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Montag, 15. November 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Nr. 268 Zweiter Blatt

Die Finanzlage Hessens

D i n g e l d e y, M. d. L.

gebung eingetretene gefährliche Entwicklung verstärkt hat. Statt dessen wäre es vom finanziellen, wie auch vom wirtschaftspolitischen Standpunkt aus notwen­dig gewesen, einer solchen Entwicklung rechtzei­tig durch Maßnahmen des Landes vorzubeugen.

Denn es ist tatsächlich doch nicht jo, daßganz unvermittelt" von Ende 1925 ob die Erscheinungen der Erwerbslosigkeit und der Steuerausfälle sich auswirkten. Wer mit der wirtschaftspolitischen Lite- ratur einigermaßen vertraut ist, weiß, daß alle maß­gebenden Kenner des Wirtschaftslebens in Deutsch- land diese Entwicklung im Jahre 1923 und erst recht im Jahre 1924 auf das bestimmteste v o r a u s ge­sehen haben. Daß sich die ungeheuerlichen Dermö- gensverlusle der deutschen Wirtschaft durch Inflation und Stabilisierung in Verbindung mit dem Rhein- und Ruhrkampf in einer Wirtschaftskrise schärfster Natur mit Arbeitslosigkeit, Steuerrückgängen und allen Begleiterscheinungen derartiger Wirtschaftspro- zesse auswirken müßten, war jedem Einsichtiaen klar und muhte selbstverständlich erst recht den hessischn und mußte selbstverständlich erst recht den hessischen Sparjamkeil und e n e r g i s ch st e n A b d r o f s e - lung der hessischen Staatsausgaben veranlassen. Die Verantwortung für derartige Maß­nahmen und für den mutigen Entschluß, aus einer richtigen Erkenntnis rechtzeitig einschneidende Folge­rungen zu ziehen, kann dem Finanzminister nie­mand abnehmen, er trägt sie kraft seines Amtes und vermag sich selbstverständlich am allerwenigsten hinter 'Angriffen aus die Opposition vor dieser 23er- antwortung zu verschanzen. Heute kann man feststel­len, daß bis zum Voranschlag des Jahres 1926 von dem hessischen Finanzminister zu einer wesentlichen Abdroßlung der verhängnisvollen Entwicklung der hessischen Staatsfinanzen aus der Ausaabenseite s o gut wie nichts geschehen ist. Man hat auf dieser Seite die Dinge einfach treiben lasten, die Staatsfinanzen wurden so zum Objekt der partei­politischen und populären Wünsche der verschiedenen Parteien. Dagegen hat man sich lediglich daraus be­schränkt, auf der Einnahmenseite die Steuern in einem Maße anzuspannen, das nach der eigenen Er­kenntnis weit die Steuerkraft und die Erträglichkeit für die hessische Wirtschaft übersteigt. Die Folgen einer derartigen Politik mußten kommen.

II.

Wenn man die Erklärungen des hessischen Fi­nanzministers über seine bisherige Politik liest, so will es fast scheinen, als ob der Finanzminister im Ernst die Oeffentlichkeit davon überzeugen wollte, daß eine ungerechtfertigte Vermehrung von Staats­ausgaben nicht eingetreten lei, daß b\e Leitung der hessischen Staatssinanzen vollkommen unschuldig und wehrlos der katastrophalen Entwicklung der Staats­finanzen habe zusehen müssen. Bis zu welchem ka- tastrophalen Ausmaße sich die Staatsfinanzen in Hessen abwärts entwickelt haben, wird im folgenden weiter noch untersucht werden. Zunächst wollen wir zeigen, in welchem Maße tatsächlich eine Vermeh­rung derAusgabenund derBelastung des hessischen Staates und des hessischen Volkes eingetreten sind. Es ist selbstverständlich, daß als Vergleichsmaßstab die Verhältnisse des letzten Friedensjohres heranzuzeehen sind. Damals rechneten wir mit einer stabilen Währung und aller­dings aus der anderen Seite mit einer blühenden, kräftigen und strebenden Wirtschaft. Daß wir heute immer noch in Zeiten einer, wenn auch vielleicht da und dort langsam abklingenden, Wirtschaftskrise un­sere Kraft einsetzen müssen, um zu den Ziffern der Friedens,ahre zurückzukehren, sollte eigentlich jedem Verständigen ein unbestrittenes Ziel sein. Gelingt es im Reich und in den Ländern nicht, in absehbarer Zeit ihren Apparat den tatsächlichen wirtschaftlichen Kräften des Volkes, die heute kleiner sind als vor dem Kriege, anzupasten, so werden wir aus der la­tenten Wirtschaftskrise in Deutschland, ganz abge­sehen von den Reparationsleistungen, schon aus Gründen der inneren Verschuldung und Mißwirt­schaft niemals herouskommen.

