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Hrettüg, (5. Gttoder 1926

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhefsen-

Ur. 242 Zweites Blatt

Vas Problem der deutschen Eisenbahnobligationen.

(Don unserem Pariser W. S.-Korrespondentcn.) Paris, den 10. Oktober 1926.

Die gesamte Weltpresse beschäftigt sich in diesen Tagen in langen Artikeln mit der in Lhoirh aufgeworfenen Frage der K 0 m m c r - zialisierung eines Teiles dec deutschen Eisenbahnobligationen: ein nuuet»

vrdentlich kompliziertes Problem, dessen Losung allmählich viel schwieriger erscheint als man zu­nächst dachte. Dieser Plan

Verwirklichung ist nicht nur für Deutschlano von allergröhter politischer und wirtschaftlicher Be­deutung, sondern ebenso für Frankreich, England, Belgien, Amerika, ufto. kurz, ^r alle Staaten, denen Deutschland stach dem Dawes-Plan ver- schuldet ist Es muh hervorgehoben werden, dal) der Gedanke der Mobilisierung eines Teiles der deutsmen Eisenbahnobligationen durchaus nicht etwa erst bei der Ministerbesprechung von Thoiry aufgetaucht ist, sondern schon seit vielen Monaten die Finanzpolitiker aller Staaten beschäftigt. 3m folgenden soll die Bedeutung dieses Pro­blems möglichst knapp erläutert und seine ilr- sachen und Wirkungen kurz skizziert werden, und zwar vornehmlich unter Berücksichtigung der da­mit auf engste zusammenhängenden innerpoliti­schen Schwierigkeiten Frankreichs. In seinen Unterredungen mit dem Vorsitzenden der Finanzkommission der Kammer hat sich Ministerpräsident und Finanzminister P 0 i n- c a r e endlich zu der Erklärung aufgerafft, daß das Problem der französischen Kriegsschulden an Amerika keinen längeren Aufschub mehr dulde. Damit hat Poincare nunmehr amtlich zugegeben, daß ohne eine alsbaldige Lösung des amerikani­schen Schuldenproblems eine Gesundung der fran­zösischen Finanzmisere auch ihm unmöglich er­scheine. Dieser Sah klingt banal. Doch steckt weit mehr dahinter, als man ahnt. Ramentuch Deutschland kann jetzt nicht Vorsicht genug walten lassen. Denn gerade für Deutschland hängt von einer annehmbaren Lösung dieses Problems wie eingangs betont sehr viel ab. Die wich­tigen Zusammenhänge zwischen einer M 0 - bilisierung eines Teiles der deutschen Eisenbahnobligationen und dem ame­rikanischen Schuldenproblem können nicht dick genug unterstrichen werden.

Man hat davon gesprochen, eine Milliarde deutsche Eisenbahnobligationen auf den Welt­markt zu werfen. Rund 300 Millionen Goldmark sind hiervon in Abzug zu bringen für den un­erläßlichen Rückkauf der Saargruben. Die nächstliegende Frage, ob die deutsche Volks- wirtschast überhaupt i m st a n d e ist, jetzt die gewaltigen Mittel hierfür aufzubringen, bleibe hier unerörtert. Die Aufgabe würde uns jeden­falls erheblich erleichtert, wenn wir endlich wieder frei exportieren könnten, ungehemmt durch das Valuta-Dumping Frankreichs und anderer Staa­ten. Don diesen 700 Millionen erhielte vor­ausgesetzt, daß Parker Gilbert, der General­agent für die Reparationszahlungen, dem ge- samten Projekte zustimmen wird Fran«.reich nach dem allgemeinen Reparationsverteilungs­schlüssel 52 Prozent. Gleichzeitig aber ettvuchse den französischen Anleihezeichnern damit der Vorteil, daß ihnen die Zinsen aus dieser Anleihe von Deutschland direkt gezahlt würden so daß damit gewissermaßen Deutschland der direkte Schuldner Frankreichs würde.

