Ausgabe 
16.4.1926
 
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gens bis zumWallenstein" sind randvoll von qualvollem Ringen um Form, um neue Ge­staltung und letztgültige Harmonie, voll bitteren Kampfes auch mit dem armen, gebrechlichen, schwächlichen Körper, den der heiße Machtwille des sieghaften Genius immer und immer wieder hochreiht und kommandiert. Dann ist die Em­pörung der Iugendjahre den Eroberungen der Reife gewichen. Im Bunde mit Kant, mit Goethe geht Friedrich Schiller den Weg der Vollendung. Ilnvergänglich ist der Glaube an das Ideal. Dessen zum Zeugnis stehen aufgerichtet die Mark­steine Weimaraner Klassizität:Wallenstein" Maria Stuart"Jungfrau von Orleans" Lell". Niemand weih, wo der stelle Weg ge­endet hätte, denDemetrius" bricht allzu früher Tod zum Torso. Uni) die Gegenwart? Ihr Weltbild (es wurde einleitend betont) kann vom Millebenden und Miterlebenden überhaupt nicht, oder nur unvollkommen und jedenfalls subjekt.v gedeutet werden. Der Redner gab wiederum eine andeutende Genesis der Entwicklung, knappe, geistige Vorgeschichte des rätselvollenUrgetüm­mels". in dem wir mitteninne stehn, ähnlich jenem brodelnden Chaos, das der werdende Schiller in sich zu bändigen vermochte. Sollen wir. un­deutsch, mutlos und ideenlos, gleichwohl die Hoff­nung aufgeben, gibt es gar kein geistiges Band mehr, das uns mit Schiller verbindet? Das Weltbild des deutschen Gegenwartsmenschen, das Lilienfein wesentlich von zwei Kom­ponenten, von zwei widerstreitenden wtre- t>nngenIndividualismus und Kollektivismus bestimmt sieht, scheint einen Bruch mll aller geisttgen Vergangenheit zu bedeuten. Was ist uns denn so fremd geworden, so unzeitgemäß an Schiller für den spezialisierenden, relativi- sierenden Menschen der deutschen Gegenwart? Bald das große Pathos, bald das strenge Ethos, bald wieder die ganze eindeutige Einfachheit. Er ist eine wundervolle Ganzheit (die uns längst verloren ging), ganz adllg. ganz Herz, ganz

Klarheit: alles ist bei ihm auf den ganzen, har­monischen Menschen bezogen. Wir heute sind fern aller Einheit, Ganzheit und persönlichen Har­monie. (Groteske Vorstellung, den Dolksdichter Schlller in denJahrmarkt der Gegenwartslitera­tur" hineinzudenken) 2lber man darf auch unsere Zeit nicht ungerecht ansehen. Unser Chaos ist unheimlicher und verwirrender. Dennoch: Hoff­nung und Glauben halten sich an die Jugend, der eine deutsche Zukunft zu bauen bestimmt ist. Wenn die Jugend ihre Sendung begreift, muh sie den großen Eroberern der Vergangenheit wie­der begrgnen. Und Schiller wird ihr Führer werden, sein zeitloses Bild wird auch über den kommenden Generottonen stehen.y

Mus dem Kunstleder.

Bildende Kunst In Darmstadt.

Das Interesse an der bildenden Äunft das während des letzten Winters unter dem Druck der schwierigen wirllchastlichen Verhältnisse stark zu­rückgegangen war, belebt sich sichtlich wieder. Die Ausstellungen werden stärker besucht als in den letzten Monaten. Die Weihnachtsausstel­lung derHessischen Künstlerhilfe" verdankte ifjren Erfolg nicht zum geringsten Teil den An- käufen des hessischen Staates. Die nächsten Aus­stellungen zeigten bereits bei ihrer Eröffnung einen früher nur selten beobachteten Andrang von Besuchern. Besonders bemerkenswert war eine gröbere Ausstellung von Franz H u t h - Weimar, die jetzt geschlossen worden ist. Huth zählte früher zur Darmstädter Künstlerschaft und hat seine Spezialität, Interieurs, die Wieder­gabe von Schloß gemächern mll ihren Möbeln, Kunstwerken. Bildern usw. an seinem neuen Wohnsitz Weimar weiter gepflegt. Jetzt sind wieder zwei gröbere Ausstellung?.' in Darm­stadt eröffnet worden. Die eine stell das Schaf­fen aus der letzten Zell des Darmstädter Malers Adolf D e h e r dar, der zu den führenden Künst-

lerpersönlichlellen der Landeshauptstadt zählt, so­wie eine Dilderfchau des Münchener Walers Hans Albert Hofmann, einem Schüler Eugen Brachts, der ja von der Darmstädter Kunst ausgegangen ist.

