Montag, 15. November 1926
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
llr. 268 Drittes Blatt
Turnen, Sport und Spiel.
Das Tempo berühmter Schwimmer.
Don Kurt E. D e h r e n S, Magdeburg.
II. Lrn« Borg.
Seilen hat ein Schwimmer so von sich reden gemacht, nod) nie ist ein Sportsmann so ost und 1d tchari kritisiert worben W der A^vrede Arne Dora Mcteorhast erschien er ISIS am schwedischen Schwimmerhimmel. Sein Glanz nahm von Iahr zu Jahr zu, denn schon lS21 smden w.r den Damen Borg in der WeltreKrdliste. Beute ift der Schwede über längere Strecken da^ waS Weißmüller für kurz«-Strecken tfl; nämlich der schnellste Schwimmer der Welt, zumal Arne Borgs großer Eigner, der Austra- Her Andrew Charlton, feit der Pariser Olhm- piabe nicht in die Erscheinung getreten ist.
Wer der zur Zeit schnellste Mittel- distanzier ist. ob Arne Borg, ob Johnny Weihmüller.' ob Boy Charlton oder schließlich der mächtig aufstrebende Japaner Takaishi, diese Frage wird erst Amsterdam lösen.
Die Entwicklung deS Schweden kann man von Stufe zu Stufe verfolgen. 1922 und 1923 — also noch im Anfang seiner Laufbahn — war der damals Zwanzigjährige Gast des S. S. C. Hellas Magdeburg, vei dessen bekannten EinladungS- wettkämpfen er sia» über verschiedene Strecken betätigte, natürlich nicht geschlagen wurde und dabei Weltrekorde schwamm. Damals war sein Tempo schwer definierbar Man konnte aber mit Leichtigkeit erkennen, dah man einen Schwimmer vor sich hatte, der von Ratur wie selten einer für den Kriechstoß prädestiniert war. Sein Tempo war unregelmäßig, teilweise schwamm er in kurzen abgehackten Stößen, teilweise mit langen gleitenden Zügen. Streckenweis steckte er den Kops tief in bas Wasser, um dann wieder wie ein Schwan einige Längen mit langausgestrecktem Hals seine Gegner und das Publikum musternd zurückzulegen. Trotz dieser Unregelmäßigkeiten tonnte der Fachmann sehen dah. wenn Borgs damals noch mangelhafte Technik verbessert werden könnte, er noch weit größere Leistungen vollbringen würde.
Das steht fest, dah damals Arne Borgs ganzes Können einzig und allein auf seine körperlichen Vorzüge zurückzuführen war. Beben einem Paar tadellos arbeitender Lungen und einem glänzend funktionierenden Herzen — Grundbedingungen für den Langstreckler — setzt sich sein Körper aus einer Reihe von Gliedmaßen zusammen, die für eine schnelle Fortbewegung im Wasser wie geschossen sind. Sein leichter Knochenbau gibt dem Körper den -gewünschten Auftrieb und dadurch eine hohe Lage im Wasser. An den langen, aber sehnigen Armen sitzen überaus grohc Hände, die wie Paddelinstrumente wirken und mit sichtlicher Leichtigkeit den Körper heben und vorwärtsbewegen können. Die Beine geben an Länge den Armen proportional nichts nach, tind aber äußerst leicht und sinken daher nicht wie beim Durchschnittsschwimmer unter. Untcr- stützt wird der Schlag der kräftigen Beine von einer Propellerbewegung der Füße, von denen Borgs Freunde behaupten, daß sie an Gröhe SkieriM gleichen.
Dom Australischen Schwimm-Verband em« geladen, machte Arne Borg 1923 24 eine Reise n m d i e Welt, die ihn auch nach Hawai und den Bereinigten Staaten brachte, um schließlich in Paris zur Olvmpiade $u enden. Aus dieser Reise hatte der Schwede reichlich Gelegenheit, die verschiedenen Tempi anderer schneller Schwimmer zu studieren. Er lernte viel und verstand das für ihn Geeignetste zur Bervollkommnung seines Tempos zu verwenden. Obwohl Arne Borg nun ein Dreivierteljahr nur dem Schwimmsport lebte,
muhte er sich in Paris über 1500 Meter dem I Australier Charlton, über 400 Meter dem Olmcn- kaner Weihmüller beugen, während er über 100 Meter nur Fünfter werden konnte. Diese Rieberlagen, die immerhin äußerst knapp waren, ent- | mutiglen den Schweden aber nicht.
