Nr. 2*6 Drittes Blatt
Abessinien.
\ Don Hans Rohde, Berlin.
Die politische Bedeutung Abessiniens für England, Frankreich und Italien hat dieses Land schon seit langem zum Zielpunkt englisch-französischer Machtbestrebungen gemacht. Diese Machtbestrebungen richten sich englischerseits in erster Linie aus die Nordwest st recke Abessiniens, das Gebiet des Tana- See, der den Blauen Nil mit Wasser versorgt und den England durch Bau eines großen Stauwerkes zu einem großen künstlichen Wasserbehälter für die Wasserversorgung Aegyptens auszugestalten plant, französischer- und italieni- Öits vor allen Dingen auf den östlichen Teil niens, wo Frankreich in der im Jahre 1916 fertiggestellten Eisenbahn Djibuti — Adis Abeba die einzige Zufahrtstraße nach Abessinien besitzt und Italien bereits seit langem den Bau einer Eisenbahn plant, die seine beiden Kolonien Erythräa und Somaliland miteinander verbinden soll. Sie traten zum erstenmal in Erscheinung in den achtziger und neunziger Jahren, als Italien, in Nordafrika durch Frankreich verdrängt und auf dem Balkan durch Oesterreich überflügelt, das Schwergewicht seiner politischen Bestrebungen in engen» Anlehnung an England nach den Küsten des Roten Meeres verlegte. Italien versuchte, gestützt auf den Vertrag von Utschalli, den es am 2. Mai 1882 mit Kaiser M e n e l i k II. abgeschlossen hatte, Abessinien italienischer Schutzherrschaft zu unterstellen. Es kam zu mehrjährigen Kämpfen zwischen Italien und Abessinien, hie schließlich am 1. März 1896 mit der vernichtenden Niederlage der von General Baratieri geführten italienischen Truppen bei A d u a endeten. Italien konnte zwar im Frieden von Adis Abeba am 26. Oktober 1896 Erythräa behaupten. Es muhte aber auf die erstrebte Schutz- Herrschaft über Abessinien verzichten und die Sclb- stäydigkeit desselben anerkennen. Die Folge davon war einmal der Sturz des italienischen Ministerpräsidenten Crispi und im Zusammenhang damit eine immer stärkere Abkehr Italiens vom Dreibund zu Gunsten einer Annäherung an Frankreich', dann aber vor allen Dingen, daß Abessinien lange Zeit sowohl von Italien wie auch von England und Frankreich unbehelligt blieb.
Wenn Abessinien damals leine Unabhängigkeit rettete und sie sich bis heute vewahrt hat, so verdankt es dies neben den äußerst schwierigen Gebirgsverhältnissen, die den Angreifer in den tief eingeschnittenen Schluchten und Tälern zum Marsch in mehreren voneinander durch hohe Gebirgszuge getrennten Kolonnen zwingen und damit der Verteidigung, wie dies die Niederlage der Italiener bei Adua klar gezeigt hat, sehr günstige Erfylgsmog- lichkeiten bieten, vor allen Dingen den kriegerischen Tugenden seiner Bevölkerung und seiner bewaffneten Macht. Abessinien besitzt eine bewaffnete Macht von über 200 000 Mann. Sie ist mit modernen Militär^ewehren, mit Maschinengewehren und Gebirgsgeschutzen ausgerüstet und kann in einem Kriege unschwer auf das Doppelte erhöht werden, bg die einzelnen Stämme trotz ihrer dauernden inneren Streitigkeiten einem äußeren Feinde gegenüber unbedingt zusammenhalten, der es wagt, die Selbständigkeit des Landes anzutasten. Darüber hinaus aber "verdankt Abessinien seine Unabhängigkeit nicht zum wenigsten auch der Uneinigkeit Englands, Frankreichs unh Italiens und der sich daraus ergebenden englisch-sranzösisch- italienischen Gegensätze. Diese Gegensätze hoben im Jahre 1906 zu einem Vertrage zwischen England, Frankreich und Italien in London geführt, der zwar Abessinien in bestimmte Interessensphären für den Fall einteilte, daß die innerpolitischen Verhältnisse in Abessinien ein Eingreifen der Mächte dort notwendig machen sollten, trotzdem aber ausdrücklich die staatliche Unabhängigkeit Abessiniens feststellte. Sie haben weiterhin im Jahre 1923 Frankreich veranlaßt, gegen den Widerstand Englands und Italiens die Aufnahme A b e f f i / niens in den Völkerbund durchzusetzen.