Es ist das unbestreitbare Verdienst des Reichs- finanzministers Dr. Reinhold, daß er in seinen amtlichen Auslassungen diese Gesichtspunkte schärfer und energischer betont, als das früher der Fall war. Er hat die durchaus richtige Erkenntnis, sich zu eigen gemacht, daß der Finanzminister nicht bloß der Hüter des Staatssäckels, sondern auch der Schützer der Wirtschaft fein muß, wenn er nicht jenem Toren gleichen will, der die Henne schlachtete, die ihm die goldenen Eier legen sollte. In Hessen ist von einer solchen Erkenntnis bei der Leitung der Staatsfinanzen nichts zu spüren. Un­vergessen bleibt der Satz, den der hessische Finanz-

Der Finonzminister geht von der Behauptung aus, daß bis zum Jahre 1925 einschließlich die hessi­schen Finanzen durchaus gesund gewesen seien. Erst im Jahre 1926 machte sichfast unvermittelt" die Auswirkung der Erwerbslosigkeit und der Steueraussälle in einem Umfang geltend, wie sie in gleicher Art und in gleichem Ausmaß in den übrigen Ländern nicht zu beachten seien.

Diegesunde Entwicklung" der hessischen Staats­sinanzen bis 1925 beruht auf einem Raubbau, Den man mit der Wirtschafts- und Steuerkraft des hessischen Volkes getrieben hat. Es ist ja auch nicht etwa allein der Fehlbetrag des Jahres 1926 gewesen, der im Frühjahr dieses Jahres zu der gewaltigen Eteuerproteftbeweguna breitester Volks- treise in Hessen Veranlassung gao, sondern es ist die Unerträglichkeit der Steuerlast gerne« sen, die man dem hessischen Volke ausgebürdet hat, gegen die sich das Volk mit größter Erbitterung nun­mehr'roenbet. Daß bie angebliche Gesundheit der hessischen Staatsfinanzen in den Jahren vor 1926 nur auf einen Raubbau mit der Steuerkraft zufück- zuführen ist, ist eine Ueberzeugung, die wir nicht erst heute und nicht erst seit Entfesselung des letzten Kampfes in Hessen aussprechen. Ich erinnere daran, daß wir schon in den Jahren 1922, 1923 und 1924 immer wieder die hohen und drückenden hessischen Landessteuern a b g e l e h n t haben mit der Begrün­dung, daß weder die Notwendigkeit derartiger Steuersätze gegeben fei, noch auch die Wirtschafts­kraft des hessischen Volkes solche Steuern tragen könne. Die Fraktion der Deutschen Volkspartei hat durch den Mund meines verstorbenen Freundes Dr. Osann und später durch Herrn Abg. Dr. Nie- v o t h immer wieder ihre Ausfastung von der Lage tn zwei Sätze zusammengefaßt:

a) Die damaligen Doranschlagszisjern unter- schätzen die tatsächlichen Einnahmen aus den Reichssteuern, so daß Landessteuern in der vorgeschlagenen Höhe gar nicht notwendig sind.

b) Die durch Krieg, Revolution und Inflation erschöpften wirtschaftlichen Kräfte vertragen nicht eine Zusammenballung der Reichs­steuern und Landessteuern in der von dem hessischen Finanzminister verlangten Höhe.