Arne Borgs ganze psychische Einstellung drängt auf Erfolg hin. Rach seiner eigenen Aussage kann ihn nichts mehr reizen. <u5 wenn jemand seine Fähigkeiten anzweiselt. Dies tva^ natürlich nach feinen Riederlagen in Parts tnel- fach der Fall und erweckte in Borg das Verlangen um lo stärker, die Spitze wieder zu erobern. Dies ist ihm auch gelungen und zwar mit Hilse von Weißmüllers Trainer, William Bach- rach Qlmc Borg siedelte nämlich Ende 1924 nach Amerika über und trat dem Illinois Athletic Club in Chicago bei.
Dachrach seilte und verbesserte nun Monate lang Borgs Stil. Den Erfolg konnte ich schon bet den amerikanischen Meisterschasten im Frühjahr dieses IahreS in Chicago, dann aber noch verstärkt bei den Europameisterschaften in Budapest in diesem Sommer feststellen.
Aus dem Raturwunder war ein Schwimmer mit einwandfreier Technik geworden. Waren früher seine Bewegungen unregelmäßig, so arbeitet Borg jetzt wie eine Maschine, ob die Strecke 200 oder 1500 Meter lang ist, Borg stellt sein Tempo kaum merklich um. Besonders auffallend und charakteristisch ist der Umftanb, daß er über längere Strecken nicht wie andere Schwimmer ausgiebig rollt und dabei die Schultern unö Arme weil vorschiebt. Sein Oberkörper legt sich nur ein ganz klein wenig auf die Seite. Seine Arme tauchen nicht ausgestreckt, sondern noch abgebeugt in das Wasser, um erst unter der Wasseroberfläche vollständig gestreckt zu werden.
Ein Rhythmus war in Arne Borgs Tempo nie zu beobachten, dazu ist er zu impulsiv, läßt sich zu sehr von seinen Gegnern die Schnelligkeit vorschreiben, ihm fehlte stets die elegante Leichtigkeit eines Weißmüller, das flüssige Tempo eines Charlton. Arne Borg arbeitet wie eine Maschine, der die Kraft niemals auSzugehen scheint: int gleichen Tatt kommen die Arme nach vorn, tvährend die Beine bei kürzeren Strecken den schnellen amerikanischen Acht-Takt schlagen, um über längere Strecken in den etwas langsameren Scheren-Kriechftoß zu verfallen.
Hat Arne Borg schon die Höhe seines Könnens erreicht oder darf man von ihm noch weitere Derbesserungen seiner Leistungen erwarten? Erst die kommenden Jahre werden diese 'Frage beantworten tonnen.
Fußball Ungarn - Schweden 3:1 (2:0).
Der schwedisch-ungarische Fuhballänderkampf in Budapest endete mit dem Siege Ungarns. Die ungarische Mannschaft war ziemlich überlegen. Mitte der zweiten Halbzeit konnten die Schweden ein Tor erzielen. Endergebnis 3:1.
Fußballergebnisse von gestern.
Die DezirkSllga im Mainbezirk.
Durch den hohen 6:0-Sieg des Fußball- sportvereins Frankfurt über H a n a u 94 hat sich ersterer an die Spitze gesetzt und führt mit einem Punkt Dorsprung vor Eintracht Frankfurt, die trotz Ersatz in Hanau bei Hanau 93 einen Punkt lassen mußte. Spielergebnis 1:1. Rot-Weiß siegte 3:1 etwas unverdient gegen Union Riederrad und hat wieder Anschluß an die Spitzengruppe gefunden. Die Ossenbacher Kickers mußten in Isenburg Febern lassen. 4:1 lautet das Ergebnis für Isenburg, das nun die Offenbacher von der Spitzengruppe bertrieben hat. Germania 94
Frankfurt konnte gegen Aschaffenburg 4: C gewinnen.
Bezirk Bayern.
