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von Trompet

Das große Heimatblatt

Das grohe Anzeigenblatt

auf-

mit Sentimentalität.

in

von Am

fahren dabei gesund geblieben und ah geworden seien".) Hört man noch dazu, wie die Leute sich auf der Straße mit bonjour und bonsoir be­grüben, so glaubt man oft, schon im französischen Sprachgebiet zu sein.

Tritt man jedoch näher heran, so vernimmt man das schönste, wenn auch schwer zu verstehende LothringerDitsch". Gerade bezüglich der Archi­tektonik hat französisches Empfinden das deutsche Sprachgebiet überschwemmt. Ich muhte von Süden her lange wandern, bis ich wieder frän- lische Siedlungen mit Winkeln und Seitenstraßen,

hängenden Weltgeschichte gegeben, und trotz aller Angriffe der erste Historiker war, dessen kritische Objektivität maßgebend für die Entwicklung der Geschichtswissenschaft wurde.

Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl mit mehreren Regimentern die stärkste Garnison Deutschlands, ein aufblüherrdes Städtchen, ist heute zum Sorf zurückgesunten Aus leerstehenden Kasernen blicken uns die zerbrochenen Fensterscheiben an, und staunend und fragend recht die evangelische Garnisonkirche vereinsamt auf kahler Höhe ihren spitzen Turm m die Luft. Wo früher ein buntes Treiben hcrrsöbte und ein lebhaftes Geschwirr __________ .enjignalcn. Pferdetrampeln, Flinten chüssen, Kommandorufcn und marschierenden Bataillonen die Luft erfüllte,beglücken" jetzt

der eingesessenen Bevölkerung Gießens, der ganzen Provinz Oberhessen und des benachbarten preußischen Lahngebiets ist der im 176. Jahrgang erscheinende

Gießener Anzeiger

mit seinen drei in eigener Redaktion bearbeiteten und in eigenem Betriebe gedruckten regelmäßigen Beilagen

Giehener Familienblätter

der Unterhaltung und Belehrung dienend durch sorg­fältig ausgewählten. gediegenen literarischen Lesestoff

Heimat im Bild

der heimatlichen Landschaft, ihren besonderen Eigentüm­lichkeiten und ihrer Kultur in Bild und Wort gewidmet

Die Scholle

von Fachleuten und Kennern der Heimaterde für die Land­wirtschaft und Gartenbau treibende Leserschaft bearbeitet Für die Geschäftswelt. Behörde und Familie, für Wirt­schaft. Handel und Verkehr ist der Gießener Anzeiger

Häuser mit steilen Dächern, Giebeln mit Fach­werk fand.

Sie wenigen um diese Landschaft meist her- umliegenden Städte und Flecken sind beute bei­nahe bedeutungslos, soweit sie nicht dem Indu­striegebiet ongehören. Ihre einstige Blüte hatten ie den starten deutschen Garnisonen zu ver­danken. Sin Ort wie Wörchingen früher im

Geigenkonzert Soermus.

Aus dem Spiel des Geigers Soermus spricht das russische Volkstum, ein Zug zum Elegischen, Gesühlsmhstik und der Rieder schlag seines be­wegten Schicksals. Wenn er Händels Largo vor- trägt, so erscheint es in seiner Weite fast wie ein slawisches Volkslied. Am tiefsten wirkte sich seine Eigenart in den Proben russischer Musik aus. Ato Dachspieler stand er feinen Mann: der zweite Satz desFrühlingskonzertes" war recht ftim- mungsvvll. Auch bei Beethoven bewies er per­sönlichen Geschmack. Kompositionen von Paganini gaben ihm Gelegenheit, eine recht beachtenswerte Technik zu zeigen. Am meisten hatten aber die kleinen Stücke beim Publikum Erfolg, die auf reale Dewegungs- bzw. Schallvorstellungen Bezug nahmen:Die Diene" (Fr. Schubert),Lachender Faun" (Paganini),Der Schwan" (Saint-SaenS). Am Klavier wirkte dazu verständnisvoll des Künstlers Gattin. Daß Soermus zu den einzelnen Drogrammnummern Einführungen gab, erschien für den Zuhörerkreis zweckmäßig. Doch hätte das in einer Form geschehen ntüffen, die frei von egozentrischen Tendenzen ist Denn die Musi! als Kunst steht doch dafür zu hoch und als geistiges Gefühlserlebnis ist sie durchaus nicht identisch

einige Kompagnien Marokkaner die wenig be­neidenswerten Dewohner. AuS wirtschaftlichen Gründen war es ihr sehnlichster Wunsch ge­wesen, wieder eine Garnison zu erhalten.