Die Sektion für Dichtkunst bei der Berliner Akademie der Künste.

Das Statut der Akademie der Künste zu Berlin hat besonders durch die Erwellerung des Senats durch das Hinzutreten der neuen Sektion für Dichtkunst, eine Reche von Ab­änderungen erfahren. Wie der Amtliche Preu- bische Pressedienst dem neu hinzugefügten Ab­schnitt der abgeänderten Fassung des Statutes entnimmt, seht sich die Sektion für Dichtkunst zusammen aus:

1. drei Dichtern, die von der Genossenschaft der ordentlichen Mllglieder der Akademie, Sektton für Dichtkunst, aus ihrer Mitte unter Vorbehalt der Bestätigung des Mi­nisters auf drei Jahre gewählt werden. Wiederwahl ist zulässig:

2. zwei Literaturgelehrten, die vom Mini­ster ernannt werden:

3. dem zweiten ständigen S k et r der Aka­demie und

4. je nach Bedarf aus einem rechtskundigen Mitglied und dem ersten ständigen Sekretär der Akademie.

Zum Geschäftskreis der Senatssektion für Dichtkunst gehören besonders:

1. Die Erstattung der vom Minister verlang­ten oder sonst erforderlichen, die Dichtkunst betref­fenden Gutachten: 2. Vorschüsse und Anregungen zur Pflege und Förderung des künstlerischen Schrifttums: 3. Ausschreiben von Wettbewerben uni) Entscheidung über Vergebung von Preisen und Stipendien auf dem Gebiete der Dichtkunst: 4. Vorschläge für Verleihung von Auszeichnungen und Ehrungen für Dichter: 5. Veranstaltung von Vorträgen aus dem Gebiete der Dichtkunst.

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Nr. 88 Zweites Blatt

Siehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffeiy

Zreitag, jv. April 1926

London - Moskau - Peking.

Don Dr. P a u l A o h r b a ch.

Sieben Jahre dauert nun schon, mir Pausen, bas Duell zwischen England und dem bolsche- vistischen Rußland. Beim Ende des Weltkrieges ftanfcen englische Truppen in Baku am Kaspi­schen und in Archangelsk am Weihen Meer. Ent­scheidend war der Abzug der Enländer aus Ar- hangelsc, den die englische Arbeiterschaft aus Lnmpath e für die russische von Lloyd George erzwang. Die verschiedenen Versuche russischer Generale Denikin, Judenitsch. Koltschak Wränget nut englischem und französischem Teld eine polittsche Restauration in Rußland herbeizusühren, schlugen alle fehl: teils weil die russischen Dauern fürchteten, das geraubte Land wieder an die rücttehrenden Gutsherren verlieren, teils weil die Unternehmungen militärisch von außen nur halb unterstützt tour­te:-, teils weil der Angriff auf die Dolsche- tr ist en immer nur einseitig, nie konzentrisch er- tolgtc. Besonders die Räumung von Archangelsk hatte die Bolschewisten entlastet.

