Ur. 269 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 16. November (926
Jugend und Hochschule.
Student und Staat.
Don
Reichsaußenminister Dr. Gustav Stresemann.
Mehr denn je ist in einem Zeitalter des grundsätzlich parlamentarisch-demokratischen «ystems Die Bedeutung der geistigen Fuhrersch J w1 J würdigen, weil nur durch sie die Bürgschaft dafür gegeben ist, bah die Waffe, die man dem Bo te durch die Einräumung demokratischer und parlamentarischer Einrichtungen in die Hand gwt, zu seinem eigenen Segen geführt wird.
Auch heute ist vor einer Ueberschatzung der Arithmetik in politischen Fragen zu warnen. Es ist nicht so, als ob die rein zahlenmäßige Starke der Parteien und der hinter ihnen stehenden Wohler- massen unseren Tagen das politische Gepost geben. Auch heute werden die Stimmen nicht gezahlt, sondern gewogen. Diese Tatsache ist aus der ganzen Betrachtung unseres politischen Lebens abzulesen. Auch heute gibt die starke Persönlichkeit und ihre Meinung der Partei, in der sie wirkt, das Gepräge. Und alles, was man von übelwollender Seite gegen den heutigen Parlamentarismus an- führen mag, muß mit äußerster Vorsicht gewertet werden, denn schon Otto von Bismarck wußte und hat in einer Rede, die er bezeichnenderweise aus dem Marktplatz zu Jena an die dortigen Studenten hielt, daraus hingewiesen, daß eine breite politische Bildung und Anteilnahme in ber geistigen Oberschicht vorhanden sein müsse, wohl aus dem richtigen Gefühl heraus, daß die Form des ehemaligen Staates jo sehr auf seine übergeniale Persönlichkeit zugeschnitten war, und von dem Ver- trauen dxs Volkes und der Regierenden in fern persönlichstes Können abhing, daß er von einer kritiklosen Uebertragung dieses Vertrauens auf seine Epigonen auf das dringendste warnen zu müssen glaubte. Als das sicherste und auf die Dauer für den Staat am meisten förderliche Gegenmitel gegen ein solches Vertrauen am unrechten Platze, gegen ein Ersterben der Kritik vor der Autorität betrachtete er die innere lebendige Anteilnahme der breiten Schichten, vor allem aber der Gebildeten im Volke.
Diese lebendige Anteilnahme ist gerade ein Bestandteil uralter studentischer Tradition: denn es war der alte „Frontgeist" der Burschenschaftler, der dereinst in den Freiheitskriegen geboren und durch Metternich niedergehalten in der Paulskirche zu Frankfurt noch einmal zu seiner inneren Verbundenheit mit dem Volke die tiefste Sehnsucht nach einem einigen deutschen Vaterlande in einem Augenblick formulierte, in dem die Fürsten teilnahmlos beiseite standen. Wenn in der heutigen Zeit der Demokratie naurgemäß jeder Gegensatz zwischen Führertum und Masse von erhöhter Bedeutung ist, so dürfen wir nicht vergessen, daß uns gerade die jüngste 23er« gangenbeit mit betrüblichen Erfahrungen erfüllt hat. Es war die Zeit des größten politischen Aufstiegs, die wir seit der Einigung des deutschen Volkes erlebt haben, zugleich eine Zeit des größten Niedergangs, indem alle jene flammenden und aus der unerlösten Sehnsucht geborenen Ideale der Paulskirche nun nach ihrer Verwirklichung als eine Selbstverständlichkeit hin-genommen wurden unb der Geist der Zeit sich einer inneren Schwunglosigkeit und seichten Materialisierung zuwandte. Das Volk verlernte, an dem Geschehenen inneren Anteil zu nehmen unb beschränkte sich barauj, im Gehorsam gegen bie be« stehende Autorität bas höchste Ideal staatsbürgerlicher Tugend zu sehen. Ein Zustand, der dazu führte, daß in den kritischen Herbsttagen von 1918 das an Gehorsam gewöhnte deutsche Bürgertum kritiklos jenen letzten Befehl der alten Regierung gehorchte, der eine Unterordnung unter die nunmehr bestehende Staatsgewalt befahl.