Ein zweites Projekt zur Lösung dieses Problems es gibt deren in Paris bereits mehrere ist insofern von Bedeutung, als es Poincare sich selbst zu eigen gemacht hat und es bei allen möglichen Gelegenheiten erörtert. Dieses Projekt gipfelt darin, daß den Inhabern her Bons de la Defense Nationale auf direktem Dege von Deutschland diese Obligationen über- intwortet werden. Damit würde dann also ein­fach ein erheblicher Teil der inneren Schuld Frankreichs wegradiert. Der Belgier Dela­croix ist ein entschiedener Gegner dieses Projektes und versucht, es Poincare auszureden. Poincare hat nämlich hierbei übersehen, daß nach dem Dawes-Plan Deutschland das Recht hat, aus Barzahlungen zu bestehen. Diese Barzahlungen bleiben natürlich ausschlaggebend für das aufs engste damit zusammenhängende Transfer- Problem. Immerhin findet dieses Projekt in Paris starke älnterstühung und kann daher viel? leicht einmal geeignet werden für die unerläß­lichen gleichzeitigen Kompensationen bei einem solch großen Entgegenkommen Deutsch­lands. Denn wir müssen natürlich grundsätzlich stets von der Erwägung ausgehen, daß wir ein solch großes Entgegenkommen ohne entsprechende Gegenleistung natürlich niemals zeigen

können. Wenn Deutschland auf die Transfer- k l a u s c l verzichtet, d. h. wenn sich Deutschland damit einverstanden erklärt, daß die Zinsen usw. in den Währungen der einzelnen Länder ge­zahlt werden, so erscheint dieses unser Ent­gegenkommen auf den ersten Blick nur gering, ist in Wahrheit aber außerordentlich groß. Denn wir müssen uns dann die erforderlichen Devisen beschaffen, Hnd damit würde das gesamte Trans­ferproblem akut, das sich in zwei Fragen formu­lieren läßt: 1. Ist die deutsche Währung hierfür stabil genug? und 2. werden die übrigen euro­päischen Währungen diese erneute Bevorzugung des Dollars ertragen? (Denn praktisch gesprochen^ würden wir den Hauptanteil der Zinsen doch wohl an Amerika zahlen müssen.) älnd spricht man nicht je.ft schon allgemein von der Möglich­keit des Rachgebens des englischen Pfundes im Hinblick auf die ungeheuren wirtschaftlichen Schäden, die der lange Kohlenstreik in ganz Eng­land hervorrief? ,

Alles hängt zunächst von Amerika ab. Denn der amerikanische Markt wird in crfter Linie für die Aufnahme der deutschen Elsenbahn- obligationen in Frage kommen. Amerika kommt aber auch in erster Linie in Frage für erne große Stabilisierungsanleihe zu Gunsten Frankreichs. Daran aber kann Poincare erst denken nach der Ratifizierung der Mellon- Derenger-Abkommen. Diese Ratifizierung wird die nächste Hauptbelastungsprobe für die fran­zösische Kammer werden.

Die Kammer wird aber Poincare zu­liebe niemals einer teuren Stabilisierun'gs- anleihe den Vorzug geben vor einer viel be­quemeren und nützlicheren Mobilisierung der deutschen Eisenobligationen. Dieser Schachzug 1 wird Poincare nicht gelingen. Dagegen spricht die Zinsfrage dieser beiden Finanzprojekte. Da­gegen sprechen vor allen Dingen auch sehr ge­wichtige politische Momente.

Freu rdschastsverträge im Südosten.

Von Dr. Gustav Erenyi, Budapest.

Der schon öfters mit Sehnsucht, aber Vorbehalt verlautbarte Plan des Herrn Bencsch hinsichtlich einesöstlichen Locarno" kam bislang nicht zu­stande, und für seine Verwirklichung bestehen nur geringe Hoffnungen. Er scheiterte in erster Reihe just an der Initiative der tschechischen Außenpolitik, die in ihrer heiklen Randstellung der verwickelten Staa­tenstruktur und den vielfältigen Interessengegen­sätzen im Südosten nicht gewachsen ist. Dem rührigen Außenminister der Tschechoslowakei sind die Zugel während der letzten Monate immer mehr entglitten. Noch ist ihm als Gründer derKleinen Entente" von früheren Jahren her eine gewisse dekorative Stellung im Völkerbund sicher, wie zuletzt aus der Begrüßungsansprache an die deutsche Delegation hervorging. Aber die Schöpfung selbst ist in allen Tellen fadenscheinig geworden. DieKleine Entente hat aufgehört, der bestimmende , Bund für südost­europäische Verhältnisse zu sein, und wird der Form nach weiter bestehend durch ein System neuer Verträge regelrecht überflügelt.