Der hessische Finanzminister hat damals diese Be­hauptungen bestritten. Er bestand auf der Erhebung jener Steuern in der von ihm geforderten Höhe. Die Regierungskoalition erteilte ihm dann auch die ge­wünschte Genehmigung, gegen den Widerspruch der Rechten. Die tatsächliche Entwicklung aber gab in vollem Umfange den Voraussagen und Auf­fassungen der Deutschen Volkspartei Recht.

Jetzt muß der Finanzminister selbst in seiner Denkschrift fest stell en. daß die Jahre 1923 und 1924 Ueberschüsse aus Steuern im Betrage von zusam­men 10,5 Mill, erbracht haben. Diese 10,5 Mill, sind gegen de» Widerspruch der Deutschen Volks- partei zuviel erhoben worden, und in einer Zeit, in Der die hessische Wirtschaft bereits durch den Krieg und den Zusammenbruch, durch die Besetzung und den Ruhrkampf aus das schwerste geschwächt und ge- fährdet war. Auf diesen zuviel erhobenen Steuer- betrögen beruht bie angebliche Gesunbheit ber Staatsfinanzen bis zum Jahre 1925. Daß eine ber- artige Finanzpolitik kurzsichtig unb ganz unwirt­schaftlich gebucht ist, hätte der Finanzminister damals schon erkennen müssen. Wenn man aus einer ge­schwächten Wirtschaft mit verminderter Steuerkrast vermehrte, über den Bedarf hinausgehende Steuern herauszieht, so muß die natucwendige Folge eine Gefährdung der Wirtschaft, damit eine Verminderung der Steuerkraft und eine Abwärts­bewegung der finanziellen Leistungsfähigkeit des hessischen Volkes sein. Man kann heute feftstellen, daß diese kurzsichtige, rein fiskalische Steuerpolitik, die durch Erwerbslosigkeit und Reichssteuergesetz-

Von Rechtsanwalt Eduard

Der hessische Finanzminister hat der Oeffenllich- keit eine Art Wahlbroschüre übergeben, in ber er den Versuch macht, seine Finanzpolitik zu rcchtferti- ger. unb bie Angrisfe ber Opposition zurückzuweifen. Er läßt bei biesem Versuch die tatsächliche Lage der hessischen Staatsfinanzen in einem stark gefärbten und überdies verschleierten Bilde erscheinen und schrickt bei seiner Polemik gegen die Opposition vor objektiv unrichtigen Darstellungen nicht zurück. Es mag im folgenden versucht werden, über bie finanz­politische Situation unb bie daran zu knüpfenden Folgerungen ein klares Bild zu geben. Denn es ist richtig, daß der Kampf des hessischen Volkes um bie Auflösung des Landtags in Wahrheit in erster Linie ein Kampf um Die künftige Finanz­politik in Hessen ist.

minifter noch im Frühjahr dieses Jahres aus- precyen konnte, daß er von der Ausgabenseile des Staatsooranschlags weniger bedrückt werde, als von der Sorge um die Einnahmen. 'Welches auch immer das Motiv eines solchen Satzes gewesen sein mag, er kennzeichnet die Gejamteinsteliung des Finanz­ministers zu den ihm anoerlrauten Problemen. Es kann danach nicht weiter Wunder nehmen, daß aus solcher Einstellung heraus die Energie und die poli­tische Tatkraft zur Durchsetzung einer wirksamen Vereinfachung des Staatsverwaltungsapparates un­möglich erwachsen kann. Der Finanzminister möchte jetzt den Vergleich des Jahres 1926 mit dem letzten Friedensjahre 1914 nicht mehr gezogen wißen. Er wehrt sich gegen einen solchen Vergleich als angeblich der inneren Wahrheit der Ziffern widersprechend. Er möchte statt dessen den Vergleich mit dem Jahre 1918 ober noch lieber 1919 ziehen, aus sehr burch- sichtigen Grünben. Richt nur, daß bie Ziffern bes Jahres 1919 selbstverständlich durch das immerhin nicht unerhebliche Ereignis bes fünfjährigen Welt­krieges stark veränbert waren, geben jene Zif­fern auch schon ben Beginn ber Jnflationsentwick- lung wieder. Wir wollen uns doch daran erinnern, daß im Jahre 1919 die innere Kaufkraft der Mark auf ein Siebentel ihres Friedenswertes ge*

