Nr. 64 Erstes Blatt
116. Jahrgang
Mittwoch, 17. März 1926
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Das Veto Brasiliens. —
Genf, 17. März. (WTD. Funkspruch.) Heute vormittag kurz nach 9 Ahr teilte das General- sekretariat des Völkerbundes telephonisch der deutschen Delegation mit, daß um 9,45 Ahr eine Sitzung des Völkerbundsrates stattfinden werde, und zwar nicht im üblichen Ratssaal, sondern im Reformationsgebäude, wo um 10 Ahr die Vollvers ammlung stattfinden sollte. Zweck dieser Ratssitzung sei die formale Festlegung über die endgültige Stellungnahme Brasiliens, das im Laufe der Rächt seine Instruktionen telegraphisch an seinen hiesigen Delegierten Mello Franco erteilt hatte. In der zur vorgesehenen Stunde zusammengetretenen Völkerbundsversammlung gab dann Mel.lo Franco eine Erklärung ab, die er mit den Worteß schloß, daß sein Veto gegen eine Veränderung des Rates im gegenwärtigen Augenblick und in der geplanten Weise unwiderruflich und endgültig sei.
Auf die Rede Mello Francos folgte eine sichtlich von innerer Bewegung getragene Rede des britischen Außenministers.
Chamberlain
stellte fest, daß der Aufnahmeausschuß des Völkerbundes auf alle Fragen über den Ausnahmeantrag der deutschen Regierung bejahende Antworten abgegeben habe. Von Anfang an sei auf die Klarheit der Bedingungen, die Deutschland an seine Aufnahme knüpft, hingewiesen worden. Es sei auch stets betont worden, daß Deutschland mit Rücksicht auf seine große Bedeutung in der Welt Anspruch auf einen ständigen Ratssitz habe Es sei Pflicht der Loyalität gegenüber Deutschland, zu erklären, daß die bedauerlichen Mißverständnisse und Schwierigkeiten, die bei den Aufnahmeoerhandlungen in Genf auf beiden Seiten gezeigt wurden, durch das Zusammenwirken aller Beteiligten aus dem Wege geräumt worden seien. Es erhob sich lebhafter Beifall, der sich zu einem Sturm steigerte, als Chamberlain den Edelmut der schwedischen und tschechischen Regierung pries, die durch ihre Opfer die Beseitigung aller Schwierigkeiten ermöglicht hätten. Das Werk von Locarno sei dadurch gerettet worden und die Gewähr geboten, daß Europa nicht von neuem in zwei Lager gespalten wird. Er sei bitter enttäuscht, daß trotz dieser erzielten Uebereinftimmung die Aufnahme Deutschlands jetzt nicht vollzogen werden könnte. Er schloß mit dem Ausdruck der festen Ueberzeugung, daß die Vertagung zur Sicherstellung des deutschen Eintritts in den Völkerbund bei der nächstes, Session im September d. I. dienen werde. Die Erklärung machte sichtlich einen tiefen Eindruck auf die Versammlung.
Rach Aebersehung der Erklärung Chamberlains schloß sich
Brian d
unter starkem Beifall der Versammlung Chamberlains Worten und auch dem Dank an Schweden und die Tschechoslowakei an. Auch Briand erklärte, die Mißverständnisse zwischen Frankreich, Deutschland und den anderen Ratsmächten schienen durch eine volle Verständigung beseitigt, die durch die Vollversammlung und den Völkerbundsrat nunmehr die Weihe hätten empfangen sollen. Er gab dem Empfinden Ausdruck, daß man aus der heiklen Situation herausgekommen wäre, daß dabei weder das Ansehen eines Landes noch des Völkerbundes im geringsten leiden werde. Diese Worte Briands wurden von einem starken Beifall begleitet, der sich noch lebhafter steigerte, als er weiter ausführte, daß es sich bei dem Scheitern der Verhandlungen um eine Entwicklungskrankheit handele. Briand fuhr fort: „Ich empfinde es in höchstem Maße als eine Grausamkeit des Schicksals, daß die Zusammenarbeit mit Deutschland nicht zu einem positiven Ergebnis geführt hat. Wir sind alle und mit der deutschen Delegation der Aeberzeugung, daß das Werk des Friedens, das wir in Locarno geschlossen haben, darunter nicht leiden darf. (Lebhafter Beifall.) Briand forderte eine Reformation und Veränderung des Völkerbundes und wies auf den Herzensadel der deutschen Delegation (lebhafter Beifall) hin, der dazu geführt habe, daß das Werk von Locarno trotz dieser Krise unantastbar bliebe. Nach Briand sprach der gegenwärtige Vorsitzende des Dölkerbundrates
Graf Ishii
der den von der deutschen Delegation zur Debatte gestellten Vorschlag auf sofortige Schaffung einer besonderen S t u d i e n k o in m i s - f i o n zum Antrag erhob. Diese Kommission soll bis jjur Septembertagung des Völkerbundes ihre Aufgabe beendet haben. Der schwedische Außenminister gab seinem lebhaften Bedauern Ausdruck, daß durch nationalistische Interessen das einzige Ziel der Märztagung des Völkerbundes, nämlich die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und den Völkerbundsrat, gescheitert sei.