Aber auch bei den Städtern, von denen wir nur noch Klagen vernehmen, läht sich ebenso schwer wie bei den Dauern etwas über die nationale Gesinnung sagen. Infolge ihrer grund­religiösen Sinnesart und ihrer sesten Verbunden- heit mit der Kirche werden beide schon aus kulturellen Gründen dieZukunftsbeweguns" der Elsässer mitmachen. Das Organ dieser Bewegung, die in Zabern erscheinendeZukunft", liest man gern unter vier Augen und freut sich, für alle Unzufriedenheit ein Ventil gefunden zu haben. . Aber im - Grunde wird es die Tragik dieses Landes bfeiben, nicht zu wissen, wohin es ge­hört, und was viele hier politische Charakter­losigkeit nennen und genannt haben, ist zum mindesten nicht ethisch zu werten. Möchten sie lieber versuchen, dieser Land, das doch nun einmal unseres ist, tiefinnerlich zu verstehen!

A Sch.

Der Historiker Friedrich Christoph Schlosser.

Zu seinem 150. Geburtstage.

»- Don Hans Georg Brenner.

Es ist wohl selten ein Wissenschastler un­mittelbar nach seinem Tode Gegenstand eines so erbitterten Kampfes geworden, wie der trotzige Friedrich Christoph Schlosser, der gegen sich und andere mit unerbittlicher Kritik vorgehen konnte und darum selbst keine Schonung verlangen durfte. Es ist auch selten em Historiker so schnell über seinen Dachsolgem vergessen worden. Das kommt wohl daher, daß bei der Bedeutungszunahme der Geschichtswissenschaft auch der Kampf um das Prinzip der Geschichtsschreibung begann, daß Schlosser mit seiner Ansicht Wohl allein in einer Zeit stand, deren Gegenwartsbewußtsein durch die Dapoleonischen Kriege aufs Schärfste wach- gerüttelt worden war. Während durch Arndt und Dahlmann die Ansicht vertreten war, der Histo­riker müsse an Hand des historischen Materials und auf dem Boden politischer Tatsachen zum Staatsmann heranreisen, selbst historisch geschult in die Politik eingreifen können, versagte Schlaffer mit rücksichtsloser Schärfe der Kritik jede Ein­mischung m andere Gebiete und begründete da­mit die eigentliche objektive Geschichtsschreibung wenn man von objektiv hier überhaupt reden kann. Ihm galt es für das wichtigste, in der Geschichte den Fluh der Begebenheiten darzu- stellen, nicht bestehende Verhältnisse zu erläutern, nichtdas Ausmessen der Räume", wie er es nannte, sonderndas Aufzählen der Momente". Danke dagegen versuchte nicht, sich immer mehr häufendes Material zu sichten, nach den wichttg- sten Quellen zu ordnen, neue Quellen heranzu­ziehen, er griff einen Moment aus dem Zu­sammenhang der Ereignisse heraus und suchte aus Bruchstücken ein zusammenhängendes Ganzes zu formen. Schlosser wiederum arbeitete an einer universalhistorischen liebersicht der Geschichte der alten Welt und ihrer Kultur", in der er die Geschichte der Menschhett als zusammenhängendes Ganzes betrachtete, nicht als Geschichte der ein­zelnen Völker nach der Zeitfolge geordnet. Er schrieb dieGeschichte des 18. Jahrhunderts" ohne Rücksicht auf überkommene Ehrfurcht, stellte die ; französische Revolution als Folge .,scheußlicher i Hof- und Füstenwirtschaft" dar, deckte unbeküm­mert die Momente der Fäulnis auf, die zum Sturz der Monarchie führen muhten und wollte

sich über den schlechten Absatz unter den ..Preußen" fuhr man.einfach seinen Weizen und Hafer nach dem nächsten Proviantamt und be­kam Höchstpreise dafür. Am erbittertsten aber war man da und dort über die vielen Lehrer und Lehrerinnen aus Jnners rankreich, bie des Deutschen nicht mächtig und meist areligiös auf die Jugend dieses grundreligiösen Volkes losge­lassen wurden.