die Gesamtausgaben des Staates vermehren müssen. 3m Jahre 1914 halten wirdasStaats» Ministerium, das Ministerium des Innern. dasM in i st er i u m der Finanzen und das Ministerium der Justiz. Heute ist die Schulabteilung auS dem Ministerium deS Innern herausgenontmen und In das selbständige Landcsamt für das Dildungswesen verwandelt. Ferner hat man die Abteilung für Landwirtschaft. Handel und Gewerbe aus dem Ministerium des Innern berausgenommen und bekanntlich in das Ministerium für Arbeit und Wirtschaft uingctpan- delt. Bei einem Vergleich der Ministe - rien von 1914 und 1926 müssen demzufolge dem Ministerium deS 3nnern von damals heute das eigentliche Ministerium des 3micrn. daS Landesamt für das Dildungswesen und das Mini­sterium für Arbeit und Wirtschaft gegenüber- gestellt werden. Ferner ist zu beachten, daß aus dem Finanzministerium die gesamte Finanz Ver­waltung, die heute durch Reichsbeamte (51- ncmzämter. Landesfinanzamt usw.) ousgesührt wird, und ferner die Gisenbahnver- w a l t u n g, die an die Reichsetsenbahngesellschaft gefallen ist. a u s g e s ch i e d e n sind. Dann gibt es folgendes Bild'

Ord.- Nr.

Bezeichnung deS Ministeriums

1914

1926

Zunahme

Zahl ber Beamten

Person!. Kosten

Zahl ber Beamten

Person!. Kosten

Zahl ber Beamten

Personl. Kosten

1

7

48884

18

108476

11

59592

2

Ministerium des Innern .. Landesamt für bas

69

297624

68

387591

Bildungswefen........

61

307283

Ministerium für Arbeit unb

69

374329

198

1069203

129

771579

3

Ministerium ber Justiz ...

11

54224

35

204719

24

150495

4

Ministerium der Finanzen

138

579277

124*)

809367

14*)

230090

Gesamtzahl unb Kosten ...

225

980009

375

2191765

150

1211756

funken war. Daraus ergibt sich ohne weiteres, wie irreführend ein Vergleich ber stabilisierten Mark bes Jahres 1926 mit jener bes Jahres 1919 sein muh. Früher übrigens hat ber Finanzminifter sehr wohl selbst ben Vergleich mit 1914 immer lie­ber als richtig befunben. Das geschah, solange er glaubte, einen solchen Vergleich zur Rechtfertigung seiner Politik verwenben zu können. Es ist nicht ein* zusehen, weshalb nunmehr bas, was im Jahre 1924 unb 1925 richtig erschien, im Jahre 1926 auf ein­mal feinen Sinn verloren haben sollte.

Wir stellen auch jetzt, um ein föilb von ber E n t - Wicklung ber Ausgaben bes hessischen Staates zu bekommen, bie Zahlen von 1914 benen von 1926 gegenüber. Wir erhalten folgenbes Bild:

3m 3a hre 1914 Gesamtausgaben bes hessischen Staates 76 Millionen.

3m 3a hre 1 926 Gesamtausgaben des hessi­schen Staates 129 Millionen.

3m 3ahre 1914 Gesamtsteuer­belastung des hessischen Volkes 26 Millionen.

3m 3ahre 1926 Gesamtsteuerbelastung 78 Mill. Die Gegenüberstellung dieser Ziffern zeigt er­schreckend deutlich, in welch gewaltigem Aus­maße die Ausgaben des hessischen Staates für Derwaltungszwecke sich entwickelt haben und wie demzufolge auch die steuerliche Belastung der hessi­schen Wirtschaft gegenüber der Friedenszeit sich rechnungsmäßig fast verdreifacht hat. Es ist richtig, daß in diesen Ziftern teilweise Durch- aangsposten stehen, so daß das Bild in Einzel- yeilen sich um eine Kleinigkeit zugunsten des 3ahres 1926 verschiebt. Es ist auch richtig, daß die Velastung des hessischen Staates mit Auf­gaben zum großen Teile eine zwangsläufige Folge der Rcichsgesehgcbung ist. Die Ziffern be­sagen aber trotz dieser Einschränkung in eindrucks­voller Sprache, in welchem Mißverhältnis zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes seine Ausgaben für die Derwaltungs­zwecke sich entwickelt haben.