Lateinamerika gegen Brasilien.
Caballero (Paraguay) verlas namens der s ü d a m e r i k a n i s ch e n Staaten eine scharfe Erklärung, die sich gegen die Haltung des bra
Der Bruch in Genf.
Die Völkerbundsversammlung beschließt auf Antrag des Rats Vertagung des deutschen Aufnahmeantrags bis zum Herbst.
silianischen Delegierten richtete, deren Inhalt bereits gestern vormittag zur Kenntnis Mello Francos gebracht worden ist. Darin wird Brasilien ersucht, mit Rücksicht auf die gegenwärtigen Schwierigkeiten sich dem Beschlüsse der Mehrheit anzuschließen, denn die amerikanischen Völker mühten zur Befriedung Europas In hohem Maße beitragen. Motta (Schweiz) und Van Rotten (Holland) gaben der tiefen Bestürzung der Versammlung über das Scheitern der Verhandlungen Ausdruck. Motta erklärte u. a„ daß es die lebenswichtigste Aufgabe des Völkerbundes sei, die Aufnahme Deutschlands zur Septembertagung sicherzu stellen, da sonst ein Zusammenbruch des Völkerbundes unter dem Wutschrei der Völker unvermeidlich sei. Er bedauerte weiter lebhaft, daß die Vertreter von 48 Rationen, die an der Völkerbundsvollversammlung teilnehmen, nur einige Brocken von dem, was in den letzten zehn lagen vor sich gegangen sei, erfahren hätten. Das Scheitern der Verhandlungen sei tief zu bedauern, es sei deshalb zu befürchten, daß eine Herabminderung des Ansehens des Völkerbundes, mindestens aber ein Prestigeverlust bei den Völkern eintreten wird.
Briand forderte dann die Annahme folgender Entschließung:
„Die Versammlung bedauert, daß die bis jetzt ausgetauchten Schwierigkeiten es nicht ermöglicht haben, das Ziel zü erreichen, zu welchem Deutschland nach Gens eingeladrn worden war.' Die Versammlung drückt den Wunsch aus, daß die Schwierigkeiten bis zur ordentlichen Herbsttagung im September überwunden werden, damit dann zu diesem Zeitpunkte die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund vollzogen werden kann."
Die Versammlung wird hierauf geschlossen.
Vie letzten Verhandlungen.