Neuerdings sind nun die Machtbestrebungen Englands, Italiens und Frankreichs in Abessinien wieder sä)ärfer hervorgetreten durch die englisch-italienischen Abmachungen über Abessinien, die als Folge der kolonialen Ausdehnungsbestrebungen Italiens und der Schwierigkeiten Englands im nahen Orient, in der Mossulfrage und in Aegypten, zustande gekommen sind gelegentlich der Zu-
Sturm in Schmalebeck
Roman von Sophie Kloerss.
Copyright 1926 by Llug. Scherl G. m. b. H., Berlin.
22. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Das kann doch woll gar nicht möglich sein. — So als mein Fiete--Nee, nee, Herr Pastor, wo
er den guten Kopf hat —"
„Sie sehen in Ihren Fiete wie in einen goldenen Kelch, Madam Eggers. Na, das geht uns Eltern allen so. Jedem ist sein eigen Kind das beste, und klügste und schönste. Aber jeder will doch auch sein Kind glücklich machen. Und so, mit dieser Quälerei, glauben Sie mir, machen Sie den Jungen unglücklich und verdreht."
„Ja," — sie kniff die Mundwinkel ein — „da läßt sich ja nichts mehr sageü, wenn Herr Pastor das über ist und lohnt ihm nicht. Obgleich mein Fiete — er hat sich mit den Gören richtig geplagt, das kann ich Herrn Pastor woll sagen. Die machen en orndlichen Jungen das Leben sauer."
„Das weiß ich. Aber das andere--als wenn
ich nicht mehr will--" Der alte Herr, der sich
redlich abgemüht hatte mit seinem Schüler, war ärgerliche „Also, das verbitte ich mir. Es hat keinen Zweck, und ich hätte ihn längst entlassen sollen. Ich mochte es Ihnen nur nicht antun, Mam Eggers. Ich weiß, was Sie für Hoffnungen hegten. Dennoch kann Ihr Fiete etwas Tüchtiges werden. Lassen Sie ihn Stubenmaler werden. Ich hab' es Ihnen ja wohl schon mal gesagt. Eitel Bostrup meint auch, er würde etwas Tüchtiges Darin leisten und könnte einmal viel Geld verdienen,, denn er wäre ein ganz netter Zeichner — und--"
„Eitel Bostrup!" Die Verachtung, mit der sie den Namen nannte! — „Der kann sich begraben lassen. Da pfeif' ich auf, was der sagt. Ich werd' mein' Fiete schon allein durchbringen, kann Herr - Pastor sich auf verlassen. Der wird doch noch, was er will."
„Eine ganz verschrobene alte Person", sagte Rottmann nachher zu seiner Luise. „Wie will sie denn das machen und den schlaffen Jungen zum Studium bekommen? Ist ja heller Wahnsinn."
Madam Eggers hatte sich gar nicht wieder in der Küche sehen lassen. Zurück über den Markt und wie
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
■——will »im ii ii i miButKr ri i । । hh n——w■
sammenkunft Chamberlains und Mussolinis in Rapallo im Dezember o. I.
Die englisch-italienischen Abmachungen richteten ich ganz ausgesprochen gegen Frankreich und »essen bisherige Vorherrschaft in Abessinien. Abge- ehen davon, daß Frankreich als Teilhaber des Abkommens vom Jahre 1906 vollständig übergangen I wurde, muhte das Inkrafttreten dieser Abmachungen zum mindesten 'm ihren italienischen Bestimmungen die Äerhältnisse in Abessinien zum Nachteil Frankreichs von Grund auf ändern. Die Italien durch England zugestandene Eisenbahn mußte den Handel Abessiniens, der zur Zeit mit 80 v. H. seinen Weg über die Eisenbahn Abeba-Djibuti nimmt, von dem französischen Djibuti ab lenken und dem wesentlich günstigeren italienischen Hafen M a s s a u a zuleiten. Sie mußte vor aüen Dingen das zwischen Erythräa und Britisch-Somaliland eingeklemmte französische Somaliland auch vom abessinischen Hinterland durch eine italienische Interessensphäre abriegeln und damit Französisch-Somaliland jeden Wert und jede Entwicklungsmöglichkeit nehmen. Die Folge davon war ein heftiger Widerstand Frankreichs, der sich naturgemäß in erster Linie gegen Italien richtete, und das Ergebnis davon ein politisches Ringen zwischen Frankreich und Italien um die Vorherrschaft in Abessinien, das ein besonderes Gepräge erhielt durch den gleichzeitigen Machtkampf beider Länder im westlichen Mittelmeer. Frankreich hat zugunsten seiner Machtstellung im westlichen Mittelmeer in Abessinien zunächst nachgegeben, nunmehr aber, nachdem durch sein Abkommen mit Spanien über Marokko die Gefahr einer englisch-ita- nischen Intervention Dort behoben zu sein schien, auf dem Wege über den Völkerbund die ganze Frage wieder ausgerollt. Denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Einspruch Abessiniens beim Völkerbund auf französische Einflüsse zurückzuführen ist.