So sind die Schichten, die geistig zum Fvhrertum prädestiniert gewesen wären, kritiklos von jener Zeitströmung hinweggespült und in neue Formen des staatlichen Lebens hineingesührt worden, die ihrerseits eine überspitzte Durchführung der Grundsätze der sogenannten westlichen Demokratie dar- stellen.
Noch eines muß bei jenem Bruch, den wir in jüngster Zeit in der Geschichte unseres Volkes erlebten, berücksichtigt werden: daß unser Volk in zwei auseinander klaffende Schichten zerfallen war, in eine, die sich dünkelhaft als soziale Herrenschicht
fühlte, und in eine andere, die sich von jener unterdrückt wähnte.
So nur konnte es kommen, daß weite Kreise unseres Volkes jene geistige Strömung des Sozialismus weniger als eine Frage der Weltanschauung denn als eine Klassenfrage betrachteten und ihm in dem kritischen Moment, in dem er sein Haupt erhob, mehr Sympathien entgegenbrachten, als ihrer inneren Einstellung entsprach.
Wenn aber damals, in jenen Tagen, als die Dvlksbeauftragten die ganze Macht in ihren Händen hielten, nicht der Bolschewismus über die deut- fchen Gaue hereinbrach, bann war dies nicht ein Verdienst des deutschen Bürgertums, das in philisterhafter Untätigkeit den Dingen ihren Lauf lief), sondern es war — und dies muß man den sozialistischen Führern jener Tage anerkennend zugestehen — ein Sieg des Rechts über das Unrecht in den Herzen der damaligen Gewalthaber: besonders Friedrich Ebert drängte darauf hin, daß man die Macht, bie man in jener Zeit effektiv in Händen hielt, aber zunächst als ber Rechtmäßigkeit entbehrend empfand, wieder aus den Händen zu geben unb ber Mehrheit des Volkxs anheimzustellen habe, durch eigene Mehrheilsentscheidung die bereits vollzogene Entwicklung zu legalisieren.
Wenn wir also in der jüngsten Geschichte unseres Volkes einen jähen Bruch zu verzeichnen haben, so müssen wir, ungeachtet der gegenwärtigen Lage, nicht Pie Achtung vor der Vergangenheit über den Aufgaben der Gegenwart vergessen. Wir reden soviel davon, daß wir die Achtung unter den Völkern der Welt wieder erringen müssen, vergessen aber, daß jedes Volk einem anderen die Achtung solange versagen wird, als es einen offenbaren Mangel an Achtung vor sich selber beweist. Wir dürfen nicht deshalb großen Heroen- geftalten der vergangenen Tage unsere Achtung versagen, weil sie wie beispielsweise Friedrich der Große fürstlichen Geblüts waren: denn nicht auf ihrer Fürsteneigenschast, sondern auf der Größe ihrer menschlichen Qualitäten beruht ihr Ruhm für alle Tage. Besonders ist es ein Mangel an nationalem Takt und auch gänzlich undemokra- lisch, wenn man versucht, die Leistungen, die das deutsche Heer im Weltkriege vollbrachte und deren Ruhm man täglich aus dein Munde seiner Gegner zu hören vermag, zu verkleinern: es sind große und unvergleichliche Taten gewesen, die von einem Volke unter Heranziehung des letzten Mannes vollbracht und damit zu einem Ruhmesblatt des gesamten Volkstums wurden.
