgen als der Schuldner und falls die ^Bereinigten Staaten eine Verzinsung ihrer Kriegsschulden wünschen, so müssen sie Europa diese Bezahlung möglichst angenehm und leicht zu machen ver­suchen.

Amerikas Entwicklungskurve mag ganz anders verlaufen als diejenige Europas. Die Union mag Hochkonjunktur ihrer Wirtschaft erleben, soviel sie will, während Europa unter starker Depression leidet. Eines Tages wird sie den Sättigungspunkt erreicht haben. Wenn jede fünfte Person einen Mo­torwagen, einen Flügel, Brillantring und andere Luxusgegenstände besitzt, dann wird Amerika an­dere ßänber zu finanzieren haben, um sich neue Märkte zu erschließen. Hierbei muß es ganz na- lürlicherweise die wirtschaftlichen Fesseln Europas etwas lockerer machen.

Die Umstünde, die die gegenwärtigen Wirt­schaftsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staa­ten und Europa gelchaffen haben, sind nicht neu. England hat z. B. Millionen den mittel- und süd- amerikanischen Staaten geliehen, die für Zwecke politischer Bestechung, für Rüstungen und Revolu­tionen draufgingen. Die betreffenden Länder konn­ten bann bald nicht einmal ihre Zinsen mehr be­zahlen, erholten sich aber, als noch mehr Geld in­vestiert wurde, um die Produktion erhöhen und die Verkehrsverhältnisse zu verbessern. Es wurde aber während der ganzen Zeit nie b won gesprochen, baß etwa Argentinien ober Brasilien ber Wirtschafts­sklave Englanbs seien.

Europas wirkliche wirtschaftlid)e Lage wird durch die ungünstigen Verhältnisse in Rußland und China erschwert. Wenn sich diese Länder einmal aus ihrer versumpften Politik reißen werden, bann wirb es einen Wieberaufbau über alle Maßen geben. Vor wenigen Jahren waren alle Dampf­kessel in Rußlanb unbrauchbar geworben. Sie sind wahrscheinlich jetzt nod) in einem höheren Grabe reif für ben Alteifenhaufen unb ebenso wie bei den Dampfkesseln liegt es mit vielen Artikeln bes täg­lichen Lebens. Wenn man mit Rußland und China wieder geschäftlich verkehren kann, wirb wahrschein- lid) auch bas Gerebe von ber wirtschaftlichen Ver­sklavung Europas an Amerika von selbst ein Enbe nehmen.

importieren muß, biefer Einfuhr wirb möglicherweise bis

und durch die Waren,

Frankfurter Oper.

Die Neueinstudierung von MozartsDon Juan" sucht ein Kompromiß zwischen ber ewigen Zeitlosigkeit Mozarts unb bem sich roanbelnben Stil­gefühl ber Zeiten: es ist selbstverstänblich, baß bie Stilgrunbsätze bes plastischen Szenenbildes nicht mehr den künstlerischen Bedürfnisien der Gegenwart entsprechen, daß man ein Werk von ber tragischen Würde unb klassischen Kraft desSon Juan" heute

Gerichtssaal.

Drei Jahre Zuchthaus für einen Hühnerdkeb.

WSR. Frankfurt a. M.. 15. April. Das Schöffengericht verurteilre heute den Gelegen­heitsarbeiter 3 o f e f Taraba, der vor einiger Zeit in den Bororten Hausen und Rödelheim in die Hühnerställe gering bemittelter Leute ein­drang, den Tieren an Ort und Stelle den Kopf abschlug und sie säckeweise fortschleppte, wegen schweren Rückfalldiebstahls in zwei Fällen zu drei 3ahren Zuchthaus und fünf 3ahren Ehrverlust. Der Angeklagte behauptete hart­näckig, die Hühner vomgroßen Unbekannten" im Taunus gekauft zu haben. Bei einer Haus­suchung wurde festgestellt, daß er 26 Hühner ge­rupft und für ben Markt zurecht ge­macht hatte. Auch die zahlreichen attderen Hühnerdiebstähle in den beiden Orten dürften auf fein Konto kommen, doch war ihm das nicht nachzuweifen. Mildernde Umstände wurden ihm versagt.