Mit dem Einspruch Abessiniens beim Völkerbund hat Der italienisch-französische Machtkampf eine interessante Wendung genommen. Er hat zu einer außerordentlichen Verschärfung des italienisch-französischen Gegensatzes geführt und als letztes Ereignis das Abkommen gezeitigt, das am 7. August Italien und Spanien in Madrid unterzeichnet haben. Dieses Abkommen richtet sich ganz gegen Frankreich und dessen bisherige Vorherrschaft im westlichen Mittelmeer. Welche Folgen sich hieraus ergeben werden für die weitere politische Entwicklung im Mittelmeer und in Europa, bleibt ebenso abzuwarten wie die Beantwortung der Frage, ob Abessinien mit seinem Einspruch Erfolg haben wird. Alles dies wird letzten Eydes abhängen einmal von Den Absichten, Die Frankreich mit seiner Haltung in Abessinien verfolgt, ob es Frankreich mit Dieser Haltung oder ob cs sich mit ihr leDiglich eine GrunDlage schaffen will für ein Schachergeschäft mit Italien. Dann aber wird es, Vorfällen Dingen abhängen auch yon der weiteren Stellungnahme Englands. Die Unterstützung Italiens durch England wird nicht einen einzigen Schritt weiter gehen, als es den englischen Mittelmeerinteressen' zusagt. Die englische Politik hat aber erreicht, was sie erstrebt hat, als sie im Dezember vorigen Jahres Die abessinische Frage aufwarf und sie .durch Veröffentlichung des englischen Weißbuches ausgerechnet zu einer Zeit größter ital.-franz. Spannung am Mittelmeer zu einer weltpoltischen Frage erster Ordnung machte. Für England bedeutet das Ergebnis des Ringens um Abessinien neben einer für England günstigen Lösung der Mossulfrage einmal Festi - gung der englischen Machtstellung im Nilland durch hie Abmachungen mit Italien über Abessinien, dann aber vor allen Dingen die Schaffung eines politischen Gleichgewichtes im Msttelmeer durch Die Verschärfung des italienisch-französischen Gegensatzes und das Abkommen Italiens und Spaniens.
Deutschland hat mit Abessinien stets in guten Beziehungen gestanden angesichts des Fehlens jeglicher machtpolitischer Interessen Deutschlands in Abessinien. Es hat im Jahre 1904 eine diplomatische Mission unter Führung des späteren Außenministers Rosen nach Abessinien gesandt und im Jahre 1905 einen Handelsvertrag mit diesem abgeschlossen, der noch heute in Gültigkeit ist. Deutschland ist deshalb an den englisch-italienisch-französi- schen Machtbestrebungen in Abessinien unmittelbar nun insoweit interessiert, als diese gegebenenfalls seine Handelsbeziehungen mit Abessinien berühren. Um so größer ist aber das mittelbare Interesse ein aufgeregtes Huhn hineingeflattert in ihr Zimmer. „Er will nicht mehr, Fiete. Der alte Herr will dir kein Latein mehr geben und kein Griechisch. Weil du zu dumm bist! So als du! — Oha, wenn das nicht ihr eigen Kinder sind, denn haben sie das leicht, so ’ne Sachen zu sagen."
„Gott sei Dank," sagte der Junge, „es war ’ne gräßliche Quälerei. Nu' hat das endlich ein Ende." Aber als ihm bann klar wurde, was doch alles mit dieser Entscheidung an Zukunftshoffnungen versank, wurde ihm wehleidig um das Herz. Er legte den Kopf auf den Tisch und heulte ein bißchen.