Was aber meine persönliche Meinung über die Entwicklung unseres Volkes anbetrifft, so wird mir immer wieder in der Oessentlichkeit der Vorwurf gemacht, daß ich ein Optimist sei unb alles nur durch eine rosarote Brille sähe. Gewiß bin ich Optimist, bin ich grundsätzlich Optimist: In den Verhältnisfen, in denen wir leben m u ß es einen Glauben geben, der Berge versetzt, und die Entwicklung der letzten Jahre hat diesen Glauben, den ich seinerzeit bei ber Uebernahme der Kanzlerschaft mit in die Regierung hineinbrachte, in vollem Maße gerechtfertigt und dem zersetzenden Pessimismus Unrecht gegeben. Wenn ich damals in den kritischen Tagen des Ruhrkriegs Maßnahmen ergriff, die die gefühlsmäßigen Impulse manches aufrichtigen Patrioten unangenehm berührten, so muß man doch bedenken, daß, wer sehend, daß die Schlacht verloren ist, um den Rückzug zu decken, bie Schlacht abbricht, nicht jene maßlosen Verbächtigungen oerbient, die mir im Lause der Zeit zuteil geworden sind. Politik ist keine Frage der Instinkte und ungezügelter Gefühle, sondern ein Gebiet, das den Gesetzen ber Vernunft untertan ist. Und es handelt jeder falsch, der sich vor den Gefühlen der Massen, aus Byzantinismus vor ihr, verbeugt, wie es ehedem falsch war. aus Byzantinismus vor dem Fürsten zu ersterben. Gewiß müssen wir daran denken, daß in her heutigen Zeit jeder sogenannte Erfolg besonders in der Außenpolitik nur eine Verminderung des Negativen, eine Verkleinerung des Uebels sein kann, in das uns ein widriges Schickfcü hineintrieb, aber daß die Widerwärtigkeit in ihrer ganzen Totalität nicht vernichtet und nicht durch Augenblicksmaßnahmen aus der Welt geschafft werden kann.
Deutsche Hochschulen in der Tschechoslowakei.
Don Dr. Siegfried Scharfe.
Es ift bekannt, bah die Tschechoslowakische Republik in nationaler Beziehung kein einheit- Ucher Staat ist. Das Vielerlei der Rationen, über das man früher in der Donaumonarchie spotten zu müsfen glaubte, wird durch die Tschechoslowakei noch übertroffen. Tschechen gibt es bekanntlich in dem Lande Masaryks nur 46 Prozent, während von den 12 Millionen Landes bewohne rn allein 3,5 Millionen Deutsche ind. So ist es kein Wunder, daß der deutsche Voltstell in der Tschechoslowakei auch ein eigenes Hochschulwesen aufzuweisen hat. ES handelt sich um die älteste aller deutschen Universitäten, die deutsche Universität in Prag (gegründet 1348) mit 3447 Studenten im Winter- emester 1925/26, und die beiden Technischen Hochschulen in Prag und Drünn, die zu Beginn bzw. um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gegründet worden sind und nach der letzten Statistik 1916 bzw. 1641 Hörer haben. Dazu kommt schließlich die Landwirtschaftliche Hochschule in Letschen-Lieb- werd, die im vorigen Jahre ihr 75jähriges Bestehen feierte. Sie wird als landwirtschaftliche Abteilung der Prager Technischen Hochschule geführt und weist 130 Hörer auf.
Die deutschen Hochschulen in der Tschechoslowakei haben ebenso wie das gesamte Studentendeutschtum einen schweren Existenzkampf zu führen. Die Deutsche Derghochschule in Przibram ist von den Tschechen bereits zur Strecke gebracht worden. Aber auch den noch bestehenden Hochschulen wird das Leben schwer genug gemacht. Man hat ausgerechnet, daß von den 525 Millionen tschechischer Kronen, die der tschechoslowakische Staat von 1919 bis 1924 für sein Hochschulwesen aufgewandt hat, nur etwa 27 Millionen den deutschen Hochschulen Augube gekommen sind, also im ganzen etwas mehr als fünf Prozent, wahrend der zahlenmäßigen Stärke des deutschen Volksteils in der Tschechoslowakei mindestens 120 Millionen Kronen entsprochen hätten. Das sind Zahlen, die ohne weiteres die äußere wirtschaftliche Rot der sudetendeutschen Hochschulen erkennen lassen. Man mag es begreiflich finden, daß auch auf kulturellem Gebiete die Tschechoslowakei in erster Linie