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llt. 138 Erstes Blatt
176. Zahrgang
Mittwoch, 16. Zuni 1926
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Dr. Friede. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Gießen.
Demission des französischen Eesamtkabinetts.
Tin neues Kabinett Briand?
Perets Marne-Wunder.
Der frairzösische Finanzminister Peret hat die Marneschlacht des Franken doch nicht ge- wciTnen. Er hat sogar die Flinte ins Korn geworfen. offenbar, weil er nicht mehr an Wunder glaubt, sich selber auch nicht für einen Wundertäter hält, Unb wenn hundertmal französische Politiker und Volkswirte die internationale öffentliche Meinung durch hoffnungsfrohe Aussätze über die Finanz- und Wirtschaftslage Frankreichs zu beeinflussen suchen, die Frankenkrise ist kein Teilproblem, sondern ist das Schicksal des imperialistischen Frankreichs. An sich sind ja alle Vorbedingungen einer günstigen wirtschaftlichen Entwicklung gegeben. Frankreich verfügt nicht nur über die Rohstoffe für eine Industrie großen Stils, er kann auch, wenn es sein muß, die Bevölkerung auf eigener Scholle ernähren, die innerhalb feiner Grenzen wohnt. Der „Sieg" hat den Rahmen der Selbstgenügsamkeit gesprengt. Frankreich will die Vorherrschaft in Europa nicht preisgeben, will den Sieg vielmehr durch äußerste Kraftanstrengungen ausdehnen und sichern. And dabei ist es in den unvermeidlichen Widerspruch der Dinge hineingeraten, der sich heute zunächst als Frankenkrise auswirtt.
Vichts scheint einfacher, als diese Krise durch technische Mittel zu lösen. Weil die Franzosen nun einmal eine unüberwindliche Abneigung gegen das Steuerzahlen haben, wurde das finanzielle Gleichgewicht int Haushalt in den ersten Vachkriegsjahren durch eine ebenso gewissen- wie verantwortungslose Schahwechselwirtschaft herge- stellt. Der Boche zahlt altes! — weiter reichte das Gehirn der Poincaristen ttoh aller Erfahrungen nicht. So kam der Ruhreinbruch, der den Goldstrom der Milliarden nach Frankreich leiten sollte. Als dieser Goldstrom ausblieb, dämmerte in Frankreich die Erkenntnis, daß es eines Tages ein fürchterliches Erwachen und ein Sedan für Wirtschaft und Währung geben müßte. Der Wahlsieg der Linksparteien über den nationalen Block war ja in der Hauptsache darauf zurückzuführen, daß sie die schlimmen Folgen der Finanzpolitik Voincares den Franzosen ziemlich ungeschminkt oarstellten.
Die Furcht, Steuern zahlen zu müssen, weil der Boche versagte, brachte den Linksparteien die Mehrheit. Nicht aber irgendeine sagenhafte pazifistische Wandlung der französischen Geistesverfassung. Das haben die sozialistischen und demokratischen Blätter in Deutschland ihren Lesern vorzuschwindeln versucht. Die Tatsachen und unsere eigene Erfahrung sprechen doch dafür, daß Herriois Außenpolitik gegenüber Deutschland die Fortsetzung der poin- raristischen Politik war. Der Dawesplan und das Londoner Abkommen sind kein Gegenbeweis. Frankreich mußte dem zustimmen, wenn es nicht unmittelbar durch finanzielle Maßnahmen Neuyorks und Londons dazu gezwungen werden sollte. Herriot brachte aber gar nicht den Mut auf, mit den finanz- politischen Methoden des nationalen Blocks zu brechen. Der Umbau des Steuersystems blieb nur eine Redensart. Und im übrigen versuchte Herriot sich dadurch zu helfen, daß er insgeheim die Notenpresse arbeiten ließ.