Die Mutter strich ihm über das dünne fahle Haar. „Laß man fein. Sie meinen es übel, aber der Herr wird es schon machen."
Doch auf ihre geistlichen Zureden gab Fiete nicht viel, Die nahm sie immer, wie sie ihr gerade für Den eigenen Gebrauch paßlich schienen. Er schniefte und schnupfte, faßte sich und sagte: „Ich will die ollen Bücher man verkaufen bei Krämer Schulz, daß man wenigstens vier Schilling dafür kriegt."
„Fiete, All die klugen Bücher für vier Schilling. Du kannst doch vielleicht noch bei den jungen Kandidaten --"
„Was der alte Herr mir nicht beibringen könnt', kriegt mir der Kandidat auch nicht in den Kopf. Nu' laß man. Nu' muß man eben anders ’rum malen." Nahm seine Bücher und ging zu Krämer Schulz.
Und drei Tage später ging er mit dem Anstreicherkittel und war Lehrling bei Maler Kolbe.
*
An diesem Abend hatte der Whistklub noch ein Erlebnis.
Fräulein Lydia Moorwood, die aussah wie ihre eigene Ahnfrau und die auch die strengen Ansichten und das ernste Benehmen einer Ahnfrau hatte, legte, als sie kaum am Whisttisch saß, einen Wisch auf den Tisch und sagte: „So etwas hat man mir in das Haus gesandt. Ich kann das nicht mit Stillschweigen hin nehm en. Bitte, lieber Rottmann, wollen Sie das einmal lesen. Bitte laut, daß unsere Mitglieder alle Daran teilnehmen."
Der alte Herr setzte sich die Brille auf die Nase und las: x
„Das nennt sich Whistklub und tut so, als wenn es Wunder was ist. Und will ja wohl die gute Sitte
Deutschlands an den Vorgängen in Abessinien angesichts ihrer sich immer " klarer zeigenden außerordentlichen Bedeutung für die politische Entwicklung in Europa und der Möglichkeiten, die sich hieraus für die deutsche Außenpolitik in der nächsten Zeit ergeben werden.
Sormowo.
Aus einer russische» Arbeiterstadt.
Eigentümliche städtebauliche Gebilde sind in Den letzten Jahren auf Dem BoDeu Sowjetrußlands ent- ftanDen, die sogenannten „Arbeiterstädte", nicht zu vergleichen mit Dem, was wiv z. B. in unserem Nuhrgeviet so nennen. Es sink» Anhäufungen häßlicher, einstöckiger Häuser, Die wie Die uniformen Steine eines Ankersteinballkastens an breiten, unge- pflasterten „Squares" aufgereiht sind, monoton in ihrer Linienführung, monoton in ihrer unscheinbaren . grauen Farbe. Das Ganze überqualmt und überrußt von den Schloten der Fabrik, um die Die „Stadt" konzentrisch angelegt ist. Das Zechendes aus Zolas „Germinal" muß ein menschliches Paradies gegenüber diesen in moskowitischer Flachland- schaft und Langeweile ertrinkenden Wohnstätten gewesen sein, in bene.n von einem Fabrik- und Gemeinde-Betriebsrat kontrollierte Menschen von dem Gefühle der versprochenen „humanen Befreiung" nichts verspüren und mit i^r^r unglückseligen slawischen Veranlagung nur noch tiefer ins Spintisieren und den — Alkohol hineingeraten--
Selbstverständlich trägt alles, was dem Reisenden bei dem Gang durch diese trostlosen Städte äußerlich in die Augen fällt, unentwegten revolutionären Anstrich, so auch die Namensgebung Der „Squares"« oDcr „Boulevards^. Da gibt es in Sormowo, der größten und bekanntesten dieser Arbeiterstädte in der Nähe von Moskau, einen „Boulevard des roten Oktobers", einen „Square des ersten Mai" usw. usw.: ein harmloses und billiges Vergnügen der Sowjetgewaltigen, dessen Idee sie der großen französischen Revolution mit ihren, unzähligen „Neus Thermidors", „12 Germinals" usw. abgelauscht haben. Unmäßig und unnötig breit angelegt, — es herrscht so gut wie gar kein Verkehr auf ihnen, — liegen sie fast schattenlos da in der Sonne; ein Dutzend kümmerlicher