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Samstag, 17. April 1926

176. Jahrgang

Nr. 89 Erstes Blatt

vnick iind Verlag: vrühl'Iche Unwerfilitr-Vuch- und Stdnörudcrci R. lange in Sieben. Lchriflieitnng und SeschästLftel«: rchnljttabe r.

Italiens Kolonialpolitik

heutigen ihre Parallele.

so unbegreiflicher ist es, reffe der Westmächte vielfach

wenn man in der Presse

WIN

die heute vormittag zwischen dem R e i d) ß - tangier, den beteiligten Ressortsministern und den Vertretern der Regierungsparteien des Reichstages über das Kompromiß zum Geseb für die Fürstenabfindung und über dar Gesetz zur Vereinfachung des Militürstrasrechtes (Duellbe st immun g) begonnen haben, tour' den um 2 iüjr zum Abschluß gebracht. W.e toii hören, ist in bezug aus die beiden Angelegen-' heiten eine völlige Liebereinstimmung zwischen der Reichsregierung und den Regie­rungsparteien erzielt worden. Die Kompromiß - Vorschläge über die Fürstenabfindungen decken sich inhaltlich mit dem Kompromißenlwurf, der vom Rechtsausschuh des Reichstages vor Ostern in der ersten Lesung erledigt worden ist Rur sind auf Wunsch des Reichsjustizministeriums einige andere Formulierungen des Textes gc- wählt worden. Die wesentlichen Vestimmungen

Fürstenabfindung und Duellgesetz.

Verlin, 16. April. Die Verhandlungen, zwischen dem Reichs-

Lnnahme von Lnzeiaen für die Tagesnummer vis zum Nachmittag vorher.

Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breit« örtlich 8, auswärts 10 Neichspsennig: für Ne- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Neichspfennig, Platzvorfchrist 20° , mehr Chefredakteur:

Dr. Friedr Will). Lange. Derantwottlich für Politik Dr Fr. Will). Lange: für Feuilleton Dr tz Thyriot: für den übrigen leil Ernst Dlumschem; für den Av- geigenteil Han» Iüstel, sämllich in (Bieben.

die BezeichnungRückversicherungsver- trag" findet, in Erinnerung an den deutsch-russi- schen Freundschaftsvertrag, den Bismarck seinerzeit dem Dreibundsoettrag mit Oesterreich und Italien nach Ablauf des Dreikaiserbündnisses 1887 zur Seite setzte. Für einen solchen Rückversicherungsoertrag fehlt die Voraussetzung in Gestalt eines Dersiche- rungsvertrages, denn der Locarnopakt hat nicht den Charakter eines beradigen Bündnistes. Gewisse Ver­gleichspunkte wird man allerdings darin finden können, daß der Vertrag in erster Linie der Furcht Rußlands entspringt, daß Deutschland in Locarno und Genf doch Bindungen eingegangen ist, die sich einmal gegen die Sowjetunion würden kehren können, Bindungen, die tatsächlich nicht vorhanden sind. Mit der Tatsache, daß es sich weder bei dem Locarnopakt noch bei dem neuen deutsch-russischen Vertrag um Bündnisse im engeren Sinne handelt, sondern vielmehr um Garantieverträge, die den Der- -jcht auf eine gewaltsame Aenderung der bestehenden Grenze aussprechen, wird man auch die Bedenken entkräften können, als ob Deutschland sich mit dieser Politik zwischen zwei Stühle setze. Das entwaff­nete, rings von waffenstarrenden Nachbarn um­gebene Deutschland muß durch Verträge die Inte­grität seines Gebiets zu sichern suchen, ohne durch politische Bindungen nach irgendeiner Seite hin seine Handlungsfreiheit zu beschränken. Das Gleichge­wicht der deutschen Politik zwischen Ost und West dürfte durch den Locarnopakt nich.t gestört werden. Der Locarnopakt mußte also durch einen ähnlichen Vertrag mit Rußland seine natürliche Ergänzung sinden. Nichts mehr und nichts weniger soll eben dieser deutsch-russische Vertrag bedeuten. Das wird mit aller Deutlichkeit von der Reichsregierung klar­gestellt werden müssen angesichts der Versuche einer gewisien Anslandpresse, aus den Verhandlungen mit der Sowjetunion eine deutsche Hinterhältigkeit gegen die Lv'arnomächte und den Völkerbund zu kon­struieren.