Die Leitung der Dinge in diesen Zonen hat jüngst der Süden an sich gerissen. Es ist dabei nicht leicht zu entscheiden, ob das Verdienst des Begin­nens Rom oder Belgrad, dem straffen Lenkerwillen Mussolinis oder der gewiegten Diplomatie des jugo­slawischen Außenministers Rintschitsch gebührt. Die auswärtige Politik Italiens ist mit gutem Grund darauf bedacht, an der Schwelle des Balkans festen Fuß zu fassen, um für ihre östlichen Mittel­meeraspirationen auf dem Festland wirtschaftlich und politisch gerüstet zu sein, und um überdies der latenten Spannung mit Frankreich die Mussolini offensichtlich auch durch seine jüngste Zusammen­kunft mit Chamberlain zu paralisieren trachtete im Osten ein reales Gegengewicht zu bieten. Jugo­slawien ist trotz gelegentlicher Reibungen zwi­schen Volksstämmen und Parteien vermöge seiner ethnographischen und wirtschaftlichen Homogenität am ehesten dazu berufen, das Zepter im südöstlichen Bereiche in die Hand zu bekommen. Um von Nach­barstreitigkeiten seine natürliche Sendung zwischen Adria und südlicher Donau erfüllen können, ver­stand sich die Belgrader Regierung beizeiten auf eine restlose Schlichtung der maritimen Grenzkon­flikte mit Italien, wobei auch dieser Staat der Be­deutung eines solchen Schrittes für die eigenen In­teressen vollauf bewußt schien. Die italienisch-jugo­slawische Annäherung gedieh mittlerweile bis zu einem förmlichen Freundschaftsvertrag, aber italie­nischerseits hatte man diese Verständigung bloß als die ersten Akkorde einer weit ausspähenden Ost­politik betrachtet, der nun in den jüngsten Wochen ein auf weitgehendstem wirtschaftspolitischen Ein­vernehmen beruhender Pakt mit Rumänien auf dem

Fuße folgte. Wenn Rumänien fast zur gleichen Zeit mit Polen einen gegenseitigen Sicherungskontrakt abschließt, so ist ein solches Manöver mit Hinblick auf Rumäniens beßarabifche Interessen, die im Rahmen der Kleinen Entente keine hinlängliche Stützung finden, wohl zu verstehen. Indes stehen wir nun im Südosten einer Länderkette von Alliier­ten gegenüber, die sich von Rom bis Warschau erstreckend zweifellos etwas bedeuten soll.

Es kommt bei einer kontinuierlichen Reihe sol­cher Nachbarverträge nicht so sehr darauf an, was sie enthalten, als worauf sie abzielen. Nun scheint die Bedeutung des neuen Zusammenschlusses im Südosten noch durch ein weiteres Geschehen, nämlich durch eine sreundnachbarliche Fühlungnahme zwi­schen Jugoslawien und Ungarn vertieft. Dem Selbst­bewußtsein der ungarischen Nationalpolitiker fiel es bis jetzt begreiflicherweise äußerst schwer, irgend­einem Mitglied der Kleinen Entente die Freundes­hand darzubieten. Man verharrte jahrein jahraus in einem Zustand ausgesprochener Isolierung, deren Nachteile sich für das wirtschaftliche Fortkommen des Landes je länger je mehr als unerträglich er­wiesen. Es galt, nach jener Seite, deren Machtzu­wachs durch den Irianoner Friedensvertrag am wenigsten bedingt ist, einzulenken, und hierbei fiel die Wahl selbstverständlich auf Jugoslawien, das von dem Gebiete des früheren Ungarns außer dem ohnehin stets nur locker an das Reich der Heiligen Stefanskrone gegliederten Kroatien bloß den Banat für sich beansprucht hatte.