Sträucher und Bäume säumen sie. Der Gemeindebetriebsrat hat jede Woche für die Arbeiterjugend einen obligatorischen „Pflanz- und Forsttag" ungeordnet. Man sieht bann in den ersten Vormittagsstunden die Jugend beiderlei Geschlechts mit Gießkannen, Hacken und Heckenscheren aus den Häusern treten und sich eine halbe Stunde lang unter dem gemeinschaftlichen Gesang der „Internationale" irgendwie mit den armseligen Parias der Pflanzenwelt beschäftigen, die einmal eine „Allee" werden sollen, dann aber paar- und gruppenweise in den Häusern oder Hiytergärten verschwinden, um dort jenen genußreicheren Dingen zu huldigen, Denen Die elegante Frau Kolontay, Die bisherige Sowjetbotschafterin in Stockholm, ihre erbaulichsten Schriften gewidmet hat---
Ueberhaupt, auch für die andere „Kultur" wird in Sormowo allerhand getan. Es gibt da ein „Klubhaus", in dessen Saal jeden Abend politische und volkswirtschaftliche Vortrage abgehalten, im Winter gar zweimal in der Woche Theater- oder Varieteevorstellungen stattfinden. Die Vortragsabende sehen als Besucher, jedoch nur die jüngere Generation, und an den Theater- und Varietee- abenben im Winter wird man Zeuge von Darbietungen, wie sie selbst in den übelsten französischen Vorstadt-Tingeltangels nicht gewagt werden. Das bestätigt selbst ein Blatt wie die unter Sowjetregie erscheinende „Ekonometschiskaja Schisn". Die älteren Arbeiter halten sich überhaupt von all diesen Veranstaltungen fern, da sie, wie dasselbe ,Blatt schreibst „keine Lust haben, sich mit „gelehrten Dingen" vollpfropfen zu lassen, und außerdem der Empfindung unbekümmert Ausdruck geben, daß sich durch die Revolution im Leben des russischen Arbeiters außerhalb Der Fabrik nichts geändert, vieles sogar ,311m Nachteil gewandelt batr Und außerdem fast dieser einzige öffentliche Saal in Sormowo nur 500 Personen, während die Arbeiterstadt 40 000 Einwohner hat.
Und so greift der Arbeiter zu der schon seit den Zeiten Peters des Großen gewohnten und nach einer flüchtigen Periode der Strenge von Der Sowjetregierung roieDer freigegebenen Zerstreuung: zum Alkohol, oder, wie wir es hie'r ungeniert
beschützen unD hat Manieren, wo sich ein armer Mann Drum schämen muß. Die ledigen Leute reisen zusammen ’rum im Land. Und geschlemmt wird und gepraßt. Und die jungen Dinger treffen sich mit ledigen Mannsleuten, und die verheirateten Frauen gehen auch mit fremden Herren auf der Landstraße und lachen sie an. Daß Die ganze Stobt davon redet."
„Donnerwetter", sagte Rottmann und ließ den Lappen fallen.
„Aber Mann," rief seine Luise, „wie kannst du so flachen." ,
„Es hat mich übernommen. — Das hab ich bisher nicht gestnißt, daß unser braver Whistklub solche Rotte Korah ist." x,
„Sie lachen, Herr Pastor, aber ich hab nicht gelacht, qls ich den Zettel fand."
„Wann fanden Sie ihn denn, Fräulein Lydia."
„(Eben als ich hergehen wollt'. Da lag er an der Haustür auf der Erde. Meine Marie hob ihn auf und sagte, der ist an Fräulein. Ich las ihn durch und nahm ihn mit. 2lUein wäre ich gar nicht Damit fertig geworden. Wie sehen Sie mich Denn an, lieber Kantor?"
„Was ftanD Da von leDigen Leuten, Die miteinander im Land herumreisen?" fragte der Kantor, und sein mildes Gesicht sah drohend aus.
„Dafür kann ich doch nichts. Ich meine ja auch, Sie hätten das nicht tun sollen — man soll auch Den bösen Schein meiden —, aber dies ist doch zu viel."
„So, so, wir hätten das nicht tun sollen. Melanie, aber liebe Melanie —Denn Fräulein Rosen war so weiß geroorDen, Daß es aussah, als wollte sie in Ohnmacht fallen.