Lin ungetreuer Gerichtsvollzieher.

Höchst a. M., 16. April. (WSR.) Rach zweitägiger Verhandlung vor dem Großen Schäf­

chen 3ahres erfolgt die Beschießung Lafa-Blan- ca»; im allgemeinen finden im nächsten 3ahre keinerlei internationale Berhandlungen wegen Marokko statt. Am 9. Februar 1909 aber wird das erste deutsch-sranzösiiche Marokko-Abkommen abgeschlossen: gleichzeitig wird Briand zum fran­zösischen Ministerpräsidenten gewählt. Am 21. Mai 1911 erobern die Franzosen Fez, fast gleichzeitig besetzen die Spanier Larache. Am 1. 3uni desselben 3ah res erfolgt die berühmte Reise des deutschen KanonenbootesPanther" nach Agadir, am 4. Rovember wird hierauf der deutsch-französische Maroklo-Bertrag unter­zeichnet. Gleichzeitig annektiert 3talien Tripolis. Anfang des 3ahres 1912 schließen Spanien und Frankreich ihren Marokko-Vertrag.

Diese letzten beiden Marokko-Verträge werden eine Grundlage bilden müssen für die bevor­stehenden Friedensverhandlungen mit Abd ei Krim. Es haben bekannllich eine ganze Reihe von Staaten späterhin ihre Zustimmung zu diesem Marokko-Abkommen gegeben, so z. B. Portugal und England, nicht aber, und zwar bis auf den heutigen Tag noch nicht, Amerika und vor allen Dingen nid>t 3talien.

Gerade diese Tatsache muh man besonders unterstreichen. Was nun die Tatsache anbelangt, daß ohne Deutschland überhaupt keine Aenderung in Marokko Platz greifen kann, so muß hier folgendes berücksichtigt werden: 3m Vertrag von Versailles hat sich bekanntlich Deutschland auch aller seiner Rechte aus all diesen Verträgen be­geben müssen. Spanien hat aber bekanntlich den Vertrag von Versailles nicht unterzeichnet. Die rechtlich-diplomatische Lage zwilchen Deutschland und Spanien hinsichtlich Marokkos ist also j^ll- fommen klar.

Was ergibt sich nun aus alledem für Spanien und namentlich für Frankreich? Wenn man sich diese außerordentlich verwickelte diplomatische Lage vergegenwärtigt, so begreift man sofort, weshalb Frankreich sowohl wie Spanien aus der Liquidierung des Marollo-Abenteuers möglichst wenig Aufhebens machen möchten. Die Kammer bat an den Marokko-Krediten für Monat März der französischen Regierung eine Million ge­strichen. an den April-Krediten aber schon zehn Millionen. Briand ist feinfühlig genug, um diese Warnung des Linkskartells sofort zu verstehen.

Die Situation ist also nicht nur auhenpolitilch, [ sondern auch innenpolitisch so. daß Frankreich ! alles daran setzen muß. um jetzt in Oudjda so rasch wie möglich u Ende zu kommen. Große Gebietserweiterungen wird Frankreich bei diesen Verhandlungen nicht erstreben können, denn fein we teres Vordringen nach Westen würde be­sonders England wegen Gibraltar viel zu stark. beunruhigen. Der Leidtragende bei den bvor­stehenden Verhandlungen wird Spanien fein. Spanien muß große Konzessionen in Oudjda machen. Es bleibt abzuwarten, ob die R^ie- rung Primos de Riviera diesen Schlag wird über­dauern können.