Nachdem bereits vorher gelegentlich die Fühl­hörner zwischen Budapest und Belgrad ausgestreckt worden waren und sich die gegenseitigen Handels­beziehungen durchweg erträglich gestaltet hatten, gab eine Aeußerung des ungarischen Reichsverwesers anläßlich der vierhundertjährigen Erinnerung an die für Ungarns fernere Geschicke so verhängnisvolle Türkenschlacht bei Mohacs den letzten Impuls. Im Laufe seiner Gedächtnisrede gemahnte Horthy an die vertraulichen Beziehungen, die zu jener Zeit zwischen den beiden Nachbarvölkern bestanden hatten, und gab zugleich der Hoffnung Ausdruck, daß sich die getrübte Atmosphäre hüben und drüben alsbald wieder klären werde. Diese Aeußerung hatte in der gesamten Belgrader und Agramer Presse den freundlichsten Widerhall erweckt, den maßgebende tschechische Blätter bezeichnenderweise mit äußerster Zurückhaltung, ja zum Teil sogar mit unbeschönigten Ausfällen gegenungarische Ränke" registrierten. Seitdem hat Herr Nintschtisch des öfteren zuletzt in Genf ein gutes Wort für Ungarn eingelegt, und der serbische Bauernführer Raditsch verflieg sich sogar zur Ermahnung an die tschechische Adresse, einem besseren Verhältnis zu Ungarn durch Preis­gabe der Donaugrenze die Wege zu ebnen.

Forscht man'nach dem gemeinsamen Ziel der ; neuen Länderverbindung, so ergibt sich ein solches zuvörderst in der Abwehr der russischen Expansions- roeUc. Polen und Rumänien fühlen sich von ihr un­mittelbar bedroht. Ungarn ist seit den üblen Erfah­rungen mit dem Sowjetregime von 1919 gegen jeden noch so leisen Vormarsch des russischen Kurses auf der Hut, und Jugoslawien, obschon von der bolschewistischen Bewegung mehr abseits gelegen, leibet dennoch unter den ständigen Ausschreitungen kommunistischer Jnnenfraktionen und nimmt im übrigen die sowjetfeindliche Gesinnung der angren­zenden Staaten wahr, um seine Außenbeziehungen nach dem Norden und Osten diplomatisch auszu­bauen. Wirtschaftlich bestehen bereits von feiten jedes Südoftstaates au der Moskauer Regierung gewisse Brücken; Ungarn, das einzige Land in diesem Gebiete, das mit Rußland noch keinen Han­delsvertrag abgeschlossen hat, zieht einen solchen ernsthaft in Erwägung. Aber zwischen natürlid)en ökonomischen Wechselbeziehungen und einer überall mehr ober weniger vorherrschenden politischen Ab­wehrstimmung ist scharf zu unterscheiden, und es erscheint nicht zweifelhaft, daß das noch ungeeinigte Südosteuropa sich vor einem möglichen Druck aus dem Osten durch eine instinktive Flucht in Gelegen­heitsallianzen zu schützen trachtet.

Darüber hinaus gehen freilich die Bestrebungen innerhalb des neuen Länderblocks arg auseinander. Rumänien sorgt für die Sicherheit seiner neuen Grenzen, Ungarn strebt aus der Enge des neuen Zustandes hinaus, und Jugoslawien versucht, im südmittleren Donaubereiche zentrale Geltung zu er­langen. Dem durch mannigfache Verträge flüchtig verkitteten südöstlichen Staatengefüge fehlt es noch immer an jenem verschmelzenden Gemeingeist, den die Gleichläufigkeit der Wirtschaftsinteressen nahe- legen würde. Im Wirtschaftlichen allerdings flutet der Lebensdrang von der einen Grenze zur anderen I über politische Schranken hinweg. Von jenen Rand­steller, aus, die bisher mit Einigungsversuchen auf I den Plan traten, ist eine Ueberbrücfung der wesent­lichen Gegensätze im Zeichen der Wirtschaftsfusion nicht zu erhoffen. Aber Deutschland, das den süd­östlichen Markt von seinem Standpunkt aus füglich als eine organische Einheit betrachten darf, und dem ein neuer Staatenkonzern mit Einbeschluß Italiens

und Polens wenig suftatten kommen mag, sollte die Entwicklung der Dinge in diesem Raum mit er­höhter Aufmerksamkeit verfolgen.

Oberhessen.

Lanvkreiö Gietzen.