das Tschechentum berücksichtigt, -- tatsächlich sind 12 selbständige tschechische Hochschulen vorhanden, von denen allein die Hälfte nach dem Umsturz errichtet worden ist — billigen kann man die tschechische Kulturpolitik gegenüber dem Sudetendeutschtum und anderen nationalen Minderheiten auf feinen Fall. Aber die Tschechen lassen es nicht nur an der nötigen wirtschaftlichen Stützung der bestehenden deutschen Hochschulen fehlen, sie gehen sogar mit dem Gedanken um, eine von den beiden Technischen Hochschulen auszu- lösen, weil angeblich keine Verwendung für den akademischen Rachwuchs vorliegt. Auf der anderen Seite gelingt es nur mit Mühe, die neugegründeten tschechischen Hochschulen überhaupt fortzuführen, weil die Hörerzahlen gering sind, unb* auch ein großer Teil ber Lehrkanzeln unbesetzt bleibt. 3m übrigen gibt der in den meisten europäischen Staaten nach dem Kriege vorhandene Uebrrfluß an Akademikern und atä- demischen Rachwuchs dem tschechoslowakischen Staat noch längst nicht das Recht, mit einem Hochschulabbau bei den Sudetendeutschen zu beginnen Die Gründe für die Rotlage des deutschen Hochschulwesens in der Tschechoslowakei liegen natürlich tiefer. Es ist der nationaliische Zug des iuntren tschechischen Staates, der in der antideutschen Kulturpolitik zum Ausdruck kommt. Man hat oft genug davon gehört, wie schwer es den Sudetendeut'chrn, und namentlich den Akademikern unter ihnen, gemacht wird, sich um deutsche Kulturbelange zu kümmern. Mit der Schikanierung deut'cher studentischer Korpvrallo- nen in Prag und Brünn soll schließlich dasselbe erreicht werden, wie mit all den anderen Maßnahmen, die gegen Deutsche in Szene gesetzt worden sind.
Infolgedessen ist eS heute nicht einfach in der Tschechoslowakei ein deutsches Studium zu beginnen und durchzuführen. Wenn man irgendwo i >as Recht hat, von wirklicher Studentennot zu sprechen, so ist das in Böhmen und Mahren der Fall, wo es sich nicht nur um eine mehr oder minder vorübergehende Rotzeit handelt, wie zur Zeit der Inflation in Deutschland, sondern um einen Dauerzustand, der sich kaum in der nächsten Zeit mildern oder gar beseitigen lassen wird. Ans liegt ein vierter Jahresbericht des Vereins Deutsche Studentenfürsorge für bie deutschen Hochschulen in Prag vor, in dem von ber umfangreichen wirtschaftlichen Fürsorgearbeit in der Prager Studentenschaft berichtet wird. Zwei Studentenwohnhäuser werden unterhalten, ferner eine Studentenküche, die täglich bis zu 900 Studenten speist, usw. Unb man hat den Eindruck, daß diese Einrichtungen in einem viel höheren Maße aus der studentischen Wirtschaftsnot heraus geboren sind, als etwa an einer reichs- deullchen Hochschule. Wer einmal die deutschen Hochschulen in der Tschechoslowakei mit eigenen Augen gesehen hat, weiß, wie trostlos dort vielfach die Verhältnisse liegen.
Trotzdem ist man auf Selten der sudetendeutschen Professoren und Studenten entschlossen, den Existenzkampf fortzuführen und immer von neuem das gute Recht auf eigene kulturell«! Existenz geltend zu machen. Die Sudetendeutschen rechnet- in ihrem Kampf auf moralische älntetftübung in Deutschland. Tatsächlich läßt es die reichsdeutsche Professoren- und Studentenschaft hieran im allgemeinen nicht fehlen. Bekanntlich gehört die sudetendeutsche Studentenschaft als Kreis 9 zur Deutschen Studentenschaft. Die reichsdeutschen Professoren, soweit sie im Verband der Deutschen Hochschulen zusammengeschlossen sind, haben ebenfalls den sudetendeutschen Hochschulen wiederholt ihre Sympathie bewiesen. Wünschenswert wäre es, wenn in stärkerem Umfang als bisher ein Austaufch von Professoren und Studenten zwischen den reichsdeutschen und sudetendeutschen Hochschulen stattfinden könnte, damit noch deutlicher die kulturelle Zusammengehörigkeit diesseits und jen^ts der Reichsgrenzen in das richtige Licht geruckt wird.