Die letzten Phasen der Verhandlungen, die zu diesem Beschluß der Völkerbundsversammlung führten, ergeben sich aus folgendem zusamrnen- fassenden Bericht unseres Genfer Korrespondenten:
Die Verhandlungen über die Voraussetzungen für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, die sich ja im wesentlichen um eine Umgruppierung der Mächte im Völkerbundsrat drehen, scheinen in letzter Stunde an dem Widerst a n d Brasiliens scheitern zu sollen. Wie schon gestern gemeldet, hatten es die Aebcr- redungskünste Briands und Chamberlains vermocht, den schwedischen Außenminister U n d e n zu einem Verzicht Schwedens auf seinen Ratssih gleichzeitig mit dem Verzicht einer zweiten Macht zu bewegen. Auch diese zweite Macht war in der Tschechoslowakei gefunden, nachdem ein weiter unten näher erörterter Zwischenfall beigelegt war. der dadurch entstanden war, daß Rumänien als Vertreter der Kleinen Entente an Stelle der ausscheidenden Tschechoslowakei Aspirationen auf einen Ratssitz äußerte. Man hatte sich also innerhalb des Rats dvhin geeinigt. daß die Sitze Schwedens und der Tschechoslowakei der Völkerbundsversammlung zur Reu- besehung zur Verfügung gestellt werden sollten, wobei man der Versammlung als Kandidaten Holland für Schweden und Polen für die Tschechoslowakei zu präsentieren gedachte. Soweit war also alles in bester Ordnung, wenigstens im Sinne derer, die durch ihre vorzeitigen Bindungen die ganze Krisis heraufbeschworen und den Völkerbund in diese Sackgasse geführt hatten. Für Deutschland war diese Lösung, wie gestern schon angedeutet, die denkbar ungünstigste, die deutsche Delegation hätte aber schwerlich ihr ausweichen können, da formal keine Erweiterung des Rats beschlossen war und Deutschl.and dem „freiwilligen" Verzicht einer ihm eng befreundeten Macht nicht hätte widersprechen können, überdies ja die Reuwahl der neuen Ratsmitglieder bei der Entscheidung der Völkerbundsversammlung gelegen hätte. Deutschland hätte also durch eine Ablehnung dieses Kompromisses das Odium auf sich geladen, die älrsache für das Scheitern einer formal seinen Forderungen entgegenkommenden Verständigung gewesen zu sein. Andererseits hätte diese Lösung materiell gerade das gebracht, was Deutschland hatte verhindern wollen, den Einzug Polens in den Rat bei gleichzeitigem Verlust des befreundeten Schwedens und mit dem Effekt, durch seine Haltung in Genf das ebenfalls befreundete Spanien vor den Kopf gestoßen zu haben.
Jedenfalls aber wäre auf dieser, wenn auch für Deutschland sehr ungünstigen Basis am Montagabend eine Einigung unter den Ratsmächten zustande gekommen, wenn nicht Brasilien erneut durch seinen Botschafter Mello Franco mit aller Entschiedenheit seine alte Forderung auf Zubilligung eines ständigen Ratssitzes erhoben und erklärt hätte, daß es im Falle einer Ablehnung seines Antrages entschlossen fei, gegen die Gewährung eines Ratssihes an Deutschland zu stimmen. Alle Versuche der Ratsmitglieder, besonders des Vorsitzenden, des
Grafen 3shii, den brasilianischen Botschafter zu einer nochmaligen ileberprüfung seiner Stellungnahme zu veranlassen, scheiterten, auch eine direkte Fühlungnahme mit dem Kabinett in Rio de Janeiro scheint ein negatives Ergebnis gehabt zu haben. Schließlich traten die lateinamerikanischen Staaten, die in Genf vertreten sind, zu einer Besprechung zusammen, als deren Ergebnis folgendes Communique veröffentlicht wurde:
„Die Delegationen der südamerikanischen Staaten haben einen im Geiste größter Herzlichkeit und Solidarität gehaltenen Meinungsaustausch gehabt und nach Anhörung der Erklärungen der Ratsmitglieder G u a n i und Mello Franco folgenden Beschluß gefaßt:
1. Sie erneuern in ihrem Namen wie im Namen ihrer Regierungen der brasilianischen Regierung und des Botschafters Mello Franco ihre lebhafteste Sympathie.
2. 3n Anbetracht der schwierigen Lage des Völkerbundes und im Interesse des Weltfriedens sowie entsprechend der Pflicht der amerikanischen Staaten, im Geiste der Aussöhnung der europäischen Völker zu vermitteln, sprechen die sud- amerikanischen Delegationen Mello Franco den Wunsch aus, Brasilien möge auf i h m gut erscheinende Weise die Einstim- migkeit des Rats erleichtern, um dem Rat die zu fassenden Beschlüsse zu ermöglichen.
3. Sie bitten Mello Franco, vor dem Rat die einstimmige Ueberzeugung der südamerikanischen Delegationen vorzutragen, daß die südamerikanischen Staaten auf eine ihrer Zahl entsprechende größere Vertretung im Rat Anspruch haben."