Locarnomächte jenem ominösen Artikel 16 über das Durchmarschrecht gegeben haben. Das er­nennen auch einzelne Pariser und Londoner Blätter an. Um so unbegreiflicher ist es,

Die britische llohlenkrisis.

E ne Solidaritätserklärnnq des internationalen Bcrgarbeitcrkomitees

Brüssel, 16. April. (WTB) Das Inter­nationale Dergarbeiterkomttee nahm heute in Gegenwart der englischen Dergar beiterdelegierten einstimmig eine Resolution an, in der es u. a. heißt: Das Internationale Komitee erklärt sich vollständig solidarisch mit den engli­schen Bergarbeitern. Das Internationale Komitee ist bereit. Maßnahmen zu ergreifen, um die Ausfuhr von Kohle nach Eng­land zu verhindern. Sollte nach einer Prüfung der Lage durch die zuständigen natio­nalen Organisationen ein internationaler Streik beschlossen werden, so wird das Inter­nationale Komitee diese nationalen Organisa­tionen dazu verpflichten, den Streik nicht zu be­enden, bevor nicht eine vernünftige Grundlage für die Wiederaufnahme der Arbeit in allen Ländern, die in den Kampf verwickelt sind, ge­funden worden ist. Das Internationale Komitee wird in diesem Falle als Streikkomitee handeln, dessen Anweisungen für alle Länder bin­dend sind.

Der in London zutage tretende Optimismus in der Beurteilung der Kohlenkrise hält an. Der Premiermini st er verlangte von den Bergtoerksbesitzern konkrete Unterlagen über neue Lvhntarife. Am Montag wird Valdtoin erneut die Bergtoerksbesiher empfan­gen und gleich darauf die Exekutive der Berg­arbeiter. Man hegt die Hoffnung, daß sich daraus eine gemeinsame Tagung beider Parteien entwickeln wird. Im Unterhaus teilte der Staatssekretär des Innern mit, daß der Ministerpräsident zum König nach Wind­sor berufen worden sei, um ihm über die Kohlenkrise und ihre letzte Entwicklung Bericht zu erstatten.

Für das Gesetz zur Vereinfachung des Militär st rafrechtes, bei dem es sich be­kanntlich um die Dienstentlassung we­gen Duellvergehen handelt, liegt dem Reichsrat bereits ein neuer Entwurf vor. Die heute zwischen den Regierungsparteien und der Regierung in dieser Angelegenheit erzielte Eini­gung richtet sich dahin, daß dieser Entwurf noch verschärft werden wird; es soll nämlich auf Aberkennung des Amtes erkannt wer­den können, aber in besonders schweren Fällen, wie etwa bei leichtfertigem oder ehrlosem Ver­halten, auf Aberkennung des Amtes erkannt wer­den müssen. Diese Bestimmungen sollen f Ü r alle Beamten allgemein, also nicht mehr allein für Offiziere, gelten.

Der Kutisker-Prozeß.

Berlin, 16. April. (TU.) In der heutigen Verhandlung des Kutiskerprozesses teilte der Bor- sitzende mit, daß von Rechtsanwalt Dr. Ablsberg als Vertreter des Bankiers Michael ein Antrag eingegangen fei, Michael, der eine Beleidi­gungsklage gegen Kutis ker führe, als Nebenkläger in diesem Prozeß zuzulassen. Diesen Antrag erklärte der Vorsitzende für ganz abwegig. Der Verteidiger Kutiskers stellte darauf den An­trag, den Bankier Michael, angeblich in Paris wohnhaft, als Zeugen zu laden dafür, daß der Angeklagte Kutisker sich bei der Angelegenheit des Hanauer Lagers vollkommen korrekt benommen habe und daß Michael es gewesen ist, der eine um geheure finanzielle Schädigung Kutiskers verschuldet und damit ganz allgemein einen großen Schaden angerichtet habe. Das Gericht wird später über diesen Antrag beraten.