Es ist noch in Erinnerung, daß die Aufdeckung dieses Skandals den Sturz Herriots herbeiführte. Damals handelte cs sich nur um einige Milliarden. Als Herriot die Regierung im Mai 1924 übernahm, betrug der Votenumlauf 39 Milliarden Franken, während die Vorschüsse der Dank von Frankreich an den Staat etwa 22 Milliarden Franken ausmachten. Inzwischen sind der Votenumlaus auf fast 54 Milliarden Franken, die Vorschüsse an den Staat auf 37 Milliarden Franken gestiegen. In dielen -Ziffern spiegelt sich nicht die Krise des Franken wieder, sondern vor aUem die Krise der französischen Wirtschaft und der französischen Politik. Frankreich verweist auf feinen wachsenden Außenhandel. der ihm 1925 mit einer nie zuvor erreichten Menge einen Aeberschuh von rund zwei Milliarden Papierfranken brachte. Im Jahre 1926 hat sich nicht viel daran geändert, so daß die Währungskrise unmöglich die Folge eines Fehlbetrages im Außenhandel sein kann. Auch ein Fehlbetrag der Zahlungsbilanz kommt nicht in Frage, denn Frankreich empfängt mehr Zahlungen, als es leistet, zumal es überhaupt noch nicht damit begonnen hat, seine Schulden zurückzuzahlen. Trotzdem glaubte P6ret, den Zusammenbruch der Frankenkrise nur durch die Drosselung der Einfuhr erreichen zu können. Gewiß find da Posten vorhanden, die Wirtschafts- und währungspolitisch nicht unbe- denllich sind. Frankreich muh heute Weizen einführen, obwohl es vor dem Kriege den Bedarf an dieser Hauptgetreideart selbst decken konnte. Dabei hat sich die Devölkerungszahl nicht wesentlich geändert.
Der Ausfall, der durch die Kriegszerstörungen in den besetzten Gebieten entstanden war. ist seit Jahr und Tag wieder hereingebracht worden. Hier offenbart sich eines der Probleme Frankreichs. deren Lösung durch finanz- und währungstechnische Mittel nicht zu erzielen ist. Am ein Industriestaat zu werden, hat die Landwirtschaft Arbeitskräfte abgeben müssen, ohne daß diese Produktionsverschiebung die wirtschaftliche unb finanzielle Grundlage günstig beeinflußt hat. Es fchlt Frankreich der aufnahmefähige und kaufkräftige Inlmtdmarkt, ohne den der industrielle Aeberbau auf die Dauer nicht zu halten ist. Heute hilft sich Frankreich durch die Inflation, das heißt, es veranstaltet einen Schleuderverkauf feiner industriellen Erzeugung, der daS Laich nicht reicher, die Steuerkraft der Devöllerung auch nicht größer macht. Wenn der Haushalt Frankreichs heute nominell noch mit 37 Milliarden Papierj>?anken ins Gleichgewicht gebracht
Nachdem, wie gestern noch gemeldet werden konnte, Finanzminister Peret zurückgetreten ist, erfolgte in den Abendstunden die Gesamtdemission des französischen Kabinetts. Die offizielle Meldung lautet:
Paris. 15. Juni. (IU.) Ministerpräsident Briand hat sich nach Ausgang des heute nachmittag um 6 Uhr zusammengetretenen Kabinetts- rotes zu dem Präsidenten der Republik in dos Elyse begeben und ihm die Gefamldemiffion des Kabinetts überreicht. Der Entschluß Brl> ands dürfte darauf zurückzuführen fein, daß sich schwerwiegende Unstimmigkeiten innerhalb des Kabinetts ergeben haben. Am Nachmittag hatte Briand im verlaufe der Kammerfihung noch erklärt, daß er dem Londe einen Dienst zu erweise glaube, wenn er an der Spitze des Kabinetts verbleibe. Briand wird höchstwahrscheinlich in der neuen Regierung das Außenministerium behalten. Man spricht von einem Kabinett der nationalen Verständigung, in das sowohl Bokanowski und herriot und vielleicht p o i n c a r e einbegriffen würden. Als kommenden Ministerpräsidenten nennt man herriot. Präsident Doumergue wird mit den Beratungen über die Kabinettsbildung erst morgen früh beginnen. Er hat die Minister gebeten, einstweilen die Geschäfte weiterzuführen.
Die Neubildung.
Poris, 16. Juni. (WTB.-Funkspruch.) Der Präsident der Republik wird heute voc- mjttag 9.30 Ahr Schritte zur Losung der Kabinettskrise unternehmen und - gewohnheitsgemäß zuerst mit dem Präsidenten des Senats und dem der Kammer verhandeln. In politischen Kreisen betrachtete man es gestern abend als sehr wahrscheinlich, daß Briand Chef' der neuen Regierung werde. Er würde die Ministerpräsidentschaft und das Außenministerium behalten, wie es die große Mehrheit der Parlamentarier wünsche. Dieser Ansicht seien sogar die Radikalen, die für Herriot als künftigen Ministerpräsidenten Vorliebe zeigen. Man schreibe Briand die Absicht zu. sich zuerst an Herriot zu wenden, dessen Mitarbeit geeignet sein dürfte, die Besorgnisse gewisser Elemente der Radikalen zu zerstreuen. — Für.das Finanz- Portefeuille nenne man Caillaux, der jedoch nur unter gewissen Bedingungen, d. h. unter Zusicherung weitgehender Vollmachten annehmen würde.