Im Bezirk Bayern steht nach wie vor ungeschlagen der 1. Z. C. Rürnberg mit 19 Dmitten an der Spitze Mit 4 Punkten Abstand folgt Sp. D., Fürth mit 15. 1360 München mit 12 und der A. E. D. Rürnberg. der gestern gegen den Nürnberger Club 2:1 verlor, mit 10. während Wacker München sich mit 11 Punkten durch seinen Sieg über den Fürther F. C. vor den A. S. D. Rürnberg schob.
Württemberg —Baden.
D. f. B. Stuttgart siegte mit 4:0 über den Tabellenletzten Sportfreunde Stuttgart und steht weiterhin mit zwei Punkten Vorsprung vor dem Karlsruher Zuhballverein. der aber ein Spiel weniger hat als Stuttgart. Die Karlsruher bc- wiesen ihre diesjährige Stärke, denn sie schlugen den Sp. CI. Stuttgart, einen nicht zu verachtenden Gegner, mit 4:0. Die Tabellenspitze sieht nicht den D. f. B. Stuttgart mit 16 Pmitten, den Karlsruher Fuhballverein mit 14 Punkten, Stuttgarter Kickers mit 12 Punkten und D. f. R. Heilbronn und Sp. Cl. Stuttgart in Front.
Rheinbezirk.
In Darmstadt sand das entscheidende Sviel zwischen Sp. D. Darmstadt und Manuheim- Waldhos statt, das die Darmstädter mit 3:1 siegreich beenden konnten. Damit steht Darmstadt weiterhin an der Spitze, dichtgefolgt von D. f. L. Reckerau. der den Speyerer Fußballverein hoch mit 6:1 schlagen konnte. D. s.R. Mannheim errang einen eindrucksvollen Sieg über Sandhosen, während Phönix-Ludwigshafen Phönix Mannheim mit 2:0 abfertigen konnte. — Die Tabellenspitze hält nun immer noch der Sp. D. Darmstadt mit 14 Punkten vor D. L. Reckarau mit 13, Sp. D. Mannheim-Waldhof, D. f. R. Mannheim und Phönix Ludwigshafen mit je 10 Punkten. Dabei ist zu berückfichtigen. daß Reckarau und die übrigen Vereine erst sieben Spiele ausgetragen haben, während Darmstadt gestern bas achte Spiel absolvierte.
Rheinhessen—Saar.
3m Bezirk Rheinhessen—Laar gab cs eine große Ueberrafdjung. Fr. Sp. B. 05 Mainz ließ sich vom zweitletzten der Tabelle, Hassia Bingen, mit 3:1 überrumpeln und muhte wieder Wormatia Worms die Spitzenführung überlassen, da die Wormser gegen.Eintracht Trier nur einen ganz knappen 2:1- Sietz landen konnten. Das Spiel der beiden Saarbrücker Mannschaften tarn nicht zum Austrag. Erwähnenswert ist noch der knappe Sieg von Alemannia Worms über den Sp. B. Wiesbaden mit 2:1. Wormatia Worms führt nun mit 14 Punkten vor Mainz 05 mit 13, Sp. 23. Wiesbaden mit 11 und F. 23. Saarbrücken mit 10 Punkten.
Westdeutschland.
Die Meisterschaftsspiele im Berg.-Märk. Bezirk brachten als von Bedeutung einen 4:0-Sieg der Fortuna Düsseldorf über Grösrath, einen 5.0-Sieg von S. S. Elberfeld über Eller 04. 3m Nheinbezirk spielten Mülyeimer S. L. Godesberg 2:4, S. B. Düren—Bonner F. 23. 1:0, Rheydter S. 23.—Oben« kirchen 2:3. 3n Westfalen behauptet Arminia Bielefeld in der Gruppe Ost die Spitze, während um den 2. Platz 23. f. L. Osnabrück die Hammer S. 23g. 4:1 schlug. Spitzenkämpfe in Gruppe West waren Westsalia Scherlebeck—Viktoria Recklinghausen 1:1, Preußen Münster—Borussia Rheine 2:3. Der Südwestfalen-Meister Sportfreunde Siegen schlug Hagen 72 4:2. 3m Nuhrbezirk spielten Union Gelsenkirchen—Borussia Dortmund 0:0 abgebrochen.
Hessen-Hannover.