Diese Tatsache kann weiter illustriert werden durch eine Verachtung der Ziffern für d i e Mi­ni st e r i e n Hessens. Die Z ntraüxrtoaltungcn Siehr viel deutlicher als die Ziffern von

>erwaltungen draußen im Land, in welch ungeheuerlichem Ausmaße diese 3nflat'.on von Behörden in Hessen vor sich gegangen ist. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, zu betonen, welchen wirtschaftlichen Wert die M hrausgaben für die Ministerien heute darstellen. Vielmehr ist wichtig die Erkenntnis, daß bei einer unverhält­nismäßig hohen Steigerung der Ausgaben für die Ministerien mit naturnotwendiger Folge sich in dem gleichen unverhältnismäßigen Satze auch

Damit genug der Darstellung, in welcher un­geheuerlichen Ausdehnung sich die Staatsftnanzcn Hessens und die steuerliche Belastung seit 1914 bis heule entwickelt haben. Es ist selbstverständlrch. daß es nicht in der Macht des F i nanz Ministers liegen kann, eine solche Entwicklung, die wir in geringerem Ausmaße in allen Ländern beob­achten können, überhaupt und vollständig zu ver­hindern. Das verbietet, wie oben schon erwähnt, die Reichsgesehgebung, die auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge und zahlreicher anderer wirt­schaftlicher 21 ;f gaben die Länder belastet hat. Wohl aber hat der Finanzminister es in der Hand, das Maß einer solchen Entwicklung bis zu einem gewissen Grade zu bestimmen, rechtzeitig ihre Tendenz zu fühlen und im Rahmen der den Ländern überlassenen Selb­ständigkeit für eine Gesundung zu wirken.

Der Finanzminister HZ'ens hat von einer solchen Auffassung seines Amtes nichts merken lassen. Er begründet heute die Entwicklung dieser Ziffern besonders mit der Uebernah m e neuer Staatsaufgaben durch den hessi­schen Staat, die früher den Gemeinden oblagen. Dabei ist insbeso td re gedacht an die Schulver­waltung. an bie Forstverwaltung und an die staatliche Ortspolizei. Ganz gewiß ist richtig, daß die Uebernahme dieser Verwaltungen den hessi­schen Staat außerordentlich belasten muß. Ge­rade um deswillen aber war es die be­sondere Aufgabe des Finanzministers, vom ersten Tage der lieber nähme jener Aufgabe ab, auf das schärfste darüber zu wachen, bctß diese neuen Staatsbehörden und Verwaltungen sich nicht in einem stärk?ren Aus naße entwickelten, als es sachlich unbedingt g boten war. Die hessische Oeffentlichkeit erinnert sich ja noch aus den Kämpfen des Frühjahres 1926 sehr genau daran, daß wir gerade bei der Schule genau das umgekehrte erlebt haben. Obwohl die Zahl der Schiller ständig sank, blieb d e Zahl der Lehrer in Hessen gleich, während sich ihre Besoldung tn Verbindung mit der allgemeinen Deamtenbesvl» düng automatisch erhöhte. Mit dem Ergebnis, daß im 3ahre 1926, obwohl die Zahl b'r Schüler um rund 75 000 sich vermindert hatte, d e Kosten der Volksschule sich gegenüber dem Friedensjahre einschließlich derjenigen Kosten, di? damals die Gemeinden zu tragen hatten, mehr a ls ver­doppelten. Das Bedenkliche war dabei, daß diese Entwicklung entweder dem hessischen Finanz- minifter verborgen blieb, bis sie im Herbste

*) Uebemabme der Eisenbahn- und Steuer­verwaltung durch das Reich.

(Ein paimenbßum steht einsam...

Don Max Geißler.

