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Öffentlichkeit wird vor allem der Name der jünge­ren Tächter des italienischen Königs, Prinzessin 6 i o v a n n a , genannt und behauptet, König Boris sei von dem Herzog von Aosta, dessen Gemahlin eine Schwester der verstorbenen bulgarischen Kö­nigin ist, eingcladen worden, einige Tage auf dessen Herrschaft in Oberitalien zu verbringen. Auf eine Anfrage des Korrespondenten des Tschechoslowaki­schen Pressebureaus erwiderte der Ministerpräsident, daß er nichts weiter sagen könne, als daß König Boris sich im heiratsfähigen Alter be­finde, und der italienische König eine heirats­fähige Tochter habe.

Kleine politische Nachrichten.

DieD. Z." meldet, der Reichskom­missar für die besetzten Gebiete, Freiherr Langwerth v. Simmern, habe unmittelbar nach Eintreffen der amtlichen bayrischen Dar­stellungen Wer die Vorfälle von Ger­mersheim mit der Rheinlandkommission Füh­lung genommen. Er habe um Aufklärung gebeten und die Bestrafung der schuldigen Militärpersonen gefordert. ®ine Antwort habe der Reichskommissar bisher von der Rhein- landkommission nicht erhalten.

Die Zahl der englischen Arbeits­losen betrug am 8. Juni 1 645 100, was eine Zunahme von 5324 gegenüber der Vorwoche und von 344 750 gegenüber dem vergangenen Jahre darstellt.

Die wegen des Komplotts gegen Mustafa Kemal Mascha zum Tode verurteilten Personen sind Dienstag bei Tagesanbruch gehenkt worden.

Aus aller Welt.

Die amerikanischen Deltflieger.

Reuyork, 15. Juli. (WTB. Funkspruch.) Die amerikanischen Weltflieger Evans und Wells, die mit chrem Flug einen Rekord brechen wollten, kamen heute in Reuyork an. Sie vollendeten den Flug um die Welt in 28 Tagen 14' 2 Stunden. Die bisherige schnellste Weltumsegelung wurde im Jahre 1913 in 35 Ta­gen ohne Flugzeuge durchgeführt.

Schwerer Hotelbrand in Amerika.

Reuyork, 14. Juli. (WB.) In der letzten Rächt brach in einem Hotel in Hainesfalls (Staat Reuyork) ein Feuer aus. Die Gäste mußten im Rachlgewande aus den Fenstern des dreistöckigen Gebäudes springen. Unter den Trümmern des Hotels sind zwölf Leichen geborgen worden, die so schwer verbrannt waren, daß ihre Persön­lichkeit nicht festgestellt werden konnte. 16 Gäste und sieben Hausangestellte werden noch ver­mißt. Der Gäste bemächtigte sich eine Panik, als sie sahen, daß die Flammen ihnen den Weg über die Trepven versperrten. Eine Mutter warf ihren kleinen Sohn aus einem Fenster des dritten Stockwerkes und sprang dann selbst nach. Wäh­rend der Kleine unverletzt blieb, erlitt die Mutter schwere Verletzungen.

Der Streik der Untergrundbahner in Reuyork.

Die Gesellschaft für Untergrundbahnen erhob Klage gegen ihre streikenden, gewerkschaftlich organisierten Angestellten. Sie fordert von ihnen die Zahlung von 2a9 000 Dollar, die sie infolge des Streits an Einnahmen verloren hat. Die Gesellschaft hat außerdem beim Gericht eine Ber- fügung gegen die Fortsetzung des Streiks durch die Gewerkschaft und gegen die Einmischung in ihre Angelegenheiten beantragt. 62 Personen, darunter der Vorsitzende der Gewerkschaft der Ausständigen, find vor Gericht geladen.

Schwindeleien.