bie Amerika aus zurüdgeholt. Der sich vielleicht bauernb zu einem Umfange,

Europas zu Amerika entspricht. Wenn dieser Zeitpunkt eintritt, würben

er hat so einen weihen Kranz ums Köpfchen, ganz wie einen Menschenbart. Und was für ein lächerliches Schnäuzchen! Er war ja nicht eigentlich komisch, im Gegenteil ein ernster Affe war er. Aber wenn man selbst so dasah und den Kopf hängen lieh, konnte er sich heran- schleichen und einen ganz leise mit der kleinen, kalten, schwarzen Affenhand anrühren und einen so ansehn, als ob er sagen wollte: Kops hoch, Kamerad! 3ch liebe nicht viel zu reden und Karten spiele ich auch nicht, ich sitze meistens allein für mich. So sah ich denn und schwatzte mit Petersen, er konnte mäuschenstill dasihen und den Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite legen. Und sie hätten seine Augen sehen sollen nun kann man ja keinen Staat mehr mit ihm machen aber die waren wie Menschenaugen, sage ich 3hnen. Er war so munter und lustig, gerade bis wir im Suez­kanal in die kalten Tage kamen. Da fror es. das kleine Tier. 3ch nähte ihm ein wollenes 3äckchen und er sah und zupfte an den Maschen und war ganz glücklich. Es war so eine ganz merkwürdige Dankbarkeit in dem Tierchen. Aber als es nun immer kälter wurde, da wurde er ganz still und niedergeschlagen, stundenlang sah er am Fenster der Koje und starrte hinaus, und konnte es nicht verstehen, wo die Sonne geblieben war! Bor einigen Tagen fing er an leise zu husten und der Wagen arbeitete nicht mehr ordentlich. 3ch bekam etwas Rizinus vom Steuermann, aber er wollte es nicht nehmen. Sei nu vernünftig, kleiner Petersen," sagte ich, es ist zu deinem Besten!" Und er verstand es. Er nahm dann auch das Zeug, ohne es auszu­spucken. Aber der Husten wurde schlechter. 3ch rauchte nicht mehr meine Pfeife in den letzten Tagen, um ihm zu helfen, aber da war nichts zu machen. Am Tage sah er und zitterte, und in der Rächt lag er bei mir in der Koje, unb

unb Dildunasfragen, beschäftigt sich mit sämtlichen übrigen Ausgaben allgemein kultureller Art, wätr renb bie brüte Sektion sich mit ber Reaelung ber Zusammenarbeit aller bestehenden wiffenfd)aftlid)en Vereine unb Organisationen befaßt, vor allem and) ben Besitz biefer Verbände, Museen, Büchereien usw. erhalten und fortentwideln will. Dem Kulturamt ist übrigens auch noch ein weiteres Dezernat, und zwar das für Sport und Leibesübung angegliebcrt, ein Gebiet, das künftig in einem ganz besonderen Maße berücksichtigt werden soll.

Die zweite große Arbeit, bie von der cftlänbi schen Kulturselbstverwaltung bisher geleistet worden ist und deren letzter Teil vor einigen Tagen vom Kulturrat durchgeführt wurde, ist die Annahme der ersten Kultur st euervorlage einer Nationali­tät. Es ist dies eine Steuervorlage, die ber staat­lichen Einkommensteuer angepaßt wird und die be­reits in allernächster Zeit nach ihrer Bestätigung durch die Regierung in Kraft treten wird. Die Steuer setzt sich aus einer Grundsteuer und einer Zuschlagsteuer zusammen. Die ©runbfteuer wird von allen Gliedern, soweit sie nicht mittellos sind, getragen und stellt eine sehr geringe Be­lastung dar. Die Zuschlagsteuer wächst parallel den Einkommenbezügen, so daß durch sie ber Grund- sap einer sozialen Gerechtigkeit berücksichtigt wird.