Der Maler Dineent van Gogh wohnte da­mals in einem Strandgasthause am Mittelmeer. 3n der Provence. Die Haustochter nannte ihn ihre Sorge. Einmal kam er verstört nach Hause. Es ist da eine neue Sache mit mir, sagte er. 3ch habe das Empfinden, als ob ich angehaucht würde. Bald auf der Hand, bald aber auch unter ben Kleidern. Und gleich danach kommt mir die Denkkraft fort. Oder ich habe einen unsinnigen Schmerz im Gehirn. Manchmal höre ich in den stillsten Stunden Geräusche: das ferne Rasseln einer Maschine oder das Schnaufen einer Loko­motive. 3ch seh« mitten auf dem Meer oder zwischen den Stämmen der Oliven die Quellen lener Geräusche stehen. Und ich weiß doch genau: es ist nichts dergleichen dort. Diese Fata Mor» gana macht mich sehr unglücklich.

Einmal sah er mit dem Mädchen unter den Oleandern Da traf ihn der gefürchtete An­hauch auf die Knöchel der Finger. Auch war es, als triebe sich ihm ein Pflock ins Gehirn.Die Aura!" rief er. Er schlug die Hand vor dem Mädchen auf den Tisch, riß einen Faden aus der Tasche und befahl ihr, sie solle damit die Handwurzeln ganz fest abbinden.

Sie erschrak.Madonna als wärest du von einer Schlange gebissen!

Eine kleine Frist war er ganz ohne Ge­danken.Hast du von einer Schlange geredet?" fragte er dann.Es ist eine sehr richtige Wahr­nehmung." Er streichelte ihr dankbar die Wangen.

Am dritten Tage malte er auf dem Dor­gebirge, aus belfern Hange seeseitig der Schaft einer Palme trieb. Er war längst nicht mehr in Rufweite Qom Strandhaus. Aber durch ein Fernglas konnte ihn das Mädchen gegen den Himmel stehen sehen: ganz vorn, wo der Hang

steilrecht ins Meer fällt Sie suchte ihn in ihrem Glase sehr oft. Einmal aber fand sie nur die Staffelei ein dünnes, kleines Puppenspiel­zeug stand die an der Felskante, als wollte sie hinabkippen ins Meer. So oft sie das Rohr hinausrichtete es blieb immer das rätselhafte, unveränderte Bild mit der verwaisten Staffelei. Darüber kam ihr die Angst. Und sie sprang in ein Doot und segelte in träger Fahrt gegen den Felsen hin. Den Wind hätte sie aus der See reißen mögen, weil er ihr so schlecht dabei half! Und bann dicht unter dem Hange blickte sie nach oben. Da sah sie ihn liegen. Zwischen ber Steilwand und dem Palmenstamm eingeflemmt. Wie einen Toten. Mit herab- hängendem Kops und unkräftigen Gliedern.

Sie stieß ihren Schmerz in wildem Schrei heraus unb wollte in jacher Fahrt zurück unb Hilfe holen. Aber ber Wind war nun gar nicht mehr da. Die See atmete kaum. Da wurde sie von der Furcht zerrissen: wenn noch Leben in ihm sei, wenn er sich bewegte, wenn er aus seiner Ohnmacht erwachte, dann würde er ins Meer stürzen und elend zu Tode kommen: denn ber Fels fiel unter bem Seespiegel in ungemessene Tiefe.

Mit Hast löste sie alle Leinen am Schifflein und warf sie in Ringen um ihren Leib. Die Dootskette klemmte sie in einen Felsenritz und versuchte zu klettern. Aber das Fahrzeug trieb ab. Und das Gestein war von der Brandung ber 3ahrtausende geschliffen. 3hre Finger krall­ten sich an den Stein unb fanden dort nicht hin­ein. Da stieß sie sich mit dem Ruder um den verfluchten Block, ber vom Strandhause so schön und trutzig in der Flut stand. Wenn frühmorgens die Sonne darüber herauftam, sah er aus wie die Schwelle ber Himmelstür. Aber nun Endlich war sie an der Staffelet Sie muhte sich auf den Fels legen unb über bie Kante schauen. Da merkte sie, bah er lebte. Unb sie

kam auf den wahnsinnigen Einfall, sich anzuseilen und zu ihm hinabzuklettern. 3n wilder Rat­losigkeit rief sie ihn an. 3fjre Stimme gab ihm alles wieder so schien's Leben und Kraft. Darüber krümmte er sich zusammen und zog sich in eine kauernde Stellung. Er sah ihre ent­setzten Augen über dem Felsrand und Ulten suchenden Arm in der dämmerigen Luft.... Als er sein verwüstetes Gesicht ihr zuwandte, stürzten ihre Tränen über ihn.