Doch auch dieser Beschluß änderte nichts in der Hartnäckigkeit, mit bcv Mello Franco, offenbar auf dahinlautende Instruktionen aus Rio gestützt, seine Forderung in der wiederaufgenommenen Ratssitzung aufrecht erhielt. Infolge der aus i'ent Konferenzzimmer heraussickernden wenig hos nungsvollen Rachrichten machte sich in den R '. chmittagsstunden eine außerordentlich starke Erregung in den Kreisen sämtlicher Delegationen bemerkbar, die sich auch auf die in Genf weilende Presse übertrug Bon französischer Seite war bereits um fünf Ähr nachmittags der Presse die Parole übergeben worden, daß die Verhandlungen als gescheitert zu betrachten seien und Deutschland nicht in den Völkerbund ausgenommen werden könnte. Die Parole der französischen Delegation war in wenigen Minuten im Völkerbundssekretariat verbreitet und wurde dor! lebhaft kommentiert, jedoch mit einem gewissen Mißtrauen ausgenommen. Um sechs älhr glaubte auch die deutsche Delegation in der Lage zu sein, die Vertagung der Verhau dlun- a e n in einer, wenn auch bedingten Form, zu bestätigen. Ilm Ahr wurde jedoch in sämtlichen Delegationen mitgeteilt, daß die Vertagung zur Zeit noch nicht endgültig feststehe und noch eine leise Hoffnung vorhanden sei, Brasilien von seinem Veto abzubringen.
Diese Hoffnung sollte sich jedoch als trügerisch erweisen.
Die Ratsbesprechu'.'.gen gingen gegen 7.30 Uhr zu Ende. Am Schluß der Sitzung soll eine Abstimmung über die Frage der Vertagung des deutschen Aufnahmeantrages und der damit zusammenhängenden Angelegenheiten vorgenommen worden fein, bei der sich sieben Ratsmitglieder für und drei gegen die Vertagung ausgesprochen hätten. Als die drei letzteren Ratsmächte werden Belgien, Schweden und Japan genannt. Nach havas hat ferner der Völkerbundsrat beschlossen, daß Chamberlain in seiner Eigenschaft als Berichterstatter der politischen Kommission Mittwoch der Vollversammlung des Völkerbundes Vorschlägen solle, die Aufnahme Deutschlands und die Frage der Erweiterung des Völkerbundsrates bis zum September zu vertagen. Nach einer anderen Lesart soll die Vertagung nur bis zum Iuni geschehen.
Gleich nach Schluß der Ratssitzung begab sich Chamberlain in das Hotel Metropole, wo er bei der deutschen Delegation eine Stunde weilte. Er besprach nochmals die Möglichkeiten des Mittwochs und machte erneut Mitteilung von dem hartnäckigen Standpunkt Brasiliens. Zn den letzten 20 Minuten nahm auch Briand an der Unterhaltung teil, während die übrigen Ratsmitglieder zum Abendessen beim japanischen Delegierten, Grafen Ishii, ebenfalls im Hotel Metropole weilten. Etwa eine halbe Stunde, nachdem Chamberlain und Briand die Räume der deutschen Delegation verlassen hatten, veröffentlichte man folgendes RomnnmiquederLocarnomächte
Die Vertreter Deutschlands, Belgiens, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens haben sich heute vereinigt, um die Lage zu prüfen, wie sie sich aus den aufgetauchten Schwierigkeiten des Verfahrens ergibt, die sich der Verwirklichung ihrer ge- meinfamen Ziele entgegenffeden. Sie (teilen fest, daß sie im Begriffe waren, z u einer Uebereinftimmung z u gelangen und die Hindernisse zu überwinden, die zu einem gegebenen
Zeitpunkt unter ihnen entstanden waren. Falls, wie zu befürchten ist, die eingangs erwähnten Schwierigkeiten sortbestehen sollten, würden die Vertreter der sieben Signatarmächte des Protokolls von Locarno bedauern, daß sie im gegenwärtigen Augenblick das von ihnen ange ft reble Ziel nichterreichen können. Sie stellen jedoch mit Befriedigung fest, daß das Friedenswerk, das sie in Locarno verwirklichten und welches in feinem ganzen werte und in feiner ganzen Kraft bestehen bleibt, dadurch nicht berührt wird. Sie halten daran fest heute wie gestern und find fest ent- schlossen, sich gemeinsam dafür einzusetzen, e s a u f - rechlzuerhalten und fortzuentwickeln. Sie bleiben bei der Ueberzeugung, daß bei der nächsten Bundesversa m-m lung die gegenwärtigen Schwierigkeiten überwunden fein werden, und daß die Verständigung, die hinsichtlich der Voraussetzungen für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund erzielt worden war, verwirklicht werden wird.