Doch ist es schwer, aus solchen 2leuherungen auf die politische Gesinnung zu schließen. Es ist die Tragik dieses Landes, wo doch über 400 000 Deutschsprechende wohnen, das grohe Heimatland und jedes Gefühl dafür verloren zu haben. An Frankreich aber hat man den An- schluh nicht gefunden, frellich auch umgekehrt. Man fühlt sich vom Regen in die Traufe ver­seht. Aber wenn viele glauben, bau es im Regen doch noch besser war, und heute umim- wunden gestehen:Da war cs bei denPreußen doch schöner", so spricht dennoch kein Gefühl der Zugehörigkeit und der Gemeinschaft mit.

Die Zeit vor 1870 wirkt zu mächtig nach Mele tausend Fäden laufen nach Frankreich

Lothringische Seele.

ni 3mTag" finden wir folgende ausge- zeichnete Charakteristik Lothringens und

|T seiner Bewohner.

Wenn man im Reiche von Elsaß-Lothringen spricht, so glaubt man meist, diese beiden LMider. die fett Jahrhunderten den gleichen Schicksals­weg gehen und deren Damen wir utb8 deshalb in einem Atemzuge auszusprechen gewöhnt hEn mühten sich gleichen wie Zwillingsbruder. Mm innen gesehen, sind beide grundverschieden3m allgemeinen kennt man doch nur das Slsah mit Straßburg und feinem A^tec. Herr licken Wasgenwalde, den vielen Burgen und rächen Städten, der sruchtbaren Ebene, dem feurigen Wein und den temperamentvollen De- ^Sim ganz andere Welt tut sich jedoch auf, wenn wir die Zaberner Steige uberwun^n haben und ins Lothringer Land hinabsteigen. Bei Saar­burg etwa haben wir die Ebene erreicht, d. h. eine Ebene kann man das nicht nennen, -^age- lang wandert man durch eine eintönige sanft- wellige Hügellandschaft, die von Saar und Wesel eingeschlossen im Dorden ans saarländische Koh­lenbecken grenzt, im Süden sich nach Franzos Isch- Lothringen verliert 3n endlosem Wechsel geht es bergauf bergab. So weit man sehen kann, nichts als Felder. Felder. Sm Hochsommer schweift das Auge entzückt über die riesigen Weizenflächen, und es scheint, als sei er nirgends so golden wie hier. Es ist das rechte Weizen- land. Dazu hat sich die Dreifelderwirtschaft noch fast überall erhalten, und alles ist reinlich in Korn- (d. h. Weizen). Hafer» und Drachgewanne eingeteilt, wenn auch die Drache jetzt mit Rüben. Kartoffeln und Klee bepflanzt wird. Melancho- sich ducken sich die kleinen Dörfer in die Diede- rung>n Um den Lindenweiher bei Dieuze, aus dellen Halbinsel die Römer die Siedlung Decem pagi. das heutige Tarquimpol. zurückgelallen haben, zu durchqueren, must man fast 8 Kilometer rudern. n ,

Schwer Hebt bei feuchtem Wetter der Lehm an den Schuhen. Das ist das Zeichen eines guten Bodens. Wer aus irgend einer anderen Gegend nach Lothringen kommt, wird darüber staunen, dast vier Pferde vor dem Pfluge das Gewöhnliche und fünf ober sechs keine Selten­heit sind.

Wie der Boden ist der Bewohner, den die Dolkskundigen dem Stamme nach zu den Franken zählen. Schwerfällig und ungelenk im Gegensatz äu dem lebhaften und beweglichen alemannischen Dachbarn, dem die Aatur das Leben leichter ge­macht hat. Der lothringische Bauer muh in knechtischer Arbeit jahraus, jahrein seinem stein- harten Boden die freilich reichen Erträge ab­ringen Zäher Fleih. Ausdauer und übermäßige Sparsamkeit haben ihm denn auch einen ziem­lichen Wohlstand geschaffen, zu dessen Genust er allerdings bei seiner Anlage nicht kommt.