Collar, 14. Oft. In unserem Orte be­standen von der Vorkriegszeit her ein Steno­graphenverein Gabelsberger und ein Verein Stolze-Schrev, die sich nach dem Zustandelommen der Cinheitskurzschri t zumKurzschrift ver­ein Lollar" vereinigten, um nur noch die Reichskurzschrift zu pflegen. Trotz der kurzen Wiederaufbarneit und des jugendlichen Alters der meisten Mitglieder konnte der Verein den Frühjahrsbezirkstaq in Friedberg in diesem Jahre mit zehn Schreibern beschicken, die acht erste Preise und zwei dritte errangen. Aul dem letzten Herbstbezirkslag in Wieseck hat der Ver­ein von allen beteiligten mit am besten abge- schnitten Von den 14 Schreibern errangen in 100 Silben: 1. und Ehrenpreis Elli Stesses; 1. Preis Karola Fischer, Friedrich K a l e t s ch, Karl P e t r a s ch. Hedwig Schäfer: 2. Preis Luise Schnell. 80 Silben: 1. Preis Margarethe Rohrbach, Oftil. Schwalm. Oftil. Schmal­bach; 2. Preis Karl Euler. 60 Silben: 1. und Ehrenpreis Erna Klinkel: 1. Preis Albert Grün, Albert Schneider; 2. Preis Frieda Fink. In der jetzigen Zeit muß man diele Er­folge fleißiger Arbeit doppelt begrüßen. Es wäre nur zu wünschen, daß recht weite Kreise der Elternschaft diesem Zweige der Jugendpflege nähertreten würden.

bf. Langsdorf, 14. Olt. Am Sonntag fand das diesjährige A b t u r n c n des hiesigen Turnvereins statt. Dazu waren Turner und Turnerinnen aus unseren Rachbarstädtchen L i ch und Hungen erschienen, was lvbeird hervor­gehoben werden muß, zumal es der hiesige Ver­ein nicht vermochte, selbst eine Riege der schul­entwachsenen zu stellen. So mußte sich das Ab­turnen nur auf die Schüler beschränken, die zeigten, daß ein guter turnerischer^ Geist in ihnen steckt. Hoffentlich hält das an! Sie zeigten ihre Leistungen in Weit- und Hochsprung, Lausen, Freiübung, Ballweitwurf, am Reck, Barren und Pferd. Den ersten Sieg errang Heinr. Fatz mit 163 Punkten, den zweiten fein Bruder Friedr. Fay mit 152 den dritten Paul Kneipp mit 136 Punkten. Von besonderem Interesse für die Zuschauer waren die Reck- und Darrenübungen der Licher und Hungener Turner. Es toar eine Freude, ihnen zuzuschauen. Auch die graziösen Freiübungen her Turnerinnen sind lobend her­vorzuheben. Die Turnvereine Lich und Hungen seien unserer Jugend zur Rachahmung emp­fohlen!

Kreis Friedberg.

--Dad-Rauheim, 14. Oft. 3n der hiesi­gen Ortsgruppe der Deutschen Volkspac- t e i sprach gestern abend in gut besuchter Ver­sammlung der Geschäftsführer Weiser von der Provinzialgeschäftsstelle in Gießen über seine Eindrücke auf dem Parteitag der Deutschen Volkspartei in Köln. Der Redner, dessen Aus­führungen mit lebhaftem Interesse verfolgt wur­den und lebhaften Anklang fanden, verstand es. ein fesselndes Bild vom Parteitag zu entwerfen, der in seinem ganzen Verlauf noch nicht seines­gleichen gehabt habe.

WER. B a d - R a u h e i m, 14. Oft. Bei der Waldjagdverpachtung im Jahre 1923 im benachbarten Rieder-Mörlen erhielt der Pächter Sinai von Frankfurt a. M. als Höchst­bietender den Zuschlag. Die jährliche Pacht- summe erreichte infolge der damals recht großen Zahl der Pachtlustigen den verhältnismäßig Zahl der Pachtlustigen den veLhältnismähigen hohen Betrag von 5000 Rentenmark. Als die Währungsverhältnisse in Deutschland stabil wurden, versuchte der Pächter, einen Pachtnachlaß zu erwirken, stieß aber bei der Gemeinde auf Ablehnung. Sinai beantragte daraufhin ge­richtliche Entscheidu°ng. Vom Land­gericht Gießen wurde nun kürzlich die Pacht auf 3500 Mk. ermäßigt. Hierüber herrscht in Rieder-Mörlen große Entrüstung, und die Ange­legenheit wird durch das Urteil keineswegs als erledigt betrachtet. Es wird darauf verwiesen, daß das Angebot des Pächters damals nicht von 3500 auf 5000 Mk. stieg, sondern daß noch verschiedene Gebote dazwischen lagen. Außerdem darf das Rieder-Mörler Jagdgebiet mit zu den besten des Taunus gezählt werden, was also eine gute Pachtsumme durchaus rechtfertigt.