Ueberhaupt bars festgestellt werben, daß es dem Kulturrat gelungen ist, eine Steuer zur Annahme zu bringen, die niemanden zu sehr belastet unb zu­gleich ber sozialen Gerechtigkeit entspricht. Es unter­liegt wohl keinem Zweifel, baß bie Tatsache, baß es bem estlänbijchen Deutschtum geglückt ist, eine regel­rechte Kulturbesteuerung durchzuführen und auf die­sem Wege mit der bisher bei allen Minderheiten üblichen' Spenden- und Sammlungenwirtschaft zu brechen, von einer ganz außerordentlichen Bedeu­tung für bie Weitergestaltung ber Autonomiebe- roegung im Rahmen der europäischen Nationalitäten ist. Gerade bie erste estlünbische Kultursteuer beweist, daß bas Besteuerungsrecht einer Minberheit keines­wegs eine Utopie ober eine bem Staate Schaben bringende Entwicklung darstellt, sondern daß sie viel­mehr eine reale Möglichkeit zur Regelung des rei bungslosen Zusammenlebens von Mehrheitsvolk unb Nationalität bietet.

Auch auf bem Gebiet ber Schulorganisa- tion hat bie estlänbische KullurselbsiVerwaltung jetzt eine Reihe von Erfolgen aufzuweisen. Dor allem ist eine Derorbnung in Kraft getreten, daß alle bis­herigen Privatschulen nunmehr in bie Verwaltung ber Autonomie übergehen. Nachdem dieses geschehen ist, wird auch bie Möglichkeit zur Organisation eines alten Bedürfnisses angepaßten Schulnetzes die einzelnen Schultypen wurden während der letzten Ktttturratstagung festgesetzt demnächst gegeben sein. Zu erwähnen wäre noch ein Beschluß des Kul­turrats, daß die wichtigste Fremdsprache im Lehrplan unserer Schulen das Russische sein soll. Bei diesem Beschlüsse ließ bie Mehrzahl aller Glieder des Kiilturrats sich vom Gesichtspunkt« leiten, baß ber Balte seine Aufgabe als Kultur- Vermittler zwischen bem Westen und Rußlanb künftig nur bei Beherrschung ber ruf- fischen Sprache, als des notwendigsten Rüstzeugs, durchführen kann.

Die Zusammenarbeit unserer Kulturverwaltung mit der Regierung unb allen übrigen amtlichen Stellen erfolgt bisher reibungslos. Ein Grund mehr, um zu behaupten, daß bie estlänbische Kulturauto- nomie nicht eine Utopie wie viele anfangs dach- ten, sondern einerealeSchöpfung ist, ein Werk, das auch anderwärts ohne Schwierigkeiten und zum Nutzen aller Teile verwirklicht werden kann.

anders ausftattet als vor zehn Jahren-, seinen An­sprüchen sucht bie Wallerstei nsche Inszenie­rung zu genügen. Sie oerwanbelt bie Szene ohne Pausen unb unter Verzicht auf die Kreisausschnitte stabiler Dekorationen, bie in ben letzten Jahren überall zur Anwendung kamen. Die Bühnenbilder sind von dem Maler Ludwig Sievert geschaffen. In ihm besitzt Frankfurt einen der stärksten, szenisch- dekorativen Bilbgestalter des'deutschen Theaters, um den sich immer wieder Berlin bemüht. Seine Sil­ber sind farbenglühende unb doch im Schatten des tragischen Geschehens verweilende Impressionen von starker Wirkung, zugleich von großem Reichtum der Phantasie. Weniger glücklich, als der Gesamteinbruck ber Bilblösung, ist das szenische Arrangement einzel­ner Teile, bas burch die offenen Verwandlungen be­dingt wird. Die musikalische Neubearbeitung hatte Professor Siemens K r a u s. Er huldigte ben Manen Mozarts mit hingebender Treue an die Partitur, es gab nichts, was in ber musikalischen Reproduktion nicht dem feinempftinbenen Stil ber opera seria Mozarts entsprochen hätte ,unb gleichzeitig blühte das Orchester im Glanze mozartscher Melodik und er- fd)ütterte es durch ben ehernen SchicksalsNang der Tragik, bie das heitere Element beschattet. Eine prachtvolle Leistung bot bas Orchester, die gesang­liche Wiedergabe war teilweise vollendet, teilweise war es ein Bemühen um die Kultur des Belcanto, besten Technik immer mehr entschwindet. Eine Donna Anna von hinreißender dramatischer Wucht des Aus­drucks und ber gesanglichen Große war Beatrice Sutter-Kottlar, gut war Peermann als Don Juan: Abolf Jäger als Octavio und Elisa­beth F r i e b r i d) s als Elvira zeigten sich gefäng­lich allen Ansorberungen Mozarts gewachsen. Die Aufführung zählte zu den künstlerischen Ereignissen ber zu Ende gehenden musikalischen -Saison.