Es wurden dann weitere Wechselkreditge- schäfte verhandelt. Kulisker erklärte, es sei der Staatsbank nicht so sehr darauf angekommen zu wissen, wie die Verhältnisse bei den einzelnen Be­trieben seien, denn die Steinbank habe der Staats­bank ja für die Gesamtheit der Äonzerndetnebe ge­haftet. Kutisker erklärte in großer Erregung, über hic bezahlten Wechsel spräche heute kcin Mensch. Auch der Verteidiger Kutiskers fragte, war­um man die Wechsel, die zugunsten Kutiskers sprä­chen, nicht zur Sprache bringe. Aus einem Schrei­ben der Steinbank gehe hervor, daß 13 Wechsel an das Lombard-Konto gegangen seien. In der An­klageschrift sei der Betrag dieser Wechsel mit 1350 009 Mark als Auszahlung an Kutisker ange­geben worden, während tatsächlich eine Million gar nicht an Kutisker gezahlt, sondern für Verstärkung

«rlch eint täglich,außer Sonntags und Feiertag».

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Eletzener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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des Kompromisses gehen dahin:

Der Sondergerichtshos für die Aus­einandersetzungen zwischen den Ländern und den ehemaligen Fürstenhäusern soll außer dem Vor­sitzenden. dem Reichsgerichtspräsidenten. aus vier richterlichen und vier nicht- richterlichen Beisitzern bestehen. In den Fällen, wo eine Gesamtabfindung stattgesunden hat, kann nur auf Antrag beider Parteien das Verfahren wieder aufgenommen werden. Bis zum Jahre 1950 dür­fen die aus den Entschädigungen gewonnenen Mittel nur zum privatwirtschaftlichen Gebrauch oder zu Wohltätigkeits- oder zu kulturellen Zwecken verwendet werden. Ebenfalls bis zu diesem Jahre darf ein ausgezahltes Kapital nur mit Genehmigung des Landes in daS Aus­land gebracht werden.

In der Vcurormulierung wird der Kom­promißentwurf am rllchsten Dienstag dem Rechts­ausschuh des Reich .ages vorgelegt werden. Bei dieser Gelegenheit wird der Reichsinnenministcr Dr. Külz eine Erklärung zur Frage des ver­fassungsändernden Charakters des Gesetzes abgeben. Die Erklärung steht jedoch offi­ziell noch nicht fest. Weitere Verhandlungen mit anderen Reichstagsparteien in der Frage dieses Gesetzentwurfes sind noch nicht vorgesehen. Das V. Saget»l. glaubt, dah die Reichsregierung den verfassungsändernden Charakter des Kom­promißgesetzes verneinen wird.Vorwärts" undVoss. Ztg." wissen dagegen zu melden, daß der Gesetzentwurf von der Reichsregierung als verfassungsänderndes Gesetz betrachtet wird. Aach den gestrigen Besprechungen soll Reichsjustiz­minister Dr. Marx erklärt haben, daß nach Auffassung der juristischen Sachverstän'figen zur Annahme des G.fehentwur es un'trefc h s eine Zweidrittelmehrheit erforderlich sein würde, da der Entwurf in bc.c -u- -> '.'nun- gen über die Enteignung über die von der Ver­fassung gezogene Grenze hinausgehe. Dieser Auf­fassung hätten sich auch die Vertreter der Par­teien angeschlossen.

926. Freitag abbß.U 400. SabbatauSg.Sio z 6.30, abends 6.30. emeinden.

hottesd.ld.SMM- 17 April lS2ö.2orabd. 7.30, und 8.10-

Zwei Meldungen liegen vor, die in innerem Zusammenhang stehen. Rach der einen sollen Verhandlungen zwischen England und Italien über Abessinien stattfinden, wenn nicht zu dem Zweck einer Teilung. so doch in der Richtung einer Schaffung von Interessensphä­ren. Die zweite berichtet, daß italienische Truppen von Mogadischu im südlichen Teil von Italienisch-Somaliland nach Rogal in der nördlichen Zone transportiert worden sind, um dort die unmittelbare italienische Herrschaft herzustellen. Während also Herr Mussolini seine Lohengrinfahn nach Tripolis durchführt und Brandreden hält, benutzt er dieselbe Ge­legenheit. um diplomatisch wie militärisch das italienische Kolonialreich in Afrika weiter auf­zubauen.