0 Steinfurth 14. Oft. In der jüngsten Gemeinderatssitzung wurde über die Frage der Wasserversorgung folgendes beschlossen: Rachdem sämtliche Anschlüsse mit Wassermesser versehen sind, wurde der Wasser-

Mars wieder in Erdnähe.

Don unserem wissenschaftlichen ^--Mitarbeiter.

Unser Rachbarplanet Mars, der vor zwei Jahren (und zwar am 23. August 1924) sich in größter Erdnähe befand und damals die Auf­merksamkeit weitester Kreise weckte, hält sich auch in diesen Herbstwvchen in großer Erdnähe au«, und wenn er auch diesmal in einem etwas weiteren Abstand bleibt, so ist doch die Deobach- tungsmöglichteit jetzt unvergleichlich besser als vor zwei Jahren, weil der Planet sich wesentlich höher über den Horizont erhebt, während er seinerzeit ziemlich tief stand, so daß der Dunst der Erdatmosphäre die Beobachtung außerordent­lich erschwerte. Die Entfernung zwischen Erde und Mars betrug am 23. August 1924 etwa 55 Millionen Kilometer (immerhin eine Strecke, die ein Gewehrgeschoß erst in vier Jahren durch­eilt), während in diesem äahr am Tag der größten Annäherung (in der Rächt zum 27. Oktober) die Entfernung etwa 69 Mik­tionen Kilometer betragen wird. Anfang August war der Abstand noch 120 Millionen Kilometer, Anfang September 97, Anfang Oktober etwa 75 Millionen Kilometer.

Wer jetzt den südöstlichen Himmel beobachtet, wird unschwer die stark rötlich leuchtende Scheibe des Mars erkennen. Schon seit Mitte Juli haben die astronomischen Beobachtungen begonnen und sie werden, je mehr der Zeitpunkt der Erdnähe hevankommt, in erhöhtem Maße fortgesetzt. Aus der uns auch diesmal zugewandten Südhalbkugel des Mars herrscht gegenwärtig der Sommer, der am 25. August begann. In guten Fernrohren wird der sternartige Helle Polarfleck, der jetzt übrigens im Schmelzen begriffen ist, gut zu sehen

sein. Diese Polarkalotte ist jedenfalls die auf­fallendste Erscheinung neben den unbestimmteren Hmriffen der etwas matteren Marslandschaften.

Der Planet Mars, der sich übrigens in 24 Stunden 37 Minuten und 23 Sekunden (Erdzeit, einmal um seine eigene Achse bewegt und 687 Tage zu einem Umlauf um die Sonne braucht, wird von zwei winzigen Monden jeder hat etwa 10 Kilometer Durchmesser begleitet, die allerdings nur mit sehr großen Instrumenten auffindbar sind.

Heber die Marsbeobachtungen im Sommer 1924 kann zusammenfassend gesagt werden, daß für die vielgenannten Marskanäle fein Be­weis erbracht werden konnte. Bei diesen soge­nannten Kanälen, die bekanntlich zuerst Schiapa- relli (im Jahre 1877) gesehen haben will unb deren Vorhandensein der amerikanische Astronom Lowell auf Grund seiner Beobachtungen auf der Sternwarte inArizona bestätigen zu können glaubte, handelt es sich tatsächlich um eine optische Täu­schung, die, wie Versuche gezeigt haben, durch die Funktionsweise der Rehhaut des Auges hervor- gerufen wird. Die verschiedensten Photographren, die gemacht wurden, geben für das Vorhanden­sein dieser Kanäle nicht den geringsten Anhalts­punkt. Deutlich erkennbar aber waren verschie­dene Heller und dunkler getönte Partien, die man ja bereits von früheren Beobachtungen her temü. llnb man erinnert sich vielleicht daran, daß die Auffassung einzelner Astronomen dahin ging, daß die dunklerenPar- tten Landmassen, die helleren dagegen Meere darstellen. Auch dies eine Auffassung, der vor­läufig jede feste Stühe fehlt.