Ein Schwindlertrio macht gegenwärtig die kleineren Orte in der Mark Brandenburg unsicher und schädigt die Bewohner, zumeist kleinere Guts­besitzer und Landarbeiter, in hohem Maße. Die Gauner, welche sich als Beauftragte einer deut­schen Bank ausgeben, reden den Öeuten vor, daß die Dank rot gestempelte Tausend­markscheine für 50 Prozent des Rennwertes aufkauft, so daß die Besitzer solcher Scheine 500 Mark für das Stück bekom­

men würden. Es gelingt den Schwindlern auch stets, die Leute zu überreden, der Bank als stilles Mitglied beizutreten. Als Einschreibege- büh r müssen sofort 5 bis 10 Mark gezahlt wer­den. In Bernau, Biesenthal und den kleineren Ortschaften bis Anklam, welche die Gauner be­sucht haben, ist ihnen die Landbevölkerung mas­senhaft ins Garn gegangen, so daß die Schwindler tägliche Einnahmen von 2 0 0 Mark und mehr hatten. Die Leute, welche innerhalb vier Tagen die Papiere zugesandt erhalten soll­ten, warten natürlich vergeblich darauf.

Die Alkoholfälschungen in Vaden.

Wie bekannt, hat die badische Staatsanwalt­schaft in einer Reihe von Fällen festaestellt. daß in Baden Branntwein verfälscht und verkauft worden ist. Run wird aus Mün­ster i. W. gemeldet, daß das dortige Schwur­gericht den Inhaber der Firma Wördehoff, den Kaufmann Dulle, wegen Verkaufs von m e t h y l h a l t i g e m Alkohol zu acht Mona­ten Gefängnis verurteilt hat. Rach dem Genuß des Branntweins, der aus Baden bezogen war, sind elf Personen gestorben. Einer der Hauptzeugen, der badische Staatsanwalt Mesmer, teilte im Verlause dieser Schwurgerichtsverhand­lung mit. daß die badische Staatsanwaltschaft eine Bande gewissenloser Verbrecher ermittelt habe, die lediglich des Gewinnes we­gen das Leben vieler Menschen aufs Spiel setzten.

RUllionenwerte veruntreut.

Unter dem dringenden Verdacht, Millionen­werte veruntreut zu haben, wird der 46 Jahre alte Bankier Schröder aus Hamburg gesucht. Schröder, der früher in Frankfurt a. O. ein Bank- geschäft betrieb, dessen Kunden in der Haupt­sache Landwirte waren und später nach Hamburg übersiedelte, belieh Goldpfandbriefe, gab aber die Papiere nicht zurück, sondern verwendete sie für eigene Zwecke. Als die Geschädigten Anzeige bei der Kriminalpolizei erstatteten, wurde über das Bankhaus der Konkurs verhängt.

Beim Baden ertrunken.

In Hannover ertranken in der Leine beim Baden drei junge Leute. Sie waren in dec Dohrener Mosch von einer Brücke in die hochgehen­den Fluten des Flusses gesprungen und wurden in einen Strudel getrieben, aus dem sie sich nicht mehr zu retten vermochten. An einer anderen Stelle wurde ebenfalls ein junger Mann von den Fluten fortgerissen.

Schweres Bootsunglück auf der Oder.

Bei Stettin wurde auf der Oder in dem Borort Grabow ein mit Arbeitern besetztes Fähr­boot von einem Motorsegler gerammt und zum Kentern gebracht. 14 Personen fielen ins Wasser. Drei von ihnen, Arbeiter aus Stettin, e r« tranken. Die übrigen konnten gerettet werden.

Lin neues Flugzeugunglück.

In Düsseldorf startete Mittwoch abend kurz vor acht Uhr eine Sport maschine zum Ueberführungsflug nach Bonn. In einer scharfen Kurve am Südrand des Platzes in der geringen Höhe von 50 Meter stürzte das Flugzeug ab. Der Führer war sofort t o t," der Begleiter, ein Monteur, wurde schwer verletzt.

Große Unwetterschäden in Italien.

Anhaltende Gewitter und Unwetter haben viel Schaden angerichtet. In Latium hat der Aniene vielfach Ueberschwemmungen verursacht. Der Wasserfall von Tivoli hat mehrere Maschinen des Elektrizitätswerkes und anderes Material sowie Teile der Feldbahn mit sich gerissen. Bei F i u g g i sind infolge der Ueber­schwemmungen zwei Bauernhäuser eingestürzt. Mehrere Telephon- und Telegraphenleitungen sind durch die schweren Stürme, welche die Pfähle umwarfen, unterbrochen. In der Gegend von Caserta haben Blitzschläge und Ueberschwem­mungen großen Schaden angerichtet und die Ernte größtenteils weggeschwemmt. Bei Be­nevento wurde Mittwoch nacht ein großes Erdbeben verzeichnet, das aber keinen Scha­den anrichtete.