Frau Pastor Rottmann kam mit flüchtigem Salz, unD Das schlanke Fräulein mit Dem Silberscheitel über Dem Griechenprofil, Dessen Feinheit kein Alter zerstören konnte, besann sich und sagte leise: „Ich wollte es nie sagen. Mir hat man auch geschrieben."
„Dir auch?" fragte ihr alter Verlobter. „Ich Dachte, Der Briefschreiber hätte nur mich bedacht.
Jetzt brach Die Aufregung los. Also schon Drei Briefe, unD Das so in Der Stille, währenD man Dachte, diese Dummen Schreibereien, von Denen Die Dienstboten redeten, Die liefen nur unter Den kleinen Leuten um.
„War Das Die gleiche Handschrift wie diese?"
Mittwoch, 15. September (926
nennen können, zum — Suff. In der Fabrik von Sormowo beträgt der Prozentsatz der 2(rbeitcr, die wegen völliger Trunkenheit nicht zur Arbeit kommen, durchschnittlich täglich 15 bis 25 Prozent der gesamten Belegschaft. Und man darf nicht vergessen, daß, da Die einzelnen Fabriken in engster Produk tionsgemeinschaft miteinander stehen, beim Ausfall von 25 Prozent der Belegschaft der einen auch Die andere gezwungen wird, ihren Betrieb entsprechend einzuschränken und einen Teil der Belegschaft nach Hause zu schicken. Der schlimmste Tag ist immer Der nach Dem Zahl- oder Lohntag. Da'kommt cs fast regelmäßig vor, daß in Sormowo Die Hälfte Der' ganzen Arbeiterschaft zu Hause bleibt, um ihren Rausch auszuschlascn. In Der Karosseriefabrik von Stavropol kamen am 1. Juni, dem Tage Der Lohnzahlung, 30 Arbeiter von 70 in der einen Abteilung nicht ,311m Nachtdienst. Die Erschienenen aber waren derart betrunken, daß sie statt 40 Wagengestellen nur deren 6 montieren konnten.
Howjetrußland ist bureaukratischer als das bureaukratischste Land der Welt, und deshalb hat sich sogar die offizielle Statistik insgeheim auf dies neue Feld der Betätigung geworfen, auf dem jä allerdings keine Lorbeeren für Das revolutionäre Regime wachsen. Nach dieser Statistik, Die trotz aller Vorsichtsmaßregeln ruchbar geworden ist, wurden im Oktober 1925 in der Arbesterstadt Sormowo rund 1500 „vedros", — das Debra enthält ungefähr 12 bis 13 Liter — Schnaps, 200 „vedros" Wein und 3000 „vedros" Bier getrunken. Jrn April 1926 hatte sich dieser Konsum bei gleichgebliebener Belegschcht auf 2000 „vedros" Branntwein, 1100 „vedros" Wein und ^676 „vedros" Bier erhöht. Im Juni war dieser Rekord wieder um 72 Prozent geschlagen. Während der ersten 7 Monate des laufenden Jahres hgben die Arbeiter von Sormowo insgesamt 607 000 Rubel für Alkohol ausgegeben, das heißt ihren Gesamtlohn für anderthalb Monate! Man kann eine ganze Fabrik i|i diesem Ozean von Fusel und Bier ersaufen.
Wäre dieses Bild von einem gegnerischen Blatte, und nicht von der schon genannten „Ekonornei- schistaja Schisn", entworfen worden, würden die Bolschewisten zweifellos über eine Verunglimpfung durch fanatische Sowjetfeinde zetern. 2lber die Tatsachen sind nun einmal unangreifbar festgestellt, und man fragt sich nach den Gründen und Ursachen dieser katastrophalen Zustände. Ein gewaltiger Fehler wäre es, wollte man den russischen Arbeiter ai? sich für diese fatale Entwicklung verantwortlich machen. Der russische Arbeiter ist schon vor Der Revolution, wie wir in Deutschland so nett sagen, „kein Freund von Traurigkeit" gewesen und hat Er- kleckliches im Verbrauch von Wodka oder selbst gebrautem „Nastojkg" ober „Sarnogonka" geleistet. Aber betartige Proportionen wie heute hat seine Passion damals nicht angenommen. Die Gründe müssen also allgemeinerer Natur fein. Die Atmosphäre, die der Bolschewismus geschaffen hat, muß diese Gründe in sich tragen, diese Atmosphäre, Deren trostloser, herzerkältender, ja geradezu menschenunwürdiger Ausdruck Sormowo, der Typ Der russischen „Arbesterstabt", ist. H. R. Z.