Danach kam eine Zeit verhältnismäßiger Annäherung. Lloyd George verband, nach ter geschickten englischen Art. tadelnde Worte über die moralische Verwerslichkeit des Dol- lchcwistenregimes mit Andeutungen, daß man deswegen doch Handel mit Rußland treiben könne, und unter dem Kabinett Ramsav Wac- lonalds waren die Dinge dicht vor dem Abschluß eines Handels- und Anleiheverttages mit Ruß­land. Bekanntlich wurde gerade das der An­laß zum Sturze Macdonalds und zum Einzug der großen konservativen und sowjetfeindlichen Mehrheit in das englische Parlament. Von da en verschärfen sich die Beziehungen zwi­schen London und Moskau immer mehr. Das Buch des Edinburgher Prozessors Saro'ea (eines geborenen Belgiers)Impressions of Soviel Dussia" war die Ankündigung und Einleitung eines großen Bücher- und Zeitungsfeldzuges ge­gen die Bolschewisten. Die eigentliche Offensive war aber auf feiten Moskaus, und sie erfolgte gegen den schwächsten Punkt der englischen Welt­stellung: O st a s i e n. Das Hauptziel ist und bleibt natürlich Indien, aber dort bedarf es noch längerer Vorbereitungen, bis ein Coup ge­wagt werden kann. In China dagegen war die Riederlage der Engländer zunächst vollstän­dig. Durch einen gewaltigen Waren- und Schisfsboykott, der dem englischen Handel große Verluste zufügte, wurden die Engländer gezwun­gen. den chinesischenHauptsorderungen in bezug viuf Zollhoheit und abzuschaffenöe Ausländer­vorrechte nachzugeben. Dieser chinesische Erfolg -ober war mit Moskauer Hilfe errun­gen. Moskau hatte Geld und Organisatoren geschickt, und vor allem hatte es verstanden, sich der studiereinLen chinesischen Jugend in der Rolle als Defveier der vergewaltigten asiattschen Doller vom Joche der europäischen Ausbeutung darzustellen. Dies Programm wurde auf dem Moskauer Kommunistenkongreh zu Weihnachten 1925 ganz offen von Stalin mit Bezug auf China und Indien verkündet. In Peking diri­gierte der sowjetrussische Botschafter K a r a - chan, der selbst mongolisches Blut in sich hat, die verschiedenen Aktionen, um in Canton. von jeher dem Sih des südchinesischen Radikalismus, gelang es sogar, eine richtige Filiale des Mos- lauer Bolschewismus unter Leitung eines Russen, Borodin, zu errichten. In Rordchina war ter sogenannte christliche General Feng der Bundesgenosse Moskaus.

Gegen diese große Stellung Sowjettuhlands in China ist nun in den letzten Wochen an den beiden entscheidenden Punkten, in Canton und in Peking, ein Schlag geführt worden. Ohne daß die englische Lenkung und die englischen Mittel erkennbar hervortraten, hat England die Dinge so zu schieben gewußt, daß durch chi­nesische Gegenkräfte die Räterepublik in Canton gestürzt, Feng in die Flucht getrieben und Peking denjenigen Par­teien oder vielmehr Machthabern in die Hände gespielt worden ist, die bereit sind, es mit Eng­land gegen Moskau zu halten. Militärisch und wohl auch als Charakter ist unter diesen der bedeutendsteMarschall" W u - P e i - f u, der im vorigen Jahre besiegt und weit nach Westen Jurückgedrängt war. Es liegt im Charakter die- er inneren chinesischen Kämpfe, daß die einzel­nen Reinen und großen Erfolge vom Geld abhängig sind, denn die Truppen hängen nicht irgendwelchen Prinzipien an, sondern den Machthabern, die sie bezahlen können. Trotzdem fcatf man nicht glauben, daß im heutigen China

mit Geld alles zu machen sei. Die national- chinesische Bewegung, die vor allen Din­gen Freiheit von den eigennützigen europäischen Vormundschaften verlangt, ist über alle Pariei- verschiedenheiten hinaus durch ihre inneren Kräfte so stark, daß es auch England nicht mehr glücken würde. China als solches zu unterwerfen. Eng­lische Politik kann es jetzt nur noch sein, die konservativeren chinesischen Elemente gegen die radikalen zu unterstützen und den chinesischen Selbständigleitswlllen grundsählick) zu respek­tieren. Insofern also können die Chinesen sagen, daß Moskau ihnen auf alle Fälle geholfen hat. Für die Sowjettegierung dagegen bedeutet der Rückschlag in China nicht nur einen Verlust, sondern eine Riederlage, deren Folgen viel­leicht noch sehr weit reichen werden. Sie ist in erster Linie hervorgerufen durch den Geldmangel. Hätte man von Moskau Id viel Mittel nach dem fernen Osten Wersen können, wie von Lon­don. so wäre man wahrscheinlich erfolgreich ge­blieben.