Gr. Nord: Sport Kassel—Turn Kassel 2:0, S. 23g. Göttingen—S. 23. Kassel 2:3, Einbeck 05—Göttigen 05 1:2. Gr. Süd: Hessen 09—23. f. B. Gießen 3:0, Borussia Fulda—S. 23g. Marburg 4:0.
Berkin.
3n den Berliner Fußballmeisterschaftsspielen ist der hohe Sieg von Hertha D. S. E- Berlin über B. u. T. Union 92 mit 8:0 zu erwähnen, der für eine gute Verfassung der Hertha spricht.
Rorddeutfchtand.
Hier konnte der Hamburger Sportverein einen hohen 5:0-Sieg über den F. C. Wandsbeck 1910 erringen.
Handballpokalspiel Westdeutschland -Süddeutschland 4:9.
vor 4000 Zuschauern fand gestern in Hagen auf dem Platz der Spielvereimgung 1911 das Vorrundenspiel um den Pokal der deutschen Sportbehörde zwischen WestdeutschlMÜ) und Süd- deutschland statt, das die Süddeutschen mit 9:4 sicher gewinnen konnten, nachdem sie bereits in der Halbzeit mit 6:2 geführt hatten.
Vierkölter Berufsschwimmer.
Der deutsche Kanalschwunincr Dierkötter wird, Kölner Meldungen öUfotqc, zum BerufS- schwirnmsport übergehen. Die Veranlassung zu diesem Schritt deS Dauerschwimmers liegt in dem Beschluß der TorstandSsitzung des Deutschen SchwimmverbandeS, der bekanntlich dahin ging, daß Gewaltleistungen wie Kanalschwimmen Angelegenheit des Beruss-Athletentums sei. Sine Berliner Meldung hierzu besagt noch, daß Dierkötter auch das ihm vom Verein Deutsche Sportpresse verliehene „Goldene Band" angenommen habe.
Wirtschaft.
Dom Arbeitsmarkt.
Die Erwerbslosigkeit hatte in Hessen, Hefsen- Rafsau und Waldeck Ende Februar, Anfang März d. I. mit zusammen 148 2H Hauptunter^ stützungScmvsängern (38,4 auf 1000 Einwohners ihren Höchststand erreicht: davon waren 128 712 Männer, 19 505 Frauen. Dis zum 1. Oktober ging die Zahl der Unterstützten, ohne Familienangehörige. auf 108 278 (91 550 mäimL, 16 728 weibl.) und bis Ende des Monats um wettere 7089 auf 101 189 (87 270 männl, und 13 919 weibl.s zurück. Gegenüber dem Höchststand vom 1. März ist also bis Ende Oktober eine Abnahme von 47 028 oder tunt) 32 v. H. au verzeichnen. Auf 1000 Einwohner kamen am 1. Oktober 28. (Silbe des Monats 26,2 HauvtunterstühungSempfänger.
In den einzelnen Bezirken wurden gezählt: °mE LUU
männl, weibl. zusammen
Reg.-Bez. Kastel 21256 2475 23 731 31888
Reg.-Bez. Wiesbaden 31005 5170 36175 40 841
Kreis Wetzlar 1 353 58 1 411 2 401 Frelstacn Hessen 33 555 6211 30 766 46 596
Freistaat Waldeck 101 5 106 195
Zusammen 87 270 13 919 101 189 121 624 am 1. Nov. 25 zus. 24 659 1936 26 595 33545 Absolut und relativ am höchsten ist also zur Zeit die Erwerbslosigkeit im Freistaat Hessen.
Durch die entsprechende Erweiterung der Er- werbslosenstatistik läßt sich nunmehr auch bte genaue Zahl der aus der Fürsorge nach einer Unterstühungsdauer Don 52 Wochen ausgesteuerten Unterstützungsempfänger feststellen: In der Zeit vom 16. September vis 15. Oktober schieden insgesamt 2322 Personen aus dem genannten Grunde aus, und zwar in Hessen 1079, im Reg.- Bez. Kassel 749, im Reg.-Bez. Wiesbaden 414 und im Kreis Wetzlar 80 Personen.
Bei Rotstandsarbeiten waren am 15. Oktober insgesamt beschäftigt 8905 Personen gegen 8764 am 15. September.
wie die Kartoffel zu uns tarn.