L. W.

Deutschland und die bevor­stehenden Marokkoverhandlungen (Don unserem Pariser ^^.-Korrespondenten.)

Paris, 17. April 1926.

Sonderbarerweise ist bisher in Deutschland noch nicht eine Stimme laut geworden, die daraus hinweist, daß die bevorstehenden fran­zösisch-spanischen Friedensverhandlungen mit den Abgesandten Abd el Krims Deutschland unmittel­bar berühren, denn nach dem Marokko-Abkom­men von 1904 und den Beschlüssen der großen Algeciras-Konferenz darf irgendeine Verände­rung am Marokkostatut bekanntlich nicht vorge­nommen werden, ohne daß die Signatarmächte hierzu ihre Einwilligung geben. Bekanntlich ist die diplomatische Lage in Marokko wie das Tanger-Statut ganz außerordentlich kompliziert. Wir stehen vielleicht am Vorabend ganz großer neuer diplomatischer Berhandlungen wegen Rord- afrika. ja wir müssen vielleicht sogar mit der Möglichkeit neuer Verwicklungen rechnen, auf die hier im Zusammenhang mit den augenblicklichen Ereignissen in Marokko einmal ganz kurz hin- gewiesen werden soll.

Rachstehend ganz kurz die wichtigsten Daten: Am 6. Oktober 1904 Abschluß des Marokko- Abkommens zwischen Spanien und Frankreich, nachdem kurz zuvor Frankreich und England sich über Marokko geeinigt hatten. Am 21. Februar 1905 reist die berühmte französische Sonder- Gesellschaft nach Fez: am 31. März desselben Jahres reist Wilhelm II. nach Tanger. 3 Mo­nate später erfolgt der Rücktritt Delcasses. Ende 1905 tritt die Algeciras-Konferenz zusammen, an der teilnehmen: Deutschland, Frankreich, Rußland, Oesterreich-Ungarn. Italien. England und Spanien. 1907 wird das neue Mittelmeer­abkommen zwischen Frankreich, England und Spa­nien abgeschlossen. 3m Monat August des glei-

ich hielt ihn im Arm. und es jagte in ihm, und eine Rächt biß er mich im Fieber, und nachher war er so unglücklich, und es war. um darüber zu lachen und zu meinen. Die letzten drei Tage ah er nichts, da wußte ich, daß es nu vorbei war.Petersen," sagte ich.warum rissest du mir den Hut vom Kopf? Du selbst hast es ge­wollt, daß ich dich kaufen muhte. Wenn du nur dein Leben behalten könntest bis zur nächsten Reise, so wollte ich dich in den Palmenwald bringen und dich loslassen und du solltest der glücklichste Affe fein . . ." und ich schwör es 3hnen, ich hätte es getan. Und nu' vor einem Augenblick, wie ich in die Koje komme, liegt er da und hat sich die Decke über den Kopf ge­zogen. 3d) hob sie ganz vorsichtig auf und sagte:Schläfst du. Petersen?" 3a. guten Morgen, schlafen! Da kommen Sie sehn." Er hob das Aeffchen in die Höhe und zeigte, wie unweigerlich tot es war. 3n demselben Moment kam eine hohe See auf uns zu. Der Bootsmann lehnte sich über Bord und lieh das Tierchen ins Wasser fallen.Leb' wohl, Petersen", sagte er. Einen Augenblick später hob sich die Welle und stand wie eine mächtige Wasserkuppel zur Seite des Schiffes. Wir sahen nach dem Affen, wie er sank, ganz schwach schimmerte er aus der grünen Glasglocke hervor, dann zog die Welle vorüber und nahm Petersen mit sich.