Die Verhältnisse in Rußland scheinen sich überhaupt wenig günstig für die Sowjeiherrschast zu entwickeln. Der Tscherwonez (das Wort bedeutet im Russischen ursprünglich den Dukaten) fällt! Daß es so kommen würde, war lange vorauszusehen. aber weil die russische Regierung für ihre' Einkäufe im Ausland nur mit fremden Devisen zahlte und der Tscherwowez an fremden Börsen nicht notiert wurde, so konnte man ihn scheinbar bei der Parität halten. Das Steigen der Preise in Rußland war aber schon ein Hin­weis auf den wahren Stand der Dinge. Jetzt haben sich die Regierungsfassen entschließen müssen, den alten russischen Geldimperial, die Zarenmünze (ihr sollte der Tscherwowez an Wert gleich sein), mit 1,2 Tscherwonzen zu bezahlen. In diesem Jahre ist auch die Außenhandels­bilanz ungünstig und bisher mit beinahe 7 Mil­lionen Tscherwonzen (ca. 150 Mill. Mk.) passiv. Die Auslandreisen werden eingeschränkt, fremde Künstler dürfen nicht mehr zu Gastspielen nach Rußland kommen, die Banien haben Anweisung erhalten, keine Devisen und keine Goldmünzen mehr zu verkaufen, und den Arbeitern werden Reden gehalten, in denen ihnen Machthaber wie Dykow und Kalinin Vorwürfe wegen ihrer ge­ringen Leistungen machen und ankündigen, die Löhne würden ttoh des Sinkens der Währung nicht erhöht werden.

Die russische Industrie ist nicht einmal im­stande. im selben Maßstab wie vor dem Kriege die gewöhnlichsten Masfenbedürfnisse an Tertil- toaren. grobem Cisenzeug usw. zu befriedigen. Es fehlt an Rohstoffen und es fehlt an maschineller Ausrüstung. Die al­ten Maschinen sind zum Teil verbraucht und neue können in Rußland, mit Ausnahme der ge­wöhnlichsten, nicht gebaut werden. Es müssen daher sowohl Fabrikate als auch Maschinen i m Ausland gekauft werden. Wegen Roh­stoff- und wegen Waschinenmangel werden Fa­briken stillgelegt, und zwar in wachsender Zahl. Die Reuemissionen von Papierttcherwonzen ent­sprechen merkwürdig genau dem zu vermutenden Zuschußbedarf der russischen Industrie, die ihre Erzeugnisse teuer und schlecht, sagt der rus­sische Dauer überhaupt nur verkaufen kann, weil ihr der Staat auf die Herstellungskosten etwas draufzahlt.

Hier liegen, wie gesagt, die Gründe für die politische Riederlage der Moskauer Regierung in China. Das Finanzkommissariat will daher in diesem Jahr die Eteuerrückstände von den Dauernrestlos" eintteiben. Auch dies ist ein Fingerzeig für die schwierige Finanzlage. In England verbirgt man die Genugtuung darüber nicht. In Deutschland, wo eben eine große Finanztransaktion mit Rußland abgeschlossen ist, wird man aber auch auf die Dinge achten müssen.

3n den spanischen Tropen.

Von E. v. Ungern-Sternberg.

Einmal im Monat fährt der Dampfer der Trans- atlantica von Barzelona und Cadiz in die fast noch unberührte Wunderwelt der spanischen Tropen hin­aus. Er legt in Fernando Poo, das die portugie­sischen Entdecker Formosa, d. h. die Schöne, nann­ten, an. Von dort gibt es Verbindung nach dem Muni, nach den letzten Resten des spanischen Kolo­nialreiches, in dem vor 400 Jahren die Sonne nicht unterging.

Wen hat cs nicht in den grauen Stunden des Alltags hinaus in eine wilde Märchenwelt I gelockt, in das Schweigen des tropischen Urwaldes, I wo sich Papageien in Palmen wiegen und bunte I Pfefferschnäbel neugierig von Riesenbäumen her­

unterschauen, wo Riesenschlangen zwischen duften­den Lianen Hausen und Feuerfliegen die schwüle Nacht erleuchten. Wie viele sind hinausgezogen, wenn sie auch weder Glück noch Stern hatten, so hat ihnen doch das Abenteuer unter fremdem Him­mel gelächelt. Sie haben den Urwald rauschen ge­hört, haben gewaltige, fonnendurchleuchtete Ströme gesehen und sind in der Werkstatt Gottes, im jung­fräulichen Tempel der Natur gewesen.