Heute früh werden die Präsidenten des Senats und der Kammer die Führer der politischen Gruppen zu sich bitten lassen. Veuerdings glaubt man, daß Briand als erster den Auftrag zur Bildung des Kabinetts erhalten und auch annehmen wird. Der Rücktritt des Kabinetts scheint nach allem durch den Wunsch Briands veranlaßt worden zu fein, die Bildung eines nationalen Ministeriums zu ermöglichen, in dem et den Vorsitz hat. So erklärt man sich auch die Gesamtdemission des Kabinetts, zu der sich aus der parlamentarischen Situation keine unmittelbare Vot- wendigkeit ergab,
Vertagung der Ananzdebatte.
Paris, 15. Juni. (TA.) In der heutigen Kammersihung erflärte Briand zugleich in Beantwortung von Anfragen der Sozialisten und Kommunisten, daß er im gegenwärtigen Moment eine Diskussion über di e Finanzinterpellationen für unangebracht halte und daher die Vertagung beantragen müsse. Die Aussprache solle demgemäß am Donnerstag fortgesetzt werden, da bis dahin der neue Finanzmini st er im Amt fei und selbst den Zeitpuntt Vorschlägen werde, zu dem er auf die vorliegenden Interpellationen antworten wolle. Die Kammer stimmte nach
wird, so sind das am Frankenkurs gemessen in Wirklichkeit nur 4,5 Milliarden Reichsmark! Es leuchtet ein, daß mit dieser Summe sich die Kosten der imperialisttschen Politik nicht decken lassen. Erst recht dann nicht, toenn Frankreich ernstlich die Schuldenzahlungen aufnimmt, da dies schon in den nächsten Jahren einen Abfluß von 200 oder 300 Millionen Reichsmark bedeuten wutLe. Wer immer Pörets Vachsolger fein wird, toirb nicht nur den Mund spitzen dürfen, er wird noch mehr tun müssen: nämlich den Franzosen klar ^machen, daß für die imperialistische Politik, die Frankreich treibt, die wirtschaftliche und finanzielle Grundlage nicht ausreicht. Vielleicht beginnt bann die Möglichkeit einer Befriedung Europas. Aber bas liegt noch in wettern Felde.
Die englische Note an Moskau.
Berlin, 15.Juni. (TA.) Die Abendblätter berichten aus Moskau: Die englischeVote über die russische Anterstützung im ©e- neralstreik ist gestern hier überreicht worden. „Ifwestija" nimmt zur Angelegenheit aus
längerer Debatte der Vertagung der Inter pelkationsdebatte auf Donnerstag mit 3 09:195 Stimmen zu.
Ministerpräsident Briand erklärte den Journalisten, er werde bereits heute abend im Kabinettsrat zur Ernennung des neuen Finanz Ministers schreiten, der sich sobald wie möglich der Kammer vor stellen soll. Eine allgemeine Kabinettskrise halte er für nicht gegeben. P6ret erklärte, er trete zurück, weil er nicht überall auf die für die Durchsührung seines Programmes nötige Anterstützung gestoßen fei. Im übrigen fei er für die Bildung eines Kabinettes der nationalen Einigung.
Briands Kammerrede.
Paris, 16. Juni. (WB.) Zu Beginn der heute nachmittag abgehaltenen Kammer fit- zung teilte Kammerpräsident Herriot mit, daß ein mit den notwendigen 50 ilnter- schriften versehener Antrag auf sofortige Anberaumung des Zeitpunktes für die Diskussion der drei vorliegenden Interpellationen! Cachin (Komm.), Dehris (Rad.) und Vincent Auriol über die Hausse der ausländischen Devisen, die Demission des Finanzmini st ers und die von der Regierung geplanten Maßnahmen zur Lahmlegung der Spekulationsmanöver vorliege. Die Kammer beschließt mit einer Stimmenmehrheit die sofortige Festsetzung des Zeitpunktes der Beratung dieser Interpellationen, worauf Ministerpräsident B r i a n b im Vamen der Regierung den Antrag stellt, die Anberaumung dieses Zeitpunktes bis zum Donnerstag zu vertagen.