Leidenschaft ist hier nicht zu Hause. Es ist auffallend, dast wir fast keine berühmten Manner finden, die mit großen Sdeen und hoher Be­geisterung ihrem Volle Führer waren, tote wir ün Elsast finden. Darum ist auch die innere Geschichte des Landes nicht sonderlich reich. Sm politischen Kampfe der Gegenwart hören wir fast nur die Damen von Elsässern, obgleich die Belange der Lothringer ebenso auf dem Spiele stehen. Dieser kann eben weniger aus sich heraus- gehen. So war es auch zur deutschen Zett: die Protestlerpartei sah im Elsast.

Sch besuchte alte Dekarmte unter den Dauern unb fragte gelegentlich, wie es ihnen benn unter der neuen Herrschaft gefalle. Da konnte man hören wieviel ..Protokolle" (Strafmandate) der und jener schon seit 1918 wegen aller möglichen Kleinigkeiten erhalten hatte - zur deutschen Zeit war das kaum vorgekommen. Da wurde weidlich über die vielen Steuern geschimpft, in der Meinung, die Lothringer mühten den fran­zösischen Haushalt allein bestreiten, während man sich im3nnem davon drücke. Da beklagte man

Die verwandtschastlicheii Verknüpfungen sind eben zu stark. Es gibt kein Bauerndorf, in dem nicht mehrere Familien Beziehungen nach Paris ober sonst einer französischen Stadt haben eine Erscheinung, tote man sie etwa bei uns in Schlesien bezüglich Berlin findet. Die wohl­habenden Leute schickten ihre Äinber auch zur deutschen Zeit nur in französilche oder belgische Pensionate. Die Hausmädchen suchten auf Grund ihrer familiären Beziehungen meist in Paris Stellung.

Sie lothringischen Dörfer erwecken, ober­flächlich hingesehen, allgemein den Eindruck fran­zösischer Siedlungen. So findet man sie ün Innern Frankreichs: An einer Straste die langen Reihen aneinanbergebauter, stilloser Häuser mit beinahe flachen Dächern, weil von bet Strahe abgerückt, so dast viel Platz für die Ackergeräte und Wagen und vor allem den groben Mist­haufen freibleibt. (Dieser Misthaufen war wäh­rend des Krieges unseren deutschen Militär­behördenein Dorn im Auge". ein Gegenstand vieler Verordnungen, mit denen sich die Dauern nicht abllnden tonnten,da doch auch ihre Vor-

Wilhelm Braune +

Von Professor Dr. Alfred Götze, Gietzen.

Die Wissenschaft von der deutschen Sprache und Literatur hat einen neuen, schweren Verlust erlitten: nach Friedrich Kluge, Franz Muncker, August Sauer, Berthold Litzmann und Gustav Roethe ist nun auch Wilhelm Braune in Heidelberg von uns gegangen. Wir haben in Gießen besonderen Anlaß, biefes am 20. Februar 1850 in Groh-Thiemig bei Ortrand in der Provinz Sachsen geborenen Pa­triarchen der germanischen Philologie ehrend zu ge­denken: von 1880 bis 1888 hat Wilhelm Braune den GießenerLehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur innegehabt, nach Friedrich Ludwig Karl W e i g a n d (7 30. Juni 1878), dem ersten In­haber dieses Lehrstuhls, und als unmittelbarer Vor­gänger von Geheimerat Otto Behaghel. Von daher schmückt das ausdrucksvolle Bild des hochge- wachfenen, breitschultrigen, blonbbärtigen Mannes den Arbeitssaal unseres Deutschen Seminars bis auf den heutigen Tag. Braunes Gotische Grammatik hat in immer neuen Auflagen ganzen Geschlechtern jun­ger Germanisten den Zugang zur deutschen Sprach­wissenschaft eröffnet. Seine Althochdeutsche Gramma­tik und sein Althochdeutsches Lesebuch sind in ihrer beispiellosen Verbreitung die beiden anderen Pforten zu den altdeutschen Studien für jeden, der sie ernst­haft betreiben will. Die frühneuhochdeutsche Philo­logie baut weiter auf den 248 Nummern von Brau­nesNeudrucken", die er seit 1876 durch ein halbes Jahrhundert unermüdlich herausgegeben und für die er die wichtigsten Texte selbst besorgt hat: Opitzens Buch von der deutschen Poeterei, Luthers SchriftAn den Adel", die Fabeln unseres Wetter- auer Landsmanns Erasmus Alber, das älteste Faustbuch und Laurembergs Scherzgedichte. Die Nibelungenforschung unserer Tage fußt auf Braunes großer Untersuchung über die Handschristenoerhält- nisse des Nibelungenlieds, die 1900 der damals durch die Berliner Richtung gründlich verfahrenen Forschung die Wendung zu neuer Klarheit gegeben hat. Erschienen ist sie in denBetträgen zur Ge­schichte der deutschen Sprache und Literawr", die der junge Braune mit feinem Freund Hermann Paul 1873 gegründet halte, um der junggrammati­schen Schule, die von Friedrich Zarnckes Deutschem Seminar in Leipzig ausging, Boden zum Wachsen