Santa Isabel taucht langsam aus dem gleißen­den Spiegel des Ozeans auf, und im Hintergründe blauen die Berge von Fernando Poo. Wir landen an der Plaza de Espana. In früheren Jahren ftan- den dort versteckt unter dem Grün der Tropen nur wenige bessere Hütten, heute ist Santa Isabel ein hübsches Städtchen geworden, mit großen gepfleg­ten Gärten und mit stattlichen Gebäuden. In den Morgenstunden, ehe die große Hitze beginnt, und nach Sonnenuntergang herrscht in den Straßen ein sehr reges Leben, und wenn gar ein seltener Damp­fer in den Hafen einläuft, so sammeln sich Schwarze und Weiße in dichten Haufen auf dem Quai. Dort flehen die Neger in ihren bunten Dapas, die Män­ner und Frauen ohne Unterschied tragen, so daß man die beiden Geschlechter nicht gut unterscheiden kann. Irgendein Schwarzer beginnt plötzlich auf einer Blechkiste den wilden Takt einer Maringa zu schlagen, allerlei barbarische Instrumente fallen to­send ein, und der Bailele ist gebildet. Dazu wird der Njange, ein überlschmeckender Palmwein, in unbe­grenzten Mengen genossen, so daß der Ball schnell zu einer wilden Orgie ausartet.

Die eingeborenen Neger, die Bubis, gehören zur großen Familie der Bantus. Mit wenigen Ausnah­men sind der Kultur unzugänglich geblieben und leben im Innern der Insel fast im Urzustände da- hin. Da es ihnen verboten ist, die Straße nackt zu betreten, wenn sie zur Stabt kommen, so legen sie vor den Toren die seltsamsten Kleidungsstücke an. Man sieht Frauen in abgelegten Uniformen gehüllt, Männer in steifen Hüten ohne Krempe usw. Die Hauptsache ist, daß alles möglichst bunt ausschaut. Ihre größte Freude ist der Tanz, der Maringa und der Genuß von berauschendem Tepe. Auch ihre reli­giösen Begriffe sind trotz aller Bemühungen der Missionare sehr primitiv geblieben. Sie kennen den guten Gott, den Rupö, und den Bösen, den Mo- rimö. Jedoch nur der letztere wird angebetet und man versucht, seinen Zorn durch Feste und Opfer zu besänftigen. Denn da der Rupö schon an sich gütig ist, so hält es die praktische Logik der Neger für unnütz, sich seinetwegen irgendwelche Mühen aufwerleaen. Der Einfluß der Missionsschulen in Santa Isabel erstreckt sich kaum über die Tore der Stabt.

Die Bubis haben auch ihren eigenen König, der len schönen Namen Ma labe führt, der aber die Hauptstadt und die Berührung mit den spanischen Behörden meidet, weil er dauernd betrunken ist und Rügen für allerlei Vergehen befürchtet. Dafür darf er aber als äußeres Zeichen feiner Würde einen hohen Hut mit breiter goldener Borte tragen, den irgend ein Abenteurer vor Jahrzehnten auf der In­sel vergeßen haben mag, und der jetzt die Rolle einer Königskrone spiest. Wer den Hof Sr. Maje­stät besinnen will, der muß sich weit in das Innere, in die südlichen Täler von Fernando Poo wagen. In Wirkllchkeit hat der König wenig zu befehlen. Selbst die Eingeborenen fügen sich nicht überall seiner Autorität, seit er keine Todesstrafe mehr ver­hängen darf. Dafür aber darf er einen Harem hal­ten, ein Vorrecht, das er übrigens mit den Botukos, d. h. mit dem Dorfältesten teilt Vor etwa 25 Jah­ren, nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wollte das Deutsche Reich Fernando Poo für 20 Millionen Mark erwerben, jedoch zer­schlugen sich die Verhandlungen und die Insel blieb, zusammen mit Corrisco, Annobon, Ellobey granbe unb chioe unb bem Gebi-t am Nia Mmi in spa­nischem Besitz.