Hast du Hunger?

3a, gib mir zu essen! sagte er.

Da lieh sie ihm an ber Leine hinab, was an Brot unter der Staffelei lag. Sie sah: er hatte davon noch nichts berührt. An dieser Leine wollte sie üjn bann emporleiten. Es war ein wahnsinniger Gedanke. Wie sollten Bootsfchnüre eine Mannes last tragen? Die Wand war ja ganz klar unb glatt gewaschen. Er konnte sich nirgends einen Halt schaffen.

So können wir es nicht machen! rief er.

Es kam bie tiefere Dämmerung. 3hre Worte flatterten zu ihm hinab wie Fledermäuse aus ben Mauern. Und in diesen irrenden Worten berieten sie einander. Dann ergriff sie sein Mal­zeug und trug es in das kleine Schiff. Sie fuhr an die Stelle, über der er hing. Er warf ihr feine Kleider hinab, Stück um Stück, wie er sich mühselig davon befreite.3ch bin ein jammervoller Schwimmer," rief er ihr noch zu, vergiht du das nicht?"

Dann [tiefe sie eine Dootslänge hinaus, unb er schwang sich hinunter in die Flut. Wie ein Stein, der vom Felshang fauft, fuhr er vor ihr in Rächt unb Tiefe. Das Herz ftanb ihr still bis er emportrieb unb ben Arm durch bie schwere Dämmerung nach ihr ausstreckte. Da stiefe sie ihm bas Ruder entgegen. Sie fühlte seine kalte zitternde Hand sich um ihre Hände schlagen wie eine Zwinge aus Eisen. Weil_ sie seine Entkräftung erfaimte, unb daß er unfähig

war, sich ins Boot zu schwingen, legte sie seine Hände auf den Schifssrand unb ruderte mit ihm in das flache Wasser....

Um bie Mitte des Rachmittags hatte er bie Aura gespürt, an Hanb unb Unterarm. Er wußte noch von jähem Aufschrei im Angesichte des Abgrunds... Was zwischen diesem unb seinem Erwachen war, lag in Finsternis.

Dieses Mädchen nannte er seine dunkle Sehn­sucht. Sie hat ihn einen langen Weg geleitet bis an die Pforte des 3rrenhauses.

Kammersänger Joses Schwarz^.

Der Kammersänger Josef Schwarz ist, erst 45 Jahre alt, vor wenigen Tagen in Berlin an den Folgen einer Operation, die sein chronisches Nierenleiden erforderlich gemacht hatte, gestorben. Zwei seiner bedeutendsten Rollen, Rigoletto unb Scargia, hatte er noch in der letzten Woche in Ber- lin fingen sollen, aber sein Zustand hatte sich be­reits so verschlimmert, daß er ins Krankenhaus und auf den Operationstisch gebracht werden mußte.

Schwarz ist gebürtig aus Riga, erhielt feine Aus- blldung in München, begann feine Bühnenlaufbahn in Oesterreich und erreichte feine künstlerische Glanz­zeit in Berlin, an der vormals Königlichen Oper, In Schwarz vereinigten sich, was selten ist, alle Vorzüge des Sängers und des Schauspielers. Seine äußere Erscheinung, seine Darstellunasgabe und vor allem seine Stimme ein prachtvoller Bariton voll Schmelz, Weichheit und Tragkraft, in lyrischen wie dramatischen Partien gleichermaßen hinreißend machten Schwarz zu dem hervorragenden Künstler, t.r sich im Konzertsaal, wie auf der Bühne stet, siegreich behauptet hat. (Eine Amerikareife, der er nicht widerstehen konnte, hat seine Berliner Erfolge auch drüben bestätigt. Don Verdi bis Wagner hat Jofef Schwarz alle großen Rollen seines Faches ge­sungen. Sein Ableben bedeutet für die deutsche musikalische Welt einen schweren Verlust.