Ein neuer Kindermord.

Seit vier Tagen wurde das siebenjährige Mädchen Grete Rapolowski in Erle bei Gelsen­kirchen vermißt. Heute nachmittag bemerkte eine Hausbewohnerin, daß an der Decke ihrer Woh-

Schusterfrömmigkeit.

Von Max Jungnickel.

Ich kam auf einer Wanderung in ein thürin­gisches Rest. Es war arm. Ein paar grüne Atem­züge eines fahlen Wäldchens reichten kaum bis auf die Dorfstrahe. Fabrikarbeiter wohnten im Dorf, Kleinbauern, ein Schmied, ein Krämer und ein Schuhmacher. Und der Schuhmacher hieß Christian Wiedenstock. Er wohnte in einem klapp­rigen Hause, das aussah, als sei es aus dem Skizzenbuch eines Arme-Leute-Malers gerissen.

Aber dieser Schuster hatte an fein Fenster, dahinter er sah und die zerlatschten Schuhe kurierte, ein seltsames Bild geklebt: Wunder­sames Blau leuchtete auf dem Bild, das offenbar aus einer illustrierten Zeitschrift stammte. Und in diese Madonnenmantelbläue neigte sich ein entrücktes, bärtiges Gesicht mit Augen, in denen Hunmelssymphonien geboren wurden. Daneben eine grünschimmernde Schusterkugel. Und dar­unterJakob Böhme". Das Bild war umwunden von frischen Blumen, die die pechbeschmierten Schusterhände nach Feierabend gepflückt hatten.

Jakob Böhme, der große Gottesdeuter, in der Behausung eines armseligen Thüringer Dors- schusters; am Fenster, das nach der Gasse hlnaus- geht, wo sie alle vorüberlaufen: die Müden nach Feierabend, die Wanderer, die singenden Kinder, die fluchenden Knechte, die schwangeren Mütter, die bettelnden Musikanten und dec Dorfgendarm.

Dieser Jakob Böhme verkündet die Morgen­röte in der Stube des DorfschusterS Wiedenstock.

Ach Gott, in dieser Stube sieht's recht kärg­lich aus. Die Dielen sind abgetreten. Es riecht nach Pech und Leder. Auf einem Wandbrett steht eine verbogene Petroleumlampe, daneben liegt rin halbes Brot. Aber wenn Wiedenstock Feier­abend macht, dann trüt sein großer Görllher Kollege an chn heran mit heiterem Gesicht, und dann legt er sich sinnend ins alte Herz des Dorfschusters. Ganz lang legt er sich hinein und längt an zu philosophieren: über Gras und Steine, darinnen Gott seine Herberge hat. Jede Feldblume, mag sie noch so armselig sein, biegt er zu einem Schlüssel und schließt damit Gottes Herrlichkeit auf.

Und wenn übers Dorf die Sterne gehen, dann seht sich Wiedenstock vor seine Haustur, blickt in den Himmel und seufzt vor sich hin: «Alles ist fo

schön auf der Welt. Es gibt keine Heiden. Alle Menschen, die recht tun, sind Gott lieb und an­genehm."

Und wenn er so sitzt, dann sieht er aus wie ein deutscher Prophet, der nur die Hand zu heben braucht, und der Himmel tut sich auf, und Musik strömt übers nächtliche Dors, auf die Gassen, in die Häuser hinein. . .

Können Tiere denken?

Von Alice Freiin von Gaudy.

Fern liegt es mir, die alte Streitfrage rvissen- schaftlich aufzurollen. Ich will nur eigene Erfah­rungen mitteilen, die einzelner Tierindivtduen er­staunlich entwickelte Beobachtungsgabe beleuchten.