berühmtesten sind die RektorredeUeber die Eini­gung. der neuhochdeutschen Schriftsprache" (1904) und der Akademieoortrag über Reim und Vers (1916). Braunes begeisterter Vortrag riß die Hörer auch über spröde und trockene Stücke des Stoffs hinweg. In feinen Mußestunden ein leidenschaftlicher Freund der Musik, führte er in seinem schönen Hause am Geißberg auch im Ruhestand das Leben eines der Kunst zugewandten Forschers vom alten Schlag. Unbedingte Treue zu feiner deutschen Wissen- schäft, musterhafte Klarheit des Vortrags und ein unbestechlicher Sinn für schlichte Wahrhaftigkeit kennzeichnen diesen bedeutenden und liebenswerten deutschen Forscher, Lehrer und Menschen.

und Raum zur Entfaltung zu schaffen, und die er mit Eduard Sievers auf nunmehr fünfzig stattliche Bände gebracht hat. Ms der Heidelberger Ober­bibliothekar Karl Zangemeister im Vatikan die be­rühmten Bruchstücke der Altsächsischen Genesis sand, hat mit ihm Braun 1894 diesen wichtigsten Fund des letzten halben Jahrhunderts auf unserem Ge­biet mustergültig herausgegeben. Die lange, lagenreiche Reihe seiner Bücher wird begleitet einer Fülle lichtvoller Einzeluntersuchungen.

Die innere Lage Polens.

Von Max Kramuschke.

Die politische Lage Polens ist in seltenem , Maße verfahren. Wer geglaubt hat, daß P il- sudski nach seinem denkwürdigen Staatsstreich vom 12. Mai die Diktatur im Lande auf- richten wurde, sah sich getäuscht. Pilsudski re­giert weiter mit dem Parlament, d.h. mit Sejm und Senat, und der Sejm hat dem Marschall in gewissem Sinne sogar das Gesetz des Han­delns diktiert, indem er ihn nämlich durch parla­mentarische Manöver nötigte, selbst die Wi- nisterpräsidentschaft zu übernehmeii, wogegen Pll- sudski sich bis dahin stets gesträubt hatte. An­dererseits ist die Macht des Parlamentarismus weitgehend eingeschränkt worden. Die Revolu­tionspolitiker haben dem Parlament eine Ver­fassungsänderung abgepreßt, welche die gesetz­gebende Initiative des Sejm paralysiert und die Macht im Lande de facto auf den Staats­präsidenten überträgt, dessen Abhängigkeit von Pilsudski außer Zweifel steht. Kann also von einer absoluten Diktatur PUfudskis keine Rede fein, so ist sie doch eine legalisierte, mit der politischen Degleitmusik eines halben Parla­mentarismus, dessen Einfluß allenfalls so wett i reicht, einen Winisterwechsel herbeizuführen. Wenn man bedenkt, daß die gegenwärtige Re­gierung unter ihren Mitglledern nicht einen Ju­risten ausweist und dem entgegenhält, daß sich unter den 555 Volksvertretern (444 Abgeordnete, 111 Senatoren) immerhin in Versassungs- und Rechtsfragen geschulte Persönlichkeiten befinden, von dem Destreben erfüllt, wenigstens das kon­stitutionelle Dekorum gewahrt zu sehen, so er­scheint verständlich, daß der von Pilsudski ge­schaffene Zustand Konflikte zwischen Volks­vertretung und Regierung geradezu heraufbe­schwören mußte. So konnte der Sejm am 30. Ok­tober seine Beratungen über den Staatshaushalts- Voranschlag für das kommende Jahr nicht be­