Ein Besuch in der pariser Ztudentensiedlung.
„Frankreich muß seine Elite retten. Unterstützt die StudentensiedlungI" Dies ist der Wortlaut des Stempels, den jetzt die französische Post auf jeden in Paris abgesandten Dries aufdruckt und der vermutlich bei manchem Deutschen die Frage entstehen ließ, was diese „Cite unl- versitaire“ eigentlich sei.
An einem sonnigen, herrlichen Tage ließen totr und von einer kleinen deutschen Studentin das Märchenland zeigen, das der französische Staat so energisch zu retten versucht. E. und L. Deutsch la Meurthe heißt das Stisterpaar, dessen Büsten aus hohen Sockeln am Eingang zu den Empfangs- räumen stehen, und „dieser Deutsch la Meurthe muß schon ein ganzer Kerl gewesen fein“, sagen die Studenten. Jedenfalls verstand er es, den französischen Staat zu bewegen, die Stiftung zur Hälfte mit ihm zu schaffen. Er verpflichtete sich, soviel zu geben, wie der Staat zu geben gewillt war. Und bann baute er die Siedlung. Man erzählt, jede Einzelheit fei von ihm überlegt und überdacht worden, und Legenden spinnen sich um feine Tatkraft und Fürsorge für die Stu- benten. Was entstand, ist jeden'alls eine Verwirklichung der kühnsten Träume. Die Siedlung ist beinahe außerhalb der Stadt gelegen, doch so, daß sie fehr leicht von der Universität au3 erreicht werden kann, und der Eingang in die Siedlung befindet sich gerade gegenüber dem Eingang in einen der schönsten Gärten von Paris, den parc Mon Souris. Die Gebäude bilden ein Viereck, in dessen Mitte ein Garten angelegt ist, der hauptfächlich aus kurz geschnittenem Rasen besteht. Die Gebäude sind dreistöckig, hell, stellenweise durch 6äulengänge vereint, mit noch jungem E'eu bewachsen. Sie haben viele kleine
Die wirtschastrhilse der deutschen Ztudentenichast.
Don Geh. Rat Dr. Runkel, M. d.R.
Vor mir liegt der Geschäftsbericht der „Wirt- schastshilse der deutschen Studentenschaft e. V.". Er gibt zunächst rein geschäftsmäßig Auskunft über die letzte Jahresarbeit des genannten Vereins. Er kennzeichnet übersichtlich an der Hand eines erschöpfenden Zahlenmaterials Um'ang unb Art seiner Tätigkeit und legt Rechenschaft ab über Aufgabe an) Einnahme während des Geschäftsjahres 1925,-26. Die Organisation ist neueren Datums. Aufgabe und Zweck ergibt sich aus § 2 seiner Satzungen: „Die Wirtschaftshllfe ber deutschen Studentenschaft vertritt im Auftrage der deutschen Studentenschaft als wirtschaftliche Spitzenorganisation die Wirtschasts- interesfen der gesamten deutschen Studentenschaft, führt alle hieraus nötig werdenden Verhandlungen mit den Behörden und mit Zentralverbänden und vertritt die studentischen Wirtschaftsfragen in der Oe fentlichkeit unb der Presse des In- und Auslandes." Als Spitzenorgani- fation unterstützt sie die örtlich bedingten Wirt- fchaftskörper an den einzelnen Hochschulen, die der Studentenschaft die praktische Wirtschaftshilfe durch Einrichtung von Mittagstischen. Besorgung von Wohnungen, Wäsche und anderen wirtschaftlichen Erleichterungen leistet: sie schafft bie zentral benötigten Geldmittel, die von Reich, Ländern. Städten, Landgemeinden, Verbänden und Mitgliedern aufgebracht werden. Auch für Dau und Einrichtung von Studentenheimen, für Gesundheitspflege, besonders