Am merkwürdigsten erschien sie mir bei unserem russischen Pudel Mohr. Er war wenig über ein Jahr alt, als wir einst plaudernd beisammen saßen und seiner völlig vergessen hatten. Plötzlich drang unter dem Tisch ein sehr böses Knurren hervor, dem erregtes, anhaltendes Bellen folgte. Was be­deutete das? Nahte ein Fremder, so wäre Mohr zur Tür gestürzt. Ungewohnte Geräusche im Haus rügte er mit anberenm Ton, nicht mit diesem hef­tigen, tief empörten Gepläff. Unserer Aufforderung, hervorzukommen, folgte er nicht, wir mußten uns bequemen, ihn in seinem Bersteck aufzusuchen. Und was sahen wir? Kerzengerade sah er, zitternd vor Errregung, und starrte auf den Regulator an der gegenüberliegenden Wand. Wir folgten seinem Bück und sahen nun, was ihn entrüstete und be­fremdete: die Uhr stand! Wir stellten fest, daß sie unmittelbar vorher ihren Gang unterbrochen hatte. Niemand hatte es bemerkt, aber dem kleinen, noch nickt ausgewachsenen Tier war es sofort ausge­fallen. Es kannte sie nur gehend, die große Uhr! Mein Bruder brachte das Werk in Betrieb, be­gleitet von Mohrs fortgesetzten Unwillensäußerun- gen. Sobald aber der Pendel wieder schwang, kam er wedelnd hervorgekrochen und war zufrieden.

Gewiß wäre es ein Leichtes gewesen, Mohr zu einem lesenden HundRolf" zu erziehen. Zahl­begriffe hatte er sich selbständig angeeignet. Wenig­stens bis drei. Täglich gab ihm meine Mutter, wenn sie mit der Handarbeit am Fenster saß, aus einem neben ihr stehenden Körbchen drei kleine Aepfel, die sie, zu seinem Vergnügen, wie Bälle durch die Stube rollen ließ. Nach dem ersten und zweiten setzte er sich, in Bittstellung, mit erhobenen Pfötchen, vor die Spenderin niemals aber nach dem dritten. Er

nung Blut zum Vorschein tarn. Die benachrich­tigte Polizei fand auf dem Boden des HauseS die fürchterlich zugerichtete Leiche des kleinen Mädchens. Zwei der Tat verdächtige Männer sind festgenommen worden.

Ciebestragöbie.

In dem Personenzug Stralsund Saßnitz sand man einen 23jährigen jungen Mann aus Star­gard aus Rügen erschossen vor. Die Feststellungen ergaben, daß er mit seiner Braut in Streit ge­raten war, in dessen Verlauf er auf das Mädchen mehrere Schüsse abgegeben hatte und sich dann selbst durch einen Schuh in die Schläfe tötete. Das Mädchen wurde schwer verletzt.

Rechtzeitig verhinderter Frevel.

Bei Oldisleben waren zwei Männer durch die hochgehende Unftrut geschwommen und hatten versucht, den kaum fertigen Damm an der Oldislebener Seite zu durchstoßen. Als sie sich beobachtet sahen, flüchteten sie. Man kann ihr Vorhaben nur so erklären, daß die beiden durch Ablenkung des Hochwassers auf das Wiesenge­lände unterhalb Oldisleben oberhalb des Flusses gelegene Ländereien vor Hochwasser bewahren zu wollen. Wäre der Frevel gelungen, hätten die Wasser bis nach Frankenhausen die Fluren überschwemmt.

von Wilderern erfchossen?

Dm dem Damenstück Waldungen bei Heilig- kreuz '(Franken) wurde am Mittwoch der 28 Jahre alte Hilfsförster Ludwig Schwamm er­schossen aufge,unden. Schwamm war burch drei Kopfschüsse getötet worden. Man vermutet, daß der Förster einem Verbrechen zum Opfer gefal­len ist, da die Leiche an die Stelle, an der sie aufgefunden worden ist, geschleppt worden war. Die Staatsanwaltschaft Schweinfurt ist am Tat­ort erschienen und hat die Ermittlungen auf­genommen.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 15. Juli 1926.