hinüber, kaum einige nach Deutschland. Die hier durch Militär, Beamte usw. angebahnte Ent­wicklung ist durch den Krieg jäh unterbrochen worden. Es ist eigentümlich, wie fremd den Lothringern schon Damen wie Trier, Mainz, Köln oder Mannheim sind. Danzig (so aus­gesprochen, wir können hier von den Lothringern lernen), Spinal, Verdun, Lyon und vor allem Paris sind dem Durchschnittslothringer viel be­kannter, die entsprechenden Menschen vertrauter, während ihm doch auf Grund der Sprache etwa ein Königsberger näherstehen mühte.

mit dieser schonungslos kritischen Geschichtsschrei­bung nicht trockene Wissenschast bieten, sondern das Bedürfnis der Zeit ergründen". Er schrieb seine Weltgeschichte in einer Zeit romantischer Selbstsucht, von der auch die Geschichtswissenschast erfaßt wurde, setzte aller schwärmerischen Gegen­wartsflucht die zwingende Gewalt historischer Tat­sachen entgegen. Unter demselben Gesichtspunkt schrieb er dieGeschichte der bilderstürmenden Kaiser" voll kritischer Schärfe, geschult an der Philosophie Kants, durchdrungen von dessen Moral, und muhte auch deshalb die Schillersche Geschichtsschreibung zum höhnischen Entsetzen sei­ner gelehrten Kollegen schätzen.

Schlosser war ein rechter friesischer Dickschädel (geboren am 17. Dovember 1776 im Oldenburgi- schen), der sich lieber selbst opfern wollte, als seiner Ueberzeugung untreu werden, der alle Staatsformen kritisierte, seinen Kritikern mit ge­radezu bäuerischer Frechheit entgegentrat und darum Zeit seines Lebens für einen Gries­gram gehalten wurde, den man nicht ernst nehmen tonnte. Man suchte ihn mit dem Vorwurs zu erledigen, daß trotz seines kritischen Eifers seine Geschichte hannlos, unzusammenhängend und lückenhaft wäre. Dieser Vorwurs, der ihn nur teilweise traf, war in der Art seiner Arbeits­methode begründet, in der unbelümmerten Offen­heit, mit welcher er feine wissenschaftliche Werk­statt zeigte. Er war Autodidatt, säst zufällig zum Historiker geworden. Sechsjährig verlor er seinen Vater, bereitete sich aus eigener Kraft zum Gym­nasium, zur Universität vor, studierte zuerst Theo­logie, wanderte als Hauslehrer herum, bis er nach Frankfurt a. M. kam und von dort 1817 als Professor der Geschichte auf Grund einiger Ar­beiten nach Heidelberg berufen wurde. So mußten alle seine Arbeiten und feine Kollegs den Charak­ter eines ständigen Quellenstudiums, unausgesetz­ten Lernens tragen, so war fein Gang zur Uni­versität in dem Lerneifer des unermüdlichen Di-- dakten begründet, »ber mit seinen Schülern zu­sammen Wissen sammelte. Daher die angebliche Formlosigkeit, daher auch übertriebene schonungs- tose Angriffe, weil er seiner Entwicklung gemäß als Gelehrter den Gelehrten den Rücken kehren mußte, well ihm trotz toitifcher Objektivität die Verlebendigung des Stosses erste Bedingung der Geschichtswissenschaft schien. Er setzte Bekanntes einmal Geschriebenes voraus, beschränkte sich auf das Auf finden neuer Quellen und Zusammen­hänge und nahm dafür den Vorwurs der Lucken- hastigkett hin. Er starb am 23. September 1861, nacktem er den ersten Grund zu einer zusammen­