Heber die Auffassung zu der aus diesem amtlich vereinbarten Kommunique sich ergebenden Lage wird halbamtlich aus Kreisen der deutschen Delegation mitgeteilt, daß für die Beurteilung des Richtvollzngs des deutschen Eintritts in den Völkerbund die Tatsache im Vordergrund der Betrachtung stehe, daß dieser negative Ausgang aus einer Schwierigkeit des Verfahrens resultiere, die nicht vorausgesehen werden konnte. Es wird dabei ausdrücklich feftgefteUt, daß die vorher bestehenden Hindernisse, mit denen man sich u. a. noch am Diensatg vormittag beschäftigt hatte, beseitigt waren. Die Ursachen des negativen Ausgangs sind außerhalb der Locarno-Mächte bei einem südamerikanischen Ratsmitglied zu suchen. Die deutsche Delegation vermeidet es jedoch ihrerseits, die Verursachungsfrage näher zu erörtern und überläßt es der Meinung der Welt, die Schlüsse zu ziehen, auf denen ihre letzte Entscheidung beruhen wird. 3m übrigen ist wesentlich die unter den Signatarmächten von Locarno getroffene Feststellung dahingehend, daß das Werk von Locarno mit seinen Voraussetzungen, Rück- und Auswirkungen unter ihnen bestehen bleibt und daß sie es als ihr gemeinsames Ziel betrachten, die jetzt bestehenden Schwierigkeiten bezüglich des deutschen Eintritts in den Völkerbund bis zur nächsten Vollversammlung zu beseitigen. Aus dieser Auffassung wird vov manchen Seiten in Genf der Vorwurf hergeleitet, daß bei den Genfer Besprechungen Locarn o über den Völkerbund gestellt worden sei. 3ndes erscheint es für die Behqndlung der gesamten öffentlichen Meinung der Welt und sicherlich nicht nur vom deutschen Standpunkt aus das wichtigste Erfordernis. daß bei der nun erfolgten Entwicklung keinerlei fehlerhaftes Verhalten Deutschlands mitspielte, daß es aber durch die Form, in der das vereinbarte Communique auf die Beziehungen zwischen den Ereignissen und der Erhaltung des Werks von Locarno Bezug genommen ist, unzweifelhaft klar- gestellt.
Der erste Eindruck in Paris.
Paris, 17. März. (Täl.) Die Rachricht von dem Vertagungsantrag in Genf erregt hier großes Aufsehen, da die letzten Genfer Berichte dahin gedeutet wurden, daß Brasilien sein Velo zurückziehen werde. Es ist vorauszusehen, daß ein Teil der französischen Presse den Vertagungsbeschluß als ein offenkundiges Eingeständnis derOhnmacht desVölkerbundes buchen und dessen moralischen Bankerott verkünden wird. Die vorliegenden Pressekommentare, in denen die Folgen einer Aufnahme Deutschlands in den schwärzesten Farben geschildert werden, lassen den Schluß zu, daß die Vertagung des deutschen Eintritts nicht ungern gesehen wird. Es fehlt jedoch nicht an Stimmen, die das Verhalten Brasiliens verurteilen. So telegraphiert der Genfer Vertreter des „Temps", die von Brasilien eingenommene Haltung sei um so bedauerlicher, als die letzten Schwierigkeiten, die wegen der Wahl Polens in den Völkerbund bestanden, aus dem Wege geräumt zu sein schienen. „Journal des Debats" sagt, es sei höchste Zeit, daß der Vorhang über Genf falle, weil das Schauspiel, das man in den letzten Tagen erlebt habe, geradezu beschämend gewesen sei.
Der Matteotti - Prozeh.
Chieti, 16. März. 3n dem heute begonnenen Prozeß gegen die Mörder des sozialistischen Abgeordneten Matteotti machte der Hauptangeklagte Dum i ni u. a. folgende Erklärungen: Rach einer Reise, die mich nach Frankreich führte, gewann ich die Ueberzeugung, daß zwischen gewissen aufrührerischen, nach Frankreich ausgewanderte n italienischen Elementen und der unitarischen sozialisti - sch en Partei, in der Matteotti eine der Hauptrollen spielte, ein Einvernehmen existierte. Rach der Ermordung des Faszisten Bonscr - v i z i in Paris habe ich einen Aufsichts- dienst um Matteotti eingerichtet. Dieser