Vachdem Kammerpräsident Herriot bekanntgegeben hat, baß ein neuer Interpellationsantrag bes radikalen Abg. Franklin Doul- lion eingegangen ist, über die Maßnahmen, die die Regierung zu ergreifen gedenke, um eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden, be- grünbet bet kommunistische Abg. Cachin feine Interpellation. Er kritisiert das Finanzgebah- ren bes zurückgetretenen Finanzministers, der drei Milliarden derManövrierkasfe verschleudert habe. Seit Ende des vergangenen Jahres habe Peret durch Erschließung neuer Hilfsquellen 10V» Milliarden Franken flüssig gemacht. Wo seien diese IO1/2 Milliarden geblieben?
Abg. Dehris wirst dem Finanzminister vor, daß er gerade in dem Augenblick bemif- fioniere, in dem das Pfund so gewaltig steige. Auch er kritisiert die Pläne des Sachverständigenausschusses und verlangt, daß man sich nicht noch länger über das Parlament luftig mache. Solange ein parlamentarisches Regime bestehe, habe das Parlament das Recht, die notwendige Aufllärung zu fordern.
Der sozialistische 2ll»g. Vincent A u r i 0 l vertritt die im Verlause einer heute nachmittag abgehaltenen FraktionSsihung beschlossene Haltung seiner Fraktion und erflärt, der Finanzminister sei deshalb gegangen, weil das Pfund steige, während es seine Pflicht gewesen wäre den Kurs des Pfundes wieder zum Sinken zu bringen. Aber viel schwerer wiegend sei ein anderer Grund des Rückttitts. Er habe, wie er behauptet, nicht die notwendige A n- terstühung erhalten können. Welches sei denn diese Anterstützung? Sei er etwa mit seinen Ministerkollegen nicht einer Meinung gewesen, oder sei die Regierung vielleicht ohnmächtig gewesen. diesen Widerstand zu beseitigen, dem der Finanzminister begegnet sei? Die Regierung müsseunbedingterklären, welches ihre Pläne seien. Man werfe der Kammer stets vor, daß sie Polittk treibe, es handele sich hier aber um die Pläne und die Regierung müsse diese klarlegen. Wenn sie die notwendigen Maßnahmen für eine starke Deflation enthielten, die allein die Baisse des Franken zu beheben geeignet seien, bann erkläre er im Tiamon feiner Partei, daß sie bereit fei, bie Pläne zu unterstützen und falls diese Regierung scheitern sollte, jede andere, die für eine derartige Maßnahme eintreten würde.
Hierauf nimmt Ministerpräsident Briand das Wort. Er lehnt es sofort ab, auf die
führlich Stellung und erwartet, daß die Sowjetregierung die völlige Haltlosigkeit der gegen sie von England erhobenen Beschuldigungen ausklären wird. Die englische Regierung habe allerdings die Behauptungen, die ein Teil der englischen Presse und einige Regierungsmitglieder aufgestellt hätten, daß die Sowjetregierung selb st den Streikenden Geld überwiesen habe, nicht in das Memorandum ausgenommen. Dem Hinweis des Memorandums gegenüber, daß das Finanzrommissariat die Aeberweisung von An- terstützungsgeldern nach England gestattet habe, müsse festgestellt werden, daß durch die russischen Gesetze die Ausfuhr von Geld nicht verboten würde. Das Blatt gibt der Vermutung Raum, daß hie englische Rote auf die Bestrebungen gewisser englischer Kreise zurückzuführen sei, die die Lösung des englisch-russischen Handelsvertrages wünschten. Man nehme bie Streikhilfe der russischen Arbeiter für ihre englischen Kollegen zum Anlaß eines wirtschaftlichen und politischen Druckes auf die russische Regierung. Indessen habe sich bisher gezeigt,
Fragen von Cachin und A u r i 0 l einzugehen, welches her Zünftige Finanzmini st er fein werde, da es nicht üblich wäre, daß sich die Kammer an der Bildung einer Regierung beteilige. Er glaube auch nicht, daß eine parlamentarische Debatte im Augenblick nützlich sei. Die Lage der Regierung sei äußerst verwickeln Es wäre der Regierung und der Kammer unwürdig, wollten sie durch Behelfsmittel dieses Aebel reparieren, das die Regierung durch eine Gesamtaktion, nämlich durch Aufstellung e nes Gesamtsanierungsplanes bekämpsen wolle. Der Sachverständigenausschuß werde einen ernsthaften Plan fertigstellen. Er sei zwar auch der Meinung, daß die vom Sachverständigenausschuß angegebene Frist wohl etwas übertrieben sei, aber es würde genügen, an sein Gewissen zu appellieren. (Der Einwurf des kommunistischen Abgeordneten Cornavin, daß die Mitglieder des Sachverständigenausschusses gar kein Gewissen hätten, wird von Kammerpräsident Herriot gerügt.)