Die 24-Stunden-geit Kommt

In fast allen europäischen Ländern ist be­reits die 24-Stunden°Zeit, d. h. also die fort­laufende Stundeneinteilung des Tages von 1 TIHr nachts über 12 Ähr mittags bis 24 Tlhr mitternachts, in den Verkehrsbetrieben, bei Eisen­bahn, Post und Schiffahrt eingeführt. Wir fin­den die durchgehende Stundenzeit in allen roma­nischen Ländern, sowie in der Schweiz, in der Tschechoslowakei und Polen, in Oesterreich, den Randstaaten und auf dem Balkan. Die Eisen­bahnfahrpläne dieser Länder geben die Abfahrts­und Ankunftszeiten der Züge in der 24-Stunden- Zählung an. Eine Ausnahme hiervon machten bisher in Europa Deutschland, die Riederlande und die nordischen Länder, die sich noch nicht zur Einführung der 24-Stunden-Zählung haben entschließen können. Rachdem aber bereits die Fahrpläne des deutschen Luftverkehrs und ein Verkehrsbuch der Stadt Mannheim mit der An­wendung der durchgehenden 24-Stunden-Zählung den Anfang gemacht haben, wird nunmehr auch die Deutsche Reichsbahn und die deut­sche Reichspo st Verwaltung allge- meinzur24-Stunden-Zählungüber- gehen. Beide Verwaltungen sind übereingekom­men, in dem nächstjährigen Sommer­fahrplan, also am 15. Mai 1927, im inneren und äußeren Dienstverkehr die Stunden durch­gehend von 1 bis 24 zu bezeichnen. Diese Ein­führung wird sich jedoch nur auf den Eisenbahn-, Post- und Telegraphenbetrieb erstrecken. In den übrigen öffentlichen Verwaltung^weigen wird an der bisherigen Bezeichnung noch nichts ge­ändert. Ebenso werden auch die Zifferblätter an den Bahnhofs- und sonstigen Tlhren, wie in den anderen Ländern, keine Aenderung erfahren, ohne daß Mißverständnisse zu befürchten sind.

Mit der Einführung der durchgehenden Stun­denzählung wird daher im internationalen Ver­kehr mit dem Aus lande eine Gleichmäßigkeit und Einheitlichkeit herbeigeführt, die in gleichem Maße den Ausländern in Deutschland, wie den Deutschen im Auslande zugute kommt. Die häufig noch vorkommenden Irrtümer im Lesen des Fahr­plans werden mit der durchgehenden Stunden- zühlung beseitigt; die Kennzeichnung der Nachtstun-

gen durch Uiiterflrtiajcn der Minutenziffern ober andere Bezeichnungen, die zu Verwechslungen fuhren können, fallen fort. Der um 20 Uhr abfahrende Schnellzug kann nut ein Abendzug fein, während bei der jetzigen Sprechweise noch die nähere Be­zeichnungmorgens" oderabends" hinzugefügt werden muß. Ebenso wird auch der telegraphische Schriftverkehr mit der 24-Stunden-Zeit bedeutend vereinfacht und erleichtert und dadurch Mißverständ­nissen vorgebeugt. Im äußeren Dienst der Eisen- bahnoerwaltung wird z. B. bei der Wagenabferti­gung im Güterverkehr schon seit längerer Zeit die 24-Stundenzählung angewandt.

Es ist zu begrüßen, daß Eisenbahn und Post sich nunmehr zur allgemeinen Einführung der 24-Stun- den-Zeit entschlossen haben, nachdem sich der Deutsche Industrie- und Handelstag bereits in einer Sitzung seines Verkehrsausschusses im Mai v. I. für die Einführung der durchgehenden Zeitrechnung aus­gesprochen und beschlossen hat, der Reichsbahn die Prüfung der Einführung der durchgehenden Stun- denzählung im Eisenbahnfahrplan anzuempfehlen.

Schweres 2!utounglüch einer Gießener Familie.

Von einem schw eren Autounglück wurde gestern nachmittag eine Gießener Familie betroffen. Der Dierbrauereibesitzer'An nin g- hoff von hier hatte sich gestern früh mit seiner Familie und zwei bekannten Herren aus West­falen in seinem Auto nach Bad Kissingen be­geben. Auf der Rückfahrt kam das von dem Be­sitzer selbst gesteuerte Auto gestern nachmittag gegen 51/4 äckhr in der Kurve der Landstraße zwischen Saasen und Linden st ruth kurz vor letzterem Orte von der Fahrbahn ab, wahr­scheinlich infolge Versagens der Vierradbremse, fuhr auf den Acker und stürzte dort um. Der Wagen fiel unglücklicherweise gegen eine eiserne Stütze der elektrischen Tleberland- leitung. Bei diesem Anprall wurde die mit­fahrende Tochter des Ehepaares Denninghoff, die in Offenbach verheiratete Frau Collin, so unglücklich mit dem Kopf gegen die eiserne Stühe geschleudert, daß der Tod der Frau auf der Stelle - eintrat. Frau Den­ninghoff und die beiden Herren aus West­falen erlitten leichtere Verletzungen; sie wurden von der Freiwilligen Sanitätskolonne Gießen, die mit ihrem Sanitätsauto und ebenso mit dem städtischen Sanitätswagen auf tele­phonischen Anruf schnell zur- .Unfallstelle geeilt war, nach der chirurgischen Klinik ver­bracht. Dort wurden die Herren nach dem An­legen einiger Verbände alsbald wieder entlassen; Frau Denninghoff hat vermutlich einenSchlüs- selbeinbruch davongetragen und befindet sich einstweilen noch in der Klinik. Herr Denninghoff und Sohn, sowie das 3 Jahre alte Töch­terchen der so jäh aus dem Leben geschiedenen Frau Collin blieben unverletzt. Die Leiche der Frau Collin wurde nach Gießen überführt. Das Auto wurde etwas beschädigt.