Somaliland, das darf zum Verständnis noch hinzugefügt werden, liegt an der Rordvstspihe des mittleren Afrika, dort, wo der schwarze Kon­tinent gemeinsam mit Arabien den Golf von Aden bildet. Cs ist schon seit langem in eine französische, in eine englische und eine italienische Interessen­sphäre aufgeteilt, umklammert Abessinien von Süden und Osten und schneidet es gleichzeitig vom Meere ab. Weiter im Rordert schließt sich daran ins Rote Meer hinein die italienische Ko­lonie Erythrea. die ihre wesentlichste Bedeu­tung darin hat. dah sie Abessinien wieder vom Rordvsten und Rorden umschließt und vom Meere abgrenzt. Von hier aus haben die Italiener vor dreißig Jahren den ersten Versuch zur Erobe­rung Abessiniens gemacht, wurden aber von dem kriegerischen Kaiser Menelik in der Schlacht von QjTou a vernichtend geschlagen und haben feit» dem ihren abessinischen Ehrgeiz in den Rauchfang gehängt. Mussolini holte nun diese Ansprüche wieder hervor. Er will dasselbe Experiment, das vor einem Menschenalter von Rorden aus miß­lang. von Süden her wiederholen, um dadurch an der Ostseite Afrikas einen großen italie­nischen Kolonialblvck zu schaffen, der dann späterhin vielleicht einmal die Verbindung mit Tripolis sucht.

) Daß allerdings England dazu bereit sein sollte, scheint uns einstweilen zweifelhaft, denn der ganze Stoß richtet sich g e g e n England. Wenn Italien wirklich seine Besitzungen in Somali militärisch ausbaut und auch nur zum Stützpunkt von Unter­seeboten macht, ist es jeden Augenblick in der Lage, den l)afen von Aden zu blockieren, also den Weg nach Indien für England zu sperren. Ein italieni. sches Abessinien würde gleichzeitig den Weg ans Rote Meer suchen und finden und dadurch auch von Norden her den wichtigsten Kanal des engli­schen Weltverkehrs unter Kanonen bringen. Höch­stens, wenn England seinen Teil an der Beute ab­bekommt und Italien sich auf den südlichen Teil Abessiniens beschränkt, wäre eine Verständigung benkoar.

Ganz abgesehen davon aber ist Abessinien immer noch Mitglied des Völkerbundes, und es ist etwas Ungeheuerliches, daß im Zeichen einer Weltfriedenspropaganda derartige kriegerische Pläne überhaupt möglich sind. Denn wenn auch Abessinien zur Zeit durch innere Wirren entkräftet ist, ein kriegerisches Volk wohnt auch heute noch da, das nicht ohne weiteres in sein Kolonialschicksal sich fügen würde. Die italienische Politik kann also höchstens dazu führen, daß einer der dichtbevölkert-

' Der deutsch-russische vertrag.

Die Verhandlungen zwischen Berlin und Mos- fau über einen deutsch-russischen Neutralitätsvertrag wirbeln zu Unrecht in der internationalen Welt der Politik so viel Staub auf. Namentlich die fron- Msche und englische Presse hat keinerlei Grund, In ihren böswilligen Kommentaren von einer deut­schen Illoyalität oder gar von einer Verletzung der bestehenden Vertrage zu sprechen, sind doch die Re­gierungen der am Locarnopakt beteiligten Mächte unb darüber hinaus auch die Kabinette von Tokio unb Washington von bem Gang ber beutsch-russi- schen Verhandlungen fortlaufenb unterrichtet wor­den. Auch ber mutmaßliche Inhalt bes Vertrages ber Wortlaut ist offenbar noch gar nicht enb- gültig sestgestellt bürste ben Westmächten keiner­lei Anlaß zu Beunruhigungen geben, hanbelt boch Oeutschlanb seinem wieberholt bekanntgegebenen Gcunbsatz gemäß, unter keinen Umftänben zwischen Ost unb West zu optieren, d. h. sich nicht einer ausschließlichen West- bzw. Ostorientierung zu ver- schreiben. Die neuen Verhanblungen bürsten im ®runbe nichts anberes bezwecken, als ben Rapallo­vertrag ben oeränberten politischen Verhältnissen anzupassen, mit anberen Worten also bem Locarno- iMttrag, ber Deutschlanbs Grenze nach Westen hin sichert, einen analogen Vertrag mit Rußlanb zur Sicherung unserer Ostgrenze zur Seite zu setzen.