Bei der Herstellung der Marsph 010 - graphien tourben, um die verwirrenden Ein­

flüsse der Erdatmosphäre auszuschalten, verschie­dene Farbfilter benutzt. Äuf diese Weise gelang es, Einzelheiten der Marsoberfläche mit ziem­licher Sicherheit festzustellen. 60 kam man zu der Erkenntnis, daß die weihen Flächen an den Marspolen nur zum Teil der Oberfläche des Planeten angehören, in der Hauptsache aber atmosphärische Erschei nungen, näm­lich nebelartige Gebilde, darstellen, die im Som­mer verschwinden. Die schon seit früher bestehende Meinung, daß der Mars von einer Lufthülle umgeben ist, hat durch die letzten Beobachtungen ihre Bestätigung erhalten, jedoch ist die Luft- dichtigkeit auf dem Mars wesentlich geringer als die Dichtigkeit der Erdatmosphäre. Der Timstand, daß die Oberfläche des Planeten durchaus klar erscheint, deutet an, daß Wolkenbildungen zu den größten Seltenheiten gehören. Dies gibt Anlaß zu dem weiteren Schluß, daß auf dem Mars ein tro ckenes Wüstenklima herrscht. Was die Temperatur angeht, so haben bolo- metrische Messungen der Marsstrahlung, die im Sommer 1924 vorgenommen wurden, ergeben, daß in der Gegend des Marsäquators die Dvben- ftäche mittags bis auf etwa 10 Grad Celsius über Rull erwärmt wird. Jedoch sinkt die Tem­peratur in jener Gegend bereits nach einigen Stunden, also im Lauf jedes Rachmittags, auf etwa 15 bis 20 Grad unter Rull. Die Durch­schnittstemperatur auf dem Mars darf (nach ziemlich sicheren Schätzungen) auf 40 Grad Kälte bemessen werden, während am Südpol des Planeten im Sommer sogar 70 Grad unter Rull herrschen dürften, wobei zu beachten ist, daß die dünne Lufthülle den Unterschieb zwischen Tag- unb Rachttemperatur ganz erheblich verschärft.

Daß eine gewisse Vegetation auf dem Mars sich entwickeln tarnt, ist durchaus möglich.

Die Frage bet Dewohnb arkeit ist mit einem klaren Ja ober Rein nicht zu entscheiden. Mit den optischen Hilfsmitteln, die uns zur Verfügung stehen, sind irgendwelche Spuren menschlicher Lebewesen (große Siedlungen ober Bauten) na­türlich nicht erkennbar. Wer wenn ein Mars­bewohner mit den Fernrohren von ber Gröhe, wie wir sie besitzen, nach ber Erbe und ihren Dewohnern Ausschau halten würde, so würde er auf der Hellen Planetenscheibe, die unsere Erde an den Himmel zeichnet, allenfalls Trübun­gen der Atmofphäre und einzelne Helle unb dunkle Flächen der Erdkugel wahrnehmen, aber von Menschen unb Städten würde er nicht das Geringste wahrnehmen. Hub doch trägt der Licht­strahl, ber von ber Erde zum Mars eine Drücke schlägt, eine Tlnsumme zitternber Bewegung, die ganze Tlnrast unseres bewohnten Planeten unb einer Menschheit von anderthalb Milliarben Seelen.

Aber fein Ton klingt hinaus, kein Zeichen melbet von uns. Cs ist das Schicksal der Gestirne, schweigend ihre Dahn zu wandeln und nur durch stilles Leuchten die erhabene Gröhe des Weltalls zu künden.

Richt nur der Derufsastronom, sondern jeder Sternfreund wird die günstige Sichtbar- keitsdauer des Mars (der Planet ist die ganze Rächt hindurch zu verfolgen unb steht im Monat Oktober in ben Sternbildern Widder unb Stier) gern bazu benützen, bie Beobachtungen biefer interessanten Rachbarwelt fortzusetzen. In einigen Wochen wirb die Entfernung ErdeMars bereits toieber erheblich gewachsen unb die rote Scheibe des Planeten entsprechend kleiner ge­worden fein. Jetzt und in den nächsten Tagen

i regiert Mars die Stund«. , L