Gießener Wochenmarktpreise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochennrarkt: Butter 180 bis 190, Matte 30 bis 35, Wirsing 30, Weißkraut 30, rote Rüben 10, Spinat- 30, Römischkohl 10 bis 15, Dohnen 70, Erbsen 20, Mischgemüse 15, Tomaten 60 bis 100, Zwiebeln 15 bis 25, Rhabarber 20, Pilze 25 bis 30, neue Kartoffeln 8 bis 10, Birnen 30, Kirschen 30 bis 50, Aprikosen 60, Pfirsiche 70, Himbeeren 60 bis 70, Heidelbeeren 35, Stachelbeeren 30, Jo­hannisbeeren 25, Erdbeeren 60 bis 80, Honig 40, junge Hahnen 100 bis 110, Suppenhühner 110 bis 120 Ps. das Pfund; Eier 12 bis 13, Blumen­kohl 50 bis 100, Salat 5 bis 10, Salatgurken 40 bis 100, Ober-Kohlrabi 10 bis 20, Rettich 10 bis 20, Sellerie 10 bis 25 Pf. das Stück; Käse 10 Stück 60 bis 80 Pf.; gelbe Rüben das Päckchen 15 Pf.

Wettervoraussage.

Verstärkte Gewitterneigung, etwas kühlerund stärker bewölkt. Gestrige Tagestemperatur: Maxi­mum 30,8 Grad Celsius, Minimum 16,9 Grad Celsius. Riederschläge: 1,4 Millimeter. Heutige Morgentemperatur: 20,8 Grad Celsius.

Bornotizen.

Tageskalender für Donnerstag. Philosophenwald: 8.15 Uhr, Abonnementskonzert der Reichswehrkapelle. Lichtspielhaus, Bahnhof-

wußte, nun gab es nichts mehr mochte der Appe­tit auch unbegrenzt sein.

Gleich unfern späteren Hunden, kannte Mohr ganz genau den Sonntag. So fieberhaft ihn jedes Hintreten zum Kleiderschrank oder zum Hutkasten erregte, so fühttos blieb er am Sonntag auf sei­nem Kissen liegen und beobachtete schläfrig unsere Veranstaltungen zum Kirchgang. Horte er die Glocken? Aber diese läuten in Dresden häufig: morgens, mittags, abends an allen Wochentagen und zu den vielen Begräbnissen! Er konnte uns be­gegnen, wenn wir, zum Ausgang gerüstet, die Treppe hinunterstiegen: gleichmütig kletterte er an uns vorbei, zur Wohnung empor er wußte: die darfst nicht mit! In der Woche hinderte ihn keine Tür, uns nachzustürzen, denn er klinkte jede selbst auf eine Kunst fragwürdiger Nützlichkeit, die er autodiktatisch erworben. Er war überhaupt prak­tisch. Wurde ihm ein Papier mit Kuchenkrümeln auf die Erde gebreitet, stellte er zuerst sein rechtes Vorderpfötchen darauf, es feftzuhalten, damit es ihm beim Ablecken nicht davonrutschte. Spielen konnte man mit ihm, wie mit einem Kinde: er fing den zugeworfenen Ball auf weite Entfernung, und legte ihn säuberlich in das ihm zugereckte Körbchen, das uns diente, ihn wieder in die Lüfte zu schleudern. Am schönsten war das Dersteckspiel. Mit Freuden­gebell stürzte der Ausgesperrte ins Zimmer, den verborgenen Gegenstand zu suchen. Bald hatte er ihn gefunden und abgeliefert und nun war das unsagbar Komische, daß er sofort, ohne jedes Kom­mando wie bei all diesen Unternehmungen zur Vorsaaltür sprang, sie ausrih und hinter ihr verschwand, um von neuem zuplinsen".