Der Verband der oberen Vaubeamten in Helsen
feierte in diesen Tggen sein 2 5jähriges Jubiläum im Beamtenerholungsheini in Jugenheim a. d. B. Am ersten Tag fand ein großer Festkom- mers statt, bei dem der Verbandsvorsiszende, Ban- oberinspettor S ch ü ß l e r, die außerordentlich zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste begrüßte und hieran einen kurzen Rückblick über Den Werdegang des Verbandes anschloß. Eine große Anzahl befreundeter Verbände, unter anderem der Hessische Beamtenbund, der Deutsche Bmischulbund, der Bund Alter Herren der Landesbauschule Darmstadt, Die Gewerkschaft der Gemeindebeamten, Fachgruppe Technik unD Betriebe, Der Verband Der oberen Finanzbeamten, der Verband der oberen Justizbeamten, Der Verband der oberen Verwaltungsoeamten, der Gewerbeverein Jugenheim, ließ durch Vertreter Grüße und Glückwünsche übermitteln. Nach einem von Bauinspektor Hummel- Darmstadt verfaßten, von Fräulein Schanz- Darmstadt geschickt vorgetragenen Prolog folgten abwechselnd ausge- wähltc Musikstücke, Tanzvorführungen, humoristische Vorträge, gesangliche Vorträge des Männergesang- dereins Jugenheim, gemeinsame Lieder bis um Mitternacht. Anschließend wurde getanzt.
fragte Pastor Hessen. „Wo haben Sie die Briefe? Man sollte das vergleichen."
Ja, die Briefe waren verbrannt im ersten heiligen Zorn. Aber so ungefähr mochte die Schrift ausgesehen haben.
„Sie ijt augenscheinlich verstellt. Aber cs sind kaum Fehler in der Orthographie. Das spricht Dafür, daß ein ganz Ungebildeter es nicht gewesen ist." — „Das Papier? Ja, das ist Das gewöhnliche. Das hier jeder Buchbinder führt." — „Qfs muß jemand sein, der uns alle kennt." „Wer kennt hier in Schmalebeck nicht den anderen?" — „Und wer weiß hier nicht Bescheid über jedermanns Tun und Lasten."
Sie redeten alle durcheinander.
Heleste Jessen nahm Das Schreiben tvieDer vor.
„Auf wen soll Denn Das gehen, von jungen Dingern, Die sich mit leDigen Herren treffen? UnD von verheirateten Frauen und fremben Männern auf der Landstraße? Man kann ia wirklich um Den Ruf seiner Tochter in Sorge kommen. Obgleich — nein, Riekchen kann niemand etwas nachsagen. Nein, Niekchen kann unmöglich gemeint sein."
„Faß es doch nicht gleich persönlich", sprach Hanse. „Wenn man sich über solche Schmutzereien noch Den Kops zerbrechen will — das wären sie doch nicht wert."
„Du setzt dich leicht über alles hinweg."
„Wer ein gutes Gewissen hat, braucht doch nichts auf Verleumdungen zu geben."
„Hab' ich vielleicht kein gutes Gewissen?"
„Himmel, Lene, da ist doch wirklich kein Grund zur 2lufregung. Wer spricht denn von dir ? Ich sag doch grade, du sollst es nicht persönlich nehmen."
In all die Aufregung hinein kam die junge Welt. Es waren an diesem Abend nur Riekchen und Ilse, Olaf Hammersmid und Georg Grützmann. In der Ressource zeigte sich ein Taschenspttler dnb hatte alles Jungvolk dorthin gezogen.
Ilse hafte etwas Suchendes in den Augen, als sie herankam. Sie wußte es wohl selber nicht, aber sie spürte, es war heute nicht alles, wie es sollte. Jemand fehlte ihr. Olaf war auch nicht recht in Stimmung und hatte ihr zugeflüstert, er müsse sie durchaus einmal allein sprechen. Aber bisher waren Riekchen und Grützmann ihnen nicht von der Seite gewichen.
(Fortsetzung folgt.)