Der Beginn ber Verhanblungen über ben jetzt zur Erörterung stehenben beutsch-russischen Vertrag fällt schon in bie Zeit vor der Locarnokonferenz Sommer 1925. Damals erschien der russische Volkskommissar des Auswärtigen Tschitscherin nach einem alarmierenden Besuch in Warschau in der Reichs- Hauptstadt, um sich offenbar über bie Rückwirkun­gen bes in Aussicht stehenben Weftpaktes unb bes damit oerbunbenen beutfchen Eintritts in ben Völ- ferbunb auf Rußland zu informieren. Bei der be­kannten, strikt ablehnenden Einstellung der Sowjet­regierung zum Völkerbund unb dem seit Macdo­nalds Sturz anhaltend gespannten Verhältnis zu England war es nicht verwunderlich, daß Rußland in der deutschen Außenpolitik, die mit dem Wort .Locarno" eindeutig umschrieben wird, die Gefahr einer (Einrangierung Deutschlands in die von Eng­land propagierte antibolschewistische Front erblickte. Die gegenteiligen Erklärungen der deutschen Staats­männer konnten Tschitscherin nicht beruhigen. Er versuchte offenbar, die Wilhelmstraße von dem Ga- rantiepakt mit den Westmächten abzuziehen, und ver­ließ, als dies nicht gelang, Berlin mit ben heftigsten Verwünschungen ber brutschen Locarnopolitik. Trotz aller Versicherungen der deutschen Staatsmänner, daß Locarno unb Deutschlanbs Eintritt in den Döl- bunb keineswegs ein Abreib en d e s r u s - ,,schen Drahtes bedeute, war eine gewisse Spannung im deutsch-russischen Verhältnis nicht zu leugnen. Die Sowjetregierung wandte sich mit be­tonter Herzlichkeit nach Warschau, man sprach von einem russisch-polnischen Garantievertrag, ber auch die polnische Westgrenze einbegreifen sollte, ließ aber dach nicht jede Verbindung mit Berlin fallen und nahm nach dem Abschluß des Locarnopaktes die Ver­handlungen mit Deutschland wieder auf. Dabei fiel bem russischen Außenkommissariat die Initiative zu. 7schitscherin wünschte offenbar einen unbedingten ec-gen eiligen Neutralitätsvertrag. Die Oeffentlichkeit i<üher die Einzelheiten des Vertrages nur unvoll- ior-men informiert. Aber soviel wird man mut­maße-: Lernten, daß Deutschland sich auf einen so weitgehenden Neutralitätsvertrag nicht wird einge­lassen haben. Es scheint sich vielmehr nur um eine begrenzte Neu cralitätsklausel zu Han- beln d h beide VertragsFontrahenten verpflichten sich,'im Falle einesM n g r i ff s aur benan- ben Staat zu strikter Neutralität. -r-olllealso R.tz- lanb der Angreifer fein, tritt dieser Punkt des Ver­trags nicht in Kraft. Damit entspricht der Dettraa durchaus dem Charakter des in Locarno obgef(Wol­lenen Garantiepaktes mit den Westmächten und ver­stößt auch nicht gegen die Völkerbundsjatzung, na­mentlich auch nicht gegen die Auslegung, bie die

Der Rapallovertrag wurde, wie erinner­nd), am Ostersonntag 1922 zwischen Rathenau, bem damaligen deutschen Außenminister, und Tschitscherin auf der Konferenz von Genua unterzeichnet. Er sollte nach bem offiziellen Kom­munique bie Folgen bes langen Krieges, bie Nach- wirfungen ber russischen Revolution liquidieren, unb für beibe Staaten ein Funbament für ben künftigen gemeinsamen Wieberaufbau legen. An bie Stelle bes in Versailles annullierten Friebensver- trags von Brest-Litowsk unb feiner Ergänzungen sollte ein neues Regime treten, bas weber Sieger noch Besiegte kennt, bas beiben Völkern^ volle Gleichberechtig