Tuberkulosenfür- sorge und Heilausenthalte. werden durch die Wirtschaftshn e Wittel ausgebracht. Ein Amerika- Werkstudenten-Dienst ist eingerichtet, der jährlich bis zu 100 Studenten, die ihr Studium abgeschlossen haben, in erster Linie Technikern, bie Möglichkeit gibt, in Amerika praktisch zu arbeiten. Weiter wurden Beiträge ber „Stubenten- ftiftung des deutschen Volkes" zur Verfügung gestellt, um ganz ausnahmsweise wissenschaftlich befähigten, menschlich wertvollen unb tüchtigen
Abiturienten beiderlei Geschlechts, denen bie Mittel zur alleinigen Durchführung eines Studiums fehlen", das Hochschulstudium zu ermöglichen. Die wirtschaftliche Bedeutung der „Wirt- schastshilse' ergibt sich aus einigen Zahlen, die ich dem Jahresbericht entnehme. Das Reich hat in diesem Jahr ber „Wirtschaftshilfe" 3 Millionen Mark zur Verfügung gestellt. Allerdings geht davon ungefähr die Hälfte ab als Beitrag für die ber „Wirtschaftshilfe" eng üerbunbene unb sie ergänzende „Darlehnskasse" ber deutschen Studentenschaft. Insgesamt standen der „Wirt- schaftshilse' im letzten Geschäftsjahr über 1 600 000 RM. zur Verfügung, von denen die Studentenschaft durch Beiträge allein über 60 000 RM. ausgebracht hat.
Der Bericht bedeutet aber mehr als Ausstellung eines geschäftlichen Tatsachenmaterials. Er ist ein deutsches Kulturdenkmal von größtem Ausmaße. Denn das ist das ideale Ziel der stu- dentifchen „Wirtschallsh.le": Sicherung des akademischen Rachwuchses und damit Erhaltung eines starken Kultursaktors, ohne den die deutsche Kultur nicht auf ihrer Höhe erhalten werden könnte. Denn gerade für bie Erhaltung ber geistigen Kultur ist ber akabemische Rachwuchs aus denjenigen Kreisen, welche die „Wirtschaftshilfe" dem Studium erhalten will, von größter Bedeutung. Es handelt sich hierbei um den Rachwuchs aus dem Mittelstand und Beamten- stand, auch aus dem Arbeiterstand, der unter der Kriegs- und Rachkriegszeit am meisten leidet unb von dem Hochschulstudium fast ganz aus- gefchlossen wäre, wenn sich wirtschaftlich seiner nicht angenommen würde, in einem Umfange, wie es durch die „Wirtschaftshilfe" geschieht. Gerade aus diesen genannten Kreisen wurde der Hochschule früher wertvolles Menschenmaterial zugeführt. Männer unb Frauen, die als erste geiftige Generation neben dem Willen zur ziel- oewuhten Arbeit auch die Berufs- und Schaf- senssreude mitbrachten, die den inneren „ ‘Bert jedes Kulturträgers ausmachen Auch noch nach einer anderen Seite hin wirkt sich die kulturelle Bedeutung ber „Wirtschaftshilfe" aus. Sie verhindert, daß nur bie Söhne unb Töchter bet
Wohlhabenden unb Reureichen sich dem akademischen Studium zuwenden. die, wirtschaftlich ausreichend gesichert, oft den Ernst der geistigen Arbeit verkennen unb ihn auch während des Studiums vielfach nicht auf bringen. Mit ber Erhaltung des studentischen Rachwuchses durch die „Wirtschaftshilfe" wird erst die durch den Welttrieg unb seine Rachwirkung bedrohte deutsche Kultur in ihrem Bestände und in ihrem weltbefruchtenden Doranschreiten gefichert. Denn nur dasjenige Volk wird in dem immer stärker sich anhebenden kulturellen Wettbewerbe bestehen, das die umfassendsten deutschen Kräfte einseht und damit kulturelle Dauerwerte schasst.