Europa der Wtrtfchafts- skiave Amerikas?

Von Sir Ernest Harvey, K. B. E., London.

Kreuzworträtsel sind eine beliebte Spielerei un­serer läge. Sie haben eine erfreuliche Belebung des Scharfsinnes gebracht unb bie Nachfrage nach Wärter- unb Nachschlagebüchern aller Art erheb­lich gesteigert. Sie wirken zweifellos bildungs- förbemb. Bei ben vielfach vortominenben Fremd- worten nehme ich an, bah bas WortOxymoron" heute bekannter ist als in früherer Zeit. Es be­brütet eine Zusammenfassung zweier sich widtzr- Ipredjenber Begriffe, hinter ber sich ein geistreicher Gebaute verbirgt. Horaz war ein Meister bes Orymorons. Nun, ich kann mir kein besseres Schulbeispiel für ein Oxymoron benken als bas Wortwirtschaftliche Versklavung". Sklaverei hat mit Wirtschaft recht wenig zu tun, unb unsere moberne Jnbustriewirtschaft ist alles anbere als Sklaverei. Bevor unsere moberne Sozialpolitik bie Arbeitslosenunterstützung einführte, konnte man während schlechter Zeiten in unseren Jndustriestaa- ten vielfach lange Züge Arbeitsloser sehen, bie burch eine Demonstration ihren Wunsch nach Arbeit aus- briirften. Diese Arbeitslosen verlangten keine Ver­sklavung, sie hatten vielmehr bas Bestreben, sich durch Arbeit all bie kleinen Annehmlichleiten zu ver­schaffen, bie uns bas Leben versüßen. Sie ver­langten nicht zu Sklaven gemacht zu werben, noch waren sie wirklich Sklaven, selbst wenn bas Produkt ihrer Hände Arbeit nach ben Vereinigten Staaten exportiert würbe. Das Hauptkontingent aller Men­schen aller Cänber arbeitet für Nahrung. Behau­sung, Bekleidung und für gewisse Luxusbedürfnisse, die wir uns im Laufe der Zeit angewöhnt haben. Die Arbeit selbst ist nur das Mittel zum Zweck. Er­zwungene Arbeit kennen wir in zivilisierten Ländern nicht mehr. Jeder arbeitet um seines Lohnes willen, unb ber Amerikaner hat sogar als Arbeitgeber einen guten Ruf, da er als guter Zahler gilt. Ist die White Star ober Cunard-Line, ist der Besitzer des Kasinos von Cannes oder die Geschäftsleitung der Spielbank von Monte Carlo der Wirtschaftssklave Amerikas, weil viele Amerikaner diese Einrichtungen frequen­tieren? Falls ja, dann sind diese Sklaven zu be­treiben.

Die Ursache der ganzen ^Betrachtung bildet bas Schlagwort von ber wirtschaftlichen Versklavung Europas an Amerika infolge des Krieges. Die Tat­sache, baß Europa von ben Vereinigten Staaten währenb bes Krieges ungeheure Summen für un- probuktive Zwecke borgte, bie es nun allmählich zu­rückzahlen soll, soll versklavend wirken. Mit am schlimmsten bran ist natürlich Englcmb, das an die Bereinigten Staaten £ 100 000 per Tag an Zinsen allein zu zahlen hat. 90 Prozent des englischen Volkes braucht sich aber hierüber keine Kopfschmerzen xu machen. Die restlichen 10 Prozent müßen ver­suchen, bie Probuktionsmethöden zu verbessern unb ben Wert unb Umfang ihrer Produktion zu erhöhen, ganz gleich, ob es sich um eine materielle ober um eine geistige Probuktion hanbelt.