Die nahrhaften Knollenfrüchte, deren Lob so mancher Dichter begeistert gesungen hat, werden auch in diesem Winter wieder das „Brot der Armen" sein. Wir können uns heute unsere Ernährung ohne die Kartoffel gar nicht mehr vorstellen: um so verwunderlicher ist es. wie lange es gedauert bat. bevor diese Frucht sich wirklich bet uns einbürgerte. Wer sie aus der Reuen Welt zuerst nach Europa gebracht hat, Francis Drake ober ein anderer kühner Seefahrer, sei dahingestellt. Iedenfalls war der erste, der in Deutschland die Kartoffel anpflanzte, der berühmte Botaniker Clusius; er hielt die Pflanze, die er 1588 in Wien und Frankfurt aufzog, für die von Theophrast erwähnte Arachidna des Altertums und gab 1591 die erste Beschreibung. „Die Kenntnis dieser Pflanze", schreibt er, „verdanke ich Philipp von Sivry, Herrn von Walhclm in Belgien, der mir zu Anfang des Iabres 1588 zwei Knollen dieser Frucht schickte. Er selbst hatte sie, wie er mir schrieb, von einem Freunde des päpstlichen Gesandten in den Riederlanden das Iahr zuvor unter dem Rainen „Daratuffli" erhalten. Woher diese Frucht zu den Italienern gekommen, wissen sie nicht zu sagen: gewiß ist es aber, daß sie dieselbe entweder aus Spanien ober unmittelbar aus ihrem Heimatlande, Amerika, bekommen haben. Zu verwundern ist es, bah, während der Gebrauch dieser Frucht in einigen Gegenden Italiens so häufig sein soll, daß man die Kiwllcn mit Hammelfleisch gekocht wie Rüben oder Pastinaken ißt, ja sogar ben Schweinen zum Futter gibt, die Kenntnis der Bso spat zu uns gekommen ist." Die erste ing der Pflanze veröffentlichte der Botaniker Haspar Dauhin, der sie „Papas der Spanier" nannte und ihr den lateinischen Ramen solanum tuberosum gab, den sie noch heute im botanischen System hat. Auch er kennt schon
ziemlich genau den Ruhen und Gebrauch der Kartoffel und erzählt, bah die Indianer sie statt bes Brotes gebrauchen und in Wasser kochen. Aber trotzdem blieb die Kartosfel noch auf lange- bin ein Gast der Botanischen Gärten, in denen fie als Seltenheit gepflegt wurde, und es bedurfte vieler Anstrengungen und des Zwanges schlimmer Zeiten, bevor sie sich im Volke einbürgerte.
Die schwere Rot der Kriege, die von Hunger und Elend aller Art begleitet war, hat den wich- tlgsten Antrieb zur Einbürgerun2 der Kartosfel gegeben. Während des Dreißigjährigen Krieges brachten spanische, niederländische und italienische Ofsiziere die Frucht nach Südbeutschland, ohne baß sie aber recht heimisch wurde. Immerhin war sie gegen Enbe bes 17. Iahrhunderts im Vogtland allgemeiner bekaimt, und von dort kam sie Anfang des 18. Iahrhunderts nach den armen Dörfern des Erzgebirges, wo sich einige hohe Offiziere, die durch den Krieg den Wert der Kartoffel erkannt hatteir, als Grohgrundbefiher für den Anbau cinsetzten. In den fruchtbaren Teilen Sachsens war noch um 1730 die „Vogt- l(indische Knolle" verachtet, und die Landprediger, die sich um ihre Einführung bemühten, wurden spvttwcise „Knollenprcbiger" genannt. Um 1750 wird die Frucht in den Dresdner Zeitungen als ein großer Segen Gottes rühmt, und 1773 steht in den „Dresdner Anzeigen" zu lesen: „Die nunmehr sehr bekannte Frucht der Erb- binten oder Erdäpsel wirb in unseren Kreis - landen in verwunderlicher Menge und in besonderer Gröhe erzeugt. Im Meißnischen, im Ober- und Erzgebirge und im Dogtlande ist sozusagen ihr eigentliches Vaterland." In Württemberg letzten sich Anfang des 18. Iahrhunderts besonders die Waldenser für die Kartoffel ein, und als „Waldenser Knolle" wurde sie überall in Württemberg, in Dckden und der Rheingcgend verbreitet. Doch stieh der Anbau auf starken Widerstand. Die Behörden wendeten Zwangs