Die Sicherung des studentischen Rachwuchses bedeutet zugleich aber auch Sicherung der kulturellen seelischen Kräfte selbst auf dem Gebiet des Denkens, Wollens und Fühlens. Ihr Betätigungsfeld ist die Arbeit, ist jedes geistige Ringen unb Kämpfen um Durchsetzung und Dor- wärtskommen. Unb gerade weil das Leben und ©treben ber durch die „Wirtschaftshilfe" gewonnenen Kräfte auf Arbeit traditionell eingestellt ist, tragen sie so unendlich dazu bei, daß dies deutsche Wertkapital in seiner vollen Auswirkung dem deutschen Volke erhalten bleibt. Die zielbewußte geistige Arbeit ohne Selbstzweckeinstellung hat das deutsche Volk zum führenden Kulturvolk gemacht. Sie allein wirb ihm die gewaltsam genommene Führerstellung auch zurückgewinnen. Hierbei müssen alle Kreise helfen, keine dürfen fern bleiben, am allerwenigsten bie, bie bislang so hervorragenben Anteil an ber Schaffung der Weltkulturwerte gehabt haben. So gewinnt die „Wirtschaftshilfe" eine große nationale Bedeutung: sie schasst weitere wertvolle Kulturarbeiter unb Kulturträger, erhält und steigert in unb durch die gewonnenen Kräfte die altbewährten unb sortschrittbebingenden deutsch-seelischen Eigenschaften unb sichert damit Deutschlands Anteil an seiner kulturellen Weltgeltung. Vor allem erhält sie in ber beutschen Jugend durch Befreiung von den brüdenbften Wirtschastssorgen den schönen emportragenden Idealismus, bet immer bie Quelle bes Fortschritts unb zielbewuhten Weiterstrebens ge
wesen ist und gerade heute unserer akademischen Jugend neue Ziele unb Wege weist, ber aber auch zugleich durch den Umsatz idealer Werte in Leistungen dem materiellen Wohlstände deS Dolles wertvolle Dienste leistet.
Aber noch nach einer anderen Seite hin ist die studentische „Wirtschaftshilfe" kulturell wertvoll. Hinter ihren sich praktisch ausw rken- ien Leistungen liegen direkt in die Augen springende ideale Werte: Die „Wirtschaftshilfe" ist eine hervorragende soziale Veranstaltung. Sozial in ihrer Einrichtung, weil sie aus ber Rot geboren unb auf Rot eingestellt, von bem sitt- llchen Gemeinschaftsgedanken getragen ist. well sie ferner bartut, was Zusammenschluß und gemeinsame Arbeit Pich mit kleinen Mitteln Großes leisten kann: sozial auch in ihrer Aus- Wirkung, weil sie ben Betreuten den Wert einer letzten Eni es von ethischen Orunbfä' en getragenen Arbeitsgemeinschaft täglich in ihrer Arbeit vor Augen führt unb ihren Wert für ben einzelnen an sich selbst erleben läßt, so daß sie ifjm zu einer sozialen Erziehunasfchule wird für eigene spätere Lebensausgestaltung: sozial weiter in ihrer Auswirkung auch insofern, als sie in einer materialistisch-egoistischen Zeit weite Kreise unseres Volkes zu solch helfender unb opferwilliger sozialer Kulturarbeit hcranzieht unb sie so ihrer Verpflichtung gegenüber den im DollSganzen ruhenben wertvollen Einzellrällen bewußt macht ohne Selbstzweck unb egoistische Berechnung, nur getragen von selbstloser unb opferwilliger Liebe zum Volk und Volksgenossen.
So kann man nur dem Wunsch Ausdruck geben, daß die kulturell so wertvolle „Wict- schaftshilse ber deutschen Studentenschaft" an ben deutschen Hochschulen noch mehr bekannt, unterstützt und finanziell getragen werde von Reich unb Ländern, Stadt und Land, Organisationen unb Einzelpch^onen, damit sie nicht nur eine wirtschaftliche Roteinrichtung der Gegenwart bleibt, sondern weiter ausgebaut, eine deutsche Kultureinrichtung von Dauer werde zum Segen ber gesamten deutschen In- und Auslandkultur.