Aber Fernanbo Poo ist nut seinen Pflanzungen unb Faktoreien, trotz der halbwllden Negerstämme her Bubi, die es bewohnen, doch ein mehr ober we­niger ber Kultur erschlossenes Gebiet, ßanben wir aber an ber Muniküste, so empfängt uns bie tro­pische Wilbnis Afrikas mit ihrem Zauber, mit ihren Schrecken unb mit ihren Geheimnissen. Auf Flach­böten, bie den Rio Campo, ben Upuanyo unb ben Utamboni hinauf gerubert unb gestoßen werben, führt ber Weg in Oegenben, bie kaum ein Weißer betreten hat. Durch schweigenben Urroalb, in bem Riesenblumen in fjunbert Farben leuchten unb roilbe Tiere an ben Ufern schleichen, oobei an Stromschnellen unb schroffen Felsen. Dann roieber kommen stille Seen, in benen bunte Vögel schwim­men unb Hippopotame schnaufen unb an beten Ufer ber Bokumenbaum bie Luft auf weite Strecken

mit feinem Duft erfüllt Ebenholzwälder und Wie fen, auf denen Büffel grafen.

Ab und zu ein Negergehöft. Die Frauen sind von erschreckender Häßlichkeit unb mästen wie bie Lasttiere arbeiten, während die Männer vor ben Hütten liegen unb sich bedienen lassen. Dann tritt ber große Zauber bes Dorfes, ber Usoti, heraus, ber mit seinem Hexermeisterhokuspokus in Wirklich­keit Herr über Leven unb Tob seiner Stammcsgc- noffen ist. Seine Pflicht ist es, die Pfeile zu ver­giften und aus Kräutern Medizinen zu brauen. Stirbt ein Großer des Stammes, so liegt es ihm ob, den bösen Geist, der bie Krankheit perur achte, ben Anenoö, zu bannen. Er heult unb chreit Sprüche in ber Panuesprache, den ben Gei t er­schrecken sollen, murmelt Beschwörungen unb beginnt schließlich, wie bie Schamanen im Narben ber Taiga, einen wilben Tanz, bis er in Schweiß ge­battet unb zuckenb am Baben liegt.

Die schwarzen Könige und Königinnen besitzen die Majestät ber Wilbnis, bie nach aus bem Ab- grunb der Iahrtaufenbe stammt, ehe bie Menschen sich besten bewußt würben, bah sie Menschen waren. Zusammen mit bem Ufofi herrschen sie über ihre Untertanen unb lennen keine anberen Pflichten als ihr eigenes Wohlergehen. Um glücklich zu fein, braucht der Pamue nichts weiter als das Fleisch, bas er auf ber Iagb erlegt, Manbiokateich, Palmwein, Tabak, eine Feuersteinflinte unb vor allem recht viele Frauen, bie er nach langem Palaver von ben Estern kauft, um sie bann als Arbeitstiere zu ver- roenben.

Ein befonbers großes Fest bilbet eine (Stefan* tenjagb. Die ganze Nacht hinburch werben roilbe Feste gefeiert, wirb Palmwein getrunken unb unter lautem Singen unb Schreien um bie Feuer getanzt. Dann werben Medizinen aus allerlei narkotifchen Kräutern zubereitet, deren Genuß die Jäger angeb­lich unsichtbar machen soll, und endlich wird ber Utngoi) ulongo, eine Art Falle mit spitzem Eisen, zwischen zwei Bäumen aufgefteüt, gegen bie ber wütend geworbene Elefant anrennt. Elefanten- unb Flußpferbbraten gelten als ber größte Leckerbissen. Es kommt vor, baß viele ber wilben Jäger von ben Elefanten zertrampelt werben, aber bas Menschen­leben gilt bei ben Pamues nicht viel.

Die spanischen Besitzungen am Muni haben einen unerschöpflichen Reichtum an ben kostbarsten Holzarten. So haben sich benn auch am Eap San Juan einige Faktoreien zur Ausbeutung biefer Reichtümer gebilbet. Das Klima ist tropisch heiß, aber nicht unerträglich für einen Europäer, wenn er sich schont, keine physische Arbeit verrichtet unb sich durch regelmäßige Dosen von Chinin vor bem Sumpffieber zu schützen versteht. Aber vorläufig gibt es feine rationelle Ausbeutung ber Boben- schätze. Spanischer unb auslönbischer Initiative steht dort noch ein weites Fest) offen. Die schönste unter den spanischen Besitzungen im Golf von Guinea ist die Insel Corrisco, die gleichsam als ttopischer Luft* furort gilt Die Frauen von Corrisco sind als Schönheiten unter den Negerinnen begannt unb werben von ben Europäern sehr gesucht, auch Haber sie oft schon europäische Bilbung unb Manieren an­genommen.