Alle Anleihen, die Amerika an Europa gewährt, mit Ausnahme ber Kriegsanleihen, sinb sicherlich von Vorteil für Europa, falls sie in vernünftiger Weife angelegt werden. Einige amerikanische Investierun­gen in ber alten Welt bedeuten sogar außerordent- lich günstige Kapitalsanlagen. Mit den Bankver- luften, die Amerika in Frankreich und anderswo nach dem Kriege erlitt, ist es natürlich etwas an­deres. Aber Europa war stets ein gerissener Ge­schäftsmann, unb Amerika hatte stets eine etwas großzügige Aber. Es gibt eine kleine Geschichte von einem Amerikaner, ber nach vielem Feilschen ein Portrait von Rembranbt erftanb unb einen anstän­digen Preis selbst für einen Rembranbt zahlte. Um dem hohen Zolle, der in Amerika auf Kunstgegen­stände gelegt ist, zu entgehen, beauftragte er einen Künstler, eine möglichst harmlose Landschaft über den Rembrandt zu malen. Auf diese Weise gelang es ihm auch wirklich, die Zollbehörden zu täuschen unb das Bild mit einem verhältnismäßig geringen Zoll nach Amerika einzuschmuggeln. Er beauftragte Rembrandt wieder hervorzuzaubern. Die Firma teilte ihm nach einiger Zeit mit, daß sie die Land­schaft henintergelosi habe, auch das darauf fol­gende Blld sauber abgewaschen habe, und sie fragte nun, was mit der Krönung Georgs V. ge­schehen sollte. Vielleicht ist die Geschichte, um der Wirkung willen, etwas übertrieben, aber ist denn der europäische Handelsmann notwendigerweise der wirtschaftliche Sklave des Amerikaners, weil die Union eine Hypothek auf Europa besitzt? Die Zin­sen für Kriegsschulden werden die europäischen Staaten nicht immer so schwer belasten, wie sie es augenblicklich tun. Ein Teil dieser Besteuerung wird bereits jetzt durch erhöhte Preise, die die Amerikaner bei Reisen in Europa zu zahlen haben,

Die Erfolge der esttändischen Kulturautonomie.

Von Dr. Ewald A m m e n d e, Mitgl. d. Äulturrats. Reval, Mitte April.

Mehr als vier Monate ist die Kulturverwaltung der Deutschen in Estland an der Arbeit, unb schon jetzt läßt sich eine ganze Reihe von Erfolgen dieser Arbeit aufweifen, Erfolgen, die besonders deutlich während der letzten Session des esttändischen deut­schen Kulturrats dieses ersten Kulturparlamentes der Welt zutage traten.

Vor allem ist es gelungen, eine zweckmäßige O r - g a n i f a t i o n d e r Kulturverwaltung durchzuführen, die bekanntlich das ständige Organ des sich nur einigemal versammelnden ftulturrates ist. Die Äulturoerwaltung besteht auf fünf Gliedern, die alle, bis auf den Präsidenten, einem der vier Aemter dem Finanzamt, Schulamt, Katasteramt und allgemeinem Kulturamt oorstehen. Das Finanzamt hat sich mit der Ausarbeitung des Kulturbudgets der Minderheit und vor allem auch mit den Fragen der Besteuerung zu befassen. Im K a t a st e r a m t sind alle Arbeiten die mit der Registrierung aller Mitglieder der Autonomie und den statistischen Arbeiten in Verbindung stehen, kon­zentriert. Das Schulamt verwaltet das gesamte bisher private Schulnetz ber Minberheit, währenb das Ku11uramt die Losung aller übrigen Kultur- aufgaben, Vortragswesen, Theater, Büchereien usw. durchzuführen hat. Das Kulturamt zerfällt übrigens in drei gesonderte Dezernate, von denen das erste, das für Hochschulwesen, Vortragszyklen für die aka­demische Jugend in Dorpat unb ähnliche Fragen be­handelt. Das zweite, das für die allgemeine Kultur

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