Lange vor Mohr besaßen wir einen weihen Bastard-Pintscher, Pascha, der ihm an klassischer Schönheit zwar nachstand, aber nicht an Klugheit. Sein Lieblingsplatz war das Fensterbrett. Er mußte alles sehen und begutachten, was auf der Straße vorging. Bedeckte sich im Winter die Scheibe mit dicker Eiskruste, die den Ausblick hinderte, so leckte er ein rundes Loch in die weiße Fläcke und hielt das eine Auge seitwärts daran, was sehr possierlich aussah, fast, als ob er ein Fernrohr benutze. Auch diese Handlung überrascht bei einemunvernünf­tigen" Tier. Einmal grub er sich unter einer, auf hartem Lehmboden festgerammten Palisade durch, um zu unserer Tür zu gelangen; ein andermal fand er eine kilometerweite Brücke, zur Ueberquerung eines Flusses, den er nicht durchschwimmen mochte, als er den Anschluß an J)as Boot verpaßt hatte.

Eine große Anzahl von Bezeichnungen war ihm ge­läufig, z. B. Boden, Keller, Garten, Straße, Markt, die Namen von fünf bekannten Familien usw. Fiel nun ein solches Wort, sprang er glückselig voran und schlug unfehlbar die erforderliche Richtung ein, war auch längst im Oberstock des betreffenden Hau­ses, ehe seine Begleiter ins Tor traten.

Wie sehr er auf unsere Unterhaltung achtete, bewies ein besonderer Fall. Er hatte einen Tod­feind, den er haßte, den schonen Jagdhund Wunsch" eines befreundeten Forstassessors. Einst kam eine fremde Dame mit dringendem Anliegen zu uns, und wir patten schon viel 'miteinander gespro­chen, als meine Mutter freundlich fragte:Und ist das wirklich Ihr Wunsch?" Da fuhr mit wütendem Gebell der bis dahin höchst sittsame Pascha unter dem Sofa hervor. Wie konnte man wagen, seinen Todfeind zu nennen?

Auch Mohr verstand unsere Reden, selbst wenn sie fein Stichwort enthielten. Als meine Mutter zu einem Gast äußerte:Ich werde Sie dann ein Stück begleiten" und gleich darauf die Köchin hereinkam, Mohr auf den täglichen Wirtschaftsgang mitzuneh­men, lehnte der sonst stets Bereite knurrend ab und war nicht von der Stelle zu bringen. Er hatte gehört, daßFrauchen" ausgehen wolle, deren Ge­sellschaft er vorzog! Kaum erhoben sich die Damen, drängte er freudevoll herzu und konnte den Ab­marsch nicht erwarten.

Sehr finnig eingerichtet waren im Sommer Paschas Kühlbestrebungen. Er suchte sich ein schat­tiges Plätzchen unter der Traueresche, wo der Bo­den weich und feucht war, und scharrte, in sitzender Stellung, die Erde hoch an den Leib herauf. Dann drückte er sich wohlig in die lockere, dunkle Masse nieder. Sovald seine Körperwärme die behagliche Kühle ausgeglichen hatte, erhob er sich halb, rutschte ein Stückchen rückwärts und begann sein Schaufel­werk von neuem, bis sich um den Eschenbaum ein Kranz von Hügeln zog: Paschas Kühlanlagen.

Es sind dies alles nur harmlose, aber verbürgte Züge, die beweisen, daß der in menschlicher Gesell­schaft lebende Hund eine ungemeine entwicklungs­fähige Intelligenz besitzt und weit mehr versteht und überlegt, als im allgemeinen angenommen wird. Ich habe, mit Absicht, nur Dinge berichtet, die aus der natürlichen Anlage des Hundes hervorgingen und mit irgendeiner Art von Abrichtung nichts zu tun hatten. Können Tiere denken? Mohr und Pascha konnten es zweifellos.