Den wertvollsten tropischen Besitz Spaniens bil­det aber entschieden Fernando Poo mit einem Flächeninhalt von 2072 Duabratfilometer, mit seinen reichen Kakaoplantagen. die im Vorjahr 7 Mil­lionen Kilo Kakao für die Exportation lieferten. Auch gedeihen Kaffee und andere tropische Pro­dukte in ben vorzüglichsten Qualitäten. Aber wie so oft bei ben fpanischen Unternehmungen fehlt es auch hier an Initiative, an zweckentsprechenb-r Verwal­tung unb an Kapital, so kommt es, baß bie west kleinere portugiesische Insel Santo Thomä dreimal soviel Kakao als Fernando Poo liefert. Auch be­nagen sich die Spanier darüber, daß der Handel hauptsächlich in ausländische, namentlich auch in deutsche Hände, übergeht.

Wer das Abenteuer sucht unb Selbfteroertrauen besitzt, ben wirb es nicht gereuen, bie spanischen Tropen besucht zu haben. Dem Deutschen bieten sich dort keine Hinbernisse wie im Kongo ober in ben französischen Kolonien, ber Weg ist frei, unb ein Erfolg kann errungen werben. Aber bie Tropen sink» fein Reich bes Friebens unb stiller Träume. Wer in ihnen heimisch werben unb bie grünen Wie­sen unb bie Eichen ber Heimat vergessen will, ber muß ben Mut zum Kampfe haben, ber barf sich nicht vor Fiebern unb Enttäuschungen fürchten, er muß auch zu lernen unb zu schauen verstehen. Wenn in ber stillen, schwülen Nacht bie fremben Sterne wie Brillanten aufleuchten, wenn ber Ozean glüht unb sein Rauschen von ber versunkenen At­lantis erzählt, unb phantastisch aufgeputzte Neger um bie glimmenden Feuer die Maringa tanzen, bann erfüllt sich vielen ber Märchentraum nach bem Lande der Sehnsucht.

Schiller unb bie beutsche Gegen­wart.

Auf Einladung des Gießener Goethe-Bundes sprach der Dichter Dr. Heinrich Lilienfein aus Weimar im Kaufmännischen Vereinshaus über Schiller und die deutsche Gegenwart. An- knüpfend an das Rachleben und Rachleuchten Schillers in unsere Zeit hinein, an die großen Gedenktage 1905 und 1909, warf der Redner die Frage auf: Wie steht unsere Gegenwart zu ihm, dem volkstümlichsten Dichter der Ration? Können wir, kann unser durch das Massen- erlcbnis und die tiefen Erschütterungen des großen Krieges gegangene Geschlecht noch von derBrüderschaft der Geister" sprechen, wie sie Ludwig Pfau einmal besungen hat? Das Gefühl der Fremdheit kommt uns an, wenn wir an die unendliche Zerrissenheit, die verwirrende Viel­gliedrigkeit zeitgenössischen Weltbildes (das kein Zeitgenosse zu deuten vermag) unb an die ge­schlossene, gerundete, erkämpfte Geisteseinheit Schillers zugleich denken. Doch führte Lilien­fein aus, wie die Schlllergestalt aus dem ähnlichenälrgetümmel" einer vielfältig sich spal­tenden, geistig-politischen älmwelt herausgewach­sen ist. Er gab, ehe er der Lösung der Frage räherttat, die notwendige Andeutung von Werk und Willen der Persönlichkeit Schlllers. wie sie in der kurzen und genialen Entwicklungs- Ipanne von 17591805 beschlossen liegt Kampf ist die Losung des jungen Stürmers: die Idee der Freiheit (von der Goethe zu Eclermann sprach) durchzieht, durchblutet und erhebt das gesamte Werk, wie es uns heute gesammelt ver­traut ist. ImDon Carlos" braust der Ge­danke, an der Schwelle zum Mannesaller der der Reife und der innersten Kämpfe, viel­leicht am hinreißendsten auf, hier findet der uralte Antagonismus zwischen kühlem Ver­stand und heißem Herzen erhabenste dichterische Vestall. Die zwölf folgenden Jahre des Schwei»