mahregeln an, aber die Dauern rissen die Pslanzen in der Rächt wieder aus, und behaupteten, sie seien durch wilde Schweine aus- gewühlt worden. Die Aerzte erklärten vielfach, man dürfe die Kinder keine Erdbirnen essen lassen, da sie davon die Blattern bekämen. Erst die großen Teuerungsjahre von 1771 und 1772 machten den Kartoffelanbau in Württemberg allgemein. Zu dieser Anerkennung der Kartoffel trug viel die Tätigkeit Friedrichs des Groben im Königreich Preußen bei. Der kurbrandenburgische Hofarzt Dr. Elsholtz war der erste, der in der Mark Brandenburg in seinem 1660 erschienenen Werk „Unterricht von der Gärtnerei" eingehend auf die Kartoffel hinwies. Der erste Anbau geschah um 1720 durch eingewanderte Pfälzer und wurde von Friedrich Wilhelm I. gefördert, der sogar die Kranken in der Charite zu dieser Rührung zwang. Aber die allgemeine (Einbürgerung erfolgte erst unter Friedrich dem Großen, der viele seiner Untertanen damit tatsächlich vom Hungertode errettete. Die Schlesier hätten die Hungerjahre im Siebenjährigen KrieZ»' nicht über- ftanben, wenn Friedrich nicht den Kartofselanbau befohlen hätte: aber er mußte auch nod) später „durch Dragoner darauf vigilieren lassen, daß die Dauern Kartoffel pflanzten." Ebenso zwang er die Pommern dazu, und durch ihn ist recht eigentlich der Kartofselanbau in deutschen Landen heimisch geworden.
(frankfurter Theater.
Gastspiel von 3. Iushnys Theater „D e r blaue Vogel" im Schauspielhaus. Dieser seltene, blaue Märchenvogel ist wieder einmal nach Frankfurt geflattert und wiederum schlägt er die Schauenden in seinen Vann. Wie eine schillernde Perlenschnur mutet das Programm an; lose Bilder und Szenen reihen sich aneinander, umwoben von einer eigenartig reizvollen, sinnfälligen Musik. Satiren, Grotesken
und Märchen zwitschert dieser Vogel, uyd stets ist das Wesentlichste dabei echt empfundene Kunst in Wort, Ton und Bild. Und immer ist es die Seele Rußlands, die aufl all diesen Szenen und Szenchen spricht, auch wenn es sich um den „©anale Grande" oder die „Othello- Parodie" handelt. Gs liegt eine stark künstlerische Intensität und Musikalität in den Darbietungen des „Blauen Vogels". Direktor I. 2 u s h n y, der künstlerische Leiter der Aufführungen, stellte sich dem Publikum als charmant plaudernder Conferencier vor und quittierte lächelnd den starken Beifall; wir aber tonnen mit seinen Worten sagen: „Blauerr Vogel, sehrr interessant!" L. W.
Der fünfte Komet dieses Jahres entdeckt.
Am Abend des 16. Oktober fand Professor S ch w a ß m a n n an der Hamburger Sternwarte in Vcrgedorf auf photographischem Wege den in diesem Iahre wiedererwarteten periodischen Kometen Giacobin.-i nahe dem von F. R. Cripps vorausberechneten Ort im Sternbilde des Schlangenträgers auf; damit erhöht sich die Zahl der im'Iahre 1926 bisher entdeckten Kometen auf fünf. Das noch sehr licht- schwache Gestirn besitzt nur die Helligkeit her Sterne 14. Größe; es bewegt sich in flach südöstlicher Richtung weiter und wird na^h Durchschreiten von Schlange und Schild im Laufe dieses Monats in den südlichen Teil des Adlers übertreten. In Sonnennähe gelangt der Komet erst im Dezember in einem Abstande von 146 Millionen Kilometern. Entdeckt wurde er als dritter Komet 1900 von Giacobini und bei einer Umlaufszeit um die Sonne von 6.51 Iahren im Herbst 1913 wiederbeobachtet. Für das bloße Auge wird der Komet nie sichtbar.
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