Gleichberechtigung gewährt unb eine sichere Orunb- löge für ein friebliches Zusammenarbeiten schafft. Wenn auch nicht alle Blütenträume gereift finb, bie sich schon in biesem Kommunique an ben Vertrags­abschluß knüpften, so war bie Notwenbigkeit einer Regelung bes deutsch-russischen Verhältnistes nicht oon der Hand zu weisen, namentlich dann nicht, wenn man sich erinnert, daß zur gleichen Zeit in Genua Lloyd George unb bie anberen alliierten Staatsmänner in bireften Verhanblungen mit ben Russen unter Ausschluß Deutschlanbs ebenfalls zu einer Regelung mit Rußlanb zu kom­men suchten. In diese Verhandlungen platzte die Bekanntgabe des Rapallovertrags wie eine Bombe. Doch die bei den Westmächten geheuchelte lieber- roschung war auch damals grundlos, hatte doch Rathenau mit größter Loyalität den alliierten De­legationen von den deutsch-russischen Verhandlun­gen, die schon vor der Genueser Konferenz einge­fädelt waren, Kenntnis gegeben unb ben Vertrags- abschluß erst bekanntgemacht, als bas Verhalten ber Alliierten es offensichtlich werben ließ, bah man trotz gegenteiliger Versicherungen versuchte, Deutsch­land an bie Wanb zu brücken. Die Situation vom April 1922 finbet also in manchen Zügen in ber

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

ten Teile Afrikas in Bewegung kommt. Unb bas würbe roicber unabsehbare Rückstrahlungen auf ben ganzen übrigen Teil bes Kontinents unoermeiblich machen.

Abessinien.

I§in englisch-italienisch s Abkommen.

London, 17. April. (WTB. Funkspruch.) Daily Retos" meldet, eine maßgebende Erklä­rung sei gestern abend erfolgt, in der betont werde, daß keine Rede von einerTei­lung" «A b e s s i n i e n s zwischen Großbritan­nien und Italien sein könne. Die Interessen Groß» brttcmniens seien streng beschränkt auf die Frage der Rilwasserversorgung. Italien er­suche um Konzessionen einschließlich einer Kon­zession für eine Eisenbahn von Ror­den nach Süden, die möglicherweise von Frankreich als schädlich für die von dem französischen Ha'en Djibouti ausgehende Eisen­bahnlinie angesehen werden könne.

Times "berichtet, die britische und d e. italie­nische Regierung gingen vor einiger Zeit eine Vereinbarung ein, um in genauerer Art ihre wir tschaftlichenRechtein Abessinien in üebereinftimnumg mit dem Abkommen vom 13. Dezember 1906 zwischen Großbritannien Frankreich und Italien zu definieren. Die bri­tische Botschaft in Paris teilte den Wortlaut der neuen Vereinbarung der französischen Regierung mit. Da Abessinien Mitglied des Völker- bun des ist, wird das Abkommen nach der Ratt- fikation beim Völlerbundssekretariat hinterlegt werden. Rach dem neuen Abkommen anerkennt Italien das ausschließliche Recht Großbritanniens auf den Tana-See, wie dies im englisch-abessi­nischen Abkommen vom Jahre 1912 vorgesehen ist, während sich England bereit erklärt, sich einem italienischen Plan auf Entwickelung der Eisen­bahn im Hinterland von Erythräa oder dem italienischen Somali-Land, das Abessinien be­rühren könnte, nicht zu widersehen.

Mussolinis Rückreisevon Tripolis

Rom, 16. April. (TL1.) Wie aus Tripolis gemeldet wird, hat gestern abend um 10 Llhr das SchlachtschiffCavour" die Anker gelichtet und die Rückreise angetreten. Kurz vorher fand an Bord des Schiffes noch ein Diner statt. Mussolini wird am Sonntag vormittag in Rom erwartet. Vor seiner Abreise hielt ft auf dem Kolonial - Landwirtschaftskongreh eine Red:, in der er ausführte:Die neue ita» lienifaje Generation, die der Faszismus geschaffen hat, ist aufopferungsvoll und zäh. Unter den hiesigen Kolonisten sind Söhne der besten Fa­milien. die nicht mehr so töricht sind, ihre Zeit auf Bällen zu vergeuden, sondern die s ch a f- fcn. Das sind die wahren Pioniere. Vom Staat soll man nicht alles erwarten, greift er nur ein, wenn das Interesse der Gesamtheit in Frage kommt und wenn das der Fall ist, dann weiß man auch, daß der saszistische Staat ener­gisch durchgreist. Wir Italiener haben Hunger nach der Erde, da wir selbst fruchtbar sind. Dann kommt mir die feste Lieberzeugung, dah wir von Gott geschickt sind. Gott schütze uns Wetter, das übrige müssen wir selbst tun."