Briand fährt fort: Finanzminister Peret sei nicht etwa auf Grund seiner eigenen Persönlichkeit zurückgetreten. Er schulde ihm diese Anerkennung. Er sei angegriffen worden und habe mit einer äußerst schwierigen Lage zu kämpsen gehabt, weil Improvisationen nicht möglich seien. Peret habe geglaubt, für die Behebung dieser Schwierigkeiten eine gewisse Anterstützung zu finden. Das fei ihm aber nicht gelungen, und deshalb habe er es für seine Pflicht gehakten, zurückzutreten. Er — Briand — hätte ja ebenso leicht demissionieren und heute als friedlicher Beobachter der Kammerdebatte beiwohnen können, statt sich ironischen Zurufen auSzusetzen, aber feiner Mei- itung nach dürfe er gerade in dem Augenblick, in dem das Schiff durch schwierige Klippen gesteuert wird, nicht das Steuer verlassen. Er halte aber eine Frist von 48 Stunden für not- wendia, um die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen. Am Donnerstag werde die Kammer, wie auch die Lage gelöst sein möge, sich hierzu äußern können. Es fet denn, daß sie bereits heute der Ansicht fei, es sei vorteilhafter — diese letzten Worte begleitete Briand mit einer entsprechenden Geste —, daß er seinen Rücktritt ankündigt, falls die Kammer seinen Antrag auf Vertagung der Festsetzung des Zeitpunktes der Diskussion der drei Interpellationen über die Währungskrise ablehnen sollte.
Hierauf wurde über den Antrag Briand abgestimmt, der, wie oben gemeldet, mit 309 gegen 195 Stimmen angenommen wurde .
Briand über den Hrankenfturz.
Paris, 15. Juni. (TU.) In den Wandelgängen der Kammer gab Briand eine Erklärung ab, in der er u. a. folgendes ausführte: Die Lage ist schwierig. Hier können keine Wunder wirken. Die einen verlangen ein nationales Ministerium, die anderen rufen nach einem entschlossenen Mann. Was ein nationales Ministerium anbelangt, so ist es sehr zu wünschen: doch ist das B e i s v i e l Belgiens nicht gerade ermutigend. Man hat dort ein Kabinett gebildet, in dem sämtliche Parteien vertreten sind. Obwohl der Finanzminister ein hervorragender Sachverständiger ist, ist die Stützungsaktion zugunsten des belgischen Franken fehlgeschla - gen. Auch Italien, das einen entschlossenen Mann hat, ist es nicht gelungen, den Lire höher zu bringen als den Franken. Die gegenwärtige Situation wird durch vielfache Gründe bestimmt. In England werden Franken verkauft, ohne daß man es dabei auf die Herbeiführung einer Franke n b a i s s e absieht. Man macht das nur zur Stützung des Sterlingkurses gegenüber dem Dollar. Auch in Belgien und Italien werden französische Franken abgestoßen, jedoch nur in der Absicht, die nationale Währung zu stützen. Schließlich verkaufen auch in Frankreich zahlreiche Franzosen aus Mangel an Vertrauen Franken. Die Wolken am Horizont ballen sich über uns zusammen. Wir sind vom Sturm gepeitscht und müssen bis zum Ende aushalten und dem Siege entgegensehen.
daß auf diese Weise die Sowjetunion sich nicht beeinflussen lasse. Lediglich ein für beide Staaten günstiges Abkommen vermöge die Beziehungen zwischen ihnen befriedigend lösen.
Die Antwort
der Sowjetregierung.
Berlin, 16. Juni. (TU) Wie die Morgenblätter aus Moskau melden, weift die Sowjet- regierung in der am Dienstag dem britischen Geschäftsträger in Moskau überreichten Antwort auf bas britische Memorandum daraufhin, daß in Rußland fein allgemeines Valutaaus- fuhrverbot bestehe, sondern lediglich eine Ausfuhr- regelung, durch die in jedem einzelnen Falle Be- willigungen zur Ausfuhr von Valuten erteilt werden. Die Sowjetregierung, welche den Willen der Arbeiter und Bauern der Sowjetunion ausdrückt, konnte den Gewerkschaften, in denen Millionen von Arbeitern der Sowjetunipp organisiert sind, nicht verbieten, Geld in, Ausland zur Gewährung von U n t e r - stutzungen do 11 Gewerkschaften eines aoberen


